Skip to main content

Full text of "Das Schriftwesen im Mittelalter"

See other formats


^ 







'•- v 



i ^ 



t W 



; #tK 



* 




atf 



1 t73y* 

Viru 



*^ 







DAS SCHRIFTWESEN 



IM 



MITTELALTE R 



VON 




/ 




W. WATTENBACH. 



ZWEITE VERMEHRTE AUFLAGE. 



LEIPZIG 
. VERLAG VON S. HIRZEL. 

1875. 



I 









I >.i !.'>■■ -hl der l ebei et/ung i i vq\ behalten 



MEINEM HOCHVEREHRTEN FREUNDE 



HERRN D* G. D. TEUTSCH 

SUPERINTENDENTEN 
DER EVANGEL. LANDESKIRCHE A. B. IN SIEBENBÜRGEN 



SEINES VOEKES STOEZ UND ZIERDE. 



In Ihrem gastlichen Hause in Hermannstadt ist es mir ver- 
gönnt gewesen, die zweite Auflage meiner Anleitung zur Lateini- 
schen Palaeographie zum Abschluss zu bringen. Sie haben mir in 
den alten Bauernburgen die Urkunden der Sächsischen Dörfer 
gezeigt, in den Pfarrhöfen die mühsam geschriebenen Manuscripte, 
welche schon im fünfzehnten Jahrhundert die Scholaren Ihres 
Volkes von den Universitäten der alten Heimath als Frucht Ihres 
Fleifses mitgebracht haben. In der Schaefsburger Pfarrkirche be- 
trachteten wir die Holztafeln der Bergschule, im Bruckenthalischen 
Museum das prächtige Gebetbuch, dessen glänzende Verzierung 



zwar niederländischen Ursprunges ist, aber darum nicht minder 
zeugt von dem niemals unterbrochenen Zusammenhang der Co- 
lonie mit dem Mutterlande. Frühzeitig schon durch verwandte 
Forschungen zusammengeführt, begegnen wir uns jetzt auch in 
demselben befreundeten Verlage. . Ihre Geschichte der Sieben- 
bürger Sachsen versäumt es nicht, auch auf dem Gebiete des 
Schriftwesens den Spuren vergangener Zeiten nachzuforschen: 
so möge denn auch dieses Werk mit Freundesgrufs zu Ihnen 
eilen. Kann es doch einer freundlichen Aufnahme bei Ihnen 
sicher sein. 



VORREDE. 



Im Jahre 1871 zuerst erschienen, hat dieses Buch eine 
über Erwarten günstige Aufnahme gefunden, so dass schon jetzt 
eine neue Auflage nöthig geworden ist. In dieser erscheint es 
nun bedeutend erweitert und vielfach berichtigt. Wohlwollende 
Besprechungen von Jos. Klein, R. Pauli, Th. Sickel haben 
mich auf Mängel der ersten Bearbeitung aufmerksam gemacht; 
L. Rockinger, Albin Czerny, Ed. Jacobs haben denselben Gegen- 
stand in der Beschränkung auf ein örtlich begrenztes Gebiet 
mit grofser Ausführlichkeit behandelt und dadurch den zur 
Benutzung vorliegenden Stoff in erfreulichster Weise bereichert. 
Viele und wichtige Beiträge verdanke ich aufserdem den Herren 
W. Arndt, E. Dümmler, M. Hertz, Albr. Kirchhoff, Karl Kopp- 
mann, W. Meyer, Dr. Nolte, 0. Stobbe, A. Tobler, L. Weiland. 
Auch jetzt freilich darf ich nicht verschweigen, dafs bei weitem 
nicht alle Werke, welche eine Ausbeute für den vorliegenden 
Zweck verheifsen, systematisch durchgearbeitet sind: namentlich 
wären noch viele Bibliothekscataloge durchzunehmen. Doch 
ist an der Häufung der Belege wenig gelegen, und aus dem 
Vorrathe, welcher mir auch schon jetzt wieder zur Hand ist, 
führe ich nur einige ausgewählte Nachträge an. 

Von den Schriftproben griechischer Handschriften des Dr. 
A. v. Velsen habe ich leider während des Druckes erfahren, dass 



IV Vorrede. 

sie auf dem S. 33 angegebenen Wege nicht mehr zu beziehen 
sind; es ist aber Aussicht vorhanden, clafs eine gröfsere Samm- 
lung demnächst zur Veröffentlichimg kommen werde. 

Die neue Ausgabe der Gedichte des Balderich von Bour- 
genil von L. Dclislc ist auf S. 301 nachgetragen. Ebenso ist 
erst S. 307 der erste Band des Cataloguc des Bibliothequcs 
publiques des Departements angeführt; in diesem werden S. 483 
aus der Handschrift n. 7 von Albi saec. XI Versus de docte 
scribere angeführt mit dem Anfang: Qnisquis es aitt fueris, qui 
(/<,<■/<■ scribere queriSf Hac duce scriptura digitos Inf ledere eura. 

Receptc für die Behandlung von Gold und Farben finden 
sich noch viel in dem daselbst S. 739 — 811 abgedruckten 
l'ihi r divetsarum artium, auch in dem sog. Heraelius (S. 307), 
aus dessen jüngerem Theil III c. 53 ein Recept für Dinto 
(atramentum, non solum ad usum picturae, sed etiam ad quo- 
tidianas Bcripturas) bemerkenswerth ist, weil es nur Russ und 
M.il'ilciin als Bestandtheile nennt. 

Für den Gebrauch der Schiefertafeln konnte ich S. 79 
kein Beispiel ans dein Mittelalter anführen. Seitdem fand ich 
in der Windesheimer Chronik S. 524 u. 532 die petrae erwähnt, 
welche daraus auch schon Du Cange hat, mii der im (»lossar 
gegebenen Erklärung als Schiefertafeln, niederländisch ley. 

Berlin, 1.*). November L875, 

ff. WattmbjiHi. 



INHALT. 



Einleitung. 

Seite 

1. Die Anfänge der Diplomatik 1 

2. Dom Jean Mabillon und die Congregation de St. Maur .... 11 

3. Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker 17 

4. Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik 23 

5. Griechische Paläographie '. 31 

Das Schriftwesen des Mittelalters. 

I. 

Schreibstoffe. 

1. Stein und Metall 37 

2. Wachstafeln . . . 44 

3. Thon und Holz 75 

4. Papyrus 80 

5. Leder 91 

6. Pergament 93 

Farbiges Pergament 107 

7. Papier 114 

II. 

Formen der Bücher und Urkunden. 

1 Rollen 123 

2. Bücher 144 

3. Urkunden 1 r> 1 

III. 
Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

1. Die Zubereitung dos Stoffes 170 

2. Liniierung 17S 

8. Schreibwerkzeuge L82 

4. Dinte 193 



/ 



VIII Inhalt. 

5. Rothe Farbe 203 

6. Goldschrift .209 

7. Das Schreiben 217 

8. Palimpseste 247 

IV. 

Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1. Kritische Behandlung 264 

2. .Malerei 288 

3. Einband 324 

4. Fälschungen 341 

V. 

Die Schreiber. 

1. Benennungen im Alterthum und Mittelalter 350 

2. Mönche als Schreiber 359 

3. Die Kanzleibeamten 385 

4. Lohnschreiber .... 395 

5. Schreiblehrer 413 

G. Unterschriften der Schreiber 41G 

tid ; VI. 

M Buchhandel. 

1. Die Griechen und Homer 448 

2. Büchererwerb durch Abschrift 452 

3. Bücherkauf im Mittelalter 457 

I Anfange des Buchhandels 465 

VII. 
Biblioth ek e n u nd A rc h i v e. 

1. Kirchenbibliotheken 481 

2. Sammlungen einzelner Personen 500 

.;. Oeffentliche Bibliotheken 507 

1. Einrichtung der Bibliotheken 520 

6. Die Archive •" . 682 

hlufswort 546 

Register 548 



EINLEITUNG. 

§• 1. 

Die Anfänge der Diplomati k. 

Das Schriftwesen des Mittelalters, die Geschichte der Schrift 
selbst und was sich sonst noch daran knüpft, ist bis auf die 
neueste Zeit nur nebensächlich behandelt worden, als Theil 
und Hülfswissenschaft der Urkundenlehre oder Diplomatik, 
und an diese haben wir uns daher zunächst zu halten, um 
über die betreffende Litteratur einen Ueberblick zu gewinnen. 
• Lange hat es gedauert, bis man es überhaupt für nöthig 
hielt, den Veränderungen der Schrift eine besondere Aufmerk- 
samkeit zuzuwenden. Als man zuerst anfing Handschriften 
abdrucken zu lassen, war eine Schrift üblich, welche zu den 
schwierigsten des Mittelalters gehört. Wohl gab es deutliche, 
auch für uns leicht lesbare Manuscripte, aber wer irgend mit 
dem Schriftwesen damals sich befafste, kam fortwährend in 
die Lage, flüchtig geschriebene, von Abkürzungen überfüllte 
Schriften lesen zu müssen. Er war darin geübt, es war das 
sein Ausgangspunkt. Die Abbreviaturen galten so sehr als 
geläufig für jeden, der überhaupt las, clafs sie ganz unbedenk- 
lich auch in die Druckwerke aufgenommen wurden. Aeltere 
Handschriften waren sehr viel leichter zu lesen, die Ausnahmen 
zu selten, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Es be- 
durfte auch keiner besonderen Abschrift für den Setzer, wie 
denn z.B. die Werke der Erotsuit unmittelbar nach der noch 
jetzt erhaltenen Handschrift gesetzt sind. 

Mit der Veränderung der gebräuchlichen Schrift und dem 
Uebergang zu reinem Buchstabendruok änderte sieh freilich 

Wattenbach, Schriftwesen. '. Ani'l 1 



2 Einleitung. 

die Sachlage, und fehlerhafte Abdrücke lassen die wachsende 
Schwierigkeit des Lesens, den Mangel an Üebung erkennen; 
allein an eine wissenschaftliche Behandlung der Geschichte der 
Schrift, oder auch nur an eine Anleitung zum Lesen der alten 
Schriften scheint doch noch niemand gedacht zu haben. Es 
war noch eine Kunst, welche mehr handwerksmäfsig überliefert 
und erlernt wurde. 

Den ersten Anstofs zu ernstlicher Behandlung der Paliio- 
graphie gab die erwachende Kritik. Nicht die philologische. 
Man mnfste freilich bei der Herausgabe alter Autoren zwischen 
verschiedenen Handschriften unterscheiden, allein das Alter 
gab doch keinen Mafsstab für den Werth. Man rühmte wohl 
Codices reyerendae vehistatis, aber auf genauere Altersbestim- 
mung kam in der Tnat wenig an. Von minutiösen Unter- 
suchungen über die Filiation der Handschriften, von einer 
Eintheilung derselben in (Truppen und Familien ist bis auf 
die neuesten Zeiten keine Rede gewesen. 

Anders dagegen verhielt es sich mit den Urkunden. 
Hier stiefs man auf Schriften, welche nicht leicht zu lesen 
waren, und hier sah man sich auch bald genöthigt, Fragen 
über Echtheit und Uneehtheii zu erörtern, 

Urkunden sind in bestimmter, gesetzmäfsig geregelter 
l-uiiii ausgestellte Schriftstücke von rechtlicher Wirkung. So 
lange es dergleichen Documente gegeben hat. so Lange isl auch 
die Versuchung vorhanden gewesen sie zu fälschen) und man 
hat dagegen sich sichern müssen. Das geschah durch lle gister, 
welche von öffentlichen Behörden geführt winden, und auch 
Privat-Urkunden können durch Eintragung in öffentüche Bücher 
gesichert werden. Bei Griechen und Römern ist in dieser Be- 
ziehung eine vollständig geregelte Geschäftsführung vorhanden 
gewesen; wir besitzen aber leider, die Register nichl mein-, 
und Bind deshalb /. B. in Betreff der Psephismen, welche bei 
den attischen Rednern vorkoi >n, allein auf innere Kritik 

a iesen. 

Im Mittelalter Isl die Geschäftsführung vielfach mangelhaft 

i. und in den häufigen Kriegen sind die vorhandenen 

oft, und zwar schon sehr frühzeitig verloren gegangen, 



Die Anfänge der Diplomatik. 3 

Von päbstlichen Registern freilich hat man Bruchstücke 
schon aus sehr früher Zeit, und vom Beginn des 13. Jahr- 
hunderts an sind sie fast vollständig erhalten, aber diese Er- 
scheinung ist einzig in ihrer Art. Von weltlichen Höfen läfst 
sich vor dem 12. oder 13. Jahrhundert kaum etwas der Art 
nachweisen, wenn auch . eine Geschäftsführung ohne solche 
Hülfsmittel nur sehr mangelhaft sein kann. J. F. Böhmer 
legte grofses Gewicht auf eine Urkunde Friedrichs I vom Mai 
1182 (4345 Stumpf), in welcher er von einem Privileg seines 
Vorgängers Heinrichs IV sagt: ciiws rescripümi habuhnus et 
etiam in registro imperii continebatur. Allein diese Urkunde 
ist nicht nur unecht, sondern sie bezieht sich auch meiner 
Ansicht nach gar nicht auf ein solches Register, d. h. auf ein 
Buch, in welches alle vom Hofe ausgegangenen Urkunden ein- 
getragen waren. Es handelt sich um die Einkünfte und Ver- 
pflichtungen der Reichsburg (domus imperii) zu Nymwegen, 
und über diese war natürlich ein registrum vorhanden. Uebrigens 
aber ist bei den zahllosen Bestätigungen älterer Kaiserurkunden 
von Registern nie die Rede. Schon die Merowinger, welche 
doch viel vom alten Geschäftswesen beibehielten, scheinen keine 
Register gehabt zu haben, wenigstens nicht in der späteren 
Zeit der zunehmenden Auflösung des Reiches. Gregor von 
Tours erzählt (X, 19), dafs im Jahre 590 der Bischof Egidius 
von Reims dem König Childebert eine angeblich von ihm her- 
rührende Schenkung vorlegte; um diese zu prüfen, wird der 
Erzkanzler berufen, welcher sie ausgefertigt und unterschrie- 
ben haben sollte. Dieser erklärte sein Recognitionszeichen für 
unecht. 

Eben so wenig findet sich bei den Karolingern eine Spur 
von Registern. Selbst Karl der Grosse scheint sich auf die 
Hinterlegung von Duplicaten der ausgegebenen Urkunden be- 
schränkt zu haben. Ein solches hatte auch Heinrich VI von 
einem Privileg, welches er selbst früher den Genuesern verliehen 
hatte; als sie es ihm vorlegen wollten, antwortete er: Ego con- 
svmüe haben, et heue novi quid in eo continetiir (MG. SS. XVIII, 
112, 21). Im 13. Jahrhundert werden aber die Register in 
jeder ordentlichen Kanzlei üblich, und manche davon sind noch 

1* 



Einleitung. 



&• 



er nahen; auf der Rückseite der Urkunden pflegt ein grofses 
R oder R ta (Registrata) von der Eintragung Zeugnifs zu geben. 

Die verschiedenen Formen des Wortes zeigt uns eine 
Unterschrift des Registers Gregors I im Cod. Colon. 95 saec. 
XII. f. 160: Explicit Registruni vel Rcgestiun sive Register 
sancti Gregor ii papae urbis Romae Ind. VII. feliciter. Es 
wird jedoch auch für Original -Acten gebraucht, wie in einer 
Glatzer Urkunde von 1429, wo den Minoriten Abschrift eines 
Zeugenverhörs gegeben wird, ne easit fortuito regest r um seil 
acta originalia deperdantur, et eoj>ia probationis eis deficiat.*) 
Kaiser Ludwig der Baier erwähnt am 5. Aug. 1330 (1212 
Böhmer) sein Register, welches auch noch theilweise erhalten 
ist: er hatte befohlen, diese Urkunde ihrer besonderen Wichtig- 
keit wegen zu registrieren. Mag es nun sein, dafs man bei 
gewöhnlichen Bestätigungen diese Vorsicht überflüssig fand: 
als Karl dem Vierten 1375 von den Cülneru ein Privileg vor- 
gelegt wurde welches er ihnen 1363 ertheilt hatte, liefs er 
nicht etwa in seinem Register nachsehen, sondern unterwarf 
die Urkunde einer Kritik, welche ihre Unechtheit erweisen 
sollte. Trotz dieser Verwerfung durch den eigenen Urheber 
ist nach Lacomblet's Ansicht 2 ) die Urkunde echt, und die vom 
Kaiser bemängelten Abweichungen von der Gewohnheit seiner 
Kanzlei erklären sich dadurch, d;iss eine ältere Urkunde Lud- 
wigs wörtlich wiederholt war. 

I)cii Gebrauch der Register /(igt uns dagegen eine Ur- 
kunde des Herzogs Johann von Troppau und Etatibor. Kr 
hatte quoddam it<>i<il>il<- registrwn, in (//<<> omnes littere con- 
tractuum vendicionum hereditatutn censuum annuorum in ducatu 
suo de ipsius consensu celebratorum exarate et regestrate de 
verbo ad verbum fuerunt. Dieses Register wurde L450 benutzt, 
inn die Fälschung eines angeblichen Consensee von 1111 nach- 
zuweisen, wie die merkwürdige Verhandlung im Cod. Dipl. 
Sil,.. VI. 7n 7:; lehrt 



■) Scriptorec Rerum Silee VI, 87 Andere stellen über den (;<•- 
brauet dei w ortes bei Du < lau i i tum. 

i i rkundenbuefa t «I Geschichte des Niederrheina III. «'•« 



Die Anfänge der Diplomatik. 5 

In dieser Zeit ist überhaupt regelniäfsige Buchführung die 
Regel, und Fälschungen daher schwierig; kaum jemand aber 
war im Stande Urkunden aus älteren Jahrhunderten zu prüfen. 
Ist doch z. B. die Bulle des Pabstes Zacharias für Monte Cassino, 
eine ganz plumpe Fälschung, von den Päbsten Honorius III, 
Gregor IX und Urban V als echt bestätigt und transsumiert 
worden, wie Pertz im Archiv V, 319 nachgewiesen hat. Von 
kaiserlichen Bestätigungen unechter Urkunden ihrer eignen 
Vorgänger führe ich die Bestätigung der falschen österreichi- 
schen Freiheitsbriefe durch Friedrich IV an, und wenn hier 
böse Absicht vermuthet werden kann, so fehlt es daneben nicht 
an zahlreichen Conhrmationen anderer Art, welche von jedem 
solchen Verdachte frei sind. So ist das unechte Privileg Wil- 
helms von Holland für die Stadt Bremen vom König Wenzel 
bestätigt worden. 1 ) Im J. 1298 sandte der Erzbischof von 
Mainz einen Notar nach Brauweiler, um die unechten Privi- 
legien des Stifts zu untersuchen; dieser beglaubigte sie als 
echt, und sie wurden vom König Albrecht bestätigt. 2 ) Den 
unechten Lehenbrief K. Sigismunds für Heinrich von Plauen 
bestätigten Friedrich IV und Maximilian. 3 ) Notariats - Trans- 
sumtc falscher Urkunden sind so überaus häufig, dafs der darin 
regelmäfsig enthaltenen Versicherung der unverdächtigen Er- 
scheinung des Originales geradezu aller Werth abgesprochen 
werden mufs. 4 ) 

Bei dieser ganz allgemeinen Kritiklosigkeit ist es nicht zu 
verwundern, dafs die Masse unechter Urkunden ungemein grofs, 

und kaum ein Archiv ganz frei davon ist. 

- 

In Italien sollte nach römischem Recht, wenn die Echtheit 
von Urkunden angefochten wurde, Vergleichung der Handschrift 
eintreten; 5 ) nach langobardischem entschied der Eid, an dessen 



*) Bremer Urkundenbuch I S. 295 vgl. 597—005. 

2 ) Pabst in Pertz' Archiv XII, 138. 

3 ) Ad. Colin über die Fälschungen leinrichs des Jungen von Plauen, 
Forschungen IX, r .^\. 

4 ) vgl. darüber Sickel, Urkundenlehre der Karolinger, S. 21 — 26. 

5 ) neque ipsam brevem ad manum collationis perducere, sicut prae- 
cipit lex Romano,. Placitum von 999, 1205 Stumpf. Dazu stimmt die 



Einleitung 



5' 



Stelle Otto I den Zweikampf setzte. Von anderen Beweis- 
mitteln ist keine Rede, und jenes hörte auf anwendbar zu sein, 
als eigenhändige Unterschrifteil abkamen. 

Wenn nun auch freilich von entdeckten Fälschungen und 
brafung der Fälscher hin und wieder die Rede ist, so scheint 
doch niemand grofsen Anstofs daran genommen zu haben. 
Wenigstens Bind von den ansehnlichsten Körperschaften, unter 
Vortritt der römischen Kirche, falsche Urkunden ausgegangen. 
Viele davon sind verhältnifsmäfsig harmlos; sie entspringen aus 
Eitelkeit, um die Vorzeit fabelhaft zu verherrlichen, wie die 
lächerlichen Fabricate des Petrus Diaconus in Monte Cassino. 
Andere sollen verlorene echte Urkunden ersetzen, oder für 
vorhandene Berechtigung den mangelnden Beweis liefern; doch 
fehlt es auch nicht an Beispielen, wo besseres Recht auf solche 
Weise erstrebtj fremdes Gut in Anspruch genommen und, wenn 
ee gut geht, erworben wird. Die Archive der Cistercicnser in 
Leubua und Trebhitz enthalten schöne Beispiele davon. Ueber- 
baupl sind die Kirchen und Klöster die Brutstatten der falschen 
Urkunden; doeb haben auch die Stadtgemeinden es nicht ver- 
schmäh!;, sich dieses Mittels in ihren Kämpfen um erweitert* 1 
Rechte zu bedienen. 

Die weltlichen Pursten verliefsen sich in der Regel mehr 
auf ihr gutes Schwert, doch ist von Rudolf IV von Oesterreicb 
eine der wichtigsten und folgenreichsten Fälschungen aus- 
tilgen. 

Zu den berühmtesten Fälschungen gehört die Constan- 

tinische Schenkung. Sic ist, wie Döllinger in den Pabst- 

fabeln des Mittelalters S. »'»1 L06 ausführlich uachgewiesen 

im 8. Jahrhunderl entstandenj eiu scheinbares Original 

aber wurde erst zur Zeil Otto'e 111 in Rom angefertigt. Sic 

zu uii rlich, um rechten Glauben zu linden, so lange 

h einig« chichtliche KenntniDe vorhanden war. d.h. bis 

12 Jahrhundert, und der oach einer Zeil des dumpfen 

d /Hin Cod. Theodos, l. 27, i : de cautiombus 
. Kl um iiks muri m conferatur 
Die KenntniJ • der Stelle ver- 



Die Anfänge der Diplomatik. 7 

Autoritätsglaubens beginnende Zweifel griff sie sofort wieder 
an, so Mathias von Janow im 14. Jahrhundert. Unter den 
Humanisten hat Laurentius Valla ihre Unechtheit gründlich 
erwiesen. Die paläographische Kritik fand jedoch, da kein 
Original vorgelegt wurde, hier keine Anwendung. Noch weit 
folgenreicher war die Fälschung der pseudo-isidorischen 
Decretalen. Im 9. Jahrhundert von westfränkischen Geist- 
lichen geschmiedet, wurden sie vom Pabst Nicolaus I begierig 
angenommen, und er berief sich auf Originale im vaticanischen 
Archiv, welche nicht vorhanden waren. Einige Einreden sind 
von westfränkischen Bischöfen erhoben, welche um die Ent- 
stehung des sauberen Machwerks wufsten; dann aber verstummt 
jeder Zweifel bis an das Ende des Mittelalters. 

Mit dem Humanismus erwachte die historische Kritik, 
und wandte sich allmählich mit wachsendem Eifer gegen die 
kirchliche Tradition. Eine Fülle falscher Legenden und über- 
haupt von Erdichtungen aller Art hatte sich zu einem Riesen- 
baum von buntester Ueppigkeit entfaltet, und nach den ersten 
zögernden Schritten nahm die Kritik einen immer kühneren 
Aufschwung. Man verwarf fabelhafte Legenden, untergeschobene 
Schriftsteller, Urkunden, welche lange als unantastbar gegolten 
hatten. 

Wie es nun bei solcher Sachlage zu gehen pflegt, schofs 
man über das Ziel hinaus; im 17. Jahrhundert griff Launoi 
schonungslos Legenden an, wie die Fabel von der Ueberkunft 
ies Lazarus mit Magdalena und Martha nach der Provence, 
wo der Glaube des Volks mit diesen als vollkommen sicher 
ingenommenen Geschichten eng verknüpft war, und viele andere, 
so dafs er als le denicheur de Saints bezeichnet wurde; er 
kritisierte auch alte Urkunden, und stellte dabei die allgemeine 
Behauptung auf, dafs alle oder doch fast alle ältesten Privi- 
legien der Kirchen und Klöster untergeschoben wären. Noch 
weiter ging etwas später der gelehrte, aber zur äuüsersten 
Paradoxic geneigte Jesuit Hardouin, der durch seine Ausgabe 
ler Naturgeschichte des Plinius sieh einen Namen gemachl 
hatte, indem er sogar die meisten antiken Schriftsteller luv 
Fabrikate der Mönche des 13. Jahrhunderts erklärte, was in 



g Einleitung. 

der Thai ein gar zu grofses Compliment für die Fähigkeiten 
und die Gelehrsamkeit dieser Ehrenmänner war. 

Auf anderem Gebiet bewegten sich die sogenannten diplo- 
matischen Kriege, welche in Deutschland seit dem Beginn 
des 17. Jahrhunderts mit grofser Heftigkeit geführt wurden. 
d. h. Streitigkeiten über die wichtigsten Interessen, für deren 
Entscheidung alles auf die Echtheit oder Unechtheit alter Ur- 
kunden ankam. So stritt das Kloster S. Maximin mit Churtrier 
um seine Unabhängigkeit, die Stadt Bremen mit dem Erzbis- 
tliuin. Magdeburg vertheidigte sein Stapelreclit, das Kloster 
Lindau nahm die Hoheit über die Stadt Lindau in Anspruch. 
Besonders dieser letzte Streit ist von bedeutender Wichtigkeit, 
weil sich an der Frage über die Echtheit eines angeblichen 
karolingischen Diplomes bedeutende Gelehrte betheiligten, und 
oamentlich Eiermann Conring hier zuerst eine solche Äuf- 
üi streng wissenschaftlicher Weise behandeln lehrte. 1 ) 

Vorzüglich dadurch brachten diese Streitschriften grofsen 
Nutzen, dafs Bie mehr Material zugänglich machten. In Ge- 
Bchichtswerken waren mit begreiflicher Vorliebe recht alte und 
merkwürdige Urkunden aufgenommen, aber gerade diese waren 
meistens Brdichtungen. Man hatte durchaus keine Möglichkeil 
einer erfolgreichen Prüfung, denn woher sollte man die Kegeln 
nehmen, wo nicht etwa gerade bekannte geschichtliehe Tliat- 
sachen gröblieb verletzt waren? Selbst ein bedeutendes Archiv 
bol für die karolingische Zeit nur ungenügendes Material. Die 
Archive aber hielten nach altem Herkommen ihre Schätze mög- 
lichst geheim. Das ging nun nicht mehr, wenn man seine 
Ansprüche urkundlich beweisen wollte und zur Prüfung der 
gten Urkunden winden wieder möglichst viele andere 
»rächt Doch blieb noch immer die Masse sehr gering 
und enthielt eine bunte Mischung von echten und falschen 
l rkunden. 

D bi schwierige l brat von anderer Seite den 

B landisten nahe. Jene Bohonun Kritik', welche alle 



Dipl i i. Kri 80 88 G Meyer von 

D Bellum dJpl Lindariense, IM I Zeitachr KXVI, 75 180. 



Die Anfänge der Diplomatik. 



9 



Heiligengeschiehten einfach als Mönchsfabeln verwarf, rief eine 
Gegenwirkung hervor, welche mit dem innerhalb der katho- 
lischen Kirche eintretenden religiösen und wissenschaftlichen 
Aufschwung in genauem Zusammenhang steht, Wie Baron ius 
in seinen Annalen der römischen Kirche den Magdeburger 
Centuriatoren mit Preisgebung unhaltbarer Erdichtungen ein 
urkundlich begründetes Werk entgegenstellte, so empfanden 
auch die Jesuiten die Notwendigkeit, von den Legenden der 
Heiligen die ganz unhaltbaren fallen zu lassen, um für die 
authentischen Glauben zu finden.' In dieser Absicht begann 
Johann B oll and in Antwerpen das grofse Unternehmen der 
Acta Sanctorum, wovon 1643 der erste Band erschienen ist. 
Nach seinem Tode übernahmen seine Ordensbrüder Daniel 
Papebroch und Gotfried Henschen die Fortsetzung und 
verfuhren dabei mit so scharfer Kritik, dafs bald Klagen da- 
rüber laut wurden. Ihre eigenen Freunde jammerten, dafs 
Antiquitäten angezweifelt und verworfen wurden, de qiiibus 
nollent dubitari. Mit äufserster Heftigkeit erhob sich gegen 
sie der Orden der Karmeliter, da sie das Märchen von der 
Stiftung dieses Ordens durch den Propheten Elias widerlegt 
hatten. Dieser Streit hat sich lange hingezogen, und es gelang 
dem mächtigen Orden 1695 von der spanischen Inquisition ein 
Verbot zu erwirken. Zuletzt gebot der Pabst Stillschweigen. 

Inzwischen aber hatte Papebroch endlich das Bcdürfnifs 
empfunden, für die Kritik der Urkunden feste Regeln zu ge- 
winnen, und um seinen Untersuchungen eine sichere Grundlage 
zu geben, eröffnete er 1675 den zweiten Band des April mit 
der ersten dogmatischen Arbeit über diesen Gegenstand, unter 
dem Titel: Tropylaeum Antiqua/riwm circa veri uc fälsi dis>- 
crimen in vetustis membranis. Siegreich weist hierin Papebroch 
die Unechtheit einer angeblich Dagobertischen Urkunde von 
646 für das Kloster Oeren bei Trier nach, er widerlegt die 
Fabeln der Karnieliter, verwirft falsche päbstliche Bullen. Hier 
zeigt er seine Gelehrsamkeit und seinen Scharfsinn in glänzen- 
der Weise, allein durch seinen kritischen Eifer lieft er sieh 
viel zu weit führen. Die vielen Fälschungen, welche ihm vor- 
gekommen waren, machten ihn mit Recht sein- mifstrauiscb 



n 






1( > 

Einleituflo- 



gegen die Klosternri v jl eo ,„„ „ , , 

Wanunen solltS; a^ *£•«-. *** -* frühen Zeit 
*>d sonders verwarf „„d J^J " Vlel > *ft er sie S;lmmt 
Jes Klosters Saürt-Denis f £ ; ™-g-hen Urkunden 

1 *"»**. welche 1625 Dguble T ^ ü " ter de « 600 

;■*«•? '-tte, waren' £L Seinei \ GeSCLichte d - Abtei 

cl ' ,K "'• *■* die Kennzeichen f Es lst Verkennen 

2J*^ -d nanr^tliC ' ^; tei ' ?*>**» festzusteZ 

^te-ch llng ^ a ' ^^-nea eine sor gföltige 

'' ;' e benso schwierigen wie u„ ' St Senie Behandlung 

"«gend, sondern er ^erne"" "t' A " fgabe «** »W 
«amen, Werke fast allen Werft "^ Tä ^^gen 5 weit 

Veno ^ ^^ÄtiÄt D 7H » *^ 

t087 % " a,0n ka "" te er »T?»^ W f^ leitete 
J " 87 (2886 Stumpf), lIn( , , ' 61 " Inw, eg Heinrichs IV von 

Reichen merowingischer H 1 T"""'' "*** ««echte 

J ;r'"" f*% des KlosC S m ^ ""'"•' , '"" • dem 
Z ">"" s, "n das ap -. ö ' Mmnun von n i 



Dom Jean Mabillon und die Congregation de St. Maur. 11 



§•2. 

Dom Jean Mabillon und die Congregation 

de St. Maur. 

Der Orden der Benedictiner war in Frankreich in tiefen 
Verfall gerathen und schien seinem Untergang entgegen zu 
gehen. Am Ende des 16. Jahrhunderts beauftragte Clemens VIII 
den Cardinal von Lothringen mit der Reform desselben in 
Lothringen, allein der Cardinal erklärte ihn für unverbesserlich 
und gab den Rath ihn ganz aufzuheben. Die Klöster waren 
theils durch die Abbes Commendataires, welche nur die Ein- 
künfte bezogen, theils durch die Calvinisten verwüstet, und 
lagen grofsentheils in Ruinen. Der Pabst aber ging auf jenen 
Rath nicht ein, und jetzt zeigte es sich, dass jener reforma- 
torische Geist, welcher einst im 10. Jahrhundert unter ähn- 
lichen Verhältnissen durch Johann von Gorze so grofse Erfolge 
gewirkt hatte, in den lothringischen Benedictinern noch nicht 
ausgestorben war. Was der Cardinal für unmöglich erklärt 
hatte, gelang einem einfachen Mönche des Klosters St. Vannes 
in Verdun, Dom Didier de la Cour (Desiderius de Curia), 
der in Pont-ä-Mousson seine Studien gemacht und sich dort 
mit Pierre Fourrier, dem Reformator der Chorherren, und 
Gervais Lairuel, dem Reformator der Prämonstratenser, in 
warmer Freundschaft zu gleichen Bestrebungen verbunden hatte. 
Durch seine aufserordentliche Hingebung an die Idee, die ihn 
ganz erfüllte, durch seinen unermüdlichen Eifer, seine that- 
kräftige Begeisterung überwand er endlich alle Schwierig- 
keiten und brachte eine wahrhafte Reform der Hauptklöster in 
Lothringen zu Stande. Durch eine Bulle vom 7. April 1604 
vereinigte Clemens VIII die beiden Klöster St. Vannes und 
Moyen-Moutier zu der Congregatio SS. Hidulfi et Vitoni, welche 
sich nun rasch weiter ausbreitete. 

Dieser neue Aufschwung wirkte bald auch auf Frankreich 
ein, wo Dom Benard die neue Disciplis in die verwilderten 
Cluniacenserklöstcr einführte. Auf dem ersten Generalcapite] 



12 

Einleitung. 



lß 18 wurde beschlossen, daß, die t •• • 

«gene Congregation bilde, sollt **?««» Klöster eine 
^s annahm, S. Benedict £ ,' ^ de " Na *e» des 
Begründer des Ordens i„ T , leb,m 8 s J u »ger, welcher ,1s d ' 

^^ *** ^ *e «^ ga,t - Am "• Ma 62 
"**• • « Richelieu rchüt; t ,gl ' e f ati0U de St Ä« 

"■?!?* WÜ «ine S rofse lt ,2 "" ****« "** 

Praller ».,,,,, u n e ,-,• , u,MleJl ™ng gewann. 

«bar t,,t,,, * (mt( „. ,£££*" ***** gewesen, jetet 

■'."*<■■" der Aebte auf Lebens*, f ^ Sctz(e * auch 

»onteher. AUbR-sa i enszeit den einzelnen Kl&t« 

rt » ivrafte des «ranzon n™i 'Postern ihre 

'''""" ^edictiner, *, s „ th *> lo gi8Cuen Studien. Wie ! 

;""""■" - **£££ "SS*? MaUriner durchs 
Raupten Inf i "'s 611 ™ Geistesbildune •'"- r.17 

Sunerior , "'" ^«kapitel 1630 V' """"' '"'- 

fi Generalis fär drei ,],,„ ' wo d,e Wahl eines 

- ' ■ * * -t, ,::;:::; ;;:; «- -£ 

i fehl. le-d Benedietiner 

fi B :S £ K^SÄ; *~ ***** 

»che» MaUa!^^" *«»«». dock JitÄ 8 "' *»»"&■! 

' PWM i,.„i... ,, " A ';"'"' 'tdelaCoa- 

In Ihrer , f ■ ",.,„,,, ,»7 LL a °' ** 1843 > * 

"' "" '- Jahrhundert ""'"" ■*•"■'■•>•■...,. 






Dom Jean Mabillon und die Congregation de St. Maur. 13 

sammeln; auch die Herausgabe der patristischen Werke ist 
schon von ihm vorbereitet worden. In vielen Klöstern wurden 
auf seinen Antrieb Specialgeschichten verfafst, welche später 
für die Gallia Christiana und die Annalen des Ordens ver- 
werthet wurden. Sehr folgenreich war die neue Einrichtung 
der Bibliothek in dem Pariser Kloster Saint-Germain-des- 
Pres, verbunden mit einer Art Akademie, in welcher die aus- 
gezeichnetsten Köpfe aus allen Klöstern des Ordens vereinigt 
und mit den nöthigen Hülfsmitteln in reichster Fülle versehen 
wurden. Durch diese Concentration der Kräfte wurden die 
Ungeheuern Werke möglich, welche noch jetzt jeden mit Er- 
staunen erfüllen, der sie in den Bibliotheken erblickt, die bis 
jetzt unübertroffenen Ausgaben der Kirchenväter, die Geschichte 
ihres Ordens und seiner Heiligen, der Klöster, der Provinzen 
und Bisthümer, die Sammlung der Historiens des Gaules, die 
Histoire Litteraire de la France, und so viele andere Werke 
von gründlichster Gelehrsamkeit und bleibendem Werth. 

Dom Luc d'Achery war 1609 in St. Quentin geboren, 
und wurde mit 23 Jahren in Vendome Mauriner, schon 1G35 
aber Bibliothekar in St. Germain-des-Pres, wo er am 29. April 
1685 gestorben ist. Er war kränklich und brachte 45 Jahre 
in der Infirmerie zu, aber seine gelehrte Thätigkeit wurde 
dadurch nicht gehindert. Regelmäfsig versammelte sich bei 
ihm die gelehrte Welt von ganz Paris, und mit den ausgezeich- 
netsten Männern seiner Zeit war er in unausgesetztem brief- 
lichen Verkehr. Die von allen Seiten gesammelten Materialien 
zur Geschichte des Ordens wurden ihm übergeben, um sie zu 
verarbeiten, und da die übergrofse^ Masse seine Kräfte über- 
stieg, wurde zu seiner Unterstützung bei dieser Arbeit, zunächst 
bei der Herausgabe des Spieilegium, 1664 Dom Jean Mabillon 
nach St. Germain berufeil, von St. Denis, wo er seit einem 
Jahre sich befand und den Fremden die Kostbarkeiten zu 
zeigen hatte. 1 ) 



1 ) s. über Mabillon aufser den oben angeführten Werken auch dir 
sehr werthvolle: Correspondance in£dite de Mabillon et de Montfaucon 
avec l'Italie, contenant im grand oombre de faita bot l'histoire religieuse 
et litteraire du 17. siecle, suivie des lettres inädites du P. Quesnel etc., 



14 Einleitung. 

Sehr bald trat Mabillon's ungewöhnliche Tüchtigkeit zu 
gelehrten Arbeiten so unverkennbar hervor, clafs ihm die weitere 
arbeitung der Sammlungen für die Geschichte des Ordens 
übertragen winde; 160 7 verkündigte ein Gircular den Plan des 
neuen Unternehmens der Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti, 
und L668 erschien bereits der erste Band. Sein kritisches 
Genie zeigte Biöh hier im hellsten Licht, aber nicht allen gefiel 
diese Kritik. Er wurde von einigen seiner Ordensbrüder ver- 
klagt, rechtfertigte sich aber siegreich vor dem Generalcapitel. 
Nachdem er sich bo im eigenen Orden Anerkennung verschallt 
hatte, trat er hinfort als Vorkämpfer desselben nach aufsen auf, 
denn es fehlte den Maurinern nicht an mancherlei Anfechtungen. 

Schon lange waren sie in einen heftigen Streit mit den 
Augustinern verwickelt über den Verfasser des Buches de imi- 
tatione Christi, welchen jeder Orden für sich in Anspruch nahm; 
den Benedictinern warfen ihre Gegner Verfälschung ihrer Hand- 
schriften vor, und es kam 1671 zu einer feierlichen Unter- 
Buchung voi drni Erzbischof von Paris, avo die Nichtigkeit 
jener Beschuldigung anerkannt wurde 

Den Jesuiten aber mifsfie] die theologische Richtung des 
Ordens, <\>v sich mehr und mehr von (\rv berrschenden scho- 
lastischen Methode entfernte and zu den älteren Kirchenvätern 
zurückkehrte. Die von ihnen vorbereitete Ausgabe des Augustin 
war den Jesuiten ein Greuel, und nachdem 1679 der erste 
Band erschienen war, erhoben sie auch bier den Vorwurf dn 
Interpolation und Verfälschung der Handschriften. 

I.- war tiöthig auf diese Verhältnisse einzugehen um zu 

•n. wie Behr damals durch verschiedene Verwickelungen die 
Flebl Aufmerksamkeit auf die alten Handschriften und 

l rkunden gelenkt wind«' und wie grofs unter (\(>w Benedictinern 
die Aufregung Bein mufste, als durch fapebroch's Abhand- 
lung die Verdächtigung \\wr\- alten ('rkunden mit grösserem 

hdruck als .!<■ zuvor, \\ iederholl w iirde. 

Pari i-ii Mabillon's Biographie von Elend 

.-I dem .i Bande der annalen ist bei 1V/ wieder abgedruckt. 

\ '"M Bninaii enchien L7( de li vie <l<- Don Jean Mabillon, 

lat mit i ii von I >i>in • laude de \ ic, L'adua 171 I 



Dom Jean Mabillon und die Congregation de St. Maur. 15 

Antworten aber konnte man auf diesen Angriff nirgends 
mit solchen Hiilfsmitteln wie in Saint- Germain-des-Pr es, wo 
ihnen alle Handschriften und Urkunden der alten grofsen 
Klöster zur Verfügung standen, und sie fast allein besafsen 
Documente von hohem Alter, namentlich merowingische Ur- 
kunden sie ganz allein. 

Mabillon übernahm die Beantwortung. Um noch mehr 
alte Originale kennen zu lernen, machte er 1680 eine Reise 
durch Lothringen; im folgenden Jahre 1681 erschien sein 
grofses Werk De Re Diplomatica, noch jetzt das Hauptwerk 
dieser neuen Disciplin, für merowingische Urkunden unüber- 
troffen, classisch für alle Zeiten. 

Durch dieses Werk wurde auch der Name Diplomatik 
zuerst in die Wissenschaft eingeführt. Noch war damals die 
Kenntnifs alter Urkunden oder Diplome von grofser Wichtig- 
keit für Staatsmänner, und namentlich in Frankreich hatte 
dieser Gegenstand eben damals durch Ludwig's XIV Reunions- 
kammern die höchst praktische Bedeutung erlangt. Auch 
neuere Staatsverträge fielen unter diesen Begriff, und man 
brauchte deshalb noch nicht zu unterscheiden zwischen Diplo- 
maten und Diplomatikern, wie jetzt üblich geworden ist. 

Das Erscheinen der Diplomatik von Mabillon machte so- 
gleich den gröfsten Eindruck; es war etwas vollkommen neues, 
und gleich in so vollendeter Form, dafs es allgemein die gröfste 
Bewunderung erregte. Daniel Papebroch, ein grofser Gelehrter 
und sehr wahrheitsliebender Mann, schrieb nach dem Empfang 
des Buches an Mabillon einen sehr schönen Brief, worin er 
sich für gänzlich widerlegt erklärte und die gröfste Freude 
über das nun vorliegende classische Werk aussprach. Nur das, 
schrieb er, niifsfalle ihm an seiner eigenen Arbeit nicht; quod 
tarn praeclaro operi et omnibus numeris absoluto occasionefn 
dederit. Mabillon antwortete ihm mit einem nicht minder 
schönen Briefe. 1 ) 

Von anderer Seite dagegen kamen boshafte Angriffe, na- 
mentlich 1 7o;> von dem Jesuiten Germon, <1<t alle <li<' alten 



') Brief und Antwort sind u.a. in Schönemanns Dipl. [,69 gedruckt, 



16 p. , . 

^uueitune 



Urkunden des Fnmkenreiches fiir w •• • , 
die gewonnenen Regeln fc „ bet ™gensche Fabricate n»d 
' Wieb«, ohne bedeutet JLwtT* f^ ^ * 
»och lange forttuhren vo n "f '^""7 *" Gei — ten 
reden. „ nd oberriacblicbe T 6U ^»gschätzig zu 

Tillen antwortete St/ÄSe *"? ^^ 
«ur in dem 1704 erschi«.«.* q A »S uö e, sondern widerlegte 
**■ er zugleich tSft^ **» Ei «, 
Facsimile's bereicherte Vl n 27 n 7 ^^ «*«*&*« 
'■» «einem 76. Lebensjahr S . ? 6Cember 1707 starb Mabillon 

] <"' ; Üen Gennon, und es enZ ? 8 f tan * a,s er sch " eb 
Fehde, welche die aCueLe A^T . T lebLafte ^terarische 

!;"•' -f bliese 043^5^«" n °t hÖherem 

Mwitfaiicfflrt Palaeoeranb« r 7 ° 8 erscbie » »«oh 

Benedictiner erhöhte Dom l> 8 ?' l " ld cleu Ruhm der 

Tod *e zweite Angabe dt nT^f^ ^ ^billon's 

V '""' 1 " ^f einig? ,. l^ Pl0 "T tlk ' U,Ul ■*"** ■ der 
d U170Ö ,,s,b„., " "" S "" "- ^Sl-ders Hickes i„ 

'"'■'" ohne Gr , angT^ 1^°^ ?" v "" *«*« 

MabiUon aufgestellt Lt^Zä^uTZ ^ """ 
L «der starb aber Ruinart «* , " tn ' i,s m °difieiert. 

«.-I.-I...... .,,-.. ZWI , ;„. v ; ;;; •»■ — en .,,,,,. 17()! , ,, 

■~-j ^^ÄÄSr* "'•"- 

■ ' ' '» ( '«i''ii!iiiio- V( )ii \r.,i,;ii • m , 
^««cb darin, daft er ,„, V , l """" s ^eri besteht ror- 

unsicherer Aussprüche „ 1 \''"' ,",' S '""" *W*Mb* und 

1 *-* '■■■-!., -in, ..;;;" """";, ' ;,s,r ' 8icher 

ordentliche, Reichhaftigkd w ' "'v '' " m ! ""*"'- 

:,/ '" Unternehmen durch die \ ' ,!■" 7"* nlassun « ■" dem 

■' üri ,,. , ' A " L "'"'-'' '* Echtheit ,„- 



tai8 °ae iin.l irreleitende 



Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker. 17 

Regeln zu beseitigen, so treten auch hier naturgemäfs die 
merowingischen Urkunden in den Vordergrund, und dieser 
Gegenstand ist fast völlig erschöpfend behandelt. Bücherhand- 
schriften sind nur subsidiarisch herangezogen, und wenn auch 
für die Geschichte der Schrift die Grundlinien ebenfalls schon 
hier festgestellt sind, so blieb hier doch für den weiteren 
Ausbau noch sehr viel zu thun übrig. Der praktische Zweck 
der Diplomatie bestand eben in der Anleitung zur Prüfung 
und richtigen Benutzung der Urkunden, und dieser Gesichts- 
punkt blieb noch lange mafsgebend. 

§.3. 

Der Nouveau Traite. Deutsche 
Diplomatiker. 

Der Eifer für eine Wissenschaft, welche einen besonderen 
Ehrentitel der Mauriner bildete, lebendig erhalten durch die 
oft heftigen und spitzigen Streitschriften, liefs die Arbeit in 
dieser Richtung nicht ruhen; der einmal gegebene Anstofs 
wirkte fort. Unablässig sammelte man in Saint-Germain-des- 
Pres neues Material, dessen Verarbeitung mit dem ursprüng- 
lichen Werk Dom Toustain und Dom Tassin übernahmen. 
Als Frucht ihres Fleifses erschien von 1750 — 1765 der Nouveau 
Tratte de Diplomatique in 6 Quartanten, mit 100 Kupfer tafeln; 
in deutscher Bearbeitung von Adelung und Rudolf 1759 — 17(> ( d 
in 9 Quartanten unter dem Titel: Neues Lehrgebäude der 
Diplomatik. Hier ist die Paläographie viel ausführlicher be- 
handelt, die von Mabillon kaum berührte Diplomatik der Pabste 
ist hinzugekommen, und das Material überhaupl viel reicher; 
als reichste Fundgrube v<»n thatsächlieher Wahrnehmung, welche 
auf ausgedehntester gelehrter Forschung und genauester Be- 
obachtung beruht, ist der Nouveau Traite auch jetzl uoch von 
hohem Werth. Das Hauptaugenmerk blieb aber auch in diesem 
Werk, ja es tritt hier viel mehr hervor als bei Mabillon, Mittel 
an die Hand zu geben, um angegriffene Urkunden zu rerthei- 

digen. Zu diesem Zweck haben die Verfasser einen grofsen 

und verwickelten Schematismus von äufseren und inneren Kenn- 

\V ;i t te ii b a c ii . Schrii tweseD ! \ afl '^ 



1 Q 

Einleitung. 

z u z srs d ? <wh ™ ^^ •* *- — ab« 

l„l ", " Zt ' "" deD A «« ^ert. Während 

Mal - IU ausgezeichnete, „och jetzt werthvolle Facsimile's Ton 

a« -.Inm,, werfen m Dmsions und Subdivisions Lheilf 
« "H « 5— aufgestellt werden, in welchem jede Shft 
■*■**"• fertige Rubrik andet. Allein die MauSaS 
d« Schnftgattungen and Abarten ist viel zu £1 ! K 

■';• » ** «-*- lielse, uml daxüber gifgtf tr ^ 

*■" Se.te.aue Khll , 1( .„ ,„„ üebersichtjichkeit 4fe n i" 

Z ;"" ', '■ M " 11 " ™» »«'» -honen, Vorfcid u 

S^" *?**• ^wichen; die Einwirkung dil^wlZ 

»dernauch ,„ , ; ;"""'»» *esem Gebiete angeregt, 
U, ,1 i ^££iand, in Italien, in Spanien wurden 

:., ;::"T "'■" , ;- r Iche ziu " Ti,ei1 ■**£ - -SS 

rDlSSl-Jf? ^T* aber »*»• die Diplomatik 

. . " UL '" L wo man ,„•!, 8chon so lange über die Echt 

da MabiUon , , , ,. . , " ,,, "" i ' tll \ J« deutsehen Kaiser, 

Su I ;. ' M te daher an seinem Werk hl ein Vor- 

Diesen „ ;;"■; "!"■ '" 8elte ™ fällen dired 1, „.„. 

Klosl eheiben ? '"' ,l "' <*"****• **°» 

be , , , V i. : - ,,M '" , ' M,,S l: ""' " , '' 1 "" fe8ten ""<'"' 

.,;„,,;"' aUein / i -8pe.cial g esehichtemi < Erfolg 

graphiede. , *S*? ***! der «<* eine Geol 

Dich« ,,,,„,„„■ ';' M ", ' : >>r ist y0 n diesem Werke 

w " 1 "'" 11 " 1 auch jener Versuch isl 



1 



Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker. 19 

md so viel Ehre er seinem Urheber macht, so sieht man dem 
Verke doch gleich an, dafs in Goetweih die Hülfsmittel von 
Saint- Germaiu- des -Pres fehlten. Bessel kannte zn wenig Ur- 
kunden, und seine Schriftproben sind mit den französischen 
jar nicht zu vergleichen. 

Auch hierin zeigte sich der Nachtheil, welcher den deut- 
chen Benedictinern daraus erwuchs, dafs sie nicht, wie die fran- 
ösischen, ihre Kräfte zusammenfassen konnten. Wohl hat das 
Vorbild der Congregation de St. Maur ähnliche Bestrebungen 
n Deutschland hervorgerufen, die Gebrüder Pez in Melk ver- 
olgten namentlich dieses Ziel mit grofsem Eifer; allein wenn 
js auch nicht ganz an Früchten dieser Bemühungen fehlte, so 
icheiterten doch alle Versuche, eine so centralisierte Verfassung 
les Ordens zu Stande zu bringen, an der Zerstückelung Deutschl- 
ands und der gegenseitigen Eifersucht der Regierungen. 

Da der Abt Bessel erst mit Konrad I begonnen hatte, 
chrieb der Professor Heumann in Altorf ein Buch De re 
liplomatica regum et imperatorum Germanorum (1745, 1753) 
r ori Karl dem Grofsen an, kam aber nur bis zu Ludwig dem 
Jüngeren. Er kannte gar keine Originaldiplome, aber schätzbar 
nid auf den richtigen Weg leitend war die von ihm einge- 
ehlagene Methode, die irgendwo bekannt gewordenen Urkunden 
(ines jeden Königs zusammenzustellen, und daran eine sorg- 
altige Untersuchung über die speciellen Eigentümlichkeiten 
md Kennzeichen derselben zu knüpfen. 

Man begann nun auch an den Universitäten Diplomat ik 
orzutragen und Compendien dafür zu schreiben. Jeder Jurist, 
►esonders wer irgend mit staatsrechtlichen Verhandlungen sich 
lefassen wollte, mufste diese Vorlesungen hören. Sie waren 
ranz auf Kritik und Benutzung der Urkunden gerichtet, und 
Lufscr der Paläographie zog man aach Heumann's Vorgang eine 
tfenge sprachlicher und rechthistorischer Materien hinein, 
velclic um' in dem praktischen Zwecke ihre Einheil fanden. 
50 waren dies«; Vorlesungen zugleich ein Surrogat der noch 
licht vorhandenen deutschen Rechtsgeschichte. 

Vorzüglich traten auch aui diesem Felde die Früchte her- 
ror, welche der Genius <-ines Leihniz uns Licht rief. Nie- 

" 2 :/: 









20 Einleitimg. 

mand verstand in so erfolgreicher Weise den Urkundenvorrath 
der Vorzeit für geschichtliche und staatsrechtliche Forschungen 
auszubeuten; aus seinen reichen Sammlungen gingen (1750 bis 
1780) die Origines Gruelficae mit ihren vortrefflichen Schrift- 
tafeln hervor, welche man noch jetzt zu paläographischen 
Uebungen mit Nutzen verwenden kann. Der von ihm gegebene 
mächtige Anstofs ist sichtbar in den historisch- diplomatischen 
Studien, welche an der neu gestifteten Göttinger Universität, 
den Bibliotheken zu Hannover und Wolfenbüttel, dem Braun- 
schweigisch - Lüneburgischen Archive eifrig betrieben wurden. 
Leibnizens Gehülfe, Chr. H. Eckhard, der eine Tntrjoductio 
in rem diplomaticam praedpue Germanica))/ (1742) geschrieben, 
mehr aber durch die von ihm begonnene Bearbeitung der 
Origines Guelficae und seine übrigen Werke praktisch diese 
Studien gefördert hat, wurde bei seiner Forschungsreise nach 
Urkunden zur Aufhellung der Geschichte des Weifenhauses be- 
gleitet und unterstützt von I). E. Barin g, der eine Zeit lang 
Bibliothekar in Hannover gewesen ist. Dieser vereinigte in 
seiner Claris diplomaMca (1737 und 1754) eine Anzahl der 
bedeutendsten Schriften über Diplomatik mit Alphabeten, Ab- 
kürzungen, Notariatszeichen, welche aus Urkunden entnommen 
sind. Diese sehr mühsame Arbeit würde wohl noch jetzt in 
gröfserem Ansehen stehen, wenn sie nicht weit überboten wäre 
von dem churfurstlichen Archivar J. L. Wall hei' in seinem 
Lexicon diplomaticum, welches vollständig, und zwar in meister- 
hafter Weise, in Kupfer gestochen ist. Vollkommen fertig 
hinterlassen, erschien es L751 in folio mit einer Vorrede von 
.1. II. Jung. Die früher verheifsene Vorrede des Prof. Koeler 
war nicht zu Stande gekommen, und die angebliche Ausgabe 
von 17 17 existiri nicht, nur das schon gestochene Titelblatt 
mit Koeler's Namen, Ein aeuer Abdruck i-t L756 in Ulm ver- 
anstaltet Die bedeutenden Kosten dieses Unternehmens gab 
der berühmte .1. <i. v. Meyern, der Director des k. and kurf. 
Archivs zu Hannover, der Herausgeber der Acta pacis West- 
phalicae publica] ''in Diplomal von altem Schlage und vollen- 
deter Urkundenkenner. Kr hat sich durch diese Liberalität 
• •in auJserordentliches Verdiensl erworben, denn Walther'fl Werk 



Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker. 21 

ist durchaus classisch und einzig in seiner Art. Es ist auch 
jetzt noch unentbehrlich, und nicht leicht wird man darin ver- 
geblich nach Auskunft über eine Abkürzung suchen. Nicht 
minder vorzüglich sind auch die vorangeschickten 28 Tafeln 
mit Schriftproben, und wer durch diese sich durchgearbeitet 
hat, wird für die meisten Vorkommnisse hinreichend gerüstet 
sein, für diejenigen Aufgaben nämlich, welche praktisch am 
häufigsten vorkommen; für die ältesten Schriftgattungen frei- 
lich und die sogenannten Nationalschriften läfst uns Walther 
im Stich. 

Aufserordentlich gefeiert und berühmt als Diplomatiker 
war seiner Zeit Johann Christoph Gatterer, von 1759 bis 
1799 Professor in Göttingen; doch entsprechen seine Schriften 
nicht dem Rufe, welchen er als Lehrer und Urkundenkenner 
besafs. Er war ein vorzüglicher Bewunderer des Nouveau 
Traite, und hat diesen in Deutschland eingeführt und bekannt 
gemacht. Ganz erfüllt war er von dem Bestreben, die Classi- 
fication der Naturreiche durch Linne auf das Gebiet der Ur- 
kunden zu übertragen, und nicht nur die Schriftgattungen, 
sondern auch alle sonstigen Eigenschaften und Zufälligkeiten 
der Urkunde] i in Systeme zu bringen. So wurde von ihm der 
Irrweg, auf welchen die Benedictiner sich verirrt hatten, noch 
weiter verfolgt. Von seinen Elementa artis diplpmaticae uni- 
versalis (1765) erschien aber nur der erste Band, und erst 1798 
folgte der Abrifs der Diplomatik, 1799 die praktische Diplo- 
matik mit Kupfertafeln und Beschreibungen der darauf abge- 
bildeten Urkunden, welche wohl noch mit Nutzen gebraucht 
werden können. 

In weit höherem Grade zu empfehlen sind aber die Werke 
seines Nachfolgers Sehoenemann, vorzüglich sein Perstich 
eines vollständigen Systems der Diplowalik, Hamburg L801, 
1802 (neue Titelausgabe Leipzig 1818), zwei Bünde mit einem 
Heft Kupfertafeln, die sehr gut sind. Sie enthalten Proben 
von echten und falschen Urkunden 3 welche im Texl sehr ein- 
gehend besprochen und erläutert werden. Von der System- 
sucht seiner Vorgänger sagt hVIi Schoenemann ausdrücklich 
los, und kehrt zu gesünderen und einfacheren Grundsätzen 



->-) Einleitung 



-• 



zurück. Namentlich ist liier auch die anfänglich vernachlässigte 
Zeit des späteren Mittelalters berücksichtigt. Vorausgeschickt 
ist eine sehr fleifsig und sorgfältig gearbeitete ausführliche 
Geschichte und Litteratur der Diplomatik. 

Zur Einführung in diese Studien ist neben Mabillon's Werk 
ganz vorzüglich eine sorgfältige Beschäftigung mit diesem Buche 
dringend anzurathen. Es ist zwar auch unvollendet geblieben, 
aber der für unsere Zeit praktisch wichtigere Theil der Schreib- 
kunde ist vollständig vorhanden. 

Auch der herzogl. Braunschweigisch- Lüneburgische Archi- 
var Just us von Schmidt genannt Phi seid eck gab 1804 eine 
Anleitung für Anfänger in der deutschen Diplomatik heraus, 
mit einigen Proben nach Originalien. Umfassender ist das 
diplomatische Lesebuch von F. E. C. Mereau in Jena (1791) 
mit 42 aus dem Nouveau Traite und anderen Werken gesam- 
melten Kupfertafeln von sehr verschiedenem Werthe, doch mir 
den beigegebenen Erläuterungen zum Studium noch immer 
nützlich. 

Eine rühmliche Erwähnung verdient auch das Lehrsystem 
einer allgemeinen Diplomatik. vorzüglich für Oestenvich und 
Deutschland, von dem Piaristen G. Gruber in 3 Bänden. Wien 
L783. Die Graphik ist jedoch nur kurz behandelt; der dritte 
Band behandelt sein- ausführlich die Chronologie. 

Dagegen last werthlos sind zwei gewöhnlich angeführte 
Bücher, von K. Mannert: Miscellanea meisl diplomatischen 
[nhalts, Nürnberg L795, and von A. F. Pfeiffer. Professor 
und Bibliothekar in Erlangen: Heber Bücherhandschriften über- 
haupt, Erlangen 1 s 1 0. Beide kannten ein viel zu geringes 
Material, und suchten davon Regeln zu entnehmen, welche mir 
irre fuhren können, wie namentlich Mannert's Versuch über 
die Abbreviaturen, 

Auf die übrige diplomatische Litteratur einzugehen können 
wir ans bier ersparen, da ja dir Urkundenlehre nicht der 
Zweck dieser Darstellung ist Begreiflicher Weise sind überall, 
auch \n«> die Aufgabe allgemeiner gestellt war, die einheimischen 
Urkunden in den Vordergrund getreten, und es sind deshalb 
mehrere Werke eher dorl zu erwähnen, \\<> die einzelnen 



Der Nouveau Traite. Deutsche Diplomatiker. 23 

Schriftgattungen behandelt werden. So ist auch eines der aus- 
gezeichnetsten italienischen Werke, Belle Istituzioni diplomatiche 
von Funiagalli, Abt des Mailänder Klosters S. Ambrogio, 
1802 in 2 Quartanten erschienen, für deutsche Verhältnisse 
wenig brauchbar. Der paläographische Theil ist überhaupt 
ungenügend, und die Zeit nach dem 12. Jahrhundert gar nicht 
mehr berücksichtigt. Völlig werthlos ist die Arte di conosccrc 
Vetä de' Codici Latini e Italiani von Trom belli, Bologna 
1756; zweite Ausgabe 1778. 



§•4. 

Die neue Zeit. Scheidung- der Paläographie 
von der Diplomatik. 

Durch die französische Revolution und ihre Folgen hat 
die praktische Wichtigkeit der alten Urkunden bedeutend ab- 
genommen, und die Diplomatik ist zu einer Hilfswissenschaft 
der Geschichte geworden. Diplomaten und Staatsrechtsieh rer 
beschränken sich auf neuere Verträge, und auch die Juristen 
pflegen sich um das Verständnifs alter Urkunden wenig zu 
kümmern. Dagegen hat sich die Rechtsgeschichte zu einer 
eigenen Disciplin entwickelt und vieles an sich gezogen, was 
früher in der Diplomatik gelehrt wurde. Ein anderer Theil 
derselben hat in der Sprachwissenschaft eine passendere Unter- 
kunft gefunden. 

Daher kann man wohl sagen, dafs die allgemeine Diplo- 
matik als Wissenschaft aufgehört hat. Freilich bedarf es auch 
jetzt noch einer Fülle besonderer Kenntnisse, um die Echtbeil 
der Urkunden beurtheilen zu können; allein die Masse des 
Materials ist so ausserordentlich angewachsen, dafs die Auf- 
stellung aUgemeiner Regeln dadurcfi fasl anmöglich gemachl 
ist, ein jedes Gebiet verlangt seine abgesonderte Bearbeitung. 
Mufste man früher aus den wenigen bekannten Beispielen all- 
gemeine Regeln zu gewinnen suchen, lim Schlüsse zu ziehen, 
welche doch leicht täuschen konnten, so nöthigl gegenwärtig 
die [Jeberfülle des leichl zugänglichen Materials zu einem 



24 Einleitung. 

anderen Verfahren. Ein Muster der Bearbeitung eines begrenzten 
Gebietes hat Th. Sickel in seiner Lehre von den Urkunden 

■r- 

der ersten Karolinger aufgestellt; in ähnlicher Weise wird die 
Diplomatik der späteren Kaiser und verschiedener Regenten- 
häuser, so wie der römischen Päbste durchzuarbeiten sein. 
Während aber diese Urkunden sehr zerstreut sind, finden sich 
die von weniger hochstehenden Personen oder Corporationen 
und von Privatleuten ausgegangenen massenhaft beisammen, 
und da die Archive heutiges Tages für wissenschaftliche Ar- 
beiten fast überall geöffnet sind, bietet eine an Ort und Stelle 
vorgenommene Vergleichung viel bessere Hülfsmittel zur Prü- 
fung, als die Anwendung allgemeiner Regeln. 

x Yohl geht eine allgemeine Gleichförmigkeit durch das 
ganze Abendland, und namentlich ist das auch der Fall bei der 
Schrift, trotz vielfältiger localer Abweichungen. Auch in den 
älteren diplomatischen Werken, in welchen die Veränderungen 
der Schrift vorzüglich nur als Mittel zur Urkundenkritik be- 
trachtet waren, hatte man doch die ältesten Zeiten sogar in 
übermäfsiger Weise in die Darstellung gezogen, und Bücher- 
liandschriften waren zur Vergleichung und Aushülfe benutzt. 
Mit der feineren Ausbildung der Kritik wuchs die Aufmerksam- 
keit auf Bücherhandschriften, und das früher dürftige Material 
für die Römerzeiten erhielt sehr bedeutende Vermehrungen. 
Mehr und mehr wandte sieh der Geschichte der Schrifl ein 
von der Diplomatik unabhängiges Studium zu. and mit der 
Vervollkommnung der technischer] Hülfsmittel ist der Vorrath 
an vortrefflichen Schriftproben aller Art ganz erstaunlich an- 
gewachsen. 

Ein fiir seine Zeil s<dn- ausgezeichnetes Werk ist von Astle 
Tfo Origvn >ni<l Progröss of writing, L783, und in zweiter Aus- 
gabe L803 erschienen, mil vortrefflichen Kupfertafeln. Sein 
Hauptwerth bestehl jedoch in der ausführlichen Behandlung 
der irischen und angelsächsischen Schrift. Andere Werke, 
«reiche dergleichen abgesonderte Gebiete behandeln, l;iss<-n wir 
hier anüsei \ <■! 1 1 . und beschränke]] uns auf diejenigen, welche 
allgemeinerer Natur Bind. 

In Prankreich wurde durch die Revolution die Congre- 



Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik. 25 

gation der Mauriner zerstört, und es schien sogar, als ob diesen 
mittelalterlichen Studien ein völliges Ende gemacht wäre. Allein 
nach kurzer Unterbrechung hat man sie nur mit um so gröfse- 
rem Eifer wieder aufgenommen. Namentlich hat die 1821 ge- 



stiftete und 1829 erneuerte Ecole des Chart es 1 ) eine unge- 
mein fruchtreiche Wirksamkeit gewonnen und allen anderen 
Ländern ein bis jetzt unerreichtes Vorbild gegeben. Für den 
Gebrauch dieser Schule ist eine grofse Anzahl von Schrift- 
tafeln verfertigt, welche aber nicht im Handel sind und daher 
hier nicht berücksichtigt werden können. 

Die Ecole des Chartes steht in genauester Verbindung mit 
den Archives de FEmpire, und in der hier, in dem schönen 
Hotel de Soubise, veranstalteten Ausstellung findet der franzö- 
sische Paläograph in lehrreichster Weise alles vereinigt, was 
für seinen speciellen Beruf von Wichtigkeit ist zu kennen. 
Daran schliefst sich die mit Schriftproben ausgestattete Publi- 
cation: Musee des archives de Vempire, actes importants de 
Vhistoire de France et aiitographes des hommes celebres, Paris 
1867, 4. 

Als Lehrbuch für den Gebrauch des Archivs liefs der 
Minister Guizot aus dem umfangreichen Werke der Benedic- 
tiner einen kürzeren und übersichtlichen Auszug machen; es 
sind die beiden Eolianten der Elements de Paleographie von 
Natal is de Wailly, Paris 1838._ Der Verfasser hat jedoch 
selbständig gearbeitet; gute Schriftproben erhöhen den Werth 
des Werkes. Im Widerspruch mit dem Titel ist aber aus der 
alten Diplomatik viel chronologisches und sonst zur Behand- 
lung der Urkunden dienliches hineingezogen, und da dem prak- 
tischen Zwecke gemäfs vorzugsweise nur französische Urkunden 
berücksichtigt sind, entspricht für allgemeinere Gesichtspunkte 
oder für die Bedürfnisse deutscher Archivare und Philologen 
die Brauchbarkeit des Werkes nicht seiner Kostspieligkeit. 

Verschiedene Prachtwerke von ausgezeichneter technischer 
Vollendung beschränken sich auf einzelne Schriftgattungen. 



l ) Dio Wechsel volle. Gründungsgeschichte erzählt M. Delpit im ersten 
Band der Bibliotheque de l'täcole des Chartes. 



26 Einleitung 

Hier ist deshalb nur das ganz umfassende Hauptwerk anzu- 
führen, welches leider an wenigen Orten erreichbar und zu- 
gänglich ist, die PaleograpMe V nie er seile, Paris 1841, vier 
Bände im gröfsten Folioformat, welche 500 Thaler kosten. 
Der erste Band enthält orientalische Schriften, der zweite und 
dritte griechische und lateinische, der vierte verschiedene 
Nationalschriften. Die in Farben ausgeführten Nachbildungen 
der Handschriften von Silvestre sind von aufserordentlicher 
Schönheit; von den Prachtwerken der alten Mmiatoren erhalten 
wir hier die lebendigste Anschauung. Dagegen vermifst man 
einzelne für die Geschichte der Schrift wichtige, nur aus un- 
vollkommenen Proben bekannte Handschriften, deren Nachbil- 
dung man gern hier finden würde. Der von Champollion- 
Figeac und Aime Champollion Fils besorgte Text ist sehr 
ungenügend. 

Ziemlich mifsrathen in Plan und Ausführung ist die Pa- 
/<'<><ir(tj)lnf des Classiqiies latins d'ajprss les plus bcanx Manu- 
sortis de ht Biblioiheque Boyale de Paris, par M. A. Cham- 
pollion. Avec une Introduction par M. Champollion- Figcac 
Einzelne Tafeln sind freilich vorzüglich, aber nicht alle, und 
der Text ist ohne allen wissenschaftlichen Werth. 

Ein sehr bequemes und viel verbreitetes Handbuch ist von 
C hassant: Paleographie des Chartcs et des Manuscrits da 11. 
au 17. siecle, 1839 zuerst und seitdem in mehreren Ausgaben 
erschienen. In kleinem Format, mit 10 hübschen Tafeln, ist 
es für den Zeitraum, welcher praktisch am meisten in Betracht 
kommt, Behr brauchbar und zum Privatstudium zu empfehlen, 
obgleich es rechl oberflächlich und nicht frei von Fehlern ist. 
Der Verfasser beschränkt sich auf Urkunden, indem er nicht 
mit Unrecht Bagt, dafs, wer diese lesen könne, auch mit den 
Büchern fertig werde. Er gehl vom L 7.. Jahrhundert rückwärts, 
und lül'st die schwierigen älteren Zeiten mit ihren Uebergang- 
schriften fortj daher fehfi jede geschichtliche Entwickelung der 
Formen und dm' Abkürzungen, welche doch allein Sicherheil 
giebl und sieh leichter dem Gredächtniis einprägt. Hier er- 
scheint alles willkürlich, und bleibt daher reines Gedächtnifs- 
werk. 



Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik. 27 

Gleiche Vorzüge und Schwächen hat desselben Verfassers 
Dictionnaire des Äbrcviations latines et frangaises usitees clans 
les Inscriptions lapidaires et metalliques , les manuscrits et les 
elfhartes du Moyen Ag'e, in zweiter Auflage 1862 erschienen. 
Bedauerlich ist, dafs für QM nach einander die Bedeutungen 
quum, quoniam, qaomodo angegeben sind, da doch qaum den 
Handschriften des Alterthums ganz fremd ist, im Mittelalter 
selten vorkommt, 1 ) aber anders abgekürzt wurde, während qm 
immer quoniam zu lesen ist. Es ist also dadurch ein ohnehin 
schon eingewurzelter Irrthum noch mehr befestigt. 

In Italien erschienen von Pietro Datta Lezioni di Pa- 
leografia e di critiea diplomatica sui documenti della Monarchie/, 
di Savoia, Torino 1834, mit einigen Schriftproben. Der Zweck 
des Buches ist zu eng begrenzt, als dafs es eine allgemeinere 
Bedeutung in Anspruch nehmen könnte. Eine Erwähnung ver- 
dient noch das Programma delV Imperial- Real Seuola di 
Paleografia in Venezia, pubblicato alla fine delT anno scolastico 
1861 — 1862, da B. Cecch etti^ Venezia 1862 in foglio, mit 
8 Tafeln, welche schöne Proben von Urkunden enthalten. Die 
älteste Urkunde ist ein Testament aus Triest, vom 26. April, 
Imp. Lothario a. 30. Hlodouui filio eius a. 6. d. h. 850. Kaum 
sollte man es glauben und für möglich halten, dafs der Her- 
ausgeber anstatt dessen an die letzten französischen Karolinger 
denkt, welche doch mit Italien gar nichts zu schaffen hatten, 
und die Urkunde deshalb in das Jahr 984 setzt. Die folgen- 
den Proben beginnen mit dem Jahre 1060. 

Mit grofsem Fleifs gearbeitet, aber ganz nach altem Zu- 
sei ii litt, mit geringer Kenntnifs der neueren Litteratur und ohne 
ausreichende Belege, ist das Buch von Gloria, Compend'm 
delle lezioni teorieo-pratiche di Paleografia c Diplomatica, 
Padova 1870. Viele, zum Theil unbrauchbare Tafeln sind aus 
dein Xouveau Traite entlehnt, eine Anzahl vortrefflicher eigener 
aus Paduaner Archiven hinzugefügt. 

Aus England ist als umfassendes Werk J. 0. Wcst- 
wood's Pälaeographia Sacra Pictoria, or select illustrations of 



') s. lliih] im Rhein. Museum f. Philologie XXV111, 640. 



28 Einleitung. 

ancient illuminated biblical Manuscripts, Lond. gr. 4. 1845, 
mit 50 unter der Leitung von Owen Jones ausgeführten Tafeln, 
anzuführen wegen der ausgezeichnet schönen farbigen Proben 
aus christlichen Prachthandschriften. Das für die Geschichte 
der Initialen sehr lehrreiche Werk von Tyinms und Wyatt: 
The Art of IUuminating (Lond. 18(30) wird später noch beson- 
ders zu erwähnen sein. In neuester Zeit hat sich in London 
die Palaeographical Society gebildet und bis jetzt drei Hefte 
ausgezeichneter Schriftproben autotypiert herausgegeben. Es 
sind griechische und lateinische, ohne systematische Anordnung, 
mit kurzem, aber für die wesentlichsten Fragen genügendem 
Texte. Der Custos der Manuscripte im British Museum, E. A. 
Bond, führt den Vorsitz und sein Gehülfe E. M. Thompson 
ist der Schriftführer der Gesellschaft. 1 ) 

In Deutschland erschien 1825 ein, vorzüglich aus deE 
Schätzen der Wolfenbütteler Bibliothek geschöpftes, recht nütz- 
liches Buch von F. A. Fl» ort: Zur HandschHftenkwnde, welches 
zuerst die Bücherhandschriften abgesondert ins Auge fafst, aber 
sehr in allgemeinen Umrissen gehalten ist. 

IL Hoffmann (von Fallersleben) liefs 1831 in Breslau 
einen Leitfaden zu Vorlesungen drucken, unter dem Titel: 
Handschriftenkunde für Deutschland, Damals bei dem Mangel 
an Hülfsmitteln willkommen, obgleich nur in ganz knappen 
Firnissen gehalten, nnifs doch jetzt nach den vielen Entdec- 
kungen aus ältester Zeit, nach der Veröffentlichung zahlloser 
Schriftproben und Beschreibungen von Handschriften, dieser 
Leitfaden als veraltet bezeichnet werden. 

Durch reichliche Beigaben guter Schrifbtafeln zeichnete 
sich «las Unternehmen der Monnmmtft G-ennaniae historica 
aus, und diese Proben sind um so werthvoller, weil ein grofser 
Tlieil derselben sich bestimmt daueren läist. Diese Vorbilder, 
and überhaupt die Lebhaftere Beschäftigung mit mittelalterlichen 
Manuscripten haben der Paläographie einen neuen Aufschwung 

Ihh. und es war sehr erwünschl und willkommen, dafs 
Pertz die Schrifttafeln auch in einer abgesonderten Ausgabe 

') \ •_■! i.it ( entralbl i>ti 8 667 



Die neue Zeit. Scheidung der Paläographie von der Diplomatik. 29 

erscheinen liefs. Diese liegen jetzt in zehn Heften abgeschlossen 
vor und bieten ein reiches Material zum Studium. Dafs es 
demselben freilich an systematischer Zusammenstellung sowohl 
wie an Vollständigkeit fehlt, bringt die Art der Entstehung 
mit sich. 

Im Jahr 1833 liefs der Bamberger Bibliothekar J. J. Jäck 
einige Hefte in grofsem Format erscheinen unter dem Titel: 
Viele Alphabete und ganze Schriftmuster vom 8. bis zum 
16. Jahrhundert aus den Handschriften, der öffentlichen Biblio- 
thek zu Bamberg. Einige der Proben sind recht schön, dem 
Ganzen aber mangelt es an richtiger Auswahl und Anordnung, 
so wie an einem brauchbaren Text. 

Noch unvollendet ist das grofse photographische Pracht- 
werk von Th. Sickel : Monumenta Graphica Medii Aevi, ex 
Archivis et Bibliothecis Imperii Austriaci collecta. Edita iussu 
atque auspiciis Minis terii Cultus et Publicae Institutionis. 1858 ff. 
Für die paläbgraphische Schule in Wien von grofsem Werthe, 
ist es seiner Kostspieligkeit wegen auswärts wenig zugänglich, 
und mehr dem Forscher als dem lernenden Anfänger nützlich. 
Vollständigkeit und Gleichmäfsigkeit in den verschiedenen 
Schriftgattungen verbietet auch hier der locale Ursprung. Viele 
der mitgetheilten Texte und Urkunden sind in verschiedener 
Hinsicht merkwürdig und regen Fragen an, auf welche bis 
jetzt jede Antwort fehlt. Ich wenigstens kann nicht umhin, 
es für die Pflicht eines jeden Herausgebers von Schriftproben 
zu halten, ihnen die Erläuterungen beizufügen, welche ihm 
leicht zugänglich, für den Benutzer oft geradezu unerreichbar 
sind. Für den Anfänger namentlich haben Tafeln ohne Text 
kaum halben Werth. Doch zu den Monumenta Graphica wird 
hoffentlich mit der Zeit ein erläuternder, nach Umständen 
kritischer Text noch nachfolgen, denn die blofse Umschreibung 
genügt durchaus nicht. 

Anders verhält es sich mit den, ebenfalls von Professor 
Sickel herausgegebenen Schrifttafeln ans dein "Nachlasse von 
U. F. von Kopp, Wien bei C. Gerold's Sohn. Es sind L5 Ta- 
feln nach Karolingischen Diplomen von 753 bis 820 verbunden 
mit Kanzlerunterschriften und Nachbildungen der Siegel, welche 



30 Einleitung. 

Sickel selbst besorgt hat. Dieses Werk steht in genauer Be- 
ziehung zu Sickel's Urkundenlehre der Karolinger und bedarf 
deshalb keines eigenen Textes; es gewährt für dieses wichtige 
Gebiet ein sehr werthvolles Hülfsmittel. 

Für die genauere Kenntnifs der ältesten Capital- und 
Uncialschrift wird eine von Dr. Zangemeister und mir ver- 
anstaltete Sammlung reiches Material bieten. Alle die bis 
jetzt genannten Publicationen entsprechen nicht dem Bedürf- 
nisse des Unterrichts, wo nur durch eine ansehnliche Zahl 
gleicher Vorlagen es möglich ist, gleichzeitig eine Mehrheit 
von Schülern zu beschäftigen; auch für eigenes Studium fehlt 
systematische Vollständigkeit oder ein anleitender Text. Die 
in Güttingen von Prof. W. Müller besorgten Tafeln sind so 
wenig wie Jaffe's vier Tafeln in den Buchhandel gegeben, 
und beide entbehren, wie der sogenannte Kopp'sche Apparat, 
welcher von der Berliner Universitätsbibliothek zu beziehen 
ist, des erläuternden Textes. Dagegen hat jetzt Willi. Arndt 
durch die Schrißtafeln zum Gebrauch bei Vorlesungen und zum 
Selbstunterricht (Berl. 1874, Photolithogr. der Gebr. Burohard) 
endlich ein Hülfsmittel geboten, welches bis dahin immer 
schmerzlich vermifsl war. Die starke Nachfrage macht schon 
eine neue Auflage nöthig, und es ist sehr zu wünschen, dafe 
der Verfasser auch durch eine Fortsetzung noch eine gröfsere 
Fülle \<>n [Jebungstücken für die spätere Zeit darbiete, deren 
Schriften am häufigsten vorkommen und oft schwer zu lesen 
Bind. 1 ) 

Für die Geschichte der Schrift, die wechselnde Gestaltung 
d<-r einzelnen Buchstaben, das Verständnüs der Abkürzungen, 
habe ich durch meine Anld/miy zur lateinischen Palaeographie 
(Leipzig bei 8. Hirzel l s <'>'.». zweite Aufl. L872) dein Bedürf- 
nisse des Lernenden entgegen zu kommen versucht, so weit es 
ohne Tafeln mit Hülfe der Autographie möglich war. 






') \<_'l. Lit Centralbl. L87Ö S, 86. Dagegen mufa das an prucha 
volle Diplomatisch ABC von l>r. Franz Sanier (Stuttg L874) leider 
ii ganz verfehlt bezeichnet irerden. 



Griechische Paläographie. 31 

§.5. 
Griechische Paläographie. 

Es liegt in der Natur der Dinge, dafs von der griechischen 
Paläographie bisher noch nicht die Rede gewesen ist. Nicht 
allein hat man viel später angefangen sich mit dieser zu be- 
schäftigen, sondern es blieb auch das von Montfaucon aufge- 
stellte Meisterwerk lange Zeit in völlig einsamer Gröfse, und 
erst ein Jahrhundert später finden wir wieder Werke über 
diesen Gegenstand zu verzeichnen. Während der ganzen Zeit 
lebhaftester Thätigkeit auf dem Gebiete der Diplomatik blieb 
das Gebiet der griechischen Paläographie unberührt. 

Auch hier sind es die Benedictiner von St. Maur, 
welchen wir die Begründung der Wissenschaft verdanken. Es 
bezeichnet einen neuen Fortschritt in ihrer gelehrten Thätig- 
keit, dafs sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den 
Beschlufs fafsten, auch die griechischen Kirchenväter in den 
Kreis ihrer Arbeiten zu ziehen, und geeignete Mitglieder ihres 
Ordens für dieses Fach zu bestimmen, ihnen die zweckmäfsige 
Vorbildung zu Tbeil werden zu lassen. Zu den ersten Mau- 
rinern, welche für diese neue Aufgabe ausgewählt wurden, ge- 
hörte Dom Bernard de Montfaucon. Sohn Timoleons von 
Montfaucon, Herrn von Roquetaillade und Conillac im Sprengel 
von Aletb, wurde er 1655 geboren, und zeichnete sich schon 
früh durch sein aufserordentliches Gedächtnifs aus. Er war 
zum Kriegsdienst bestimmt, aber in Folge einer Krankheit 
wandte er sich dem geistlichen Stande zu und empfing 167G 
nach dem Tode seiner Eltern bei den Benedictinern in Toulouse 
das Ordenskleid. Seine gelehrten Arbeiten zogen bald die Auf- 
merksamkeit der Oberen auf sich, er wurde nach Bordeaux und 
1687 nach Paris berufen, wo er sich vorzüglich der Bearbei- 
tung der griechischen Kirchenväter zuwandte. Seine Kenner- 
schaft auf diesem Gebiete bewährte er Biegreich den neidischen 
Italienern gegenüber auf der Reise, welche er 1698 mit Dom 
Paul Brioys unternahm; eine Zeit Lang war er Geschäftsträger 



32 Einleitung. 

der Congregation in Rom. verliefs aber 1701 diesen Posten, 
um sich ganz seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. 
Im Jahre 1719 in die Akademie aufgenommen, starb er am 
21. December 1741. Von seinen zahlreichen und bedeutenden 
Werken erwähne ich hier nur die 1708 erschienene Pahim- 
grapkia Graeca, ein Meisterwerk nicht nur, sondern auch bis 
jetzt das einzige umfassende systematische Werk über diesen 
Gegenstand. Vollkommen mustergültig für seine Zeit und jedem, 
der sich mit diesem Fach beschäftigt, unentbehrlich, ist es nur 
in Bezug auf die ältesten Schriftgattungen durch die Ent- 
deckungen der neueren Zeit ungenügend geworden. Anderer- 
seits hatte er es nicht für nöthig gehalten, auf die Schreibart 
der letzten Jahrhunderte des Mittelalters ausführlich einzugehen 
und auch von dieser Proben mitzutheilen. 

Einige Ergänzungen gab Montfaucon selbst 1715 in der 
nicht minder ausgezeichneten Bibliotheoa Coisliniana olim Se- 
gueriana, sive Manuscriptorum omnium Graecorum, quae in ea 
conti nentur, accurata descriptio. Diese sehr reichhaltige Bi- 
bliothek gehörte damals dem Herzog von Coislin, Bischof von 
Metz, und wurde als dessen Geschenk 1782 mit der Bibliothek 
von Saint-Germain-de8-Pres vereinigt. 

Einen Auszug aus Montfaucon's Paläographie mit Benutzung 
der Bandschriften seines Klosters, gab 1735 Dom (Jregorio, 
Mönch in (irottaferrata. 1 ) 

Sehr scharfsinnige und lehrreiche Untersuchungen mit be- 
Bonderer Beachtung (\^v am häufigsten vorkommenden Ver- 
wechselungen und [rrthümer sowohl der alten Schreiber wie 
d<-r modernen Herausgeber, hat Friedrich Jakob Basl an- 
gestellt; sie finden sich zusammengestellt in seiner Commen- 
tatio palaeographica cum tabulis aeneis VII. bei Schäfer's Aus- 
gabe de Gh goriue Corinthius, Lipsiae L811, p. 701 861. cf, 
jt. 914 938. Sorgfaltiges Studium derselben ist für jeden 
Herausgeber griechischer Autoren unerläfslich, und eine neue, 



') Epitome ßraecae Palaeographiae ei dissertatio de reeta Graeci 
pronunciatione, auetore i> Gregorio Placentino hieromonacho 
i i). s. Basilii. i;. .lim. 1785, 1. 



Griechische Paläographie. 33 

abgesonderte Ausgabe der Commentatio wäre sehr zu wünschen. 
Einen Auszug daraus, in welchem die erklärten und besproche- 
nen Zeichnungen alphabetisch geordnet sind, hat Hodgkin 
gemacht: Excerpta ex Bastii Gommentatione, Oxonii 1835. 

Aehnlicher Art ist die Epistola critica ad J. F. Boissonaäe, 
1831, von Ch. Walz, worin ebenfalls besonders auf die häufig 
vorkommenden Verwechselungen, namentlich der Präpositionen, 
aufmerksam gemacht ist. 

Sehr gründlich und lehrreich sind die Untersuchungen des 
Freiburger Professors Job. Leonhard Hug über die Hand- 
schriften des Neuen Testaments in seiner Einleitung in die 
Schriften des N. T. (4. Auflage 1847). Bedeutend erweitert 
ist dann unsere Kenntnifs der ältesten Schrift, von welcher 
Montfaucon noch so wenig Kunde hatte, sowohl durch die in 
Herculaneum und in Aegypten gefundenen Papyrus, wie durch 
die Untersuchungen und Entdeckungen von Constantin 
Tisch endorf, welcher auch eine umfassende Paläographie in 
Aussicht gestellt hat, aber vor der Einlösung dieses Versprechens 
gestorben ist. Seine Schriftproben sind an Schönheit und Treue 
unübertroffen. Vorzüglich hervorzuheben ist die ausführliche 
Einleitung zu seinem Novum Testamentum Graece, Ed. VII. 
critica maior, Lips. 1859, und das Vorwort der Ausgabe des 
Sinaiticus mit der Uebersicht ältester Uncialschriften auf Tab. 
XX. XXI, sowie die Prolegomena der Monumenta Sacra Inedita, 
Lips. 1846, Collectio nova I— VI. 1855 — 1869; ferner dir 
Anecdota Sacra et Profana, Ed. IL Lips. 1861. 

Die sehr lehrreichen, paläographisch höchst wichtigen Ar- 
beiten über alte griechische Cursivschrift sind in meiner An- 
leitung zur griechischen Paläographie erwähnt. 

Eine vortreffliche Reihe datierter Schriftproben von 905 
bis 1470 findet sich in dem Katalog der griechischen Hand- 
schriften der Marcusbibliothek zu Venedig von Zanetti (Graeea 
Divi Marci Bibliotheca 1740 f.) 1 ). Ziemlich unvollkommene 



') Einige ausgezeichnete Photographieen griechischer Handschriften, 

welche Herr Dr. A. von Velsen besorgt hat, darunter von der Hias mit 
den Scholien, sind durch die Münster'sche Buchhandlung in Venedig zu 
beziehen. 

W ,-i tten I' :i c li , Schrift u e len. '. Auii , 3 



34 Einleitung. 

Proben enthält der Catalogns bibliothecae Mediceo-Laurentianae 
von Bi sei oni (1752 f.), bessere der grofse Katalog von Ban- 
dini. Sehr schöne, doch nach Tischendorfs Behauptung fehler- 
hafte Blätter giebt Silvestre im zweiten Bande seiner Paleo- 
graphie universelle; vorzügliche sind auch im Catalogue of 
Manu8cripts in the British Museum, I, 2. Burney Manuscripts, 
1840. 

Mancherlei findet sich in dem grofsen Werke von Seroux 
d'Agincourt: Histoire de VArt par les Monumens, wo Vol. V. 
pl. 81 Alphabete vom 8. bis 13. Jahrhundert gegeben sind. 

Dankenswerth ist die von Fr. Wilken veranstaltete Samm- 
lung von Schriftproben nach Pariser und Heidelberger Hand- 
schriften auf 11 Blättern, deren Kupfertafelt] die Berliner 
Universitätsbibliothek besitzt, von welcher Abdrücke zu erhalten 
sind. Zu wünschen wäre die Beigabe eines erläuternden Textes. 

Ein werthvolles Werk haben wir aus Moskau erhalten: 
Specimina palaeographica codiewn Graecorum et Slavonicorum 
bibliothecae Mosquensis Synodalis, saecul. VI — XVII. Edidit 
Sabas episcopus Mosjaisky. Mosq. 1863. 4. In Commission bei 
Kittler in Leipzig. Vgl. die Recension von Tischendorf im Lit. 
Centralblatt 18G4 Sp. 548 — 550. Leider ist durch die unzer- 
trennliche Verbindung mit slavonischen Schriftproben der Preis 
auf 8 Thlr. gesteigert und dadurch eine gröfsere Verbreitung 
gehindert Auch sind die Schrifttafeln freilich vortrefflich und 
von 880 l»i^ L630 datiert, aber von geringen) Umfang, und der 
Texl beschränkt sieh fast ganz auf die Wiedergabe (\^v faesi- 
milierten stellen. Die 2 Tafeln mil Alphabeten und 5 mit 
Abbreviaturen sind weniger gut gelungen. Endlich bringen 
nun auch die Publical innen der Pa laeogra |> li i ca 1 Society 
(oben S. 28) ausgezeichnete Proben griechischer Schrift. 

An einer Bearbeitung der griechischen Paläographie seil 
Montfftucon aber fehll es gänzlich, während doch dessen Werk 
Bchon wegen der vielen neuen Entdeckungen nicht mehr als 
ausreichend betrachtel werden kann. Deshalb habe ich ver- 
sucht, dem dringendsten Bedürfnifa zu geniigen durch meine 
Anleitung zur griechischen Paläographie, Leipzig bei S. Hirzel 
1867, 1. Damit Bind 12 Schrifttafeln nach Heidelberger Hand- 



Griechische Paläographie. 35 

Schriften verbunden, welche für die gewöhnlich vorkommenden 
Aufgaben einigermafsen ausreichen. Für die älteren Perioden 
der Schrift fehlte es dort an Material; praktisch tritt auch für 
diese ein Bedürfnifs nicht häufig ein, und die zahlreich vor- 
handenen Schriftproben sind leicht zu finden. Die Verän- 
derungen der einzelnen Buchstaben aber habe ich durch auto- 
graphische Nachbildung, hier wie in der Anleitung zur latei- 
nischen Paläographie, anschaulich zu machen gesucht und zur 
Auflösung der Abkürzungen Nachweise gegeben, welche in das 
System der alten Schreiber einzuführen bestimmt sind. 



Das Scliriftwesen des Mittelalters. 



Der Geschichte der Schrift selbst geht nach wohlbegrün- 
detem altem Herkommen eine Geschichte des Schriftwesens 
voraus, in welcher verschiedene, auch für die Kritik nicht un- 
wichtige Gegenstände zur Besprechung kommen, und zahlreiche 
technische Ausdrücke Erläuterung finden. 

Aufser den betreffenden Abschnitten der allgemeinen Werke 
und dem älteren Buche von S. C. G. Schwarz de ornamentis 
librorum ei varia rei Ubrariae ueterum supellectile, ed. Leusch- 
ner, Lips. 1756, 4, ist hier noch besonders zn erwähnen das 
Wirk über das Bücherwesen im Alterthum von H. Geraud: 
Essai sur les /irres dans Vantiquite, particulierement ehr:: /es 
Romains, Paris 1840, welches nach den Vorträgen von Guerard 
in der Ecole des Chartes gearbeitet ist. Ferner mit Abbil- 
dungen Guhl und Koner. Das Leben der Griechen und "Römer 
nach antiken Bildwerken, welches jetzt in vierter Auflage er- 
scheint, in den betreffenden Abschnitten. Vorzüglich aber kann 
ich jetzl verweisen auf J. Marquardt's Römische Privatalter- 
thümer, Leipzig 1867, II. 382 Ins 421; für Griechenland auch 
auf K. F, Hermann, Lehrbuch der <iri<<-//. Privatalterfhüfner, 
in der -2. Au-, von B. Stark L870, § :>r). 5. 21. 45, L3. 50, 'S.). 

Denn nur in so fern die antiken Gewohnheiten und Ans- 
drücke im Mittelalter fortlebten, mal in ^<» weil ihre Kenntnifs 
für »Im uns noch erhaltenen Handschriften von Wichtigkeil ist, 
nehme ich auf die alte weit <|er Griechen und Römer Rück- 
sicht, während eine vollständige Darstellung ihres Schreibwesens 
im- zu weil fuhren würde. 



Schreibstoffe. 37 

Vielerlei Notizen aus allen Zeiten, doch ohne rechte Kritik 
und Auswahl, finden sich zusammengestellt in dem Buch von 
Ludovic Laianne: Curiosites Mbliographiques, Paris 1857. 

Sehr dankenswerth ist die Uebersioht über ein begrenztes 
Gebiet, im ausdrücklichen Anschlufs an das vorliegende Buch, 
von L. Rockinger: Zum baier ischen Schriftivesen im Mittel- 
alter. Aus den Abhandlungen der k. bayer. Akad. d. Wiss. 
III. Classe, XII, 1 und 2. Und in ähnlicher Art das Werk 
von Albin Czerny: Die Bibliothek des Chorherrenstiftes St. 
Florian, Linz 1874. 

I. 
Schreib stoffe. 

Ausführlich handelt davon G. F. Wehrs: Vom Papier, 
den vor der Erfindung desselben üblich gewesenen Schreib- 
massen und sonstigen Schreibmaterialien, Halle 1789, mit 
Supplementen, Hannover 1790. Hier so wie gleichfalls in den 
betreffenden Abschnitten der diplomatischen Lehrbücher, wer- 
den alle Stoffe aufgezählt, auf welchen man jemals aus Noth 
oder Liebhaberei geschrieben hat. Wir wollen uns dabei nicht 
aufhalten, sondern überlassen die libri lintei u. dgl. mehr den 
Antiquitäten, Petrarca's Lederwamms, auf welchem er seine 
Gedanken aufschrieb um sie festzuhalten, den Curiositäten, und 
beschränken uns auf diejenigen Stoffe, welche für die Schreib- 
kunde des Mittelalters von wirklicher Bedeutung sind. 1 ) 

1. Stein und Metall. 

Auch das Gebiet der Epigraphik und Numismatik wollen 
wir unberührt lassen. Es walten da besondere Gesetze, welche 
durch die Natur des Materials bestimmt werden. Eine Epi- 
graphik des Mittelalters fehlt zwar und wir können nur wün- 
schen, dafs bald einmal jemand diese Aufgabe sich stellen 



') Eine sehr hübsche populäre Darstellung ist: Le Papier dans 
rantiquite* et dans les temps modernus, apercu historique par E. Egger, 
Membre de llnstitut. Paris, I,. Hachette, L866. 



3g Sckreibstoffe. 

möge, da für die Zeitbestimmung mancher Denkmäler eine 
solche Untersuchung von Wichtigkeit ist; allein sie ist sehr 
umfangreich, da man notwendiger Weise die verschiedenen 
Länder und Gegenden gleichmäßig berücksichtigen müfste und 
sehr verschiedene Formen gleichzeitig gebräuchlich waren. 

Wenn wir nun aber auch die eigentlichen Inschriften auf 
Stein und Metall ausschliefsen müssen, so können wir doch 
unmöglich diejenige Form von Urkunden unerwähnt lassen, 
von welcher die ganze Disciplin der Diplomatik ihren Namen 
erhalten hat, die Diplome nämlich, deren Benennung man 
später auf alle öffentlichen Urkunden übertragen hat. Wir 
dürfen sie um so weniger übergehen, da die paläographisch so 
wichtigen Wachstafeln von ihnen nicht zu trennen sind. 

Man hat jetzt schon an 60 Bürgerschaftsbriefe römischer 
Veteranen gefunden, welche gewöhnlich tabuläe honesta? mis- 
sionis, jetzt aber richtiger Militärdiplome genannt werden; 1 ) 
sie sind auf je zwei Bronzetafeln geschrieben, welche auf der 
einen Langseite durch Ringe verbunden waren. Der authen- 
tische Text steht auf den inneren Seiten; auf den äufseren 
derselbe noch einmal nebst den Namen der 7 Zeugen. Durch 
zwei Löcher in der Mitte war ein dünner dreifach zusammen 
gewundener Draht gezogen und um das Diplom gewickelt; in 
der Mitte der Rückseite, wo die Enden zusammentrafen, war 
er mit Wachs bedeckt und trug die Siegel der daneben ge- 
schriebeneD Zeugen. Die angeführten Stellen alter Juristen 
sprechen freilich immer von Mnum, allein bei dem Weiftenbur- 
ger Diplom ist der dreifache Draht vollständig erhalten. Ein 
darüber befestigter Blechstreifen schützte die Siegel vor Be- 
schädigung; besonders deutlich ist dieser in Form einer halb- 
runden Röhre auf der Abbildung bei Maftei, Istoria dipL p. 30, 
und etwas mehr abgeplattet bei dem Weifsenburger Diplom. 

Wenn also etwa einmal gegen die äufsere Schrift ein Ver- 
dacht der Fälschung entstand, so konnte durch Entsiegelung 
in, .1 Einsicht der inneren Schrift die Wahrheit festgestellt wer- 



58 In Corpus I» Latt III, 2, doch ohne Abbildung. 



Stein und Metall. 39 

den, ohne dafs man erst nöthig hatte, die in Rom am Tempel 
des Augnstus befestigte Originaltafel einzusehen. 

Merkwürdiger Weise haben uns auch die Ausgrabungen in 
Mesopotamien dasselbe System schon aus uralter Zeit kennen 
gelehrt, indem die mit einem Siegel-Abdruck versehenen chal- 
däischen Thonplatten, vermuthlich Contracte, einen ganz dünnen 
Ueberzug von Thon mit dem gleichen Texte haben. J ) 

Vorzügliche Abbildungen solcher römischer Diplome ge- 
währen die 25 von Camesina auf Stein gezeichneten Tafeln 
zu Arneth's Abhandlung: Zwölf römische Militär- Diplome, 
Wien 1843. Ferner die Tafeln zu Arneth's Archäologischen 
Analecten und zu Ed. v. Sacken's Bericht über die neuesten 
Funde zu Carnuntum, im 11. Bande der Sitzungsberichte der 
Wiener Akademie. Neuerdings hat das bei Weifsenburg ge- 
fundene Militärdiplom dem Prof. W. Christ Veranlassung ge- 
geben, diesen Gegenstand von neuem eingehend zu behandeln, 
in den Sitzungsberichten der k. bayerischen Akademie 1868, 
Band 2, S. 409 ff. Vgl. übrigens Becker-Marquardt III, 2, 431. 
Die Schrift dieser Diplome ist eine zierliche Capitalschrift ke£L 
Art der Inschriften. 

Aus dem Mittelalter hat man dergleichen Diplome nicht, 
wohl aber Urkunden auf Stein und Erz, in denen wir wohl 
eine Fortwirkung antiker Sitte erkennen dürfen. A. Deloye 
in seiner Abhandlung Des Chartes lapidaires en France (Bibl. 
de l'Ecole des Chartes II, 3, 31 — 42) unterscheidet nicht hin- 
länglich zwischen Urkunden, welche nur in Stein und Metall 
zur Schau gestellt wurden, und solchen, die von Anfang an zu 
solcher Bekanntmachung bestimmt, oder nur in solcher Gestalt 
vorhanden waren. Dahin scheint die Urkunde des Bischofs 
Johann von Orleans aus dem Ende des 11. Jahrhunderts über 
eine Freilassung zu gehören, welche in den Thürpfosten der 
Kreuzkirche eingehauen ist und schliefst: teste hac saneta epclesia 
(Mab. Ann. 0. S. B. Y, 533). Auch die von Deloye S. 39 mit- 
getheilte Verkündigung einer Schenkung aus Pierrelattc bei 






') George Kawlinsoii, The live great Monarehies o-f the East, I, 

85-87. 



4< ) Schreibstoffe. 

Montelimart mag wirklich als Urkunde gedient haben, wahrend 
die Inschrift aus S. Maria Mäggiore in Rom bei Marini, Pap. 
dipL l). XCI. ausdrücklich bezeugt, dafs sie aus den authen- 
tischen Schriften entnommen ist. In Civita Castellana befinden 
sich, wie Gregor ovius berichtet (Wanderjakre IV, 62), in der 
Vorhalle der Kirche alte Inschriften, die älteste über eine 
Schenkung an die Kirche aus dem neunten Jahrhundert, Ur- 
kundlichen Charakter hat auch an der römischen Kirche SS. 
Giovanni e Paolo die Bestätigung des in älterem Original auf- 
genommenen Giiterbesitzes durch Gregor VII. 1 ) 

Diesen Urkunden fehlt die Bestätigung durch das Siegel, 
und in den Fällen, wo verliehene Privilegien in Stein oder Erz 
ausgestellt wurden, werden wir annehmen dürfen, dafs ein 
eigentliches Original auf Pergament vorhanden war, auch wo 
der Aussteller selbst eine solche Schaustellung anordnete. So 
verlieh 1105 der König Balduin von Jerusalem den Genucsern 
grofse Privilegien, welche er mit goldenen Buchstaben auf einer 
Steinplatte am h. Grabe aufstellen liefs. 2 ) Die Privilegien. 
+ • ■ 1 -li<- Heinrich V den Speierern 1111 verlieh, liefs er in 
• goldenen Buchstaben auf einer ehernen Tafel über dem Uaupt- 
thore dos Doms aufstellen, und die Bürger haben später die 
Bestätigung durch Friedrich I von L182 hinzugefügt. 15 ) In 
Mainz liefs Erzbischof Adalbert die von ihm 1135 den Bürgern 
verliehenen Freiheiten in die ehernen Thüren des Domes ein- 
graben. 1 ) Die Bürger von Montelimart stellten ihren Freibrief 
von 1198 an ihrer Stadtmauer zur Schau. Die Messinesen 
liefeen die von Heinrich VI ihnen verliehenen Privilegien auf 



') Bibl. de l'ßcole des Chartea XXXIV, 260 266. 
-) Cafari Liberatio Orientis, Mon. Germ. 88. WIM. 48 cf. i». 1'.' 
Heinrich V Bagt: hoc insigne stäbüi <■'<■ materia, ut maneat, com- 
positum, litterü aureis, ut deceat, expoliUm, nostrae imagmis nthr)><>si- 
tione, ni vigeat, corroboratum, in ipmta t>u>i>i< fronte, "/ i><tir/<i . atmi- 
tente nostrorum <>i><i<i ewium constat exposittm. Geber die weiteren 
Schicksale and die «fiederholte Erneuerung der Inschrift berichtet E. C. 
: in de!- Lebensbeschreibung Lehmann's. 

') Spater an die Liebfrauenkirche rersetzt, Bind Bie L804 Ihrer Be- 
mung zurückgegeben, aach Schaab, Gesch. \. .Main/ Q, -'17. 



Stein und Metall. 41 

einer Marmortafel im Hauptschiff des Domes einmauern; sie 
sind aber trotz dieser scheinbaren Beglaubigung gefälscht. x ) 

Der Erzbischof Engelbert von Cöln liefs 1266 die von ihm 
den Juden neu bestätigten Freiheiten in zwei Steintafeln ein- 
graben und diese öffentlich ausstellen, damit sie fortwährend 
beobachtet würden. 2 ) 

Die Bologneser beschlossen 1272 einen Feldzug gegen 
Modena zu unternehmen, und damit es nicht unterbliebe, liefsen 
sie den Beschlufs in Stein hauen und im Gemeindehaus ein- 
mauern, damit der Podesta und der Capitan ihn täglich vor 
Augen hätten. Unterblieben ist aber die Ausführung dennoch. 3 ) 

Als eine einfache Inschrift ist es zu betrachten, wenn der 
Abt Desiderius von Monte Cassino im 11. Jahrhundert das 
Verzeichniis der Besitzungen seines Klosters in die ehernen 
Thüren der Klosterkirche eingraben und die Buchstaben mit 
Silber füllen liefs. 



Dafs man im Alterthum auch Bleitafeln mit Schrift er- 
wähnt findet, ist bekannt genug; so zeigte man z. B. dem Pau- 
sanias (IX, 31, 4) am Helikon Hesiods Werke und Tage auf 
Blei. Man benutzte dieses Material wegen seiner Dauerhaftig- 
keit gerne zu Inschriften, welche in Gräber gelegt werden 
sollten. Eine solche Bleitafel, welche einen Zauberspruch gegen 
böse Geister enthält, merkwürdig durch ihre, etwa dem 6. Jahrb. 
angehörige Cursivschrift, ist in einem Grabe in Dalmatien ge- 
funden, 4 ) eine andere mit magischen Verwünschungen in Con- 
stantine. 5 ) 



') O. Hartwig in den Forschungen zur deutschen Geschichte VI, tili;. 

a ) Et quia i/psi ludet in huiusmodi Ubertatibus merito sunt servanda, 
easdem libertates presenti lapidi msculptas ad perpetuam memoriam in, 
publico aspectü hominwm permisimus collocari. Ennen und Eckertz, 
Quelles zur Geschichte der Stadt Cöln II, 543. Die Tafeln sind jetzt 
in der Schatzkammer des Domes eingemauert. 

8 ) A. Dove, Doppelchronik von Reggio (1*7:5) S. 190. 

4 ) Viestnik narodnoga zemaljskoga Muzeja u Zagrebu 1870 S. 228, 
Tabb. 1 u. 2. Corpus Inscrr. Latt. III, 961. 

'*) Altgebildet in der lllustr. Zeitung 1*72 vom 20. Juli S. 17; 



42 



Schreibstoffe. 



Bei Tafeln, welche die 'Namen hervorragender oder gar 
als heilig verehrter Persönlichkeiten tragen, ist grofse Vorsicht 
und sorgfaltige Unterscheidung notlrw endig, da sie auch bei 
einer früheren Oeffnung des Grabes hineingelegt sein können. 
So scheint es sich mit der Tafel der um 900 verstorbenen 
ersten Aebtissin von Frauenchiemsee zu verhalten. x ) Ursprüng- 
lich dagegen und unverdächtig ist die Grahtafcl des 1048 ver- 
storbenen Abtes Poppo von Stablo, 2 ) des Erzbischofs Adalbert I 
von Mainz, der 1137 gestorben ist. 3 ) Von der Bleitafel, welche 
mit Kaiser Lothar dem Sachsen begraben wurde, berichtet 
Otto von Freising VII, 20, und man hat sie auch wirklich in 
seinem Grabe gefunden. 4 ) Das Epitaph der Kaiserin Beatrix 
(1184) hat Trithemius mitgctheilt, Ann. Hirs. II, 118. 

In Bremen wurde 1420 das grofse Steingrab, welches 
mitten im Dom stand, weggebrochen; man fand die Gräber 
von 6 Erzbischöfen (839—1043) vnde en yeweUck hedde by sich- 
tigen men bligmen breff. Nur der Name und der Todesta- 
standen darauf. 5 ) 

In Breslau wurde 1450 der Rathhausthurm neu gebaut, 
und in den knoivff ist ein czedil in bhy vorworcht, in welchem 
ior und ander loh/icher dinger das gesehen ist, ut ibi Ute 

pal iL ,; ) 

Bei dem hohen Werthc, der auf Reliquien gelegt wurde, 
Lag es nun aber auch sehr nahe, dergleichen Tafeln unterzu- 
schieben, wenn man, was so häufig vorkam, alte Gebeine «»Ihm' 
irgend ein«- Bezeichnung auffand, oder auch, um berühmte Per- 
sonen der Vorzeil Biet anzueignen, Dergleichen kommt schon 
im Alt.Ttlium ror; so erwähnl Pausanias IV. 26 die von Epa- 



,,,, auch die magischen Bleibttcher aus Gräbern bei Montfeucon, Antiq 
expl. II. 2 pl. ITT ... L78. 

■) Abgebildet M I ;«.!<;» II zu S. ll<>- Rockinger S. 6. 

fahrbb, der Alterthumsrreunde im Rheinland XLVI, I 16. 
., Gefunden in der Gothardskapelle des Main/er Doms, beschrieben 
und abgebildet bei Bar, Gesch. der AI. tri Eberbach l. L09 ff. 

!.,ti,.. Geschichte des deutschen Reichs unter Lothar S. 225 
., Lappenberg, Geschichtsquellen des Ersstlftfi Bremen B. 1 18. 
I Zeitschrift des V< Bchles Gesch. Mi- 178. 



Stein und Metall. 43 

miuonclas angeblich nach Anweisung eines Traumes gefundenen 
Weihen der Grofseu Götter auf Ithome, *) und Lucian erzählt, 
wie der Gaukler Alexander und seine Genossen Erztafeln ein- 
gruben, die sie dann wieder auffanden. 2 ) Guibert von Nogent 
(Opp. p. 336) erzählt am Anfang des 12. Jahrhunderts, wie 
der Bischof von Amiens den h. Firmin erheben wollte; er fand 
keinen Buchstaben und liefs deshalb eine Bleitafel machen mit 
der Inschrift: Firmmus Martyr Ambianorum episcopus. Sofort 
veranstalteten die Mönche von Saint- Denis eine gleiche Erhe- 
bung und brachten mit dem Leib des Märtyrers eine membra- 
nida zum Vorschein, welche in der Nase steckte und eine 
ähnliche Inschrift zeigte. Die 1072 in Trier gefundenen Blei- 
tafeln bei vorgeblichen Märtyrern der thebäischen Legion waren 
ohne Zweifel neu angefertigt. 3 ) Nicht besser steht es mit der 
angeblichen Bleitafel des Aurelius in Hirschau, 4 ) und wohl 
auch mit der des Kaisers Arnulf in S. Emmeram. 5 ) Auch die 
Bleitafel der Herzoge Berthold und Heinrich in Niederaltaich 
ist mindestens nicht gleichzeitig. 6 ) 

In Solothurn wurde 1519 im Choraltar des Stifts ein 
steinerner Sarg mit Reliquien gefunden, und in einer Hirn- 
schale ein silberiner Zodell mitt gestämpftenn Buchstabenn in 
latin allso wysennd: 

Conditur hoc sanctus tumulo Thebaydus Urssus. 
Wenn das überhaupt wahr ist, so stammte diese Inschrift von 
einer früheren Erhebung her. 7 ) Aber ein greifbarer Betrug 
ist es, wenn Erzbischof Hugo von Rouen verkündete, clafs auf 
Anzeige eines Eremiten Gaufried nach dessen Visionen am 
2o. Juli 1167 Reliquien gefunden wären, mit einem Zettel, und 



') xaoaitSQOv iXtjXaafievov £g xo Itnxöxaxov. ijtslXiXTp Sh t' : <-mo 
xa ßißXicc. 

2 ) ' AX^avögog /) ipevöofiavtLq c. 10. 

■■'■) s. darüber Waitz, MG. SS. VIII, 114. 

4 ) S. Ad. Helmsdörfer, Forschungen z. Gesch. des Abtes Wilhelm 
v. Hirschau (1874) S. 48. 

•') S. Hirsch, Jahrbb. unter Heinrich II, I, 117. 

,; ) Rockinger, z. baier. Schriftwesen S. 7. 

7 ) Anzeiger f. Schweiz. Gesch. 1872 N. 3. S. 240. 



44 Schreibstoffe. 

für deren Verehrung Ablafs gewährte. *) Angeblich verwitterte 
Bleitafeln aus dem Grabe des h. Valentin in Passau mit dessen 
Legende sind wahrscheinlich nur Fiction, und eben so wenig 
Glauben verdienen die Bleitafeln, mit welchen die Canoniker 
von Haslach und von S. Thomas den Besitz des h. Florentius 
gegen einander zu erweisen suchten. 2 ) Gegen dergleichen 
Tafeln, mögen sie nun von Blei sein oder nicht, wird man also 
immer gut thun sich skeptisch zu verhalten. 

2. Wachstafeln. 

Im Alterthum waren Wachstafeln zum Schreiben in sehr 
allgemeinem Gebrauch. Die Griechen hatten viele Ausdrücke 
dafür: öeÄtog, öetoLov, öeXrlötov, üivxtlov, Jtvglov, jtivag, 
mvaxlq, yQafifUXTtfov ; lat. hiefsen sie tabulae, cerae, welche 
zusammen gelegt und befestigt einen codex oder ccrndex bil- 
deten. Sehr häufig hatten sie ganz dieselbe Einrichtung wie 
die ehernen Diplome, und hiefsen dann öi&vgoc, diptycha, wenn 
sie aber mehrere Tafeln enthielten, triptycha, polyptycha, auch 
duplices, triplices, quinqtiipliccs, 3 ) midtiplices. 

Die Wachstafeln dienten vorzüglich zu Aufzeichnungen von 
vorübergehendem Wcrthe, Rechnungen, Concepten, Briefen, 
Schulübungen, doch auch zu Urkunden. 

In Bezug auf Briefe sagt Festus (p. 359 ed. 0. Müller) 
Tabellis pro chartis utebantur antiqui, quibus nitro cUro, sin 1 
privatim sive publice opus erat, certiores absentes faciebant, 
unde adhuc tabellarii dicuntur et /<<!><'//<<<■ missae ah irüpera- 
toribus. Bei den Griechen setzt die Erzählung Herodot's VII, 
239 von Demaral denselben Gebrauch voraus. Nachdem aber 
später für eigentliche Briefe Papyrus üblich geworden war, 
di"" 4 '- ■••■'a'.'mik' tabellae, auch codicilli und pugillares genannt, 
zu billets, welche durch einen Boten* überbracht wurden, i\w 



') Chronique de Robert de Torigni, par L. Delisle, Ronen L872, 
l . i i \ ■ 1 1 

) - Wattenbach, Geschichtsquellen 3. Aufl. II. 859 

o haben die besten Handschriften In Martialis Epigr, K1V, L; 
andere quim upli 



Wachstafeln. 45 

auf derselben Tafel auch die Antwort zurück zu bringen hatte. 
So schreibt Cicero ad fam. VI, 9: Simul accepi a Seleuco tuo 
litter as, statim quaesivi e Balbo per codiciüos, quid esset in 
lege. Und Seneca ep. 56 schreibt an Lucilius nach dessen 
Abreise: Adeo tecum sum, ut dubitem an ineipiam non epistolas 
sed codiciüos tibi scribere. Sehr bekannt ist die Elegie des 
Properz (III, 22), in welcher er den Verlust seiner Tabellae 
bejammert, die so oft zwischen ihm und seiner Geliebten hin 
und her gewandert waren. Er schätzte sie deshalb hoch, ob- 
gleich sie ganz schmucklos waren: Vulgari buxo sordida cercc 
fuit. Aber sie waren so bekannt, dafs sie Glauben fanden, 
auch wenn sie nicht durch Umwickelung mit einer besiegelten 
Schnur verschlossen waren: 

Has quondam nostris manibus detriverat usus, 

Qui non signatas iussit habere fidem. 
Jetzt befürchtet Properz, dafs irgend ein Geizhals seine Rech- 
nungen darauf schreiben werde: 

Me miserum! his aliquis rationem scribit avarus, 

Et ponit duras inter ephemeridas. 
Die Fortdauer dieses Gebrauches im fünften Jahrhundert 
erhellt aus den Briefen des h. Augustin (ep. 15 al. 113. Opera 
ed. Maur. II, 19); er hatte ungewöhnlicher Weise zu einem 
Briefe Pergament genommen, und entschuldigt sich deshalb 
mit folgenden Worten: Non haec epistola sie inopiam chartae 
indicat, ut membranas saltem abundare testetur. Tabellas ebur- 
neas quas habeo, avuneulo tuo cum litteris misi. Tu enim huic 
pelliculae facilius ignosces, quia differri non potuit quod ei 
scripsi, et tibi non scribere etiam ineptissimum existimavi. Sed 
tabellas, si quae ibi nostrae sunt, propter huiusmodi necessitates 
mittas peto. 

1)<')ls('11h'ii Gebrauch bezeugt auch Augustin's jüngerer 
Zeitgenosse Hilarius von Arles in seiner Gedächtnifsrede auf 
seinen Vorgänger Honoratus (Acta ' SS. Jan. II, 20): Beatus 
Eucherms cum <d> <r<-mo in tabulis ut assolet cera illitis, in 
proxima ab ipso <t lege ns insula, litteras <-ikx xnseepissei: Mel 
inquit suuu/ ceris reddidistis. 

Aus dem Mittelalter weih ich nur ein Beispiel eines sol- 



4G Schreibstoffe. 

chen Briefes anzuführen. Abt Wibald schreibt nämlich 1148 
an den Pabst Eugen: Quac vero post exitum nostrum acta sint, 
ex litt<- ris. quas quidam frater Fuldensis nobis non in Membrana 
seripfas, set in tdbella transmisü, cognoscere potcritis; quas ad 
vestrae sanctitatis pedes transcriptas direximus. Jafle Biblioth. I, 
221. Der Brief konnte in dieser Form nicht gut dem Pabste 
übersandt werden, und war deshalb in Abschrift beigelegt. 

Originale solcher Briefe haben sich, so viel ich weifs, 
nicht erhalten. Dafs überhaupt beschriebene Wachstafeln ans 
dem Altert hum sich erhalten hätten, erschien früher ganz un- 
glaublich, allein die letzten Jahrzehnte haben eine ganz an- 
sehnliche Zahl derselben ans Licht gebracht. In den Gold- 
bergwerken Siebenbürgens hatten viele davon völlig unberührt 
gelegen, nur von mineralischen Wassern benetzt, welche ihre 
unveränderte Erhaltung beförderten. Manche sehen so frisch 
aus, als ob sie eben aus der Hand gelegt wären; nur das 
Wachs, welches schwärzlich oder völlig schwarz ist, hat oft 
Risse bekommen, wodurch die Lesung erschwert wird, besonders 
da, wo die ausgelöschte ältere Schrift noch durchschimmert. 
Im Jahr 1854 wurde ein künstlich verrammelter und zuge- 
schüttet er Römerstollen neu entdeckt, in welchem sich eine 
ansehnliche Anzahl von Wachstafeln befand, aber leider ist der 
gröfste Theil derselben durch Unwissenheit und Ungeschick- 
lichkeit zu Grunde gegangen', wie der um die Alterthümer 
jenes Landes hochverdiente Pfarrer Ackner im Jahrbuch der 
Centralcommission für Erhaltung der Alterthümer I, 18 berichtet. 
Das zuerst in dem Bergwerk von Vörospatak gefundene 
Exemplar hatte lange in der Jankovichischen Sammlung in 
Pesl gelegen, wo mit der völlig anerhörten Schrifl niemand 
etwas anzufangen wuiste, bis endlich Prof. Mafsniann zu Hülfe 

►gen wurde. Er wurde in der Thä1 der Schwierigkeiten 
Herr und gab eine Abbildung riebst Erläuterungen heraus in 
der Schrift: Libellus aurarms sive tabulae ceratae et antiquis- 

tu </ unicae Eomanae, Lips. L840, I. !><t Behr weitschweifige 
Commentar enthält viel gutes Material, Bowohl über Wachs- 
bafeln überhaupt, als auch über diese eigentümliche Schrift, 
zu deren Erklärung riele Beispiele entarteter Schriften aus 



Wachstafeln. 47 

den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zusammen ge- 
gebracht sind. 

Bei dem aufserordentlichen Scharfsinn, welchen Mafsmann 
hier an den Tag gelegt hat, ist es um so schwerer zu begreifen, 
wie er sich gleichzeitig durch ein Paar ganz grob gefälschter 
Tafeln mit griechischer und angeblich dacischer Schrift täuschen 
lassen konnte. Seine eigene Abbildung zeigt die ganz moderne 
griechische Minuskel, und das Original läfst in der elenden 
Technik den Unterschied noch greller hervortreten. 

Diese schlechte Gesellschaft liefs auch die römischen Ta- 
feln verdächtig erscheinen. Natalis de Wailly schrieb dagegen 
im Journal des Savans 1841, p. 555. Silvestre nahm sie in 
sein grofses Werk auf, aber im Text sind sie als supposees 
Romaines bezeichnet. Dagegen vertheidigte Prof. Wenzel die 
Echtheit in Schmidl's Oesterr. Blättern 1844, Band II, S. 33. 
43. 52, und Mafsmann selbst in den Münchener Gelehrten An- 
zeigen 1846. XXII, 49. 

Gegenwärtig hat dieser .Streit seine Bedeutung verloren, 
da nach den neueren Funden die Echtheit gegen jeden Zweifel 
gesichert ist. Auch hat sich seitdem in den ägyptischen Grä- 
bern eine neue Fundstätte eröffnet. 

Im British Museum befinden sich zwei ganz roh gear- 
beitete Holztafeln, deren innere Seite mit einer sehr dünnen 
Schicht von farblosem Wachs überzogen ist. Darauf stehen in 
grofser ziemlich roher Majuskelschrift einige Verse; augen- 
scheinlich war hier einem Dichter sein Conceptbuch mit ins 
Grab gegeben. Diese Tafeln sind abgebildet und erläutert von 
Prof. Rumpf in den Verhandlungen der Würzburger Philologen- 
Versammlung (1869) S. 239—246. 

Andere sind in Paris im Cabinet des Medailles n. 3491, 
gefunden bei einer Mumie in der Gegend von Memphis. Sie 
sind eben so einfach und schmucklos aber kleiner, und bestellen 
aus fünf Blättern, wovon acht Seiten zum Schreiben bestimmt 
waren. Zwei davon enthalten ziemlich ungeschickt geschrie- 
bene Alphabete, die übrigen eine Rechnung; Fr. Lenor- 
ninnt, Lettre ä M. Hase $wr les tablettes Grecques trouvees ä 
Memphis, Revue Archeologique VIII (1852) p. 461. Eeponse 



48 Schreibstoffe. 

de M. Hase, p. 471. Andere von Mariette entdeckte sind 
im Musee du Louvre, noch andere mit demotischer Schrift in 
Liverpool. *) 

Dr. Ahbot in New- York besitzt gar fünf Wachstafeln, 
die nur G Zoll lang und 4 Zoll breit sind. Alle enthalten die- 
selben drei Senare, vermuthlich von Menander, deren Schrift 
auf der einen Tafel schön und genau, auf den andern schlechter 
ist; im Charakter soll sie der Hypericles- Rolle gleichen. Man 
hat also hier mit einem Schreiblehrer seinen ganzen Apparat 
bestattet; unter den Schülerschriften stehen noch Prädicate, 
wie (piXonoveZ. 2 ) Ganz ähnliche mit demselben Prädicat be- 
finden sich in Marseille; daselbst auch eine Holztafel, auf wel- 
cher derselbe Schreiber Avo/jfooq ßeodojgog l4povßicovoG mit 
Dinte um das Jahr 300 p. Ch. geschrieben hat. 3 ) 

Endlich hat sich in den Siebenbürger Goldbergwerken 
auch das letzte Blatt einer griechischen Urkunde aus der Mitte 
des zweiten Jahrhunderts p. Ch. erhalten, welches Dr. Detlefsen 
1858 in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XX MI. 
89 — 108 mit grofsem Scharfsinn entziffert und erläutert hat. 

Lateinische Wachstafeln besitzen wir nur aus dieser 
Quelle; alle sind gerichtliche Urkunden in der Form der früher 
beschriebenen Diplome, nur mit dem Unterschied, dafs es mei- 
stens Triptycha sind. Die von Mafsmann schon 1840 gele- 
senen, deren Inhalt Th. Momrasen 1843 in seiner Dissertation 
De collegiis et sodaliciis "Romanorum \rerwerthete, enthalten die 
Anzeige der Auflösung einer Legräbnifskasse wegen der zu ge- 
ringen Zahl der Theilnehmer, vom Jahr 167 p. Ch. 



') Du Mrril, Ktmles p. 89. 506. Nicht zugänglich war mir der 
Catalogue des manuscrits 6gyptiens Berits Bur papyrus, toile, tablettes et 
ostraca, en caracterea hiärojjflyphiquea, hi^ratiques, d^motiques, grecs, 
coptes, arabea et latins, qui ><»ut conaerväa au musee ägyptieu du Louvre, 
Paris 1872, vmi Thäod. Deveria. 

■) Welcker im Rhein. Mus X. I'. XV (18G0) S. 155 158 nach dem 
Bericht des Prof. Feiton in den Proceedings of the American A.cademy 
of Arts and s.icnccs. in. .171 878 

fablettea grecquee du Gkfuae'e de Marseille. Discoura d'ouverture 

I nci'' le II her. L867 |i;ir M . I ruinier, im Amiuaire de la Snciele 

Krancaiae de Numiamatique ei d' Archäologie, lil (1868) I. \.\\\ lxxvii. 



Wachstafeln. 49 

Nachdem neue Entdeckungen gefolgt waren, veröffentlichte 
Timotheus Cipariu, Domherr zu Blasendorf, in dem Pro- 
gramm des griechisch-unirten Gymnasiums daselbst 1855 einen 
Kaufcontract über einen Sklaven vom Jahr 142. 

Im Jahr 1856 erschien von Dr. J. Erdy in den Abhand- 
lungen der ungrischen Akademie ein Aufsatz De täbulis ceratis 
in Transsilcania repertis, der auch abgesondert ausgegeben ist. 
Dann hat Dr. Detlefsen 1857 in den Sitzungsberichten der 
Wiener Akademie XXIII, 601 — 635 (Ueber zwei neu entdeckte 
römische Urkunden auf Wachstafeln) den von Cipariu heraus- 
gegebenen Text wiederholt und berichtigt (eine correctere und 
vollständigere Lesung nach dem Original giebt Th. Mommsen 
in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1857, S. 519), 
das von Erdy mitgetheilte Facsimile wiederholt und die grofsen 
Irrthümer seiner Lesung verbessert. Den Inhalt der einen 
Urkunde bildet ein Kaufcontract über eine Sklavin vom J. 129, 
der dadurch besonders merkwürdig ist, dafs sich hier auch die 
in Wachs eingedrückten Siegel der Zeugen ganz gut erhalten 
haben. Die zweite enthält eine Schuldverschreibung vom 
Jahr 162. 

In demselben Bande der Sitzungsberichte S. 636 bis 650 
veröffentlichte Detlefsen noch ein neu aufgefundenes Fragment 
eines Kaufcontracts über ein halbes Haus aus dem Jahr 159, 
mit einem Facsimile, welches A. Camesina mit seiner bekann- 
ten Genauigkeit und Sauberkeit nach dem Original verfertigt 
hat. Diese Tafel war mit einer Anzahl anderer, jetzt an ver- 
schiedenen Orten zerstreuter, ferner mit mehreren hölzernen 
Werkzeugen und Geräthen, und mit einem Haarzopfe, in einer 
wohlverschlossenen Grube zu Vöröspatak bei Abrudbänja ge- 
funden worden. Zu diesem Haarzopfe soll sich noch ein Gegen- 
stück in einer anderen siebenbürgischen Römergrube gefunden 
haben. 

Jetzt sind nun alle bekannt gewordenen Wachstafel u im 
Corpus [nscriptionum Latt. Vol. III von Dr. Zangemeister 
abgebildet und neu herausgegeben. Ein Exemplar befindet 
sieh im Berliner Antiquarium, im Miscellanzimmer n. L93. 
Sie stammen, 25 an dm- Zahl, ans den Jahren L31 H>7 und 

Wattenbach, Schriftwi en. 2. Aufl. . 1 



50 Schreibstoffe. 

sind allem Anschein nach beim Beginn des Marcomann enkrieges 
absichtlich verborgen worden. *) 

Ein von Th. Mommsen (a. a. 0. S. 521) gelesener Socie- 
tätscontract vom Jahr 107 steht in einem einfachen Diptychon; 
das griechische Fragment hält Detlefsen für das letzte Blatt 
eines Pentaptychon, die übrigen Wachstafeln aber sind Tri- 
ptycha, was dadurch nothwendig wurde, dafs man die Aufsen- 
seiten nicht gut beschreiben konnte. Weil diese ohne Wachs 
und unbeschrieben sind, enthalten die zweite Seite des ersten 
und die erste des Mittelblattes das Duplicat des Textes, wah- 
rend die beiden übrigen Seiten die durch den Siegelstreifen 
verschlossene eigentliche Urkunde verwahren. 

Bei Testamenten fehlte natürlich das Duplicat des Textes; 
übrigens aber entspricht jener Einrichtung ganz genau die 
Schilderung, welche bei Lucian der Plutos von seiner Einsper- 
rung im Testament und der Entlassung nach Beseitigung des 
Siegels und Zerschneidung der Schnur macht. 2 ) 



Sehr verschieden von diesen ganz schmucklosen und ein- 
fachen Tafeln sind die grofsen kostbaren Diptycha aus Elfen- 
hein, welche die römischen Cunsuln beim Antritt ihres Amtes 
zu verschenken pflegten. Sie waren grofs und stark genug, 
Hin gelegentlich auch als Waffe dienen zu können; Nero's Schau- 
spieler erschlugen mit solchen Diptychen einen Concurrenten. 8 ) 
Die innere Seite war mit Wuchs belegt, der äufsere obere 
D«ckf] mit Schnitzwerk verziert Es haben Bich deren viele 
erhalten, gesammelt von Grori in seinem Thesaurus Diptychorum, 



') \'nl. < . Goofs, Studien zur Geogr. ii. Gesch. ctea trajan. Daciens, 
Progr dea bv. Gymn. in Sch&fsburg L874 8. »59. 

) Luc Timon c. 21: i$ öikzov i/ißaXSvrst ,".* xal xaraarjfitj- 
vafxevoi , . , htetöav dl "• (JrjfisZov dgxxiQedji xal vo kivov evr/Le^&jj xal 
i, A:'/in_ dvoix&i xal avaxt]()vx&% . . . 

) Pi Luciani \iv<> c. 9: xal yctQ Äj xal ö&Xtovq 4Xe<pavrlvaQ xal 

dl&VQOVi TtQOßeßktJfJl&VOl ' 9071SQ :' //: i ni'Aif< Xttl ibv 'II .1 : inrn i t r 

/.„',. i',,y !■//•>! xlova, xatia^av avtov z^v tpaQvyya '"' 



Wachstafeln. 51 

3 Voll. f. 1759. In christlichen Kirchen wurden sie gern be- 
nutzt, um die Namen der Bischöfe oder Aebte und der Wohl- 
thäter einzutragen; das Diptychon lag während der Fürbitte 
auf dem Altar. Der Name blieb ihnen auch nachdem das 
Wachs daraus verschwunden war und man statt dessen Perga- 
mentblätter eingeheftet hatte; er blieb solchen Büchern auch, 
wenn ihre Form eine ganz andere geworden war. J ) 

Man konnte auch mit Dinte auf dem Elfenbein schreiben, 
und das ist in Novara geschehen, wo die Reihe der Bischöfe 
um 1120 in solcher Weise in ein Consulardiptychon eingetragen 
ist. 2 ) Die Römer hatten ganze Bücher aus Elfenbeinblättern. 3 ) 

Traditionell erhielt sich der Name diptica, dictica, für 
eine Schreib tafel, wofür Du Cange s. v. Beispiele giebt. Im 
Vocab. rerum de a. 1433 bei Mone, Anz. VIII, 251 steht 
diptycha schreibtaffel ; 4 ) im Vocab. optimus ecl. W. Wacker- 
aagel p. 29 dictica diclitaiiel, worin sich das so häufige Be- 
streben zeigt, einem unverständlich gewordenen Worte eine 
andere Ableitung unterzuschieben. Das geschmacklose dritte 
Buch von Abbo de bellis Paris. (MG. II, 802) aus lauter sel- 
tenen und seltsamen Wörtern zusammgengesetzt, beginnt: 
gl. tabellas 
Clerice, dipticas lateri ne dempseris unquam. 
Dieselbe Vorschrift enthält Ps. Boetius de disciplina schola- 
rium c. 4; wenn der Schüler nicht immer bei dem Meister 
sein kann, so soll er doch die Schreibtafel immer an der Seite 
1 laben: dicticas scmpcr lateri stto habeat promptiores cedulasve, 
quibus diligenter imprlmat qitod conscientiae propriac noverit 



1 ) Genaueres darüber s. im Glossar von Du Cange s. v. Im Sacra- 
mentarium Greg. ed. Pamel. II, 386 das Gebet für einen verstorbenen 
Jn'schof Super dypticha. Archaeol. XXIV pl. XXXII segnet ein Bischof 
mit dem Diptychon. 

2 ) Gori Thes. Diptt. II, 183—201. 

'■'') Klcyhantinum librum habet bibliotheca Ulpia in armario sexto, 
in quo hoc SC. per scriptum est, cui TaciiAM ipse manu sua subscripsit, 
Nam diu haec SC. quae ad prineipes pertinebant, in libris elephantmis 
scnhcbtnUur. Fl. Vopiscus. 

4 ) hec diptica, a suitilc täbyle, Engl. Vocab. saec. XV bei Th. Wright, 
A volume of vocabularies (l<sf)7) S. 210. 

I ' 



52 Schreibstoffe. 

intimatum. Der Commentar erklärt cedulam seil, papiream vel 
pecorinam, und: dictica est multiformis tabula dietatoribus apta. 
1:1 dicüur a dicto as, quod rhetorum est. Unde quidam: 

Clerice, dicticam lateri teneas ut amicam. 

l>a haben wir also ausdrücklich die schon erwähnte falsche 
Ableitung. Man trug sie am Gürtel und legte sie, um zu 
schreiben, auf den rechten Schenkel, wie es sehr anschaulich 
in der Vita Odonis Cluniac. I, 14 beschrieben wird: Diui* tantum 
tabellas manu baiulans scribendi officio aptissimas, fabrüi 
opere ita connexas, ut posseid patefieri, non tarnen disiungi, 
quibus scholastici dextro femore söhnt iiti. x ) Das Gehänge 
wird perpendietdum genannt in Regensburger Versen aus dem 
11. Jahrhundert; eine Canonissin war von einem Gleriker darum 
gebeten worden: Quod perpendiculum rogitas a me tabularum. 
Sie schenkte es ihm und schrieb dazu: 

Ergo tue lateri dum iungas quae tibi feci, 
Interiore nota cordis me sedulo porta. 2 ) 

Natürlich hatte auch Ekkehard der Höfling seine Tafeln zur 
Hand, als die Sanctgaller 971 an den Hof kamen, um Notker 
als gewählten Abt vorzustellen: er konnte aber auch, was da- 
mals schon sehr selten war, in Noten des Kaisers Worte nach- 
schreiben. Sein Schüler Otto II hatte grofse Freude an dieser 
kmi-t seines Lehrers. 8 ) Aus späterer Zeit sind in der Am- 
braser Sammlung fünf mit schwarzem Wachs überzogene Ta- 
feln in Lederner Kapsel zum Anhängen an den Gürtel, 4 ) 

Ein antikes Diptychon schenkte L151 der Bischof Heinrich 
Zdik \'»n Mähren dem Kloster Selau: Qui agens in extremis 

Mab. Artt. v. löö ed. Par. Odo iegab sich damit um 900 
nächtens zum Grabe des h. Martin. 

Sitzungsberichte der Münchener Akn.l. L87S 8. 720. 
Ekkehardus autem, ootulanim peritissimus, paene omnia haec 
eisdem notavif in tabula rerbis; quibus Otto suus postea, ul ipse n<»l>is 
retulit, lniiltiini delectato i I sibi relictis, com ipse praeter notulas 
nicliil in tabula riderit." Ekkeh. Casus M<; li. 1 1 ( ». mit der Aenderung 
il nothwendig I I 
1 > Backen, l >ie Amin b imlung 1 1. 



Wachst afein. 53 

binas ex ebore tabellulas, alteram cum imagiuidis pulchcrrimis 
opere sculptorio, alteram vero ccra impletam et tamquam ad 
scribendum paratam, misit domno Godscalco in Signum et me- 
moriale sincerissimae amidtiae. Gerl. Milovic. ad. a. 1184. 
Mon. Germ. SS. XVII, 697. Auch dem Kloster Bergen schenkte 
zwischen 1009 und 1017 der Abt Sigifrid tabidas eburneas 
duas. Pertz' Archiv IX, 439. 

Man verwandte sie gerne zu Einbänden kostbarer Hand- 
schriften. So in S. Gallen, welches nach Ekkehards Erzählung 
ein solches Kleinod von dem Bischof Salonion von Constanz 
aus den Schätzen seines Freundes Hatto von Mainz erhielt: 
duas tabidas eburneas, quibus alias magnitudine equipares 
rarissime videre est, quasi sie dentatus elephans aliorum fuerit 
gigas. Erant autem tabulae quondam quidem ad scribendum 
eeratae, quas ledere lectuli soporäntem ponere solitum, in vita 
sua scriptor eius Karolum dixit. Quorum una cum sculptura 
esset et sit insignissima , alteret planitie politissima, Tuotiloni 
nostro poljtam fradidit scidpendam. Quibus longioris et lati- 
oris moduli Sintrammum nostrum seribere iussit evangelium, 
ut quod tabulis abundaret, auro et gemmls Haitonis ornaret. 
Hoc hodic est evangelium et Script ura, cui nulla, ut opinamur, 
par erit idtra, quia cum omnis orbis cisalpinus Sintrammi 
digitos miretur, in hoc uno, ut celebre est, triumphat. Ekke- 
hardi Casus S. Galli, Mon. Germ. II, 88. 

Sintrams Evangelium longum ist noch jetzt eine Zierde 
der Sanctgaller Bibliothek und rechtfertigt die Lobsprüche, 
welche ihm hier ertheilt werden. Die Sculpturen des Einban- 
des sind abgebildet in der Publication des historischen Vereins 
in S. Gallen: Das Kloster S. Gallen, I, 1863. Es ist nicht 
ganz klar, ob Ekkehard diese Tafeln für dieselben hielt, deren 
Kar] der Grofse sieh bediente, oder nur für gleicher Art. 1 ) 



') Die schmalen Seilen der Buchdecke] sind mit dünnen Goldstteifen 
belegt, worauf steht: Ad istam paraturam Amata dedit XII denarios. 
Vgl. Scherrer, Verzeichnis der Stiftbibl. S. ~s.'> n, 53. 



54 Schreibstoffe. 

Die Fortdauer des Gebrauches wirklicher Wachstafeln im 
Mittelalter und noch weit über dasselbe hinaus, ist, nachdem 
auch hier Mab il Ion die Wege gewiesen hatte, ausführlich 
nachgewiesen vom Abbe Lebeuf in seinem Memoire touchant 
Vusage tfecrire sur des tablettes de eire. im 20. Band der Me- 
moires de l'Academie des Inscriptions (1753) und neuerdings 
von Edelestand Du Meril in seiner Abhandlung: De Vusage 
non interrompu jusqu'ä nos jours des tablettes de cire, in der 
Revue Archeologique 1860 n. 7 und 8, und wiederholt in seinen 
Etudes sur quelques points d'Archeologie et d'histoire litteraire, 
Paris et Leipzig, p. 85 — 142; auch Mafsmann in seiner an- 
gefahrten Schrift, und L. F. Hesse im Serapeum von 1860, 
S. 353 — 377 geben schätzbare Nachweise. Da diese That- 
sachen noch immer sehr wenig bekannt sind, werde ich mit 
Benutzung der in diesen Schriften angeführten und anderer 
Stillen und Beispiele diesen Gebrauch als einen ganz allgemein 
verbreiteten nachweisen und darstellen. 

Im sechsten Jahrhundert verordnete S. Benedict in seiner 
Mönchsregelj dafe die Aebte den Mönchen graphium et tabulas 
übergehen sollten, 1 ) was in einer altfranzösischen Uebersetzung 
erklärt wird als eguille dont on escrit es tablettes, und des 
tablettes pour escripre. Diese Vorschrift wird nicht wenig da/u 
heigetragen haben, den Gebrauch der Tafeln zu erhalten und 
zu verbreiten: so finden wir sie bei den irischen Mönchen mit 
der eigentümlichen Benennung ceracuhim in den von Du Gange 
angeführten Stellen, zu welchen Du Meril eine andere ans Aw 
Vita s. Mo.-htei (Acta SS. Aug. III. 743) fügt: Cum in «<jn> 
ipse sederet, n/Info angelus <lnmi>ii <-<r<tfnl<> nun litterarum 
doeuit elementa. Adamnan (t 704) erzählt in seiner Schrift 
de locia sanetis, dafs ihm der Bischof Arnulf primo in tabulas 
d oribenti fideli et indubitabili narratione dietavit, (//nie nunc 
in membranis brevi textu scribuntur. 8 ) Ebenso fehlen die 
Wachstafeln auch nicht hei den Angelsachsen, Im siebenten 



M Noch im l.". Jahrh. in AndecüB ^<>n jeder Mönch in Beiner Gelle 
haben täbulam cereatam cum graphio, Rockinger, Zum baier. Schrift- 

■ ü S. 9 

M.il.illnn. \rtt III. •_'. . 



Wachstafeln. 55 

oder am Anfang des achten Jahrhunderts machte der Angel- 
sachse Aldhelm (gest. 709) das pugillar zum Gegenstande eines 
seiner Räthsel: *) 

Melligeris apibus mea prima processit origo, 
Sed pars exterior crescebat cetera silvis. 
Calceamenta mihi tradehant tergora dura, 
Nunc ferri Stimulus faciem proscindit amoenam 
Flexibus et sulcis obliquat ad instar aratri, 
Sed semen segetis de caelo ducitur almum. 

Aldhelm setzte offenbar die Bekanntschaft mit dieser Schreib- 
art bei seinen Zeitgenossen voraus; es scheint, dafs man die 
Tafeln in Leder einzubinden pflegte. Im cod. Sangall. 242 
steht als Ueberschrift De pugillaribus id est parvis tabulis, 
und zu v. 3 die Glosse: Statt videtur in tabulis Scotorum. 
Diese müssen also eine besondere Art des Einbands gehabt 
haben. 2 ) Wenig später schickte einer von den Gefährten des 
h. Bonifaz der Aebtissin Eadburg einen silbernen Griffel (gra- 
phium argenteum) zum Geschenk (Bonif. ep. 75 Jaffe). Von 
der Lebensbeschreibung dieses Heiligen aber berichtet der un- 
genannte Mainzer Priester, welcher im elften Jahrhundert ein 
Nachwort hinzufügte, dafs der Verfasser Willibald sie bei der 
Victorskirche zu Mainz auf Wachstafcln geschrieben habe, um 
sie den Bischöfen Lull von Mainz und Megingaud von Würzburg 
zur Prüfung vorzulegen; dann erst sei sie auf Pergament über- 
tragen: primitus in ceratis tabulis ad probationem dömni Lülli 
et Megingaudi, et post eorum examinationem in pergamenis 
rescribendam , ne quid ineaute vel superfluum exaratum appa- 
reret. Mon. Germ. II, 357. Jaffe, Bibliotheca III, 481. 

Die Königin Brunhilde schickte, wie Fredegar c. 40 er- 
zählt, 613 einen Uriasbrief, der gleich zerrissen wurde, also 
wohl auf Papyrus geschrieben war. Der Knecht des Ilntis- 



') Anzeiger der Vorzeit VII, 38. Opera ed. Gilea p. L ; <i:;. Von den 
Buchstaben heifsl es S. c 2f>7: Nascvm/ur ex ferro, rursus ferro moribundae^ 
Necnon et volucris penna volitantis ad aethram. 

2 ) Anz. (1. Germ. Museums XX. 79. 



,")») Schreibstofte. 

meiers Warnachar aber hatte gleich eine Wachstafel zur Hand, 
auf welcher er die Stückchen befestigte und sie so wieder les- 
bar machte. Eine solche Tafel hatte auch der Abt von Cabors, 
in welcher er 585 einen Brief unter dem Wachse verbarg. 1 ) 

Die Nachricht Einhards über Karl den Grofsen, auf welche 
sich Ekkehard in der schon oben angeführten Stelle bezieht? 
lautet Vita Kar. c, 25 so: Temptabat et scribere, tabulasque et 
codicellos ad hoc in lecto sub cervicalibus circumferre solebat, 
ut cum vaeuum tempus esset, manum litteris effigiendis 2 ) adsue- 
sceret; sed parum successit labor praeposterus ac sero inchoatus. 
Merkwürdig ist, w T ie die apud S. Macram im Jahre 881 ver- 
sammelten Bischöfe Frankreichs diese Nachricht benutzten, um 
den König Ludwig III recht nachdrücklich zu ermahnen, dafs 
er von seiner Eigenmächtigkeit ablassen möge. Immer, sagen 
sie, habe der grofse Karl drei seiner weisesten Räthe bei sich 
gehabt: et ad capitium leeti sui tabulas cum graphio habebat, 
et quae sive in die sive in nocte de utilitate sanetae ecclesiae 
et de profectu ac soliditate regni meditabahtr, in eisdem tabulis 
adnotabat et cum eisdem consilidriis, quos scann habebat, lade 
traetabat. In ähnlicher Weise heifst es am Anfang der Visio 
donmi Karoli (.lalle Biblioth. IV, 701), dafs Karl, ubieunque 
noctu manebatj sive domi sive in expeditione lucernam ei tabulas 
sibi contiguas habere solitus erat, et quiequid vidit insomnis 
memoria dignum, litteris /rädere ouravit, ne a memoria läbi 

potuisset. Mail in von Troppau setzt statt dessen Feder und 

Dinte mit Pergament (pennam et incaustum cum pergameno) 
und Heinrich von Hervord c 70 (ed. Teilhast p. 39), der ihn 
ausschreibt, setzl hinzu: Habebat etiam cvrctk suum lectum par 
rietem cera litum et stilutn, al si quid etiam in tenebris <><■- 
currisset, consignaret. 

Wenn nun aber auch in Wirklichkeil Karl das Schreiben 
nicht rechl gelingen wollte, so hatte dagegen sein Kanzler 



') Greg. Tut. VII. 30: cavata codicis tabula sub cera recondidit 

Diesi Werl findet sich auch in der Unterschrift des Druckers 

Job Veldener, bei Harzen im Archfr f. d. zeichnenden Künste 1855 

L;, ml, in, t. Recherchei p 271 Bei Einhard haben andere Hand- 

chriften effigiandx oder efßngi ndi 



Wachstafeln. 57 

Ercambald immer Tafeln und Griffel am Gürtel bereit, wie 
uns Theodulfs Verse (ad Carolum regem v. 147) zeigen: 

Non Ercambaldi sollers praesentia desit, 
Cuius fidam armat bina tabella manum, 

Pendula quae lateri manuum cito membra revisat 
Verbaque suscipiat, quae sine voce canat. 

Dagegen sind die früber von mir angeführten Wachstafeln, 
welche Theodulf in seiner Paraenesis ad iudices v. 251 unter 
den Gegenständen nennt, mittelst welcher man die Richter zu 
bestechen versuchte, zu streichen, indem die cereolae rotulae 
anders zu erklären sind. 

839 schrieb Goibert in St. Bertin sein Testament in tabidis 
ceratis quae exterius celatae erant barbidis crassi piscis, et 
subtus deauratae erant. Chart. Sith. ed. Guerard p. 160. 

Als Theodulf verbannt war, schrieb ihm Mbdoin (Theodulfi 
Opp. ed. Sirmond p. 220): 

Et molli durum nunc cerae inducere ferrum 
Cogor et insueto texere verba modo. 

Vielleicht schickte er ihm wirklich eine Wachstafel, vielleicht 
meint er jedoch damit nur das Concept, welches ganz regel- 
mäfsig, wie wir vorher schon sahen, auf Wachs geschrieben 
wurde; nur bei ganz geringfügigen Dingen unterblieb es, wie 
Walafrid sagt (Canisii Lectt. antt. VI, 648): 

Scribitur ut vilis properanter epistola, sie has, 
Crede mihi, nugas sine cera hac pelle notavi. 

Auch in der Visio Wettini (824) kommen die Wachstafeln 
vor, und der Abt Smaragdus von St. Mihiel an der Maas, wel- 
cher um dieselbe Zeit lebte, erzählt von seinen Schülern: Cum 
seeundum intellectiis mei eapaeitate)n grammaticam fratribus 
traderem, coeperunt aliqui audita libenter excipere et </<■ tabellis 
in. membranulas transmutare, nl <iit<xl libenter auribus hause- 
rant, frequentata leetione fortius retinerent. Da sie aber da- 
bei viele Fehler machten, baten sie Smaragd, seine Vorträge 
selbst auszuarbeiten. ' ) 



') Bei Keil in dein Erlanger Programm von L868 s. 20. 



:-).s Schreibstoffe. 

Ermannet aber in seinem von pedantischer Gelehrsamkeit 
erfüllten Schreiben an den Abt Grimald von S. Gallen (verfaist 
zwischen 850 und 855) rühmt sieb, dafs er es ohne Cbncept 
verfalst habe: Stand et hoc scitote quod nee in cera vel in 
tabula haec ea pi ■<■**< , sed sicut in praesentibus scedis 1 ) dietata 
sunt, ita sunt vobis direeta, ut si forsan coram leeta 11011 pla- 
cuerint, non sü dolor perisse (ja od constat eile fuisse. 

.Von dem Bischof Wolfgang von Regensburg (972 — 994) 
erzählt sein Biograph Othloh, dafs er sich eifrig um die Schulen 
bekümmert habe und um den Fleifs der Jugend anzuspornen, 
sieb häufig ihre Exercitien zeigen liefs: frequenter voluit tabulas 
eorum cernere dictales. 2 ) Othlob selbst lernte in Tegernsee 
auf solchen Tafeln schreiben: tabula mihi data est cum aliis 
pueris ad diseendum scripturam (MG. SS. XI, 392), und um 
dieselbe Zeit, im Anfang des elften Jahrhunderts, pflegte, wie 
Ordericus Vitalis (III, 7 ed. Le Prevost) berichtet 3 der Abt 
Osbern von S. Evroul im Sprengel von Lisieux den Knaben die 
Wachstafeln (tabulas cera illitas) zti diesem Zwecke selbst zu 
bereiten. 

In dem Benedictionale Aethelwoldi, welches gegen das 
Kiel« 1 des zehnten Jahrhunderts in England geschrieben ist, 
findet sieb Zacharias nach Luc. 1, 63 dargestellt, wie er mit 
dem Griffel ;\n\' einer grofsen W.-ielistnl'el schreibt, Axchaeologia 
Vol. XXIV. PI. 27. Dieselbe Darstellung findet sich auch in 
dem schönen Psalter des Bischofs Warmund von tvrea, und 
sonsl häufig. Ein Angelsachse mit Wachstafoln ist abgebildet 
bei Tli. Wright: A history of domestic manners and sentiments 
in England (Lond. L862) p. ( .»<;. 439. 

Dafs 111.111 sieli derselben auch zum Zeichnen bediente, 
zeigen Notker'e Worte in der Erklärung des Boetius (bei 



') i|. i. 8chedi8. Voii ßcheda kommt schedula, Zedel, Zettel Ma- 
billon, Anall. p 122, Las scholis; die richtige Lesart hat Dümmler, Sanct- 
gall. Denkmäler in den Mittheilungen der Antiquar. Gesellschaft in Zürich 
MI. 211 and jetzt in dem rollstandigen Abdruck (1878) 8 85. Ueber 
dietan -. unten V $ '■>. 

\|i, S8 i\. 584. Der Ausdruck erinnert an die oben 8. 52 er- 
w;i lintc Ableitung. 



Waclistafeln. 59 

Hattemer, Denkmale III, 148), die nicht dem lateinischen Text 
entlehnt sind: übe ih mit minemo grifile an einem uudhse gerizo 
formam animalis. 

Etwas unklar ist die' Schriftstellerei des h. Nikis (f 1005) 
in Calabrien. In seiner Lebensbeschreibung Acta SS. Sept. 
VII, 293 heifst es, dafs er vom frühen Morgen bis neun Uhr, 
um in seiner Einsiedelei nicht müfsig zu sein, sich mit Schön- 
schreiben beschäftigte, mit feiner und enger Schrift, jedesmal 
einen Quatern füllend: o&ev ajib jzqou tcog TQirfjq o^icog Ixal- 
Xr/Qcupu, Zejzrcö xal jtvxvro iQa>[iEvoq IdiOxeiQq), xai xexQaöiov 
üiXr\QWft> xaB sTcäöTrjP. Sollte man nun hiernach doch wohl an 
Pergament und Dinte denken, so lesen wir dagegen S. 295, 
dafs er nur Wachs auf Holz befestigte und so seine vielen 
Bücher zu Stande brachte: aXÜ ovde (islavoq doxüov üyplciCpvxr 
h> reo yQctfptiv' xi]qov de Jffj^aq Ijzl reo ^vXco, 6t cwrov rcov 
toöovtojv ßcßllcov ro üilrftoq, ixalliyQaq)t]6E. 

Als Abbo, der Abt von Fleury, 1004 in dem Priorat La 
Reolle an der Garonne den Tumult vernahm, in welchem er 
das Leben verlor, safs er gerade im Kloster bei seinen Rech- 
nungen (quasdam computi ratiu neulas dictitans) und kam her- 
vor pugillares gerens in manibm tabellas cum stilo. *) 

Im Jahr 1029 kam nach dem Tode des Bischofs Fulbert 
von Chartres der neue Bischof in das Kloster St. Pere de 
Chartres und lieJ's dessen Schätze in ceris verzeichnen. Mab. 
Ann. (). S. B. 1. LVI c. 56. Hermann von Reichenau übergab 
1054 sterbend seine tabulas seinem Schüler Berthold, um was 
daraus noch nicht auf Pergament übertragen war, zu verbessern 
und abzuschreiben. MG. SS. V, 269. 

Auch Radulfua Tortnarius, Mönch in Fleury, 1063 geboren. 
der 45 Jahre alt eine Fortsetzung der Miracula S. Benedicti 
schrieb, sagt in einer poetischen Epistel an einen Freund (Bibl. 
de l'ecole des chartes, 4. Serie, I, 512): 

\;im cum missa mihi Legissem verba salnlis. 
Aiiipni ceras arripuique stylum. 



') Vita auet. Aimoino bei Mab. ed. Paris. VI, L, 55. Glab. Rod. [H,8. 



lin Schreibstoffe. 

Derselbe beklagt (S. 502), dafs ein Dichter jetzt keine Be- 
achtung und Belohnung finden, ja nicht einmal Pergament, 
kaum Wachstafeln sich würde verschaffen können: 

Kximium vatem si nasci forte Maronen i 

Hoc aevo dederit prospera Stella Venus, 
Eius iucundo si convenisset in astro 

Tota favens genesis, cum Jove Mercurius, 
Ipse suis adsit comitatus si Maro Musis, 

Pallida ieiunis taucibus ora gerat. 
Non solum macra qua scribat egebit aluta: 

Cerula vix mandct cui rüde Carmen erit. 

Besonders merkwürdig ist aber was Eadmer in seiner Le- 
bensbeschreibung des Erzbischofs Anselm von Canterbury 
(t 1109) erzählt. Anselm, so berichtet er, hatte die Gewohn- 
heit, seine Entwürfe auf AVachstafeln aufzuschreiben, und das 
that er auch, als er sein Proslogion über das Dasein Gottes 
verfilmte. Dieses Werk erschien dem Teufel so gefährlich, dafs 
it einen Versuch machte, die Tafeln, welche einem Kloster- 
bruder in Bec zur Aufbewahrung übergeben waren, bei nächt- 
licher Weil«- zn zerstören: easdem in pavimento sparsas nute 
lectutn reperib, Gera quae in ipsis erat, hac illac frustatim di- 
spersa. Levantur tabulae, <■<■>■<< colligitwr, et parüer Anselmo 
reportantur. Adunat ipse ceram ei Meet vix scripturam recu- 
perat. Veritus auteun ne qua ineuria penitus perditum eat, 
• lim in nomme domini pergameno iubet tradi. Lib. I p. 6. 
cd. I). Gerberon. Ebenso pflegte aueb S. Bernhard nach i\rv 
Angabe Beines Biographen Ernald (1. II. c. 8.) seine Gedanken 
.•ml Wachstafeln aufzuzeichnen. 

So verzeichnete auch kurz vor L120 ih^v Abt Hariulf von 
Oudenburg, als er das Leben des Bischöfe Arnulf von Soissona 
Bchrieb, die Mittheilungen Beines Gewährsmannes Everolf in 
cera, ni ea atramento in chartis conscriberem. A.cta SS. \ng. 
III. 229. 

Guibert, von IHM bis 11-1 Abi von Nogent, erzählt in 
Beiner eigenen Lebensbeschreibung, daüa er als junger Mönch 
-eli. »ii einen grofsen Hang zur Schriftstellerei gehabl habe, (\^y 



Wachstafeln. Gl 

aber seinem strengen Abt mifsfiel. Nur durch einen glücklichen 
Umstand gelang es ihm sich das theure Pergament zu ver- 
schaffen, und nun schrieb er mit dem gröfsten Eifer seinen 
Commentar zur Genesis, und zwar, wie er als dem gewöhnlichen 
Gebrauch zuwider ausdrücklich hervorhebt, gleich auf Pergament, 
nicht zuerst auf Wachstafeln, so clafs er noch daran hätte än- 
dern können: Opuscida enim mea haec et alia nidlis impressa 
tabulis, dictando 1 ) et scribendo, scribendo etiam pariter commen- 
tando, üiimiäabiliter paginis inferebam. Guib. Novig. de vita 
sua I, 16. Opera ed. d'Achery p. 477. 

Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte in der zweiten Hälfte 
des zwölften Jahrhunderts Reiner, Mönch zu S. Lorenz bei 
Lüttich, zu kämpfen. Er schrieb nämlich Verse auf Wachs- 
tafeln und erregte dadurch den Unwillen des gestrengen Pater 
Supprior: arripiens tabellas quibus exiles impresser am cogitatas 
.... coepit innocentes ceras obruere, et quae exarata erant, 
aemulo unguis aratro confundere. Lange schwankt darauf 
Reiner, ob er es noch einmal versuchen soll; doch entschliefst 
er sich endlich: ne mucidis dormitantes tabellae ceris, stilus 
parieti affixus rubiginis lepra tabesceret. Rein, de vita sua 
II, 2. 6. B. Pez. Thes. Anecd. IV, 3, 34. 37. Mon. Germ. SS. 
XX, 599. 601. 

1127 wurde nach der Ermordung des Grafen Karl von 
Flandern seine Burg zu Brügge belagert, und Galbert, dem 
wir die genaue Kunde dieser Ereignisse verdanken, konnte zum 
ruhigen Schreiben keinen sicheren Ort finden: inter tot noctium 
pericula <i tot dierum certamina, cum locum scribendi ego 
Galbertus non haberein, summam rerum in tabidis notavi, 
donec aliqua noctis vel diei cxpectata pace, ordinärem secun- 
<!nt)i rerum eventum descriptionem prcsentem, et sie secundton 
quod videtis, in areto positiis fidelibus transcrlpsl. Mon. Germ. 
SS. XII. f)sa 

Balderich, 1130 als Erzbischof von Dpi verstorben, vorher 
bis 1107 Abt von Bourgueil, war gebürtig aus Mehun (Mag- 



J ) (1. li. verfassend, wie schon oben s. 58. Wir kommen auf diesen 
Sprachgebrauch noch zurück. 



62 Schreibstoffe. 

dunum) an der Loire unweit Orleans und hatte in der beruhm- 
ten Schule seiner Heimath, im Verkehr mit dem gefeierten 
Meister Hubert, dessen Tod er in einem seiner Gedichte be- 
klagt, die Liebhaberei zur Poesie oder doch zur poetischen 
Form gewonnen, welche damals aufserordentlich verbreitet war. 
Dazu bediente er sich zehn Jahre lang desselben Griffels (gra- 
phium), bis er endlich zerbrach und in einem rührenden Ge- 
dichte von ihm beklagt wurde. Vielleicht war es derselbe, den 
ihm Lambert von Angers verfertigt hatte; diesen erwähnt er 
in einem andern Gedichte, zugleich mit den Täfelchen, die des 
angenehmeren Anblicks wegen nicht, wie gewöhnlich, mit 
schwarzem, sondern mit grünem Wachs überzogen waren, 1 ) mit 
dem Säckchen (sacculus), das ihm der Abt von Seez geschenkt 
hatte, zur Aufbewahrung der Dinge, und den beiden Schrei- 
bern, welche die fertigen Gedichte auf Pergament übertrugen. 
Mabillon (Suppl. p. 51), dem wir diese Nachrichten verdanken, 
hat nur die Verse mitgetheilt, in welchen er die 8 tabellae 
beschreibt, welche 14 Seiten mit Wachs enthielten und auf 
jeder 8 Hexameter, zusammen also 112 fafsten: 

In latum versus vix octo pagina vestra, 

In longum vero vix capit hexametrum. 
Attamen in vobis pariter sunt octo tabellae, 

Quae danjb bis geminas paginulasque decem: 
Cera namque carent altrinsecus exteriores, 

Sic faciunt octo quattuor atque decem. 
Sic l»is ges capiunt, capiunt et carmina centum, 

Id quoque multiplices paginulae faciunt. 

Solch ein«; Schreibtafel Legi auch Herr Heinrich von Vel- 
deke der Lavinia bei (Eneil L 0,452): 

[r tavelen Bie nam 

und einen griffe] V(»n golde, 
dar an sie scriben wolde. 



') Die croceae membrana tabellae .ins. YM. 28 erklär! ein mittel- 
alterliche] Scholiast: propter mibratn ceram, vel de im.'" faetae. Catal. 
codd ' lolon. p i i."). 



Wachstafeln. 63 

Mit angesten plänete si claz waz 
und solde scriben Eneas 
dö ir ir müder urloub gab. 

So wird auch in Hartmanns Gregor (v. 547 ff.), als das 
Kind ausgesetzt werden soll, der Mutter ein tavel gebracht, 
diu vil guot helfenbein was, und darauf, vermuthlich aber 
auf dem als selbstverständlich vorausgesetzten Wachsüberzug, 
schreibt sie: 

Do der brief was gereit, 

do wart diu tavele geleit 

zuo im in daz kleine vaz. 

Beide Stellen verdanke ich Weinhold, welcher sie in sei- 
nem Buche über die deutschen Frauen, S. 93, unter den Be- 
legen für die bei ihnen häufige Kunst des Schreibens anführt. 

Von dem 1151 gestorbenen Abt Wignand von Theres sagt 
Ebo in dem Leben des Bischofs Otto von Bamberg (II, 17. 
Jaffe Bibl. V, 643), dafs er von vielen Schwachen des Alters 
frei blieb : non denique tremula manus per curvos cerae tramites 
errantem stihim ducebat. 

Dafs namentlich auch die Schulknaben sich solcher 
Tafeln bedienten, haben wir schon gesehen und können uns 
daher nicht wundern, wenn Gualterius sie anredet: 

Vos o beatuli dipticae geruli! 
und: Ter pia concio pinacis baiula, x ) 

was ebensowohl an Horazens (Serm. I, 6, 74): 

Laevo suspensi loculos tabulamque lacerto, 

wie an unsere Schulknaben mit ihren Schiefertafeln erinnert. 
Man hatte deshalb auch den Spruch: 2 ) 

Non debent parvi tabulis graphioque carere. 



*) Th. Wright, The Latin poems commonly attributcd to Walter 
Mapes, p. 130. pmax est tabula manualis, ein hant taphel. Diefenbach 
Gloss. p. 21:5. Ebenso wird S. 227 pugillar erklärt. 

2 ) Monc Anz. VII, 505 c cod. Vindob. 3356. 



64 Schreibstoffe. 

Und Carolina Burana S. 251 heilst es: 

Stilus nain et tabulae 
Sunt feriales epulae (d. h. alltäglich) 
Et Nasonis carmina 
Vel aliorum pagina. 
Es waren nicht immer gerade Wachstafeln : deutlich aber sind 
diese bezeichnet in den Versen des Bischofs Marbod von Reimes, 1 ) 
wo ein Jüngling zu fleifsigen Uebungen ermahnt wird: 
Po8tquam dormieris, sit mos tuus, ut mediteris. 
Quae meditatus eris, tabulis dare ne pigriteris. 
Quae dederis cerae, cupio quandoque videre. 
Eberhard von Bethime (um 1212) aber sagt in seinem 
Laborinthus III, 292 von schlechten Schülern: 

Nbn placet his cerea (cera? gl. tabula) se'd nummus, non 

stylus. ymmo 

Taloriun iactus. 

Im 4. Buch der Könige 21,13 heilst es: Delebo Jerusalem, 

sicut deleri solent tahtil<<<\ et delens vertam <■! ducam crebrius 

stylum super fadem eius. Das ist im 12. Jahrh. in Frankreich 

übersetzt: la destruirai e abaterai e aplanierai, si cume /'mit 

s/i/f planier täbleS de graife. 2 ) 

So heilst es nach in drin französischen Roman von Floire 
et Blanceflor, welchen Edelestand Du Meril nebst mehreren 
ähnlichen Stellen anführt: 

El quand a l'escole venoient, 

Les tables d'yvoire prenoient: 

Adonc loi- xeissie/ escrire 

Letres et yers d'amors en cire. 
lud im Orologe de la Mort. ans dem 14. Jahrhundert: 

Les uns apprennent a escripre 

des greffee en tables *le cire. 

Les autres suiyenl la coustume 

de fourmer lettres a la plume, 

Li paignenl dessus les peaux 

et de tnoutons ei de veaux 

') Opera Hildeberti ed. Beaugendre p. L628 Carmina Burana p. 7;;. 
l.i.M de Eloii p 121 Dach freundl. Mittheilung von Prof. Tobler. 



Wachstafeln. 65 

Johannes Busch (f 1478) gab einem jungen Mönche, wel- 
cher ihm klagte, dafs er an Feiertagen sich nicht zu beschäf- 
tigen wisse, den Rath, quod haec verba: Miserere mei Dms, 
aut alia his similia scriberet in dictica, et statim complanando 
Herum ea deleret, dicens: Domine deus mens, ad honorem tuum 
In wo feci. (Du Meril p. 507 ex Chron. Windeshem. II, 587.) 

Dergleichen Schultafeln hat man nun kürzlich gefunden 
in Lübeck, wo beim Ausräumen einer alten zur Jacobikirchen- 
schule gehörigen Kloake Wachsschreibtafeln mit Schüler Schriften 
des 15. Jahrhunderts, Schreibstifte, Dintenfässer, Messer, Damm- 
steine (zum Rechnen?), Straf hölzer zum in die Hand klappen 
an den Tag kamen. 1 ) Noch erkennt man die oft wiederholte 
Vorschrift: 

Principium lauda, si consequitur bona cauda. 

Wenn nun hier, wie es scheint, die Wachstafeln im 15. Jahr- 
hundert abgeschafft wurden, so finden wir sie dagegen noch 
gebraucht in der Reformation der 4 lateinischen Schulen zu 
Nürnberg vom Jahr 1485, in folgender Vorschrift: 2 ) Und so 
dann ettlich derselben Knaben bafs geschickter unnd lenger gein 
schul ganngen sind, sollen sie angehalten tverden, das ir ieder 
alle morgen vnnd auch nachmittag ein frische schrift seiner 
liannd von buchstaben oder von ettlichen tvortten teutsch vnnd 
lateinisch in -wachs oder auf papir seinem locaten zaig vnnd 
weifse, die dann derselb locat cancelliren 3 ) oder vnder streichen 
vnnd die knaben m formierung gutter Buchstaben vnd Schriften 
anleyten soll. 

7jU diesem Gebrauche stimmt es nun vollkommen, wenn 
wir in dem Hortus deliciarurn der Herrad von Landsberg, die 
von 1167 bis 1195 Aebtissin zu Hohenburg im Elsafs war (her- 
ausgegeben vom Engelhardt 1818) auf Tafel 8 die Grammatica 
dargestellt sehen, die in der einen Hand die Ruthe (scopae) 



') Zeitschrift des Vereins für Lüb. Gesch. II, 556, vgl. Anzeiger d. 
Germ. Mus. 1866 8p. 388. Genauere Beschreibung Zeitschr. III, 8. 

2 ) Heerwagen: Zur Geschichte der Nürnberger Gelehrtenschulen 
S. i\ in einem Programm von L863. 

3 ) cancellure, boefs schrift diircJislrychen oder vertilgen. Gemma 
gemmarum. 

\\ ;i i i >■ ii i. ;i c ii . Sehrifl we en ' Anii ."> 



Qß Schreib Stoffe. 

hat, in der andern ein geschlossenes Buch; neben ihr aber die 
Dialectica, welche die schon weiter vorgeschrittenen Schüler 
empfängt, in der rechten Hand den stilus, in der linken die 
geöffnete tabula hält, welche ganz die Gestalt der alten Di- 
ptycha hat. Die auf derselben Tafel dargestellten Philosophen 
und Poeten schreiben an Pulten mit der Feder aus dem Din- 
tenhorn, welches auf dem Pult befestigt ist; einige sind be- 
schäftigt, ihre Federn zu schneiden. 

. Von ähnlicher Gestalt sind auch die Wachstafeln, auf 
welchen in den von v. d. Hagen herausgegebenen Handschriften- 
gemälden die Dichter schreiben. x ) Auf einem Elfenbeinrelief 
aus Haiherstadt, das ins 10. Jahrb. gesetzt wird, dictiert Jo- 
hannes Ev., vor dem ein Kasten mit Rollen steht, einem Knaben, 
der mit riesigem, oben breitem Griffel schreibt. 2 ) 

Wohl die merkwürdigsten und wichtigsten, noch im Ori- 
ginal erhaltenen Wachstafeln aus dem Mittelalter sind die 
Rechnungen der französischen Könige Ludwigs IX (von 125G 
und L257) und Philipps III und IV von 1282 bis 128G und 
1301 bis 1308, welche sich in Paris, Genf und Florenz erhal- 
ten haben, häufig erwähnt, aber erst kürzlich von N. de Wailly 
und L. Delisle herausgegeben sind, im 21. und 22. Bande des 
Recueil des Historiens des Gaules (1855 und 1865). Den Ta- 
feln Ludwigs IX (Vol. 21,284 bis 392) ist auch ein vorzügliches 
Pacsimile von Gustave Barry heigegeben, durch welches das 
ältere der Benedictiner (Nouveau Tr. I zu p. 468) von den 
Tafeln von St. Germain ans dem Jahre 1307 übertroffen ist 8 ) 



') Minnesinger, Atlas, Tafel 11. der von (Hiers, vgl. IV, 11"-: 
Tai 11 ein Jüngling vor Herrn Reinmar von Zweter; 42 Gotfr. v. Strafs- 
burg Audi in der Weingartner Liederha ed. Fr. Pfeiffer a. F. Fellner 
L843 (Stuttg. Lit. Verein V) -;"<•<■. Xl\' ine. p. s '.» H. von Morungen, 

i Mittheilungen der Centralcommission \Y zu S Will. 

i \ih h im Musöe des Archives p. 1 1«> ist eine Abbildung. .i"s. 
Klein verweisl auf «li«' analoge Sitte im Alter thum, jvo die Rechnungen 
von Bau «!<•- Erechtheum im Concept auf Wachstafeln (?oaW<Jfc), in Ab- 
Bchrifl aui Papym i ebrieben und endlich in Marmor eingehauen 
wurden, nach Rangabd, Antiqu. hell I. 8. • >-' u. 80 



Wachstafeln. 67 

Du Meril hat auch dieselbe Art der Buchführung in Eng- 
land nachgewiesen durch eine Stelle des Boke of Curtasye: 

At counting stuarde schalle ben, 
tylle alle be brevet of wax so grene 
wrytten into bokes, without let, 
that before in tabuls hase ben sett. 

Und aus Chaucer's Canterbury tales: 

His felaw had a staf tipped with hörn, 
a pair of tables all of ivory, 
and a pointel ypolished fetisly. 

Man sieht daraus recht deutlich, dafs die öfter erwähnten 
Tafeln von Elfenbein auch mit Wachs überzogen waren, weil 
man sonst darauf nicht mit einem Griffel hätte schreiben 
können. 

Das Ueberschreiben von Wachstafeln in ein Buch ist nach 
der Tapisserie von Nancy (herausgegeben von Jubinal) aus 
dem 15. Jahrhundert abgebildet von Th. Wright: A history of 
domestic manners and sentiments in England (1862) p. 439. 

Wenden wir uns nun wieder dem litterarischen Gebrauch 
der Wachstafeln zu, so finden wir in der Biographie des Joh. 
Ruysbroek (f 1381) die Angabe, clafs er in der Waldeinsamkeit 
zu Wachs brachte, was ihm der h. Geist eingab: in tabula 
cerea scripto commendans, secum solebat ad monasterium re- 
diens apportare. *) Thomas a Campis Vita Florentii c. 23 er- 
zählt, dafs die zahlreichen Schüler, welche der Ruf des Florentius 
(y 1400) nach Deventer zog, die Worte des Meisters darauf 
verzeichneten, um sie entfernten Freunden zu senden. Weit 
merkwürdiger aber ist die Nachricht, welche in einer Hand- 
schrift der Bibliothek zu Siena steht; diese enthält nämlich 
die Predigten,. Welche der heilige Bcrnardin dort im Jahre 1427 
am frühen Morgen gehalten hat und die sämmtlich von einem 
frommen Tnchscherer auf Wachstafeln nachgeschrieben sind: 
detto Benedetto cimatore stando alla predicha inscriveva in 



') Poppens Bibl. Belg. II. 12\ aus Benr, ;t. Pomerio. 



68 Schreibstoffe. 

cera con lo stile, e cletta la prcdica, tornava alla sna bottega, 
cd iscriveva in foglio, per modo che il giorno medesimo, in- 
nanzi che si ponesse dl lavorare, aveva inscripta due volle la 
prcdica .... non lassando una minima paroluzza die in quel 
tempo usci da quella sancta boccha. Es ist schwer zu begreifen, 
wie man so viel und so rasch auf dem Wachs schreiben konnte, 
doch mufs es wohl möglich gewesen sein. Jene Stelle ist an- 
geführt von Tabarrini im Archivio Storico, Append. III, 
521—532, wo er die zu Florenz gefundenen Tafeln beschreibt. 
Dort liefs nämlich Camillo Majorfi sein Haus di Porta Rossa 
ausbessern, zu welchem auch ein alter Thurm gehörte, und in 
einer Oeffnung an der Aufsenwand dieses Thurmes, jetzt ganz 
unzugänglich, fand man die Tafeln; vermuthlich hatte in alter 
Zeit eine hölzerne Galerie dorthin geführt, und der Besitzer 
mag im Kampfe gefallen sein, ehe er seinen Schatz wieder 
heben konnte. Die Tafeln sind aus Buchenholz verfertigt und 
mit schwärzlicher Wachsmasse überzogen; der untere Deckel 
fehlt, der obere ist dicker und mit einer Oeffnung für d^n 
Griffel versehen. Fünf Tafeln sind auf beiden Seiten beschrie- 
ben; schmale Oeffnungen zeigen, dafs sie durch Pergament- 
bänder zusammen gehalten wurden. Die Schrift ist den Lang- 
seiten parallel und enthält Rechnungen eines Kaufmanns vom 
Fi nie des 13. oder Aul; mg des 14. Jahrhunderts. 

Andere Tafeln hat man in einem Torfmoor in Irland 
gefunden; sie gehören zu (hm Adversarien, deren Gebrauch 
wir so häufig erwähnt fanden, und enthalten grammatische 
Regeln und allerhand verschiedenes Gekritzel in angelsächsi- 
scher Schrift <h'N 11. oder 15. Jahrhunderts, abgebildet in eleu 
Transactions of the Royal Irish Academy, Vol. XXI. von Todd, 
mit einer Abhandlung, die wesentlich in einem Auszug aus 
der Untersuchung von Lebeuf besteht. . 

In dem Livre des metiers d'Etienne de Boileau (Reglemena 
rar !<•- arts ei les nirti»'^ de Paris rediges au L3. siede, ed. 
Depping L837) bilden die tabletiers ein metier; S. 171: De 

(im fönt täbles ä escrire ä Va/ris. Sic arbeiten vorzüg- 
lich in Buchsbaum und dürfen geringeres Material nicht neh- 
men. Verzierungen Bind von Hörn, Elfenbein u.a. Das Wachs 



Wachstafeln. 69 

darf nicht mit Talg gemischt werden, S. 173: Ne nus tabletier 
ne puet metre suif avec cire. In der Steuerrolle von 1292 (ed. 
H. Geraud p. 538) sind 21 tabletiers. 

Ambrogio Traversari schreibt um 1430 an Francesco 
Barbaro nach Venedig, dafs sein Bruder tabellas baxeas quales 
ßunt apiid vos venustissimas cum stylo wünsche; er selbst ver- 
langt 1432 Nachsendung seiner tabellae buxeae. Epp. ed. Mehus 
p. 300. 534. 

Mit dergleichen Tafeln betrieb Ott Ruland ein schwung- 
haftes Geschäft, da er 1466 in sein Handlungsbuch eintrug: 
Item Jan Fleming des Gothircz gesel von Basel, belibt mir 
schuldig umb schribdafel 130 gülden. *) Man hat sie auch im 
Mittelalter mit kostbarem Schnitzwerk aus Elfenbein verziert, 
wovon Du Meril p. 113 mehrere Beispiele anführt; Musee de 
Cluny n. 430 ist eine Elfenbeinplatte, welche die Krippe und 
die Hirten mit dem Stern darstellt, auf der Rückseite aber für 
Wachs eingerichtet ist. Sie wird dem 15. Jahrhundert zuge- 
schrieben. Andere Darstellungen sind ganz weltlicher Art, 
und ebenso der Griffel von Elfenbein n. 408, auf dessen dickem 
Ende ein Ritter mit einem Falken und eine Dame mit einem 
Hündchen stehen, auf einer Art von Kapitell, welches zum 
Glätten des Wachses gedient haben mag. 

Um 1500 scheint diese Verwendung der Wachstafeln auf- 
gehört zu haben, keineswegs aber ihr Gebrauch zu anderen 
Zwecken. 

Seit alter Zeit war es Jierkömmlich und nothwendig, in 
den Kirchen und Klöstern die wechselnden Officien auf einer 
Tafel zu verzeichnen; sehr oft werden solche tabulae erwähnt, 
doch ohne Angabe des Materials. Du Meril aber führt S. 108 
eine Stell- aus dem Ordinarium des Priorats von Saint-L6 zu 
Rouen (um 1250) an: Qui ad missam lectiones vel tr actus dic- 
turi sunt, in tabula cerea scripti primitus recitentur. Dafs 
diese Sitte weit verbreitet war, und dafs sie sich lange erhalten 
hat, zeigen die tabulae officiorum aus einem Nonnenkloster in 



') Ott Rulands Handlungsbuch ed. Fr. Pfeiffer (1. Publication des 
Lit.-Vereins 18 ii) p. 1. 



70 Schreibstoffe. 

der fürstlich Hohenzollerschen Sammlung zu Sigmaringen, wo- 
von" ich im Anzeiger des Germanischen Museums 1867 Sp. 239 
Nachricht gegeben habe. Die Schrift scheint dem 17. Jahr- 
hundert anzugehören. In Ronen waren die tdbleües de choeur 
nach Laianne, Curiosites bibliogr. p. 18, bis 1722 im Gebrauch. 

Ungemein häufig dienten die Wachstafeln, wie schon er- 
wähnt, seit den Römerzeiten zu Rechnungen, vorzüglich auch 
zu Zinsregistern, zu denen sich Vermerke über geleistete 
Zahlung leicht beifügen liefsen; ferner zu vorlaufiger Aufzeich- 
nung gerichtlicher Vorgänge. 

Ein Relief aus Trajans Zeit, welches auf dem römischen 
Forum gefunden ist und die Verbrennung erlassener Steuertafeln 
darstellt, l ) zeigt sie uns in derselben Form, in welcher man 
sie viel in städtischen Archiven und in Sammlungen findet, 
alle mit Eintragungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, in 
welchem sie durch das allgemeiner und billiger werdende Papier 
verdrängt wurden. Man liefs sie dann unbeachtet liegen, bis 
sie später wieder als Merkwürdigkeit die Aufmerksamkeit er- 
regten. Die Pariser Bibliothek besitzt nach Du Meril an 50 
solcher Tafeln, von denen zwei deutscher Herkunft (SuppL lat. 
L390) der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts angehören sollen. 

In den Hamburger Kämmereirechnungen (herausgegeben 
von Koppmann) ist I, 72 zum J. 1360 verzeichnet: 13 sol. pro 
duobus foliis ad scribendum; 1363 p. 88: 3 sol. pro foliis 
ligneis; 1372 p.. 164: 7 sol. 3 d. pro foliis duobus cum nova 
cera reformandis.*) In den Abrechnungen erscheinen regel- 
mäfsig liehen dem haaren Gelde (paratis denariis) die debtia 
ii exposita m foliis. 

Wachstafeh] ans Nordhausen von L358 bat (). v. Heine- 
inaini in der Zeitschrift des Harzvereins L874 S. 59 85 be- 
schrieben: ander.« aus Groslar, als Protokollbuch bezeichnet, 



') Monument] Inediti IX (1872) t, 18. Im Jenenser Cod Ott Fria 
[gl Ca bj Ermordung so dargestellt, dafs die Verschworenen in der 
Elechten Griffel, In der Linken riesige, oben abgerundete Wachstafeln 
halten 

\n baier Klöstern gieb! Rockinger, Zum baier. Schriftwesen, 
oli he Aie'j tbeposten am dem L5. Jahrhundert. 



Wachstafeln. 71 

wollte man einst ins 11. Jahrhundert setzen, während sie 
frühestens dem 14. Jahrh. angehören. 3 ) 

Die Wachstafeln in Jauer hat Dr. Th. Lindner in der 
Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens 
IX. 95 — 100 beschrieben; sie enthalten Signaturen aus dem 
Jahre 1374, zum Theil Vervestungen mit der Formel: dorumb 
derselbe Hanns mit rechten ist in dy echt und toffel geteilt. 
Im Jahr 1381 wurde das papierene Signaturbuch angelegt. 

Derselben Zeit (um 1381) gehört ein Kladdenbuch des 
Leipziger Stadtrathes an, von buntgemischtem Inhalt, dessen 
Wachstafeln sich theils in Leipzig, theils in Schulpforta erhal- 
ten haben, und von Professor W. Corssen in den Neuen Mit- 
theilungen des thür. sächs. Vereins (1864) X, 145 — 204 be- 
schrieben sind. In Weimar ist nach Hesse S. 377 ein aus 
10 Wachstafeln bestehender Codex, welcher ein summarisches 
Register über die Einnahme des Stadtraths zu Leipzig enthält, 
vom Jahre 1420, in Dresden (ib. p. 359) Leipziger Steuerre- 
gister auf Wachs von 1426; in Wittenberg 10 Tafeln vom Jahr 
1428, welche beim Rathe zu Leipzig zu einem Register für 
Gerichtskosten gedient haben. 

In Liegnitz verbrannten am 25. Mai 1338 der st ad re- 
gister, qaatemen und taffein, dorinne ire geschosse und schulde 
ivoren beschreben, und nach dem Brande sind abir dy ge- 
schosser e in tafiln geschrebin gewest noch der alten weisse, also 
das man umbe xiiij iar donoch Jceyn recht register gehaben 
mag. Die noch vorhandenen gehören erst den neunziger Jahren 
des 14. Jahrhunderts an und sind nur Kladden, welche später 
in lUicher übergeschrieben wurden. 2 ) Ein Stück davon, vom Jahr 
1396, scheint ins Kloster zu Sagan entkommen und von da 
nach Breslau gelangt zu sein. ;5 ) 

Zwei Beedebücher der Stadt Umstadt, das ältere (2 Tafeln) 



') Hercynisches Archiv (Halle L805) 8. 138 ff. Schc-enemann, Merk- 
würdigkeiten der Wolf. Bibl. 1. Hundert S. 61. Hansische Geschichtsbl. 
1873 S. 6. 

l ) Schirrmacher, Urkundenbuch der Stadt Liegnitz (1866) p. VII. IX. 

■) Pertz' Archiv XT, 706. 



< 2 Schreibstoffe. 

1389 abgeschlossen, in Darmstadt, erwähnt Walther, Beiträge 
zur Kenntnifs der Hofbibliothek I, 65. 

Von Erfurter Ausgaberegistern auf Wachs von 1424 bis 
1426 giebt Hesse a. a. 0. S. 360—366 Nachricht. 

Wachstafeln auf der Berliner Bibliothek enthalten Rech- 
nungen des Stadtraths zu Hannover vom J. 1428; sie gehö- 
ren wohl zu den 12 Tafeln auf dem Rathhaus der Altstadt 
Hannover, welche Wehrs (Vom Papier, Halle 1789 S. 29—32) 
beschreibt. Sie enthalten, wie sehr häufig, Namen, bei denen 
dann die geleisteten Zahlungen vermerkt wurden. 

Regensburger Wachstafeln aus derselben Zeit im Na- 
tionalmuseum zu München sind vorzüglich gut erhalten, das 
Wachs noch weich. 

Auf den in Arnstadt noch vorhandenen Tafeln ist das 
von den Bürgern 1457 entrichtete Ungeld nach den Stadtvier- 
teln verzeichnet, wie Hesse in Arnstadts Vorzeit und Gegen- 
wart (Arnstadt 1843) S. 121 bis 124, und im Serapeum XXI, 
357 bis 359 berichtet. Tafeln aus Goetweih mit Rechnungen 
saec. XV. sind im Oesterr. Museum; über die in S. Gallen s. 
den Anz. d. Germ. Mus. XX, 79. 

In Strafsburg ist „derselben Wachstafeln Gebrauch in 
Beschreibung der gemeinen Stadt Einkommens und Aufsgaben 
oder Pfeimigthurms-Rechnungen noch bifs anno 1500 in Uebung 
verblieben, wie solche Wachstafel -Rechnungen noch auff dem 
Pfennigthurme iiffgehoben, und jahrlich nebenst andern raren 
Antiquitäten äff Job. Baptiste öffentlich gezeigt zu werden 
pflegen." ' | 

hie Beispiele noch weiter zu häufen ist überflüssig; beson- 
dere Erwähnung aber verdient das Giltbüchlein der Burg 
zu Nürnberg und der dazu gehörigen Besitzungen, aus dem 
Ende des I 1. Jahrhunderts, wegen seiner eigentümlichen Kin- 
richtung. Es besteht nämlich aus 1 1 Tafeln, deren Vorder- 
seite quergetheilt und mit Wachs versehen ist. die Rückseite 
aber ist mit Pergament überzogen. Hier finden sich die Namen 



') Schilter in den Anmerkungen tu seiner Ä.u gäbe ?on Jacobs 
\. Koenigshofen Chronik ( L698) 8. 111. 



Wachstafeln. 73 

der Dörfer und Personen, auch mit der Feder gezeichnete An- 
sichten der Orte, und daneben auf dem Wachs die Bemerkungen 
des burggräflichen Kastners. x ) Ganz ähnlicher Art, aus der 
Zeit um 1354, ist das Wachstafelbuch der Canonie Polling, 
früher im Besitz des Dr. J. Sighard, jetzt im Nationalmuseum 
zu München, welches auf 11 oben abgerundeten senkrecht ge- 
t heilten Tafeln, links auf Pergament die Grundholden und Gü- 
ten des Klosters in Tirol, rechts auf Wachs Bemerkungen dazu 
enthält; etwas jüngere derselben Art sind im Reichsarchiv. 
Einfache Pollinger Wachstafeln mit Rechnungen von 1431 — 1442 
sind auf der Münchener Bibliothek und von Schmeller beschrie- 
ben. 2 ) Die eben erwähnte Einrichtung aber finden wir auch 
in den Wachstafeln des Klosters Unter linden im Archiv zu 
Colmar. 3 ) 

Während nun die neuere Zeit an den meisten Orten das 
W r achs durch das Papier verdrängte, erhielt der Gebrauch des- 
selben sich bei einigen Salzwerken, wo auch andere alter- 
thümliche Sitten hafteten. Zu Halle an der Saale bestand 
die sogenannte Lehntafel aus Wachstafeln, d. h. das Grundbuch 
für die Antheile an den Salzbornen, welches in drei verschie- 
denen Exemplaren, die unter verschiedenem Verschlufs lagen, 
gleichzeitig geführt wurde und dadurch gegen Fälschung ge- 
sichert war. Wir haben genaue Nachrichten darüber von Joh. 
Christoph von Dreyhaupt und von Joh. Peter v. Ludewig, der 
k. Commissarius bei der Lehntafel war und sie zu seiner Vita 
Justiniani p. 185 hat abbilden lassen. Ich habe in den neuen 
Mittheilungen des Thür.- Sachs. Vereins XI, 444 — 460 einen 
Aufsatz darüber mitgetheilt. Dreyhaupt hat uns sogar (Be- 
schreibung des Saalkreises S. 105) das Recept überliefert, 
welches 1081 bei der Erneuerung angewandt und vermuthlich 
von Altei,; her überliefert war. Denn einfaches Wachs läfst 



') Baader im Anzeiger des Germ. Mus. XII, IUI. Es Iv-t ietz f im 
Reichsarchiv. 

2 ) s. Dr. J. Sighard, ein Wachstafelbuch aus dem Kloster Polling, 
in den Abhandlungen der k. bayer. Akad. (1866) IX, 343—356. Rok- 
kinger, Zum baier. Schriftwesen s. s u. 9. 

:i ) Revue d'Alsace 1H72 S. 574. 



74 Schreibstoffe. 

sich in solcher Weise nicht verwenden. *) Die Masse mufs 
etwas weicher sein; auf fast allen alten Exemplaren ist sie 
hart und spröde geworden, bröckelt auch deswegen leicht ab. 
Dagegen ist sie in einem der jüngeren Hallischen Exemplare 
eher zu weich geblieben und haftet nicht recht an der Unter- 
lage; es verlangte eben auch die Verfertigung der Wachstafeln 
ihre eigene Wissenschaft. Glattes Holz, wie bei den Pollinger 
-Tafeln im Reichsarchiv, ist unzweckmäfsig , und Blech, welches 
man in Halle einmal versuchte, hat sich gar nicht bewährt. 

Fortgedauert hat in Halle der Gebrauch bis zum Jahr 
1783, wo er durch königliche Verordnung aufgehoben wurde; 
Länger erhielt sich eine ähnliche -Sitte in Schwäbisch Hall, 
bis auch hier der nüchterne moderne Staat der Sache ein 
Ende machte, als er 1812 an die Stelle der Privatsieder trat. 
Die hier gebräuchlichen und schon 1768 von Hanfseimann be- 
schriebenen Tafeln hatten aber eine andere Bestimmung: sie 
enthalten die Namen der Sieder und wurden gebraucht, wenn 
das Flofs- oder Haalholz auf dem Kocher ankam und nach sei- 
nen Marken den Eigentümern zugetheilt wurde, um bei den 
Namen derselben die erhaltene Quantität zu vermerken. Das 
doppelte Exemplar diente wohl auch hier zur Controlc; eines 
davon gehört jetzt dem fränkischen Alterthumsvcrein in Schwä- 
bisch-Hall, das andere sammt dem Markenbuch dem Herrn 
Pro£ Zahn in Oraz, s. Anz. d. Germ. Mus. IX, 95. X, 70. Ho- 
meyer, Haus- und Hofmarken S. 263. 

Endlich aher hat sich, wie Edelestand Du Meril S. 113 
mittheilt, auf dem Fischmarkt von Honen noch jetzt die Sitte 
erhalten, dafa die übrig gebliebenen Fische am Schlüsse ver- 
steigert werden und das Ergebnifs auf Wachstafeln eingetragen, 
deren Abbildung er mittheilt. 



') l'olhix Oiioma.-.!. VIII c ."iS sa.irt: n ,Yi rywv r >, .uruxiiSi y/^>n^ 

>/ /"</■'>■; '] !<>'>/'■>>' Er 1 1 1 1 1 ii Stellen an giebl aber keine A.uskunfl liber 
die Beschaffenheit. 



Thon und Holz. 75 

3. Thon und Holz. 

Auf Thon Scherben hat. man im Alterthum dann und 
wann mit Dinte oder Farbe geschrieben; der Ostrakismus der 
Athener zeugt davon, aber nur das trockene ägyptische Klima 
hat dergleichen. Schrift bis auf unsere Zeit bringen können. 
Da hat man solche Scherben viel gefunden: ägyptische mit 
Schulaufgaben in hieroglyphischer Schrift, die dictiert sind, 1 ) 
andere mit griechischer und koptischer Schrift. Diese sind 
paläographisch nicht unwichtig. Meistens enthalten sie Quit- 
tungen, zuweilen auch Briefe, s. Corpus Inscriptionum Grae- 
carum III, 408—416. 497 — 504. Young's Hieroglyphics tab. 
53—55. Leemans, Mon. egypt. de Leide (1846-49) pl. 233 
n. 239. 240. 2 ) Auf einer solchen Scherbe finden sich 8 Zeilen 
in höchst barbarischem Griechisch, welche nach der Erwähnung 
der Wunder Christi in eine Anrufung übergehen, vermuthlich 
ein Amulet; s. Egger, Memoires d'histoire ancienne p. 428, 
und Observations sur quelques fragments de poterie antique 
provenant d'Egypte, Mem. de l'Academie des Inscriptions XXI, 
1, 377—408 mit Facsimile. 3 ) 

Allenfalls kann man auch die Wände zum Schreibmaterial 
rechnen, weil die in Pompeji und in den römischen Katakomben 
angemalten und eingeritzten Aufschriften ein paläographisch 
merkwürdiges Material liefern, welches sich von den eigent- 
lichen Inschriften bedeutend unterscheidet. 

Backsteine hat man bekanntlich seit uralter Zeit in der 
Weise zum Schreiben benutzt, dafs in den noch weichen Thon 
Schriftzüge eingedrückt wurden, welche durch Brennen Festig- 
keit erhielten. Bei Babyloniern und Assyriern war diese Me- 
thode im ausgedehntesten Gebrauch. Aber auch griechische 
Ziegelfragmeute für Schulen zur Uebung im Buchstabieren be- 



') Lauth in d. Sitzungsberichten d. Münch. Akad. 1872 S. 36. 

2 ) Froehner, Ostraca inedits du Louvre, Revue Airh. 1865 I, 
422—487, mit Berücksichtigung anderer, ist ohne Fortsetzung- geblieben. 

3 ) Vgl. auch Loeinans: Over eene Potsehcrf met Griekschen Tekst 
in het Museum van Oudheden te Leiden, in: Verslagen en Mededeelingen 
der k Akad. van Wetenschappen, Afdeeling Letterkunde (Amst. 1866) 
X, 207—223. 



76 Schreibstoffe. 

sitzt die archäologische Gesellschaft in Athen, 1 ) und von den 
Römern haben wir viel dergleichen Backsteine mit Inschriften« 
nicht nur Steine mit eingedrückten Fahrikstempeln, die sehr 
zahlreich sind, und Cursivhemerkimgen der Arbeiter, sondern 
bei Steinamanger, dem alten Sabaria, und bei N} 7 mwegen 2 ) sind 
auch Backsteine mit Alphabeten gefunden, und an ersterem 
Orte ein zweiter mit den Versen: 

Senem severum semper esse condecet. 
Bene debet esse pouero qui discet bene. 

Es kann wohl keine Frage sein, dafs diese Steine zu Vor-* 
Lagen beim Schreibunterricht bestimmt waren, und da ist es 
sehr merkwürdig, dafs die Alphabete zwar eine ziemlich reine 
Capitalschrift zeigen, die Verse aber genau mit der Schrift der 
Wachstafeln übereinstimmen, und also auch diese Schrift, ent- 
artet wie sie war, in den Schulen gelehrt wurde. 3 ) 

Andere Fragmente zeigen geringere Schriftreste in den- 
selben Buchstabenformen. 4 ) 

Auch der in den Ruinen von Italica bei Sevilla gefundene 
Backstein mit dem Anfang der Aeneide in jüngerer Lapidar- 
schrift (Corpus ISS. II d. 4967, 31) scheint zur Vorschrift 
bestimmt gewesen zu sein. 

S<> haben wir also schon dreierlei Material zum Schulge- 
brauch kennen gelernt, denn auch einfache Holztafeln, mit 
Dinte beschrieben, dienten, wie wir schon S. 48 Bähen, zu 
demselben /weck. 



') Archaol. An/. 1863 8.92* Dach Pervan Oglu im $iktaz<oQ IV. 527. 
Janssen: Beschreibung eines röm. Ziegels mit zwiefachen lat. 
Alphabet, Leiden 1*1 1. and: Over twee romeinsche Opschriften in Cur- 
rief schrift, op tegels uii Holdeurnt onder Groesbeek, In: Verslagen en 
Mededeelingen ix. LS 22. Ferner Lb. XII (1866) L62— 166. Die frü- 
heren berücksichtigt bei Brambach, Corpus [nss. Khen. p. 27. 28. 

i Job Paar: Heber zwei römische Ziegeldenkm&ler ;>i^ Stein- 
amanger in Ungarn, Sitzungsberichte der Wiener Akademie Xiv u 
s L83 1 11. Corpus [nss. Lati Hl. 962. 

l ) Ainctii im Jahrbuch der Centralcommission I. aus Laureacum, 
bei Paur iriederholt, und Janssen, Muse! Lugd. Batavi [nscriptiones 
p. 167 Tab 



Thon und Holz. 77 

Bücher, die aus dünnen Tafeln von Lindenholz bestanden, 
<pilvQa, tjpiXvQiov benannt, werden öfter erwähnt. x ) Jede ägyp- 
tische Mumie hatte ihr Täf eichen, xaßla, auf dem ihr Name 
stand. 2 ) Froehner hat ein Täfelchen aus Sykomorenholz be- 
schrieben, auf welchem von vier griechischen Klageversen noch 
der letzte Pentameter lesbar ist. 3 ) Und in Aegypten hat sich 
neben den schon früher erwähnten Wachstafeln mit Schüler- 
schriften auch eine gröfsere Tafel aus hartem Holz gefunden, 
sorgfältig geglättet, 12 Zoll lang, 6 Zoll breit, */ 4 Zoll dick, 
welche zwei Trimeter mit Feder und Dinte erst vorgeschrieben, 
dann mehrmals nachgeschrieben enthält. 4 ) In Leiden ist eine 
andere Holztafel aus Aegypten, auf welcher ein griechisches 
Alphabet geschrieben ist. 5 ) 

In einem Grabe der Thebais hat man auch ein Fragment 
einer Wachstafel gefunden, welche noch die eingeritzten Spuren 
von Buchstaben erkennen läfst. Da aber kein Wachs mehr 
darauf war, hat man im 4. Jahrh. mit Dinte darauf geschrieben. 6 ) 

In Siebenbürgen fand man an dem Fundorte der 
Wachstafeln in einer verlassenen Goldgrube zu Yöröspatak, 
1824 ein Büchlein in kl. Octavform, das aus 5 oder 6 sehr 
dünnen, auf beiden Seiten beschriebenen Blättchen aus Linden- 
liolz bestand. Sie wurden „einem reisenden vaterländischen 
Forscher" zur Entzifferung übergeben, sind aber leider spurlos 
verloren gegangen. Ein zurückgebliebenes Fragment zeigt 
Schriftzüge, welche an die Schrift der Wachstafeln erinnern; 
sie sind aber, da das Holz durch die Zeit gebräunt ist, schwer 



1 ) Becker-Marquardt V, 2, 382 n. 2. 

2 ) Papyrus Grecs du Musee du Louvre p. 434. 
'•) Melanges (1873) S. 16. 

4 ) in Dr. Abbot's Sammlung in New -York, s. Welcker im Rhein. 
Mus. (1860) XV, 157. 

B ) Reuvens, Lettres a M. Letronne III, 111, wo auch ein Papyrus mit 
einfachen und verbundenen Buchstaben zum Unterricht beschrieben wird. 

6 ) Some observations lipon ;i Greek tablet bearing the name of 
A0ANACIOC found in the Aasaseef near Gourneh, Thebes, 1828. By 
W. II. Cooper. Transactions of the Royal Society of Literature, Second 
Series, Vol. X, Part 1. Mit Abbildung. 



_ Q Schreibstoffe. 



*it Sicherheit zu erkennen, und wohl zu fragmentarisch, um 

pine Deutung zuzulassen. 1 ) 

HolztJL z„,n Schulgebrauch weifs ich he den Romern 
nicht nachzuweisen; im Mittelalter seteint der Axt bMA 

„,,,„„,„,„/;.< zu sein, welche der Mainzer Scholastik Gozmai 
,'. lahl ,, einem Schüler entrib und rhu dannt todschlug 
„ dem* I 353). Vielleicht bezieht sich daran! die Glosse 
"-raLlarius optimus ed. Wackern. p. 29: -*£*•« 
,,,., ^sMnäel. Im Salzburger Antiphonar, vielleicht aus 
L 12. Jahrhundert, schreibt Zachanas auf einer viereckten 
Tafel mit schmälerem Stiel nach der Abbildung mit emerTedei; 
U r Beschreibung freilich mit einem Griffel, wie es sonst 
,, «t >) In dem vom Germanischen Museum herausgege- 
Htt lalterlichen Hausbuch Tafel 16 hält em Schulknabe 
IZ ,, lml ,lie Tafel mit dorn Stiel nach oben; womit er sc« 
L nicht sichtbar. Doch ist es vermuthhch ein Gr.ttel. In 
S hilSlmg m Siebenbürgen sah ich starke Holzt afein imt einer 
schmäleren Handhabe, welche dort noch vor mebt . hi 
Zeit zu Hebungen im Schreiben gehraucht wurden und mittel 

alterlichen Ursprungs sein mögen. „lasierten 

^bische Kinder lernen schreiben aul weibei gj* 
Tafeln v „ n denen die Dinte sich leicht abwaschen labt) 
ähnlicher Art, doch künstlicher und femer, n» d» 

„II tMI-pergam» , der«. Rec ept 1 ockmger S. 18^ ■ 

^rTegernseer Handschrin nm 1500 mitgethmlt hat Eme 

SoW von Bleiweib wurde auf das Pergamenl gebracht und 

^tonltemil Blei, Zinn, Kupfer oder Silber darauf schre. 

,»,•„ mit Dinte and diese leicht wieder abwischen^ 

sL,-' ,■.,,».,-/,, ONVKk te der P. Keller .ter 1501 für 

- Kreuzer. 

JjäfSÄTJ'SÄtl -r?E 

1 , • • \i\ msc'i) Tafel 2. Gröfsere A.us- 

lungen der K k. Centralcommisaion \i\ (186«) 

gäbe w len L870. _ . , j pa i n ted 

.,. ÄSiTÄÄÜi'Ä- » 

the i..u cad be *a*hed off *itb < 

i • i ,i „1, wohl tat! mlma /" bessern Bein. 

• ) , ,,„, taltua wird ao< o woni 



Thon und Holz. 79 

In der Berliner Bibliothek befinden sich 12 Buchsbaunt- 
täfelchen mit sehr sauber ausgeführten Bleistift -Zeichnungen 
eines niederrheinischen Künstlers aus dem 15. Jahrhundert. 
Sie sind 1830 von Paltzow lithographirt und herausgegeben, 
von Passavant im Kunstblatt 1841 n. 89 besprochen worden; 
vgl. C. Schnaase, Geschichte der bildenden Künste im Mittel- 
alter IV, 580—584. 

Ein Seitenstück dazu besitzt die Ambraser Sammlung, 
14 hölzerne Täfelchen zum Zusammenlegen in einem Leder- 
futteral, mit Federzeichnungen eines niederländischen oder 
rheinischen Künstlers aus demselben Jahrhundert, nach Ed. 
von Sacken's Beschreibung dieser Sammlung II, 260. Ebenda 
befinden sich auch nach S. 258 fünf S ehr eibtäf eichen von 
Schiefer, vermittln ich von K. Ferdinand I. 

Auch Kalender wurden im Mittelalter häufig auf Holz- 
täfelchen geschrieben. 

Diplomatisch nicht unwichtig sind endlich die Kerbhölzer, 
talea, tallia, taille, ein Name, welcher auf die mittelst solcher 
Kerbhölzer« erhobene Steuer übertragen wurde. In England 
wurden die Steuern bis 1834 auf solche Weise verrechnet, und 
als man endlich das alte System verliefs, wurden die massen- 
haft aufgehäuften tallies im Hofe des Parlamentsgebäudes ver- 
brannt. Das Feuer ergriff und verzehrte das ganze Gebäude, 
die erste Frucht der Neuerung aber war ein colossaler Un- 
terschleif. 

Nicht so unglücklich erging es dem Freiherrn Johann 
Rudolf von Trczka, dem Vater des bekannten Generals. Seine 
Gemahlin bedrängte die Unterthanen auf Opotschno und for- 
derte von ihnen die Rechnungen. Die Unterthanen aber zö- 
gerten bis zur Heimkehr des Freiherrn; dann erschienen im 
Schlofs Fuhren mit „Robitsch" (von tvrub, böhm. Kerbholz). 
Gefragt, was für Holz sie da brächten, antworteten sie, es wären 
die Rechnungen, welche die Frau immer verlange. Der Frei- 
herr aber befahl lachend die Rechnungen abzuladen, und liefs 
die Robitsche verbrennen. *) 



') Historisch-archäologische Memoiren über die Herrschaft ( Ipotschno 



80 Schreibstoffe. 

Die Kerbhölzer, deren Gebrauch im häuslichen Leben noch 
liier und da fortdauert, 1 ) sind gespaltene Stäbchen, von denen 
Gläubiger und Schuldner je eine Hälfte erhalten; bei der 
Zahlung werden die Hälften an einander gefügt und Einschnitte 
gemacht. Auch kann eine Quittung auf die geglättete Aufsen- 
seite geschrieben werden. Im Recorcl- Office in London sah 
ich solche tallies aus König Johanns Zeit; Judenschuldbriefe, 
vom König geraubt, waren daran gebunden, und die nun an 
den König geleistete Zahlung auf dem Holz vermerkt. 

4. Papyrus. 

Die Hauptstelle über die Bereitung des Papyrus und die 
verschiedenen Arten der Waare ist Plinii Hist. nat. XIII, 11 — 13. 
Die Dunkelheit derselben hat den Auslegern viele Noth ge- 
macht und viele Mifsverständnisse veranlafst; es ist jedoch 
nicht nothwendig hier darauf einzugehen, und wegen der Fa- 
brication genügt es zu verweisen auf: Dureau de la Malle, 
Memoire sur le Papyrus, 1850, in den Memoires de FAcademie 
des Inscriptions, Vol. XIX. 

BvßXoQj ßtßXog, auch jr«jrroo_\ ist eine Art Binse, Cyperns 
papyrus, die zu vielfältigem Gebrauch diente und in Aegypten 
vorzüglich im Delta angebaut wurde. Ursprung und Bedeutung 
des Namens sind so wenig bekannt, wie die ägyptische Form 
desselben Qerodol hat das Wort jtujtvqoc; nicht. Heimisch 
ist die Pflanze in Aegypten nicht, und jetzt dort ganz ver- 
schwunden. Nach den alten Abbildungen ist ('s die in Xiibicn 
noch jetzl heimische Art, welche sich durch aufrecht stehende 
Blüthenbüschel und geringere Höhe unterscheidet von der sy- 
rischen, nach Pariatore, Memoire but le Papyrus des Anciens 
ei sur le Papyrua de Sicil«'. in den Memoires presentes ä L'Aca- 
demie des Sciences (1854) XII. H5 ( J — 502, Der syrische, 
Cyperus Syriacus, \<>n den Alten nicht erwähnt, ist nach Par- 



is) Königgratzer Kreise 8. 23 l<li verdanke sie <I<t Freundlichkeil des 
[ntendanteo Beim Heistermann ron Ziehlber 

') rgl, /.. i> Boner'a Siebenbürgen 8 644. In « I « * r Schweif nennl 
man i Beilenrechnung \ I Grimma Wörterbuch unter Kerbholz, 
Homeyer, Haus- u I [ofmarkeo 8 21 I 



Papyrus. 81 

latore eine andere Species; 1 ) vermuthlich wurde er von den 
Arabern angebaut und von ihnen auch nach den Sümpfen bei 
Palermo verpflanzt, wo ihn Ebn Haucal im zehnten Jahrhundert 
erwähnt. Man machte Papier für den Sultan daraus. Noch 
im 13. Jahrhundert lesen wir bei Salimbene S. 93 als Schlufs 
eines älteren an die Normannen gerichteten Spruches: Det 
vobis .... Hortiis delicias, nemus umbram, stagna papyrum. 
Es wurde also als ein kostbarer und einträglicher Besitz be- 
trachtet; doch wird es schon für Salimbene's Zeit nicht mehr 
zutreffend gewesen sein. Diese Sümpfe sind 1591 ausgetrocknet 
und in Folge davon die Pflanze verschwunden. Bei Syrakus 
ist sie erst zwischen 1624 und 1674 nachweisbar. Die neueren 
Versuche, vorzüglich des Präsidenten Landolina, aus dieser 
Pflanze Papier nach Art der Alten zu machen, bespricht Dureau 
de la Malle ausführlich und giebt sehr genaue Mittheilungen 
darüber. 2 ) 

Im Alterthum ist der aus der Pflanze verfertigte Schreib- 
stoff mit derselben gleichnamig; 3 ) er heifst auch %aQxriq, cliarta, 
wovon das Beiwort yoQxtooq,, chartaceus. In späterer Zeit sind 
diese Ausdrücke auf andere Stoffe, namentlich auf Papier über- 
tragen. Daher heifst es: %aQxric, eöxl xo ajto ükxjivqov Ö8Q{ia, 
?] Ixtqa vljj jtQoq yQacprjv Jtejtoir/fitvrj. Schob 1. XXII. Basi- 
licorum. 

Im Mittelalter heifst eine Urkunde auf Papyrus gewöhn- 
lich tomus. 

Häufig begegnet man dem Irrthum, der aus den Worten 
des Plinius entstanden ist, als ob der Schaft des Papyrus aus 

chiedenen Häuten bestehe, in die er sich zerlegen lasse. 
Das ist bei dieser Binse so wenig wie bei andern Binsen mög- 



') Diese Unterscheidung wird jedoch bezweifelt. Die massenhaften 
Papyrufldickichte des inneren Africa sind durch die neueren Reisen be- 
kannt geworden. 

2 ) Das früher hier von mir als älter angeführte Papier beruht nur 
auf der falschen Lesung 1635 statt 1835. 

'■'') Die I nterschcidung von ßvßXoq (Pflanze) und ßlßXoq (Papier) 
ist spätere Spitzfindigkeit; es soll auch bybUotheca die richtige Schreib- 
art Nein. 

Wattenbacli Behriftwesen. -. Ami (j 



82 Schreibstoffe. 

lieh, da sie nur ein gleichartiges Zellgewebe enthalten, und 
Herr Marquardt würde grofse Mühe haben, seine 20 Bastlagen 
zu finden. Man zerlegte vielmehr das Zellgewebe mit einem 
scharfen Instrument in dünne Schichten, von denen die mit- 
telsten als die breitesten das beste Papier gaben. Die Schichten 
wurden neben einander gelegt und mit einer zweiten Lage 
kreuzweise bedeckt; aufgegossenes Nilwasser brachte den Pflan- 
zenstoff in Auflösung, der sich dann fest mit einander verband, 
gepreist, getrocknet und geglättet wurde. Manches bleibt 
dunkel in der Stelle des Plinius, so die Bedeutung des scapus 
mit seinen 20 plagulae; als Maafs in späterer Zeit werden wir 
nuten tomi finden. In Büchern scheinen die Rollen nach der 
Schrift zusammen geleimt zu sein (unten II § 2), aber in Ur- 
kunden geht die Schrift über die ganze Länge, auch über die 
Commissuren. Die Höhe war durch die Qualität der Pflanze 
begrenzt, die Länge unbeschränkt Das Verfahren scheint aber 
nicht immer dasselbe gewesen zu sein, und in Rom trat eine 
neue Appretur hinzu. Die lateinischen Rollen aus Herculaneum 
sollen schwerer aufzurollen sein als die griechischen. 

Dieser Stoff war in Aegypten seit den ältesten Zeiten im 
Gebrauch; auf den frühesten Wandgemälden aus dem alten 
Reich linden wir Schreiber mit Papyrusrollen dargestellt, und 
auch ägyptische Urkunden aus jenen Zeiten sind im Original 
erhalten. Es ist deshalb unbegreiflich, wie Varro, und nach 
\\wn Plinius, die Erfindung erst in Alexanders Zeit setzen konn- 
ten, da doch schon aus Herodot das höhere Alter bekannt war. 
Man rermuthet daher «'in MifsverständniJs, und hat es so ge- 
deutet, als s.-i die Fabrication, die bis dahin Regal gewesen. 
damals frei geworden. 

Ebenso unbegründet ist die Meinung \<>n C. A. Böttiger 
(Ueber die Erfindung des Nilpapiers und seine Verbreitung in 
Griechenland, Kleine Schriften III. 365), der ihr die griechische 
Colonie in Naukratis dm Ruhm der Erfindung in Anspruch 
nimmt. 

Zu Montfaucon's Zeil gehörten ägyptische Papyrusstücke 
noch zu den größten Seltenheiten; jetzl sind dir Sammlungen 
davon erfüllt, und man hat diese Rollen massenweise, sowohl 



Papyrus. 88 

mit ägyptischer wie mit griechischer Schrift. J ) Eine photogra- 
phische Abbildung giebt Sick'el, Monumenta Graphica 1, ganz 
vorzügliche und anschauliche Proben die Etudes paleographi- 
ques et historiques sur des Papyrus du VI. siecle, Genf 1866. 
Ferner die schönen Facsimile der griechischen Papyrus von 
Deveria in Band XVIII, 2 der Notices et Extraits des Ma- 
nuscrits, u. a. m. 

Auch in Griechenland hatte dieses Material nach Herodot 
V, 58 schon längst das altorientalische Leder verdrängt, und 
war der ganz allgemein übliche Schreibstom Die Ionier aber 
nannten es noch aus alter Gewohnheit öxp&tQaq (s. unten § 5). 

In Athen kosteten 407 a. Ch. ya^xaL ovo zwei Drachmen 
und vier Obolen, was sehr viel ist, wenn die Gröfse wirklich 
so gering war, wie Egger, Memoires d'hist. anc. p. 135 — 140 
annimmt. 

Ebenso verdrängte es in Italien alle früher üblich gewe- 
senen Schreibstoffe, und auch nach der Erfindung des Perga- 
ments blieb es nicht allein der häufigere Stoff für Bücher, son- 
dern auch der allein herrschende für den häuslichen Gebrauch, 
für Briefe und Urkunden. Es wird billiger und bequemer ge- 
wesen sein. Alle Bücher, welche man in Herculaneum gefun- 
den hat, sind auf Papyrusrollen geschrieben; nur sehr langsam 
hat das Pergament die Oberhand gewonnen. Doch sagt schon 
Horaz Sat. II, 3, 1: Sic raro scribis, ut toto non quater anno 
Membranam poscas; Ep. II, 1, 113 aber: Sole vigil calamum 
et Chartas et scrinia posco. 

Der Verbrauch war so grofs, das Material so unentbehr- 
lich, dafs bei einer durch Mifswachs erzeugten Theuerung das 
Leben der Händler in Gefahr war: Sterilitatem sentit hoc quo- 
(jiic, fnr.tumque iani Tiberio principe inopia chartae, ut e scnatii 
dßrentur arbitri dispensandi: alias in tumiiltti vita erat. 
Plin. XIII, 13. 

Wir haben oben S. 45 schon gesehen, wie Augustin sich 



') Vgl. darüber Egger, Memoires d'histoire ancienne, L863, p. 141 

bis 196: De quelques text.es grecs fi'cciiiiiiciit tn.uvrs sur des papyrus 
qui proviennent de l'Egypte. 

6 



84 Schreibstoffe. 

entschuldigte, weil er zu einem Briefe Pergament anstatt des 
üblichen Papyrus nahm; er setzt noch hinzu, dafs er eine eben 
von ihm verfafste Schrift senden wolle, si Charta Interim non 
desit. Auch noch Cassiodor Varr. XI, 38 schreibt eine Papy- 
ruslieferung für die k. ostgothische Kanzlei aus, und ergeht 
sich dabei nach seiner schwülstigen Weise in einem Schwall 
von Redensarten, nach denen man eigentlich glauben sollte, es 
habe niemals ein "anderes Schreibmaterial gegeben. Für Acten 
und Urkunden war aber wirklich ein anderes nicht gebräuch- 
lich, und nach de Wailly I, 370 ist die älteste Pergamentur- 
kunde der Pariser Archive erst vom Jahre 671; die älteste, 
im Original erhaltene merowingische Königsurkunde auf Perga- 
ment ist von 677, das letzte Original auf Papyrus von 692, 
nach Tb. Sickel, Die Urkunden der Karolinger I, 286. In 
Italien ist nach den Untersuchungen von Cesare Pauli 1 ) die 
älteste Pergamentlirkunde in Lucca von 713 wohl gleichzeitig, 
aber kein eigentliches Original, vielmehr das älteste von 716 
in Mailand. 

Aus dem fünften Jahrhundert besitzen wir Fragmente 
zweier Originalrecripte der kaiserlichen Kanzlei, nach der Un- 
tersuchung von Th. Mommsen im Jahrbuch des gemeinen 
deutsches Rechts von Bekker, Miltner und Stobbe (1863) VI, 
398 406. Während nach Plinius die charta Augusta und Livia 
nur l:; röm. Zoll Höhe hatte, die Claudia 16 Zoll, ein gröJse- 
\oii '2 1 Zoll aber als unpraktisch wieder aufgegeben war, 
haben diese Rescripte eine Höbe von 17 röm. /oll oder 1 griech. 
Fufs, und dasselbe Pormal findet sich in ägyptischen Hollen 
Behr häufig; ein königliches Rescripl von 99 \. Chr. ba1 sogar 
die Höhe von 25 röm. Zoll. Die Länge Ist ofl Behr bedeutend; 
in dieser Richtung wurden die Blätter bei der Fabrication an 
einander geleimt; das erste hiefs xqwtoxoZXqv, das Letzte 
>,/< i <>/<',/ /.mr. Jenes enthiell den Namen <\rs Cornea largi- 



') L:i |>iu antica Pergamena de! Real Axchivio di Stato in Firenze, 

(\,,i, stör Terza Serje XVII) Die älteste des Flor Domcapitela 

fön 724 im ip&tei EugetetEte Zeugen, worunter der vielbesprochene 



Papyrus. 85 

tionum, der das Departement der Fabrication hatte, und die 
Angabe von Zeit und Ort; man pflegte das abzuschneiden, aber 
für Urkunden verbot es Justinian Nov. 44, 2; jede Urkunde 
sollte mit dem Protokoll versehen sein, damit man daran ein 
Mittel zur Prüfung der Echtheit hätte 1 ): 'Exblpo ftbpxoi xa 
jiaQOVti jiQOGxifrb i ubP pofico, coöxb xovg (ji\ußolaioyQa<povg (irj 

big bXbQOP X&QTTJP Xad-CLQOV yodtybLP 6V£lß6lcUOP JtXfjV bl [IT/ 

tig IxblPOP og jtQoxblfibPOP xb xcdov^bpov jiqcqxoxoXXop b\bL, 
cpbQov xtjv xov xaxd xaiobv Ipöo^oxcixov x6fi?]xog xöjp freicov 
/jftbxbQcov &?]öavQcöv JZQOörffOQLav xai xov iQovov xa& ov b 
xäoxrjg yiyoPb, xai bjtoöa bjtl xeov xolovxojp Jiooyodfpbxac 
xai xovxo xo jzqcqxoxoZXop {irj djtoxb\upbip aZZ byxblfibpop säv. 
Basilicon 1. XXII. tit. 2 de tabellion. (nur für Constantinopel 
gültig). 

Die Eroberung Aegyptens durch die Araber brachte an- 
fangs keine Aenderung; die Fabrikation wurde fortgesetzt, das 
Protokoll wurde arabisch, wie wir es auf einer Bulle des Pab- 
stes Johann VIII von 876 (Jaffe 2280) sehen bei Champollion- 
Figeac, Chartes et Manuscrits sur papyrus de la Bibliotheque 
royale, Paris 1840 f. (27 planches) pl. 1. 

Im zwölften Jahrhundert aber ging diese Industrie zu Grunde, 
vermuthlich verdrängt durch das billigere Papier, auf welches 
nun auch die Benennungen jccuzvoog, charta übergingen. Am 
Ende des Jahrhunderts sagt Eustathius, Jiaobxßolal acl Odyss. 
XXI, 390 zu den Worten ojzXop ßvßfopop: by'ipopxo ydo (paötp 
djtb ßvßXow aiyvjixiwp , cbg' ola üiajivoojp vdooiaocop , xa&a oi 
xoxb iibl)o')ÖbVOP vjtoxblfibpa xolg yoaybvöi xaoxdoia, bjzoTa 
toc)- xai xu vöxboop löicoxixcQg hyoiibpa ^vloidoxta, ojp ?] 
Ti'/rtj dnxi (Ijt/jlbiJixca. 

Von griechischen Papyrußhanäschriften des Mittelalters hat 
sich sein- wenig erhalten; Montfaucon kannte nur wenige Frag- 
mente. Besonders merkwürdig ist dw Brief Constantins V an 
Pippin bei Mab. Suppl. p. 71. Montf. p. 266, und ein Fragment 



') Diese- Erklärung wird gesichert durch das Scholion: otfiai voyio- 

U: i'.lv Zr/V VEttQaV, oii <><( ElXoVCt l </. OVfXßoXcua iv %vko%aQXloiQ yQCCCpSCfd'ttl' 

iv yi'/.o avtotg fiovotq svqIoxovtcu i<\ TtgcDzoxoXXa. DuCanges.\ SvXox<xqtiov. 



$6 Schreibstoffe. 

in Wien mit einem Theil der Unterschriften des Concils 
von 680. !) 

Lateinische Urkunden hat man ziemlich viel, doch fast 
nur aus Italien; in dem ausgezeichneten und sehr werthvollen 
Werke von Marini: I Papiri diplomatici, Romae 1805 fol. 
sind nicht nur die im Original erhaltenen, sondern auch die 
nur aus Abschriften bekannten gesammelt. Aufserdem hat man 
aber auch Bücher; der Gebrauch der Rollen scheint früh ab- 
gekommen zu sein, und aufser den ägyptischen und hercula- 
nensischen sind keine erhalten. Codices chartaceos erwähnt 
schon Hieronymus, ein %aQTcpov TSTQaötov die Acta Synodi VI. 
a. 680. Mansi XI, 512. Im Museum zu Leiden ist ein Buch aus 
Aegypten mit chemischen Recepten in griechischer Uncialschrift 
des 3. oder 4. Jahrhunderts. 2 ) Bei einer Mumie fand Harris 
ein Buch aus Papyrusblättern, ll 3 / 4 Zoll hoch, lO 1 ^ Zoll breit, 
die auf der einen Seite der Blätter Stücke der Ilias, auf der 
andern Seite TQwpcovoq rr/i^j ygafifianx^ enthielten, mit ent- 
gegengesetzter Richtung der Schrift. 3 ) Es scheint eine schad- 
haft gewordene Rolle gewesen zu sein, die auf solche Weise 
noch nutzbar gemachl war, und das ist gewifs häufig geschehen. 
Papyrus wurde durch das Alter, besonders durch Feuchtigkeit, 
brüchig, einzelne Fasern lösten sich; man hatte dann Aussieht 
das Werk besser zu erhalten, indem man die Rolle zerschnitt 
und als Codex einband, besonders wenn man die einzelnen 
Blätter mit der unbeschriebenen Rückseite an einander leimte. 

In Wien ist eine Handschrift (cod. 2160) des Ililarius 
Pictavensis ans dem vierten Jahrhundert auf Papyrus; in S. 
Gallen Homilieen und eine Schrift Isidors in üncialschrifl des 
siebenten Jahrhunderts, 4 ) zwei andere Handschriften in Genf. 6 ) 
Von den Digesteiifragmenten in Pommersfelde, in reiner Uncial- 



•) Face in Kojlar's ausgäbe v<m Lambecii Commentt. 1. VIII 
■;i. .1 Marin!, I Pap, dipl. p. 211 and 881. 

I Eteuvens, Lettres a M Letronne p 65; vgl. II. Kopp, Beiträge 
zur Geschichte <I<t Chemie I. 97. 

riic Journal ofGlassical and Sacred Philology, L864. June p. 264. 
') Cod da 7en der Stiftsbibliotheh von Scherrer 8 s i 

- die oben 8. B8 angeführten fitudee paläographiquea 



Papyrus. 87 

schrift giebt Mommsen in der Ausgabe der Digesten Vol. II 
Tabb. 1 — 10 schöne photographische Nachbildungen. 

Die Münchener Bibliothek bewahrt das unter Erzbischof 
Petrus VI (927 — 971) verfafste Breviarium, das Verzeichnifs 
des Güterbesitzes der Ravennater Kirche mit Bezeichnung der 
Pachtverhältnisse, zuweilen auch der Schenker, auf 36, meistens 
auf beiden Seiten beschriebenen Blättern in kl. folio. Es ist 
1810 von Bernhart unter dem falschen Titel: Codex Traditionum 
ecclesiae Ravennatensis, mit einer Schriftprobe herausgegeben. 

Auch legte man je zwei bis drei gefaltete Papyrusblätter 
in ein Pergamentblatt, was später ebenso mit dem Papier ge- 
schah. So ist der Augustin aus dem sechsten Jahrhundert in 
Paris eingerichtet. Da aber Papyrus für diese Behandlung 
nicht recht geeignet war, auch wohl immer seltener wurde, so 
wich dieser Stoff mehr und mehr dem dauerhafteren Pergament, 
welches in der Heimath bereitet wurde. 

In Deutschland ist Papyrus wohl nie viel gebraucht 
worden; als man hier anfing zu schreiben, war Pergament 
schon der gewöhnlichste Schreibstoff. Merkwürdig sind jedoch 
die Worte, welche bei der Zusammenkunft der Könige Ludwig 
und Lothar zu Mainz 862 die Bischöfe zu dem Schreiben der 
Könige an den Pabst hinzufügen. Sie seien sehr eilig gewesen, 
schreiben sie: unde etiam actum est, quod non iuxta morem 
antiquum in tancardo conscripta cernitur (epistola) sed in mem- 
branis. Baron, a. 860. n. 27, cf. Dümmler, Ludwig der Deutsche 
S. 474. Das sonst unbekannte Wort kann nach dem Zusam- 
menhang wohl nur Papyrus bedeuten, dessen Gebrauch zu 
Schreiben an den päbstlichen Hof also von der Etikette erfor- 
dert wurde. Doch schon 891 schreibt Stephan VI an den Erz- 
bischof von Cöln in Betreff einer Angelegenheit, welche münd- 
licher Verhandlung bedurfte (Flofs, Die Pabstwahl unter den 
Ottoncn S. 118): non atramento et pellibus haec discussio con- 
cedenda est. Damals also war für Schreiben an die Curie 
Pergamenl der übliche Schreibstoff. 

Urkunden deutscher Kaiser auf Papyrus finden sich nicht; 
eine Angabe von Waitz in Portz' Archiv VIII, 6 über eine 
Urkunde [feinrichs IV von 1070 (Böhmer L838) in der Biblio- 



88 Schreibstoffe. 

tliek zu Metz ist irrig. Das Pergament der Urkunde ist sehr 
beschädigt, was die Verwechselung hier wie in andern Fällen 
erklärt. *) 

Auch in Frankreich rinden sich Diplome auf Papyrus nur 
aus der merowingischen Zeit 2 ) und nur wonige, darunter ein 
rescribiertcs. Dafs aber auch in Gallien noch im sechsten 
Jahrhundert Papyrus das gewöhnlichste Schreibmaterial war, 
zeigt die Stelle des Gregor von Tours (Hist. Franc. V, 5): 
sed pauperias chartae finem imponit verbositati Und Fortunat 
fragt den Flavus: 

An tibi charta partim peregrina merce rotatur? 

Deutlicher noch und jede Verwechselung ausschliefsend 
lesen wir vorher: si te habuisset Massilia sacerdotem, nun- 
quam naves oleum aut reliquas specles detulissent, nisi taut um 
chartam, quo maiorem opportunitatem scribendi ad bonos infa- 
iiKindos haberes. 

Noch im Jahr 716 verlieh Chilperich II dem Kloster Cor- 
bie ein Privilegium, worin er demselben allerhand Lieferungen 
an Gewürzen und anderen fremden WaareD de teloneo de 
Fossas bewilligte. Darunter befinden sich auch carta tomi L. 3 ) 
Die Urkunde scheint echt zu sein, aber jüngere Knväli innigen 
dieses Stoffes diesseits der Alpen sind mir nicht bekannt, mit 
Ausnahme jener vorhin angeführten, etwas zweifelhaften Stelle 
\oii 862. Auf Papyrus geschriebene Bücher kannte und halte 
man allerdings. Lupus von Ferneres erwähnt ep. IG. p. 35 ed. 
Bai. commentaribs Boetii in Topica ( 1 /c<T<>itis, f/u<>s in chwr- 
tacio codice, sive ui emendatius aliis dicendum videtur, char- 

') So Bind namentlich auch die I Blatter einer purpurnen Evan- 
gelienhandschrift der Bibl. Cotton. (Cod. N.) Irrthümlich für Papyrus 

gehalten, Tischendorf, Prolegg M i. Bacr. med. I i>. LI. Vgl. Sickel, 

Urkunden der Karolinger I. 287. 

I Oben B >l Papyrusbruchstücke mit Stellen eines Yerzeichni 
cheint frankischer Kriegsdienstpflichtiger, in Middlehill, nach 
Perta In Axchh IX. 190. 

i Pardessus Dipl. II. •';<»"■'. Mit l>HM<' and Sickel I. 288 gegen 
den Wortlaut Pergament anzunehmen, Behe Ich keinen Grund Vielmehr 
P< ment damals wohl kaum ein erheblicher Handelsartikel. 



Papyrus. 89 

tinacio, Amalricus in armario S. Martini habet. Dem Abte 
Peter von Cluny im zwölften Jahrhundert waren sie wohl- 
bekannt, und auch Trithemius scheint solche gesehen zu haben. 
Er schreibt nämlich, de laude scriptorum c. 12: Dieuntur autem 
librarii a libro, hoc est interiori corticis (parte) quae ligno 
cohaeret, qitia ante usum chartae vel membranae de libris ar- 
borum Volumina compaginata fiebant, sicut in vetustissimis 
biUiothecis adhuc hodie reperiantur qiiandoque vestigia. Mit 
Bast und Rinde ist Papyrus häufig verwechselt, wie auch noch 
die Benedictiner von einer Bulle auf Papyrus glaubten, dafs 
sie auf Baumrinde geschrieben sei. Auch kommt der Ausdruck 
cortex vor in Fridegodi V. Wilfridi bei Mab. Actt. III, 1, 188. 

Wenn der Panegyrist des Berengar den Kaiser Arnulf 
III, 55 sagen läfst: 

Fortia iussa cito, scribae, sulcate papyris! 
so ist daraus kein Zeugnifs für die Sitte der kaiserlichen 
Kanzlei zu entnehmen, dafs man zu Sendschreiben noch Papyrus 
.verwandte, wohl aber für den in Italien fortdauernden Ge- 
brauch, wie auch der Glossator ausdrücklich bemerkt: Seeundani 
Romanuni morem dicit, qui in papiro scribere solent. x ) 

Bestimmte Angaben haben wir aus der päbstlichen 
Kanzlei, wo man so lange wie möglich an der alten Ge- 
wohnheit festhielt. 

Von Gregor I hatte man, wie sein Biograph, der Diaconus 
Johannes, im Prolog seiner Lebensbeschreibung berichtet, aus 
jedem Pontificatsjahr einen Band Briefe auf Papyrus: tot ch/ir- 
taceos libros epistolarum, quot annos probatur vixisse. 

Martin I schrieb 649 an den Bischof Amandus von Mas- 
tricbt und übersandte ihm ein volumen synodale (Jaffe 1595). 
Dieses war nach Baudemund's Vita S. Amandi (Mabillon Acta 
SS. 0. S. 1). II, 689 cd. Ven.) in 4 Büchern in papyreis schedis 
editum. Graf Liudulfs Stiftungsurkunde für (iandersheim ist 
freilich für unecht erklärt, 2 ) aber sachlich bleibt darum doch 
der Werth des darin enthaltenen Zeugnisses bestehen, wenn es 

') Dümmler, Gesta Berengarii S. 114. 

2 ) Dümmler, Ostfränk. Reich I, 351. K Koepke, Hrotsuit von Gan- 
dersheim S. 254, der :ll" , !• den angeführten Satz mlfsverstand'en hat. 



90 Schreibstoffe. 

von Scrgius II Schreiben darin heifst: Cuius littcras quamvis in 
papiro sceioi<lum priscam apostolicae sedis consuetudinem scri- 
ptas habcam , etc. Besonders merkwürdig aber ist eine Bulle 
Johanns X für das Kloster S. Gallen, vom Jahre 920, 2728 bei 
Jaffe, welcher mich einst darauf aufmerksam machte. 1 ) Da 
heifst es: In hoc etiam petitionibus religiös/ episcopi (Salomonis 
üonstant.) venerabüibus Jegatis hoc subnixe supplicantibus [ut] 
contra consuetudinem nostram carta Romana nun scriptis no- 
ta/riis permutatis conscribi haec in pergameno, quod secum de- 
f ultra ut , concessimiis , et ut non dubitaretur de ipsis quae 
scripta sunt, anulo nostro subtus sigillari iussimus. Ich habe 
zu dieser Bulle, welche nicht im Original vorliegt, wenig Ver- 
trauen, und vermuthe in diesem, wie in dem vorhergehenden 
Falle eine Fälschung aus dem Grunde, weil man eine Bulle 
mit dem gewünschten Inhalt nicht besafs. Da man aber weder 
das gewöhnliche Material (papyrus) besafs, noch die Schrift der 
römischen Kanzlei (scripta notaria) nachmachen konnte, auch 
die Bleibulle nicht zu schaffen wufste, so half man sich durch 
diese Fiction. Eben dadurch aber tritt uns die Thatsache recht 
lebhaft entgegen, dafs man im zehnten Jahrhundert Papyrus 
als das für päbstliche Bullen aussehliefslich gebrauchte Material 
kannte. So läfst auch Donizo I, (171 (MG. SS. XII, 365) 
M.uitua sagen: 

Lex mihi privata, Benedictus quam mihi papa 
Prebuil in carta carecti fortiter ampla. 
Es isl eine Bulle von Benedict VII gemeint, vom 29. Doc. ( .>7T). 
Und von dessen Vorgänger Johann XIII heilst es im Chronicon 
Mosomense *) z. J; ( .>72: A<<i(<> notario et secundum Eomanae 
dignitatis consuetudinem parotis scriptisque ex papyreo tomo 
chartis, fecit Privilegium. 

Eine schöne Bulle Stephans VI fiir Herisi vom ,1. 891 (Jaffe 

n. 2664) befindel sich im Berliner Staatsarchiv, und ist im mi- 

niiitcii Kopp'scheu A.ppara1 ganz facsimilirt; andere sind 

in der Sammlung von Champollion-Figeac u. a. nachgebildet. 



M Neugarl Cod l»i|»l klem li. 11. Wartmano ll. 
. D'Achery, Bpicil. l. 570 ed. ü 



Leder. 91 

Erhalten sind aber nur wenige, weil der Stoff viel vergäng- 
licher ist als Pergament, und vorzüglich keine Feuchtigkeit 
vertragen kann. Sehr häufig sind deshalb die von Marini ge- 
sammelten Beispiele von Bullen, die ihres beschädigten Zustan- 
des wegen von späteren Päbsten erneuert wurden. 

Der Gebrauch bis auf Victor II ist schon im Nouveau 
Traite I, 498 — 500 erwiesen. Doch ging augenscheinlich schon 
im Anfang des elften Jahrhunderts der Stoff aus und man be- 
quemte sich zum Pergament. Sickel in der Anzeige dieses 
Buches, Hist. Zeitschr. XXVII, 446 nennt eine Bulle Benedicts 
VIII von 1022 als die älteste ihm bekannte. Aeltere, welche 
gewöhnlich als Originale in den Archiven gezeigt werden, sind 
entweder unecht oder gleichzeitige Copien. In der Regel ver- 
fertigte man nämlich bald Abschriften, nicht nur wegen der 
Zartheit des Stoffes, sondern auch weil die ganz eigenthümliche 
Schrift so schwer zu lesen war; die Abschriften haben die Ge- 
stalt und Schrift der gleichzeitigen Urkunden, und passiren 
deshalb häufig als Originale. Man erkennt sie aber leicht an 
dem Mangel der Bulle, und gewöhnlich fehlt ihnen auch die 
ganz unten am Rande stehende Datumzeile, weil diese durch 
das Gewicht der Bleibulle am ersten der Zerstörung ausgesetzt 
war, oder auch übersehen wurde. 

Eine von Marino Marini, Diplomatica Pontificia (Roma 
1841. 4.) p. 65 mitgetheilte Bulle Johanns XII vom 28. Nov. 
957 auf Pergament mit einem Monogramm seines Namens, hat 
Jaffe für unecht erklärt. 

5. Leder. 

Leder ist im Orient seit uralten Zeiten zum Schreiben ge- 
braucht worden; so beruft sich Ktesias auf die Öixp^tQat ßa- 
öiXtxai der Perser (Diodor. II, 32), und ihre heiligen Schriften 
sollen auf 1200 Ochsenhäute geschrieben sein. Natürlich thoil- 
ten auch die Griechen diese Gewohnheit, und als der bequemere 
ägyptische Stoff das Leder verdrängte, übertrugen die Ionier 
darauf den Namen di<p&£Qai, der ihnen einmal geläufig war, 
so wie er auch später auf das Pergament überging. Herodot 
Y. 58 sagt zwar; xa\ rag (Ußhovg ÖMp&dQag xaltovotv ajto 



92 Schreibstoffe. 

xaXaiov ol "Icovsg, ort xore iv oxäri ßlßXcDV tyotcoi'To dup- 
ihtf))j(ji alyifiöi rt xa\ oltijöi' eti dl xai ro xar kfik jtoXXol 
tcov ßaQßaqmv lg voiavvag diqdtnag youcpovoiv. Es ist aber 
einleuchtend, dafs eine vorübergehende Benutzung des Leders 
zum Schreiben den altherkömmlichen Namen nicht verdrängt 
haben würde, sowie auch der ganze geschichtliche Zusammen- 
hang zu der oben gegebenen Erklärung führt. Nur die Ionier 
hatten sich schon mit der Kunst des Schreibens befafst, bevor 
die ägyptische Waare bekannt wurde; die übrigen Griechen 
lernten diese und die Schreibekunst gleichzeitig kennen, und 
wufsten daher nichts von dicpfttoaig. 

Strabo XV, 1 berichtet nach Nicolaus Damascenus von 
einer Gesandtschaft der Inder an Augustus, und sagt von deren 
Briefe: r/)v <T tJtiöTuXtjV tlh/rlCtiv iv ditpfreoa yeyoiciiiiti'tjr. 

Die Juden behielten den asiatischen Gebrauch, und die 
Gesetzesrollen in den Synagogen sind noch jetzt auf Leder ge- 
schrieben. Nach Joscphus Antt. Jud. XII, 2 erhielt Ptolemäus 
Philadelphia vom Hohenpriester Eleasar, den er um eine Ab- 
schrift der heiligen Schriften der Juden ersucht hatte, ein mit 
goldenen Buchstaben geschriebenes Exemplar, und konnte dieses 
Kunstwerk nicht genug bewundern: 7v>v öup&eQ&v alg kyys- 
YQccfifievovq ,i/uv vovg vofiovg %Q/vöoZg ygäfifiaötv. Er bewun- 
derte vorzüglich die Feinheit der Baute, und die unmerk- 
lich«' Zusammenfügung derselben zu einer grofsen Rolle: :>< v- 
uaöag 7-/~_- löjiyotfjftog toi- vfiivag xa\ rfjq öv/tßoXrjq to ave- 
kIjvcoöxov. 

Theodorel im •">. Jahrhundert bezeugt den Gebrauch der 
Rollen bei den Juden Beiner Zeit, im Commentar zu Pauli ep. 
ad. Tim. II. 1. 13: Meußgavag va, slXiftct xixXrjxsv <>'cr<<> 
'Pmfialot xcdodöt ta 6iQ/zata. h> elXrjtötq 61 * iyor xdXat t*u 
9- s lag YQatpdg' ovrw 61 xa\ /'</(" Tnl xoqovtoq exovoiv ol 
fovöaloi. Der bebr. Name ist megillah, von galcU, rollen. 

Ein solcher Pentateuch befand sich in der Bibliothek <!<■> 
M. ( . de l.i Serna Santander, deren Katalog L803 gedruckl 
ist, und wurde 1809 Rir <'»<»" Francs verkauft: il esl ecrii sur 
r>7 peatn de cum' oriental, cousues ensemble avec des iil<-ts de 
l;i 1 1 1 < • 1 1 1 < ■ mauere, formanl en total ^^ roulean ou volumen Long 



Pergament. 93 

de 113 pieds de Paris. Les caracteres soiit gros et d'une belle 
forme carree sans points voyelles; les colonnes ont 18 ä 19 
pouces de hauteur sur 4 x / 2 de largeur. 

Den Pentateuch bei den Dominicanern in Bologna, welcher 
für das Autograph des Esra galt, beschreibt Montfaucon im 
Diarium Italicum p. 399. 

In ähnlicher Weise sind die Gesetzesrollen geschrieben, 
welche bei Schwarz de ornamentis librorum abgebildet sind, 
und die Fragmente eines hebräischen Pentateuchs auf 11 -Blät- 
tern jetzt dunkelbraunen, dünnen Schafleders, etwa aus dem 
fünfzehnten Jahrhundert, welche in dem sogenannten Grabe 
Absalon's gefunden sind und sich jetzt in Berlin befinden. Ms. 
or. fol. 442. 

Im Catalogue of the Curzon library, Lond. 1849 fol. wer- 
den 2 hebräische Rollen auf braunem Leder aufgeführt, aber 
auch eine auf Pergament, So ist auch die Thorah der Marien- 
bibliothek in Halle auf Pergament geschrieben. 1 ) 

Unter den sehr merkwürdigen Bildern in dem Chartular 
des Erzbischofs Baldewin von Trier, welche die Geschichte 
Heinrichs VII darstellen, befindet sich auch eine Abbildung 
der Feierlichkeit, bei welcher Heinrich nach der Kaiserkrönung 
den Juden zu Rom ihre Privilegien bestätigt, indem er ihnen 
als Symbol eine solche Gesetzesrolle überreicht (dans Judeis 
legem Moysi in rotulo). Dominicus, Baldewin von Lützel- 
burg S. 118. 

6. Pergament. 

Als König Eumenes II (197 — 158 a. Ch.) in Pergamus eine 
grofse Bibliothek anlegte und so als Nebenbuhler der Ptole- 
mäer auftrat, verboten diese aus Eifersucht die Ausfuhr des 
Papyrus. Die Folge davon war, dass man sich wieder dem 
altaßiatischen Schreibstoff, den Thierhäuten, zuwandte und die 
Zubereitung derselben so sehr verbesserte, dass sie in dieser 



') Ebenso eine in München von 44 Ellen Länge, nach Rockinger, 
Zum baierischen Schriftwesen, Seite 64. 



94 Schreibstoffe. 

neuen Gestalt als Charta Pergamena bezeichnet wurden. 1 ) Man 
konnte diesen neuen Stoff auf beiden Seiten beschreiben, und 
dadurch entstand eine ganz neue Form der Bücher. Griechisch 
nannte man ihn oojudriov, tu 0c6 t u«Ta, ocoitdruc, Ö£Qfia; auch 
der alte Name öupd-iQat wurde auf den veränderten Stoff über- 
trafen, und das lateinische Wort membranae wurde ebenfalls 
von den Griechen gebraucht. So schreibt der Apostel Paulus 
an Timotheus II, 4, 13: tov (peXovrjV ov djitfajzov tr Tqoucöl 
tcoqü Kr.njicp, EQ%6(i£Vog q)tQt , xal ra ßißXLa, (idXtöra vag 
(isfißgdvag. In der Vita S. Nili (Acta SS. Sept. VII, 303), 
lesen wir, dass Nilus vom Abt nach Rossano geschickt wurde 
dyoQaöai (isfißgävag. Auch ntqrfayiivr^ kommt vor. Als Con- 
st antin in seiner neuen Residenz Kirchen erbauen liefs und 
dieselben mit Büchern versehen wollte, beauftragte er damit 
den Eusebius: ojtcog dv üzevxrjxovxa öcofidna Iv ÖKpd-tQcag 
syxcctaöxevocq, tvavdyrcoord re xal JtQog yrp? %QfjCt,v evfisra- 
xofiiOra, vjto Tsyvvtmv xa^XvyQatpmv xal axQißmq tijv xtyvr\v 
kjtiorafiivaw yQaxpfjvai xeXevöeiag' rcov ftelmv örjAadr} ygaydiv. 
Eusebius führte den Auftrag aus: ravra fiev ovv ßaCiksvg öie- 
/.;/., vero' avrlxa d'tQyov ejitjxoZovfrsi t<p Aoycp h> jcoXvTEZcöq 
i)i}x) jiitvoiq rtvyjüi TQiöCa xal tSTQaööa öiansfitpavTaiv rjfMÖv. 
Eus/vita Const. IV, 36. 37. 

Hier sind öcofidrta Bücher, öwfidna hv diqp&SQaig Codices 
membranaeei. Anders in den Aden der Synode von 680: 
ßißUov Iv öwfiaöi. Hier ist der von der Form hergenommene 
Name schon auf den Stoff übergegangen. 

Der italienische Ausdruck carta di pechora, jetzl carta- 
pecora, findet sich schon im Inventar der Bücher des Cynus 
voii 1337, bei Savigny, Gesch. d. röm. Hechts jm Mittelalter. 



'» Pliniua N. II. XIII. 7<> nach Varro. Die Störung in den ägyp- 
tischen Finanzen mttfste freilich bo grofa gewesen sein, dafs die <o i - 
ichichte schwer zu glauben ist. Vgl. über den Gegenstand im All- 
gemeinen: Gabr. Peignot, Essai but l'histoire du Parchemin ei du Velin. 
Paris L812, and in: Le Moyen Ave ei la Etenaissance, Paris 1849. In 
einem alten Wörterbuch (Serapeum Will. -J77) heilst es: Carta «irr 
■ nin im in. perment, est peUu per opus artißeis dealbata, ni sii apta 
i,i<, Utterü << mcausto desupei scribendt 



Pergament. 95 

1. Ausg. III, 559; pecormus s. oben S. 52. Auch cartas de 
cor lo finden wir 1339 bei Caravita II, 281 in Monte Cassino. 

Ausser den verschiedenen Entstellungen des lateinischen 
Wortes Pergamen finden wir im südlichen Deutschland auch 
den Ausdruck buochvel, buchfell, puchvel, wovon der bald zu 
erwähnende Name der Bereiter desselben abgeleitet wird, ebenso 
angelsächsisch boc-fel. *) 

.Man zog Pergament für Bücher dem Papyrus vor, weil es 
dauerhafter war. 2 ) So schrieben im vierten Jahrhundert zwei 
Priester die beschädigten Bücher der Bibliothek des Pamphilus 
in Caesarea auf Pergament um: Quam ex parte corruptam Aca- 
cius dehinc et Euzoius, eiusdem ecclesiae sacerdotes, in mem- 
branis instaurare conati sunt. Hieron. ep. 141. Aufserdem 
fafste ein Pergamentband, denn gerollt wurde es seltener, mehr 
als die Bollen, was besonders Martial in seinen Epigrammen 
hervorhebt. Bei einer Rolle bringt es die ganze Einrichtung 
mit sich, dafs sie nur auf einer Seite beschrieben wird; das 
Lesen auf beiden Seiten wäre höchst unbequem 3 ), und die 
äufsere Seite leidet durch das Angreifen mit den Händen. Das 
festere Pergament dagegen wurde in Buchform natürlich auf 
beiden Seiten beschrieben, und war zum Blättern und Nach- 
schlagen bequemer. Papyrus aber verträgt solche Behandlung 
nicht gut. Auch liefs sich auf Pergament gröfsere Pracht ent- 
falten. Wir haben aus den ersten Jahrhunderten eine ganze 
Anzahl von Prachthandschriften und Fragmenten derselben, das 
Pergament ist sehr sorgfältig bereitet, theils dick und stark, 
theils sehr weifs und fein. 

Im Mittelalter unterscheidet sich das italienisch -spanische 



') Th. Wright, A volume of vocabularies (1857) S. 46 u. 75. 

2 ) [Jeher die ältesten Pergamenturkurden s. oben 8. <S4. Gloria, 
Compendio S. 370 sagt nach dem Annnaire historique f. 1852 S. 58, dafs 
der zweite Brief Leo's I an den Kaiser mit Silber auf Pergament ge- 
schrieben war, nach Sessio X des Concils von Chalcedon. Ich habe die 
Stelle vergeblich gesucht. 

s ) Auch wo es bei den anders eingerichteten mittelalterlichen Rol- 
len ausnahmsweise vorkommt, ist es unbequem. Wie man die Rückseite 
zu Adversarien benutzte, zeigen die ägyptischen Funde sein- deutlich. 



96 Schreibstoffe. 

Pergament vom deutsch-französischen dadurch, dafs die beiden 
Seiten verschieden sind. Abgesehen von dem feinen milch- 
weifeen Pergament der pabstlichen Breven sub annulo pisca- 
toris, ist bei Urkunden regelmässig die Rückseite gelb oder 
grau, die innere sehr weifs und glatt; in späterer Zeit hat es 
einen kalkigen Ueberzug, der oft von der Dinte zerstört ist, 
so dass nur die Furchen übrig bleiben. Auch fällt durch 
Feuchtigkeit zuweilen die ganze Oberfläche ab. Man nennt 
daher die Innenseite albiim; ein notarieller Vermerk vom J. 
1467 auf der Rückseite eines Erlasses der röm. Curie besagt, 
dafs die !ift<rae executorialrx in nü><> praesentium scriptae publi- 
cirt seien, Cod. Dipl. Silesiae II, 194. Das deutsche Perga- 
ment dagegen ist auf beiden Seiten kaum verschieden. 

Man war sich dieses Unterschiedes sehr wohl bewufst; im 
J. 1246 schrieb der Dechant Albert von Passau an den Erz- 
bischof Eberhard II von Salzburg: Consirfo nf in continenti sine 
more <iis/>rn</i<> dominum Vridcricnm de Lcilmi.: cum rc.<tr<> 
sigillo sive buUa cum pergamena teutonica atque <-<r<i ad curiam 
transmittatis Romanam, ut ibidem littere ordinentur. Hoefler, 
Alb. Bohemus p. 111. Die Benutzung von italienischem Per- 
gamenl würde die Urkunde, welche ausgefertigt werden sollte 
verdächtig gemacht haben. 

Doch kommt auch in Frankreich und im Rheinland viel 
Pergament italienischer Art vor: es wird wohl Gegenstand des 
Handelsverkehrs gewesen sein. Häutig ist es in der kaiserlichen 
K.in/.lei verwendet worden, besonders zur Zeit der Ivomorziige 
und unter den Staufem, unter welchen überhaupt die päbst- 

liche Kanzlei, auch in den Formeln (\^v Urkunden, ein.' starke 
Einwirkung übte. 

Bei dem Pergament, welches zu Büchern dienen seihe. 

mufste natürlich ^\rv Unterschied weniger stark sein, und einige 

Verschiedenheil (\cv glatteren Fleischseite und <\r\- Haarseite 

mch bei dem deutschen Pergamenl bäufig wahrzunehmen. 1 ) 



') ta dem Evang Angariensi isaec KI in Berlin (Mfl i"l Lat Theol.l) 
sind manche Bl&tter ganz wie italienisches Pergament, dazwischen andere 
auf beiden Seiten gleich, i\ i eifig und ranh. 



Pergament. 97 

In Italien und Spanien ist er aber doch bedeutender und 
regelmäfsiger; so schon bei den Fragmenten westgothischer 
Handschriften in Berlin aus dem neunten Jahrhundert, bei der 
Lex Romana Burgundionum saec. IX. Cod. Lat. fol. 270, bei 
dem Autographon Liudprands von Cremona in München. Durch- 
greifende Regeln lassei) sich schwer aufstellen: durch längere 
Uebung wird man aber in den meisten Fällen den Unterschied 
mit ziemlicher Sicherheit erkennen können. 1 ) Die Ursache 
liegt wohl theils in einer abweichenden Art der Bereitung, 
theils darin, dafs man dort mehr Ziegen- und Hammelfelle, in 
Deutschland mehr Kalbsfelle verwandte, deren dickeres Leder, 
auf beiden Seiten mit Bimstein abgerieben, wovon die feinen 
Furchen oft sehr deutlich sichtbar sind, das vitulinum, velin, 
rill tun gab. 2 ) Man unterscbeidet davon das aus Schaffellen 
bereitete parchemin, parchment. Shakspere freilich macht den 
Unterschied nicht, Hamlet V, 1: „Is not parchment made of 
sheep-skins? Ay, mylord, and of calf-skins too." Aber schon 
in einer Anweisung, die sich in einer Handschrift des 15. Jahr- 
hunderts findet,- wie man Schrift ohne Bimstein fortschaffen 
könne 3 ), heifst es am Schlüsse: „This medecyn ymade with 
chese or mylke of a kow, is good for velyn, and of a sepe, 
good for parchement." 

Das feinste Pergament gaben die Häute ungeborener Läm- 
mer; es ist sehr dünn, weifs und glatt, konnte aber immer 
nur zu ganz kleinen Handschriften dienen. Aehnlicher Art ist 
auch die Charta virginea, da Antoninus von Florenz im 
15. Jahrh. in seiner Schrift de instructione confessorum die 
Frage vorschreibt: Si super sc portavit cartam Script am quae 
(I iri für S. Cipriani, vel cartam non natam, vcl virgincam, vel 
aliquod simile ob spem sanitatis vel alterius cuiuscanque super- 



1 ) Daran mufs ich gegen den Widersprach Sickel's, Urkunden der 
Karolinger I, 288, festhalten. 

2 ) Das in Flandern öfter erwähnte francenum hält Du Gange für 
gleichbedeutend damit. 

8 ) Wright and Halliwell, Reliquiae antiquae I, 108. Petrus de 
Dene, Domherr zu York, vermachte 1321 decreta mea in vitulinio, in 
corio liyata. Du Cange s. v. 

\\ ;itto u b iic li , Schriftwesen, 2. Aufl. 7 



98 Treibstoffe. 

stiti uiiis. Schon in der spätromischen Meclicina Plinii kommt 
vor: In charta virgine scribis quorf in dextro brachio ligatum 
portet ille cpri patitur. x ) Und in einem Zaubermittel des 
14. Jahrhunderts: scribe nomina in pergamenum uirgineum. 2 ) 
Doch auch ein Mönch von Wilhering bestellte sich in demselben 
Jahrhundert in Passau quoMuor cuttas pergawieni de recentiori 
et unam virgineam. • ] ) In grofser Menge wurde es in Tegern- 
see verbraucht: 1 ) es war das feinste Pergament, welches noch 
heute Jungfernpergament heifst 5 ). Drei Sorten finden wir in 
einer Rechnung von 1501: vj häuttlan junckfra pergamen, 
vnd sunst ococxviiij haut gmains pergamen, vnd ain haut 
coopertorjj d. h. zum Einband, die sonst auch ain kapert! haut 
heifst. 

Ein ebenso thorichtes wie weit verbreitetes Vorurtheil 
macht die Esel zu Trägern der Litteratur, mit welcher doch 
ihre Felle nichts zu schallen haben. Herodot (oben S. 92) 
nennt Schafe und Ziegen als die Thiere, deren Felle von den 
Ioniern benutzt wurden, und Augustinus contra Faustum XIII, 
18 und XV, 4 bezeichnet coria agnorum als das gewöhnliehe 
Schreibmaterial.") Schaffelle nennt Martianus Capella 1. II. 
§ 1 :')."): Cernere erat <i'ii libri <in<inl<t<inc uolumina, <jn<>l lin- 
guarum <>i><ra ex ore uirginis defluebant. Alia ex j><<}>ijr<> 
(//n/r cedro /><r/i/<( fuerat, videbantur\ nlii carbasiriis volurnini- 
bus complicati libri, ex oviUis multi quoque tergoribus, rari 
vero in philyrae <■<>>■/!<■<' subnotati. Auch der Schottenmönch 



') Valentin Rose im Hermes VIII, 25. Daselbst S. 1!» Anm. e cod. 
-- Galli aaec. X : .. A « 1 capitis dolorem. A.scribes m papiro ferarum no- 
mina <•< ad capud Ligabis." Im Cod. lat. Monac, 18628 saec. XI aus 
rnsee wird gerathen, um jeder Bitte Gewährung zu erlangen, scribe 
caracteres in manu sinistra. und „Ul nemo contra te prevaleat, 
caracteras icribe in linteo mundo el semper tecum habeas." Es 
folg« ii einige halb ausgekratzte Zeichen. 

i Anzeiger des Germ. Museums Will, 301. 

Czerny, Bibliothek von 8. Florian 8. 62. 
') Rockinger 8. 16 — 18. 

Nach dem Art. Perg bei Krünitz \nn jungen Böcklein gemacht. 
Opp. ed Mmiii-. Vlll. 268. 274. Ziegenfell Bcheint er s. 274 als 
den gewöhnlichen Einband zu nennen 



Pergament. 99 

Sedulius in Lüttich, in der zweiten Hälfte des neunten Jahr- 
hunderts, sagt zu einem Hammel: 1 ) 

Pellis et exuviis sit kartula famaque perpes, 
Nomen sparge polo pellis et exuviis. 

Zu dem Schreiben des Kalifen Abderrahman, welches dem 
Abte Johannes von Gorze 955 in Cordova überreicht wurde, 
war ein ganzes Hammelfell genommen: cartae magnitudo, nam 
quadra pellis vervecis erat. Vita Joh. Gorz. c. 124. MG. SS. 
IV, 373. Auch Ratherius de coutemtu canonum (Opp. edd. 
Ballerini p. 347) schreibt: Quod in pelle ovina scribitur, idem 
et legitur. 

Kalbspergament finde ich zuerst erwähnt in einer Formel 
des neunten Jahrhunderts bei De Roziere, Recueil n. 766 p. 1035: 
rescribas, ni grave fuerit calanium tinguere, tinctumque in vi- 
tal ino campo ovinoqtie tr altere. 

In dem hübschen Gedicht Conflictus ovis et Uni, welches 
Hermann dem Lahmen von Reichenau zugeschrieben wird, aber 
wohl eher flandrischen Ursprunges ist, wird alles aufgeführt, 
wozu die beiden verwandt werden können. Da sagt die Lein- 
pflanze (Haupt's Zeitschrift für deutsches Alterthum XI, 224) 
v. 327: 

Quod parat interdum tergus sibi scriptor ovinum, 
Est equidem quaevis gloria, sed facilis. 

Justior haec vitulis, haec gloria iustior haedis: 
Haedorum pellis aptior his studiis. 

Ziegenfelle galten also hier für das beste Material, ihnen 
zunächst die Kälber. Linnenpapier war offenbar noch unbe- 
kannt. 

Auch Peter von Cluny nennt in der Stelle, welche unten 
beim Papier anzuführen ist, arietes, hircos et vitulos. Dagegen 
fehlen die Ziegen bei Reiner von Lüttich, der sich 1182 in 
einem Briefe an seinen Freund Friedrich beklagt, dafs ihm 
dieser so lange nicht schreibe, quasi arietes, oves, vihdos Ar- 



] ) In seinem Gedicht de tribus multonibus , Sedulii Scotti Carinina 
XI>. cd. Dümmler (Halle L869) p. In. 



100 Schreibstoffe. 

duenna non haberet, de quorum solent pellibus confici perga- 
menae. B. Pez, Thes. Anecdd. IV, 3, 196. MG. SS. XX, 615. 
Der Züricher Cantor Conradus de Mure beschreibt im 13. Jahrh. 
poetisch die Bereitung des Pergaments aus Kalbsfellen. 1 ) Um- 
gekehrt bezeichnet Odofredus in der von Savigny, Geschichte 
des röm. Rechts III, 533 angeführten Stelle das Ziegenperga- 
ment (scriptum in cartis edinis) als das gewöhnliche für die in 
Bologna so massenhaft zum Verkauf angefertigten Rechtshand- 
schriften. 

In Paris schenkte 1334 Meister Johann von Lausanne „ad 
opus puerorum chori quandam bibliam scriptam in parga- 
iii! im caprino, ligatam inter duas asseres, coopertam de corio 
rubeo." 2 ) 

Vorzüglich lehrreich ist die Stelle des Anonymus Ber- 
iiensis.'') wo er von der Brauchbarkeit des Pergaments für 
Malerei spricht, die verschieden ist eo quod pergamenorum 
genera sunt diversa, scilicet vitulinum, ovinum ) caprinum. Vn- 
gamenum auf cm. ovinum et vitulinum, quando unius est coloris, 
seil icei alhi. tot um <i planum et pulchrum, ut puta illud de 
Fl in nl riii et Normannia, etc. Dagegen ist illud ovinum de 
Burgundia von verschiedener Färbung, pallidi et nigri et alhi, 
und wird daher nicht leicht von Malern benutzt. Diese An- 
gaben lassen schon auf lebhaften Handelsverkehr mit Perga- 
ment schliessen. 

Schafe werden als der Ursprung der Urkunden betrachtet 
in einem Gedicht des 15. Jahrhunderts, welches Dr. Kriegk in 
seinem Buch: Deutsches Bürgerthum im Mittelalter (Frankf. 
1868) S. 578 — 582 mittheilt. Darin heilst es nämlich bei der 

Klage über die so häufigen Meineide: 



') Gall Morel im anzeiget d Germ, Mus. XIX, .'J14. 

\ Franklin, Lei anciennes bibliotheques p. 18. Chartulaire de 
Notre Dame IV. 206. 

i Theophilus ed. I1.lt. l. .'1*7. herausgegeben ?od dem Entdecker 
II. Tin. Hagen Dafe der Anon. nicht „mindestens dem 9. Jahrh." ange- 
hört, beweis! das Wort Normannia; die Handschrift aber toll ans dem 

1 I. .liilil h -cill 



Pergament. 101 

Darumb so ruwet mich daz was gar sere 
Und die hude noch mere, 
Die man verderbet zu solichen dingen, 
Daz neman keynen nocz kan gebr engen. 
Us dem was solde man kerczen machen 
Und verhornen zu gotlichen Sachen, 
Schaff hude die sulden wolle dragen, 
So endurfft neman nit von briffen clagen. 

Wohl nur bildlich schreibt 1466 in Brunn, in Bezug auf 
den Streit über die neue Schule bei St. Jacob, Johann Kregl 
an einen Freund: In ayner hhuehawt möcht ych nicht gancz- 
licli ewcr wyrdikayt schraybn maynes herm begyrUchkayt. 1 ) 

Von den ältesten griechischen, aus Aegypten stammenden 
Handschriften der heiligen Schriften wird behauptet, dafs das 
Pergament, von gelblicher Färbung, aus Antilopenfellen be- 
reitet sei. 

Im späteren Mittelalter wird das Pergament in Italien an- 
ders als im Anfang bereitet; es hat oft eine grauliche Farbe, 
und ist bei einiger Uebung leicht von dem älteren zu unter- 
scheiden. Bei den Abschriften alter Autoren, welche im 
15. Jahrhundert mit genauer Nachahmung aller Eigenthümlich- 
keiten der alten Schrift in Italien verfertigt wurden, dient das 
Pergament zum Kennzeichen des jüngeren Ursprungs. 

Das Aufkommen des Papiers beschränkte den Gebrauch 
des theuern Pergaments, doch blieb es in Italien mehr als in 
Deutschland 2 ) in allgemeiner Anwendung, und jene Rechts- 
hand Schriften von den italienischen Universitäten sind nach 
Savigny III, 536 (578 ed. IL) fast ohne Ausnahme auf Perga- 
ment. Die Pergamentmacher in der Stadt Bologna und deren 
Gebiet mufsten deshalb Caution stellen, dafs sie wenigstens 
2 / y alles Pergaments im gewöhnlichen Bücherformat machen 
würden. Merkwürdig ist die Erklärung des Schreibers Petri- 



*) Notizenblatt der hist. stat. Section d. mähr.-schles. Gesellschaft 
(von d'Elvert) 1875 S. :>0; vgl. Grimm's Wörterbuch s. v. Kuhhaut. 

2 ) Hier sagt 1456 Joh. Busch : „Jam papyrum, pennam et incau- 
stum noii habeo: scribere ergo non possum. ,; Leibn. SS. rer. Brunsv. 
II, 951. 



102 Schreibstoffe. 

nus in einer Handschrift des Novinn Doctrinale vom M. Syon 
(Syrnon?) von Vercelli (f 1290): Nota presentem librum forc 
seeunduth ab exemplari exemplatum .... Hoc etiam n<>ta. 
quod predictus V. non est alio aliquo criminandus , quia hoc 
doctrinale novum, quod est iante dignitatis seit Scolari um utüi- 
tatis, scripserit in papirOj cum tanta cartarum taue existieret 
ca/rit udOj quod ipsas non potuisset predo congruo comparare, 
rcl melius, quia ipsum clam et subito seribere inchoavit, et etiam 
cartas non habuü tunc U mporis preparatas. 1 ) 

Ein menibranarius kommt in Diocletians Edict de pretiis 
rerum venalium von 301 vor: membranario in quaternione (?) 
pedali pergamenae . . . . 2 ) 

Die Bereitung dieses Stoffes war nicht an einen Ort ge- 
bunden, wie die des Papyrus, und hat sich ohne Zweifel schon 
in römischer Zeit auch nach Gallien verbreitet. Bei dem Sturz 
des Reiches trat aber begreiflicher Weise eine Stockung der 
Fabrication ein, und man behalf sich mit abgewaschenen Bruch- 
stücken alter Handschriften. Das vortreffliche Pergament der 
karolingischen Zeit scheint ein Aufleben des alten Gewerbes 
anzuzeigen, und es mag auch ein Handelsverkehr damit statt- 
gefunden haben. Allein in abgelegenen Gegenden, in Klöstern, 
die in Einöden angelegt waren, nmfste man suchen sich selbst 
zu helfen. Roh bereitetes, löcheriges Pergament läfet uns die 
ungeschickten Versuche erkennen, und auch dieses war Für die 
Schreiber oft schwer zu bekommen. Im achten Jahrhundert 
schreibt Winithar in Sanctgallen: Si autem vobis utile videtur, 
nl aliquid scribam n>l>i* er nun parcitatc, date pergamina 
vestra,*) und in einer Handschrift bemerkt derselbe, es sei 
darin nicht unus folms, den er sich nicht durch Ankauf oder 
Bettel (mendicando) verschafft habe. 4 ) 



M Cod. Novar, ('IX bei <h<>\. Andres,- Lettera ;il s. A.bbate Giac 

Morelli, Parma L802, p •_'■"> 27. 

-) In dir alteren A.osg. v. Th. Bdommsen s. r.i. Corpus [SS. Latt. 
Ml. 2, 808 ii 881. 

•) Weidmann, Geschichte der Bibl. von St. Gallen (1841) 8. 8 

Amii. 8 e cod Tu p. l'.")l' 

') ib i> l e cod 238 i> 193 






Pergament. 103 

Nach und nach lernte man die Bereitung besser, und ver- 
fertigte das Pergament selbst oder hielt sich Leute, die es ver- 
standen. So wird unter den Laien, welche zum regelmäfsigen 
Haushalt des Klosters Corbie gehörten, im Reglement des Abtes 
Adalhart von 822 auch ein pergaminarius erwähnt, bei Guerard, 
Polypt. Irmin. II, 307. Der Reichenauer Mönch Tatto schrieb 
wenig später an den Erzbischof Otker von Mainz: Mittue mihi 
de pergameno bono ad iinum lectionarium perseribendum et ad 
iinum missalem Gregorianum, bei Jaffe, Monn. Mogunt. p. 324. 
Die membranae vitidinae, auf welche die Fuldaer Mönche in 
der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts Bücher schrieben 
(Forschungen V, 390), rührten wohl von ihren eigenen Käl- 
bern her. 

Rockinger hat S. 11 — 17 eine lehrreiche Zusammenstellung 
aus Rechnungsbüchern bayerischer Klöster gegeben, aus welcher 
hervorgeht, dafs man hier im 15. Jahrhundert die Kalbsfelle 
in die Städte schickte und zu Pergament bearbeiten liefs, oder 
mit einem Aufgeld gegen Pergamenthäute vertauschte. Nament- 
lich Tegernsee hatte einen lebhaften Verkehr, indem es von 
dem Pergament wieder an andere Personen und Stifter abgab. 

Schon lange war nämlich die Bereitung des Pergaments 
ein bürgerliches Gewerbe geworden, für welches sich der 
deutsche Ausdruck buch feller findet. So werden nach A. Czerny, 
Die Bibliothek von St. Florian S. 05, in Wien 1288 die Per- 
gamentmacher, die puchvel gerbent, und 1361 die piichfeler als' 
zünftiges Gewerbe erwähnt. In einem Anhang zum Schwaben- 
spiegel kommt der büchvcllcr vor, *) in Regensburg um 1281 
ein Bürger Albertus dictus Puhveller, in Passau 1339 Michel 
der Pueckuelaer. 2 ) 

In Regensburg ist ein Pergamenarius schon am Ausgang 
des /wollten Jahrhunderts nachzuweisen. 3 ) In den Cölner 
Stadtbüchern sind von 1230 an die Pergamentarii häufig, nach 



') Rockinger in den Sitzungsberichten der Münchener Akad. 1867 
II, 2, 322. 

B ) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 14. 
'■'•) Rockinger ib. aus Pez Thes. I, .3, 183. 



104 Schreibstoffe. 

Merlo, Kunst und Künstler in Cöln (1850) S. 564. In Paris 
stand das ganze Gewerbe und der Handel mit Pergament unter 
einer sehr lästigen Aufsicht der Universität; in der Steuerrolle 
von 1292 kommen 19 parcheminiers vor, aber es war ein freies 
Gewerbe, und vermuthlich gab es viel mehr, welche keine 
Steuer zahlten. 1 ) Aus Gent hat sich ein Reglement du metier 
des Parcheminiers vom 27. Oct. 1280 erhalten, 2 ) aus Lübeck 
Statuten der Permenter vom 29. Juni 1330. 3 ) 

Gutes Pergament zu bekommen, war nicht so ganz leicht; 
man mufste sich sehr hüten vor fliefsendem, in welchem die 
Dinte auslief, wie man das noch hin und wieder in Hand- 
schriften sehen kann. Bitter bekagt sich darüber um 1280 
Nicolaus von Bibera, wie man in Erfurt ihn betrogen habe: 4 ) 

De pergamentariis qaos arguit pro eo quod dederunt sibl 

fluens pergamenum. 

Sunt ibi cartarum rasores, vulgus avarum, 
Quod non attendit, sed per mendacia vendit, 
Jurans subtile, quod sit super omnia vile. 
Cartam presentem dixit non esse fluentem, 
Immo iuravit per euni qui euneta creavit, 
Que sie defluxit, quod littera testis adliuc sit. 
His nil do laudis, quia plenos sentio fraudis. 

Schon 1296 wird die Pergamentergasse in Erfurt erwähnt. 
\<>n dieser Zeit an finden wir die Pergamenter, Birmetter, 



1 ) II. Glraud, Paris Sims Philippe le-JJel p. 528. Auch in Präg 
stehen die rasores pergameni unter Jurisdiction der Universität Statuten 
angeführt bei A Kirchhoff, Weitere Beiträge 8. '_'•'!. 

J > I hartes et documents de l'abbaye de 8. Pierre au monl Blandin 
.i Gand depuu Ba fondation jusqu'ä sa suppreesion, avec une introduetiou 
bistorique publica par A. van Lokeren. Tome l (Gand, II. Hoste, L868, I' 
n 894. 

••) Cod. <li|»l Luii II. IT:; Wehrmann, Die alteren Lttb. Zunft- 
rollen (1864) - 86Ö 

') Carmen occulti auctoris, \ l T l ' » i>is [726 ed, Eioefler, in den 
Sitzungsberichten <l< r Wiener Akademie W.Wll, 241 



Pergament. 105 

Pirmeter überall verbreitet, 1 ) und wir werden sie später auch 
als Buchhändler noch einmal zu erwähnen haben. 

Verkauft wurde das Pergament nach Stücken, Häuten, 
Quaternen. In einer aus Weingart stammenden Handschrift 2 ) 
findet sich von einer Hand des zehnten Jahrhunderts folgende 
Berechnung: „Sunt de nobilissimo pargameno quaterniones .xv. 
de bono pargameno . xx . quaterniones ad actus apostolorum et 
apocalipsin et .vn. epistolas .xn. et .im. folia. sunt inter om. 
de modolo maiore . xl . vn . quaterniones. et de minore modolo 
. vin . quaterniones . im . folia ad regulam et martirilogium 
scribendum. de parvo modolo . xx . im . quaterniones et . im . 
folia ad antifonarium." Hier werden also nach der Gröfse drei 
Sorten unterschieden. Unsicher bleibt, ob das Pergament im 
Kloster bereitet oder gekauft war. Ueber einen beträchtlichen 
Ankauf für die königliche Capelle in Paris 1298 belehrt uns 
die Rechnung des Magister Petrus, magister capelle regis 
Parisius: 3 ) 

Pro ix c et lxxii duoclenis pergameni ix xx xim 1. xvm s. 

pro rasura eiusdem xxim 1. vi s. 

pro salario Hervei electoris eiusdem lx s. 

pro appreciatoribus eiusdem x s. 

Danach kostete das Dutzend ohne die Spesen vier sous, 
doch betragt die ganze Summe 10 sous mehr. Meister Peter 
hatte vom Louvre pro pergameno et cera 400 livres erhalten; 
das Wachs war vermuthlich für den Kirchendienst "bestimmt. 

In der ausführlichen Kostenberechnung einer für das 



1 ) Auch als Eigenname, wie 1378 in Hamburg Nycolaus permen- 
terer, der ein Steinmetz war, Koppmann Kämmereirechnungen I, 271. 
287. Der Name wurde vielfach entstellt, so z. B. „Expl. biblia paupcrum 
quo alio nomine dicitur Aurora minor. Dcv Bibel ist der armen lcut, 
di nicht habent vil piermeit heut." Czerny, Handschriften von St. 
Florian S. 10. 

2 ) Jetzt in Fulda Aa 2. ich verdanke die Nachricht freundlicher 
Mittheilung des Prof. Steinmcycr in Strafsburg. 

'■'■) Mitgetheilt von Casati in der Bibl. de l'ecole des chartes 
IV, 2, 164. 



IQß Schreibstoffe. 

Kloster Corbre 1374 geschriebenen Handschrift 1 ) kostet 1 botet 
de pergameno vütdino cum rasura et reparatione foreiminum 

36 solidos. Nach Littre's Dictionnaire unter hotte, welches in 
ähnlichen Verbindungen noch gebräuchlich ist, enthält sie 
36 Blätter Pergament, 

In den Hamburger Kämmereirechnungen, die von 1350 an 
erhalten sind, finden sich jährlich beträchtliche Ausgaben pro 
pergameno, ohne genauere Bezeichnung. 2 ) Prof. Mantels in 
seinem Programm über den 1367 zu Cöln beschlossenen zwei- 
ten hanseatischen Pfundzoll (Lübeck 1862) führt aus den Rech- 
nungen an: Einhundert Stück gutes Kalbspergament 4 Mark 
lüb. Pfennige. In Nürnberg wurden 1388 an Heinrich, per- 
meter, l 1 /, Pfund Heller gegeben nmb 12 hewt 'permets uff 
das hawse, d. h. auf das Rathhaus. 3 ) Nach einer Kosten- 
berechnung im Sachsenspiegel von 1366 in Wolfenbüttel koste- 
ten 26 Qnatornen 11 sol. :l den. und jeder Qnatern zu schrei- 
ben 18 Pfennige. 4 ) Preise des Pergaments nach Häuten und 
Quaternen auf der Nördlinger Messe in den Jahren 1440. 1454. 
1468 giebt Beyschlag, Beiträge zur Kunstgeschichte von Nörd- 
lingen 3, 50. Im J. 1454 kosteten 50 Häute 4 Fl. und 4 Riefe 
Ravensburger Papier nur eben so viel. 

Aus Bayern hat Rockinger a. a. 0. viele Angaben gesam- 
melt; der Preis einer Haut oder ruft* pergameni ist oft 20 Denar 
oder Heller, bald auch mehr oder weniger. Das Jungfern- 
pergamenl ist erheblich billiger, weil dir Häute viel kleiner sind. 

Man findel häufig die Angabe, dafs zur kaiserlichen Kanz- 
lei dir Judeu das Pergameni geliefert hätten. Doch ist. so 



• ) An- Garnier, Catalogue <!<' La bibl. d'Amiena p. 281 l»<'i Kirch- 
hoff, Bandschriftenhändler B. L0. Statt q%elt La* natürlich gueVbei m 
\xj& in 1 . Boten «raren 62 1 . Sexternen in foüo gemacht Herr 
Prof.Sickel aennl mir ah -''In- lehrreich für Preise: Lecoj <!<• La afarche, 
dei comptea du roi Rene* (Paria l^T.i» ]». 172 ff. Die Publica- 
ii,,n it enthalten in den Documenta historiquea publica par La Sodäte* 
,1,. l'ßcole des Chartes, «rar mir aber jetzt nichl anfänglich. 
e \on Koppmann l. S. lxxix. 
, Hj.. Chroniken der deutschen Städte. Nürnberg, l, 271. 
'; Schönemann, 2. a. 8. Hundert 8« 2] 



Farbiges Pergament. 107 

viel ich weifs, nur von den Frankfurter Juden etwas der Art 
bekannt. Karl IV verpfändet sie 1349 den Frankfurtern, be- 
hält sich aber vor, dass sie ihm und seinen Nachkommen am 
Reich, wenn sie nach Frankfurt kommen, dienen in die Kanz- 
lei mit Pergament, in den Hof mit Betten, und in die Küche 
mit Kesseln. 1 ) Aber 1360 versprach er der Stadt Frankfurt, 
ihre Juden nicht mit Forderungen zu beschweren, und unter 
andern auch kein Permed von ihnen zu fordern. 2 ) Als K. Frie- 
drich 1442 in Frankfurt war, wurden jene Leistungen wieder 
angeregt, doch leugneten die Juden dazu verpflichtet zu sein. 3 ) 
Mit Maximilian fanden sie sich 1490 für 300 Fl. ab. 4 ) Es 
ergiebt sich hieraus also nur, dafs gelegentlich auch Perga- 
ment von den Juden erprefst wurde, wozu ihre Abgaben an 
die k. Kanzlei wegen des ihnen gewährten Schutzes den An- 
lafs gaben. Auch mögen sie an manchen Orten, und vor dem 
Aufkommen der bürgerlichen Gewerbe in gröfserem Umfang, 
sich mit der Fabrication von Pergament beschäftigt haben. 
Unter den Breslauer Juden kommt 1354 ein Smogü permin- 
ter vor. 5 ) 

Farbiges Pergament. 

Man färbte schon in alter Zeit das Pergament purpurn, 
zuerst wohl nur für den Umschlag der Rollen, wie Ovid sagt, 
Trist. I, 1, 5: Nee te purpiireo vclent vaccinia fueo. Oder für 
das am obern Rand der Rolle angebrachte Titelblättchcn: Et 
coeco rubeat superbus index, Martial III, 2, 11. Von solcher 
purpurnen Umhüllung spricht auch Lucian adv. indoctum c. 7: 
ßißXiov tiayxalov, jioQcpvQäv [i\v Ixov rr/v ÖKp&tQav, %qvöovv 
6h xov Oficpcdov. Und ausführlicher c. 16: riva yaQ iljilda 
xa\ avrog tycnv kg ra ßcßlta xal dvarvXixraq (revolvis) äel 



1 ) Senckenberg, Seil. Juris I, 634. Iluber Regg. Karls IV n. 1035. 
-) Olenschlager, Erläuterung der Gold. Bulle, Urk. S. 87, n. 31. 
8 ) Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz II, 36. 
') Winer, RegesteB zur Geschichte der Juden S. 252 n. 248. 
5 ) Archiv f. Oesterr. Gesch. XXXI, 56. 



108 Schreibstoffe. 

xai öiaxoXXag (glutinas) xai jtSQixojtretg xa) aXettpeiq Tip 
xqoxco xai z<p xsÖQCp, xal Öapfreoag JZSQißdJÜLeiq xai dftipaXovg 

trTifr?]g; 

Im dritten Jahrhundert aber linden wir schon die Mode 
herrsehend, ganze Werke auf purpurnem Pergament mit Gold 
und Silber zu schreiben. In dem merkwürdigen Briefe des 
Theonas, wahrscheinlich Bischofs zu Alexandria, an den Ober- 
kammerherrn Luciaii, worin er ihm Anweisungen giebt, wie er 
sich benehmen solle, um den Kaiser, vermuthlich Dioeletian, 
den Cbristen günstig zu stimmen, wird ihm für die gleichfalls 
unter seiner Aufsicht stehende kaiserliche Hausbibliothek fol- 
gender Rath crtheilt: Veteres item Codices />r<> indigentia resa/rciri 
procuret, ornetque non taut um ad superstitiosos sumptus quantwm 
ad utile ornamentitm: itaque scribi in purpureis membranis et 
litteris aureis totos Codices-, nisi specialiter Princeps demanda- 
verU, non aftectet. D'Acheiy, Spicil. XII, 549; ed. II. III, 299. 

Im Anfang des folgenden Jahrhunderts erzählt Julius Ca- 
pitolinus von Maximinus Junior c. 4: Cum gra/mmatico darrt ur. 
(j inu dam parens sua libros Homer icos omnes purpureos dedit, 
aureis litteris scriptos. Und Optatianus sagt in seinem Pane- 
gyricus auf Constantin: 

Quae quondam fueras pulcro decorata libello, 
Carmen in Augusti ferto Thalia manus, 

( )^tro tota nitens, argento auroque coruscis 
Scripta notis, picto limite dicta notans. 

Gegen diesen Luxus ereiferte sich der heilige Hieronymus, 
Praef. in Job: Häbeant qui vohmt veteres libros vel in mem- 
branis purpureis auro argentoque descriptos, vel uncialibus uf 
vulgo iiimii litteris, onera magis exarata quam <<></ir<s. I ml 
ml Ekutochium de custodia nrginitatia (ed. VaH. I. 11.")): Zn- 
ficiuntur menibranae colon purpureo, aurum liquescit in lUteras, 
(\( m mis Codices vestiuntur, et nudus an/r fores earum Christus 
emoritur. Daraus hat [sidor Origg. VI, 11 seine ^^ * >rt * 
lommen: Vurpurea inficiunturcolort />/ir/>nrr<>. in quibus aurum 
ii i in ni ii in liquescens patescai in lUteras. 

Gegen dieselbe Modethorheil eiferte auch Johannes Chry- 






Farbiges Pergament, 109 

sostonius, Hoinil. 32 in Job. Vol. VIII, 188 ed. Montfaucon, 
dessen Worte wir des verwandten Inhalts wegen hersetzen 
wollen, wenn gleich nicht farbiges Pergament, sondern nur 
Goldschrift darin ausdrücklich erwähnt wird: xiq yag vftcov, 
tL~rt y.oi, Iv olxia ytvofisvoq, Jtvxxiov eXaße yjyiöxiavixov iizxd 
ytioaq, xal xd syxsifisva tjzffifrev, xal ?]qsvv?]6£ xi]v yQa(p?]v; 
ovöelg av lyoc xavxa sljtslv aXXa jttxxovq fisv xal xvßovq 
jiccqcc xolq JtXeioöiv evQijöofisv ovxaq' ßißXta de ovdafiov, aXXa 
xal JtaQ 3 oXiyoig' xal ovxoc de rolq ovx eypvöiv ofioiwq öia- 
xuvxai, öijöavxeq avxd xal äjto&sfievoi ötajtavxoq Iv xtßmxloiq' 
xai ?) Jtäöa avxwv (jjzovdt) jizqI xcov viiivwv xrjq Xsjtxoxqxoq 
xal xo xwv yQafitxdxojv xdXXoq, ov jzsqI x?jv avdyvmötv. ovös 
yccQ vjzzq cacpsXtlaq xal xtgöovq xr\v xxfjoiv avxmv Jtejtohjvxat' 
aXXa jtXovxov xal (piXoxifdaq tjrldtii-iv jroiovfisvot jzeqI xavxa 
löJiovSdxaötv. xoöavxij xijq xsvoöot-iaq ?) vjtsQßoX?]. ovöevoq 
yag dxovco (pcXoxifiovfitvov , oxi oiÖs xd eyxelfisva aXX 3 oxi 
'/Qvoolq i%£i ygafifiaötv lyysyQaftfitvov. 

Es fehlt nicht an noch erhaltenen Proben solcher Hand- 
schriften, wenn sie auch vielleicht nicht über das sechste Jahr- 
hundert hinaufgehen. In dieser Zeit wurde wohl nur noch 
heiligen Schriften diese Ehre zu Theil. 

Die merkwürdigste und vielleicht älteste ist die Bibelüber- 
setzung des Ulfila in Upsala, Codex argenteus genannt, weil 
sie in Silber und Gold auf Purpur geschrieben ist. Die Hand- 
schrift kam aus Werden an der Ruhr im 16. Jahrhundert nach 
Prag, und von da mit den übrigen Schätzen Rudolfs II durch 
Königsmark nach Schweden. 

In Wien befinden sich Fragmente der Genesis in griechi- 
scher Sprache, in goldener und silberner Capitalschrift auf 
Purpurpergament, mit sehr merkwürdigen Gemälden, welche 
noch ganz in antiker Weise verfertigt sind, 24 Blätter mit 
48 Bildern. 1 ) 

Merkwürdig zerrissen ist eine griechische Evangelienhand- 



') s. Waagen, Kunstdenkmäler in Wien II, 5 bis 8. Bei Jules Labarte, 
Histoire dos Arts industriels an Moyen Age, Paris 1864, Allnim, Tome II, 
pl. 77 ein Hihi in Farben, 



HO Schreibstoffe. 

schrift auf Purpur, deren Text in Silber geschrieben ist, nur 
die Namen Gottes und Christi in Gold, Cod. N. bei Tischen- 
dorf, welcher nachgewiesen hat, dafs 2 Blätter in Wien, 4 in 
London, 6 in Rom, und eine Anzahl auf Patmos neu entdeckter 
derselben Handschrift angehören. *) 

Von besonderer Schönheit ist das, 1847 von Tischendorf 
mit Facsimile herausgegebene, lateinische Wiener Evangelium 
Ciiatinum. Nicht minder alt und schön war der Codex, von 
welchem in Sarezzano noch einige Quaternen als lleiligtlmm 
verwahrt werden. 2 ) 

In Paris ist der sogenannte Psalter des h. Germanns 
( ■!• 576), dem nach der Tradition das Buch gehört haben soll, 
und ein Evangeliar aus Metz, mit Silber auf Purpur ge- 
schrieben. 3 ) 

Die Züricher Stadtbibliothek bewahrt einen griechischen 
Psalter in Silber mit goldenen Initialen und Ueberschriften, 
welchen Tischendorf im vierten Bande der Nova Collectio mit 
Facsimile 1869 herausgegeben hat; er setzt ihn ins siebente 
Jahrhundert. In Petersburg ist eine griechische Evangelien- 
handschrift in goldener Minuskel auf sein" dunklem Purpur; 
einige jüngere Ergänzungen erreichen nicht von ferne die 
Schönheit des älteren Tlieils. 4 ) 

Ans Italien kam diese Kunst zu den Angelsachsen, wo» 



') Facs. bei Westwood, Purple Greek Manuscripts 2, Silvestrell, 16, 
Tischendorf, Mon. Sacra [nedita I. tab. II. 

-) ün antichissimo codice biblico latino purpureo conservato nella 
chiesa di Sarezzano presso Tortona. Dissertazione critico-storica con 
notc Illustrative de! Sacerdote Guerrino Amelli, vicecustode della bibl. 
Ambrosiana. Milano 1872. Vgl. E. Ranke im Lit. Centralbl. 1873 Sp. 416. 
Die I > i 1 1 1 < ist aschfarben geworden, mit einigen Spuren von Silber 
und Gold. 

i ondfl Latin saec. Vi. uach Delisle, Bibl. de L'e*cole des 

charti 6 Serie, III, L69. Dor( Isl Doch «ine ganze Reihe anderer ver- 
zeichnet, bo wie auch Bianchini uoch manche nachweist; vgl. Nouv. 
Traite' II. 97 L08 ich fahre aur einige hervorragende an, Sehr merk- 
würdig ist auch das Strafsburger Sacramentar aus frühkarolingischer 
Zeit, weichet U I Kopp, Bilderund schrillen [, 17c bis 184 beschreibt, 

1 ) Anzeiger <!«• < lerm. Museum \ \ 1 1. . ! 



Farbiges Pergament. 111 

der Erzbischof Wilfrid von York (664 — 709) die vier Evan- 
gelien de auro piirissimo in membranis de pyrpura coloratis 
schreiben, und zur Aufbewahrung der köstlichen Handschrift 
von Gold und Edelsteinen eine bibliotheca machen liefs. In- 
auditwm ante saeculis nostris quoddam miraculwn nennt es 
der Biograph. 1 ) 

In einer noch erhaltenen angelsächsischen Evangelienhand- 
schrift des British Museum, Royal I E 6, sind nur die ersten 
Blätter in goldener Capitalschrift auf Purpur. 2 ) 

Einen neuen Aufschwung gewann diese Prachtschrift in 
Karls des Grofsen Reich. Karl selbst liefs 781 durch God- 
schalk das prachtvolle Evangeliar schreiben, welches jetzt im 
Musee des Souverains im Louvre ist. 3 ) Ein anderes, in Silber 
und Gold nicht minder schön ausgeführt, ist in der Schatz- 
kammer in Wien. 4 ) 

Von einem Evangeliar in alterthümlicher halbuncialer 
Schrift, in Silber mit goldenen Initialen, Suppl. Lat. 688, giebt 
Silvestre eine schöne Probe. 

Auch Theodulf, von 787 bis 821 Bischof von Orleans, liefs 
sich noch als Abt von Fleury in solcher Weise eine Bibel 
schreiben, 5 ) und von Ansegis, 823 bis 833 Abt von St. Wan- 
drille, heifst es in den Gestis abbatum Fontanellensium (MG. 
II, 295): Quatiior evangelia in membrano purpureo ex auro 

scribere iassil Romana littera Lectionarium etiam in 

membrano purpureo similiter scribere iussit, deeoratum tabulis 
ch/irneis. 

In Gold auf Purpur ist der Psalter der Kaiserin Engel- 



') Acta Sanctorum 0. S. B. IV, 2, 552. 

2 ) Westwood, Purple Latin Gospels of the Anglo-8axon School. 
Casley PI. XII. Astle PI. XVIII, 5. 

'■'■) Westwood, The Kvangelistarium of Oharlcmagne. Piper, Karls 
des Grofsen Kalendarium. Nach dem Nouveau Tr. II, 99 soll die Pur- 
purfarbe nach dem 8. Jahrhundert nicht mehr die frühere Schönheit haben. 

4 ) beschrieben, mit schönen Proben, von Arneth, in den Denk- 
schriften der Wiener Akademie, Band 13. 

5 ) P'onds latin 9380 nach Delisle a. a.O. V"l. liianchini. Kvan.^elia- 
rium Quadruples II f. DXCIII. 



112 Schreibstoffe. 

berga, Ludwigs II Gemahlin, in Piacenza, -827 geschrieben. 1 ) 
Eine Evangelienjiandschrift derselben Zeit in Silber, die Ueher- 
schriften in Gold, mit den Bildern der Evangelisten, ist in der 
Bibliothek der Eremitage in Petersburg. *) 

Wahrscheinlich kam diese echte Purpurfärbung immer nur 
aus Konstantinopel, wenn auch aus Italien Recepte erhalten 
sind, und es ist nicht zu verwundern, dafs ganze Handschriften 
auf diesem kostbaren Stoff mit dem neunten Jahrhundert ver- 
schwinden. 

In dem prachtvollen Psalter Karls des Kahlen, im Musee 
des Souverains, ist nur das erste Blatt purpurn, faesimiliert 
von Silvestre. Aehnlich, auch im irischen Stil der Verzierung, 
ist das Evangeliar in Prag mit mehreren Purpurblättern, wel- 
ches Franz Bock beschrieben hat. 3 ) Im Psalter der Königin 
Hemma, der Gemahlin des französischen Lothar, früher in 
Saint-Remi verwahrt, ist der erste Psalm auf Purpur geschrie- 
ben.*) Ein schwacher Nothbehelf ist es, wenn nur eine Seite 
oberflächlich bemalt ist, wie in dem Sacramentar aus Peters- 
hausen in Heidelberg, und manchen anderen Handschriften."') 

Otto's II Vermählung mit Theophano eröffnete die Quelle 
vmi neuem; die Charta dotalicia für die Kaiserin, vom Jahr 
\ü'2. jetzt in Wolfenbüttel, ist auf purpurnem Pergament mit 
gemustertem Grund und eingepreßten Randverzierungen ge- 
Bchrieben, s. Ebert S. 27, Schoenemann II, 33 und das Facs. 
Origg. Guelf. IV. 4G0. Die Schrift ist eine stattliche Bücher- 
schrilt in Gold. Diese Urkunde, welche die hohe und schmale 

') Blume, Eter Ital. II. 7. Dttmmler, Gesta Berengarii j>. 7:). Gri- 
mald schenkte der Kaiserin ein psalti rium opHmum glossatum, welches 

(loch nicht, wie IM. \. Arx lnciiitc. jenes sein Kann. Weidmann, (iesch. 

der Hihi. ron 8. Gallen s. :;«.i7. 

) Bibl. de l'e'cole des chartes, 5. S6rie, V", l»'»."». 
Mittheilungen der Centralcommissioi] W'I. :»7 lo7 mit Abbildung 
<\i'\- ei ten Seite de- Matthaeus, wo der Herausgeber wunderbarer Weise 
;m> den Anfangsbuchstaben QM (Quoniam) gelesen hat Matthaeui 

') Erw&hnl ron töabillon, Dipl. p. 201. Das Musle des Souverains 

Soll jetzt aufgelöSl ein 

i Vielfache verschiedene Muster /. B. in dem Stockholmer angels 
Prachtcodex 



Farbiges Pergament. 113 

Form der damaligen päbstlichen Bullen hat, ist aber, wie U. 
F. Kopp (Bilder und Schriften I, 178) bemerkt hat, kein 
wirkliches Original, weil sie nie besiegelt gewesen ist. Die 
etwas jüngere Vita Vencezlavi in Wolfenbüttel hat ebenfalls 
ein Purpurblatt mit einem ähnlichen Rand von eingeprefsten 
Verzierungen, s. Ebert S. 27. MG. SS. IV, 211. 

Auf purpurne Urkunden kommen wir noch bei Gelegen- 
heit der Goldschrift zurück. Von echter Purpurfärbung des 
Pergaments ist mir nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts 
kein Beispiel bekannt, x ) 

Goldene Capitalschrift auf Azur hat das Titelblatt der 
Bamberger Handschrift mit der Dedication an Heinrich II, 
welches Jäck im ersten Heft seiner Schriftmuster wiedergiebt. 
Uebrigens spielt die Purpurfarbe oft ins Blaue. 

Das in der zehnten Actio der Synodus VI. von 680 mehr- 
fach angeführte ßißllov Iv öcofiaöt xQoxcoTolq, Über membrana- 
ceus crocatus, hielt Mabillon einfach für purpurfarben, während 
im Nouveau Traite II, 97 die Richtigkeit dieser Erklärung an- 
gegriffen wird. 

In Wien sind zwei Gebetbücher auf schwarzem Perga- 
ment mit Gold und Silber geschrieben, von denen das eine 
(Cod. 1856) für den Herzog Galeazzo Maria Sforza, das andere 
(Cod. 1857) wohl für seine Tochter Bianca Maria, K. Maximi- 
lians zweite Gemahlin, geschrieben ist. 



Die Kunst, das Pergament purpurn zu färben, wird von 
dem Syrer Ephraim {f 378 p. Ch.) unter den Beschäftigungen 
der Mönche erwähnt, Paraenesis 48: xaQroxoxxiva tQjuCffl; 
avaXoyiöai^ rovg lojQOTOfiovg. Obgleich der Wortlaut eher auf 
Färbung des Papyrus führt, scheint doch die Vergleichung mit 
den Riemern für Pergament zu entscheiden. 

Muratori hat in seiner 24. Dissertation ein altes Recept- 
buch veröffentlicht, welches er in das neunte Jahrhundert setzt. 



*) Im Cod. S. Galli 398, einem Benedictionale aus dem Anfang des 
11. Jahrhunderts, ist viel Goldschrift auf Purpur; in jüngeren findet sich 
<l;is nicht mehr, Dach dem Verzeichnifs von Scherrer 8. L36. 

Wattenbach, Schriftwesen, i. Auil. 8 



1 14 Schreibstoffe. 

Darin sind mehrere Anweisungen Häute zu färben, namentlich 
auch in Purpurfarbe (de pelle alithina tinguere). Dafs damit 
auch Pergament gemeint sei, zeigt der bald darauf folgende 
Abschnitt über die Bereitung des Pergaments (Antt. Ital. cd. 
Aret. IV, 683): 

De pargamina. 

„Pargamina quomodo fieri dcbct. Mitte illam in calccm 
et iaceat ibi per dies tres. Et tende illam in cantiro. Et rade 
illam cum nobacula de aml)as partes, et laxas desiccare. Deinde 
quodquod vulueris scapilatura facere, fac, et post tingue cum 
coloribus." 

Der Verfasser dachte also vorzüglich an Pergament, wel- 
ches gefärbt werden sollte; doch ist damit noch nicht erwiesen, 
dafe es für Bücher bestimmt war. Die Anweisungen Pergament 
zu aiachen, aus dem 14. Jahrhundert, welche Mone in der 
Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheines II, 11 — 13 mittheilt, 
scheinen für anderweite Verwendung bestimmt zu sein. 

7. Papier. 

Aufser dem schon früher angeführten Werke von Wehrs 
i-t liier noch auf den Artikel Papier von Keferstein in dn 
grofsen Encyclopädie von Ersch und Gruber zu verweisen. 

Das Papier, diese]- jüngste Schreibstoff, welcher nach und 
nach alle übrigen verdrängt hat und sich bis jetzt unange- 
fochten behauptet, liiillt seinen Ursprung in ein dichtes Dunkel, 
welches wohl nie völlig gelichtet werden wird. Die Streitfragen 
über die /fit der Erfindung und über das erste Vorkommen des 
Baumwollenpapiers und des Linnenpapiers sind mit einer Heftig- 
keil und einem Aufwand von Gelehrsamkeit erörtert worden, 
die /n der Wichtigkeil der Snelie in keinem Verhältnifs stehen. 
zumal da man in früherer Zeit kein sicheres Hülfsmittel be- 
safsj um die Paser <\<'r Baumwolle und des Leins zu unter- 
scheiden. Entge t/.te Behauptungen standen sieh schroff 
enüber, ohne dafs eine endgültige Entscheidung möglich 
war. Jetzl unterscheidet man mit voller Sicherheil durch das 
Mikroskop die runde gleichmäßig dicke Flachszelle von i\^v 
bandartigen platten Zelle dm- Baumwolle; s, ll<iss.>k. das 



Papier. 115 

Fasergewebe des Leines u. s. w. in den Denkschriften der 
Wiener Akademie, Naturhist. Abth. Band IV. Schieiden, 
das Leben der Pflanze, Tafel I, n. 8. 9. Aber der Eifer für 
den Gegenstand ist so geschwunden, dafs die einst mit so 
grofser Heftigkeit bestrittenen Öbjecte noch nicht von neuem 
untersucht sind. 

Die Bereitung von Papier aus Baumwolle soll bei den 
Chinesen seit uralter Zeit üblich, und bei der Eroberung von 
Samarkand um das Jahr 704 den Arabern bekannt geworden 
sein. In Damascus wurde die Fabrication lebhaft betrieben, 
und man nannte es deshalb Charta Damascena. Durch die 
Araber kam die Kunst zu den Griechen; man will griechische 
Handschriften auf Papier aus dem zehnten Jahrhundert haben, 
und im dreizehnten Jahrhundert werden sie schon häufiger als 
die pergamentenen. Von arabischen Handschriften wird im 
Katalog der orientalischen Handschriften der Bibl. Bodleyana 
in Oxford von Joh. Uri der Cod. Bodl. n. 1156 angeführt vom 
Jahr 983. In Berlin ist der Cod. Orient, qu. 107 von 1032. 

Auch gefärbtes Papier kommt vor, und zwar blaues. 
Auf solchem schrieb nach einem arabischen Berichterstatter 
Kaiser Constantin IX 947 oder 949 an den Kalifen Abderrahman, 
natürlich mit Goldschrift. Die beigelegte Liste der Geschenke 
war auf gleichem Stoff mit Silber geschrieben. 1 ) Auch K. Ro- 
gers Stiftungsurkunde der k. Capelle im Schlofs zu Palermo 
vom April 1140 ist mit Gold auf blauem Baumwollenpapier 
geschrieben; 2 ) sie ist aber nur eine Copie. 

Natürlich wurden die alten Ausdrücke auf den neuen 
Schreibstoff übertragen, besonders von dem aus dem Gebrauch 
verschwindenden Nilpapier. Man nannte es Charta und pa- 
pyrus, und brauchte zu genauerer Bezeichnung Beiwörter: 
Charta hoatbycina, gossypina, cuttunea, xylina. 5 ) In Rom heifst 



') Gayangos, History of the Mahometan Dynasties of Spain II, 141. 
Das Wort kann nach Gayangos auch Pergament bedeuten. 

2 ) Huillanl-Bn'-holles, Ilist. Dipl. Frid. II. Introduction p. LXXIII; 
vgl. Tabularium Regiae Capellae (1835) p. 11. 

3 ) Dagegen ist §vXo%aQtiov Papyrus nach dem Scholion zu Basil. 1. 
22 \) 94: fitj iv hio(o y//.oif/ ygaipeo&at ra avfißoXccia, u'/X rr tu) Xeyo- 

8* 



116 Schreibstoffe. 

es schon in der Grapbia anreae nrbis Romae, welche aus 
Otto's III Zeit herrührt: wenn der Kaiser den Patricius in- 
vestieren wolle, det ei bambacinum propria manu scriptum, 
tibi tatiter contineatur scriptum: JEsto patricius miscricors et 
inst us. 1 ) Im 12. Jahrhundert empfiehlt es Theophilus (I, 23) 
unter der Benennung des griechischen Pergaments, um Gold- 
blättchen darin aufzubewahren: Tolle pergamenam graecam 
quae fit ex lana ligni. 

Heber den italienischen Sprachgebrauch von charta und 
papyrus für Baumwollenpapier hat Savigny in der Geschichte 
des römischen Rechts III, 533 (578 ed. II) Stellen gesammelt. 
Friedrich II braucht als gleichbedeutend chartae papyH und 
bombacinae. Rofred erklärt den Ausdruck secundum tabulas 
durch secundum chartam cel secundum mcmbrauam. Odofred: 
debetis scire quod libri mei i>r<> parte fuerwd scripti in cartis 
papiri, j>r<> parte in menibranis edinis, rituliuis etc. Accursins: 
quiä appellatione chartarum continentur quae de bombice sunt, 
und: ut de bombyce, ut sunt Jiae quae de Visis veniunt. 

In allen diesen Stellen ist von Baumwollenpapier die 
Reda Linnenpapier davon besonders zu unterscheiden, hatte 
man nicht leicht Veranlassung und brauchte gewöhnlich nur 
den allgemeinen Ausdruck Papier. Mit Recht bemerkt Sickel, 
dafa die caria /><>tnhu<is cd papyri, welche Venedig an Mailand 
/n einem bestimmten Preise zu liefern 1317 sich verpflichtete, 
nur einen Gegenstand mit verschiedenen Ausdrücken bezeichnet. 2 ) 

///)<;> 3i '/.o/anilf, \<jl. die < »1 m - 1 1 s 85 aus Eustatbiue angeführte stelle, 
iin.l hu Cange b. v. gvXoxdqziov , auch Benedictua Riniua bei Valenti- 
aelli V. 66. 

') hu Cange - v. Patricius. Ozanam, Documenta inedits i>. L82. 
Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeil I. 877 ed. III. <\\ cod. saec \l 
MG Legg l\'. 662. In dem Verzeichnifs der Gandersheimer Kirch en- 

BCh&tze, «reiche« am >eliluf> de> alten l'linariiim eingetragen IstS, werden 

die alten Bullen auf Papyrus als bambatii quinque Beriet bezeichnet, 
Bach Harenberg, lli-t dipl. eccl. Gandersh. p. 596, vrai alier eine Fäl- 
ichnng isl und im Original nicht Bteht, - An/ des Germ. Mus XX, 346. 
Eine Cassineser Handschrift wird vom Kanter im L5. Jahrh genannt m 

• Hills In, nimm im g, ('ara\ita II. 260. 

'•iiilini. Mein di Milan«. COnt I, 113. Sickel in d Hisl ZeitBCÜT 



Papier. 117 

Ursprünglich soll die rohe Baumwolle zur Papierbereitung 
verwendet sein. Lumpenpapier erwähnt zuerst Petrus Clunia- 
censis, der von 1122 bis 1150 Abt von Cluny war, adv. Ju- 
daeos c. 5. (Andr. du Chesne Bibl. Clun. p. 1069): Legit, in- 
quit, Dens in coelis Ubrum TalmutJi. Secl cuiusmodi Ubrum? 
Si talem quales quotidie in iisu legendi liabemus, utique ex 
pellibus artet um, hircorum vel vitulorum, sive ex biblis vel 
iuncis orientalium pallidum, aut ex rasuris veterum pannorum, 
seit ex qiialibet viliore materia compactes, et pennis avium vel 
calamis palustrium locorum qiialibet Mnctura infectis descriptos. 
Nahm man also, wie hieraus unzweifelhaft ist, Lumpen zu die- 
sem Zwecke, so bedurfte es keiner besonderen Erfindung des 
Linnenpapiers; jeder Papierfabricant war in den Ländern, wo 
wenig Baumwolle, aber desto mehr Leinen im Gebrauch war, 
fast gezwungen linnene Lumpen zu verwenden, und die Aus- 
breitung der Fabrication nach den nördlicheren Gegenden, 
welche hierdurch erst möglich wurde, wird also unvermerkt 
zur Mischung und Veränderung des Materials geführt haben. 
Eben dasselbe war aber auch vielleicht schon viel früher in 
einem anderen Lande vorgekommen, wo altes Linnenzeug in 
fast unbegrenzter Menge billig zu haben war, nämlich in 
Aegypten, also gerade in dem Lande, welches seit uralten Zeiten 
das Abendland mit Papier versorgte. Der Engländer Yates 
hat in seinem Textrinum Antiquorum p. 385 aus dem Berichte 
des Abdallatif, eines Arztes aus Bagdad, der um das Jahr 1200 
Aegypten bereiste, eine Stelle angeführt, welche beweist, dafs 
man damals dort die Mumienbindon zu Papier, freilich nur zu 
Packpapier verarbeitete, und diese Mumienbinden sind nach 
den neueren Untersuchungen alle linnen. Die Stelle (Relation 
de l'Egypte par Abd-Allatif. Par Silvestre de Sacy. Paris 1810 
in qu. p. 108.) lautet in französischer Uebersetzung so: Los 
Bedouins, les Arabcs etablis dans les terres en eulture, et tous 
ceux generalement qui s'oecupent a la recherche de ces caveaux 
mortuaires, enlevent les linceuls et tout cc qui sc trouve avoir 



XXVII, 447, wo auch Angaben ober die Beschaffenheit des Papiers ein- 



zelner Handschriften mitgetheilt sind. 



118 Schreibstoffe. 

encore ime consistance süffisante; ils employent tout cela a se 
faire des vetements ou bien ils le vendent ä des manufacturiers 
de papier, qui en fönt du papier ä l'usage des epiciers (char- 
tain emporeticam übersetzt Pococke). 

• Nach Yates ist eine orientalische Handschrift schon um 
das Jahr 1100 auf Linnenpapier geschrieben. 

Von den Arabern lernten die Spanier und die Italiener 
die Papierfabrication; besonders in Valencia wurde sie lebhaft 
betrieben, und in den alten spanischen Zollgesetzen kommt 
papirus häufig vor. Im Yocabularius Hisp. Lat. des Antonius 
Nebrissensis von 1492 wird papel erklärt durch Charta pannucea. 
Die Leges Alfonsi von 1263 unterscheiden pergammo di cuero 
und pergammo di panno. Die von R. Pauli in den Berichten 
der Berliner Akad. 1854 S. 630 ff. mitgetheilten Briefe aus 
Castilien an K. Edward I von England, vom Jahr 1279 an, sind 
alle auf Baumwollenpapier geschrieben. 

Ueber die Anfänge der abendländischen und besonders 
der deutschen Papierfabrication ist sehr lehrreich die Abhand- 
lung von Sotzmann im Serapeum VII, 97 ff. (1846), hervor- 
gerufen durch die Behauptungen von Hafsler und vorzüglich 
von Gutermann über das hohe Alter und die grofse Verbrei- 
tung des Ravensburger Papiers. Gutermann besonders schreibt 
die erste Fabrication in Deutschland der Familie Holbein zu, 
und erklärt aus ihrem Wappen das Papierzeichen des Ochsen- 
kopfes und das angebliche gothische h; er nimmt auch alles 
Papier der Art für Ravensburg in Anspruch. Allein der Ochsen- 
kopf ist viel älter und auch in anderen Ländern weit verbrei- 
tet; Sotzmann erklärt ihn als das Zeichen des heiligen Lucas, 
des Patrone der Maler gilden, während HaMer ein Sinnbild 
des pergamenum vitulinum darin erblickt. Es ist aber kein 
Kalbskopf, und Ochsenfelle geben kein Pergament. Das h ist 
nur ein falsch gelesenes, umgekehrt betrachtetes p, welches 
ebenfalls weil verbreitet ist, und nach Sotzmann Papier be- 
deutet. 

Ueber die verschiedenen Papierzeichen, welche zur 
Bestimmung der Herkunft von Handschriften und Drucken 
wichtig sind, i^ i < • 1 > t Sotzmanu Bebr schätzbare Nachweisungen, 



Papier. 119 

Die Untersuchung ist eine sehr schwierige, da theils gesuchte 
Sorten überall nachgemacht wurden, theils das Papier ein so 
verbreitet er Handelsartikel war, clafs man Papiere desselben 
Ursprungs an sehr entlegenen Orten, und Produkte ganz ver- 
schiedener Länder an demselben Orte antrifft. In den Hand- 
schriften des Stifts Sanct Florian aus dem 14. u. 15. Jahrh. 
sind allein 91 verschiedene Papierzeichen. 1 ) 

Die frühesten Hauptorte der Papierfabrication zeigen deut- 
lich die Herkunft von den Arabern; Jativa, Valencia, Toledo 
sind Hauptpunkte, daneben Fabriano in der Mark Ancona. In 
Spanien sinkt die Kunst mit dem Verfall der arabischen Herr- 
schaft. Bartolo (de insigniis et armis) rühmt um die Mitte 
des vierzehnten Jahrhunderts die Fabriken zu Fabriano als die 
besten; von da bezog auch Ambrogio Traversari sein Papier 
(Epp. p. 585). Bald treten auch Padua, Treviso u. a. hervor. 
Von Venedig und Mailand aus wird das südliche Deutschland 
versorgt; sogar Görlitz bezieht nach Rechnungen von 1376 bis 
1426 sein Papier von dort. 

Das westliche und nördliche Deutschland bezog sein Papier 
über Brügge, Antwerpen, Köln aus Frankreich und Burguncl: 
man erkennt es an den Lilien und anderen Wappenzeichen; 
später erscheinen auch Papiere aus Lille, aus Lüttich. 

Nach dem südlichen Frankreich war die Fabrication früh- 
zeitig von Spanien aus gelangt. Nach Geraud, Essai sur les 
livres p. 35 erlaubte der Bischof von Lodeve dem Raymond 
de Popian schon 1189 die Anlage von einer oder mehr Papier- 
mühlen au milieu de l'Herault. In Kirchenrechnungen von 
Troyes von 1410 kommen viele molins ä toile vor. 

Naturgemäfs folgte die Ausbreitung der Fabrication den 
II;mdelswegen. Die ersten Fabriken in Deutschland befanden 
sich mich Bodmann zwischen Köln und Mainz, um 1320 bei 
Main/. 

In Nürnberg, welches mit Venedig im lebhaftesten Han- 
delsverkehr stand, errichtete Ulman Stromer 1390 eine Papier- 

') Czerny, Bibl. von 8t. Florian S. 62. Vgl. Sickel in d. Ilist. 
Zeitschr. XXVII, 44K. Midoirx et Matton, ßtudes sur les filigranes des 
papiers employes en France au XIV© et XV° siecles, aecompagnes de 600 



120 Schreibstoffe. 

miilile mit Benutzung von Wasserkraft, was dort neu war; er 
hatte sich dazu italienische Arbeiter verschafft; s. die Chroniken 
der fränkischen Städte, Nürnberg I, 77. 474. 

Ueber die Ravensburger Fabriken steht urkundlich fest, 
dafs 1407 drei Papierer zu Schornreuth ein Pajnr-Hiiss er- 
bauten, und hier wurde das Papier mit dem Ochsenkopf (ohne 
Bezeichnung der Augen) verfertigt, so man gar gern in den 
Kanzleyen nutzt. Doch bezog man in Nördlingen nach den 
bis 1382 hinaufreichenden Rechnungen noch bis 1516 das 
bessere Papier aus Mailand, und erst von da an auch das fei- 
nere aus Ravensburg, von wo man bis dahin nur die mittlere 
Sorte genommen hatte. Aber auch die grofse Ravensburger 
Handelsgesellschaft hatte im 15. Jahrb. Häuser in Valencia, 
Alicante, Zaragoza, x ) 

Vom Jahr 1440 ist eine Fabrik in Basel bekannt, welche 
1470 zur Vervollkommnung der Papierbereitung spanische Ar- 
beiter aus Galizien kommen liefs. 

Von den Arabern wurde auch das Wort razmah, Bündel, 
mit dem Papier übernommen, span. resma, ital. risma, frz. rame, 
engl, na in, deutsch riefs. Es bedeutet 20 buch (fr. main de 
papier, engl, quire, von cahier) zu 25 Bogen. 2 ) 15 Kiels sind 
1 Pack. 8 ) In den Preisen ist natürlich nach der verschiedenen 
Gröfse und Beschaffenheit die äuüserste Mannigfaltigkeit, und 
da die Greldwerthe eben so verschieden und wechselnd sind, 
kann «'ine Zusammenstellung nur für begrenzte (iebiete Werth 
nahen. In Augsburg kamen 1499 vier Bogen auf drei Heller. 



dessins lithographier Paria L868. A. Kanter, Wasserzeichen aus Schle- 
sien, bei II Lachs, Schlesiens Vorzeil (1868), Sechster Bericht. Wasser- 
zeichen aus Siebenbürgen im An/, d. Germ. Mus Y. 415, von Schuler 
v. Libloy, zeigen Import aas Deutschland. 
') Bt&lin'a Wirtemb Gesch. III. 77!». 

■ XX \ pogen (1499) Etockinger S. •-'•">: daselbst aber auch 
1 Bach Regalpapier mit :»."> Bogen. 

\;i<h der N.,ti/ aus Tegernsee von l i * » l hei Etockinger S. 24: 

12 tl',' /"/' Offl i""<h i>ii/"r. 15 II. minus 30 (hu. fitr <nn saui fni/iirr. 

[tal. sorna, «reiche die Venetianer L317 für 20 Lire an Mailand zu liefern 
versprachen Nach moderner Rechnung sind in Rieft 1 Ballen, L5 Riefa 
l Pack 



Papier. 121 

von regal papier aber ein Bogen 1 Denar. *) Wenn in Kloster- 
neuburg 1420 grofse und kleine Bücher genannt werden, letz- 
tere nur 7s von jenen kosten, so kann sich die Unterscheidung 
wohl nur auf die Gröfse des Papiers beziehen. 2 ) 

Die gewöhnlich angeführte angebliche Urkunde Hein- 
richs IV für Utrecht vom 23. Mai 1076 ist nach der Unter- 
suchung des Baron Sloet v. d. Beele nicht auf Papier, sondern 
auf Pergament geschrieben. Dasselbe gilt von dem Evangelium 
S. Marci, dessen Hauptstück in Venedig wegen seines halb ver- 
faulten Zustandes von Maffei für Baumwollenpapier, von Mont- 
faucon für ägyptisches Papier, von den Benedictinern für Baum- 
bastpäpier gehalten wurde. Das Fragment in Prag ist besser 
erhalten "und gestattet keinen Zweifel. Das älteste sichere 
Beispiel einer Urkunde auf Baumwollenpapier ist eine Urkunde 
des Königs Roger von Sicilien vom Jahr 1102, und aus dem 
zwölften Jahrhundert giebt es mehrere Beispiele. 3 ) Das älteste 
sicher bekannte kaiserliche Schreiben auf Baumwollenpapier ist 
von Friedrich II im April 1228 aus Barletta an das Nonnen- 
kloster zu Goess in Steiermark gerichtet und noch in Wien 
vorhanden. 4 ) Allein im Jahre 1231 verbot derselbe Kaiser die 
Anwendung des Papiers zu Urkunden, weil es zu vergänglich 
sei. Constitutiones Siculae I, 78: Volumus etiam et sancimus, 
ut instrumenta publica et alle similes cautiones non nisi in 
pergamenis in posterum perscribantur. Cum enim eorum fides 

*) Rockinger, Zum baierischen Schriftwesen S. 25, wo viel zusam- 
mengestellt ist. 

2 ) Fontes Rerum Austriacarum, Dipll. X, li. Vgl. Czerny, Bibl. 
von St. Florian S. 64. Einige Nürnberger Preise Chroniken I, 261. 262. 
271, darunter a. 1384 5 fl. umh ein grose rizz papiers. In den Ham- 
burger Kämmereirechnungen kommt zuerst 1362 vor ad gwerram contra 
regem Dacie XII sol. pro pergameno et papiro, bei Koppmann 1, 81. 
Mezger, Geschichte der k. Bibl. in Augsburg S. 82 giebt folgende Be- 
rechnung eines Boetius de consol. saec. XV in folio: „Istins libri sunt 
18 sexterni. pro quolibet dedi 35 den. facit 18'/^. et sunt 5 libri papiri pro 
10 grossis e1 pro ligatura \) grossos. qui faciunt in auro 5 flor. et duos 
den. florenum pro 4 iL 15 denariis computando de alba moneta. 

'■'•) Ueber den Gebrauch bei den sicilischen Königen und Friedrich II 
s. Iluillard-Breliollcs, Introduction p. LXXII. LXXIII. 

4 ) Nach Sickcl, ili^t. Zcitschr. XXVII, 446 ist das Papier gemischt. 



122 Schreibstoffe. 

muUis futuris temporibus duratura speretur, iustum esse decer- 

nimus, ut ex vetustate forsan destructionis periculö non suc- 
cumbant. Ex instrumentis in chartis papyri vel alio modo 
quam ><t dictum est scriptis, nisi sint apoche vel antapoche, in 
iudieiis vel extra iudicia nulla omnino probatio assumatur. 
Scripturis tantum preteritis in suo roborc duraturis. (Jue ta- 
men in predietis chartis bombyeinis sunt redacte scriptare, in 
predictis locis Neapolis, Amalfie et Surrenti intra bienninm a 
dir edite sancUonis istius ad commanem Utteraturam et legi- 
büem redigantur. 

Italienische Notare mufsten noch in späterer Zeit bei ihrem 
Amtsantritt versprechen, kein Papier zu Urkunden zu verwen- 
den; so versprach 1318 ein Notar dem Grafen Rauibald von 
Collalto, kein Instrument zu machen in Charta bombyeis vel de 
qua uetus fuerit abrasa scriptura, 1331 gelobte ein anderer 
nichts in Charta bombyeina auszufertigen. Tiraboschi (ed- 
1775) V, 77. 

Dagegen diente es zu anderen Aufzeichnungen; so in Ve- 
nedig zu dem über plegiorum, der mit Einzeichnungen von 
1223 beginnt und nach Sickel aus roher Baumwolle gemacht 
ist. *) Fast von gleicher Beschaffenheit sind die Registri dei 
dieci von 1325 an; von 1350 an besteht das Papier aus Linnen- 
lumpen. Albertus Bohemus schaffte sich um die Mitte des drei- 
zehnten Jahrhunderts ein Conceptbuch von Baumwollenpapier 
an, dessen Beschaffenheit Kaiser Friedrich^ Vorsicht recht- 
fertigt, denn es ist so gebrechlich, dal's man sich hei dessen 
Gebrauch der gröfsten Vorsicht bedienen mufs (Boehmer Regg. 
Imp. 1198 12f>4 j). LfXIX). Doch is! es in anderen Büchern 
trefflich erhalten, sehr glatt und stark. 8 ) Auch die in Italien 
geführten Protokollbücher Kaiser Heinriche VII, welche Bich 
jetzl in Turin befinden, sind auf Baumwollenpapier geschrieben. 

In Fabriano sollen Protokolle von V1 ( M an auf Linnen- 
papier geschrieben s<'in. und Pace da Fabriano begründete 



') ,-t :i < l l IT llonumenta graphica ll. 1. 
i Rockinger S 22, der dafür «li«' Münchener Stadtkammerrechnung 
anführt. 



Papier. 1 23 

1340 eine Fabrik von Lumpenpapier in Padua, später eine an- 
dere in Treviso. Dem entsprechend sind die 1351 beginnenden 
Amtsbücher in Padua auf Linnenpapier geschrieben, welches 
u. a. das Wappen der Carrara trägt. 1 ) 

In Deutschland ist der Gebrauch des Baumwollenpapiers 
wohl wenig verbreitet gewesen; je mehr die Fabrication sich 
aus dem Orient und den damit in lebhafter Verbindung stehenden 
Ländern entfernte, desto mehr mufste auch Leinen an die Stelle 
der Baumwolle treten. Eine Urkunde von Kaufbeuren auf 
Linnenpapier aus dem Jahr 1318 ist zweifelhaft. Bodmann 
setzte das älteste reine Linnenpapier in das Jahr 1324; bis 
1350 käme daneben gemischtes vor. Von da an finden wir 
Linnenpapier überall in lebhaftem Gebrauch zu Büchern und 
Urkunden; häufig wird es auch zur besseren Erhaltung, beson- 
ders weil man die Quaternionen oft lange ungebunden liefs, in 
Pergamentlagen gelegt, ebenso wie einst das Nilpapier; so z. B. 
das Formelbuch des Arnold von Protzan (Cod. dipl. Siles. V). 
Der Kaufmann zu Brügge jedoch wollte den Recessen uppe 
poppyr nicht Glauben schenken, 2 ) und in England müssen 
Urkunden noch jetzt auf Pergament geschrieben werden. 



IL 
Formen der Bücher und Urkunden. 

1. Rollen. 

Die Rolle ist im Alterthum die gebräuchlichste Form ge- 
wesen, abgesehen von den Diplomen und Wachstafeln, deren 
schon oben gedacht wurde. 

Ausführlich handelt darüber, mit Erklärung aller tech- 
nischen Ausdrücke, Murr, in der Uebersctzung des Philodemus 
von der Musik, Berlin 1806, 4., Geraud, Des livres chez les 



') Gloria, Compendio di Paleografia p. .'J7ß. 377. 
2 ) Hansische Gesclüchtsblätter L873 8. lvi. 



124 Formen der Bücher und Urkunden. 

Romains, Paris 1840, Marquardt, Römische Privatalterthü- 
mer II, 392—397. 

Die Namen sind tlieils vom Stoff hergenommen, wie 
ßlßXog, ßißXlov, Über, Charta, und diese haben natürlich auch 
eine allgemeinere Bedeutung, welche jedoch anderen Bezeich- 
nungen eben so wenig fehlt. Wie die Alten die Namen ihrer 
ersten Schreibstoffe auf alle Bücher übertragen haben, so die 
Deutschen das Buch von dem Buchenholz, in welches sie einst 
ihre Runen zu ritzen (writan, to write) pflegten, 1 ) die Irlander 
Cuümenn d. h. Kuhhaut, von ihrem Material. 2 ) 

Von der Form hergenommen ist volumen, 3 ) xvXivöqoq bei 
Diogenes Laertius de Epicuro (X, 26) und spätgriechisch dhj- 
tdoiov, auch uhyzov (Schwarz, de ornam. libr. p. 130)-, tgei- 
Xtjfia (ib. p. 154). In den Acten der Syn. VI. a. 680 bei Mansi 
XI, 588: to /(iQTcoor avfrtPTr/cdv elforccQior. Es ist mit zlXeco, 
winden, drehen, rollen, verwandt. 4 ) Spätlateinisch ist rotulus. 
rotula, wovon unser Rolle, franz. rouleau, fast nur für Urkun- 
den in dieser Form gebraucht, weil, als das Wort aufkam, 
Bücher in Rollen kaum noch vorkamen. 

Zu einem gröfseren Werke gehörten mehrere Rollen, wes- 
halb auch die einzelnen Abschnitte oder Bücher desselben 
ßlßXog, volumen, Charta genannt werden; auch rofiog, tomus, 
welches genau unserm Abschnitt entspricht. So sagt Catull zu 
Cornelius Nepos: 

ausus es unus Italoruni 
Omno aevum tribus explicare ehartis. 

Diese Ausdrücke blieben im Gebrauch, nachdem die Form 
der Rollen abgekommen war, In ähnlicher Weise nennt Benzo 



') Gothißch bokos, pl. von bok, Buchstabe, Ueber die Fortwirkung 

dieses Plurals im Sprachgebrauch b. L. Weiland, Forschungen XIII, L97. 

O'Curry'e Lectures i>. .;:-'. 

n ) Spater li;it man den Ursprung vergessen. Volumen dicitur << 

volvo, 'i'"" perlecto ihm foUo tfbri volvitur <i aliud legitur. Wörterbuch 

im Serap will. 278. 

l i Vgl Lucian, Glxovei c. !»: Bißklov iv zalv %sqoIv il%sv i$ <h'<> 
avveiXrjfiivoi , xcA iipxei tb ?>■■> u ävayvmoeo&cu avtov, vc 61 ydij 
/ ' \ tu. 



Rollen. 125 

von Alba die einzelnen Bücher seines Werkes codex, obgleich 
sie alle in demselben codex standen. 

Ulpian unterscheidet deshalb, Digg. 1. XXXII. 1. 52: Si cui 
ccntum libri sunt legati, ccntum volumina ei dabimus, non ccn- 
tum quae quis ingenio suo metitus est; nt puta cum hoher et 
Homerum totum in uno volumine, non 48 libros computamus, 
sed iinum Homer i volumen pro libro accipicndum est. 

Nach den Gestis abbatmn Fontanell. (MG. SS. II, 297) 
schenkte Ansegis an das Kloster Saint-Germain-de-Flay: pan- 
dectem a beato Hieronymo ex hebraeo vel graeco eloquio trans- 
latuni; eiusdem expositionem in duodecim proplietas, et sunt 
tomi viginti in volumine uno. Hier würde man in älterer Zeit 
an 20 Rollen zu denken haben, im neunten Jahrhundert aber 
doch wohl nur an gesonderte Schriften in einem grofsen Bande. 
Dann wird der pandectes auszuschliefsen sein, ein Wort, wel- 
ches ursprünglich nur einen Complex vieler Schriften bezeich- 
net und häufig in griechischen Handschriften für Blüthenlesen 
aus Werken der Väter vorkommt. Sehr oft ist er auf die hei- 
ligen Schriften angewandt, so wie gleichfalls das Wort biblio- 
theca d. i. Bibel, welches zu vielen ergötzlichen Mifsverständ- 
nissen Anlafs gegeben hat. In ähnlicher Weise zusammen- 
geschrumpft ist die Bedeutung des Wortes Pentateuch, von 
Ttvyoq, welches ein allgemeiner Ausdruck für Buch ist, 1 ) wie 
auch noch öm t ua und jivxtiov, welches ursprünglich eine Schreib- 
tafel bedeutet. 

Das Wort pandectes in dieser Bedeutung hat schon Cassio- 
dor, 2 ) dann Beda, wo er erzählt, dafs der Abt Ceolfrid von 
Weremouth tres pandectes novae translationis aus Rom mit- 
gebracht habe. 3 ) Den Ursprung der eigenthümlichen Anwen- 
dung des Wortes bibliotheca finden wir bei Hieronymus ep. 5 
(olim 0), wo er schreibt: multis sacrae bibliothecae codicibus 
abundamus. Die Bibel in Rollen bildete allerdings schon eine 
Bibliothek für sich, und so sagt Isidor Origg. VI, 3: bibliothe- 



1 ) S. d. oben S. 94 aus Euscbii vita Constantini mitgetheilte Stelle. 

2 ) s. Ad. Franz, M. Aur. Cass Senator (Breal. 1872) S. 50. 
*) Vita nl.l) Wiremuth. Bedae Opera ed. Gilea IV, 386. 



1 26 Formen der Bücher und Urkunden. 

com veter is testet menti Esäras renovavit. Die Mauritier beti- 
telten die Uebersetzung des Hieronynius Bibliotheca divina 
und besprechen den Ausdruck in ihren Prolegomena. Das 
Wort bibliotheca braucht Beda im gewöhnlichen Sinne; dagegen 
trägt der für Karl den Kahlen geschriebene Codex Vallicelli- 
anns der Bibel die Inschrift: 

Nomine Pandecten proprio vocitare memento 

Hoc corpus sacrum, lector in ore tuo, 
Quod nunc a multis constat bibliotheca dicta, 

Nomine non proprio, ut lingua pelasga docet. 1 ) 

Dieselbe autfallende Betonung von bibliotheca findet sich in den 
Versen, welche irrig Isidor zugeschrieben sind: 2 ) 

Te quoque nostra tuis promit bibliotheca libris. 
Ebenso in der schönen Bibel, welche Graf Yivian Karl dem 
Kahlen überreichte: 

Rex benedicte, tibi haec placeat biblioteca, Carle. 
Testamenta duo qnae relegenda gerit. 3 ) 

Lupus von Ferneres aber erwies dagegen aus Martial die rich- 
tige Betonung. 4 ) 

In dem 821 von Reginpert verfafsten Bibliothekskatalog 
von Reichenau, betitelt Brevis librorum qni sunt in coenobio 
Sitndleozes Auua, facta a. VIII. Hludovici imperatoris, heifst es: 
"Bibliotheca I. et <ili<t Erichi. Eptatioi volumina tria. d. h. ein 
Heptateuch in .'I Bänden. 6 ) Im Kloster selbst ward«' Bibliotheca 
dimidia geschrieben. 6 ) Kaiser Lothar schenkte dem Kloster 
Prüm bibUothecam cum imaginibus. 1 ) 



') Aicuini Opera ed. Frob. II, :><>.'5. 

) Opera ed. Arcv. VII. L80 

n ) Baluzii Capitt. II, L568 

1 1 Lupi ßp 20 p. 10 ed. Baluzius. 

Wörtlich bo im S. öaller Catalog i~ IX. bei Weidmann s 866, 

iiml in Staffelsee unter Karl <l Gr. Über eptaticum Moysi. I><t Camal- 

dnlenaer Paulus Orlandinns rerfasste Im 15. Jahrfa ein Biebentheiliges 

Wert iiiit<T dem Titel Heptathicum, Lanr Mebui V A.rabr. Tr.-u p 385. 

i Neugart, Episcopatufl Constant. I. 536 

) Browerl Ann Trei I \ III g 1 1 1 p Ml 



Rollen. 127 

Von der Verbrennung Hamburgs durch die Dänen 837 
keifst es in der Vita Anskarii c. 16 (MG. II, 700): TU biblio- 
teca, quam Serenissimus iam memoratus Imperator eidem patri 
nostro contulerat, optime conscripta, cum pluribus aliis libris 
igne disperüt. Gegen das Ende des neunten Jahrhunderts er- 
wähnt der Mönch Bernhard das von Kaiser Karl in Jerusalem 
gestiftete Hospital, nobilissimam habens bibliotliecam studio 
praedicti imperatoris.^) Der Erzpriester Cyprianus von Cördova 
braucht um das Jahr 900 für die Bibel die Ausdrücke biblio- 
tlieca, theca und librorum theca. 2 ) Der Abt Sigifrid (1009 — 
1020) schenkte dem Kloster Bergen u. a. bibliotliecam cum suis 
libris. 3 ) 

S. Emmeram besafs unter Abt Ramwold gegen das Jahr 
1000 bibliothecas duas; in una vetus, in altera novum testa- 
mentum conti nentur. 4 ) In S. Maximin waren bibliothecae duae 
maiores perfectae. Item alia minor, in qua vetus tantum testa- 
mentum cum epistolis Pauli. Textus evangelii unius auro 
scriptus. 5 ) 

Mi co, der poetische Mönch von St. Riquier im neunten 
Jahrhundert, schrieb Stiehl apti in fronte pandectinis (sie), 
welche anfangen: 

In hoc quinque libri retinentur codice Mosis 6 ) etc. 

Ganz ähnlich sind des Iren Sedulius Versus ad Guntha- 
rium Colon.' ep. de bibliotheca: 

Aspice pandecten vitae de fönte scatentem 7 ) etc. 

Ebenso war es keine Bibliothek, welche das Kloster Te- 
gernsee 1054 dem Kaiser Heinrich III darbrachte, worüber die 
Klosterchronik berichtet: collata est imperatori a nobis biblio- 



') Tobler, Descriptionos Terrae Sanctae (Leipz. 1874) p. 1)1. 
2 ) Opp. Isidori II, G angef. aus Esp. sagrada XI, 522 und 525. 
; ) Lappenberg in Pertz' Archiv IX, 440. 
4 ) Mon. Germ. SS. XVII, 567. 

r ') Libri de armario S. Maximini, bei Reift'enberg im Annuaire de 
la Bibl. roy. de Brux. III, 120. 

") il). IV, 11H. Ob die Verse von Mico sind, ist unsicher. 
') ib IV, H<>. Dümmler, Sedulii Carmina XL p. 29 



[28 Formen der Bücher und Urkunden. 

theca magna auro argentoque composita ac scriptura decenter 
ornata. Die Abtei erlangte dafür die Restitution mehrerer 
Besitzungen. 1 ) Das Yerzeichnifs des Kirchenschatzes, welches 
1070 Abt Stephan von Saint-Gery in Verdun aufnehmen liei's, 
beginnt: Textum I. Bipliothecam veteris et novi Testamenti in 
duöbus magnis volwmmbus novis, et unam veterem.*) 

In der Vita S. Gertrudis heifst es: ut paeyie omnem biblio- 
theeam divinae legis memoriae reconderet, 3 ) und Sigebert von 
Gembloux sagt: Si emm utriusque legis totam bibliothecam, si 
ounies totius Mbliothecae veteres expositores revolvam*) . . . . 

Um dieselbe Zeit schreibt Bernold zum J. 781 über die 
von Karl veranstaltete Sammlung von Homilieen: ad noctur- 
nales lectiones sufßcere possunt cum bibliotheca. 

In dem Yerzeichnifs der Bücher, welche Diemud, die 
rleifsige Nonne von Wessobrimn im 12. Jahrh. geschrieben hat, 
findet sich Bibliotheca in IF voluminibus, quae data est j>r<> 
praedio in Pisinberch, und eine zweite in drei Bänden. 

Auch Gotfried von Viterho Ina acht das Wort in dieser 
Bedeutung. 5 ) und ebenso der Subprior Gaufrid von Beaugerais 
um 1170. 6 ) 

Eine Handschrift des 12. Jahrh. aus Saint- Amand hat die 
Unterschrift: Expositio super </i/'/i<-i/i<< verba bibliothecae. 1 ) 
Wir finden sie auch im Catalog des Passauer Klosters S. Nicola, 8 ) 
und unter den Büchern, welche an Neuwerk bei Halle geschenkt 
werden. 9 ) 

Im Anfang des 13. Jahrhunderts ist die schöne Bibel von 
Sainte-Genevieve in Paris in drei Folianten geschrieben, mit 



■) in/. Tiics.iii. :;. 512. 
- : ) Bandini II. l" 

BÄabillon, Act;, ss. o. s. B. II. 146 ed. Ven 
') Jaffe\ BibL reron Genn. V. 224 

\h. — WH. 95 I. 17. 
- Martene, Thes. I. 502, 511. 

rt, Catal. de Valenciennes i». 177 mit unverständiger 
Aenderui 

H ) Bern, Pea, Thes. I Disa i agog. p. LH. 
•) Jacobs \ i kert, Beitrage II. i 



Rollen. 129 

der Unterschrift: Haue Mblioihecam scripsit Manerias scriptor 
Cantuariensis , wozu dann dieser noch seine ganze Familien- 
geschichte hinzufügt. *) 

Adam, Schatzmeister des Capitels zu Reimes, schenkte 
1231 einer Abtei seine Büchersammlung, darunter qiiandam 
bibliotecam in minuta littera. 2 ) Wiederholt findet sich der- 
selbe Ausdruck in dem Legat, welches 1227 der Cardinal 
Guala dem Andreaskloster in Yercelli machte. 3 ) 

Johannes de Garlandia nennt die bibliotheca unter den 
nothigen Kirchenbüchern, 4 ) und Vincenz von Beauvais sagt im 
Prolog seines Speculum maius, er habe es anfangs so grofs 
angelegt, ut in triplo bibliothecae sacrae mensuram excederet. 

Noch im 14. Jahrhundert schreibt Guido von Vicenza im 
Prolog zu seinem Directorium super bibliam: 5 ) 

Qui memor esse cupit librorum bibliothecae. 

'Unter einer Abschrift der Bibel in Augsburg vom J. 1390 
steht: Explicit bibliotheca. 6 ) 

Aus späterer Zeit weifs ich keine Beispiele, ausser dafs in 
englischen Glossaren, vielleicht nur traditionell, steht: biblioteca, 
a bybulle, mit dem Spruch dazu: Biblioteca mea servat meam 
bibliotecam. 1 ) Es ist ein Sprachgebrauch, welcher sich erhal- 
ten hat von der Zeit her, wo wirklich jedes Buch mindestens 
eine Rolle füllte; die verschiedenen Rollen wurden zusammen 
in charta emporetica, in eine öixpfrtQa oder membrana ein- 



') Nach Waagen, Kunstwerke in Paris, S. 288.— Wright, Political 
Songs of England from John to Edw. II (1834) S. 354 giebt seine ganze 
Aufzeichnung und setzt sie ein Jahrhundert früher. 

') Bibl. de l'ticole des Chartes, 5. Serie, III, 39 ff. 

3 ) Tiraboschi Tomo IV. 1. 1. c. 4. § 3 aus der Biogr. des Card. 
Guala vom Abb. Frova. Auch im Inventar der Dombibliothek zu Rouen 
im 12. Jahrh. Bibl. de l'lvole des Chartes III, 1, 217. Noch viele Bei- 
spiele hei A. Franklin, Los anciennes bibliotheques de Paris. 

4 ) Geraud, Paris sous Philippe -le- Bei p. G04. Wright, Vocabu- 
laries p. 133. 

5 ) Jacobs u. Ukert, Beiträge II, 75. 

,; ) Mezger. Gesch. der Kreis- und Stadtbild, in Augsburg S. 5G. 
7 ) Wright, Vocabularies p. 113 u. 230. 
U i tten ba cl . Schriffcwe ren. ! Luf] !) 



130 Formen der Bücher und Urkunden. 

gewickelt, bei gröfseren Werken aber genügte das nicht, und 
es gehörte eine capsa, ein scrmium dazu. Dafür wird man 
eben auch bibliotheca und pandectes gesagt haben. 

Die Beschaffenheit der alten Bücherrollen wurde 
genauer zuerst bekannt durch die Entdeckungen in Hercula- 
neum, s. darüber Murr de Papyris Herculanensibus, 1804. 
Jorio, Real Museo Borbonico. Officina de' Papiri. Nap. 1825. 
Bluhme, Iter Ital. IV, 34 ff. Castrucci, Tesorio letterario 
di Ercolano, ossia la reale officina dei papiri Ercolanesi, Nap. 
1855, qu. Erweitert wurde unsere Kenntnifs durch die ägyp- 
tischen Entdeckungen. Bankes erwarb 1821 eine vorzüglich 
schöne Papyrusrolle, welche Ilias il von v. 127 an enthalt; es 
Bcheint nicht, dafs am Anfang etwas fehlt. Nachricht davon 
nebst einer Collation und Facs. gab er im Philological Museum 
(Cambr. 1832) I, 177 ff. Die Rolle ist 10 Zoll hoch, 8 Fufs 
lang, und enthält 16 Seiten zu c. 43 Versen. Bei je 100 Ver- 
sen steht die Zahl. Aufser verschiedenen anderen Fragmenten 
wurden 1847 die Reden des Hyperides entdeckt und nach und 
nach vervollständigt und herausgegeben. 1 ) 

Sehr merkwürdig ist das illustrierte astronomische Werk 
Evöogov ri'yj'/j, auf dessen Rückseite Actenstücke von 165 
und 104 a. Ch. eingetragen sind, ganz faesimiliert von Tli. 
Deveria.-) 

Dazu kommen endlich noch die Fragmente von zwei latei- 
nischen Originalrescripten der kaiserlichen Kanzlei ans dem 
fünften Jahrhundert, welche Th. Mommsen bearbeitet und 
erläutert hat. 3 ) Die Höhe beträgt hier 17 röm. Zoll == 1 Fufs 
griechisch, ein in Aegypten sein- häufiges Formal. 

Die Schrift ist immer parallel den Langseiten, aher ein- 



') c. Demosth. ed. Churchill Babington, L860, A6yot ovo, ganz 
facsimilierl L858. Epitaphiufl desgl. L858. 

-') Band Will. 2 der Notices ei Extraita des Manuscrits: Noticea 
e1 Textes des Papyrus Grecs du Musle du Louvre et de la Bibliotheque 
Imperiale, publication preparle par feu M Letronne, exäcutle par MM. 
Brunei de Preale ei E. Egger Paria isr.i t|11 . und fei. 

i im Jahrbuch dea gemeinen deutschen Rechts, von Bekker, 
Mutl. <t. Btobbe L863 \ l. 896 U6. 



Rollen. 131 

getheilt in Columnen, welche durch mehr oder weniger regel- 
mäfsige Zwischenräume getrennt werden. Im Epitaphius sind 
sie ganz nahe an einander gerückt und nur durch Dinten- 
striche geschieden, während in den Rescripten der Zwischen- 
raum c. 3 Zoll beträgt, die Columnen c. 19 Zoll breit sind. 
Hier, wo die Schrift sehr grofs und weitläufig ist, so dafs die 
Columne von 17 Zoll Höhe nur 8 Zeilen hat, ist die Zeile, wo 
es irgend möglich war, am Schlufs von Sätzen oder Satz- 
theilen abgebrochen, was in einzelnen Inschriften, in den uns 
erhaltenen Schriftrollen aber sonst nicht vorkommt. Wohl aber 
geschah es zur Anleitung für die Schüler in Handschriften der 
Redner, und wurde von diesen auf die heiligen Schriften über- 
tragen, wovon in Pergamenthandschriften Beispiele genug er- 
halten sind; von profanen alten Schriftstellern nur der Cod. 
Regius 6332 der Tusculanen von Cicero, im 9. Jahrh. vielleicht 
nach älterem Vorbild so geschrieben. 1 ) 

Doch finden wir dieselbe Einrichtung auch in einem Lei- 
dener Codex saec. VIII der Frankengeschichte des Gregor 
von Tours, 2 ) und auch die Briefe Gregors I sind im cod. 
Colon. 92 unter Hildebald in zwei ganz schmalen Columnen 
mit ausgerückten Initialen so geschrieben. 3 ) 

Auf jene Einrichtung der Rescripte bezieht Mommsen die 
Worte des Bonifatius, welcher einem vornehmen Manne, der 
sich mit grammatischen Studien beschäftigte, dem Präfectus 
praetorio Marinus, 515 in greulichen Versen eine Abschrift der 
Chronik des Hieronynius widmete: te qui longos agüibus (per) 
servata cola et eommata periodos perniciter transcurris op- 
tutibusA) 



1 ) s. F. Ritschl's Kl. philol. Schriften I, 89. 95. Cic. Opera ed. 
Orelli IV, 207 ed. II. Ueber die biblische Stichometrie und die Schrei- 
bung per cola et eommata handelt Hug, Einleitung z. N. T. 4. Aufl. 
I, 222 ff. und Tischendorf in Herzog's Realencyclop. XIX, 189, welcher 
die Differenz zwischen der überlieferten Verszahl und Euthalius Ein- 
theilung betont. 

2 ) Facsimile in den Schrifttafeln von W. Arndt (1874) Taf. 13. 
:i ) Ecclesiae Colon. Codices (1874) p. 35. 

4 ) A. Schoene, Quaestiones Hieron. p. 55. 58. 

9* 



132 Formen der Bücher und Urkunden. 

JEeliöeg, die Scheidewände der Ruderbänke in den Schif- 
fen, sollen nach Hesych. s. v. in den Büchern die Intercolum- 
nien sein, ev rolg ßtßXioig xa fisra^v xcov jzctQayQCKpcQV al. 
jiaQüyQatpcov. Aber darauf folgt OeXiq, jirvyio)\ xaraßarov 
ßißXlov, und im gewöhnlichen Gebrauch ist otXig, oeXidiov mit 
pagina gleichbedeutend; so auch jtrvg, jitv/j], übertragen von 
den Blättern des Diptychon. 

Am Schlu fs pflegt die Anzahl der Columnen und der Zeilen 
(örr/oi) verzeichnet zu sein; die Angabe blieb unverändert, 
wenn sie auch zu dem vorliegenden Exemplar nicht stimmte. 
Falls der Zweck war, den Lohn des Abschreibers danach zu 
bestimmen, so kam auf eine solche Abweichung nichts an; die 
einmal vorgenommene Schätzung blieb gültig, wie wir auch in 
Abschriften, die aus italienischen Universitäten stammen, mit- 
ten auf der Seite die Bemerkung finden Firns pecie I etc. 
Das hindert natürlich nicht, dafs man diese Angaben auch zu 
anderen Zwecken benutzte; auch mag ursprünglich eine wirk- 
lich genaue Uebereinstimmung beabsichtigt und in einzelnen 
Fällen auch erreicht sein; findet man sie doch auch zuweilen 
in Pergamenthandschriften. *) 

Montfaucon (Diar. Ital. p. 278) erwähnt zwei in Seiten 
und Zeilen genau übereinstimmende Abschriften einer griechi- 
schen Catena saec X. In mehreren Handschriften der Chronik 
des Hieronymus stimmen die Seiten genau iiberein. Hat nun 
hier (»Heilbar die künstliche Anordnung des Textes den Anlass 
dazu gegeben. SO linden wir eine ähnliche Erscheinung auch 

bei dem bekannten und vielbesprochenen Utrechter Psalter. 
Weil man nämlich für die Bilder genau denselben Raum brauchte, 
und die drei Columnen die Schwierigkeil noch vermehrten, be- 
liicli man auch die schon ganz ungewöhnliche Uncialschrift des 
Textes bei. 1 ') Bei einer Colner Handschrift (\w Decretalen mit 

') Ritechl'fl Kl. Schriften I. 71 L12. 17:; L96. MarquardtV,2, 
Mommsen zum Veroneser Liviua (Abhh, d. Berl.Acad. L868) S. L61. 
Blase im Rhein. Mus. f. Philol. (1869 XXIV, :>iil 682 

i aaefa der Bemerkung \"ii E. \ Bond in den L874 erschienenen 
Report« addressed to the trosteei <>i the British Museum p. 2., mit Be- 
ziehung aal den analogen I •'all des Cod. Eiarl. r>17 der Axatea. 



Rollen. 133 

der Glosse wirkte der Umstand, dass die am Rande geschrie- 
bene Glosse zum Texte passen mufste, und der Schreiber füllte 
deshalb den übrig bleibenden Raum mit Federstrichen und 
allerlei Geschreibsel. 1 ) Umgekehrt wurde dem Schreiber der 
Canonensammlung saec, VII. mit seiner grofsen irischen Halb- 
uucialschrift der Raum zu enge, und er schrieb deshalb die 
letzten Zeilen jeder Seite mit kleinerer Schrift (ib. p. 95). 

Indem es nun in Betreff der Stichometrie der Rollen 
genügt, auf Ritschl's scharfsinnige Untersuchung zu verweisen, 
bemerke ich nur noch, dass wir bei poetischen Werken noch 
spät die Zahl der Verse angemerkt finden, welche ja durch 
die Art der Abschrift nicht verändert wird. In dem sehr 
alten Codex Salmasianus der lat. Anthologie steht bei den ein- 
zelnen Abschnitten : sunt uero uersus .... womit die Zahl der 
Gedichte, nicht der einzelnen Verse gemeint ist. 2 ) Bei Ovid's 
Metamorphosen finden sich gewöhnlich die Verse: 

Bis sex milenos versus in codice scriptos, 
Sed ter quinque minus, continet Ouidius. 3 ) 

In den alten Codices der Vita S. Martini von Paulinus 
Petrocorius steht: Finit in Christo liber primus habens uersus 
ccclxxxv .... secimdus habens uersus dccxxii. 4 ) Ebenso ist 
bei den Sprüchen des Cato die Verszahl angegeben. 5 ) Und in 
dem Wiener Codex der Elegie des Henricus Septimellensis 
(Endlicher n. ccxxvi) heifst es: 

Millenos tenet hie versus liber aspera plangens. 

Das Rollen der Bücher heifst plicare; das Aufrollen zum 
I ii i^ulziv, evolvere, explicare, daher explicitus liber, wenn 
das Buch zu Ende gelesen ist. Davon kommt die gewöhnliche 



') Ecclesiae Colon. Codd. (Berl. 1874) p. 54. 
2 ) Anthol. ed. Riese I p. XXII. 

rt ) Burney Catal. p. 60 und 223, Cod. lat. Monac. '209. Bandini II, 
229 und sonst häufig. Verszahl Vergils Bandini II, 309. 

4 ) Keifferscheid in den SB. der Wiener Academie LXIII, 730. 
LXVII, 533. 

5 ) Catonis philosophi liber ed. Ilauthal p. V. VI. 



134 Formen der Bücher und Urkunden. 

Unterschrift Explkit, deren zuerst Hieronymus ad Marcellam 
gedenkt: Solemus completis opusculis ad distinetionem ret alte- 
rius sequmtis med ium interponere JExplicit aut feliciter auf 
aliud eiusmodi. 

Der Titel der Schrift steht nur am Schlufs, was bei den 
herculanensischen Rollen sehr bedauerlich ist; nur bei einer 
ist er auch äufserlich auf die Rückseite geschrieben. Bei diesen 
Rollen fehlen nämlich die indices, griechisch öilXvßoQ, jnrrd- 
xiov, welche an dem einen Ende der geschlossenen Rolle an- 
gebracht, sogleich den Inhalt erkennen liefsen, wenn die Rol- 
len in ihren Gestellen lagen, wie man das auf herculanensi- 
schen Gemälden sieht. Die Abbildung einer solchen Biblio- 
thek, in lapide exciso repertam, geben Brower und Masen in 
den Antt. Trev. p. 105, und danach Schwarz de ornam. Tab. II. 
Ueber die Schicksale dieses Steines habe ich nichts in Er- 
fahrung bringen können; es scheint kaum, dafs er noch vor- 
handen ist. 

Wie die kaiserlichen Rescripte, so hatten auch Eingaben 
und Bittschriften dieselbe Form; man sieht sie auf den Bil- 
dern zur Notitia Dignitatum ed. Boecking. Zusammengebun- 
dene Bündel solcher Rollen haben der Primicerius . notariorum 
I, 49. II, 60, und der Quaestor II, 45 und I, 40, wo die Be- 
zeichnung Preces dazu zu gehören scheint. Der Magister scri- 
niorum I, 49. II, 60 hat daneben Codices und tabellas. Die 
Correctores I, 115. 116. haben viele Rechnungsbücher, und 
jeder Dax I, 74 ff. II, 74 ff. einen Über mandatorum mit 
einem Streifen voll tironischer Noten an der Seite. 1 ) 

Eine gröfsere Holle ist nur dann bequem zu Lesen, wenn 
die Schrift in Columnen vertheilt ist; doch findet sieb diese 
Sitte mir im Altert liiim. Anders \erlnelt es sieh natürlich, 
wenn Briefe oder Urkunden von kürzerem Inhalt auf ein Leicht 
übersichtliches Stück Papyrus zu schreiben waren; da Bchrieb 
man einlach il^y kürzeren Seite parallel, wie in A.egypten noch 



') Eine dieser Tafeln in Farben, doch nach einer neueren Oopie, 
bei Libri, Mon. inädits p] 54, vgl Catal. de La partie reserräe de La 
Coli Libri p 70. 



Rollen. 135 

erhaltene Briefe zeigen. Caesar zuerst ging in seinen Briefen 
an den Senat von dieser Form ab und schrieb die sorgfältig 
ausgearbeiteten Schriftstücke in Buchform. 1 ) Rasch aufgenom- 
mene Protocolle liefsen sich auch nicht gut in paginas ein- 
zwängen, und bei Instrumenten, welche zu unterschreiben 
waren, mochte die Rücksicht hinzukommen, dafs der ganze 
Inhalt dem Blick frei vorliegen mufste. Thatsache ist, dafs die 
Sitte, in Colunmen zu schreiben, in der Uebergangszeit abkam, 
und schon unter den Ravennater Urkunden auf Papyrus sind 
solche, in welchen die Zeilen zu gröfster Unbequemlichkeit des 
Lesers über die ganze Länge ohne Unterbrechung gehen. 2 ) 
Später schrieb man in der Regel der kürzeren Seite parallel 
(transversa charta), doch sind einige päbstliche Bullen in ent- 
gegengesetzter Richtung geschrieben. 3 ) 

Der Länge nach ohne Unterbrechung geschrieben sind die 
xovxaxta, liturgischen Inhalts, so genannt nach den an beiden 
Enden befestigten Stäbchen. 4 ) Sonst aber schrieb man den 
kurzen Seiten parallel, und nähte, wenn das Pergament nicht 
ausreichte, immer eine Haut an die andere. 

Eine merkwürdige griechische Rolle der vaticanischen Bi- 
bliothek (Pal. 405) von etwa 1 Fufs Breite und 32 Fufs Länge 
(doch fehlt der Anfang) enthält eine bildliche Darstellung der 
Kriege Josua's, nach guten älteren Compositionen mangelhaft 



*) Sueton. Caes. c. 56: „Epistolae quoque eius ad Senatum extant, 
quas primum videtur ad paginas et formam memorialis libelli conver- 
tisse, cum antea consules et duces nonnisi transversa charta scriptas 
mitterent." 

2 ) s. Marini, I Papiri diplomatici p. 362. 

3 ) Bei Tardif, Monuments hist. sind 2 Bullen der Länge nach ge- 
schrieben. Die gewöhnliche Form hat auch das Privileg des B. Lande- 
ricus von Paris f. St. Denis v. 652, eine sehr lange Pap.-Rolle mit vielen 
Unterschriften, pl. X. Eine Bulle Benedicts III hat 21 Fufs Länge auf 
2 Fufs Breite. 

4 ) Montfaucon, Pal. Gr. p. 34. Von der fast 16 Fufs langen Litur- 
gie des h. Basilius im Escorial, saec. XIII. sagt Miller, Catalogue des 
Manuscrits Grecs (Paris 1848) p. 409 nicht, wie sie geschrieben ist. Der 
Name bezeichnet später einfach kirchliche Hymnen, ohne Bücksicht auf 
die Form der Handschrift. 



136 Formen der Bücher und Urkunden. 

ausgeführt, mit erklärenden Beischriften in noch leidlich reiner 
Uncialschrift. Seroux d'Agincourt, welcher (V. pl. 28 — 30) ein 
verkleinertes Abbild der ganzen Rolle und einzelne Bilder 
gröfser mittheilt, setzt sie ins 7. oder 8. Jahrhundert. 

Vorzüglich Unteritalien eigen sind die Exultet, von 
denen eines auf 10 Zoll Breite 20 Fufs Länge hat. In der 
Ostervigilie las der Diaconus daraus den Text, während auf 
dem aufgerollten und über dem Pult hangenden Theil das Volk 
die Bilder sah, welche deshalb gegen die Schrift umgekehrt 
gestellt sind. Eine Rolle der Art mit langobardischer Schrift 
des 11. Jahrhunderts enthält die Namen der Fürsten Paldolf 
und Landolf, und Fürbitten für das Wohl famuli tui Roffridi 
comestabuli consulumque nostrorum et lotius militiae Beneven- 
l<i)i(t<', welche nach Borgia auf das Jahr 1077 weisen. 1 ) Ein 
Exultet im Monte Cassino ist vom Diaconus Bonifacius unter 
Paschalis II für die Benedictiner in Sorrent geschrieben. 2 ) 

Die Frankfurter Stadtbibliothek bewahrt eine Litanei 
mit Fürbitten für König Ludwig den Deutschen und seine Ge- 
mahlin Hemma, von ähnlicher Gröfse. Der Rand ist zierlich 
geschmückt, Gold und Silber in der Schrift vielfach verwandt, 
Mit vorzüglich grofsen Goldbuchstaben ist der Name des h. 
Nazarius geschrieben, was uns Lorsch als die Heimath dieser 
Rolle erkennen läfst. 3 ) 

In Rollenforni waren zuweilen die Nekrologien; so in 
Saint-Evroul der rotulus longissimus mit den Namen der Brü- 
dei und ihrer Angehörigen, welcher immer am Altare ver- 
wahrt wurde; am Tage des anniversarium generale aber uo- 
lumen mortuorum super altare dissolutum palam expafbäüur. 4 ") 
Vorzüglich wurde in Bolcber Form einmal im Jahr oder nach 
einem bedeutenden Todesfall den verbrüderten Kirchen durch 



') Seroui d'Agincourl V pl .">."> 54. £us anderen derselben Zeit 
und Gegend i>l 56 56 targl. auch Pert*' Ar« hi\ XII, 880 

Bc chrieben von CaraYita l. 308- :5<»s. Vgl, Perta' Archiv 

XII. 51 l 

\m Iii\ t 111 .1 (.i-cli II. 216. 

') Ordericue \ iuli^ II. L00 vgl Il'ü cd. Lc Prevost. 



Rollen. 137 

eigene rotidarii, rolligeri Mittheilung gemacht, 1 ) worauf mit der 
Angabe der eigenen Verstorbenen auch allerlei poetische Er- 
güsse erfolgten. Dann reichte, wie bei der Aebtissin Mathilde 
von Caen (f c. 1110) eine Rolle von 17 Ellen, und bei Vita- 
lis, dem Stifter von Savigny (f 1122), 15 zusammengenähte 
Blätter nicht aus, und auch die Rückseite wurde beschrieben. 2 ) 
Dieser ganze Gebrauch ist sehr eingehend dargestellt worden 
von Leop. Delisle in seiner Abhandlung: Des Monuments 
paleographiques concernant Vusage de prier pour les morts. 3 ) 
Derselbe hat 20 Jahre später an 100 theils in Abschrift, theils 
im Original oder in Bruchstücken desselben erhaltene Rollen 
der Art herausgegeben. 4 ) 

In Deutschland war dieselbe Sitte. Aus Seligenstadt hat 
sich eine Liste der verbrüderten Klöster aus dem 12. Jahrh. 
erhalten, mit Angabe der Messen, welche zu feiern sind, cum 
quis obierit nobisque per scripta denunciatum fuerit. 5 ) Abt 
Hermann II von Brauweiler schickte 1397 rotidam ad diver sa 
monasteria ordinis nostri pro inscribendis nominibus fratrum 
defunctorum atque sororum. Der Bote hiefs rotularius. 6 ) Er- 
halten hat sich eine Anzahl solcher Rollen von baierischen 
Klöstern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in der Einrichtung 
jenen französischen ganz ähnlich; 7 ) ferner eine sehr lange Rolle 
aus dem 15. Jahrhundert, ebenfalls aus einem baierischen Kloster 



*) Vorschriften darüber in den Hirschaiier Constitutionen des Abts 
Wilhelm, s. Ad. Helmsdörfer, Forschungen zur Gesch. des Abts Wilhelm 
von Hirschau (Gott. 1874) S. 100. Andere Benennungen der Boten bei 
Rockinger S. 61. 

2 ) Probe daraus im Musee des Archives S. 86 mit vielen Schnör- 
keln, selbst scherzhaften Initialen der Tituli, d. h. der Pfarrkirchen, 
denen die Rolle gebracht war. 

3 ) Bibl. de l'Ücole des Chartes. 2. Serie, III, 361— 412, a. 1846. 

4 ) Rouleaux des Morts du IX. au XV. siecle, recueillis et publies 
pour la Societe de l'histoire de France, Paris 1866, 8. In Corbie hatte 
man diese Hollen später zun) Einbinden der Bücher benutzt, wodurch 
viele Fragmente erhalten sind. 

5 ) Forschungen z. Deutschen Gesch. XIV, 613. 

6 ) Eckertz, Fontes rernm Rhenanarnm II, 243. 

7 ) Rockinger, zum baier. Schriftwesen S. (il— 64. 



138 Formen der Bücher und Urkunden. 

stammend, im Archiv von S. Peter in Salzburg, wie mir Herr 
P. Willibald Hanthaler freundlichst mitgetheilt hat. Die An- 
zeigen geschehen jetzt durch Briefe, heissen aber noch immer 
Botteln. 

Rollen mit Abbildungen wurden beim Vorzeigen der Heilig- 
thümer benutzt, wie sich dergleichen im Miinchener National- 
museum befinden. Verwandter Art war die Rolle in der Bi- 
bliothek der Herzogs Carl von Orleans: La Vie de Nostrc 
Barne, toute his&oriee, en un roule de parchemin, Gowoert de 
drap '/""/■. en frangais. 1 ) In der Bibliothek des Herzogs Jean 
de Berry war wne hible abrevlee en un graut role, richement 
historiee ei enluminee, und zwei mappemondes auf Pergamcnt- 
rollen in Futteralen. 2 ) Und in Sanct Gallen eine Rolle von 
13 Fufs Länge mit der Beschreibung von Rom und der An- 
gabe der dort zu gewinnenden Indulgenzen aus dem 14. Jahr- 
hundert. 3 ) 

Auch Chroniken kommen in dieser Form vor. So die 
Chronik von Novalese aus dem 11. Jahrhundert, eine Palme 
breit, 11 Meter laug. 4 ) 28 Pergamentstücke sind übrig; die 
eine Seite ist ganz, die andere halb beschriebene Aus dersel- 
ben Zeit ist der Elotulus bistoricus von Benedictbeuern, 8 Fufs 
lang. 10 Zoll breit; auf der Rückseite stehen die Nomina bone- 
Eaotorum und spätere Notizen. 5 ) Beide sind unvollständig, 
weil die Nähte sich gelöst haben und einzelne Stücke ver- 
loren sind. Vorzüglich aber wählte man diese Form für Bilder- 
chroniken, welche vielleicht zum Aufhängen an der Wand und 
t'i'n- den Unterricht bestimmt waren. Eine enorm lange Rolle 
ans England, welche auf der einen Seile eine Chronik bis auf 
Eidward II. auf der anderen eine kürzere bis ZU Christi Tod 
enthält, hat der Besitzer, Berr Joseph Mayer in Liverpool, 
ganz facsimüieren lassen. 



>, Bibl. de lUfcole dei Ohartea v. 76. 

Eurer de Beaurotr, La Librairie <!<• Jean duc de Berry Paris 
1860 B. IT u :»7 

I od L098 8cherrer, Veneichnifc <i<t Btiftebibl. s. 406. 
•) ed Bethmann, afoo Gern 98 \ U, 73. 
l ii, i\. 210 Vgl Rockinger, Zum baier. Schriftwesen 8. 56. 



Rollen. 139 

Andere bewahrt die Pariser Bibliothek. 1 ) Eine sehr lange 
Rolle der Art ist auf der Jenenser Bibliothek, jetzt in ein- 
zelne Stücke aufgelöst. Auch sie ist auf beiden Seiten be- 
schrieben und bemalt: man möchte glauben, dass sie abwech- 
selnd in verschiedener Lage an der Wand aufgehängt wurde, 
da eigentliches Lesen in dieser Form überaus unbequem ist. 

Häufig sind Gedichte so geschrieben, welche bei geringem 
Umfange so am bequemsten zu verwahren sind. So sagt schon 
Notker in der Vorrede zu seinen Sequenzen: Quos versiciäos 
cum magistro meo Marcello praesentarem, ille g audio repletus 
in rotulas eos congessit, et pueris cantandos aliis dlios insi- 
nuavit. Da haben wir also schon die Rollenvertheilung, und 
sehen deutlich, wie der Ausdruck einer Rolle im Schauspiel 
entstanden ist. 

Von dem Carmen de Timone comite et de miraculo fontis 
hören wir, dafs es im 12. Jahrb. in Weihenstephan aus einer 
Rolle abgeschrieben war: in rotula scilicet antiquitus composita, 
unde haec sunt transcripta. 2 ) Es ist also der Wirklichkeit 
entsprechend, wenn wir in dem Atlas zu v. d. Hagen's Minne- 
singern, Tafel 8. 8a. 9. 21. 41, und ebenso in der Weingartner 
Handschrift (s. S. XII und viele Bilder) Rollen abgebildet fin- 
den. 3 ) Ein englisches Gedicht über das übermäfsige Gefolge 
der Grofsen beginnt: 

Of ribaudz y ryme 
Ant rede o mi rolle 

und aus einer solchen Rolle hat Th. Wright den bald nach 
1263 geschriebenen franz. Song of the Barons abgedruckt. Die 
Rolle ist im Original erhalten, 22 Zoll lang und 3 breit; auf 
die Rückseite ist später das Interludium de clerico et puella 
geschrieben. Kino Rolle saec. XV. im Trinity College, Cam- 
bridge, enthält religiöse Gesänge mit Noten; eine andere saec 



*) Camus, Trois Rouloaux du 15. siecle, in Notices et Extraits V, 
147 — 154. Mus(:o des Ardiives p. 244. 

l ) Pez, Thes. I. Diss. isagog. p. XXVI. Deutschi. Geschichts- 
quellen I, 215. 

- 1 ) Vgl. Lassberg, Liedersaal I, Vorrede S. 20. 



140 Formen der Bücher und Urkunden. 

XIII. (Sloane MS. 809) eine anglonormannische Romanze, be- 
stimmt zum Unterricht der Kinder und für den Schul- 
gebrauch. x ) 

Ein mittelalterlicher Scholiast des Iuvenal erklärt Sirma, 
id est rotulum in quo scripta est fdbula sacra de Thieste, 2 ) 
und das Frankfurter Passionsspiel ist wirklich im 15. Jahrb. 
auf 8 zusammengeleimten Häuten geschrieben, 8 Zoll breit 
und 8 Ellen lang. 3 ) 

Eine ungewöhnliche Erscheinung ist die Expositio Terencii 
in magno rotulo im Catalog der Bibliothek, wie es scheint, 
von Saint-Maur-des-Fosses, um das Jahr 1200. 4 ) 

Dagegen begreift man leicht, dafs es den Herolden be- 
quemer war, eine Wappenrolle, wie die Züricher aus dem 
14. Jahrhundert, mit sich zu führen, als ein Buch. 5 ) 

Sehr häufig sind Urkunden in dieser Form, aber mit 
Ausnahme der päbstlichen Bullen älterer Zeit, so lange man 
sie noch auf Papyrus schrieb, meistens nur unbesiegelte, Nota- 
riats-Instrumente, wie sie namentlich in Italien Beit alter Zeit 
üblich wiiicn und von da in andere Länder sieh verbreiteten. 
Die Siegel waren 1><m der Rollenfonn unbequem, doch kenn inen 
auch besiegelt«' yor. 6 ) Unter den Notariats -Instrumenten sind 
[nventarien bis zu hundert Fufs Länge. Die päpstlichen Ge- 
sandten, welche 1320 in den Streitigkeiten zwischen Polen und 
dem deutschen Orden Verhöre anstellten. Liefsen den ganzes 
Proceijg in zwei Exemplaren auf 17 Ellen langen und 9 Zoll 



'i 8. Tic Wright, Political Songa of England (1839 p. XI, 50. 
237 

-) Eccl (ölen. Codd. i». 117. 

■ ! ) Fichard's Frankfurter Archiv III. 134. 

•♦) Jahrbücher für class. Philologie \< \ n. 67. 

Auszug durch \ Wyfa in «Ich Mittheilungen der antiquarischen 
llachaft in Zürich, vi. dann vollständige Ausgabe L860. 

B piele l»»-i Etockinger 8 59 61. Lupi, Manuale <li Paleo- 
grafia delle carte Firenze l s 7."> . ein Buch, welches mir ersl während 
■ i' Druckes zugekommen Ist, erwähnt aui S. 68 arabische Documente 
mit Rollen von Baumwollenpapier, und «'in sehr Langes griechisches l>i- 
plom dei Kai ei I uu Angelas von L192 in dieser Form, ohne jedoch 
eine genauere Beschreibung davon zu geben 



Rollen. 141 

breiten Rollen verzeichnen, deren Unbequemlichkeit nur der 
vollkommen würdigen kann, welcher sie abgeschrieben oder 
collationiert hat; eine einzelne Stelle darin zu suchen, kann 
zur Verzweiflung bringen. 1 ) Erhalten hat sich ein aus 6 Stücken 
bestehender Rest des Protocolls, welches Jacob von Velletri 
1250 in Krakau über die Wunder des h. Stanislaus aufnahm. 2 ) 
Ein Actenstück von 1283 aus dem Streit der Pariser Univer- 
sität mit ihrem Kanzler hat 13 Fufs Länge, 3 ) der Prozefs der 
Templer aber an 23 Meter. Der Prozefs der Stadt Lübeck 
mit dem Bischof Burcharcl von Serken in den Jahren 1276 bis 
1317 füllt mehrere Rollen, welche überall bei der Zusammen- 
setzung der einzelnen Stücke mit Notariatszeichen versehen 
sind; die längste hat 40 Ellen Länge auf 12 Zoll Breite. 4 ) 

Im Gegensatz zu den litterae patentes liefsen solche Rol- 
len sich besser geheim- halten. Man nahm sie deshalb gern 
zu Testamenten, welche mit einem Faden umwickelt und ver- 
siegelt wurden. So bewahrt z. B. die Rathskanzlei in Lübeck 
eine grofse Menge solcher Testamente, welche als Duplicate de- 
poniert wurden und seit dem 14. Jahrhundert uneröffnet da- 
liegen. Sie sehen aus wie kleine Stöcke, und nehmen wenig 
Raum ein. 

Zu unterscheiden ist hiervon das Rollen gewöhnlicher be- 
siegelter Urkunden zur Aufbewahrung, was besonders in Eng- 
land die Regel war, aber auch sonst hin und wieder vor- 
kommt. Dahin gehören z. B. die Bouleaux de Cluny, beglau- 
bigte Abschriften der Privilegien der römischen Kirche, welche 



') Im Königsberger Prov. Archiv. Herausgegeben vom Grafen 
Dzialinski im 4. Bande der: Lites ac Res gestae inter Polonos Ordi- 
nemque Cruciferorum. 

2 ) Zcifsbcrg, Die poln. Geschichtschreibung S. 85. 

:; ) Processus factus contra Cancellarium, sive responsiones Universi- 
tatis Parisiensis et facultatis artistarum ad ea qua<t>(' J;.,<'in mVius. Pari- 
siensis opposuerat. Bibl. de l'ßcole des Chartes V, si</2GG aus Jounulir 
Index chronologicus chartarum pertinentium ad h.'ifso'i.am Universität 
Parisiensis, 18(12. 

4 ) Zeitschrift des Vereins f. Lüb. Gesch. III, 358. Einige ± ''spiele 
aus dem Münchener Archive beschreibt Rockinger, Zum baier. /» rift- 
ii S. 58. 



142 Formen der Bücher und Urkunden. 

Lmocenz IV auf dem Coucil zu Lyon machen liefs, und von 
denen sich ein Stück erhalten hat. 1 ) 

Man machte auch Abschriften von Urkunden in Rollen- 
ibrra; so war im Kloster Polling eine grofse Rolle mit Urkun- 
den, aus dem 12. Jahrhundert 2 ) Besonders merkwürdig ist 
eine Rolle mit Sanctgaller Urkunden aus dem alten Reichs- 
archiv, wo sie als Muster diente: Ista est fundacio monasterii 
S. Galli, et secundum eam quasi omnes UUere dirigwUur.*) 
Beglaubigt war eine solche Abschrift der Privilegien von Brau- 
weiler; das Kloster führte 1518 einen Prozefs in Trier, ut ex 
actis hi c/sta conventuali mclusis patet. In quibus fere conti- 
nentur omnia privilegia nostra per moduan rotuli trans- 
sumpta*) 

Man bildete auch Acten, indem man immer erhaltene 
Briefe, Concepte der Antworten, und was sonst vorkam, zu 
einer langen Rolle an einander nähte, so z. B. in Mainz und 
Hagenau. 5 ) 

Auch nichturkundliche Aufzeichnungen haben solche Form. 
Güterverzeichnisse, Zinsroteln. So schon der bekannte Salz- 
burger Indiculus Arnonis von 788, freilich nur in einer Ab- 
schrift des 12. Jahrhunderts erhalten. 6 ) Eine ganze Reihe 
solcher Documente hat Rockinger S. 57 beschrieben. Die Auf- 
bewahrung in einer Kapsel, während ein Stäbchen am Ende 
die Aufwickelung erleichterte, machte sie weniger unbequem. 
Die Aachener Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts sind auf 
langen Rollen von Pergament und Papier geschrieben. 7 ) Die 



') lluillard- Bräholles, Examen des ('hartes de L'Eglise Romaine, 
contenuea dana Lea rouleaux dita Rouleaux de Cluny (Notices et Extraita 
XXI, 2 L866 

2 ) ): ." -/. Tj,ea Diaa p XIX. 

;i ) Ficker .• [Jeberreste dea deutschen Reichs -Archive zu l'isa 

\ M'l 

26 SB .1 v.- 1 - .. • Aka.l XIV 

_\" II'. 

4 ) Ecker . • untes rerum Rhenanarum II. 823. 

> Zeitachriff t Gesch. des Oberrheins XXIV. L80. 217. 
• ' ' '' 

[ndiculue Arnonia u. Brevea notitiae Salzburgenses, ron Fr. Kein/, 

Manchen L869 

■) Laurent, lachener Stadtrechnungen, 1865. Der Eierausgeber 



Rollen. 143 

Hagenauer verzeichneten 1359 den Verlauf ihrer Fehde mit 
den Lichtenbergern auf einer sehr langen Rolle von Papier. 1 ) 
Das Kloster Camp verzeichnete erlittenen Kriegsschaden in 
quodam longo rotido per notarium publicum de istis eventibus 
eonscripto 1363. legat qui voluerit. Et prefatus rotulus habet 
in longitudine 18 ulnas cum dimidia, et in latitudine quasi 
unam ulnam mensure Coloniensis. 2 ) 

Eine Thorner Rolle von 1377 über Strandungsfälle be- 
schreibt Homeyer, Haus- und Hofmarken S. 268, und eine ähn- 
liche Lübecker ib. S. 272. Von dem 1373 aufgenommenen 
Inventar der Bibliothek im Louvre wurde eine Abschrift auf 
einer Rolle (roule) gemacht, die aus 100 an einander genähten 
Pergamentblättern besteht, jedes von reichlich zwei Fufs Länge 
und zehn Zoll Breite. 3 ) 

Dergleichen Beispiele liefsen sich leicht vermehren, da alle 
bedeutenderen Archive Rollen zu besitzen pflegen. Die Ver- 
breitung des Gebrauches zeigen auch Ausdrücke wie inrotulare, 
enröler, Musterrolle, Zunftrolle u. s. w. Nur sind auch diese 
Ausdrücke übertragen, und Ingulf z. B. nennt auch das Domes- 
day Book rotulus, obgleich es keine Rolle ist. 

Dagegen wurden in England alle königlichen Erlasse auf 
eine lange Pergamentrolle geschrieben, und an allem alterthüm- 
lichen Herkommen festhaltend thut man es noch jetzt. Eine 
Rolle König Johann's und der Königin Victoria sehen ganz 
ähnlich aus; nur die Schrift hat sich verändert, doch braucht 
man auch jetzt noch die alte French court hand, welche nicht 
leicht zu lesen ist. Der Archivar aber heifst von den Rollen, 
welche das Archiv bilden, Master of the rolls, Magister rotu- 
lorum; unter ihm steht der custos rotulorum. 



dieses übrigens verdienstlichen und dankenswerthen Buches schwelgt 
förmlich in der Anwendung des falsch gelesenen quum statt quando. 

') Mone in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins V, 170 ff. 
Das Original ist auf der Heidelberger Bibliothek, wo sich auch eine sehr 
lange Pergamentrolle befindet mit dem Verzeichnifs derjenigen, für 
welche vom Tal^t Bonifaz IX Beneficien erbeten wurden. 

2 ) Eckertz, Fontes rerum Ilhenanarum II, 369. 

8 ) Inventaire des livres de l'ancienne Bibl. du Louvre p ar Gilles 
Mallet (1836 par .1. van Praet) p. XXXI. 



144 Formen der Bücher und Urkunden. 

Um die Richtigkeit eines rotulus zu sichern, wurde ein 
contra rot itlus geführt, wovon das Wort controle stammt. 

2. Bücher. 

Die Form unserer Bücher kommt zuerst vor hei den 
Wachstafeln, tabulae, mit Rechnungen, welche zusammengelegt, 
auch wohl zusammengebunden, im tabulariwm, tablinum ver-' 
wahrt wurden. Man nannte das einen codex. So sagt Seneca 
de br. vit. 13: plurmm tabularum contextus caudex apud an- 
tiquos vocabatur, unde publicae tabulae Codices dicuntur. 
Solche Codices sieht man in der Notitia dignitatum I, 115. 11(3. 
II, 59. 60. Vgl. auch das oben S. 70 angeführte Relief. 
Ebenso sieht auch das Buch aus, welches im Salzburger Anti- 
phonar Christus als Weltrichter trägt. 1 ) 

Dafs auch Papyrus in Buchform vorkommt, wurde schon 
oben S. 86 erwähnt; aber dieser Stoff war dazu wenig ge- 
eignet. In der Regel wurde er gerollt, Pergament aber ge- 
faltet. 2 ) Maitial XIV, 184 ff. giebt Beispiele, und hebt vor- 
züglich hervor, dafs diese Bücher so viel in kleinem Umfang 
enthielten, Greraud schliefst aus diesen Epigrammen wohl nicht 
mit Unrecht, dafs es ein damals in Rom aufkommender Luxus- 
artikel war; in llerculaneum haben sich keine gefunden. Zur 
Verzierung mit Gold und Farben, zur Ausstattung mit Bildern 
eigneten diese Handschriften sich besser, und die ans erhalte- 
nen Proben rühren grofsentheils von Prachthandschriften her. 

In der Regel üafste ein Pergamentband weil mehr als eine 
Holle weshalb [sidor Origg. VI, 13, 1 sagt: Codex rmdtorum 
librorwm est, Über tmius volwminis. 

[Jlpian Digg XXXII, 50 sagt: Sed perscripti Ubri nondum 
malleati vel ornati continebuntur (libris legatis). proinde et 
nondum conglutinati vel emendati continebuntur. Sed ei memr 
brande nondum consutae continebuntur. Da scheint er im ersten 
Fall Papyrusrollen im Sinn.' zu haben, von denen man dann 



') Mini, der Centralcommisflion \iv L869 Tafel 21. 
i i eber die Pergamenthandschriften der Alien handeln Ge'raud 
B 125 ti n tfarquardt, Römische Privatalterthümer II. 397 403. 



i 



Bücher. 145 

annehmen müfste, clafs sie in einzelnen Stücken geschrieben 
und erst nachträglich zusammengeleimt wurden, was bei der 
Länge der Rollen auch wahrscheinlich ist. Im zweiten Fall 
kann man wohl nur an Membranen denken, welche zu einer 
Rolle zusammengenäht wurden, und ganz entschieden erwähnt 
Ulpian Digg. XXXII, 52 sowohl Rollen von Pergament als auch 
Bücher von Papyrus: Libronim appellaiione continentur omnia 
Volumina, sive in Charta sive in Membrana sint, sive in quavis 
alia materia. . . . Quod si in codicibus sint membraneis vel 
chartaceis vel etiam eboreis vel alterius materiae, vel in ceratis 
codieillis, an debeant videamus. 

Der Ausdruck Über, schon früh von ganz allgemeiner Be- 
deutung, bezeichnete ursprünglich wohl nur Rollen. Griechi- 
sche Benennungen für Bücher sind ßißlog, ßtßttov , ßißXaQtov, 
dtXrog, rsvxog, auch jtvxriov, jtvxrlg, Jtrvxxtov. In den Acten 
der Syn. Constantinopol. III. a. 680 kommt xcoöixcov vor. In 
dem alten Catalog der Sanctgaller Bibliothek ist beim Aethicus 
am Rande bemerkt: pittaeiolum inutile. 

Der Ausdruck panfletus in Richardi de Bury Philobiblion 
c. 8, engl. pampMet, wird vom span. papeleta, ein Stück Papier, 
abgeleitet. 

Man faltete mehrere Blätter zu einer Lage, am häufigsten 
vier. Eine solche Lage hiefs rtrQag, rtrQaöiov. Ein merk- 
würdiges Mifs verstand nifs des gelehrten Reiske hat Brunet de 
Presle nachgewiesen in den Comptes rendus de PAcademie von 
1867 S. 197. Er las nämlich bei Constant. Porphyrog. de 
Caerimoniis aulae I, 668: tjyzzi dg rovg aQjpvxag rov tstqü- 
dlov, und erklärt dieses tstqüöiop als einen Wachtposten von 
vici Mann, was es allerdings auch bedeuten kann. Es steht 

T r / 
aber da: ^r/ ttg üq tov ddlov, und ist zu lesen: ^tftsi sig rr t v 

( k r //l v r °v TETQatitov. Man soll am Anfang der Lage nach- 
sehen. 

Der lateinische Ausdruck qaaternio kommt zuerst, doch 
nicht ganz sicher, vor in Diocletian's Edict de pretiis rerum 
venalium von 301 (oben S. 102). Eine Glosse zum Priscian 
sagt ganz richtig: quaternio dieitur ubi sunt quattuor diplo- 

\\ ;i 1 .le ii I) ;i <■ h , Srlnitt u i-cii. '. . Anl'l. 10 



[46 Formen der Bücher und Urkunden. 

mala, wo also diploma das gefaltete Blatt ist. 1 ) Cassiodor 
erwähnt Bibelhandschriften von 90. 95 Quaternionen. 2 ) Alcuin 
braucht das "Wort als feminini generis. 8 ) Später sagte man auch 
quaternus, franz. eaterne, quayer, cahier, 4 ) Alexander Neckam 
sagt vom Schreiber: Assit ei quaternus (quaer), non dico 
quaternio (ductor militum) qui aliquantam partem exercüus 
designat. 6 ) Englisch ist es zu quire entstellt, was jetzt ein 
Buch Papier bedeutet, aber in quires heifst ein nicht gebun- 
denes Buch. In dem Glossar des Jo. de Janua wird aus Hu- 
gutio angeführt: Quaternus quatuor quarte (at. ckarte) sed (eil. 
scilicet ) octo folia saut. 

Unerklärt ist All'ric's angelsächsische Glosse quaternio 
. ,J ) Der Ausdruck nimmt aber auch eine weitere Bedeu- 
tung an. wie es in dem alten Orosius Med. Laur. heifst: Iste 
quaternio quinque folia habet, 7 ) Genau bezeichnet ist im Cod. 
Col. CC des Priscian Baec X der halbe Quatern am Schlufs 
als . xvii . Semis, aber in einer anderen Handschrift saec. IX 
werden halbe Quaternionen als quaterniones minores bezeichnet, 
und auf einem Hefte von fünf Blättern, dem Brief des Erz- 
bischof Gunthar, steht: Istum quaternionem exemplari facite 
in aliis quaternionibus quam pluribus.*) 

Später bedeutet Quatern, wie cahier, ein Heft, ohne alle 
ßeziehung auf die Zahl der Blätter. So spricht Friedrich II 
Constitt. Sic. I. 49 de magnis feudis que in quaternionibus do- 
hane nostre baronum inveniuntur inscripta, und diese hieisen 
davon Ltal. feudi quademati. Von Quaternen der Landtafel 
ist in Mähren and sonst oft die Rede; ein ähnlicher Gebrauch 



l ) Eccl. Colon. Codd. (1874) p. L55. 
\ < I Franz, ( aas. Senator s. 60 
Bibl. Herum Genn. VI. 648, ep. l ll 
') Vielleicht dasselbe Lsl vmwm quarteriwn <i> muUis fadens narra- 
em in einem [nventar tod L372, Bibl. de i^cole des Charte* III, 1, 122. 
Wright, Vocabulariefl s L16. Diese Behauptung findet sich auch 
l'1" hie quaU i im- a <i'i<ii> 

:,:. Vocabulariefl B. 16, auch 76. v '-' 
. Bandini II. 3 
> Eccl I olon Oodid. p. 17 



Bücher. 147 

findet sich im Ordinarius der Stadt Braunschweig, im sechsten 
Buch, S. 181 Art. 138: x ) „Yan eyner qitaternen to scryvende 
van dene, den de rad tynsplichtich is van schote. Vortmer 
des dinxedaghes edder des myddewekenes darna, alse in der 
Oldenstad gheschotet is, so schal de rad scryven laten eyne 
quaternen: darinne stan alle dejenne, den de rad tyns gifft 
van deme schote, unde wu vell eyn jowelk hebben schal na 
utwysinghe der register, dat sy lyfftucht edder weddeschat." 

Die berühmten Bibelhandschriften Cod. Vat. 1209 und das 
Buch Daniel Cod. Vat. 2125 sind nach Tischendorf in Quin- 
tern en geschrieben; auch der Terentius Vat. 3226. 2 ) So auch 
die Vorlage des Schreibers, welcher am Rande bemerkte: Iv- 
Ttv&zv 7.ujzu jtbvxdöta tsööccqci. 3 ) Später werden Sexternen 
sehr gebräuchlich. 

Die einzelnen Lagen werden oben oder unten, vorn oder 
hinten gezählt, mit Zahlen oder Buchstaben, häufig mit Bei- 
fügung eines Q, und später auch ausgeschrieben Quaternus, 
Sextemiis. Phantastische Verzierungen treten manchmal hinzu. 
Im Cod. Colon. 166 saec. VII sind die Quaternionen am Schlufs 
mit ({ I u. s. w. bezeichnet, aber noch älter scheinen willkür- 
liche Zeichen ohne Zahl, welche übereinstimmend am Ende der 
einen und am Anfang der folgenden Lage stehen. Reuchlins 
griechischer Codex der Apocalypse ist auf den ersten Seiten 

der Lagen oben in der Mitte mit a ß u. s. f. bezeichnet. Im 
cod. Coislin. 151 Basilicorum saec. XI ist nach Montfaucon 
(I, 216) jedes Blatt unten mit der Buchzahl bezeichnet, ßc a. 
u. s. f. während sonst eine kurze Ueberschrift auf dem oberen 
Rande gewöhnlich ist, und in ganz alten Handschriften nicht 
leicht fehlt. Ein anderer Codex derselben, jetzt Paris gr. 1345, 
der einst dem Georgios Kantakuzenos gehörte, hat nach S. 170 
die Inschrift in der fehlervollen Schreibart des 15. Jahrhun- 
derts: tco jtaQOV ßtßlrjov ior/jr ßccörjX'qxov v6{ii(XOV e%ov öe 
ßißXfja jth't: xu) ya.QXr\a Ix<ct(op TeööaQaxovra ZQrja X(u (///- 



') nach freundlicher Mittheilung des Herrn Dr. Koppmann. 
-) Vorrede von Umpfenbach S. IV — VIII. 
•'') Val. Hose im Hermes II, !»7 

in* 



j 1 8 Formen der Bücher und Urkunden. 

Xäxag. 1 ) Sollte hier das letzte Wort (tpvXaxeq) die Custoden 
bedeuten können, wie wir jetzt die Lagenbezeichnung zu 
nennen pflegen? 

Vom 14. Jahrh. an finden wir auch die einzelnen Blätter 
der Lagen gezählt, 2 ) und kommt auch durchgehende Blatt- 
zählung vor. 

Reclamantes, franz. reclames, nennt man die Worte der 
beginnenden folgenden Seite, welche unten am Schlufs der vor- 
hergehenden Lage wiederholt sind. Ich habe es in einer Hand- 
schrift gesehen, welche noch dem elften Jahrhundert anzuge- 
hören scheint, und im cod. Berol. Lat, fol. 34 aus dem zwölften. 
A. Dove bemerkt es vom Cod. Estensis, der in Reggio um 1285 
geschrieben ist, 3 ) und von da an ist es häufig. 

Ueber das Format der Handschriften ist zu bemerken, 
dal's dem hohen Alterthnm vorzüglich eine breite Quartform 
eigen ist. Der Codex Sinaiticus allein hat vier Columnen, 
ösXlösq, aufgeschlagen also acht, wodurch er dann der Rollen- 
form am nächsten kommt. 4 ) Viele sehr alte Handschriften 
haben drei Columnen. S. Lncian hinterüefs am Ende des dritten 
Jahrhunderts der Kirche zu Nikomedien eine Bibel, ytyocuin'- 
vöv öeXlöi TQiööatg. 5 ) 

Später, im zwölften Jahrhundert, beklagt sich Tzetzes ,; ) 
voll Bitterkeit über die Kargheit des kaiserlichen Zahlmeisters. 
Et hatte Dämlich l'iir die Kaiserin Irene seinen Commentar 
zum Homer geschrieben und dazu rergadlöiua tv>v öfitxQoratcov 
genommen, die nur 288 Zeilen fafsten, also 18 auf der Seit«'. 
Da warf man ihm vor. dafs er die Zahl der gaorai der Be- 
zahlung wegen mehre, und nun: 



') Basilicorum libri LX cd. Öeimbach VI. Kl!). 

So im < "<| Colon. L82 \<m 1:;I7. Vgl. Ek>ckinger io den Sitzungs- 
berichten du- Münchener A.cad, 1874, I. t88 — 11" 

\. Dove, I»i»' Doppelchronib \<>n Reggio 8. 19. 
') Libri in Beinen Auctionscatalog 8. <ü> q. 298 hal Cyprians Briefe 
\ll mit einen By-leaf, das Fragmente eines theol, Manuscripts 

IX in I Columnen enth&ll Sollten 68 nicht zwei Seiten sein? 

i (jfone, Messen B. 162 aus den Menften sra Ocl 16. 
I hiliad. IX. 264; \ 278 297. 



Bücher. 149 

Aaßcop 6t n rerQccöiov fityiörop iyzyQayuv 
Tgutayiöfiolg Iv CTixiöpoTg rsTQccöca cbq ötxa. 

Es scheint, dafs er damit die Schreibart in drei Columnen 
bezeichnen will, augenscheinlich als etwas ungewöhnliches. Man 
fand es recht schön, bezahlte aber schlecht. 

Um in drei oder vier Columnen schreiben zu können, 
mufste man sehr grofses Pergament haben, was kostbar war. 
Deshalb glaube ich auch, dafs es auf diese Schreibart geht, 
wenn Eusebius V. Const. IV, 37 sagt, dafs er dem Kaiser be- 
sorgt habe ev jzoXvreXcoq 7j0XTj(ZßVQig Teveten tqlööcc xal re- 
TQdööd. Die Ausdrücke kommen nur hier vor, und der Ter- 
nionen und Quaternionen zu gedenken war kaum ein Grund 
vorhanden. 

In drei Columnen geschrieben sind die Fragmenta Vati- 
cana von Sallust's Historien, der Cod. Basilicanus von Ciccro's 
Philippiken, in der Sacristei von S. Peter, das Berliner Sallust- 
fragment, der Cod. Ambros. Bob. des Cicero unter Sedulius, 
der Dion Cassius Vaticanus, sowie der Vat. 1209 der Bibel, wo 
jedoch das neue Testament nur zwei Columnen hat, die Mai- 
länder griechische Uncialhandschrift der Bibel 3 ), die von E. 
Ranke entdeckten Fragmente eines Codex der Itala,zu welchen 
die Herren Sickel und Vogel kürzlich noch zwei neue Blätter 
gefunden haben. 2 ) 

Drei Columnen auf sehr weifsem glattem Pergament, ohne 
Linien, hat auch die älteste datierte syrische Handschrift im 
Brit. Museum, in Edessa 723 Seleuc. d. i. 411 oder 412 p. Ch. 
geschrieben, vielleicht die älteste datierte Handschrift. Die in 
Amid era 775 geschriebene Bibel hat 2 Columnen. 

In späterer Zeit, nach dem sechsten Jahrhundert, kommt 
die Dreitheilung nur selten vor 3 ), ausgenommen ganz beson- 



*) Bibl. Ambros. von <•. 700 p. Ch. nach Montfaucon, Diar. Ital. p. 1 1. 

2 ) Die Blätter stammen von einer Weingarter Handschrift, und 
sind in Bücherdeckeln verschiedener Bibliotheken gefunden. Alles ist 
zusammengefafst in Ranke's Werk: Fragmenta Versionis Sacr. ßcriptur. 
Latinae antchieronymianae, Vindob. 1808, 4. Mit drei schönen Schrifttafeln. 

8 ) Nach Rockinger, Quellen ■/.. Bayer. Gesch. IX, 352 sind die 
o Handschriften der Summa Ludolfi dreispaltig in oetav, auch 2 Nibc- 



150 Formen der Bücher und Urkunden. 

clere Falle, wo die Natur des Textes, z. B. die nicht seltene 
Zusammenstellung verschiedener Versionen der Psalmen, eine 
ungewöhnliche Einrichtung nöthig machte. Bischof Salomons 
Psalter hat deshalb sogar 4 Columnen und ebenso der kurzen 
Zeilen wegen die sog. Glossae Salomonis. *) Im Utrechter 
Psalter und im cod. Harl. 603 sind der Bilder wegen 3 Co- 
lumnen. Ein Psalter aus dem 14. Jahrb. in S. Florian hat in 
3 Columnen lateinischen, polnischen und deutschen Text. Zu 
unterscheiden davon ist der Umstand, wenn eine Columne Text 
zw lachen zwei Columnen Commentar steht, was häufig vorkommt. 

Natürlich gab es auch schon in alter Zeit andere Formate; 
namentlich waren die Hexameter für Columnen zu lang, doch 
>in<l auch die alten Virgilhandschriften in quart. Der syrische 
PalimpseSt der Ilias hat 33 Verse auf der Seite. Aehnliche 
Form hat der Wiener Dioskorides, die Florentiner Pandecten 3 
deren Höhe etwas gröfser ist, mit 2 Columnen, der Veroneser 
Livius mit 2 Col. zu 30 Zeilen. Dagegen ist der Wiener Li- 
vius grofs oetav, der Cod. des Fronto wird als fol. bezeichnet, 
hat aber 2 Col. zu nur 24 Zeilen. 

Eine Zusammenstellung aller Handschriften und Fragmente 
in Capital- und Uncialschrift mit genauer Angabe dieser Aeufscr- 
lichkeiten wäre recht nützlich. Die Beachtung derselben ist 
nämlich für die Kritik sehr wichtig und hat zu bedeutenden 
Resultaten geführt, nicht mir zur Ermittelung von Lücken und 
Umstellungen, 2 ) sondern auch zur Schätzung ihres Umfanges. 
\ik1i erkennt man dadurch Fragmente von Handschriften, 
welche häufig durch zufällige Umstünde weit von einander ver- 
schlagen sind, als ursprünglich zusammen gehörend. 3 ) 



lungenhss. nach v. <1. Sagen in den Berichten der Berl. Acad. L852 
B. 162. So auch in der alten Bibl im Louvre nach dem Inventar von 
L373 viele franz. Romane, doch auch eine Chronik s. 7. 

') Rockinger, Zum Baier Schriftwesen, S. 56. Nach Scherrer im 
\ i iv (l Stiftsbibl, s. 321 323 Bind Bie dem Bischof Salomon ohne Grund 
zugeschrieben. 

) im Cod. Eteuchlin. <\<'v Ä.pocalypse Bind versetzte Blätter der 
Vorlage nach einander abgeschrieben. Fr Delitzsch, Handschriftliche 
Funde l. 13. 

I Fragmente desselben Palimpsesl von Lucas bat Detlefsen in 



Bücher. 151 

Schon 680 beschäftigte sich die sechste Synode mit der 
Ermittelung einer Interpolation in den Acten der fünften 
(Mansi XI, 225): svqov tqeiq rsTQaöag slg xi]V aQxrjV xov 
ßißXlov Ix jtQOöd-7]X7]q lnßh^rjvat firj 8%ovc>aq vjtoö?] i U6ico6LV 
aQi^iojTixijV tfjv jtQoq övvrj&eiav lvx^uiiivr\v Iv rede, rs- 
rqaOiv, alt Iv xr\ rexaQTi] rstQccöc eivac rov jzqcotov ccql&iwv 
xcu eig xi]V {ihr avtfjv devreQctv tccci tqItt]V rstQaöa s<p£t-rjg. 
Da aufserdem auch die Buchstaben verschieden befunden wur- 
den, so war in diesem Falle die Entdeckung nicht schwierig; 
häufig aber sind die Custoden, wie man sie jetzt nennt, nicht 
mehr vorhanden, indem sie nicht selten vom Buchbinder weg- 
geschnitten sind. Hauptsächlich aber ist es eine Aufgabe für 
den philologischen Scharfsinn, den verlorenen Urcodex nach 
den jüngeren Abschriften zu reconstruiren. So hat K. Lach- 
mann ganz genau die Gestalt des Urcodex von Lucretius er- 
mittelt und dadurch die Lücken und Transpositionen nach- 
gewiesen. x ) 

Den archetypus des Juvenal hat (loebel in den Sitzungs- 
berichten der Wiener Akademie XXIX, 39 durch Rückschlufs 
aus einem cocl. saec. X zu ermitteln versucht. 

Von besonderer praktischer Wichtigkeit ist für die Kritik 
des Festus der Rückschlufs von den jüngeren Abschriften auf 
die Form der verlorenen Quaternionen, deren Ränder beschädigt 
waren; denn was in diese Stellen fällt, beruht nur auf Resti- 
tution, wie Th. Mommsen nachgewiesen hat. 2 ) 

Eine sehr scharfsinnige Untersuchung dieser Art in Bezug 
auf Tibull I, 4 hat kürzlich F. Ritschi angestellt.^) 



Wien, Neapel und Rom nachgewiesen, Philologus XIII, 313. XV, 526. 
XXVI, 173. 

1 ) Uebersichtlich dargestellt in der Anzeige der Ausgabe im Lit. 
Centralbl. 1850 8p. 193. M. Hertz, Karl Lachmann S. 139 und S. 121 
über die ähnliche Behandlung des Catull. Vgl. auch M. Haupt, De 
carminibus bueolicis Calpurnii et Nemesiani p. 36 über den Cod. Cynegct. 
Nemcsiani. 

2 ) Festi Codicis quaternionem XVI. denuo edidit Th. Mommsen. 
Abh. der Berl. Akademie 1864. 

*) Sitzungsberichte der k. Sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften, 1806. 



1 - 9 Formen der Bücher und Urkunden. 

Doch es würde hier zu weit führen, auf diesen Gegen- 
stand näher einzugehen; nur darauf kam es hier an, hervor- 
zuheben und nachzuweisen, dafs die an sieh unbedeutenden 
Umstände der Zeilenzahl, des Formats u. s. w. für die Kritik 
von Wichtigkeit sind und sorgfältige Beachtung erfordern. 
Durch genaue und scharfsinnige Beobachtung derselben zeich- 
nen sich namentlich auch die Abhandlungen von G. H. Tortz 
aus welche deshalb zum Studium zu empfehlen sind. Derselbe 
hat" auf solche Weise den Umfang der Lücke in dem Epos der 

Roswitha ermittelt. 

Zeichnen sich nun die Handschriften aus den letzten Zeiten 
des römischen Alterthums durch grofse Sauberkeit und Regel- 
mäfeigke« aus, so finden wir später in Bologna und anderen 
italienischen Universitäten eine gesetzlich vorgeschriebene he- 
gelmäfsigkeit, um Betrügereien der Abschreiber vorzubeugen. 
Genaue Angaben darüber giebt Savigny in der Geschichte 
des römischen Rechts im Mittelalter.') Die Einheit, nach 
welcher hier die Preise bestimmt wurden, ist die peeta oder 
■ , „uatemio, \ Sextern, denn auch diese kommen hier häufig 
vor 2 ) Die Pecie hat 10 Columnen, die Columne 02 /eilen. 
die Zeile 32 Buchstaben. Fcdani führen die Aufsicht über 
daa Verleihen und Abschreiben der Manuscripte. Es wird je- 
doch hier so wenig, wie bei der alten Stichometne das Maß 
wfcklicb hnmer eingehalten, sondern die einmalige Normal- 
schrift genügte, indem siel, bei Abschriften Bemerkungen wie 
Fims »eck L auch mitten auf der Seite finden.») 

l,a. Blati heifirt y<^rior. ybUu», foUum, was zuersl bei 
[ridor vorkommt, Origg. VI, 14: FoUa Ubrormt . ...cum partes 

pagi äieuntur. In einem cod. Colon, saec Vffl findet sich 

LT/bKV) wie franz. \a !•, mir: Kr das einzelne Mai. emes 
., lll. 127. 537; 2. Ausg. 8. 580 ff.| vgl. Kirehhoff, Handschriften- 

"• '';;;,;,!,";„,„„ m, »m. i -v***- >^\* koB 

,,,„,, „,„, ,.„„,,,„„. x m pecie. sa. sind »bei »ob ganz verschiedener 

Bin ßeupiel bei Behalte In den Sittungaberiohte« d. Wienei 

A,:,.l I.NVIII. 1":: 

i) Ecci i olon Codd. p. 112. 



Bücher. 153 

zum Buch gefalteten Bogens ist aber feuilleb gebräuchlich. Im 
15. Jahrh. pflegt man bei Verweisungen die Blattzahl mit 
a Jcartha anzugeben, 1 ) abgekürzt a k, wie in Spanien Citate 
mit a capite häufig sind, und die ital. Datierung adi auch in 
lat. und deutschen Schriften. In der Vita Joh. abb. Gorz. 
c. 126 kommt campus paginae vor; im cod. Colon. 166 saec. VII 
steht f. 231 von zweiter Hand mit Bezug auf einen Nachtrag: 
lege desuper in siwimo lucemario. 2 ) Die Worte stehen auf 
dem oberen Rande der vorhergehenden Seite, welcher also mit 
diesem Ausdruck bezeichnet ist; an anderer Stelle steht: lege 
in capite paginae. In den Basiliken heifst die unten stehende 
griechische Uebersetzung der lateinischen Constitutionen xaxa 
jioöa oder xara jzodag. Für columna ist franz. coiüombe in 
den alten Inventaren gewöhnlich. 

Das zusammengefaltete Pergamentblatt hiefs oben S. 146 
diploma, und so auch in einem angels. Wörterbuch 3 ) diploma, 
böge und boiva; in einem alten Wörterbuch plicatura, und noch 
barbarischer arcus : quaternus est pars libri ex quatuor arcu- 
bus et octo f oliis pergameni connexa. 4 ) Der Prior Stephan 
von Dolan spricht 1417 von arcus papyri, b ) und schon im 
13. Jahrh. sagt Conr. de Mure (oben S. 100) vom Kalbspergament: 

Libris aptatur: primo quadratur in arcus, 
Arcus iunguntur in statione pari. 

Gleichzeitig kam auch für pagina der Ausdruck latus auf, und 
für orlxog, versus, linea das barbarische riga. So erzählt 
Thomas a Campis de discipulis d. Florentii c. 4, dafs Lubertus 
Berneri oder van den Busche (f 1398) einmal zu seinem Lehrer 
Floren tius gerufen wurde: erat autem in ultima riga lateris, 
et forte tria vel quatuor verba adhuc scribenda restabant. 
Dennoch kommt er unverzüglich, ohne die Seite zu vollenden. 
Und in der 1494 gedruckten Regel der Brüder vom gemeinen 



x ) Zeitschrift f. Gesch. des Oberrhcins XXV, 43. 

2 ) Eccl. Colon. Codd. p. GS. 

8 ) bei Wright 8. 75 u. 89. 

4 ) Serapeum XXIII, 278. 

ß ) Ep. ad Hussitas bei B. Tez, Thes. IV, 2, 520. 



154 Formen der Bücher und Urkunden. 

Leben 1 ) lieifst es: librarius . . . pervideat scripturam fratrum 
nostroruntj specialUer qui minus sciunt scribere } et qui novi 
aliquid ineipiunt, providendo eis de una riga vel duabus me- 
lioris seripture pro exempla/ri ante se locando, si opus habent. 
Für Buchstaben finden wir bei Donizo den Ausdruck 
figura: 

Una figura Beatricem, Bonefacium dat, 
Amborum nonien una figura B dat. 2 ) 

3. Urkunden. 

Von Urkunden auf Erztafeln und Waclistafeln ist schon 
die Rede gewesen, auch von gerollten. Die Alten hatten auch 
zusammengefaltete, welche durch einen besiegelten Faden ver- 
schlossen waren, namentlich Testamente. 3 ) Davon ist die Rede 
in der von Schwarz de ornamentis librorum p. 154 angeführten 
Stelle der Glossae veteres verborum iuris ed. Labbe, p. 116, 
wo es von den Testamenten heifst: lortor Ott to phv h> 6^)- 
iic.Ti TSTQadoQ fcg oi'ag öqjmts orrTtlh'ia svov xa\ ösxouevov tr\v 
(Ui'.th'jX/jr , vaßovXXa Xfyerai' ta dl k§eiX^[iara x&qtov, avto 
rovto yy\>T>i xaXslrai. 

Eine ganz ähnliche Form der Testamente ans dem Mittel- 
alter ist oben S. 141 beschrieben; die gewöhnliche Form der 
Urkunden aber ist die der offenen Briefe. Der gewöhnliche 
Nfame ist Charta, griech. mtraxiov, wovon aueb lat. pitacium; 
es '-licht aber eine Menge von Namen, welche von dem Inhalt 
hergenommen sind und sich in den diplomatischen Handbüchern 
verzeichnet finden. Auf diese einzugehen ist hier überflüssig; 
auch die genaueren Angaben über die Form können nur dann 
einen Werth haben, wenn man auf alle Einzelheiten eingeht. 
Wie das für ein begrenztes Gebiel durchzuführen ist, hat 

Sickel in seiner Dipl atik der Karolinger gezeigt Von der 

Form, weil sie am häufigsten nur auf einer Seite eines Blattes 
blieben sind, heiüsen die Urkunden sehr off pagina. So 



') Berapenm X.\l. L8 

-) x M;itth. i. 787; rgl. Pannenborg, Stadien bot Gesch. d. Her 
/..-in Mathilde (Götl Progr. L872) 8 i> 

i Marquardt, Rom; Privatalterthümer, LI, '■>'•)-■ 



Urkunden. 155 

spricht Alcuin (ep. 115 Frob. 204 Jaffe) mit Beziehung auf 
II Cor. 3, 3 von der pagina, qitae est in cordis tabula con- 
scripta, non atramento perituro sed spiritu sempiterno. Das 
Wort Urkunde im heutigen Sinn ist dem Mittelalter fremd; 
man nannte sie gewöhnlich Briefe. Der Ausdruck Handfeste 
findet sich schon in Erzb. Alfric's Vocabular (Wright S. 20) 
Mandat um hand-festnimg ; dagegen S. 46: epistola vel pitacium, 
aerend-geivrit d. i. Botschaftschreiben. *•) 

Allgemeine Anweisungen für die Abfassung einer Urkunde 
giebt die Summa Conradi de Mure von 1275: 2 ) 

De forma carte et seriptura. 

Per quomodo intelligitur tertius modus scribendi, ubi no- 
tetur carta in qua scribi debet litera, expers carnis, bene rasa, 
pumicata, scribentis manibus et usibus preparata, nee nimis 
rigide dura nee nimis molliter tenuis. Sic quaclranguletur , ut 
latitudo longitudini respondeat convenienter, et ne latitudo nee 
longitudo modum clebitum excedant et mensuram, sicut archa 
Noe in longitudine, latitucline, altitudine iussu dei artificialiter 
et proportionaliter composita fuit et compaeta. 

Seriptura littere, regulis Orthographie observatis, una manu 
et eadem, sine omni vicio rasure in loco suspecto, incausto 
non discoloriter nigro, aliis coloribus exclusis, a primo usque 
ad ultimum equali forma(ta) duetu scribatur, lineali grossetur, 
legibiliter comprimatur, ut nee sit niuiium sparsa nee nimium 
compressa, nee deformis, set correeta pleniter et equalis. 

Regulariter accentuetur, punetetur, virguletur. 

Una sillaba in scribendo nunquam dividatur ita ut finis 
linee partem habcat sillabe, et residuum sillabe sit origo linee 
s(3quentis. 

Una dictio nunquam ita distinguatur in sillabis, ut due 
dictioncs reputentur. diu; dictiones vel plures nunquam ita con- 



x ) auch S. 81): epistola, acrind-nvrit; engl, errand. 
2 ) herausgegeben von Rockinger, Quellen zur bayerischen und deut- 
Bcheo Geschichte IX, 137. 



156 Formen der Bücher und Urkunden. 

tinuentur, ut uua dictio videatur. et si dictio scribi non potcst 
totalitär ad finem linee precedentis, per virgulam in margine 
signetur huiusmodi divisio seu imperfectio dictionis, ut lector 
eo difficilius erret in legendo. 

Item scriptum litere seu epistole tarn a capite quam a 
fine secundum debitam quadraturam cum spaciis ab omni latere, 
scilicet superius, inferius, dextrorsum, sinistrorsum, competen- 
tibus habere debet ductum seu terminos lineales, ita ut scri- 
ptura margines carte seu extremitates fugere videatur modo 
debito et decenti. alioquin carta sie detruncata proprietatem 
litere deformaret. 

Uncle carta seu carte forma non sit nimis longa, non sit 
niinis lata, spaciis ut dictum est regulariter ordinatis. 



Ich habe den ganzen Abschnitt hergesetzt, weil die Vor- 
schriften in der That sehr verständig sind und viele technische 
Ausdrücke darin vorkommen. Im allgemeinen sind die Urkun- 
den ausserordentlich correct geschrieben, und welche Mühe das 
bei umfangreichen Stücken kostete, schildert uns Bartholomäus 
Sastrow in seiner Lebensgoschichtc. *) In früheren Jahrhun- 
derten fehlt es gar nicht an Correcturen, aber später war man 
darin sein- peinlich, Wenn sich Notare dergleichen erlaubten, 
80 wurden sie bei der Beglaubigung am Schlufs sorgsam ver- 
zeichnet. 

Eine eigentümliche Form von Notariats - Instrumenten 
findet Meli im Thal von Aost;i. indem auf der Rückseite die 
Originalnotate stehen, welche do- Urkunde zu Grunde liegen. 2 ) 

Für Urkunden von grofser Länge war weder die Rollen- 
form noch eine unühersehliche Tafel zum Gebrauch bequem. 
Deshalb kam gegen das Ende des Mittelalters die Sitte auf, 
si.- einfach in Form eines Quartbandes '-zu schreiben, und die 

slschnur durch alle Blätter zu ziehen. So ist schon das 



') i. 268. in der Bearbeitung ron L, Grote (Null«' l*<"'<>) 8. L43. 
I Bethmann in Perte 1 Ai.hiv \u, 593 



Urkunden. 157 

Original von Kaiser Ludwigs oberbaierischem Stadtrecht be- 
handelt, welches deshalb das versigelt Buch genannt wurde. 1 ) 
Doch konnte das unter Umständen Anstofs geben. Als 1474 
der Utrechter Vertrag der Hansestädte mit dem König von 
England zu Brügge abgeschlossen werden sollte, brachten die 
städtischen Abgesandten zwei Exemplare mit sich. Eines be- 
stand aus mehreren, mit roth und weifs seidenen Schnüren zu- 
sammengehefteten Blättern, aber der englische Abgeordnete 
bezeichnete das als minus eonforme usui et consuetudini. Das 
andere Exemplar bestand zwar aus einem Blatte, aber das 
Siegel daran hing nicht an seidener Schnur, sondern an einem 
doppelten Pergamentstreifen. Das wurde ebenfalls beanstandet. 
Aller auch die englischen Exemplare genügten nicht; das eine, 
weil auch daran das Siegel an Pergamentstreifen hing, das an- 
dere, weil darin mehrmals Wörter zwischen den Zeilen ge- 
schrieben waren. Monate vergingen darüber, bis genügende 
Exemplare beschafft waren. 2 ) 

Bei Privilegienbestätigungen aber, vorzüglich wenn sie die 
wichtigeren Urkunden einer Corporation wörtlich in Abschrift 
enthielten, wurde die Buchform immer mehr üblich. 

Man könnte solche Urkunden nach ihrer Form allenfalls 
polyptycha nennen, doch hat dieser Name schon seine eigene 
Bedeutung. Er bezeichnet jene Zinsregister, wie sie auf Wachs- 
tafeln bis ans Ende des Mittelalters vorkommen. Schon in den 
Briefen Gregor's I findet sich das Wort in dieser Bedeutung, 
und die Beziehung auf die Form verschwand, während die 
sachliche Bedeutung sich fester ausbildete. Es bedeutet den 
Inbegriff der Rechte und Einnahmen, den ganzen Besitzstand. 
Bei Du Cange ist nachzulesen, wie aus polyptychum durch ver- 
schiedene Entstellungen 3 ) endlich poiiilU wird, das Verzeichnifs 
aller Beneficien eines Bisthums. 

Ich weifs nicht, ob man damit auch pawelhar, pawiart, 



1 ) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen, S. 71, wo noch mehr Bei- 
spiele sind. 

2 ) Zeitschrift des Vereins für Lüb. Gesch. III, 372. 

3 ) politicus in Pertz' Archiv XII, 221. 



158 Formen der Bücher und Urkunden. 

pauvülari zusammenbringen darf, welches in Lüttich gebräuch- 
lich war und durch codex paciorum übersetzt wird. *) 

Ein anderes, vielleicht aus Bolle entstelltes Wort, grollum. 
war für solche Register im Gebiet von Stavelot gebräuchlich. 2 ) 

Allgemeine Bestätigungen des Güterbesitzes werden jxin- 
charta genannt, vorzüglich auch, wenn eine solche an die Stelle 
verlorener einzelner Schenkungen tritt. Der Ausdruck ist in 
Frankreich auch auf Chartularien ohne urkundliche Bestätigung 
übertragen; ein Beispiel ist die pancharta uitjni des Martins- 
klosters zu Tours, so genannt nach der Farbe des Einbands. 3 ) 

Ein eigenthümlicher Ausdruck ist in Siena ccäeffo für den 
1203 angelegten und dann fortgesetzten über memorialis com- 
munis, cartularius, instrumentarius. Man unterschied nach der 
Zeitfolge ealeffo veceliio, delV Assunta (nach dem Titelbild), 
n&rOy rosso und calefetto.*) 

Dem Wortlaut nach von ganz allgemeiner Bedeutung ist 
chirographum, und es wird auch für gewöhnliche Urkunden 
gebraucht. 5 ) In der Hegel aber bezeichnet es chartae excisae 
oder indentatae, engl, indentures. 6 ) Diese wurden nach Art 
der alten övfißoXa oder tesserae für Verträge doppelt geschrie- 
ben und. dann von einander geschnitten, so dafs die beiden 



J ) Henaux, histoire du pays de Liege (1857) I, 24. u. 

-) Od appelait grole ou grollum au pays de stavelot les registres, 
dans lesquels etaient transcrits les records et Privileges nationaux. Ga- 
chard, Notice des archivea de Stavelot, Mein, de l'Acad. de Belgique 21, 51. 

| Au- pan eintritt ist vielleicht entstellt j>trlo>i<jur in Vita (Jerardi 
I5.mii. hei Mal». Acta SS. 0. S. B. V. 274- 

') Cesare Paoli dei cinque caleffi del R. Axchivio di Stato di siena, 
Anh. Btor. s.ric III. Tomo IV. Parte I, 45—92. 

) c>iro(irii/)/iniii Ittic utile in irsiiiiitniiitiii conscriptum, saut Hein- 
rich IV \<hi -einer Yerleilnin-Mirkiinde. llt»:i Sept. 26. B. L970. 

") In England war diese Art der l rkunden besonders häufig, rör- 
züglich vor der Eroberung durch die Normannen, durch welche erst der 
häufigere Gebrauch dir Siegel eingeführt wurde; b. den lehrreichen Ar- 
tikel Chirographum bei Du Cange, und den ausführlichen Abschnitt 
Charte* pa/rties et denteUes im Nouveau Traite* I. 858 886. Die in der 
Bibl. <le räcole des Chartes KXXIII, 516 angeführte Schrift von Lepage: 
Sur des Cyrographes conserv£s aus Äxchiyes de la Bdeurthe (20 s. 
N;iin\ i>7l') habe ich oichl gesehen. 



Urkunden. 159 

Exemplare an einander pafsten. *) Die Summa Conradi de Mure 
giebt bei der Lehre von Verträgen die Anweisung: Hoc facto 
scribätur cirographum, et scindatur per medium, et tradatur 
una pars itni et altera pars alii. Tel possunt sigilla autenti- 
corum rii'orum appendi, vel si habeant sigilla, unus appendat 
sigillum suitm in cirographo alterius. 2 ) Diese Verbindung von 
Theilzettel und Siegel zeigt das Beispiel bei dem Portugiesen 
Dominicus Dominici, 3 ) welches aufserdem durch die Anferti- 
gung von drei Exemplaren complicirt ist: In cuius rei testimo- 
niion fecimus incle fieri tres cartas per alphabetum divisas, 
nostris sigillis signatas, quarum una remaneat penes nos dictum 
cpiscopum, altera penes capitulum, et tercia remaneat thezau- 
rario Ulixbonensis ecclesie perpetuo conservanda. Auch die 
von Sickel, Mon. Graph. III, 12, mitgetheilte Urkunde des Dom- 
capitels zu Raab über einen Vertrag zwischen dem Abt von 
Martinsberg und einem Grafen von 1210 verbindet das Siegel 
mit einem durchschnittenen Alphabet am untern Rand. 4 ) Mit 
königlichem Siegel versehen ist die viergetheilte indenture, 
Heinrichs VII Vertrag vom 20. Nov. 1504 mit der Abtei West- 
minster, St. Albans und der Stadt London, ein in blauen Sammt 
gebundenes Heft, vorne das ausgemalte königliche Wappen 
Blätter und Einband ausgezahnt mit durchschnittenem Alphabet 
(Harl. 28). 

Aus England hat Hickes einen Theilzettel schon von 855 
nachgewiesen. 5 ) In einer alten Formel einer Precaria bei M. 
de Roziere, Recueil I, n. 326 steht: inter nos convenit, ut 



J ) Bei der Charta paricla Marculf I, 38. Roz. n. 453 erhellt aus 
dem Texte nicht, ob sie in diese Classe gehört. 

a ) Quellen zur Bayer. Gesch. IX, 508. So sagt auch ein alter 
Glossator des Juvenal: cirographa . . . creditor et debitor per medium 
dividebant, et unusquisque partem suam custodiebat, ne posset aliquid 
addi vel subtrahi. Eccl. Colon. Codd. p. 149. 

3 ) Quellen z. Bayer. Gesch. IX, 575. 

4 ) Ein ähnliches Beispiel aus Bayern bei Kockingcr, Zum baycr. 
Schriftwesen S. 67. 

B ) Alfric's Vocab. bei Wright S. 20 erklärt CwograpJmm, raeding- 
gewrit vel hemd-gewrit. 



1(30 Formen der Bücher und Urkunden. 

(hu/* epistolas de utrasque partes aptificomtes uno tenore con- 
scriptas adfinnare deberemus. Yermuthlieh ist damit auch 
diese Form gemeint, obgleich es nicht sicher ist. Unzweifelhaft 
erscheint sie bei Richer, der IV, 29 erzählt, dafs im Jahr 990 
Arnulf vor seiner Erhebung zum Erzbischof von Reims ein 
Anathem über sich selbst, wenn er seinen Eid nicht halten 
würde, in zwei Exemplaren schrieb. Jussus itaque cirographum 
bipertüum. notavit. Regi alterum, alterum sibi servavif. 

In den Genueser Annalen heifst es 1168 (Mon. Germ. SS. 
XVIII, 77): cum verba videbantur fere quasi facta et law. in 
scripto redaeta et per abecedarium divisa . . . und S. 82: et 
ni scripto per abecedarium illam redigerunt. Denn gewöhnlich 
wurde über den Durchschnitt ein Alphabet geschrieben; so auf 
der bei Schoenemann Tab. VII abgebildeten Urkunde von 1375 
aus Schottland, welche deshalb auch anfangt: Tresens indenfara 
per modum alphabeti facta. Sonst brauchte man besonders 
häufig das Wort Gyrograpimm; auch ein gemaltes Crucifix 
kommt vor. l ) Eine Festsetzimg von Leistungen durch den Abt 
Poppo von S. Maximin um 1050 zeigt zwei durchschnittene 
Monogramme. 9 ) Ein Jahrhundert später gebrauchte der Abt 
von S. Martin in Coeln capitales UUeras (kontinentes nomen 
h. Martini. 3 ) Eine pagina des Herzogs Wilhelm von Aqui- 
taine vom 19. April 1134 enthält eine Schenkung an Fonte- 
vraud in Form eines Theilzettels mit Datuni optimum et omne 
bonum. 4 ) Häufig ist Testimonium veritatis durchschnitten. 
Später begnügte man sich mit dem ausgezahnten Schnitt, wel- 
cher seit 110(> nachgewiesen ist: früher durchschnitt man die 
Worte oder Zeichen einlach in gerader Linie. 

Dafe man nicht nur bei Verträgen, sondern auch bei De- 
positen dieses Mittel anwandte sagt Bonrompagnus: 5 ) De signis 



M Aut der franz. Drk. v. 1177. die mit mehreren anderen auf der 
Tafel zum Nouveau Traite* l. -">7l abgebildet ist. Bei Mabillon p. 429 eine 

Utk. Ludwigfl VII \ lKi7. Andere Abbildungen im Mimt des Aicliives. 

Zeitschrift t Gesch <l. Oberrheini Will. 180. 
i l'.iineii H Eckert«, Quellen zur Gesch. d. Stadt Köln I. 580. 
I Bibl. de L'ficole des Chartes, I rfrie IV. 833. 

Quellen i Bayer. Gesch l\. L74. 



. Urkunden. 161 

depositorum. Item quidam faciunt alphdbeta que per medium 
dividuntur, et remanet una medietas alphabeti apud deposita- 
rium, et aliam depositor secum portat. Vorher S. 144 ist er- 
zählt worden, wie ein Mönch sublato alfabeto commnni ein 
bedeutendes Depositum ergaunert hatte. 

Bei der Uebergabe des neu erbauten Schlosses Friedeburg 
1419 an einen Bremer Bürger zur Verwahrung mit dem In- 
ventar heifst es: Tive tzertere sunt hir up, der de raet enen 
lieft, unde Hinrik van Munster den anderen. 1 ) 

Vorzüglich aber sind es Pachtverträge, welche vielleicht 
noch jetzt auf solche Weise geschlossen werden; so in Augs- 
burg 1468: cedide desuper ut moris est eonfeete seil, litere ex- 
cise. 2 ) In Heidelberg 1558: Des in Urkund seind dieser Kerff- 
zettel zwei gleich lautende von einer handt geschrieben, Kerff- 
recht und tueiss auss einander geschnitten. 3 ) Bei Actien, Pässen 
u. dgl. ist dieses Verfahren noch üblich. Deutsche Benennun- 
gen sind kerbbrief, kerbzettel, zerfzettel, spalt Zettel, spanzettel, 
zerter. Im Lübecker Archiv sind unter der Bezeichnung littera 
memorialis oder denkebref aus dem 14. Jahrh. Hunderte von 
Urkunden über Privatgeschäfte, die vor zwei Rathmännern ab- 
geschlossen, zu zwei oder drei auf ein Blatt geschrieben und 
im Zahnschnitt getheilt wurden. 4 ) 

Von zwei griechischen Zertern aus Unteritalien vom 
Jahr 1232 giebt Trinchera 5 ) Abbildungen; die Benennung ist 
o[ioXoyolyyQa(pov (sie) tyov Iv rfj xoQV(p(j rov vcpovg ro ?j[/iöv 
rov OQiö&evTog älfpaßrjTov. 



J ) Bremisches Jahrbuch (1868) III, 155. 

9 ) W. Wittwer, Catal. abb. SS. Udalrici et Afrae, bei Steichele, 
Archiv f. d. Gesch. d. Bisth. Augsb. III, 261. 

3 ) Herrn. Wirth, Archiv f. d. Geschichte der Stadt Heidelberg I, 20. 

4 ) Zeitschrift d. Vereins f. Lüb. Gesch. III, 363. In Landrechten 
und Stadtrechten des 16. Jahrh. kommen ausgeschnittene Zettel als Be- 
weismittel häufig vor. 

8 ) Syllabus Graecarum membranarum quae Neapoli etc. 1865, 4. 
Tab. VII. n. 286. 287. Aus den Statuten von Neapel werden angeführt 
instrumenta quae Neapoli vocantur psalliac, was die Verfasser des Nou- 
veau Traitö von yaMg, Scheere, ableiten. 



Wattenbach, Schriffcweeen. i. Aufl. 11 



162 Formen der Bücher und Urkunden. 

Unterschriften kamen natürlicher Weise im Abendland 
ausser Gebrauch, als die Kunst des Schreibens immer seltener 
wurde. 1 ) Noch die merowingischen Könige scheinen selbst 
unterschrieben zu haben; dann wurden Monogramme statt 
der Unterschriften allgemein üblich, und für geringere Personen 
ein Kreuz, dessen sich jedoch auch die angelsächsischen Könige 
bedienten. In den Monogrammen pflegt ein Strich bei der 
Ausfertigung erst gezogen zu sein, den man an anderer Fär- 
bung der Dinte und geringerer Festigkeit der Hand erkennt, 
doch verschwindet das bei den späteren deutschen Königen, 
wie ja auch gar keine Sicherheit dadurch gegeben war. Auch 
die Kreuze sind, trotz der entgegenstehenden Ausdrücke, wenn 
nicht immer, so doch häufig, vom Notar gemacht, wie man an 
der ganz gleichen Form erkennt. 2 ) In Deutschland kommen sie 
überhaupt wenig vor. 

Nur in Venedig scheinen sich autographe Unterschriften 
immer erhalten zu haben,* 5 ) wie auch aus griechischen Urkun- 
den Trinchera viele Beispiele giebt. Die griechischen Kaiser 
werden wir noch bei der Purpurdinte zu erwähnen haben, und 
auf die scheinbar autographen Unterschriften der päbstlicben 
Dullen kommen wir bei den Kanzleibeamten. 

Rudolf IV von Oesterreich gehört zu den ersten Fürsten. 
welche wieder eigenhändig unterschreiben; 4 ) nach und nach 
wird es allgemeine Sitte. 

Zur Beglaubigung diente also Jahrhunderte hindurch nur 
die Besiegelung der Urkunden. 6 ) Diese würde iibergrofseu 



') Schon in dem Etavennater Papyrus komml Signum manua \<>r. 
Dafs Bchon die gleichzeitigen Regenten, Kaiser Justin und König Theo- 
derich, nicht schreiben konnten, werden wir bei dem Abschnitt von der 
I eder Behen. 

i Cesare Paoli, La piü antica pergamena de! ELArchivio di Stato 
in Firenze L873 8 12. 

, Gloria, Compendio S. 164. Ein Beispiel ?on L052 im An/.. .1. 
I i i Mus. XIX, 337. 

') S. darüber Kürschner im Archiv f. österr. Gesch \u\. 22—26. 

i i eber die Substanz der Biegelmasse und gegen den Ausdruck 
Maltha i II Grotefend, üeber Maltha, In der Zeitschrift „Der Deutsche 
Herold 4 ' L14, und wiederholt in seiner Schrift, üeber Sphragistik, 



Urkunden. 163 

Raum in Anspruch nehmen, wenn darauf hier überhaupt ein- 
zugehen wäre. Sie ist so mannigfaltig, clafs sie selbst in der 
Diplomatik nur für specielle Gebiete eingehend behandelt wer- 
den kann. Ich bemerke hier nur im allgemeinen, dafs bis 
gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts aufgedruckte Siegel 
üblich waren, dann aber die angehängten lange Zeit die Allein- 
herrschaft gewannen, 1 ) bis im 14. Jahrhundert für Mandate 
u. a. die Oblatensiegel aufkamen. Die römischen Päbste be- 
dienten sich der Bleibullen, 2 ) für Breven aber des Fischer- 
ringes, der vor dem 15. Jahrh. wohl kaum nachzuweisen ist. 3 ) 
Metallbullen verschiedener Art waren vorzüglich im Süden 
üblich. Hiernach benannte man nun auch die Urkunden selbst 
sigilluMj bidla, yQvöoßovXXov, aQjvQoßovllov , [Lolißoßovllov , 
?) x?iQ()ßovlXoq. 4 ') 

Von bulla ist diminutiv gebildet franz. bulete, buletin, 
hilld, ital. bolletta, bullettino. 

Wenn zu grofsen Bundbriefen oder Verträgen noch eine 
Partei beitreten wollte oder sonst ein Zusatz zu machen war, 
so geschah das durch ein Transfix, ein vermittelst der Be- 



Breslau 1875, worin von den Aufgaben und Gesichtspunkten dieser 
Disciplin gehandelt wird. Wachsrecepte bei Rockinger S. 54 — 56. 

') Ueber die Zeit des Ueberganges s. die Bemerkungen des Fürsten 
Hohenlohe- Waidenburg im Anzeiger d. Germ. Mus. XXI, 305. Ueber 
Siegelmodel Zahn ib. XIV, 5. Der gewesene Abt von Walkenried sie- 
gelte 1226 in Ermangelung eines eigenen Siegels mit einem Denar, und 
C. L. Grotefend bemerkt dazu, dafs das nicht selten vorkommt. Zeitschr. 
d. hist. Vereins f. Niedersachsen 1871 S. 43. Ueber das Verfahren bei 
sehr zahlreichen Siegeln Rockinger S. 69. 

2 ) Die Bedeutung des Unterschiedes der Bullen an Seidenfäden 
oder an einer Hanfschnur kat L. Delisle nachgewiesen, Bibl. de l'tcole 
des Chartes 4. Serie IV, 19. Vgl. auch Cod. dipl. Lubec. III, 738: Lit- 
ter an apostolieas (von 1257) unam graciosam cum filis sericis, et aliam 
executoriam cum cordula canapis more Romane curie bullatas. 

8 ) Von Innocenz VIII u. Alex. VI giebt Zinkcrnagel Tab. "IV Ab- 
bildungen. 

4 ) S. den ausführlichen Artikel Bulla bei Du Cange. In der In- 
struction des Dogen II. Dandolo für seine Gesandten nach Constantinopel 
um 1196 heilst, es: -SV. . . . miserü nobis per eos chrisobula sua, Sickel, 
Mon. Graph III. L0. 

11* 



164 Formen der Bücher und Urkunden 



Siegelung unzertrennlich verbundenes Pergamentstück. Man 
nennt das häufig schedula, eedula, settel, span. esquela. 1 ) 

Ueber jnrrdxwv, pitacium, pictacium verweise ich auf 
den ausführlichen Artikel von Du Gange. Ursprünglich be- 
deutet es wohl ein Täfelchen. 

Schliefslich wäre nur etwa noch zu bemerken, dafs die 
Cassierung von Urkunden durch Abschneidung der Siegel und 
durch Einschnitte ins Pergament geschah. Otto I erklärte 968 
eine Urkunde Kaiser Berengars für ungültig fracto sigillo scis- 
saque membrana per manum . . . archicancellarii. 2 ) Eine selt- 
same Sitte wird im Chron. Montis Sereni z. J. 1214 erwähnt, 
wo der Pabst befiehlt, ut littcras clatas dentibus scinderet, 
quod litt Cr is eassatis fieri solet.*) 

Ueber die litte rae clausae oder Briefe ist nur wenig zu 

ii. Brevis, breve kommt schon früh vor, fast gleichbe- 
deutend mit rotulus; es ist ein kurzes Verzeichnis, und be- 
deutet namentlich auch das einem Boten mitgegebene Verzeich- 
nifs seiner Aufträge; dann übertragen obrigkeitliche Schreiben. 
Mandate. Breves militum kommen bei Aelius Lampridius, 
Alex. Severus c. 21 vor. Hieronymus ep. 5 bittet sieh Bücher 
auSj guos me non habere brevis subditus edocebit. So erwähnt 
Lupus von Ferneres in einem Brief an Einhard brevis rolmui- 



') In einem alten Wörterbach (Serapeum XXIIf, 277) heilst es: 
Cedula, tedel, est pars pergameni, de qua propter sui parvitatem non 
potest i" ii Über aptut, Etiam eedula quandoque dicitur prima signatio 
allen,, is 8cripti, quae adhuc non est in Kbrum redaeta, quae alio nomine 
dicitur protocoUum. In der Heidelberger Sammlung ist mit einem Ab- 
laf8brief die bischöfliche Approbation von 1346 als eedula verbunden. 
Zeitschr. t Gesch. d. Oberrfa XXTV, 171. Ein anderer Sprachgebrauch 

in dem trau/. GioßSar, BibL de I'Krolc dr> (harte- XXXIV, •">•">: tiiv 

ceduhtß, littera o,<a faeit smim teetamentum, Hei Wrighl S. 16. 7.">. 89 
eedula ijuiir und ymele. Engl, hec sidnl<t << sorowle, 8. 210. 

) i i(.ia\;iiiti. Diaaert Bopra la baailica di S. Blpidio Loreto 177oi 
l- ;:• Aiiiniicii in einem Placitum \<>n 999: Tnsuper tores cartulas ei 
tnlii ii abbat* Oregano <i<>i<i ineidendae. Stumpf L205. In Archiven 
lind solche i rknnden aus späterer Zeil häufig. Bin Heispiel im Archiv 
; Siebenb Landeak, L876. XII. •_':;:». 

i in di i oeuen A.usg \ « n i Ehrenfeuchter MG XXIII, i 



Urkunden. 165 

num vestrorum. In der Inhaltsübersicht über die Chronik des 
Orosius in einem cod. s. X steht brebis libri I etc. 1 ) Eine 
Fülle von Beispielen für die mannigfaltige Anwendung des 
Wortes giebt Du Cange. Für Briefe in öffentlichen Angelegen- 
heiten finden wir den Ausdruck missiles z. B. in den Aachener 
Stadtrechnungen 1338 (S. 127): pro cera sigillatoria tarn ad 
rartas quam ad missiles. Wenn eine Glosse saec. XV lautet: 
protonotarius prief sehr eiber , so ist wohl zunächst an Urkunden 
zu denken, für welche brief der gewöhnlichste Ausdruck ist. 
Doch findet es sich auch im 15. Jahrhundert schon häufig in 
der modernen Bedeutung, 2 ) und wir finden ihn auch schon im 
neunten Jahrhundert bei Walafrid in der Visio Wettini, wenn 
er erzählt, dafs dieser nach Seelmessen verlangte, Ad muUosque 
brems eogitans direxit amicos, und gleich darauf: 

Me vocitare iubet, residensque infigere cerae 
Praecipit, atque breves bis quinos dietat. 

So schreibt auch am Ausgang des zehnten Jahrhunderts Fro- 
mund von Tegernsee: Libram Boetii vestro brevi a me petivistis 
praestari. 

In Aegypten hat man noch aufgerollte und zusammen- 
gefaltete Briefe von Papyrus gefunden. 3 ) Pergament wird in 
der Regel gefaltet sein; man druckte das Siegel aber nicht 
unmittelbar darauf, sondern zog einen ganz schmalen Streifen 
Pergament durch den Brief und das Siegel, so dafs ohne Zer- 
schneidung desselben der Brief nicht geöffnet werden konnte. 4 ) 
Ein recht anschauliches Bild eines solchen Briefes gewährt 



') Reifferscheid in den SB. d. Wiener Acad. LXVIII, 584. 

2 ) Sehr oft in den Geschichtsquellen der Hussitenkriege ed. Griin- 
hagen, Scriptores Rerum Silesiacarum VI. 

8 ) Letronne, Lettre de recommendation d'un haut fonetionnaire, im 
Catalog der Sammlung Passalacqua, 1826. Egger, Mein, d'hist, ahc. 
I> I 19. Ein zusammengebundener, dann geöffneter Brief in den Tafeln 
zu Notices et Extraits XVIII, 2 pl. 40. Eine koptische Papyrusrolle 
mit Band umwickelt und versiegelt, bei Libri, Mon. inedits pl. 54. 

4 ) S. Beschreibung und Abbildung in den SH. d. k. Sachs. G. d.W. 
Philo!, bist. Cl. 1872. 



166 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

die Photographie bei Sickel, Mon. Graph. I, 18, von dem Schrei- 
ben des Grafen R. de Pullendorp aus Jerusalem nach Venedig, 
von 1180. Bruno de bello Saxonico c. 13 erwähnt epistolam 
regis imagine sigillafam. 

Bei päbstlichen litteris clausis wurde im 12. und 13. Jahr- 
hundert die Hanfschnur der Bulle durch Löcher der Seiten- 
ränder gezogen. 1 ) Auch Breven unter dem Fischerring werden 
durch einen schmalen Pergamentstreif zusammengehalten. 

Vom 14. Jahrhundert an nähern sich die Briefe immer 
mehr der modernen Form, und haben sich in grofser Anzahl 
erhalten. Fürsten und Städte hielten sich eigeue Brief boten; 
die Stadt Hamburg zahlte 1367 dem Maler Bertram vier Schil- 
ling pro depictione des breefvathes Gherlaci Cursor is, 1372 zwei 
vor breefvath ufide reemen, 1383 wieder vier ad depingendum 
breefvat civitatis. 2 ) 



III. 
Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Ueber die griechischen Schreiber geben uns in dieser 
Beziehung einige Epigramme der Anthologie Auskunft, welche 
wir, um nicht immer die einzelnen Stellen anführen zu müssen, 
vollständig hierher setzen wollen. Eines davon ist noch ans 
vorchristlicher Zeit 



') Nach L Delisle, Bibl. de Pficole des ('hartes 4. Serie IV, 20. 
S. auch die Abbildungen päbstlicher Briefe ron L136 u. 1177 bei sickel. 
Mon, Graph. V, 9 n. IX. I. Pabsl Hadrian schreib! 77."» au Karl, dafa 
er einen Brief des Patriarchen von Grado 'Erhalten habe und sehr be- 
inilit Bei, quoniam rifoniatcu bullös eiusdem epistolae repperimus, Kr 
\\;ii '_•« ■•■Iliiet. die Bleibulle, womit er geschlossen war, durclibohrt, um die 

Schnur herausziehen m Kennen. Jaffe* Bibl. l\\ L88 mit falscher Er- 
klärung. 

) Koppmann, Elamb K&mmereirechnungen l, 97. L64. 367. 



Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 167 

VI, 295. &ANIOY. 
Anthol. Pal. ed. Jacobs I, 28; cf. edit. Dübneri. 

2(ilXav 'Aoxcovdag dovaxoyXvyov, dv x Im [uofrcp 

'Ejzdyyov £%ev xaXdficov tpalöroQa rcov Kvidlcov, 
Kai otXUkov xavoviöfia (piXoQ&tov, egy/ia ts Xelag 

2a[io&bTcö, xal rav £Vfts%avov ßgoxida, 
KaQ'/uva ts öjtsiqovxc^ XedvxeiQav rt xiötjQLv, 

Kai rar aövtpafj JiXtv&ida xaXXatvav, 
Md^ag avlx h'xvgös TsXcovidöog cpiXoXiyvov, 

IlitQiöiV Jttvlag aQ^iev* dvsxQSftaöev. 

Ungefähr der Zeit des Augustus gehört Philipp von Thes- 
salonich an. 

VI, 62. <PIAiniIOY QE22AAQNIKE&2. 

ib. p. 205, 

KvxXoTSQfj (loXißov, ö£Xidcov 6?]{idvtoQa jrlsvgfjg, 
Kai öf/lXav dovdxcov axQoßtXcov yXvcpida, 

Kai xavovlo vjidxi]v, xal x?]v jtaga &lva xlötjqlv 
AvyprjQov jiovtov TQYjfiaToevTa Xi&ov, 

KaXXi[i£vr]g Movöatg djrojcavödf/zvog xafidxoto 
@fjXev, Ijtu yrjQa, xav&og sjcsöxsjzsto. 

Die folgenden dagegen sind weit jünger, aus dem sechsten 
Jahrhundert. 

VI, 63. AAMOXAPIA02. 

rQafiiiaroxfo jiXrftovxa fisXdöfiazi xvxXofioXtßdov, 

Kai xavova yoacplcSow id-vrarcov cpvXaxa, 
Kai yoacpixolo (Soyjla xtXaiVordroLO Qtt&Qov, 

AxQa rh fieööOTOfiovg £vyXvcp£ag xaXdfiovg, 
TQTjxaXdrjv rt Xt&ov, dovdxcov i-v&rjyta xdöjiov, 

Evd-a JlkQlTQlßbWV o£v i ( cQ a 7( ia xtXtt, 
Kai yXvcpavov xaXdfiov, JtXareog yXoiyjva öiÖtjqov, 

OütXa öol efMZOQlTjQ dvfhro rF/g Idirjg 
Kizif/jO). Mevidtjfioq bjt d%Xvog oitita JxaXaidv, 

f'Joi/tur ov occe] gtiQße öov kQycctlvrjv. 



lös Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

VI, 64. UAYAQY 2IÄENTIAPI0Y. 

ib. p. 206. 

Pvqov xvavtyq uoXißöv ötftiavTOQa /(>«,</////§, 

Kai GxXtjqcdv dxovrjV tQtjjaXETjfV xaXdfimv, 
Kai nXaxw otjovrrJQa laoooyidtojv öovaxrjmv, 

Kai xavova ynaitfiFjg I&vjzoqov Tafihjv, 
Kai xqoviov yXvjcrolöi fiiXav jtsq>vXay(i£vov avzQoig, 

Kai yXvg>löag xaXdftoov axga fieXaivo/iivwv, 
'Enut'uj <PiX6dt]iiog, Ijtti xgovm sxxQSfzhg rjdrj 

HX&t xax dipd-alfidiv qvöov tmöxvviov. 

VI, 65. IIAYAOY 2IAENTIAPIOY 

Tov xooyotvxa fioXißöov, og dxgajiov olöe %aQa6ö£iv } 

'Ogd-it Tiaga^oarv l&vt£vfj xavova, 
Kai %dXvßa dxXtjgov xaXafiTjtpdyov, aXXa xal avtov 

'Hyepova yga/ifijjq cbtXavsoq xavova, 
Kai Xi&ov oxgidtvza, öova£ od-i öiOöov oöovra 

H/'iyirci dfißXwd'Slg Ix dokr/oyyejj ///j, 
Kai ßv&lrjV Tglxovog dfajrXdyxxoio yaiuvvnv, 

Sjtoyyov, axiOxogh/v TiXa^OfitPr/g ygayLöog, 
Kai xioxtjr jtoXvcojia fieXavöoxov, uv ivl jcavza 

EvyQatpeog T£yyr\g ogyava gvopivipt, 
Kninj KaXXifiBvrjg, tqo/isqtjv bxo yr\gaog öxvo) 

Xiinc y.aih'.nun'ZoV Ix doXiyo>v xaiidroi'. 

VI. 66. IIA) .10) 2IAENTIAPIOY. 
il». ]». 207. 

"AßQOXOV axXaviog fioXißov yganxrJQa xeXevfrov, 

//_ :'.it nilorrt't yndit in tTOQ aguni'ih. 

Kai xavova TQO%aXolo xvßeovqxriQa (loXlßöov, 

Kai Xl&axa xorfcrp öjtoyyco huöofiivtjfv, 
Kai fiiXavog tixad-eoolo öoyrjtov, aXXa xal avxwv 

Evfoaxpioyv xaXdfiwv axgoßa<pstg axldag, 
Sjt6yyov } aXog ßXdoxtjfta, xvrfjg Xeifiwva fraXaööTjg, 

Kai xdXxov öovdxmv vixxova XejttaXe'&v, 
Ev&dd KaXXtfiivrjq tpiXofxeiöiöiv dv&ero M<>r<><<_. 

/'/,{>< t xbX(Z7]0)q ofifiaxa xal TtaXdfirps. 



Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 169 

VI, 67. IOYAIANOY AIIO YUAPXQN AirYÜTOY. 

ÄxXiveag yoacpldeööLP djtt^vvovza jioouag 

TopSs [loXtßdov dycov, xal fioXlßov xavova 
2vvdQO(.iov rjvioyifja, jcoXvtqtjtov t ajto jitTorjg 

Aäav, oq dfißXslav &r/ye yivvv xaXdfiov, 
2vv d' avzolg xaXdpoiöi fieXav, (ivötrjQia (pcovrjg 

jtvÖQO(i£i]g, öfdXrjg r* 6§vr6fiov xajiiöa, 
Egfitb] <Pilod?] i uog, tjtsl XQovog ofifiarog avyrjv 

JifißXvvag jtaXdftt] dcöxev tXsv&soirjV. 

VI, 68. TOY AYTOY. 

ib. p. 208. 

AvXaxag ifrvjroocov yoa(pidwv xvxXoiöi yaQa66G)V 

üiv-9-ifia öol TQOXOStg ovzoq tfiog fioXißog, 
Kai fioXißco xQCQörfJQL xavcbv tvjiov oofrov ojtd^cov, 

Kai Xi&og ev6%idtcov d-fjyaXer] xaXdf/tov, 
2vv xaXdfiotg dyyog rs fieXavdoxov, oiöi tpvXdööu 

Aldiv t6öo[dvoig yrjQW djtoixofitvcov' 
Jtxvvöo xal yXvjtrfjQa Gi&qQsew, cd frQaövq "ÄQ7]q 

JJvv Movöaig idb]V dcöxs dtaxTOQirjV, 
Eq(J,sl?], 6a yaQ ojtXa' öv o aögavsog <PiXod?](iov 

"I&vvt £mrjv Xeutofitvoio ßlov. 

In allen diesen Epigrammen widmen altgewordene Schrei- 
ber, welche sich zur Ruhe setzen wollen, ihr Handwerkszeug 
den Musen, häufiger dem Hermes. Die beiden ältesten mögen 
sich einem wirklich noch bestehenden Gebrauche anschliefsen; 
die jüngeren sind eine gelehrte Spielerei, aber auch sie be- 
schreiben uns die Geräthschaften der Schreiber. Diese be- 
stehen in Blei, Lineal, Dinte, Rohr, Bimstcin, Messer und 
(dreimal) dem Schwamm. 1 ) Das Material, worauf geschrieben 



') Auf alten Abbildungen findet sich häufig noch die Scheere, viel- 
leicht zum Beschneiden des Papyrus, Pergaments oder Papiers. Zweifel- 
haft ist die von Phanias genannte TtXtv&Lq, gewöhnlich als Schleifstein 
erklärt, doch nur nach Verrnuthung. Ich dachte an Rothstift, da nur 
hier kein Blei erwähnt wird. 



,r,Q Die Schreibgeräthe and ihre Anwendung. 

wurde, lag offenbar vollständig bereitet vor. in der vorzüglichen 
Beschaffenheit, welche die noch erhaltenen griechischen Hand- 
schriften zeigen. Man kaufte es, und brauchte nur darauf zu 
schreiben. Nicht so gut wurde es dem abendländischen Mönch; 
er hatte sein Pergament erst zuzubereiten, vorzüglich diesseits 
der Upen. Deshalb bedurfte er auch einer viel greiseren Aus- 
wahl von Geräthschaften. Eingehend beschreibt dieselben und 
die Aufgabe des Schreibers im zwölften Jahrhundert Alexan- 
der Neck am in seiner Schrift de utensilibus. 1 ) 

Die 1259 gesammelten Statuta antiqua Cartusiensium nen- 
nen II, 16 die utensüia edle, welche jeder Karthäuser erhalten 
soll. Darunter § 7: ad scribendum vero scriptorium, pennas, 
er et am, pumkes duos, cornua duo, scalpellum unum; ad ra- 
dmda pergamem novaeulas sive rasoria duo, puneUmum mum, 
subulam anam et pUmbum et reguiam, postem ad regulandum, 
tabulas, graphmn. Die ganze Thätigkeit des Schreibers ist 
kurz zusammengefaßt in einer Stelle der Klostorgeschichte von 
St Trond«), aus dem Anfang des zwölften Jahrhunderts. Da 
helfet es von dem Abt Rudolf, dafe er als Dccan binnen 
Jahresfrist ein Graduale geschrieben habe: graduale unum pro- 
prio manu formavü, purgavü, pumrit, sukavU, scripstt, dluw,- 
navit, musiceque notavü syllabatim. 

•Wir wollen diese Thätigkeiten einzeln betrachten. 

1. Die Zubereitung des Stoffes. 
V,,n Godehard, der L022 Bischof von Hildesheim wurde 
er2 ähli sein Biograph Wolfher,») dafe er als Knabe schon .... 
Kloster Nieder-Altaicb eine grofse bibliotheca, d. i. wie wir 
„,„,, s iL-:, gesehen haben, eine Bibel, nicht nur geschrieben, 
sondern aus Demuth auch das Pergamenl dazu mil eigenen 
,,;„„,,,, ,„,,,,,,., habe: proprüs manibus pergamenum ae cetera 
necessaria elaborando ordinavit. 

, ^i '||, Wrighl A »olun i »ocabularles 1851 S L16 

, conti« öestorun. A tut» B. Trttdonis VIII, 6 Mon. ßerm. 

I N . , 7 | Die m,ii,. isl erUtaten ran Geraud, Es«« bot Im Uttm 

|i. L36 

\i,,n Germ 38 M- 172, 



Die Zubereitung des Stoffes. 171 

Für den fleifsigen Kalligraphen Marian, den Regensburger 
Schottenmönch, bereiteten, während er schrieb, seine Kloster- 
brüder das Pergament. 

Ein Mönch von St. Gallen schrieb um 900, vielleicht an 
den Bischof Salomon: 

Cultro membranas ad libros presulis aptans, 

Pumice corrodo pellique superflua tollo, 

Et pressando premens ferrumque per aequora ducens, 

Linea Signatur cum regula recta tenetur. 

Tunc quoque litterulis operam clans saepe legendis, 

Quod minus aut maius scriptor depinxit anhelus, 

Rado vel adiungo, placeaut ut grammata domno. 1 ) 

Eine hübsche Stelle führt Schoettgen de librariis an aus 
Petrus Bles. ed. Daum p. 248, wo es in einem Sermo de nativi- 
tate heifsen soll: Audi librorum compositionem, ut et omnia in 
cor de tuo comparare studeas. Prius traditur rasori, ut cum 
rasorio super fluitatem , pinguedinem, scrupulos et maculas tol- 
tat ; deinde supervenit pumex, ut quod rasio auferre non potuit, 
pumice deleatur, scilicet pili et talia minuta. Ad haec ante- 
quam scribatur opus est regula, ne törtuose ducatur linea. 

Diese Stelle habe ich vergeblich gesucht. In ganz ähn- 
licher Weise aber ist dasselbe Bild, ebenfalls in einer Predigt, 
angewandt worden von Hildebert aus dem Kloster Cluny, der 
von 1097 bis 1125 Bischof von Le Mans gewesen und 1139 
als Erzbischof von Tours gestorben ist. 2 ) Er sagt: Scitis quid 
scriptor solet facere. Primo cum rasorio pergamenum purgare 
de pinguedine, et sordes magnas auferre; deinde cum pumice 
pilos et nervös omnino abstergere. Quod si non faceret, littera 
inposita nee valeret nee diu durare posset. Postea regulam 
apponit, ut ordinem in scribendo servare possit. 



1 ) E. Dümmler, St. Gall. Denkm. in den Mittheilungen d. Züricher 
Antiq. Ges. XII. 247. 

2 ) Opera Hildeberti (Paris 17o<s f.) p. 7:5:;. Sermo XV. de libro 
vitae. In Seligenstadt hiejfs liber ritae das Buch, in welches die Namen 
der Verstorbenen aus verbrüderten Klosters eingetragen wurden. For- 
schungen z. deutschen Gesch. XIV, <i!4. 



172 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Anders angewandt finden wir das Bild bei Caesarius von 
Heisterbach 1 ): Llber vitae Christus est ... . In pelle siquidem 
corporis eius scriptae erant litterae minores et nigrae per livi- 
das piagas flagellorum } litterae rubeae et capitales per infixio- 
nes clavorum, puncta <tiam et virgulae per punctiones spinarum. 
Bern pellis eadem prius fuerat muUiplici percussione pumicata, 
colaphis et sputis cretata, arundine liniata. 

Noch weit ausführlicher verwendet der Erzbischof Ernst 
von Prag, Karls IV Zeitgenosse, das Bild zum Vergleich mit 
der Mutter Gottes 2 ) in folgender Stelle: Hoc modo dicitur 
beata Virgo Liber Vitae: ipsa enim est Über generationis Jesu 
Ghristij id est forma vitae omnibus, quos Christus spiritualiter 
genuit Verbo Veritatis. Jacob. 1. Istc über fuit potius pellis 
separata a bove in sua conceptione, mnndata sua sanctificatione, 
extenta per disciplinam, desiccata per abstinent i am. dealbata per 
continentiam, rasa per paupertatem, lenis per mansuetudinem, 
tenuis per humilitatem. In Salutatione Angelica pumicata, et 
in instructione eiusdem regulata, et sie scriptum <-sf in ea di~ 
gito Dei Verbum illud abbreviatum, quod fecit Dominus super 
terram. Isai. 9. Liber t iste mi/ro modo fuit illuminatus minio 
sanguinis Christi in passione, et diversis coloribus, id est di- 
\is doloribus consummatus. 

Hier ist also die ganze Bereitung des Pergaments in kur- 
zem Umiils dargestellt. Wie Conradus de Mure in einfacher 
Prosa dem Schreiber die Auswahl und Glättung des Perga- 
ments zur Pflicht macht, ist oben S. 155 angeführt, aber in 
seinem Gedichl de natura aniinalium hat er sich mit morali- 
scher Nutzanwendung ausführlicher über jenen beliebten Gegen- 
stand vernehmen lassen. 9 ) 

Item de /><■//<■. qualUer de ea fiai carta. 

Pellis aquia \ i t u 1 i decoriata datur. 
(,il\ admiscetur, quae crudum mofdicel omne, 
Mniidiiieet plene, deoorietque pilos. 



') Dial. Miraculorum Vlll. 86. 
-) ärnesti archiepiacopl Prag Mariale <■ 85. 
) Mitgetheill von Gale Morel im An/ d Gern Mua XIX, 814. 



Die Zubereitung des Stoffes. 173 

Circulus aptatur, in quo distenditur illa; 

Ponitur ad solem, humor ut exul eat. 
Accedit culter, carnesque pilosque revellit, 

Subtilem reddit gratuitatque cutem. 
Libris aptatur: primo quadratur in arcus, 

Arcus iunguntur in statione pari. 
Deinde venit pumex, qui quaeque superflua tollit; 

Creta superseritur, ne liquefiat opus. 
Puncti punctantur, sequitur quos Linea plunibi, 

Consilio quorum linea tendit iter. 
Pellis de carne, .de pelle caro removetur: 

Tu de carne tua carnea vota trabe. 

Diese Arbeit übernabm Florentius (f 1400), der Stifter 
der Brüder vom gemeinen Leben, für sieb, weil er selbst nicht 
gut schreiben konnte, die Brüder aber doch dazu anhielt: 1 ) 
Ipse vero venerandus pater Florentius ne vaeuum nomen gereret 
rectoris, sed in exhibitione operis officium sacerdotale commen- 
daret, dedit scriptoribus exemplum darum, membranas pumi- 
cando, quaterniones lineando et componendo. 

Später fiel sie theilweise dem librarius zu, in dessen In- 
struction es in dem Beformatorium von 1494 heifst: 2 ) Circa 
custodiam pirgameni providere debet sibi, ut tempestive procuret 
pirgamenum furcenum 3 ) et papirum, ut habeat in bona copia, 
ut possit singulis amministrare seeundum exigenciam librorum. 
Item conveniens videtur quod cum deputato sibi coadiutore for- 
met sibi magnam partem pirgameni, ne quotidie oporteat circa 
formationem oecupari. Et in formando caveat macidas, angu- 
Io.% rupturas et suturas, quantum potest. 

Das Pergament hatte natürlich nicht die Regelmäfsigkeit 
des Papiers; es war eine eigene Kunst, die passenden For- 
mate zu bestimmen und aus den geeigneten Häuten zusammen 



1 ) Thomas a Campis, V. Flor. c. 14. 

*) Sevapeum XXI, 189. 

3 ) Dieses sonst nicht vorkommende Wor1 isl wohl identisch mit dem 

oben S. !)7 erwähnten fraucctriuii. 



]74 T)ie Sclireibgeräthe und ihre Anwendung. 

zu setzen; man nannte es formarc, talUer. Immer gab es da- 
bei auch frusta pirgameni non deservientia ad aliquam formam. 

Die letzte Vorbereitung zum Schreiben blieb doch noch 
dem Schreiber vorbehalten; es war eine Beschäftigung für den 
Abend. Nach dem Completorium durfte jeder sich in seiner 
Kammer beschäftige«: vel pumicat vel lineat vel studet. 1 ) 

Auch Trithemius sagt in seiner Schrift de laude scriptorum 
vom Jahre 1492, c. 9: Scindat unus pergamenum, alius purget: 
tercius lineando scriptoribus aptet alius emaustwn, pennas 

alius ministret. 

Die erste Thätigkeit des abendländischen Schreibers be- 
stand also in der Reinigung des nur sehr roh bereiteten Per- 
gamentes, damit es überall die Dinte annehmen konnte. 
Stellen, wo es nicht ganz gelungen ist, sind in Handschriften 
uicht selten. Alexander Neckam sagt: Scriptor (escrivur) ha- 
beat rasorium (rasur) sive novacidam ad abradendwm sordes 
pergameni sive membrane.*) Der Karthäuser erhielt dazu zwei 
novaculas sive rasoria. Ueber dieses Instrument und seine 
Form handelt U. F. Kopp, Bilder und Schriften I, 188. Unter 
den vielen Instrumenten, welche der bei Pasini I, 92 abgebil- 
dete schreibende Evangelist aus einer griechischen Handschrift 
saec. XI. um sich hat, hält er für die novacula ein halbmond- 
förmiges Eisen mit hölzernem, in der Mitte der coneaven Seite 
befestigtem Griff. 3 ) Er führt auch die Erklärungen der (ilosso- 
graphen an, Papias: ferrum subtile quo chartae mnovantur; 
j 0( ,!«. Janua: ferreum instrumentum quo sola radi <•! parari 
pergamenum, ab innovando dictum, Aul' die Etymologie ist 
oatürlich kein Gewicht zu legen, da der Name ja viel älter ist 
als die Anwendung zu diesem /weck. Dafs es. wie Kopp 



' ) Serapeum X XI, L87. 

Wright, Vocabulariea p. L16; Englisch aelfsen beide s. 211 

ii tu 

I |,|, babe einige Zweifel, ob die Abbildung genau ist. und Dicht 
vi, .in, dir ein gel ene . an der Bohneide gerades Schabeisen anzuneh- 
men rie das fer dt parcheminier in den Zunftwappen im Livre d'or des 
Mötiei . Imprimerie p. 88 und 36. Im Wappen der Pariser Pergamenter 
eforml 



Die Zubereitung des Stoffes. 175 

meint, auch zur Bereitung von Palimpsesten diente, und die 
Urheber der Glossen das im Sinne hatten, ist möglich. 

Ein ähnliches Werkzeug ist die plana, welche aber bei 
Alexander Neckam erst nach dem rasorium und dem Bimst ein 
kommt: et pumicem (pumice) lidbeat mordacem, et plamdam 
(plane) ad purgandum et equandum super ficiem pergameni. 
Auch Joh. de Garlandia nennt sie unter den instrumenta eleri- 
cis nceessaria : *) pumex eum plana et ereta. Commentar dazu : 
plana proprie dicitur instrumentum ferreum, cum quo per ga- 
meniste preparant pergamenum. 

Das ist also das planare, planieren. 

Auf das Abschaben folgte die Glättung mit Bim stein 
(pumicare, poncer), welche in den angeführten Stellen oft genug 
erwähnt ist. Auch bei den Alten kommt der pumex vor, und 
Ovid z. B. sagt Trist. I, 1, 11: Nee fragili geminae poliantur 
pumice frontes. Aber eben aus dieser Stelle sieht man auch, 
dafs er nur zur äufserlichen Glättung des Schnittes, wenn wir 
diesen Ausdruck auf die Endflächen der Rollen übertragen 
dürfen, verwandt wurde. Der byzantinische Schreiber dagegen 
bedurfte der ziör/Qig zum Schärfen des Schreibrohrs. Im Abend- 
lande aber wurde das Pergament damit abgerieben, und auf 
vielen Handschriften sieht man die feinen parallelen Striche 
sehr deutlich. Ob es in Italien vorkommt, wo das Pergament 
gleich durch die erste Fabrication eine glattere Oberfläche er- 
halten zu haben scheint, ist mir zweifelhaft. In dem alten 
Wörterbuch im Serapeum XXIII, 277 heifst es: Pumex, bimss, 
est lapis levis et porosus, quasi sit ex spuma maris coagula- 
tus, quo utuntur scriptores ad asperitates pergameni tollendas. 
Andere blossen haben die Ausdrücke: pimße, pambst, bymß, 2 ) 
vom ahd. pumiz. 



1 ) Geraud, Paris sous Philippe-le-Bel p. 602: Wright, Vocabula- 
ries p. 132. 

2 ) Monc's Anz. VIII, 251. 2W. Diefenbach 228. Anglice pomege, 
Wright p. 21o. Kin künstlich zusammengesetztes pumiceum ohne Bim- 
stein bei Rockinger S. :;!). In Teirernsoe zahlte man 1497 24 den. vnib 
pymsen, il>. S. 50. 



176 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Nach den Statutis Cartusiensium gehört auch Kreide zu 
den nothwendigen Geräthen. und Caesarius von Heisterbach 
setzt er data zwischen pumicata und liniata. In dem schon 
öfter angeführten alten Wörterbuch heifst es: creta, lereid, est 
lapis albus, vel naturalis vel artificiose confectus, qui per cor- 
rosiönem pulverisatur super pergamenum, ne defluat sive dif- 
fundatur incaustum. Und gleich darauf: Corrosorium, schab 
eyssen, ponitur pro instrumento scriptoris, per quod creta d'nni- 
luiitur in pulverem spargendum in pergameno. 

In einem Münchener cod. saec. XII steht: Puraa perga- 
menum tum pumice, et postea inmitte tritum calicem, wofür 
wohl zu verbessern ist tritam calcem. 1 ) Rockinger 2 ) theilt 
verschiedene andere Anweisungen für das crediren mit, die An- 
fertigung eines eigenen credit stains. Die Kreide hatte auch 
üble Wirkungen, besonders wenn man zu viel nahm, und der 
Anonymus Bernensis 3 ) räth deshalb dem Maler: Si hoc est, quod 
scriptura quam coloraturus es, sit nimis confeeta de üla petra, 
quae creta dicitur, sicut a nonmdlis scriptoribus solet j'uri. ex- 
pelle tarn foras de scriptura, feriendo duriter in pergameno; 
exinde namque albescü onmis color, quin etiam impedimentum 
iini.iiinuiii pennae facit scribae, ita ut ipsa non possit ire in 
pergamenum. Sed tu purum frica digito locum ipsum, ubi 
fdbricaturus es litteram, 

Audi bei Correcturen kommen dieselben Werkzeuge und 
Ausdrücke vor (s. unten), aber Alexander Neckam empfiehlt 
dazu den K berza Im: Häbeat et dentem verris (umtun) sive 
apri (sengler) sive leofe (Ulms alüis) 4 *) ad poliendum perga- 
menum, ui non liquescai litter a, non dico elementum, sive 
litura facta sit, sive litteras a scriptis cancelaeerit. 

Ganz vermeiden Liefsen Bich fehlerhafte Stellen nicht, die 



') 8B. der Manch. A.cad. 1873 B.713. Creta, angl caUce, Wright, p.211. 
i /hui baier. Schriftwesen S. 26. 
i Nach dein Theophilujs <'<1 Qg l- •''•'l 

') ll<< leoffa, /'. - Umgoa dentes, >i Bei nomen grecum. 

Commentar, den Wright, Vocabulariei p. L16 anfahrt Zahne ?on Wolf, 
Bär, le>i~ werden /um planieren, praniren, pottieren <I<t goldenen und 
Bilbernen Bchrifl empfohlen, bei Rockinger S 18 



Die Zubereitung des Stoffes. 177 

vom Schreiber umgangen werden mufsten, und oft mit Linien 
umzogen sind. Namentlich waren häufig Risse und Löcher 
im Pergament, welche verklebt oder zusammengenäht wurden. 
Rockinger S. 27 theilt Recepte zur Bereitung des Leims für 
diesen Zweck mit. Im Cod. Sinaiticus sind die Löcher mit 
solcher Geschicklichkeit durch feine Pergamentstücke ausgefüllt, 
dafs sie noch jetzt kaum zu bemerken sind. Dasselbe Ver- 
fahren ist im Cod. Colon. 212 saec. VII wahrzunehmen, während 
im Ambros. Plautus Löcher vorkommen, die schon vom ersten 
Schreiber übersprungen sind. *) Auch im Sanctgaller Priscian, 
der im neunten Jahrh. von irischer Hand geschrieben ist, sind 
die Löcher durch Pergamentstücke ausgefüllt, diese aber mit 
Pferdehaar eingenäht. 2 ) Gewöhnlich sind Risse zusammen ge- 
näht, während das Pergament nafs war; später konnte man 
die Fäden ausziehen. Es kommt aber auch vor, dafs Risse 
und Löcher mit bunten Seidenfäden eingefafst wurden. Nament- 
lich erinnere ich mich sehr zierlicher Arbeiten der Art aus 
den Handschriften des Klosters Admunt, welche von den früher 
dort befindlichen Nonnen geschrieben sind. Ein anderes Bei- 
spiel der Art aus einem Missale des 13. Jahrhunderts wird im 
Anzeiger des Germanischen Museums 1867 Sp. 104 angeführt. 

In der oben S. 106 angeführten Rechnung über den Preis 
einer Handschrift vom Jahre 1374 in Corbic fanden wir das 
Pergament gleich cum rasura et reparatione foraminum be- 
rechnet. Weiterhin kommt aber noch der Posten: Item pro 
foraminibus reparatis in marginibus cum tentione libri XL 
solidos. Das scheint eine Operation zu sein, welche dem Ein- 
band, der noch abgesondert vorkommt, vorausging. 

In Urkunden vermied man solche Fehler, wenn es irgend 
möglich war, und für päbstliche Bullen bestand die ausdrück- 
liche Vorschrift: quod in nulla parte sui debent continere fo- 
ramen vel suturam apparentem. 3 ) 



1 ) Studemund de Vidularia Plautiua (Ind. scholarum Gryphisw. 
1870) p. 6. 

2 ) F. Keller in d. Mitth. der Züricher Ant. Ges. V1J, 82. 

3 ) Regeln vom Ende des 13. Jahrh. bei L. Delisle, Bibl. de l'Krole 
des Chartes 4. Serie, IV, 23. 

w :i tten bacfa . Schriftwe len. I. Aufl. \l 

I 

\ 



178 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

2. Liniierung. 

Alle sorgfaltig geschriebene Manuscripte aus ältester Zeit 
zeigen schon durch die grofse Regelmäfsigkeit der Zeilen, dafs 
sie liniiert gewesen sind, auch wo die Spuren nicht mehr er- 
kannt werden können; in den hercnlanensischen Rollen aber 
sind sie kenntlich. *) 

In den mitgetheilten Epigrammen finden wir das Blei in 
runder, wohl rad förmiger Gestalt angeführt, xvxXoreQrjq, TQoyntu 
(loJUßöog. Epigr. 62, 1 bezeichnet es als otttöcov Cr^iavxoQa 
rx'/.i VQJjg, was auf die Umgrenzung der Seite zu gehen scheint.-') 
aber nach GG, 1 zieht es die Strafse, ?)g sjcl Qi^ovrai ygdfj k ua- 
toq r.nuorhj. Die yQafiftrj wird als xvavhj bezeichnet 64, 1. 

Wie aber diese Epigramme überhaupt mehr Nachklänge 
einer früheren Zeit sind, so bezieht sich auch diese Uebung 
wohl nur auf Papyrus. Auf dem festen und glatten Pergament 
haftete ein solcher Bleistrich nicht gut, und der Stoff vertrug 
auch eine andere Behandlung. Mit dem Baumwollenpapier 
verhielt es sich nicht anders. Man ist daher hier, wenn nicht 
gleich und überall, so doch nach und nach zu einem anderen 
Verfahren iil »ergegangen, indem man fest eingedrückte Linien 
mit dein Griffel zog. Dergleichen sind z. B. in dem Cod. 
Alexandiinus der Bibel saec. V, welcher in zwei Columnen ge- 
schrieben ist. über die ganze Breite der Seite. 

Diese eingedrückten Linien, wie sie noch jetzt im Orient 
üblich sind, bilden für ältere Handschriften durchaus die Regel; 
zuweilen sind sie auf dem vielleicht feuchten Pergament so 
Bcharf gezogen, dafs sie stellenweise durchgeschnitten haben. 

Merkwürdig ist. dafs in griechischen Handschriften die Buch- 
staben nicht ;iuf. sondern unter den Linien stehen, was an 
Hebräisch und Sanskrit erinnert 

In Urkunden sieht man oft leicht eingeritzte Linien, deren 
schwärzliche Färbung es zweifelhaft lä&t, oh sich Staub hin- 



') sj riconofleono ancora Le linee parallele segnate bu] papiro per 
enire di guida al copiata. .l<»ri<i |'. 88 ii. <»■ 

Damit mag man rieh manchmal begnügt haben. <>l> das die 
/ <>l oben s L82 lein können ? 



Liniierung. 179 

eingesetzt hat, oder ob Blei oder Braunstift angewandt ist; 1 ) 
vom elften Jahrhundert an zeigen sich deutlich Bleistiftlinien, 
die im zwölften häufig werden. 2 ) Johann von Tilbury um 1174 
sagt: regulam voco lineam illam, qtiae plumbo facta manum 
scriptoris rectam diicit, 3 ) und Alexander Neckam 4 ) sagt: plum- 
bum (plum) habeat et linulam (reulur) sive regulam, quibus 
linietur pagina; Joh. de Garlandia im 13. Jahrh. nennt unter 
den Werkzeugen des Schreibers phimbum et regula. Im 13. 
kommen Dintelinien auf, so Mon. Germ. SS. IV. Tab. 3, und 
in einer Urkunde von 1245 bei Kopp, Bilder und Schriften I, 
156. 5 ) Bei Sickel, Mon. Graph. II, 12 (saec. XIV. ex.) und 
im Berliner Cod. germ. qu. 84 (Schwedische Gesetze saec. XV.) 
sind nur die Ränder durch Dintelinien abgegrenzt, im innern 
Raum keine Linien, wie man denn bei zunehmender Viel- 
schreiberei häufig ganz ohne Linien schrieb. Doch giebt Con- 
radus de Mure 1275 ausdrücklich die Anweisung, dafs die 
Linien nicht sichtbar sein sollen: 6 ) Item in quatemis scriben- 
dis, etiam si linee cum lignieulo vel alias fiunt pro ipsius 
scribentis ductu, non debent apparere. set ipse linee intellectua- 
les equaliter decenter distantes in utroque latere, scilicet prin- 
cipii et finis, ductum observent linealem, ne litter a magis in 
una parte quam in altera elevatior seu depressior videatur. 
Auf Purpurpergament, und auch sonst bei Uncialschrift, 



1 ) lieber die unvollkommene Liniierung Karolingischer Diplome s. 
Sickel I, 289. 

2 ) Griffellinien aber hören nicht, wie Mannert behauptet, im 13. Jahrh. 
auf. Sie finden sich z. B. in den Berliner Codd. Latt. f. 264 und 372, 
welche beide saec. XV. in Italien geschrieben sind. 

3 ) Val. Rose im Hermes VIII, 319. 

4 ) Wright, Vocabularies p. 11G. anglice lede ib. p. 211. 

B ) Auch die Urk. Leub. 30 von 1224 im Schles. Prov. Archiv hat 
Dintelinien, ist aber nicht gleichzeitig abgcfafst, s. Grünhagen, Regesten 
zur Schles. Gesch. I, 128. 

°) Quollen zur Bayer. Gesch. IX, 439. Dieser Regel entspricht 
genau der sehr alte Uncialcodex der Itala, nach E. Ranke, Progr» 
Natal. Marb 1856 S. 10. 

12* 



130 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

bemerkt man Parallellinien, um zwischen ihnen die Buchstaben 
ganz gleichmäfsig zu machen. 1 ) 

In den zierlichen Handschriften des 15. Jahrh. kommen 
oft rothe und violette Linien vor, so im Breslauer Froissard. 
Jehan Fouquere erhielt 1456 pour avoir taiM, pointe, ponce 
,/ r SgU de rose six äouzaines de parehemin m 36 caiers, 
20 deniers für jedes caier. 2 ) 

Um das Pergament zu liniieren, erhielt es eine Anzahl 
genau abgemessener Stiche, um danach die Abschnittlinien und 

die Zeilen zu ziehen. . 

Dazu brauchte man den Zirkel, 6iaßdt?]g, circmus,*) bei 
Phanias %a 9 nwa; die Karthäuserregel nennt das punetornnu, 
welches nach dem schon erwähnten Wörterbuch wohl auch em 
Zirkel war, da es so erklärt wird: pimet eysen, est mstrumen- 
tum acnf, angtdi ad perforandum subtüiter pergamenim; 
aufserdem pbmbum und subula. Im Vocab. Duac. wird pun- 
ctorium übersetzt pongons; bei Alexander Neckam poyntur, m 
einem englischen Glossar a prytäer.*) In der oben S. 170 
angeführten Stelle der Gesta S. Trudonis wird diese Thatigkeit 
bezeichnet durch punxit, suleavit. Schlimm erging es einer 
Nonne, welche unvorsichtig die subula zum Punctiren gebrauchte: 
soror ima, cm usus erat scribendi, mmbranam dum ad Imeas 
punetaret, subtdam incaute trahens, ocidum transfigit. 6 ) Gluck- 
licher Weise wurde sie durch ein Wunder geheut Als Werk- 
zeug zum Eindrücken der Linien nennt Conradus de Mure ein 
Hölzchen, lignkulum, die Karthäuserregel, wie es scheint, postis 
ad regulandum. Emprintow wird es genannt in (hau altfranz. 
Gedichl De I" maaille aus dem 14. Jahrhundert, wo die Vor- 

M Nouvcih» Traitf II. L02. sichtbar z.B. bei den im An/. XX, 301 
beschriebenen schönen Blattern des Genn. Museums 

, A Schultz, Beschreibung der Breslauer Buderhandschnfi des 

Froissard 3. 1 1 aus de Liaborde. 

, ,.;;,„. Glosse bei ttone, An/.. Vlll. 390 sagt: ctom&w, mefwme* 

i,i„» carpentarii, risse*. 

') \\ri-l.t p. 211. Neckam p. Ll6 Bagt: pwictorwm, a quo poattt 

totere: , {poyntay) quaiernum meum ei tum pupigi (pumay). 

Vt B M echtildi ■ XD ) auct Engelhardo abb. i 

Vl . , gg \i,i \ii. i.M Bei Bockinger 3. 60 pfriemm 



Liniierung. 181 

ziure dieses kleinsten Geldstücks, das man nicht verschmähen 
solle, des halben Denier, gerühmt werden; da folgt anf die lange 
Reihe der Gegenstände, nach denen zu gehen sie bereit sei, auch 

En ponces ou en emprintoirs, 

En rigles ou en rigleoirs, 

Ou en cornetes a metre enque. *) 

In der zweiten Zeile haben wir das Lineal, regloir, engl. 
rider; 2 ) ob daneben rigles noch etwas anderes bedeutet, weifs 
ich nicht zu sagen. Griechisch hiefs es xavcov , xavwviq, lat. 
canon, normet, regiüa. In dem oft erwähnten Wörterbuch: 
Regula, linearium, linial, generaliter dicitur illud quod iuste 
dirigit operationem agentis, unde etiam liniarium dicitur regula. 
Est autem linearium mstrumentum scriptorwm, seeundum quod 
formed Vmeas, quibus dirigitur Script or in scribendo directe 
litterales figuras. Aus alten Glossen wird angeführt jcaQa- 
YQacpoq praeductal , was den Griffel oder Bleistift zum Ziehen 
der Linien bedeuten soll, nach Salmasius, Exercitationes Plin. 
p. 917, wo er Colloquia puerilia antiqua anführt, in denen 
vorkommt: Surge puer, quid sedes? tolle libros omnes latinos, 
membranas et pugillares, et locellam et praeduetale. Griechisch 
steht dafür: zag di(p&tQac, xal jtcvaxtöag, xov y2.co66ox6{iov 
xcu rov jtaQcr/Qa(pov. Auch praeductile soll vorkommen; für 
die angenommene Bedeutung fehlt es aber an einem Beweise. 
Aber im sogenannten Thesaurus novus Latinitatis bei A. Mai, 
Class. Auctt. VIII, 484 steht: Praeduetale, instrumentum illud, 
quod habent infantes, cum primas litter as diseunt. Man könnte 
danach an die zum Nachziehen eingegrabenen Buchstaben den- 
ken, deren wir beim Schreibunterricht zu gedenken haben 
werden; aber bei Pollux IV, 18 gehört es zu den Aufgaben 
des Grammatisten reo yQafptup jtaQayQayeiv tfj JtaQayQacpidi, 
wo jedoch die richtige Verbindung der Wörter mit einander 
zweifelhaft ist. Pollux Onomast. X, 59 sagt: reo de jtacdl ödoi 
dv JZQOözZvai yqacpuov , TtaQayqaeplda, xalaf/lda, jiv^lov , so 



') Jubinal, Jongleurs et Trouvercs (Paris 1835) p. 104. 

2 ) hoc reguläre, a rewler, Wright p. 211; vgl. oben S. 172. 



182 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

dafs ein Unterschied von naQayQcupoq und jzccQayQaph nicht 
anzunehmen ist. 

Die Linie selbst hiefs /(>«,«/////, linea, in spätem Mönchs- 
latein riga. 

In sehr alten Handschriften, wie in dem Evang. S. Marci 
in Prag, auch in den westgothischen Fragmenten, Cod. Lat. f. 
327 in Berlin, sind die Punkte in der Mitte zwischen den Co- 
lumnen; später an den äufsern Rändern. Die Linien gehen 
anfangs über die ganze Breite, oder auch über zwei Seiten 
zugleich, bleiben aber später zwischen den senkrechten, ge- 
wöhnlich doppelten Abschnittlinien, und gehen nur oben und 
unten noch über das ganze Blatt. Wo nur Eine Seite zu be- 
schreiben war, hat man auch die eingedrückten Linien auf 
der Rückseite gezogen. *) 

Die Löcher bleiben immer deutlich sichtbar, wenn sie 
nicht beim Einband weggeschnitten sind. 

3. Schreibwerkzeuge. 

Auf Wachstafeln schrieb man mit dem Griffel. 

Bei dem Gebrauch im Alterthum ist es überflüssig hier zu 
verweilen; 2 ) man hat deren genug. Im Musee de Cluny sind 
unter den in Frankreich gefundenen gallorömischen Gegen- 
ständen n. 34<>s zwölf beinerne Griffel, einige oben kugelförmig, 
andere mit einem Schäuf eichen. Andere aus späterer Zeit 
wurden schon oben S. I5 ( .» erwähnt. Besonders merkwürdig wäre 
der von Chifflet abgebildete Griffel des Königs Childeriöh, 
wenn nicht der Abbe Cochet, Tombeau de Childeric |>. 214 
nachgewiesen hätte, dafs es eine fibula ist: auf der folgenden 
Seite giebl er einige Altbildungen bronzener Griffel ans mero- 
wingischer /«'it. 

Die Benennungen haben zweierlei Ursprung; öTvAoq, stüus, 
kommt im Mittelalter seltener, gewöhnlich in übertragener Be- 
deutung vor« Doch heilst es \"n einem Prager Studenten: 



') Etockinger, Zum Baier. Schriftwesen 8. 29. 
, Marqnardt, Rom Privatalterthümer II. 888 d 8401, im Ber- 
Iiih r Antiqaarium Bind Griffel im Bronzezimmer. 



Schreibwerkzeuge. 183 

scholam in tabemas et prostibula, libros in aleam, stilum et 
pennam in tesseras permutavit. x ) In Paris sah Johannes de 
Garlandia bei einem Krämer stilos et stilaria, 2 ) und in Lübeck 
hatten die Nadler stilos feil. 3 ) In englischen Glossaren wird 
es durch poyntyle, poyntelle und peller erklärt, und zur Unter- 
scheidung zugesetzt: 

Est stilus unde puer scribit, stilus esto colurnna, 
Dictandique modus dicitur esse stilus. 4 ) 

Fehlerhaft ist der Ausdruck pugillaris, griffet, im Voca- 
bularius rerum cle a. 1433 bei Mone, Anz. VIII, 251. Daraus 
erklärt sich aber im Vocabul. Duac. die Glosse pugillaris, 
ponchons vel taublette. 

Gebräuchlicher waren die vod ygäpeiv abgeleiteten Be- 
nennungen ygcMpslov, ygacpiq, yQacpiöiov, graphium, mittelalter- 
lich auch graphius, wovon altfranz. grafe, später greffe, angels. 
graef, deutsch griffet. 

Auffallend und durch Mifsverständnifs zu erklären ist der 
Ausdruck in den Actis S. Artemae: Jussit pneris qui eins di- 
scipuli fuerant, quod cum gladiis qui ab officio scribendi graeco 
eloquio graphii nuncupantur, illum cradeliter trucidarent. 5 ) 

Ein Räthsel 6 ) des Symphosius beschreibt die Gestalt des 
Graphium, wo aber der alte cod. Salmas. grafius hat: 

De summo planus, sed non ego planus in imo, 
Versor utrimque manu, diverso munere fungor: 
Altera pars revocat, quiclquid pars altera fecit. 



3 ) Palacky, Formelbücher I, 259. 

2 ) Wright, Vocabularies S. 123, mit der Erklärung: stilos gallice 
greffe. 

3 ) Wehrmann, Zunftrollen S. 339. 

4 ) Wright, Vocab. S. 211. 231. 261. Im Tegernseer Ausgabebuch 
bei Rockinger S. 50 a. 1496 23 den. vmb schreybstill , 1497 25 den. vmb 
griffet, 5 kr. pro 20 graphiis ferreis. Im Cod. lat. Monac. 18628 aus 
Tegernsee ist fol. 18 v. zu Sedulii Opus paschale die Glosse stilo, grafio 
vel calamo. 

5 ) bei Du Cange s. v. Graphium 

6 ) Anthol. Lat. ed. Riese I, 188 n. 286. 



1 ^4 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Erzbischof Lull schickte der Aebtissin Eadburg zum Ge- 
schenk ein graphium argenteum. r ) Auch Bischof Daniel von 
Prag hatte einen sfüus argewteus (unten S. 202). 

Deutlich ist die Erklärung aus einem Glossar bei Du Cange 
als stihis vel baculus studmtis und in angels. Glossaren grafium 
graef. 2 ) Auch in Aelfric's Vocabular ist mit graphium vel seri- 
ptorium, graef" 3 ) wohl nichts anderes gemeint. Aber zweifelhaft 
ist es, wenn Papias sagt graphium, Script orium, und deutlich 
steht in der Geimna gemmarum: graphium, schrybbret oder 
griffet. Denn graphium und greff'e bedeuten, namentlich in 
Frankreich, in weit ausgedehnter Bedeutung auch das Schreib- 
pult, die Schreibstube, die Registratur und das Amt, officium 
scriptoris. 4 ) 

Man verwahrte die Griffel in der ygag)iod'?]X7], dem graphi- 
arium, wovon Martial XIV, 21 sagt: 

Haec tibi erunt armata suo graphiaria ferro. 
Si dederis puero, non leve munus erit. 

Dergleichen führten die Schreiber immer mit sich, und 
weil der Griffel auch als Waffe dienen konnte, Hofs Kaiser 
Claudius nach Sueton c. 35 jedem comiti etat libreirio, der zu 
ihm kam, die <:<tl<tin<tri<tc aut graphiariae theceie vorher ab- 
nahmen. 

Ein Scholiast zu Juv. X, 117 erklärt: eapsew kl est foruli, 
W quo pemitur stüuSy 5 ) und solche Behältnisse sind vielleicht 
die stilaria, welche Joh. de Garlandia erwähnt (oben S. 183). 

Der Pinsel, byzantinisch xovölkiov, ist wohl früh aufser 
Gebrauch gekommen; nur zur Goldschrift wird die Anwendung 
noch verlangt, aber TheophÜUS spricht auch da von der Feder. 
Hartker, von 986 l>is 1011 Klausner in St. Gallen, liält auf 
der Abbildung einen Pinsel in der Hand, aber wohl deshalb, 



» Jaff<6, HM. III. -J\ 1: «'ii. 7."». 

) Wright, Vocabulariei 8 7."». B9. 
! ) lb 8. !•'. 

Diefenbach, Gtloas, lat germ, 

) Eccl. Colon. Co.hl. p. 1 18 



Schreibwerkzeuge. 185 

weil das von ihm geschriebene Antiphonarium mit Gemälden 
verziert ist. 1 ) 

Abgeleitet von xovöiliov ist das Wort [iovo/tovöiltov 
für die künstlich verschlungenen Unterschriften von Namen, 
Sprüchen u. a., wie dergleichen Spielereien im Orient noch jetzt 
beliebt sind. 2 ) 

Der lat. Ausdruck ist peniciüus, pmicülus, wovon pinsel, 
franz. pinceau, und engl, pencil, auch für Bleistift. 

Im allgemeinsten Gebrauch war im Alterthum das Schreib- 
rohr, wie wir es auch in den Epigrammen der Anthologie 
finden; die besten kamen mit dem Papier vom Nil. Sie hiefsen 
xdXafiog, dovai- YQatytvq, ojplvoq, calamus, canna, in den Epi- 
grammen auch joacpLöeq. Thomas Magister sagt: xdXa[ioq ejil 
YQa<pidog, ov Öova^, und eine Glosse (bei Labbe S. 25): canna, 
xdZafiog dt ov yodipofiev. Sie heifsen in den . Epigrammen 
(xtöoöxidslg , öidyXvjtrot , und bei Ausonius Ep. VII, 48 fissi- 
pedes calami. Verkauft wurden sie bündelweise nach Martial 

XIV, 38: 

Fasces calamorum. 

Dat chartis habiles calamos Memphitica tellus. 
Texantur reliqua tecta palude tibi. 

Doch waren auch die Rohrfedern von Knidos sehr ge- 
schätzt. 

Im Abendland kommt das Wort calamus oft vor, aber ge- 
wöhnlich in übertragener Bedeutung; so heifst es in dem oft 
erwähnten Wörterbuch: Calamus, schreib feder, proprie est 
pars herbae etc. et transsumitur pro instrumento scriptorio 
coneavo, per quod incaustum deducitur in elementares scripturas. 
Unser Rohr ist zum Schreiben kaum zu brauchen, und man 
kannte hier wohl gar kein Schreibrohr. 

Es läfst sich daher kein Beweis entnehmen aus der Unter- 
schrift des Codex, welchen Constantin, von 1004 an Abt von 
S. Symphorian zu Metz, schreiben liefs: 



] ) Lambillotte , Antiphonaire de S. Gregoire, PI. 1. vgl. Scherrers 
Verzeichnifs S. 133. 

*) B. darüber Monllaucou, Talacogr. Gr. p. 35ü. 



]<i\ Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Pontificale decus qui gestit noscere cautus, 
Perlegat hunc librum Bettonis arundine scriptum, 
Quem Coiistantiui statuerunt iussa patrari. 1 ) 

Deshalb heifst es auch in einer Glosse zu Pers. III, 14 im 
Berliner cod. Lat. in folio 49 f. 105 v. arundo: penna .nodosa: 
olim enim scribebant arundine. 

Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, dafs man nicht im 
früheren Mittelalter auch noch Schreibrohr aus Italien bekam, 
dessen Anwendung in St. Gallen Scherrer zu erkennen glaubt. 2 ) 
In Ivrea mag ein Schreiber wirklich im 9. Jahrb. mit der 
arundo geschrieben haben, 3 ) und in Italien erhielt sich der 
Gebrauch; bei Bologna wuchs brauchbares Schreib röhr. Am- 
brosius Cainald. sclneibt 1433 aus Venedig an seinen Bruder 
Hieronymus (epp. ed. Melius p. 416): Calamos si qui occurrent, 
electiores ad te mittam, licet ipse malis aeque ut bonis uti soleo. 
Paucissimi tarnen inveniuntur quales cupis, neque omnium iu- 
dicio cogniti. Und etwas später S. 566: Mitto ad te calamo- 
rum fasciculum, non quidem opümorum, sed quales mihi dono 
dati sunt. Niccolö Niccoli soll sich einige auswählen. Nam 
revera maiorem in liae civitate huiusce (sie) rerwm penuriam 
quam Florentiae patimur. Deutlicher schreibt Jo. Aurispa an 
Ambrosius S. 1025: Calamos Bononiensis agri in fascem ad 
te feram, und S. 1026: Una cum quinternionibus istis quosdam 
Bononienses calamos ad te feram. 

Bruder Adam von Genua aber schreibt 1460 in Velletri, 
nach Bandini. Codd. lat. II, 114: 

Non bene scribenti calamo rogo parce mihique, 
Namquc ego cum calamo scribere ineptus eram. 

[hm scheint das Schreibrohr ungewohnt gewesen zu sein, und 
vielleicht hatten es erst die Humanisten wieder in Uebung ge- 
bracht. Man verwahrte die Rohre in der xaZafio&qxi], xaXauiq, 
\(»!i der Form auch xaveov genannt. • Lateinisch sagte man 



') Labbe, Not§ Bibl. I. 784, rgl BIG. II. 260. 

») im cod 7«' B VIII TOD W inilluir. \ w/ «I StilNl.il. 1. S. 80. 

: ) Dümmler, Gesta Berengarü 8. L59. 



Schreibwerkzeuge. 187 

calamarium, was auch früh griechisch als xaZccficcQcov erscheint. 
Martial XIV, 19 sagt von der theca calamaria: 

Sortitus thecam, calamis armare memento. 
Cetera nos dedimus, tu leviora para. 

In Diocletians Edict de pretiis rerum venalium vom Jahr 
301 finden wir sie unter den Lederarbeiten aufgeführt: thecam 
cannarum numero V. den. XL. 

Zu Ezechiel 9, 2 bemerkt Hieronymus: 1 ) cesath cum ab 
Hebraeo quaererem quid significaret, respondit mihi Graeco 
sermone appellari xaZafiaQwv ab eo quod in illo calami re- 
condantur. Nos atramentarium ex eo quod atramentum habeat 
dicimus. Multi significantius thecas vocant, ab eo quod thecae 
sint scribentium calamorum. Aus dieser Stelle ergiebt sich 
recht deutlich, dafs auch Dinte darin verwahrt wurde; es waren 
vollständige Schreibzeuge, wie sie im Orient noch jetzt die 
Schreiber am Gürtel tragen (vgl. oben S. 184).. Montfaucon 
hat 2 ) ein merkwürdiges altes bronzenes Schreibzeug aus dem 
Schatz von St. Denis abbilden lassen, welches bestimmt war 
am Gürtel zu hängen; aber es hat nicht die Form der theca 
oder des xavcov. Des englischen Königs Heinrichs VI pencase 
befindet sich in der Curzon library, und ist im Catalogue p. 1 
abgebildet. 

In den Acten des Concil. Chalcedon. von 451, Act. 1 heifst 
es: ajtriXttipav avrö5v rag ßlßlovg .... d-kXovreq Xaßelv xal 
za xaXa(iaQia. 

Das Wort erhielt sich vorzüglich in Italien im Gebrauch, 
wo noch jetzt das Schreibzeug calamajo heifst, auch wenn es 
nur zur Aufnahme der Dinte bestimmt ist. Aber auch in 
Deutschland kommt der Ausdruck vor, und böhmisch heifst 
das Schreibzeug Jcalamarz. 



*) Opera, ed. Vall. V, 94. 

2 ) Palaeogr. p. 23. Antiquite expl. III. PI. 193. Die von Mar- 
quardt II, 402 nachgewiesenen antiken Dintenfässer sind einfache Näpfe. 
So auch die im Berliner Antiquarium im Bronzenzimmer befindlichen in 
cylindrischer Form, von denen eines einen bedeutenden Rest verhärteter 
Dinte enthält. 



188 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Aus einer alten Urkunde von Casanria führt Du Gange 
s. v. Pergamena die Stelle an: ühde pro stabüitate vestra ego 
Rimo cum pmna et calamario et pergamena de terra levavi, 
während in anderen Urkunden der Art das Wort atramentariwm 
gebraucht wird. Das Kloster Monte Cassino erhielt am Ende 
des elften Jahrhunderts von einem Yicecomes des Grafen von 
Oapna calamarium aureum margaritis et gemmis pretiosissimis 
tmdique adornatum. Chr. Casin. IV, 13. Jo. de Janua (a. 1280) 
erklärt calamarium einfach als cornu, ubi tenetur incaustum. 

Als der böhmische Reformprediger Militsch von Kremsier 
von der römischen Inquisition eingekerkert war. fand er wun- 
derbarer Weise calamare cum incausto et papyrum, que longe 
ab eo in carcere erant posita, an seiner Seite wieder. 1 ) 

In dem Wörterbuch vom Ende des Mittelalters 2 ) wird ca- 
lamare erklärt durch Schreibzeug . -inst rumentum scriptoris con- 
cavum de corio duro consutum, in quo ponuntwr instrumenta 
scriptoris ut euttellus et calamus, et alio nomine dielt ur pen- 
nale a nomine /><nna. 3 ) 

Am Gürtel trugen die Schreiber dergleichen; aber wenn 
es in der Vita Theogeri II, 3 heifst, dafs 1117 der Card i na 1- 
bischof Cono von Praeneste nomen sibi habitumque scriptoris 
mauertet, et usqueguo Remorwn civitatem intraret, huius operis 
instrumenta ex humer o eius suspensa pendebant, so hat schon 
der erste Herausgeber, Dom Brial, gerechte Bedenken gehabt, 
ob die Schreiber ihre Geräthe in solcher Weise getragen hätten, 
und nicht vielmehr ein Lesefehler anzunehmen sei. 1 ) 

In Frankfurt gab man 1399 zehn Schilling Heller aus 
rnih rin hundert Rechenpfennige vnd ein dintenhom und hale- 
maren. b ) Bei Etockinger ist das Wort in den Eüosterrechnungen 

') Vita .Milieu in Balbini Miscell. Dec. I. 1. IV. j>. 2. pag. :><> 
äerapeum Will. 279. 
in einem Glossar saec. XV bei Wright, Vocabularies 8. 210 hoc 

') BriaJ schl&gl ?or sevrptoris, was Porte, Mim. Germ. ss. XU. Iii7 
ohne Bemerkung «riederholt, obgleich es mir wenigstens unverständlich 
ist. Vielleicht i-i sartorit zu verbessern. Die Verkleidung als Schreiber 
war wohl l<;iiiin geeignet, ror Verdacht zu schoteon. 

•) Kriegk, Deutsches Bttrgerthum N. F. 8 8 



Schreibwerkzeuge. 189 

häufig, und in einem Recepte für Dintenpulver S. 36 heifst es: 
pone in calamale et desaper aquam funde. 

Die Feder kommt erst spät vor; sie war nur brauchbar, 
wenn man sehr schärfe Messer hatte,. Zuerst erwähnt sie der 
Anonymus Yaiesianus, wo er von dem Ostgothenkönig Theo- 
derich erzählt, dafs man ihm zur Unterschreibung seines Namens 
eine Form gemacht, damit er posita lamina super chartam, 
per eam pennam duceret et subscriptio eins tantum videretur. 
Ganz derselben Veranstaltung bedurfte sein Zeitgenosse, der 
Kaiser Justin, aber da ist von der ygapig, dem calamus die 
Rede, welcher in das königliche Nafs getaucht wurde. *) Später 
sagt Isidor Origg. VI, 13: Instrumenta scribae calamus et penna. 
Ex Ms mim verba paginis infiguntur, sed calamus arboris est, 
penna avis, cuius acumen dividitur in duo , in toto corpore 
unitate servata. 

Schon in den ältesten irischen Manuscripten scheint der 
Evangelist Johannes eine Feder in der Hand zu halten ; 2 ) spä- 
tere Beispiele sind zu häufig, um sie anzuführen. 

In einer metrischen Passio, an Pabst Leo (IX?) gerichtet, 
sagt der Poet: 3 ) 

Quae metro voluit nostra inmutare cameiia, 
Ut sudet Petro pinnula nostra sacro. 

Gebräuchlicher ist pennula, ein spul (Diefenbach S. 208). 
Englisch sagte man früher fether, dann pen. 4 ) Die Franzosen 
zogen pluma vor, und schon Matthaeus von Vendöme 5 ) sagt: 
Prostibulo Studium mutatur, pagina scorto, Stamme pluma etc. 



Zum Schneiden des Rohres oder der Feder diente das 
ylvtpavov, in den Epigrammen auch yXvjirriQ und 6[iifo] ge- 
nannt, und VI, 04 erscheint aufser den yXv<plöeq xala^icov auch 

*) Procopii hist. arcana c. 6. 

2 ) im Book of Keils i\nd Mac Durnan's Gospel bei Westwood, Pa- 
laeographia Sacra. 

") Cod. lat. Mon. 18628 aus Tcgernsee sacc. XI vel XII f. 4. 
4 ) Wright, Vocabularies 8. 75 u. -210. 
ß ) Münchener SB. 1872 S. 621. 



190 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

noch ein jclarvq 6^vpt?]q fieöoöxidscov xaXdficov. Die stumpf 
geschriebenen Rohre wurden mit dem in allen Epigrammen er- 
wähnten Bimst ein geschärft; auf Federn aber war das nicht 
anwendbar. Lateinisch hiefs das Federmesser scalprum libru- 
rium, wie bei Sueton Yitell. c. 2: scalpro librario venas siln 
vncidit. Bei Tacitus, Ann. V, 8, heifst es einfach scalprum . 
Der Liber Ordinis S. Yictoris Paris, erwähnt neben einander 
scriptoria, nrtnvos, mittellos, scarpellia. l ) Jo. de Janua erklärt 
artavus durch cultctlus scriptomm, und in dc-n Statuten der 
Brüder vom gemeinen Leben wird vorgeschrieben: 2 ) lihrurius 
provideat scriptoribus nostris de instrunwntis necessariis, vide- 
licet artafis, pennis, piimice, creta et similibus. 

Scalpellum est ferrwn, quo cartas inciäimt et pennas 
acuunt scripttores, steht in einem alten Glossar; 3 ) durch scrih- 
mezer wird es anderswo erklärt. 4 ) Im J. 1379 kaufte man 
in Wien einen cuttellus scripturalis für 6 Denare. 5 ) Hieraus 
erklären sich die häufigen Scriptorale in Rockingers Kloster- 
rechnungen (S. 50), und willkommene Deutlichkeit bringt eine 
Stelle aus dem 16. Jahrb.: das Script raf oder Schreibmesserlein, 
so er in der Hand ^gehabt. 6 ) 

Man sagte calamum neuere, temperare; davon kommt der 
italienische Name des Federmessers, temperino, temperatojo, 
während canif engl, knife von deutscher Wurzel stammt. Job. 
de Garlandia sah bei dem Pariser Eisenkrämer artavos, und 
de!' Commentar sagt: Artavus dicitur (udlice Jcnivct, sei/, cul- 
tellus qui tendit in (dl nur. vel dicitur <d> arte, quia eo urfi- 
fices uhn/lnr. Ein späteres engl. Glossar erklärt artavus a 
penknyfe. 7 ) 



') Martene, de antiquis ecclesiae ritibus III. T;;."> 

Serapeum \\l. L89. 
:i ) Eccl. I olon. Codd. p. i.V.». 
') Flor. Glossen in Baupt's Zeitschr, \\. 848. 

tfotizenbl&tl ,i. Wiener äcad. V (18§5) 392. Cuttdhu vielleicht 
Schreibfehler, doch \l'1 couteav 

) Naumburg im Schmalk. Kriege. Festschr. il<-s Thür. Saclis. 
\ i lein-. Balle l-.;. 8 81. 

i w rfght, \ ocabulariei 9 im u :-'!<• 



Schreibwerkzeuge. 191 

Die Form der alten Federmesser, von der jetzt üblichen 
sehr abweichend, sieht man auf den sehr häufigen Abbildun- 
gen alter Schreiber, von welchen wir später einige nachweisen 
werden. 

Wurde nun die Feder angeschnitten, so fand man darin 
hilus vel hilum, id est medutta penne, eyn feder sei, 1 ) oder 
mit anderm Ausdruck pfaff in der feder. 2 ) Habeat et artavum 
(cnivet) quo pennam informet (furmet), ut sit liabilis et ydonea 
ad seribendum, ylo (medulla penne) extracto, sagt Alexander 
Neckam. War der beseitigt, so mufste die Feder gespalten und 
geschnitten werden. Conr. de Mure sagt vom calamus d. h. 
der Feder: 

Concavus hie et fissus erit, percissus, acutus, 
Dexter pes brevior, latior alter erit. 3 ) 

Dem entsprechen die Verse von 1481 bei Rockinger S. 52: 

Dextera pars penne brevior sit parte sinistra. 
Hanc modicum scindas, sit aspera pulcraque dorso. 
Attenua dorsum. Discas bene ducere pennam. 

Umgekehrt heifst es mit metrischem Fehler, der für die 
Ursprünglichkeit jener anderen Version spricht: 

Dextera pars penne sit longior parte sinistra. 4 ) 

Um mit Farben zu schreiben, mufste sie tiefer gespalten, 
benefissa, sein, nach deirf Anonymus Bernensis. 5 ) 

Federproben findet man überall in alten Handschriften, 
oft die Worte probatio pennae, doch brachte man auch das in 
einen Vers: 

Incaustum dum penna probat, simul ipsa probatur. 6 ) 



') Diefenbach S. 146. 

2 ) Mone's Anz. VIII, 255. 

B ) Anz. d. Germ. Mus. XIX, 314. 

4 ) A. v. Keller, Altdeutsche Handschriften (1872) 3. S. 30. 

r ') bei Theophilus ed. Ilg 8. 391. 

ö ) Cod. lat. Monac. 1473« f. «7 v. 



192 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Gewöhnlich traf der Tadel einer schlecht geschnittenen 
Feder den Schreiher seihst: 

Penna probaterem prohat, ast reprohat reprobantem. *) 

Wer einen Vortrag nachschreiben wollte, mufste natürlich 
viele Federn bereit halten; Job. von Tilbury sagt: nee ru/rsus 
poterit calamos scalpello ineidere, sed C aut LX in prompt u 
Jidbebit, ut eins acumine ebetato eoque proiecto celerrime sueee- 
dat alter scribendi officio. 2 ) 

Auch Metallfedern kommen vor. Angeblich unterschrie- 
ben die Patriarchen argenteo calamo. s ) Eine Metallfeder will 
Merryweather (Bibliomania S.. 103) in Eadwine's Psalter ge- 
sehen haben. 

In den merkwürdigen Verhandlungen über die Fälschungen 
Roberts von Artois um 1330 kommt vor, dafs Perrot de Sa ins 
eine Urkunde schrieb avec une penne ou plume oVairain, pour 
sa main desguisier. 4 ) 

Blei fanden wir zum Ziehen der Linien verwandt, doch 
auch Bleistifte für die Schrift auf Tafeln erwähnt (S. 78). 
Ein Regensburger Klostervers saec. XII scheint mit plumbum 
sub arundine fixum ihre Einrichtung zu bezeichnen. 6 ) Am Endo 
dieses Jahrhunderts erzählt der Engländer Daniel von Merlai 
von den Pariser Vorlesungen: Cum dudum <th Anglia me causa 
studii excepissem, et ] J <trisii± aliquamdiu morant feeiwm, ri- 
debam quosdam bestiales in scolis gram auetoritate sedes 
oecupare, habe/nies coram se scamna duo vel tria, et desuper 
Codices importabiles aureis liüeris ri}>i<<ni traditiones r</>r<s<n- 
tantes, //"• non et tenentes stylos />! um beos in manibus, qui~ 
bus asteriscos et obelos in /Unis suis <ih<i<I<ihi reverentia depin~ 
gebant. 6 ) Das sind die Zuhörer, welche Notizen machen. 



') Müllenhoff u. Scherrer 322. 

v.-.l Rose im Bermea viii. 31 1. 
i Montf. Pal. Gr. i» 21. Eine Bronzefeder i-i in Rom gefunden 
Dach Canina, Uull. de] [nsl L849 8 L69 (Marquardl n. 3612). 

l ) Lancelot, Rdemoire pour »ervir ;i l'histoire de Robert d'Artois, 
M<in de l'Acad de tosi ripl ion • \. »i<»7. 
Münchener SB. L873 8. 720. 
Bi i ii btigl von \ al Elo le im Herme i \'i [I, -IT 



Dinte.. 193 

Randglossen, mit Blei geschrieben, die später theilweise mit 
Dinte sauber abgeschrieben sind, zeigt der cod. Colon. 203 des 
Priscian aus dem 13. Jahrhundert. 1 ) Häufiger sind breite, zu 
diesem Zweck bestimmte Ränder, welche ganz frei geblieben 
sind. Die Ethica Ludolphi im Wiener cod. 883 scheint nach 
der nicht ganz verständlichen Unterschrift 1339 in Deventer 
mit Blei nachgeschrieben, und dann mit Dinte muncliert zu 
sein. 2 ) 

In der überaus merkwürdigen Vorschrift für die Anferti- 
gung einer Chronik aus Winchester heilst es: Vestri itaque 
studii erit, ut in libro iugiter cedula dependeat, in qua cum 
plumbo notentur obitus illustrium virorum et. aliquod de regni 
statu memoriale, cum audiri contigerit. In fine vero anni, 
non quicunque voluerit, sed cui iniunctum fuerit, quod verius 
et melius censuerit ad posteritatis noticiam transmittendum, in 
corpore libri succineta brevitate describat; et tunc veteri cedula 
subtraeta novo, imponatur.' 6 ) 

4. Dinte. 

In alten Handschriften ist die Dinte schwarz oder bräun- 
lich, immer von ausgezeichnet guter Beschaffenheit. Nachdem 
aber vom 13. Jahrhundert an immer massenhafter geschrieben 
wird, erscheint die Dinte häufig grau oder gelblich, und ist 
zuweilen ganz verblafst. 

Griechisch hiefs sie fitlav, fitlav co yQacpofiev, yQacptxov 
fitXav, (itlävtov; man unterscheidet davon fxsXavr^Qla , die 
Schuhschwärze. Ebenso benannten die Römer sie von der 
Farbe atramentum, welches als librarium von dem atramentum 
mtorium unterschieden wurde. Sachlich entspricht die Be- 
nennung block in altem Deutsch und Dänisch, so wie auch 
angelsächsisch. 4 ) 



l ) Eccl. Colon, codd. p. 90. 

l ) Peiper in d. Zeitschr. f. deutsche Piniol. V, 166. 
:i ) Descriptive Catalogue of Materials relating to the history uf 
Great Britain III, Preface j>. XIX. 

') mcwastokm vel atramentum, blaec. (ilossar bei Wrighf S. i'i. 
Watteitbach, Bchriftwe en. _'. Auii 13 



194 Die Schreibgeräte und ihre Anwendung. 

Man benutzte aber auch den Saft des Dintenfisches, sepia. 
Damit schreibt der faule reiche Jüngling bei Persius III, 13, 
der spät erwachend, sein Schreibgeräth fordert und mit der 
Dinte unzufrieden ist: 

Jana liber et bicolor positis membrana capillis, 1 ) 
Inque manus chartae nodosaque venit arundo. 
Tunc queritur crassus calamo quod pendeat humor, 
Nigra quod infusa vanescat sepia lympha, 
Dilutas queritur geminet quod fistula guttas. 

Nach der Bereitung, ob mit oder ohne Feuer, unterschied 
man iyzavoror und drigafirov, doch ist letzteres nur aus 
Glossen bekannt,* und jenes ganz allgemein im Gebrauch, ohne 
Rücksicht auf die Bereitung. Zuerst nachzuweisen ist die la- 
teinische Form encaustum bei Augustin und Fortunat; später 
ist incaustum gewöhnlich,^) davon ital. inchiostro, böhm. in- 
Jcoust, franz. enque,*) encre, englisch inJc, 4 ) holl. inkt. 

Lucifer von Cagliari sacc. IV. sagt nach einem Citat bei 
Du Gange una tincta suoscriptionis tuae. Der Vocabularius 
optimus ed. Wackernagel, erklärt incaustum, sepia durch tingta; 
die Florentiner Glossen in Haupt's Zeitschrift XV, 341 incau- 
stum, atramentum id est tincta. Dieses sonst kaum vorkom- 



J ) Wenn man sich dazu an Tibull. III, 1, i> erinnert: Lutea sed 
niveum mvolvat i>i<nihr<ni<i Ubelktm, so scheint es, dafs man an den 
farbigen Umschlag der Rollen denken mufs. Sonst wäre es eine äufser- 
lich gefärbte Pergamentrolle. Er selbst schreibt auf Papyrus. 

2 ) Nichl zustimmen können wir der Ableitung: In<><n<stH»i com- 
ponitur ex prepositione in <-t verbo causton, quod dicitur nigrum. SB. 
d Miim-li. Acad. 1873 S. 713 e cod. sa<>c. XII. In dem Petershauser 
Missal in Heidelberg 9 uäi i>t eine Federprobe saec. MI: i>r<>li<t<t<> 
r > nnae ei caustae. 

) \\ ie II. Prof.Tobler mir mittheilt, findel Bicb enque Bchon im 11. Jahr- 
hundert; Alexanderlied r>7 a : Quier mei, bek fredre, ei enque e parcha- 
iiiin: eine andere altfranz Form ist enche, enon ersl seit dem 14. Jahrh. 
zu belegen. Altfranz, ist auch sein- häufig das aus atramentum entstan- 
dene arrement, airement, atremenl, erstere Form im Rolandslied 1 ( .».">:;; 
atrament, avrament Bind auch altprovenzalisch. Vgl. hierzu Egger, but 
lei Qoms, qui onl lervi a däsigner l'encre, im Bull, des Antiquairea de 
France 1870 8. 151— l 

') incaustum angl. ynke, Wright 8. 210 



Dinte. 195 

mende Wort ist der Ursprung des span. tinta, unseres Dinte, 
welches schon sehr früh vorkommt. 1 ) 

In ältester Zeit wurde die Dinte ganz wie jede andere 
Farbe behandelt, wie noch jetzt im Orient. So heifst es bei 
Demosth. de Corona p. 313 ro [ihlav XQißuv. Sie liefs sich 
dann auch leicht wieder abwaschen: l4!xißiäd?]q ßQtt-ag rov 
däzTvlov Ix rov öroftazog 6u]Xe.Lipt xrp 6ixi]v rov < Hyfj i uovog. 
Athenaeus IX p. 407: Mit dem Schwamm konnte man die 
Schrift vertilgen, daher spongia deletiUs, Varro ap. Non. II, 
212. So sagt Augustus bei Sueton c. 85 von seiner Tragödie, 
Aiacem .suum in spongiam incubuisse. In der Vita Caligulae 
c. 20 erzählt Sueton von dem litterarischen Wettstreit, welchen 
Caligula veranstaltete: Eos autem qui maxime displicuissent, 
scripta sua spongia linguave delere iussos, nisi ferulis obiur- 
gari mit flumine proximo mergi voluissent. Ammianus Mar- 
cellinus XV, 5, 4 erzählt zum J. 354 von einer Fälschung: 
peniculo serie Utterarum abstersa . . . alter superscribitur tex- 
tus. Doch sah man nachher die Spuren. 

Natürlich liefs die Schrift sich um so leichter abwaschen, 
je frischer sie war; daher will Martial (IV, 20) mit dem eben 
vollendeten Buch gleich auch einen Schwamm schicken, um, 
wenn es nicht gefalle, es ganz zu tilgen. 

Dum novus est neque adhuc rasa mihi fronte libellus, 

Pagina dum tangi non bene sicca timet, 
I puer et caro perfer leve munus amico, 

Qui meruit nugas primus habere meas. 
Curre, sed instructus: comitetur Punica librum 

Spongia, muneribus convenit illa meis. 
Non possunt nostros multae, Faustin c, liturae 

Emendare iocos, una litura potest. 
Auch Ausonius (epist. 7) gedenkt noch des Schwammes in 
ähnlicher Weise, indem er ein Begleitschreiben zu einem Ge- 
schenk von .'>0 Austern mit folgenden Versen beschliefst: 



] ) 's. fJrimm's Wörterbuch s. v. Dinte. Im Vocabulariue Alb. Hg, 
1433 bei Mone, An/. VIII, 251: tincta, tirikch. In Tegernsee Be. 
tincke. 

13* 



196 Die Schreibgerätke und ihre Anweiulim . 

Sed damnosa nimis panditur area. 
Fac campum replices, Musa, pap}Tiuui, 
Nee iam fissipedis per calami vias 
Grassetur Cnidiae sulcus arundinis, 
Finge ns aridulae subdita paginae 
Cadmi filiolis atricoloribus, 
Aut eunetis pariter versibus oblin.it 
Fulvam lactieolor spongia sepiam. 
Parcamus vitio Domnotinae domus, 
Ne sit charta mihi carior ostreis. 

Man sieht daraus, dafs in Gallien damals Papyrus ziem- 
lich theuer war. 

Auch der byzantinische Schreiber hatte einen Schwamm, 
der nach Phanias /um Abwischen des Schreibrohrs diente, von 
Paulus Silentiarius 65, 8 aber als Heilmittel gegen Irrgänge 

Griffels (1. i. des Schreibrohrs bezeichnet wird. 

Der mittelalterliche Schreiber dagegen konnte den Schwamm 
nicht dazu gebrauchen; er mufste radieren, und die radierte 
Stelle mit Kreide glätten. Alcuin *) schreibt: fraterno pumice 
corrigUe scriptorem, und genauer Cosmas von Prag an Gerva- 
sius, indem er ihn auffordert, nach Gutdünken Aenderungcn in 
Beinern Werke vorzunehmen: Accipe in manum rasorivwhj v<tl- 
cem et cüla/mum. Und Vincenz von Prag an König Wladis- 
laus: Si qua etenim in eo sunt corrigenda, novaculam, et si 
qua mufendu, enhnnum rclociter scribentem presto tenemus. Vgl. 
auch oben S. 176. 

AU Bestandtheile des atramentum librarium giebt Plinius 
Rufs und Gummi an. 8 ) Marcianus Capeila erwähnt zuerst die 
Galläpfel: 8 ) gallarum gummeosque covnmixtio. Isidor Origg. 
XVII, 7, 38 gedenkl auch ihrer Verwendung zur Dinteberei- 
tung. Doch haben mich die Alien schon metallische Dinte ge- 
habt, welche daran kenntlich ist, dafs Schwefelammonium darauf 
unkt. Eine Mischung fon Kupfervitriol und Galläpfeln boII 



141 bei Jaffa, Bibl Vi. 544. 

| ran( , e ili i N.n XXXV, 6, Cf. Vilrnv. Vli. LO 

{) i ili . 225 i» 258 ed Kopp. 



Dinte. 197 

am häufigsten sein. Nach der Vermuthung von Davy 1 ) war 
die Veranlassung zu dieser Neuerung, dafs die früher gebräuch- 
liche Dinte auf dem Pergament nicht gut haftete. 

Auch im Mittelalter kommen verschiedene Dinten vor. 
Ein Recept giebt Theophilus in seinem wichtigen Werke: Di- 
versarum artitun scliedida, welches man früher ins neunte Jahr- 
hundert setzte, jetzt wohl richtiger ins zwölfte. 2 ) Da heifst 
es I, 45 de incausto: Man nehme Rinde von Dornenholz, lege 
sie in Wasser, um den Farbstoff auszuziehen, trockne die 
Masse, und wenn man die Dinte brauchen will, mache man 
sie mit Wein und etwas atramentum über Kohlen an. Hier 
ist nun die Frage, was unter dem atramentum zu verstehen 
sei; nach Hendrie Vitriol. Auch in einem Recept, welches 
mir Herr Dr. Nolte mitgetheilt hat, wird nach ausführlicher 
Anweisung über das Sieden des Weines verordnet, atramentum 
crudum hinein zu thun. 

Es entspricht dieser Bereitung, dafs nach den Statuten 
von Sempringham 3 ) dem Praecentor erlaubt war, das Calefac- 
torium zu betreten ad calefaciendum incaustum, et scriptoribus 
ad siccandum pergamenum. Ebert (Zur Handschriftenkunde 
p. 34) theilt aus einem Altenzeller Codex von 1412 folgendes 
Recept mit: Ad faciendum bonum incaustum. „Recipe gallas 
et contere minute in pulverem, funde desuper aquam pluvialem 
vel cerevisiam tenuem, et impone de vitalo (1. vitriolo) quan- 
tum sufficit iuxta existimationem tuam, et permitte sie stare 
per aliquot dies, et tunc cola per pannum, et erit incaustus 



*) bei Theophil. ed. Hendrie p. 75. Durchgefressen hat die alte 
Dinte im S. Galler Virgil, im Plautus Ambrosianus die neuere, etwa 
saec. VII. 

l ) Theophili presb. et mon. libri tres seu diversarum artium sche- 
dula, opera et studio Caroli de L'Escalopier. Mit einer Einleitung von 
Jean Marie Guichard. Paris 1843. 4. Theophili, qui et Rugerus, 
presb. etc. studio Roberti Hendrie, Lond. 1817. 8. mit Benutzung einer 
früher nicht verglichenen, vollständigeren Handschrift im British Mu- 
seum; sonst freilich eine wenig genügende Ausgabe. Jetzt mit umfassen- 
de- Handschriftenbenutzung, mit Gebers, u. Einleitung, von Alb. Ilg, 
Wien 1874, als 7. Band der Quellenschriften für Kunstgeschichte. 

'■'•) bei Du Gange s. v. encaustum. 



| 9 $ Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

bonus. Et si vis (seil. Bcribere), tunc inipone modicum de 
guinnii arabico, et calefae modicum circa ignem, ut solus in- 
caustus tepidus fiat. et erit incaustus l)ouus et indelebilis, super 
qnoeunque cum eo scribes." 

Galläpfel und Vitriol sind in allen Recepten aus dieser 
Zeit die wiebtigsten Bestandteile. 1 ) Gewöhnlich wird Wein 
dazu genommen, so in der Anweisung in Pertz's Archiv X, 529: 

Ad fadendum bonum atramentum. 

Yitrioli quarta mediata sit imcia gumme. 
Integra sit galle, super addas octo falerni. 

Anders ist folgendes Verliältnifs: 2 ) 

Tres sint vitrioli, vix una sit uncia gummi, 
G-allarum quinqne, sed aceto mersa relinque, 
Quattuor aut calidas addat cerevisia libras. 
Vino emendabis ardente situmque fugabis. 

Die Stadtrechnungen von Nördlingen verzeichnen 1454 umb 
Tinten Zeug und Wein dazu 1 Vf. 9 Schill. 1455 umb Wein 
an Tinten 1f gr. 3 ) 



') Man findet Recepte bei Mone, Lat. u. Grieeli. Blessen S. 164, 
und bei Frid. Mone de palimpsestis ; Mittheilungen d. Centralcomm. KV 
1>. CXXVII Behr ausführlich, aus Hohenfurt; Ozerny, Bibl. v. St. Florian 
S. 65, wo das alte Baec. XII aus Denis II, III, 2059 wiederholt ist; 
Caravita II. 1<>o e cod. Casin. 202, wo mcaustrum steht: in Gernets Mit- 
theilungen aus der alteren Medicinalgesch. Hamburgs S. 370 ein Recept, 
ich ein Procurator der Stadt um L340 am päbstl. Hofe verschaffte. 
Viel bei Rockinger, Zum haier. Schriftwesen 8. 30 — .'><>. besonders au - 
luhrlich der modus quem seroamus in Tegemsee iam communiter. Bickel, 
Bjst. Zeitschr. XXVII, 449 verweist auch auf gedruckte Dintenbücher 
von L531 ii L632. Ein Recepl de confecUone enclaustri e cod. Montis- 
; im < 'atal des Bibl. des I > * - j > . I. 751. 

) mich Franck, in Herrig's Archh t. neuere Sprachen XL, 135, 
i Beyschlag, Beytrage zur Kunstgeschichte von Nördlingen IV, 27. 
Viel der An bei Rockinger s 19 A.nm. 2. Merryweather, Bibliomania 

1 fuhrt aus der K irchcnrcchniin- von Norwich VOH 1800 au: 5 dozen 

parchment 2 i 6 d. LO II. o£ Ins I b. Id. l g&llon of \ in i decrili 8s. 
l //. ol corporase l //. oi galls 2 //. oi gum arab 3 b. 8 d. to 



Dinte. 199 

Kein Vitriol finden wir in einem Recept saec. XV: „In- 
caustum bonum faciens recipe gallen III loet, et piüverisa mi- 
nute et cribra cribro, et infuncle desnper quasi quartam aque 
pluvialis frigide, et fac simul illud stare ad unam horam." 1 ) 
Umgekehrt fehlen Galläpfel in dem englischen Recept: To 
maJce texte ynke. „Take II unces of grene vitriole, and cast 
hym together yn a quarte of standyng rayne water, and lett 
yt rest IUI dayes, and then take III unces of gome, and put 
therto, and lett yt stond III dayes together and rest, and then 
thou hast good ynke for texte letter." 2 ) 

Hier ist schon gar nicht mehr die Rede von der alten 
sorgfältigen Bereitung durch Kochen, noch auch von der Zu- 
that von Wein oder Essig. Von dem letzteren heifst es, dafs 
es für Pergament nöthig sei, nicht aber für Papier. 3 ) Den- 
selben Unterschied macht ein von E. Steffenhagen mitgetheiltes 
Recept. 4 ) In anderen Anweisungen bei Rockinger S. 30. 34. 
35. scheint der Unterschied nur darin zu bestehen, dafs für 
Papier die Qualität geringer ist. S. 36 finden wir das Recept 
zu .einem Dintenpulver, wie es die Apotheker machen, 5 ) 
S. 32 aber eine Anweisung für incaushim graecum d. i. ain 
swarcze varb dy Main aus der veder gee sam ain har, aus 
ganz anderen Bestandtheilen. 

Welche Sorgfalt auf die Bereitung der Dinte verwendet 
wurde, zeigt uns die vortreffliche Beschaffenheit derselben in 
den älteren Handschriften. Als ein gesuchter, seltener Gegen- 
stand erscheint sie in einem Briefe an Wernher von Tegern- 



make ink. Leider sind seine Mittheilungen aus Handschriften sehr un- 
zuverlässig, durch Lesefehler und Druckfehler entstellt. 

J ) Ratjen, Zur Gesch. d. Kieler Univ. Bibl. II, 93 n. 62. 

2 ) Wright and Halliwell, Reliquiae Antiquae I, 317 e cod. scr. 
a. 1511. 

3 ) Le Menagier de Paris, traitc de morale et d'economie domestique 
eompose vcrs 1393 par im bourgeois parisien (Paris 1846) II, 275. Vor- 
her S. 265 und 274 Recepte, u. S. 250 f. Dinte, die erst durch Erhitzung 
sichtbar wird. 

4 ) Anz. d. Germ. Mus. XVI IT, 374. Sp. 375 noch ein anderes. 

8 ) Dergleichen Unten pulver wurde für die Kanzlei des Herzogs von 
Straubing gekauft, Rockinger S. 49 Anm. 1. 



200 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung 

see 1 ): Audivi apud vos haberi incaustum, pro quo rogate do- 
minos, ut ex parte sua quisque aliquid mihi transmittat. Auf 

alten Handel mit Dinte deutet der Satz in der Ordnung des 
Zolles zu Aosta unter Bisehof Giso um 960: de saumata atra- 
menti 1 den. d. i. der niedrigste Zollsatz. Es scheint sieh um 
einen Thorzoll für den Verkauf in der Stadt zu handeln. 2 ) 

Aus späterer Zeit pflegt man gerne die Klage Petrarea's 3 ) 
anzuführen: Circa quintum et vigesimum vitae annum inter 
Belgas Helvetiosque festinans, cum Leodium pervenissem, audito 
quod esset ibi bona copia librorum, substiti comitesque detinui, 
donec unam Gieeronis orationem manu amici, aUeram mea 
manu scripsi, quam postea per Italiam cffiidi, et ut rideas, in 
tarn bona civUate barbarica atramenti aliquid, et id croco si- 
m Humum, reperire magnus labor J'uiL Man benutzt diese 
Stelle gewöhnlieh, um den tiefen Verfall der Studien vor dem 
Auftreten der Humanisten anschaulich zu machen. Allein das 
ist ein gänzlicher Fehlgriff. Gesehriehen wurde damals aufser- 
ordentlich viel; daran fehlte es nicht. Auch sind gerade aus 
jenen Gegenden in demselben 14. Jahrhundert die herrlichsten 
kalligraphischen Prachtwerke hervorgegangen, deren glänzend 
schwarze Dinte den Neid der modernen Schreiber zu erregen 
geeignet ist. Nur dadurch kann deshalb jene Schwierigkeit 
entstanden sein, dafs Dinte nicht käuflich war; sie wurde für 
die Kanzleien und Schreibstuben bereitet, 4 ) und was man kau- 
fen konnte, war schlecht, wie leider heut zu Tage in der Rege] 
auch. Doch werden wir auch in Betracht zu ziehen haben. 
dafs gerade damals (1333) die schweren Kämpfe der Lütticher 
mit ihrem Bischof Adolf von der Mark eben überstanden waren, 



') Gtünthner, Geschichte der litterarischen Anstalten in Baiern, 
I. 240 

i Gallia Christians XII 1 '. 1*:». I>irs<> stvllc. wie noch viele andere, 
verdanke ich K. Dümmler. 

■) i:< ir Beul! XV ep l, p. H s 

') So in den Hamburger Kammereirechnungen l. 188 ;>. L886: XV 
$ol pro materidlibiM ad incaustum. In der Pariser Steuerrolle von L292 
ist eine i tu ru * < 



Dinte. 201 

durch welche die Stadt sehr gelitten hatte, so dafs ein all- 
gemeiner Seh lufs aus jener Bemerkung unzulässig ist. 

Die Brüder vom gemeinen Leben, welche die fleifsigsten 
Schreiher des ausgehenden Mittelalters waren, gaben deshalb 
ihrem librarius die Vorschrift: 1 ) Item habeat sollidtudinem de 
incausto braxando cum deputato sibi coadiutore, et quaerat 
utique ut bonum incaustum fiat, quia facile boni libri propter 
malum incaustum annicliilantur. 

Von den Bezeichnungen der Dintenfässer haben wir 
diejenigen schon erwähnt, welche von den Rohren und Federn 
hergenommen sind. Pollux X, 60 hat den Ausdruck fieXavöo- 
Xov (accus.); auch [iilavöoyi] , (i£kavöo%sZov kommen vor, im 
Epigramm des Phanias ßQoyjg von ßQfyuv. Lateinisch ist 
atramentarium. Ezechiel IX, 2 sagt: et atramentarium scrip- 
toris habebat in lumbis suis (vgl. oben S. 187), und Balthasar 
Schlauch verkündet in den Epistolis obscurorum virorum 1. II 
ep. 30 voll Freude, dafs er darin Johann Pfefferkorn erkannt 
habe, quia Joannes Pfefferkorn semper habet atramentarium 
secum, et scribit in predicationibus vel conventiculis autoritates 
et notabilia. Angilbert schenkte seinem Kloster Centula oder 
St. Riquier atramentarium Optimum argenteum auro para- 
tum. 2 ) Von incaustum abgeleitet ist das incausterium, welches 
sich die Hamburger 1387 kauften. 3 ) 

Häufig war es ein einfaches Hörn, welches durch eine 
Oeffnung des Schreibpultes gesteckt wurde, wie man das auf 
viden Abbildungen sieht. Dem Evangelisten Johannes freilich 
hält ein Adler ein grofses Dintcnhorn im Schnabel, 4 ) und 
Ilraban(us) hat das seinige neben sich an der Wand befestigt. 5 ) 
Siegfried, 1168 zum Erzbischof von Bremen erwählt, schrieb 
an Adalbert von Salzburg, ihn an alte Freundschaft erinnernd: 
Postmodum autern cornu domini Danielis episcopi cum stilo 



') in dem 1494 gedruckten Hcformatorium, Serapcum XXI, 189. 

a ) D'Achery, Spicilegium ed. II. II, 306. 

8 ) Koppmann, Bamb. Kämmereirechnongei) I, 459. 

4 ) Benedictionale Ä.ethelwoldi, Archaeolo-gia XXIV PI. XIV. 

r> ) Schwarz de ornamentia Librorum Tab. I ex vel. eodice. 



202 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

argenteo mihi transmisistis. 1 ) Bischof Daniel von Prag ist ge- 
meint, der 1167 gestorben war. Lambert von Arclre sagt am 
Schlufs eines Abschnittes seiner Chronik: 2 ) exhausto corniculo 
pennam s&ccam subtrahimus. Ein Spottgedicht des 13. Jahrb. 
schliefet: 

Fuso com u, folio rupto quocl planavi, 
Fracta penna, tedio coactus cessavi. 3 ) 

Der Karthäuser erhielt swei cornua, wohl für rothe und 
schwarze Dinte, und so sind häufig auch die Schreiber alt- 
gebildet. Jon. de Garlandia nennt cornu cum incausto unter 
dem Schreibgeräth, und Conr. de Mure sagt 1275: Unde dica- 
mus, quod quelibet professio habet sua instrumenta ; arma et 
gladius sunt militis instrumenta, subtile et forme sutoris, acus 
pellificis, penna et cornu scriptovis, Ubri et littere clerici in- 
strumertta. 41 ) 

Von cornu wird cornicularms abgeleitet, von dem Cassio- 
dor Varr. XI, 36 sagt: Praefuit enim corntbus Sccretarii Pruc- 
toriani, unde ei nomen derivatur. 

Davon kommt franz. cornet; in der Pariser Steuerrolle von 
1292 sind 2 cprnetierSj wovon einer als feseur de corne# be- 
zeichnet wird. 6 ) In einem englischen Glossar saec. XV steht 
hie cornu (sie) a hörne; 6 ) vollständiger sagt mau inJchorn. 

Ein allgemeiner lateinischer Ausdruck ist scriptorium, der 
vorzüglich in Frankreich üblich war und in ecritoire überging. 
Er kommt in der Regel der Canoniker von S. Victor und in 
der Regel der Karthäuser vor. Auch Ordericus Yitalis 7 ) im 



') Sudendorf, Registrum I. 81. Es war schwerlich ein wirkliches 
Hörn; ain kupferein hören komm! bei Rockinger S. 39 vor, S. M cornu 
stagneum. 

> ( hronique de Guinea ei d'Ardre bis L203) publ. par le Marquis 
de Godefroy Afänilglaise Paris L855 8. 85. 
i An/. (I. Germ, Mos. XVII, 863. 

Quellen z Bayer Gesch. IX. 157. 
) Göraud, Paria ious Philippe-le-Bel, p. 602 600 
VYright, Vocabularies s. 210. 
in. 7 ed Le Pre?ott Vol U p. 94 



Rothe Farbe. 203 

Anfange des zwölften Jahrhunderts rühmt von dem Abt Osbern 
von S. Evroul: Juvenes valde cocrcebat eosque bene legere et 
psallere atque scribere verbis et verberibus cogebat. Ipse pro- 
priis manibus scriptoria piieris et indoctis fabricabat, tabidas- 
que cera illitas praeparabat. 

Auch in Tegernsee war der Name üblich, 1 ) und ebenso das 
entsprechende deutsche Wort Schreibzeug. Dafs dieses häufig 
dazu eingerichtet war, auch Rohre und Federn aufzunehmen, 
sahen wir schon oben S. 187, und so bezeichnet auch Paulus 
Silentiarius VI, 65 das seinige, welches viele Oeffnungen hatte, 
um die Rohre hinzustecken: 

Kai xiöTTjV jzolvcojza (.itlavdoxov, siv evl jtavra 
EvyQapaog TbjV7]q oQyava QVOftevrjV. 

5. Rothe Farbe. 

Schon von den alten Aegyptern wurde die rothe Farbe 
gebraucht, um die Abschnitte in den Handschriften besser 
hervorzuheben. Davon ist bei den Römern das Wort rubrica 
gebildet, dessen frühe Anwendung in übertragener Bedeutung 2 ) 
die allgemeine Sitte erkennen läfst. 

Auch zur Verzierung wurde die Farbe gebraucht, und an 
den rothen index oben S. 107 reihen sich die von Aldhelm als 
virgilisch angeführten Eingangsverse eines Gedichts: 3 ) 

Carmina si fuerint te iudice digna favore, 
Reddatur titulus purpureusque nitor. 

Sin minus, aestivas poteris convolvere sardas, 
Aut piper aut calvas hinc operire nuces. 

Hier ist vielleicht die Färbung der Ueberschrift gemeint, 
welche wir in den ältesten Handschriften gerne abwechselnd 
mit rothen und schwarzen Zeilen geschrieben finden. In Hand- 
schriften der Classikor aus den ersten Jahrhunderten pflegen 



') Kockinger, Zum baicr. Schriftwesen S. 50. 
-) bei Pers. V, (mi für Gesetz. 

:! ) Anthol. cd. Riese q. 676; bei Muratori, Anecdota ex Ambros. 
bibl. codd. II, 211 irrthttmlich Theodulf beigelegt. 



204 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

die ersten Zeilen der Bücher roth zu sein, so im Wiener Li- 
vius 1 ) und im Florentiner Virgil 2 ) drei Zeilen, im Pariser 
Livius fünf Zeilen. 3 ) Drei rothe Zeilen am Anfing jedes Buches 
der Bibel sind in dem Palimpsest unter Ephraetn Syrus (ed, 
Tischendorf 1845), zwei am Anfang jedes Evangeliums in den 
beiden ältesten Codices (Bodl. und Corp. Christi) aus Canter- 
bury. 

Wichtiger ist die Anwendung der rothen Farbe zur besse- 
ren Uebersichtlichkeit des Textes. Hieronymus in der Vorrede 
zu seiner Chronik erwähnt die virgulas rebus pariter ac nu- 
meris intertextas, d. h. entweder einzeln eingestreute Bemer- 
kungen, oder auch nur Zeichen, welche in gleichen Formen zu 
den Zahlen und zu den geschichtlichen Berichten gezeichnet 
waren. Die Schreiber, ermahnt Hieronymus, sollen Acht geben: 
prout quaeque scripta sunt, etiam colorum diversitate serventur. 
Er giebt auch den Grund an: LI enim elucubratum est, quo 
regnorum tramites, qui per vicinitatem nimiam paene mixti 
traut. diStvnetione minii separa/rewtur. Diese Form ist nach 
dem Herausgeber A. Schoene im Cod. F erhalten, später, etwa 
im Anfang des sechsten Jahrhunderts, habe dann ein Gramma- 
tiker alle Historien in einem fortlaufenden Spatium vereinigt, 
und in der Vorrede eine Stelle eingeschaltet, in welcher An- 
leitung gegeben wird, durch verschiedene Verbindungen von 
Roth und Schwarz ih>\\ einzelnen Bemerkungen ihre Stelle an- 
zuweisen. 

Ganz allgemein war im Mittelalter die Sitte verbreitet, 
nicht nur die Abschnitte durch rothe Rubriken hervorzuheben, 
sondern ofl auch jedes irgend bedeutendere Wort mit einem 
rothen Strich zu bezeichnen. Aber auch in weiterem Umfange 
wurde die rothe Farbe angewandt. In einem Cod. saec. X von 
Gregors I Registrum sind die Daten mtli. 4 ) was auch sonst 



') b. Archiv der Gesellschaft f, Kit. d. Gesch. IV, 520 und Silvestre. 
i Facs. bei Silvestre, Nouveau Traitä II. im, wo dasselbe vom 
Vaücaniscben Virgil, dein Cyprian und Augustin in Bt. Germain be- 
merkt wild 

i i aci bei Champollion-Figeac, Pal£ogr. des Classiques Romains. 
') Eccl Colon Codd. p. 86 



Hothe Farbe. 205 

vorkommt. Sehr oft ist der Text roth geschrieben, der Com- 
mentar schwarz. In Reuchlins Codex der Apocalypse, etwa 
saec. XII, jetzt in Maihingen, ist der Text nur durch rothe 
Häkchen bezeichnet, und das erste Wort roth ausgezeichnet; 
daneben steht am Rande roth xü^tvor, und wo der Coinmen- 
tar beginnt, tQ^vela. 1 ) Aber in einer Baseler griechischen 
Handschrift in alter Minuskel ist der ganze Text des Gregor 
von Nazianz roth, der Commentar des Elias von Kreta schwarz. 2 ) 
Auch der dreibändige Commentar Cassiodors zu den Psalmen 
in der Bobienser Bibliothek war cum textu rubeo psalmorum 
geschrieben. 3 ) Becla's Commentar zum Marcus saec. VIII in 
Libri's Catalog S. 32 n. 139 enthält den Text in rothen Un- 
cialen (Facs. pl. V); in rother Minuskel, vom schwarzen Com- 
mentar umgeben, .der 1067 geschriebene Commentar des Remi- 
gius zu den Paulinischen Briefen, ib. S. 259, und ähnlich der 
Servius saec. XIV, S. 210 n. 935. Auch in einer Augsburger 
Handschrift saec. XII von Hieronyinus' Commentar zum Jere- 
mias sind die Textworte roth. 4 ) In dem Sanctgaller cod. 21 
saec. XII ist Notkers Psalmenübersetzung schwarz, der Text 
roth, dagegen in einem Psalter in Cambridge die angelsäch- 
sische Interlinearversion roth. 5 ) 

Fehlt es also hierfür nicht an Beispielen, so ist doch eine 
so ausgedehnte Anwendung der rothen Farbe immer eine Aus- 
nahme. In später Zeit, als die Parallelchroniken der Kaiser 
und Päbste aufgekommen waren, rindet sich zuweilen Mennig 
für eine ganze Hälfte des Textes angewandt; ebenso auch die 
damals sehr beliebte blaue Farbe. Beide waren vom 13. Jahr- 
hundert an regelmäfsig für die Anfangsbuchstaben und son- 
stige Verzierungen in Gebrauch; darum heifst es in dem oft 
erwähnten Wörterbuch 6 ): Minium, rote, dint, est color rtibeus, 



1 ) Fr. Delitzsch, Handschriftl. Funde I (1861) mit Facsimile. x 

2 ) Serapeum XVII, 182. 

3 ) Inventar von 1401 , bei Peyron vor seiner Ausgabe der Cicer. 
Fragmente (Stuttg. 1824) p. 13. 

4 ) Mezger, Gesell, d. k. Bibl. in Augsburg S. 04. 

5 ) Univ. F. f. 1. 23 bei Westwood, Anglo-Saxon Psalters N. 1. 

ü ) Serapeum XX111, 27!>, wo lazarium sieht, aber der von W. Wacker- 



206 Die Schreibgerathe und ihre Anwendung. 

quo depingi solent litterae capitedes. Lasurium, pkt dint, 
est color plaveus vel coelestis, quo etiam depingi solent litterae 
capüales. 

In den Handschriften italienischer Humanisten erscheint 
anstatt des lebhaften, dick aufgetragenen Mennichs eine rothe 
Dinte. welche der heutiges Tages üblichen gleicht. Dagegen 
ist in alten Handschriften aus den Uehergangszeiten und bis 
ins zehnte Jahrhundert hinein das Roth häufig blafs und ohne 
Lebhaftigkeit. 

Der griechische Name ist fieXdviov xoxxivov, aus welchem 
Fabricius mifsverständlich einen Schriftsteller Melanius Cocinus 
gemacht hat. Es findet sich nämlich im Cod. Reg. 12G1 (jetzt 
2224) ein Recept gegen das Fieber, welches abergläubischer 
Weise mit rother Dinte geschrieben werden sollte: 7<,\>// //>•<• /V 
navv tog>iZifiog tiq tov jivQtrov ygätySTai 6e ovreo^ tnr<) //«- 
Xccvtov xoxivov. in den Hieroglyphicis von Horapollon wird 
von einer Hieroglyphe gesagt: MiXav xai xoxxwov xiu Gypiviov 
Qaryoag. ovöt . und wirklich ist es eine Schreibtafel mit einem 
Bchwarzen und einem rothen Napf und einem Rohr. Durch 
einen Schreibfehler aber ist sehen in alter Zeit xooxwov ge- 
setzt, und eine lächerliche Erklärung dafür erdacht. 

Beides ist von Brunet de Presle nachgewiesen, in den 
Comptes rendus de l'Academie, 1865 S. 172. 

I ispriinglieh verschieden davon ist die Purpurdinte, 
xivvdßaQtq, saerwm incaustum, in Byzanz, deren Gebrauch dem 
Kaiser vorbehalten warV) Basill. II, 5, 26: avlo%vooq Iötco 
ßaöiXixr) XTjQSVOVöa dvrcyQaqyrj vxoyoaxprJQ X ei Q°$ ßaGtXtxfjq tfjq 
_ tyxavtfjq löxevaöfilvrjq xöy/jtr. Diese geheiligte Dinte 
wurde verwahrt im xavhckeiov, caniculus, 2 ) das einen eigenen 
Kammerhern] zum Hüter hatte: 6 £x\ xavixleLov, caniclinus. 

i lslT zur Begrüfsung der Philologen Versammlung in Ba el gedruckte 
ibularius optimua aaec \iv liegt jenem zu Grunde, und da Btehf 

') Belegstellen bei Hein. Criminalrecbt der Römer S. 684 u. 555 
i i».i cheint jedoch mehr Vermutbung al That ache zu sein. 
und vielleicht wird das Wort xavlxXetov richtiger \<>n dem tat. cancelli 
;i bffeleitet 



Rothe Farbe. 207 

Ragewin bezeichnet ihn Gesta Frid. III, 47 als unus de servis 
palatii, caniclinus vhdelicet, quem nos cancellarium dicere pos- 
sumus. Reichsvorniünder unterzeichneten grün, mit ßaTQa%8iov 

Eusebius ad Carpianum nennt jedoch auch die rothen 
vjtoö?/ i utwj<jtig der Bücher dia xivjwßaQscog, und es scheint 
häufig kein Unterschied wahrnehmbar zu sein, wie auch Mont- 
faucon aus eigener Anschauung versichert. Ursprünglich war 
nämlich die Kaiserdinte nach den Stellen der Alten wirkliche 
Purpurfarbe; aber die mag aufser Gebrauch gekommen sein, 
als die Purpurfabrication selbst aufhörte. Theophilus I, 41 
giebt richtig an, dafs cetoobriurn aus Schwefel und Quecksilber 
bereitet werde, minium (c. 44) aus Bleiweifs, aber die Aus- 
drücke sind in alter Zeit nicht immer unterschieden, viel- 
mehr erscheinen xtvvdßaQiq und minium oft als gleich- 
bedeutend. 1 ) 

Die älteste bekannte Art kaiserlicher Unterzeichnung war 
einfach mit legimus, wie es unter dem griechischen Brief an 
Pippin bei Mabillon und Montfaucon zu sehen ist und von 
Karl dem Kahlen nachgeahmt wurde. 2 ) Die Unterschrift seiner 
Urkunde für das Martinskloster zu Tours, welche er noch als 
König ausstellte , ist auf dem Facsimile jenes griechischen 
Briefes unter dem legimus des griechischen Kaisers gegeben; 
ebenso erscheint es auf der Schenkung von St. Eloi an die 
Pariser Kirche vom 12. Mai 846, facs. im Musee des Archives 
S. 30. Die Stiftungsurkunde für Compiegne bei Mab. S. 406, 
Tab. XXXI. hat dasselbe Wort, aber hier ist aufserdem auch 
•las Monogramm des Kaisers rotli. 



1 ) Vgl. hierzu Fr. Delitzsch, Handschrift! Funde II, 58— Gl, und 
in der Deutschen morgenl. Zcitschr. 1863 S. G75 — G81 : Ueher die rothen 
Farbstoffe der Alten (auch über \a%aq, lacca, Cochenille), und die von 
Rocklnger S. 36 ff", aus dem Libcr illuministarum mitgethcilten Recepte. 
Auch cod. lat. Monac. 7G23 saec. XII et XIII: Jiatio faciendi cinnabar 
minium aliaque pimjenti et scribenti necessaria. 

2 ) Vgl. avkyvoiv in ägypt. Papyrus, und legimus des Krzb. v. Ra- 
renna l-ci Marini, Pap. Dipl. Tab. XX, und dazu die Bemerkungen 
s. :;»;<;. 367. 



208 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Die spätere Art der vollständigeren Unterschrift griechi- 
scher Kaiser ist zu sehen von Andronicus a. 1286 bei Pasini 
I, 360, von 1428 bei Pasquale Placido 1 ), und von 1451 in den 
Sitzungsberichten der Wiener Akademie VI, 531 in einem 
schönen Facsimile; bei Montfaucon p. 301 die Unterschrift der 
Kaiserin Irene Ducaena, kurz vor 1118, unter dem Typicon, 
der Regel für das von ihr gestiftete Nonnenkloster. Als die 
Berechtigung auf Prinzen und Despoten ausgedehnt wurde, be- 
hielten doch die Kaiser das (irjvokoyelv , die rothe Schrift des 
Datums, sich vor. 2 ) 

Nachgeahmt wurde diese Sitte von den langobardischen 
Fürsten in Unteritalien, deren Monogramme minio äucta sind. 
wie Gattola an Mabillon schrieb 3 ), und von den sicilischen 
Königen nach folgender Stelle einer Urkunde von 1142: Unde 
ad certitudinem dictae sententiae posuimus nostra sigilla, et 
Dominus Her posuit siMM Signum per UUeras rubeas, et Sig- 
num Crucis fecit ad suam conß,rmationem } et fecimus instru- 
mentum Episcopo et Domino Gilberto cum alphabeto cum in- 
castro rubeo de donatione et contracübus.*) In der bald zu 
erwähnenden Urkunde Roger's in Goldschrift von 1139 ist das 
Datum roth geschrieben. 5 ) 

Auch die serbischen Fürsten des 14. Jahrhunderts, Ste- 
phan Duschan, Symeon Urosch, Maria Angelina, unterzeichnen 
roth. 6 ) 

Die griechischen Kaiser, unter welchen mehrere Kalligra- 
phen waivn. bedienten sich dieser Dinte auch für die heiligen 
Schriften. So besitzt M. Curzon ein Evangeliar, welches Alexius 
und Kniaiiuel Comnenus geschrieben haben sollen. Darin ist 
die erste Seite gemalt, die zweite und dritte mit Purpurdinte 



') Dlustrazione <li tre diplomi Bizantini, Na p 1862. 
■) Unterschr, des Despoten Demetrius'von L450 bei 1'. Placido 1. c. 
■'■) Valery, Correspondance de D. Mabillon Ml. L63. 
l ) apud Rochum Pirrum tomo I Notit. Bicil. p. 311. bei Du Cange 
- \ Eucaustum, l. 390 ed tertiae 

Mono, Palenno aatico s :;'.i7. 
') Revue axcheologique, Mars 1864. 



Goldschrift. 209 

geschrieben und mit Golclstaub übergoldet. 1 ) Durch solchen 
Ursprung erklärt es sich vielleicht auch, dafs die Fragmente 
paulinischer Briefe in Uncial des neunten Jahrhunderts, in 
Hamburg und London, ganz roth geschrieben sind, der Titel 
vergoldet ist. 2 ) 

6. Goldschrift. 

Goldschrift war sehr beliebt, im byzantinischen Reiche 
noch häufiger als im Abendlande. Bald schrieb man ganze 
Handschriften in Gold, bald nur die Ueberschriften oder die 
ersten Seiten, den übrigen Text häufig in Silber, wovon schon 
oben beim farbigen Pergament manche Beispiele gegeben sind. 3 ) 
x\uf diesem konnte man natürlich nur solche Schrift brauchen. 
Man nannte es XQvöoyQaopla oder XQVöoyQctfifiicc, und es gab 
eigene yj)v6oyQa<poL, yQvöoyQa<pug. Montfaucon (Pal. Gr. p. 5) 
theilt aus griechischen Handschriften Recepte mit und ver- 
sichert, dafs man gelungene Versuche damit gemacht habe. 4 ) 
Schreiben soll man mit dem Pinsel, fiera ^coyyacpixov xovölXIov; 
Theophilus aber, der auch Recepte hat, spricht nur vom Schrei- 
ben. 5 ) In Brescia ist ein Evangeliencodex aus S. Giulia, den 
die Nonnen als Breviarium Ansäe reginae bezeichneten, mit 
Silber auf Purpur geschrieben, die ersten Zeilen der Evangelien 



1 ) A Catalogue of the Curzon library p. 24. 

2 ) nach Henke bei Tischendorf Anecd. p. 175. 

8 ) Vgl. Montfaucon, Palaeogr. p. 4. Ein Verzeichnifs so geschrie- 
bener biblischer Handschriften bei Bianchini, Evangeliarium Quadruplex 
(Romae 1749 f.) II fol. DXCI— DXCVIII: De codicibus aureis, argenteis 
ac purpureis. Nouveau Traite II, 101 if. 

4 ) Muratori Antt. IV, 692 ed. Aret. giebt drei Recepte, darunter 
eins für scriplio similü nitro; Boehmer eine Praeparaiio auri ad scri- 
bendum in Mone's Anzeiger für Kunde der Vorzeit V, 90 ex cod. Lugdun. 
B. XL Vgl. auch Nouveau Traite II, 107. Bandini Codd. latt. II, 419 
führt aus einem cod. Prisciani saec. XII an: Ratio faciendi Utteras au- 
reus et rosas, d. h. rothe Verzierungen, Rosetten. Verse auf Scrvpturam 
pulchram si guis Hihi scribere quaerit Ex auro werden angeführt e cod. 
S. Amandi s. XII Archiv VIII, 1;><>, Mangeart n. 145, u. e cod. Monac. 
Rockinger S. 48. Bei diesen S. $9 ff. viele Recepte für echte und un- 
echte Goldschrift. 

r ') [, 34 37 ed. [lg; liberal] Bcribere, u. S. Hl tinges calamum. 

Wuttoii Lach, Schriftwesen. 2. Aufl. 11 



210 Die Sclireibgerät'he und ihre Anwendung. 

golden. Von diesem behauptet Garhellus, *) dafs unter der ab- 
gesprungenen Masse Schrift mit Dinte sichtbar sei; auch sei 
die Masse, in der an einer Stelle eine Fliege eingehüllt sei, zu 
zäh und dick, als dafs sie aus der Feder habe geschrieben 
werden können. Aehnliche Vermuthungen findet man auch 
sonst, doch liest man nur von aurum de penna, und von Vor- 
zeichnung ist nirgends die Rede. 

Der Kaiser Artemius (713) gehörte zu den Goldschreihern, 
und Theodosius III, der 717 entthront und zum Cleriker ge- 
schoren wurde, scheint sich in Ephesus mit Goldschrift beschäf- 
tigt zu haben. 2 ) Dafs auch in Rom diese Kunst noch im 
zehnten Jahrhundert eifrig betrieben wurde, zeigen die Verse, 
welche Liudprand I, 2G dem Kaiser Arnulf in den Mund legt: 

Magnanimi proceres et clari Marte secundo, 
Arma quibus Studium fulvo radiäre metallo, 
Romulidae sueti vacuis quod condere scriptis. 

Den Iren fehlte bei ihrer Kalligraphie das Gold, 3 ) aber 
die Angelsachsen lernten von den römischen Missionaren auch 
diese Kunst. Der köstlichen Evangelienhandschrift, welche 
Erzbischof Wilfrid von York machen liefs, wurde schon oben 
S. 1 1 1 gedacht. Bonifatius bat die Acbtissin Eadburg, ut »ti//l 
niui auro conscribas <)>istolas dornini mei saneti Petri apostoli, 
ml honorem et reverentiam sanetarum scriptwra/rwm ante ocülos 
camälium 'm praedicando. 4 ) 

Sehr schön ist das Krönungsbuch der angelsächsischen 
Könige, «-in Evangeliar, welches König Aedhelstan der Kirche 
zu Canterbury geschenkt hat; die drei ersten Seiten jedes 
Evangeliums sind in goldener Capitalschrift, hei Matthäus auf 
Purpur. Es stamml wohl von dem Neffen des Königs, Otto I 
von Deutschland, denn neben dem Anfang des Evangelium 

') in dein Brief über diese lls. *or Bianchini'a Evangelium Qua- 
droplei s. ;>. i eber das Blatt am Anfang mit. krit. Bemerkungen mr 
i i eberaetzung b. M. Haupt im Imi. leett Berol. aest, 1869. 

- /". /( i yia /,,, ,,n t ,„' , t ,, _ Cedrenua p 149. 
i \ i Anzeiger des Germ. Mus XVI L869 S 290. 
-, ep 32 ed. Jaffa, Bibl. III. 99. 



Goldschrift. 211 

Matthaei steht f ODDA REX :• f MIHTHILD MATER REGIS :• 
Doch kann es deshalb auch in England geschrieben sein. *) 
Ein Psalterium literis aureis et assuris scriptum et mirabUMer 
luminatum schenkte Godfrid von Croyland, seit 1299 Abt von 
Peterborough, dem Cardinal Gaucelin. 2 ) Hier scheint jedoch 
wegen der Erwähnung der blauen Farbe an Initialen gedacht 
werden zu müssen. 

Unter Karl dem Grofsen kam diese Kunst auch ins Fran- 
kenreich, und es wurde hier sehr viel und sehr schön in Gold 
und Silber geschrieben; vgl. oben S. 111. Eigenthümlich ist 
die Einrichtung einer Evangelienhandschrift des neunten Jahr- 
hunderts, in welcher alle Worte Christi mit Gold geschrieben 
sind. 3 ) 

Gerne erhöhte man den Glanz des Goldes durch purpurnes 
Pergament, doch nimmt sich die Goldschrift auch auf weifsem 
Grunde recht schön aus, wie z. B. in der ganz in Gold ge- 
schriebenen Evangelienhandschrift saec. X. aus Cleve in der 
Berliner Bibliothek, Cod. theol. Lat. in fol. 260. Sehr schön 
ist der Evangeliencodex in Trier, den Mutter Ada, welche später 
für Karls des Grofsen Tochter galt, nach S. Maximin gestiftet 
hat, 4 ) und von besonderer Pracht mit reichstem Bilderschmuck 
das Epternacher Evangeliar, jetzt in Gotha, welches Otto II 
und seine Gemahlin Theophano dort dargebracht zu haben 
scheinen, als 973 wieder Benedictiner an Stelle der Canoniker 
einzogen. ft ) Von vorzüglicher Schönheit ist die Evangelien- 
handschrift, welche Heinrich III für die Speierer Kirche schrei- 



: ) Cott. Tib. A. 2. Westwood, The Coronation Oath Book of tlie 
Anglo-Saxon kings. 

' 2 ) Walter de Wytlesscye bei Sparke, Hist. Anglicanae SS. p. 17 3. 

•"') Reg. 257, nach Nouveau Traite II, 103. In Crcmona waren 
nach dem Inventar des Bischofs Odelricus 984 Evangeliorum testus aurei 
volumen I. Episcopalium benedictionum libelli auro inscrijpti vol. 1. 
Monn. Hist. Patr. XIII. C. I). Longobardiae p. 1443. 

4 ) jetzt in der Stadtbibliothek; vgl. Browcri Ann. Trev. S. 393. 
Archiv VII, 139. Verse aus einem anderen Codex der Ada stehen in 
Alcuins Werken, angef. von Eckhart, Comm. de Or. Francia I, 51)7. 

r ') Rathgeber, Beschreibung der Gemäldegalerie zu Gotha S. G— 20. 
Jacobs u. Ukert, Beiträge II, L ; .s. 

14* 



212 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

hon liefs und welche jetzt leider im Escorial sich befindet; 
das Gold strahlt noch jetzt in unverminderter Frische. *) 

Dieser Luxus scheint auch in Frankreich belieht gewesen 
zu sein. t Noch 1213 liefs Abt Peter von Hautvilliers die Evan- 
gelien in Gold schreiben. 2 ) In der Bibliothek des Louvre war 
nach dem Inventar von 137o nicht nur die Apocalypse in Gold- 
schrift, 3 ) sondern auch Une Legende doree en meme lettre. 

Dagegen dürften die aureae litterae in der oben S. 192 
mitgetheilten Stelle des Daniel von Merlai sich wohl auf die 
Ausschmückung mit Initialen beziehen, und dazu stimmt auch 
eine Geschichte, die Odofredus (f 1265) erzählte: 4 ) Bixit pa- 
ter filio .... Yade Pa/risius vel Bononiam, et mittam tibi 
annuatim centum libras. Iste quid fecit? Ivit Parisius et fecit 
libros s/k,s babuinare de literis aureis. Denn für die Deutung 
.int kostbaren Bilderschmuck, durch welchen ja gerade damals 
Paris berühmt war, spricht auch eine andere Aeufserung des 
Odofredus: Hodie scriptores non sunt scriptores, imo pictores. 
Mit solcher Verzierung der Handschriften befafsten sich vor- 
züglich auch die Cluniacenser, denen neben dem übrigen kirch- 
lichen Luxus auch diese aureae litter ae zum Vorwurf gemacht 
werden in dem merkwürdigen Dialogus int er Cluniaceusi m <f 
Cisterciensem, in welchem um das Jahr llöU die größere Ein- 
fachheit i\i>v Cistercienser gerühmt wird. Da heilst es: aurum 
molere <t cum illo molito magnas <<tpil<d<s pingere litteras, 
quid est nisi in utile et otiosum opus? Augenscheinlich sind 
hier mir Initialen gemeint. 6 ) 



') vi. Giesebrecht, Geschichte der ECaiserzeit, .'!. Ausg. II. 661. 
I I .;illi.i ( hristiana I X. 255 

i wt parchemin novr f wie mir zu lesen Bcheint, also wohl ein 
altes Pnrpurmanuscript. s. 102 der Ausgabe von Job van Praet. Sonsl 
enthalten diese Inventare Keine Goldschrift. 
') Bavigny, <" i ii des Rom. Rechts im Mittelalter HI, "»-'S- - ; (576 
ed. II). 

\i.,ii Mm \. L584 ii. I<><>7 hie Dominicaner beschränkten 

jich .Uli i/ iiimI weil-: ruhi m inrrs ilr hlain il im/r <i Vu8age de8 

m ''/ . bei Hiver de Beauvoir, La Librairie de Jean duc de Berrj i 



Goldschrift. • 213 

Die Wiener Bibliothek besitzt ein für den Herzog Al- 
brecht III von Oesterreich im Jahre 13G8 ganz in Gold ge- 
schriebenes Evangeliar, mit der Schlafsschrift: 1 ) Et ego Jo- 
hannes de Oppauia presbiter canonicus Brimnensis plebanas 
in Lantskrona hunc libriim cum cmro purissimo de penna 
scripsi, illuminaui atque deo cooperante compleui a. d. mill. 
trecentcs. sexagesimo viij. 

Diese Erscheinung ist aber sehr vereinzelt. Die kostbare 
Schrift mit diesem fein geriebenen Golde, welche ausserordent- 
lich dauerhaft ist, 2 ) verschwindet im dreizehnten Jahrhundert; 
die Anwendung von Goldschrift in gröfserem Umfang hört auf, 3 ) 
und wo man sie noch findet, ist Blattgold auf eine Unterlage 
(Poliment) aufgetragen. Ein englisches Recept dazu aus dem 
15. Jahrb. lautet: For to wryte golde. Take grey pomys, 
grynde yt smalle, temper yt ivith gleyre as rede ynke ys, and 
wryte therwith; and qivhan yt ys drye, ruh thereon gold or 
sylver, and as the metal ys, so yt ivylle he sene, and than 
bome yt with a tosch (tooth) of a calf.^) Diese Methode ist 
lange nicht so solide; leicht reibt das Gold sich ab, und der 
röthliche Untergrund kommt zum Vorschein. 

Auch Briefe griechischer Kaiser in Goldschrift werden 
erwähnt; so gedachten wir schon oben S. 115 des Schreibens 
von Constantin IX an den Kalifen von Cordova. Kaiser Ro- 
manos schrieb aureis litteris an Konrad II, 5 ) und ebenso Kaiser 
Manuel an Friedrich Barbarossa. 6 ) Eine Stelle über eine Ur- 



1 ) Berichte und Mittheilungen des Alterthums Vereines zu Wien I, 97. 
Facs. bei Silvestre IV, 221. 

2 ) Die Silberschrift ist lange nicht so dauerhaft, und erscheint jetzt 
meistens ziemlich geschwärzt. 

B ) Ein vereinzeltes Beispiel vom Ende des Mittelalters oben S. 113. 
Audi in den angeblichen Werken des Dionysius Ariopagita, welche 1408 
der Kaiser Manuel Palaeologus dem Kloster St. Denis-en-France schenkte» 
sind ganze Seiten in Goldschrift, Nouveau Traite II, 102. Die Recepte 
freilich reden auch noch später von aurum de penna. 

') Wriglit and Ilalliwell, Reliquiae antiquae I, 1G4. Aehnliche 
Anweisungen bei Rockinger S. 39. 

5 ) Wiponis Vita Chuonr. c. 22. 

,; ) Albertus Stad. a. 1171). Mon. Germ. SS XVI, 349. 



214 »Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

künde der Art führt Montfancon Pal. Gr. p. 5 an. Auch das 
angebliche Original der berüchtigten Schenkung Constantins 
an den Pabst Silvester war in Gold geschrieben, wie Otto III 
in seiner merkwürdigen Urkunde vom April 1001 sagt: Ilaec 
sunt mim eonnnenta ab Ulis ipsis inventa } quibus Joannes dia- 
coniis, cognomento digüorum mutius, praeeeptum aareis litter is 
scripsti, sub titulo magni Constantini longa mendacii tempora 
fmxit. x ) 

Eine Urkunde des Langobardenkönigs Aripert von 707 für 
den römischen Pabst mit goldenen Buchstaben erwähnt Paulus 
Diaconus VI, 27. Von einer Schenkung der Könige Hugo und 
Lothar an das Mailänder Ambrosiuskloster vom 15. Aug. 942 
berichtet Puricelli, dafs sie in Gold geschrieben war, wie auch 
andere Urkunden desselben Klosters. 2 ) 

In England erhielt Glastonbury von S. Edmund ein gol- 
denes Privileg, und Xeumünster 966 von Edgar. Die Urkunden 
sollen ausserdem mit goldenen Kreuzen und anderer Verzierung 
versehen gewesen sein, wie theils erhaltene Originale zeigen, 
theils Ingulf von Croyland bei der Erzählung vom Brande des 
Jahres 1091 berichtet: Chi/rographa nostr a pulcherrima, littera 
publica conscripta et crueibus awreis et veniistissimis picturis 
ae elemetUis pretiosissimis adornata, privilegia etiam regum 
Merciorum antiquissima et optima, similiter awreis picturis 
pulcherrime consignata, sed littera Saxonica scripta, omnia 
sunt conibusta. 8 ) Aber nach Palgrave's überzeugender Aus- 
führung 1 ) waren alle solche Urkunden Fälschungen oder Ab- 
schriften, die man später für Originale hielt. 



') Baronius ad. a. 1191, Daraus Pertz, Mon. Legg. Ib, 1<!"2. 

J ) Mon, Ambros. p. 282. sin sollten m corio piscü geschrieben 
sein, wba aui Papyrus Bchliefsen Lafst; über diesen unbekannt gewordenen 
gtofl kommen oft Irrige Abgaben vor. Doch Kann es auch verwittertes 
Pergament Bein. 

ausführlich darüber Nouveau Traite* l. 546 f. Das Chartular 
von Winchester (Vespas A VHI) ist ganz in Goldschrift, scheint aber 
nicht Originale zu enthalten, in Kemble'a Cod. Dipl. Aeyl Baxonici 
findet man hierüber nicht die geringste Auskunft. 

■ and progree n p. CCIX, and daraus bei Benj. Thorpe, 
Diplomatarium Angl. p. XIV. 



Goldschrift. 215 

Eine Urkunde von Robert Guiscard für San Giovanni di 
Volturno, jetzt in der Barberinischen Bibliothek, in Goldschrift 
auf violettem Grunde, erwähnt Bethniann, Archiv XII, 495. 
Roger II von Sicilien erhob im April 1139 den Emir Christo- 
dulos durch ein griechisches Diplom in Goldschrift zum Proto- 
nobilissimus; *) ein anderes lateinisches vom April 1140 über 
die Gründung der Capelle im Palast zu Palermo in Goldschrift 
auf blauem Baumwollenpapier, ist nur eine Copie. 2 ) 

Von deutschen Kaisern führt der Chronist von Her- 
rieden eine Urkunde des Kaisers Arnulf in Goldschrift für das 
Bisthum Eichstedt an. 3 ) Unecht ist die Schenkung Otto's I 
an die römische Kirche von 962, mit Gold auf Purpur ge- 
schrieben, im vaticanischen Archive sorgfältig verborgen, 4 ) und 
mindestens zweifelhaft Heinrichs II nicht mehr im Original 
vorhandene Bestätigung. 5 ) Der Dotal-Urkunde für die Kaiserin 
Theophano von 972 wurde schon oben S. 112 gedacht; sie ist 
nie besiegelt gewesen. In einer Urkunde Heinrichs III ist 
nach Archiv VIII, 6 die erste Zeile, die Unterschrift des Kaisers 
und das Actum mit Gold geschrieben, allein nach der Mitthei- 
lung von Sickel 6 ) ist das nicht ursprünglich, sondern nur eine 
spätere Spielerei. Nach der Vita Bennonis c. 20 ertheilte 
Heinrich IV am 30. März 1079 dem Bisthum Osnabrück ein 
Privileg in Goldschrift, 7 ) doch ist die Angabe nicht unverdächtig. 



*) Facs. bei Montf. Pal. Gr. S. 408 ohne Erwähnung der Gold- 
schrift; er hatte das Orig. nicht gesehen. Dasselbe verkleinert bei Morso, 
Palermo ant. S. 301, vgl. S. 397 u. oben S. 208. 

2 ) S. oben S. 115. 

3 ) Anon. Haser. Mon. Germ. SS. VII, 256. 

4 ) Mon. Germ. Legg. II b p. 161. 

8 ) in Charta coloris violati rubel, nach dem alten Verzeichnifs bei 
Muratori, Antt. VI, 77. Dagegen sind die Privilegia aurea im Bobienser 
Inventar von 1461 bei Peyron de bibl. Bob. p. 64 u. 65 offenbar nur 
wegen ihres kostbaren Inhalts so genannt. 

6 ) Acta Karolin. I, 289. 

7 ) Mon. Germ. SS. XII, 71. Stumpf n. 2808. Erhard C. D. 
Westf. I, 124 bemerkt, dafs Strunck das angebliche Original in Gold- 
schrift noch gesehen habe. Das Datum nach 11. Wilmans, Kaiserurkk. 
v. Westfalen I, 339, welcher die Echtheit nicht bezweifelt. 



216 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Vollständig sicher dagegen ist die noch erhaltene Privile- 
gienbestätigung, welche Lothar III am 22. September 1137 
auf Bitten des Abts Wibald für Stavelot in Goldschrift ausge- 
stellt hat. Unter Konrad III erhielt derselbe Abt am 23. März 
1147 für das Kloster Corvey eine aufserordentlich schöne Ur- 
kunde in Goldschrift auf purpurnem Pergament mit goldener 
Bulle (Stumpf 3543). Merkwürdig ist, dafs von derselben Ur- 
kunde ein zweites, ganz ähnliches, aber unbesiegeltes Exemplar 
1848 in Wien zum Verkauf ausgeboten wurde, während auch 
noch andere Exemplare in gewöhnlicher Form vorhanden sind. 
Auch Friedrich I gewährte am 18. Mai 1152 Wibald ein Pri- 
vileg für Corvey in Goldschrift. J ) 

Die Schrift jener Urkunde Konrads ist Bücherschrift, wie 
die der Urkunde für Theophano, und es ergiebt sich also 
hieraus, dafs solche Prachtstücke nicht eigentlich aus der k. 
Kanzlei hervorgingen, welche dazu wohl gar nicht befähigt 
war. Wie sie aber entstanden, zeigt uns eine überaus merk- 
würdige Urkunde Friedrichs II für den Bischof von Ivrea von 
1219 bei Boehmer Regg. Frid. II. 202. Darin erlaubt nämlich 
der König dem Bischof, ein seiner Kirche ertheiltes Privileg 
mit goldenen Buchstaben schreiben zu lassen; dann wolle der 
König seine goldene Bulle daran hängen lassen. Ein benach- 
bartes Stift besafs schon einen solchen Schatz, und der Bischof 
von Ivrea wollte nicht hinter ihm zurückstehen. Auflallend 
ist, dafs Ivrea sich auch schon einer solchen Urkunde von 
Otto III für den Bischof Warmund vom 9. Juli 1000 rühmte, 
welche Prof: Stumpf als unecht bezeichnet. 

Mir scheinl aber ans diesen Beispieles «'ine Mahnung zur 
Vorsicht in der Kritik von Kaiserurkunden sich zu ergeben. 
Deutlich erkennen wir daraus dir Möglichkeit, dafs aufserhalb 
der Kanzlei von einem Kalligraphen verfertigte Urkunden von 
dein König dennoch mit seinein Namenszug und Siegel ver- 
sehen werden konnten.*) Geschah das hei Goldschrift, so 



') Schannat, Ami. Paderborn, l. 661- Erhard -,\^\ weder im Cod 
Dipl. II. »',i Doch in den Regesten etwas über die Schrift. 

Bei nicht \ < » 1 1 1 König b Uten I rkundeu kommt die Bekräf- 



Das Schreiben. 217 

konnte es auch in anderen Fällen geschehen, wo vielleicht in 
dem Drang der Geschäfte und anderer Unistände nur die Lang- 
samkeit der Kanzlei die Ausfertigung von Urkunden verzögerte 
und es sehr nahe lag, sich durch mitgebrachte Schreiber zu 
helfen. Dadurch könnten leicht Abweichungen von der ge- 
wöhnlichen Schrift und selbst vom Formular ihre Erklärung 
finden. *) 

Spätere Beispiele von Kaiserurkunden in Goldschrift sind 
mir nicht bekannt. Von anderen Fürsten weifs ich nur Erz- 
bischof Adalbert von Mainz zu nennen, dessen Privileg für die 
Mainzer von 1120 in dem jetzt fehlenden Original die erste 
Zeile nach Würdtweins Bericht in Goldschrift hatte, 2 ) und 
Herzog Rudolf IV von Oesterreich, der auch durch Invocation 
und Unterschrift in Gold seine Prachtliebe an den Tag ge- 
legt hat. 3 ) 

7. Das Schreiben. 

Unter den verschiedenen Benennungen dieser Thätigkeit 
ist YQacptiv verwandt mit graben, und der Ausdruck bei Homer 
II. XVII, 599: 6?] i uaTa ygatyctq tv jtivaxt zeigt den Ursprung 
der späteren Bedeutung. Mittelalterlich findet es sich wieder 
in graphia, z. B. in dem Titel der bekannten Schrift Grapliia 
aureae urbis Romae; davon graphiare, graphiarius, franz. gref- 
fier; freilich können diese Worte auch von Griffel abgeleitet 
werden, s. oben S. 184. In der Unterschrift eines 1463 in Paris 
geschriebenen Valerius Maximus steht graficatus liber.^) 



tigung durch k. Siegel hin und wieder vor. Beispiele von Friedrich II 
bei IIuillard-Breholles, Introduction p. LXII. 

') Vgl. Heinrichs V Urk. f. Polirone vom IG. Nov. 1123, Mon. 
Graph- HI, (>, mit den Bemerkungen von Stumpf, Regg. n. .3195 — 3197. 
Auch Lothars ürk. v. 20. Nov. 1125, ib. V, 8, Stumpf 3228, hat eine 
ganz ungewöhnliche Form. Vgl. auch unten den Abschnitt über die 
Schreiber. 

a ) Schaab, Geschichte von Mainz II, 43; vgl. Fr. Kolbe, Erzb. 
Adalbert (1872) S. 90. 

:! ) Kürschner im Archiv f. Oesterr. Gesch. XLIX, 8 u. S. 24 Anm. 2- 

4 ) Catalogue of tlie Burncy Manuscripts S. 58, n. 209. Der Schrei- 
ber war ein Gelehrter, und jvpllte wohl damit seine Gelehrsamkeit zeigen 



218 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Spätgriecliisch Ist gvsiv, häufig in den Unterschriften der 
Kalligraphen vorkommend. 2 ) 

Von %aQ('cTTtii\ welches schon altgriechisch für sehreiben 
vorkommt, wird cliaraxare, caraxarr. craxare abgeleitet, welches 
auslöschen, radieren, aber auch malen und schreiben bedeutet; 
charaxaiura ist sowohl Rasur wie Schrift, wie aus den von 
Du Gange gesammelten Beispielen hervorgeht. Das Wort war 
besonders bei den Irlandern beliebt, und der Schottenmönch 
Arbedoc beginnt seine, in höchst barbarischem Latein verfafste 
Unterschrift einer Canonensammlung mit den Worten: Mihi 
xraxanti (sie) Uteras missercatiir trinitas. 2 ) Adamnan (f 704) 
beschliefst seine Vita S. Columbae nach dem Beispiel des 
Irenaeus mit der Beschwörung: Obsccro eos quicumque voluerint 
hos describere libellos, inuno potius adiuro per Christum iudicem 
saeetdorum, ut postquam diligenter desevipserint, conferant et 
emendent cum omni diligentia ad exemplar unde caraxerunt 
et haue quoque adiurationem hoc in loco subscribant. Die 
älteste Handschrift aber, in irischer Schrift aus Reichenau, 
hat hier und überall, wo es vorkommt, crax., und so wird 
Adamnan selbst geschriebtMi haben. 3 ) Derselbe ersucht am 
Schlufs seines Buches über das heilige Land den Leser um 
Fürbitte pro nie misello peccatore eorimdem craxatore. Gode- 
liiannus berichtet in der Dedication seines schönen Benedict io- 
nale, dafs Aethelwold dasselbe craxare sibi fecü.*) Auch 
Ilraban schreibt: Na/m et nos cum scribimus, scripturam ipsam 
non calamOf quo Idf <■>•<!<■ caraxantur, sed scriptoris manui de- 
putamus. 6 ) Wegen weiterer Beispiele verweise ich auf Du 



') Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. -"»'i. 

-) Cod. hu Pari- 12021 olim S. Germ. 121 aus Corbie. Die Unter- 
Bchrifl vollständig bei Lim»].. Delisle, M6m. de ['Institut XXIV. 295, a. 
Ifaafsen in dm sitz. -Her. d. Wiener AJcad. -UV. 264. 

:; ) Der Herausgeber für dm Bannatyne Club (Reeves L857) bemerkt 
ielbs1 and ändert doch! Er giebt ein schönes Face der Reichenauer 
Handschrift. 

4 ) Archaeologis X X l\ . ü». 

I od. Vindob 956 (Theol. 320) t'. 1<>."» v. aacb Mittheilung ?on 
Dummler. 



Das Schreiben. 219 

Cange; das Wort findet sich in Glossaren,' und zuweilen auch 
in wirklichem Gebrauch. Dasselbe ist crassare bei Dicuil in 
einer Stelle, auf welche wir noch zurückkommen werden. 

Scribo verhält sich zu yQacpm, wie sculpo zu ylvjtrco, und 
ist in gleicher Weise zu seiner gewöhnlichen Bedeutung ge- 
kommen; davon franz. ecrire, deutsch schreiben. Von der 
Wachstafelschrift wird exarare hergenommen sein, und mit 
ähnlichem Bild das ungewöhnliche sulcare. Der Wiener Pro- 
fessor Conrad Säldner braucht auch den Ausdruck calamare; 1 ) 
Okulare, formare, corporate werden wir später zu erwähnen 
haben. Nicht zu den eigentlichen terminis gehört es, wenn ein- 
mal pingere gebraucht wird, oder wenn im neunten Jahrhun- 
dert ein Abschreiber sagt: 2 ) 

(Si) scribam queris, qui me penna coloraret: 
Ruathelmus devotus Otgarii fieri iussit. 

Den griechischen und lateinischen Ausdrücken der Bedeutung 
nach gleich ist goth. vreitan, althochdeutsch risan, angels. 
wntan, altnordisch rita, vom Einreifsen, Ritzen der Runen. 
Wir haben es in Reifsbrett, Reifsblei, abreifsen u. s. w. 3 ) Die 
Engländer aber haben to ivrite behalten, und in einem Glossar 
saee. XI steht scriptor ivritere, scriptura gewrit, bei Alfric 
ca/raxatio gewrit. 4 ) Gothisch aber heifst schreiben nicht vrei- 
tan, sondern meljan d. i. malen, und auf denselben Begriff geht 
böhm. pisati zurück, verwandt mit pingere. 

Für abschreiben ist exemplare gewöhnlich; 5 ) Notkerus 
epistolas canonicas graecas exemplaverat, heifst es in den Casus 
S. Galli MG. IL 101. 



*) in seinem Brief an S. Gossembrot, doch nicht in den von mir 
in der Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXV mitgetheilten Stellen. 

2 ) Dümmler in d. Forschungen VI, 119. 

8 ) Vgl. oben S. 59 yerizo, S. 180 rissa für Zirkel. 

*) Th. Wriglit, Vocabularics p. 40. 75. 

r> ) Dümmler macht mich auf die merkwürdige Stelle des Sedulius 
Scotus in rraefationcs Ilieronymi bei. A. Mai, Spicil. IX, 30 aufmerksam: 
,,Exemplaria (gl. pilid puoch) dicit non solum Graecos, sed etiam Ro- 
manos cvangeliorum Codices, neque solum authenticos atque veros, sed 



990 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Die Buchstaben heifsen yQ'appara, litterae, elemmta, 
characteres, wovon ügutio irrig charaxare ableitet, apices, 
figurae. 1 ) In einem Rhythmus des 13. Jahrh. 2 ) steht: 

Adhue doeet littera artem valituram 
elementa pingere, seilicet scriptnram: 
Vitam securam capies scribendo figuram. 

Si non habes oculos, quod potes formare etc. 

Das formare im Anfang der zweiten Strophe bezeichnet 
mit einem Wort die Thätigkeit des Kunstschreibers. 

Die Handschrift selbst hiefs yuQod-eöia, in den Acten 
der Synode von 869, wo von einer Fälschung des Photius die 
Rede ist: xryv ä^äbeqp ort (idXcöta yj(Q(>}höi«r {ii(ir}aä(ievoq 
y Q &<psi. Aber in der Vita S. Nili ans dem Ende des elften 
Jahrh. c. 11 heilst es: tentä xal xvxvtp XQ&nevoq iöioplocp. 
Seneca braucht den Ausdruck chirographum, und vielleicht in 
dieser Bedeutung wird es in Alfric's Glossar erklärt durch 

hand-gewrit. 

Üeber den Unterricht in dieser schwierigen Kunst 3 ) 
haben wir eine merkwürdige Stelle schon bei Plato im Prota- 
gons p- 326 I). wonach die Buchstaben auf Wachstafeln vor- 
zeichnet wurden, und die Knaben die Umrisse nachziehen 
mufsten, um die Hand an die Formen zu gewöhnen: o\ yn<><- 
fiariötal tolq (ifjxco dsivolq fQayu» tmv natöcov bjtoygdfpavreq 
ygafifiaq x% ygatpldi, oth* to ygafifiarslov öMaöt xa\ dvay- 
xd^ovot YQayew *fcra tfjp ütprjyW rwv yoapfiäv. 

etiam novos atque vitiatos Libros, ei maxime in Latino sermone con- 
0H (|lli ;1|lll( | Marias nationea utriusque Linguae per totum terrarum 
orb em dispersi sunt, toter exemplar autem e1 codicem hoc mterest, 
1|M ,„l codei Bit iam descriptum quodlibel rolumen, etiamsi es ipso codice 
adhuc nihil Bcribatur; cum ?ero ex ipso alter codex Bcribatur, tunc 
exemplar esse Lncipil Multi quoque codiceff, id esl decem ve\ centum 
,,i plures, ..,...,.. exemplar appellari possunt, si Bensu rerbisque nihil 
discrepent. Codei *ero non nisi nnum rolumen nominatur." 
i) Vgl oben B. L64 u. L76. 

Mitgetheill von Peiper In der Zeitschr f. deutsche Philo) \. L88. 
I rg ] darüber K r Hermann'« Griech. Privatalterthumer ed. 

Stars 



Das Schreiben. 221 

Bei Seneca ep. 94, 51 finden wir noch dieselbe Methode, 
nur mit dem Zusatz, dafs ihnen auch die Hand geführt wird: 
Pueri ad praescriptum discunt, digiti illorum tenentur, et 
aliena manu per litterarum simulacra ducuntur: deinde imitari 
iubentur proposita, et ad illa reformare chirographum. 

Um die Kinder zuerst mit den Formen bekannt zu machen, 
gab man ihnen auch Buchstaben von Elfenbein, Cedernholz 
oder Buchsbaum. So sagt Quintilian Institut, orat. I, 1, 26: 
Non excludo autem id qaod est notum, irritandae ad discen- 
dum infantiae gratia eburneas etiam litterarum formas in 
lusum offerre. Diese Stelle kannte offenbar Hieronymus, da er 
an Laeta (ep. 107) schrieb: Fiant ei litter ae vel buxeae vel 
eburneae, et suis nominibus appellentur. Ludat in eis, ut et 
lusus, eins eruditio sit. Ebenso spricht Ambrosius in Ps. 118 
von der Verwendung des wohlriechenden Cedernholzes u. a. auch 
formandis litterarum elementis, quibus aetas puerilis ad Stu- 
dium liberalis eruditionis imbuitur. 

Erst nach dieser vorläufigen Bekanntschaft folgt bei Quin- 
tilian die Vorbildung der Buchstaben (praeformatae infantibus 
litterae V, 14, 31), die aber nach seiner Ansicht besser in 
festem Stoff geschieht, damit nicht die Hand, wie im Wachs, 
abirren kann; die Hand zu führen, werde dann nicht nöthig 
sein: Cum vero iam duetus sequi coeperit, non inutile erit eas 
tabellae quam optime insculpi, ut per illos velut sulcos duca- 
tur stilus. Nam neque errahit, quemadmodum in ceris (eon- 
tinebitur enim utrinque marginibus, neque extra praescriptum 
poterit egredi), et celerius ac saepius sequendo certa vestigia 
formäbit articulos, neque egebit adiutorio manum suam manu 
superimposita regentis. Auch hieran finden wir uns erinnert 
in dem nngefiihrten Briefe des Hieronymus: Cum vero coepcril 
trementi manu stilum in cera ducere, vel alterius superposita 
manu teneri regantur articuli, vel in tabella scidpantur ele- 
menta, ut per eosdem sulcos inclusa marginibus trähantur ve- 
stigia et foras von queant evagari. 1 ) 

') Hieron. Opera cd. Vall. I, 675. Ep. 107 ad Laetam a. 403 § 4, 
angeführt von Mono, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrli. VIII, 311, der auch 
schon auf Quintilian verweist. 



222 Die Schrcibgeräthe und ihre Anwendung. 

Von alten Vorschriften und Nachschriften der Schüler auf 
verschiedenen Stoffen ist schon vorher die Rede gewesen (S. 48. 
G5. 77), auch von mittelalterlichen auf Wachstafeln. Eine 
hübsche Stelle darüber wird mir eben von W. Arndt mitge- 
theilt; sie findet sich in der Vita Leobini ep. Carnotcnsis, der 
um 556 .gestorben ist (Mab. Actt. I, 123) und lautet: Lcobi- 
nus ... dum boves serväret in pascuis, conti (/it ut Noidgelinsem 
monachum sibi öbvium deprecaretur sibi UUeras discendas scri- 
bere. Qui cum um} haberet codicis aut tabularum supplemen- 
tum, prout potuit apices in cingulo scripsü . . . Postea uero 
cum pater huiusniodi avididatem in filio comperissetj liMerarum 
lineas in tabulis fieri decrevit. 

Die Alphabete auf Ziegelsteinen könnten zum Nachziehen 
benutzt sein, doch ist der Stoff dazu wohl wenig geeignet, und 
sie werden als Vorschrift gedient haben. 

Was der Knabe zur Schule mitnehmen mufste, und den 
dortigen Unterricht, zeigt uns der Cottidiani colloquii libellus: *) 

tjrididcooi fioi o ütalq b Sfioq tradit mihi puer mens tabellas 

juvaxlödq Ih'jx/jp ygucpiZor, thecam stilum, produco gra- 

k^ayco yQaq>löa ro) efitp tojcco phium meo loco sedens, dcleo 

xafrrjfievoq, Xuotivm TieQLjQacpm describo adexemplar. utscripsi 

tiqoc, rbv vjtoyQafifiov. yympag autem ostendo magistro, emen- 

dt öeixvvco to> didaöxaXco, davit induxit. 

IdlCOQd-COÖl ly/'.nc^; . 

Daifl sich sogar solche Exercitien erhalten haben, sahen 
wir oben S. 48; auf einem derselben stellt: o jüqcotoc, ev jioiel. 

Auf einer schönen altattischen Schale von Duris im Ber- 
liner Museum steht ein Knabe vor seinem Lehrer, der mit dem 
Griffel in einem Triptychum schreibt; eine Schriftrolle hängt 
an der Wund.-) Unter den Terracotten «-ms Tanagra in Wien 
befindet sich ein Knabe, der mit seinen mvaxldeg zur Schule 
geht Die Führung <\^v Hand kommt 'Euch im Mittelalter vor. 



') herausgegeben von M. Haupt in [nd. leett. BeroL L874/6 ]>. 5. 
) Abbildung in d. Archaeol. Zeitung is7;>. mit Erklärung von Ad. 
Michaelis S 2; Monument] inediti IX Tav. r>l mit Erkl. v. Heibig, A.nnali 
delT [nstit. LXXII1 (1878) 8. 67. 



Das Schreiben. 223 

So schrieb um 1060 der Mainzer Scholasticus Gozechin an 
Walcher, der einst in Lüttich sein Schüler gewesen war und 
ihm jetzt ein eigenhändig geschriebenes Buch übersandt hatte: 
Serio vero triumphal animus, quod rüdes articulos tuos ali- 
quando ipse manu mea ad scribendum direxerim, quodque 
male tomatos apices super dorsum tuum cuderim. 1 ) Es galt 
also noch der altägyptische Spruch: „Es sind die Ohren eines 
Jungen auf seinem Rücken." 2 ) Das finden wir auch ausge- 
sprochen in der schon oben S. 105 erwähnten Weingarter Hand- 
schrift, mit einigen Versuchen zu metrischer Form: JDisce puer 
pulchras perscribere litter as, ne Uta duris rumpantur dorsa 
flagellis. 

Si bene non scribis, scribam tua dorsa flagellis, 
Ut mihi decantes ux ux lacrimabile carmen. 
Disce puer varias rerum depingere fornias, 
Ne tua duris dorsa flagellis rumpantur. 

Darauf folgt noch der Spruch Daniel XII, 3 zum Preise 
der Gelehrsamkeit. 

Sehr sorgfältig achtete man auf die richtige Haltung der 
Feder. Othloh, ein berühmter Schreiber des elften Jahrhun- 
derts, erzählt aus seiner Kindheit, dafs er sich als Schulknabe 
in Tegernsee zuerst ohne Lehrer im Schreiben versucht habe. 
Qua de re contigit, ut pennam ad scribendum inrecto usu re- 
tinere consuescerem , nee postca ab ullo docente super hoc cor- 
rigi valcrem. Nimius namque usus prohibuit nie emendare. 
Quod cum viderent plures, dixcrunt omnes nunquam nie bene 
scripturum. Sie täuschten sich aber, indem er bald grofsen 
Ruhm als Schönschreiber gewann. 3 ) Lubertus Berneri sagte 
zu einem Anfänger: Bene addisces scribcre, longos enim et 
molles digitos habes. 4 ) 



a ) Mabillon, Analectt. p. 4.5.S. 

2 ) Lautli in <1. Münchener SU. 1872 S. 71. 

a ) Othl. lib. do temptatione, Mon. Germ. SS. XI, 392. ullo corr. f. illo. 

') Thomae ;i Campis Vita discipulorum d. Florentii c. 4. 



224 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

lieber die späteren Schulen hat Kriegfe einige Nachrichten 
gesammelt; 1 ) er bemerkt, dafs die Volksschule immer Schreib- 
schule, der Lehrer Schreibermeister heifet, und dafs das Sehrei- 
ben immer voransteht. Vornehme Knaben, wie König Alfred. 
Lernten freilich zuerst lesen am Psalter, aber für die Menge 
fehlte es an Büchern, und so wird man wohl in der Schule 
mit schreiben angefangen haben, wie auch Quintilian von dieser 
Auffassung auszugehen scheint. 

Auf die Schreiblehrer j ihre Ankündigungen und Vorlagen 
werden wir später noch zurückzukommen haben. 

Als man zu Karls des Grofsen Zeit die alte Schrift plan- 
mäßig wieder herstellte, verschaffte man sich sorgfältig gute 
alte Muster. So hatte Lupus von Ferneres gehört, dafs der 
königliche Schreiber Bertcaudus die Formen der alten Capital- 
buchstaben hatte, und bat sich dieselben von Einhart aus (ep. 5): 
Scriptor regius Bertcaudus dicitur antiquarum litterarum, dum- 
taxai earum quae maximae sunt ei imciäles a quibusdam 
voca/ri existimantur, habere mensuram descriptam. Itaque si 
penes vos est, mittue mihi eam per hunc quaeso pictorem, cum 
redierit, schedula tarnen diligentissime munita. Ebenso ver- 
schaffte Bich auch am Ausgang des Mittelalters, wo derselbe 
Vorgang sich wiederholte, Hartmann Schede] Zeichnungen der- 
selben Buchstaben, genau mathematisch construiert, und mit 
speciellster Vorschrift, wie sie zu machen seien. Audi die 
Formen und Namen der griechischen Buchstaben sind dabei, 
aber mit i\(>v Bemerkung: Alphabetum Graecorum scripsi se- 
eundum patronos quas mm habeo, neque placent litterae, t<t 
ipsi cernen potestis. Bono sumite animo peto,*) Dabei ist 
d;is Wort patronus, [ranz, patron, zu bemerken, feminin ge- 
braucht, wenn das nielit ein Schreibfehler in drv sein- flüchtigen 
Schrift ist. Die Patronen besafs der Schreiber Dicht selbst, 
und hatte Bie deshalb 1 >« i dieser Wiedergabe nicht benutzen 
können. 



') Deutsche Bürgerthum Im Mittelalter. V I' (1871) 8. . v " > s l 
, < od lai Monac. 961. 



Das Schreiben. 225 

Sehr merkwürdig ist die von H. Palm mitgetlieilte Anlei- 
tung, in notula Simplex, der gewöhnlichen Urkundenschrift, zu 
schreiben, wo für jeden einzelnen Buchstaben und für ihre Ver- 
bindung mit einander die genaueste Anweisung gegeben wird. A ) 

Ueber den Werth einer guten Handschrift spricht sich 
Quintilian I, 1, 28 in sehr eindringlicher Weise aus: Non est 
aliena res, quae fere ab honestis negligi solet, cura bene ac 
velociter scribendi. Nam cum sit in studiis praecipuum, quo- 
que solo verus ille profectus et altis radicibus nixus paretur, 
scribere ipsion: tardior stilus cogitationem moratur, rudis et 
confusas intellectu caret, unde sequitur alter dictandi, quae ex 
Ms transferenda sunt, labor. Ebenso ermahnt im 15. Jahrh. 
Ambrosius Traversarius seinen Bruder: Nee illud quidem te 
admonere desistam, uti non negligas manum librariam quam 
optimam atque perquam celerem ac fidelissimam tibi comparare, 
studeasque priscam illam in scribendo imitari puritatem ac 
suavitatem. Quod tunc adsequere facilius, si ex emendatissimo 
antiquoque codice quidpiam tibi transcribendum deligas totoque 
annisii ad unguem exemplar imitari (sie). 2 ) 

Nach diesem Grundsatze haben die Humanisten auch wirk- 
lich gehandelt, und durch Nachahmung der guten alten Minuskel 
eine vollständige Reform der Schrift durchgeführt. 

Begleiten wir nun den Schreiber zu seiner Arbeit, so 
begegnen uns die metra bona beneque scriptoribus attendenda, 
welche um 1481 in eine Handschrift des Stiftes Anclechs ein- 
getragen und von Rockinger S. 52 mitgetheilt sind — metrisch 
zwar recht fehlerhaft, übrigens aber wirklich recht verständig: 

Si fore vis scriba, normam talem tibi serva 3 ) . . . 
5 In textu, notula varius modus est: pete formam. 
Virgula, puneta nota. Versalia recte notabis. 



') Anz. d. Germ. Mus. XII (1865) S. 49—53. 89—92. 

2 ) Epp. cd. Molms pag. 1010. Laureutius Valla rühmt sich: cum 
plurimi in (i (juris, clementorum ducendis me anteeellant, vix tarnen ali- 
quem planms, aperUus, distmetms descrihere. Vahlen, L. Vallac opus- 
cula tria p. 64. 

8 ) Hier folgt zunächst die schon oben S. 191 mitgetheilte Anwei- 
sung die Feder zu schneiden. 

Wattenbach, Schriftwesen. i. Aul']. lö 



220 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Si libros scribis, meliora recollige tibi. 

Luxuriam fugito. Caput et tu sepe lavabis. 

Balnea vita calida: mense seuiel potes uti. 
10 Et bona pulmenta comedas, cerebri calor est nam. 

Hoc bibe quod possis: non bos sis. Scribito plane: 

Non caudas facias longas sursumve deorsum. 

Scripturam fac oblongam, et in epistola curtam. 

In sacris festis pro precio scribere noli. 
15 Non seniper scribas: inorulas tu sepe requiras. 

Fac crucem spaciis, exemplar si male scriptum. *) 

Ablue sepe manus. si tu vis vivere sanus. 

Föns, speculum, gramen, oculis sunt alleviamen. 

De mane niontes, de sero conspice fontes. 2 ) 
Hierauf folgen orthographische Regeln, und dann der Schlufs: 

Has aliasque tene doctrinas Orthographie. 

Coniungas iungenda, divide sed separanda. 

Sic proficit lector, sed tu magis, inclite scriptor: 
45 Lector doctus erit, dabitur tibi gloria multa. 

Scrib entern iuvat ipse favor, minuitque laborem, 
Cumque suo crescens pectore fervet opus. 

Hier ist ein gewerbmäfsiger Schreiber gemeint; für einen 
Mönch passen die Vorschriften nicht. Aus dem Kloster aber 
und dem elften Jahrhundert stammt, was von dem Abt Odo 
zu Touruai erzählt wird: seriptorum quippe copiam a Domino 
sibi datam exultabat, Ha ut si claustrum ingredereris } videres 
plerumque < In odec im monachos iuvenes sedentes in cathedris et 
super tabulas diligenter et artificiose compositas cum silentio 



') Da soll alao zu weiterer Öeberlegung und Vergleichung ein 
leerer Elaam gelassen, and ein Zeichen gemachl werden, wo eine stelle 
zweifelhall ist. 

\n|. hiermit die guten Etathschl&ge des Alexander Xeck:ini: 
..ll;i .eiit et lixliiim (viket), euius heneücii! lux intrare possit, si forte 

fenestrellam inpngnel Insnltus venti aquilonaris. Fenestrella pannicnlo 
lineo wi membrans dridi colore vol oigro distineta moniator. Color 
cniiii riridis et aiger radiis oculoruni prebent Bolacium A.lbedo autem 
incenai Hanna digreseat, ei maxime Dimiuni obtinetum (sie) obtenebrat." 
ji.li de Oarlandia ?erlang1 auch Laterne und Leuchter. 



Das Schreiben. 227 

scribentes. *) Diese Schreibstühle, von denen offenbar die cathe- 
drales oder Stuhlschreiber ihren Namen haben, beschreibt uns 
Alexander Neckam im zwölften Jahrhundert, wenn er, nach 
den früher erwähnten Vorschriften zur Vorbereitung, sagt: 
scripturus autem in cathedra (chaere) sedeat, ansis (braces) 
utrinque elevatis, pluteum (carole) sive asserem (es) sustinen- 
tibus, scabello (chamel) apte supposito pedibus, ut firmius 
sedeat. Auch Joh. de Garlandia nennt cathedra, asser unter 
den Geräthen des Schreibers. 2 ) 

Der Vocabularius optimus S. 28 erklärt pluteus schribbrett. 
Neckam aber sagt weiter: Scriptor habeat epicausterium (talem 
asserem) centone (feutre) coopertum. Dazu stimmt das Glossarium 
Wenceslai Brack (impr. 1483): Epicausterium ein ftlcz auf dem 
pulpret, und ebenso das schon oft erwähnte im Serapeum 
XXIII, 278: Epicausterium significat pannum, quo tabula 
scriptoria tegitur et super extenditur pergamenum, ut manus 
scriptoris minus laedatur, et dicitur ab epi, id est supra, et 
incaustam. Es soll also in dieser Bedeutung eigentlich ein 
epincausterium sein, und fällt nur zufällig zusammen mit einem 
ganz andern Wort, welches nach Glossaren bei Wright S. 237 
u. 260 einen Schornstein und einen Töpferofen bedeutet. Aber 
auch dieses brauchte der Schreiber nach Alex. Neckam: Ha- 
beat etiam prunas (breses) in epicausterio (chimine) ut cicius 
in tempore nublloso vel aquoso desiccari possit incaustum (cnke) 
super pergamenum exaratum. Dem entsprechend wird es im 
Vocab. opt. durch gluothauen erklärt. 

In den Statuten der Praemonstratenser steht I, 19, wie 
Du Gange anführt: Porro in claustro carolae vel Jvuiusmodi 
scriptoria aut cistae cum clavibus in dormitorio, nisi de abha- 
tis licentia, nullatenus habeantur. Dieses räthselhafte Wort 
finden wir wieder bei dem Anonymus Bernensis: 3 ) Carola et- 
enim, sive aliud aliquod instrumentum super quod scribitur } 
non sit opido arduum. Und oben Z. G hatten wir es als Glosse 
für pluteus. 



') D'Achcry, Spicileg. II, 913 ed. II. 
') Wright, Vocabularies S. 116. 132. 
8 ) bei Theophilufl cd. [lg p. 391. 

15* 



5^8 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

In Tegernsee bezahlte man 1500 pro itno sextemo in per- 
gameno pro fundamenio seripture 3 sol. 10 den., was Rockinger 
(S. 17. 50) wohl ohne Zweifel richtig als Unterlage zum 
Schreiben erklärt. Vielleicht gehört hierher auch das Werk- 
zeug, welches in dem alten Wörterbuch im Serap. XXIII, 279 
beschrieben wird: tenactdum, hebeysen, est illud per cjuod sex- 
temorum angtdi constringuntur, ne complicentur in ruijas. Und 
man könnte daran denken bei den Worten des Alexander 
Neckam: Cedula (agnice) sive apendice tarn superiori parte 
quem inferior* folia (foyz) hdbeat coniuneta (ensemble). 

Nicht dem Stuhlschreiber, welcher nur abschrieb, wohl 
aber dem Autor begegnete es auch im Mittelalter, dafs er 
nicht wnfste, ,was er schreiben sollte, und einstweilen die Feder 
zerbiik Alcuins Biograph sagt c. 7: Hinc iam calamum labris 
quassatum . . . <id finem perträhere conabor. Oder er steckte 
die Feder einstweilen hinters Ohr, wie Virgil, als er Ermanrich 
von Ellwangen erschien: interdum gestabat codicem, interdum 
calamum ad aures veluti scripturus aliquid. 1 ) 

In einer altfranz. Uebersetzung des Jacobus de Cessolis 
k< iinnit vor et sur Voreille unc penne a escripre; auf dem dazu 
gehörigen Bilde fehlt zwar diese Feder, aber der Schreiber 
hat am Gürtel neben dem Pennal unc eswiptowe.*) 

Als Vorbild wurden dem ungeübten Schreiber bei den 
Brüdern vom gemeinen Leben zwei oder drei Zeilen guter 
Schrift gegeben, s. oben S. 154. Das ist die S. 225 erwähnte 
forma. 

Vor sich hat der Schreiber das exemplar; sollen stellen 
ausgelassen werden, so steht am Rande vacat, was sieh nicht 
Belten in Handschriften findet. 8 ) Um nun die Zeile nicht zu 
verfehlen oder mit dem Suchen die Zeit ZU verlieren, hatte 

der Schreiber die cavilla, durl/uog (Vocab. opt.), die in dem 
alten Wörterbuch des Serap. so beschrieben wird: cavilla, cavil, 
ni proposito est instrumentum, quo i><>sit<> super exemptari >di- 



') Dümmler, Sanctgaller Denkm. s 207. Epistola Ermenrici p 29 
I Wright, Borna of other days 1 187] ) 
) \-i \ Do?e, Die Doppel chronic von Reggio s 26. Das Gegen- 

theil i i /.•'/.'/. deest, wq die Vorlage <'in<' Lücke bat 



Das Schreiben. 229 

tur scriptor , ut visus eins referatur certhis et promptius ad 
exemplar, et dicitur a cavo, as, prout idem est quod perforo, 
as, quia perforata est vistii. Neckam sagt davon: Cavülam 1 ) 
hdbeat vel spectaculum, ne ob error em moram faciat dispen- 
diosam. 

So kann er denn nun an seine Arbeit gehen; er mufs 
aber Acht geben, dafs sein Blatt fest liege, und deshalb sehen 
wir ihn dasselbe in der Regel mit einem gekrümmten Messer 
in der linken Hand halten, was doch unbequem gewesen sein 
mufs. Darum finden wir auf einem niederländischen Bilde 
s. XV eine Kugel, die an einem Faden vom oberen Ende des 
Pultes herabhängt und das Blatt festhält. 2 ) 

Abbildungen von Schreibern besitzen wir sehr viele; 
namentlich sind in allen Prachthandschriften des N. T. die 
Evangelisten schreibend dargestellt, aber fast immer ohne An- 
spruch auf Naturwahrheit, oft mit einer langen Rolle auf dem 
Schoofs, die in dieser Stellung unmöglich beschrieben sein 
kann, oder mit einer ganz lose auf dem Pult liegenden Rolle, 
wie Matthaeus bei Bianchini, Evang. Quadruplex I, 262. Nicht 
besser sind die schreibenden Evangelisten bei Arneth aus 
Karls d. Gr. Evangelienbuch in der Schatzkammer. 3 ) Andere 
aber, vorzüglich aus später Zeit, sind sorgfältig gearbeitet und 
zeigen mit grofser Genauigkeit die wirklich gebrauchten Ge- 
räthschaften. 

Bei Montfaucon S. 24 sind S. Lucas und Dionys von 
Halicarnass nach griechischen Handschriften schreibend dar- 
gestellt, bei Pasini 4 ) die Evangelisten mit vollständigem Schreib- 
apparat. 

Der geschnitzte Elfenbeinband des Berliner Cod. theol. lat. 



') Die Glosse id est specidum scheint mir falsch zu sein. 

2 ) Medicin. Handschrift in Dresden, beschrieben von Dr. Ludwig 
Choulant im Archiv f. d. zeichn. Künste 1855 S. 264—271. Der Schrei- 
ber hält sonst auch in der Linken einen schwarzen Stift. 

8 ) Denkschriften d. Wiener Akad. XIII. So auch der Johannes in 
Lihri's Catalog pl. 35 zu n. .'558 aus einem Walbecker Evang. s. XI. 

4 ) Codd. bibl. T aurin. I, 92; II, (in Lucas mit Dintenhorn e. cod. 
lat. s. XII. 



230 Vie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

fol. 2 zeigt die vier Evangelisten, jeden mit einem Dintenhorn, 
und ähnlich Lucas im Evang. Angariense. Im Cod. theol. lat. 
f. 34 ist der schreibende Paulus recht schön dargestellt, und 
in einer der schönen Mindener Handschriften, die von Bischof 
Sigebert herstammen, ist Notker bei seiner Arbeit zu sehen. 1 ) 
In der Eneit (Cod. gerrn. f. 282 p. 55) sehen wir Lavinia einen 
Brief schreiben. 

Auf Tafel I zu MG. SS. XVIII schreibt Macobrius nach 
dem Dictat des alten Cafarus die Genueser Annalen auf einem 
wunderlichen Schreibbrett, welches auf seinen Knieen ruht, und 
er hält das Pergamentblatt mit dem abgerundeten Messer, 
welches so oft zu diesem Zwecke dient. Viel Aehnlichkeit mit 
ihm hat der schreibende Matthaeus bei Lappenberg 2 ) aus dem 
13. Jahrhundert. In dem Legendär aus Weifsenau vom Ende 
des 12. Jahrhunderts, jetzt in der fürstlich Hohenzollerschen 
Bibliothek in Sigmaringen, sind auch auf fol. 2 und 172 v. 
Schreiber dargestellt; ein Pergamentblatt ist, wie es scheint, 
auf dem Pult aufgespannt, und die linke Hand des Schreibers 
hält es mit dem gerundeten Messer fest. So auch Hicronymus, 
als schurr bärtiger Mönch dargestellt, in dem grofsen B des 
Becti US rir, während in der oberen Rundung David sitzt, in 
einer Miniatur, deren Stil an die schöne Bibel aus Arnstein im 
Brit. Museum erinnert. 3 ) Ein ähnliches Messer hält auch S. 
Lucas bei Büsching 4 ) in der Linken, und so hält auch S. Bri- 
gitte auf einem alten Holzschnitt das Blatt, auf welchem sie 
schreibt. 6 ) Dieses Messer ist das Federmesser, so wenig es 
uns auch dazu geeignet erscheint. 6 ) Der Darstellung in dem 
Wcikc der Herrad von Landsberg wurde schon oben S. 66 
dacht. 



■) Cod. theol. lat. (|ii. 11. IVrtx's Archiv VIII, 845. 
-) Von den Arbeiten der Cunstgewerke des Mittelalters zu Ham- 
burg L866 Tafel IT. 

:i ) Libri'a Catalog s. 88 a. L60 b. XI vel XII. 

') Wöchentl. Nachr. II. 50, mit einer hübsehen Schriftprobe aus 

den L3. Jahrhundert. 

Anzeiger dei Germ. Museums MX (1872) S 274. 

Czerny, Bibl. \«»n st Florian 8, 23 nennt es Schabmesser, giebt 
aber selbst ein Bild an. wo die Feder damit geschnitten wird. 



Das Schreiben. 231 

In dem Heidelberger Cod. Salem. X, 16 des Liber Scivias 
steht fol. 2 v. Hildegard auf dem Dach, beschäftigt die erhal- 
tenen Offenbarungen auf ihrer Wachstafel aufzuzeichnen, wäh- 
rend unten ein Mönch dieselben auf Pergament überträgt. 

Ganz frei behandelt sind in dem oben S. 79 erwähnten 
Skizzenbuch eines Malers Matthaeus und Marcus mit langen 
schmalen Blättern, welche locker auf dem Pulte liegen; und 
auch sonst erscheinen, bei übrigens augenscheinlich angestrebter 
Naturwahrheit, die Blätter, welche beschrieben werden, häufig 
so leicht und lose hingelegt, dafs die so wunderbar feste und 
gleichmäfsige Schrift des Mittelalters uns damit durchaus un- 
vereinbar erscheinen mufs. Ich erwähne nur noch das hübsche 
Bild des Canonicus Jo Mielot zu Lille, der 1455 ein lateini- 
sches Buch übersetzt hat, 1 ) die beiden Schreiber bei Barrois, 2 ) 
und die Nachbildungen aus Brüsseler Handschriften im Livre 
d'or des metiers. 3 ) Leicht liefsen sich dergleichen Nachweise 
vermehren, aber der Gewinn ist nicht grofs, wenn nicht eine 
Darstellung besonders merkwürdige Umstände darbietet. 

Sehr lebhaft wird häufig in den Unterschriften der Schreiber 
die grofse Mühsal ihrer Arbeit betont, und besonders häufig 
ist der Vergleich mit dem Erreichen des Hafens am Ende 
der Arbeit. 4 ) Schon Montfaucon S. 43 theilte die Verse mit, 
welche sich in einem Theocrit der Leipziger Stadtbibliothek 
wiederholen: 

coöjrsQ gfcVoi xaiQovöt JtaTQtda ßXtJtuv, 
ovxoiq xal rolg xd(ivovöi ßtßXiov rtXog. 
Aehnlich in einer Handschrift von 1112: 

IIovtojcXojovöi jtavXa Xc t urjV %<x>v jzqvcov, 

XOQijßctTOVÖl TbQflCt TOV ÖQÜ/IOV JtoXig, 

xa\ rolg yocupovöi %aQ(ia ßißXlov reXog. 
Xqiöte ö'iöov jtoviovtc terjv jtoXvoXßov dQCQyi]V. b ) 

') Vor dem 4. Band der Monuments pour scrvir ä l'histoire des 
provinces de Namur, de Ilainaut et de Luxembourg. 

2 ) Bibliotheque protypographique S. 158. 269. 

• ! ) Ilist. de l'imprimerie S. 21. 42. 51. 54. Vgl. auch Rockinger S. 51. 

4 ) Bemerkungen darüber in d. l'hilol. Anz. von E. v. Leutsch II 
(1870) 369—372. 

B ) Zanetti, Divi Marci Bibliotheea p. 44. 



232 Die Scbreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Und in der erwähnten Leipziger Theocrithandschrift des 
14. Jahrb. an anderm Ort: coojteQ gevot yaioovöiv ifelv nc- 
tQiöa, TCCti 01 balaxtevotneq lÖBtv /jutra, xcd 01 ÖTQatsvo- 
fisvot löelv to vlxog, xal ol jigayuaTtvorreg iöslv to xeodog, 
xäi ol vo6m Xsvofisvot (?) iöetv vylav, ovtco xa) 01 yQuqorTtj. 
iöslv ßißXiov rtlog. 1 ) 

Auch lateinisch findet sich derselbe Gedanke häufig aus- 
gedrückt; so in einer Würzburger Evangelienhandschrift saec. 
VII: Sicut navigantibus proximus est portus, sie et seriptori 
novissimus versus. Tris digiti soribunt et tot um corpus laboral. 
Hora pro me scribtore, sie cleum habeat protectorem. 2 ) Kürzer 
fafst sich ein anderer Schreiber desselben Jahrhunderts: Quem- 
admodum naute portus, ita scribtori novissimus versus.'- 1 ) 
Wieder ein anderer schreibt wenig später: Karissime qui legis, 
peto te per ipsum qui plasmavit nos, ut oris pro me indigno 
peeeatore et ultimo scriptore, si liabeas partem cum domino 
s<ilrat orc. Sicut navigantibus suavis est portus, sie et seviptori 
novissimus versus.*) Qui nescit litteras scribere, nullum putat 
esse laborem, <iui<i quod tris digiti scribunt Mos corj>us labo- 
rant. 6 ) Zwei Bobienser Schreiber derselben Zeit beschliefsen 
das übliche Gesuch um Fürbitte mit dem Satz: Sicut nauta 
desiderett adpropinquare ad prosperum portum, ita scriptor 
ad ultimum versum. & ) In der langen und sehr barbarischen 
Unterschrift der Evangelienhandschrift von 754 in Autun steht: 



J ) Naumann, Catal. bibl. Senatns Lins. p. 3. 

. Korographie v. Würzburg S. 358. 
») Reifferscheid, Wiener SB. LXYlll. 529. 

') Ders. Satz mit oportunus bei Peyron, I>il»l. Bob. i». 203, Reiffer- 
scheid, wiener SB. I.W'II. 516, u. Klangeart, Catal. de Valenciennes e 

cod. 8. Alumni; 3. IX: mit <l> 8tdi rnhilis v cod. legis Alain. 3. X in Pertz' 

Archiv Yil. 762; mit duleia 2 codd. b. X in Novara, Reiff. SB. I. XVIII. 
686.637, \-l. Gioi Andrea, Lette« al Sig.Abbate töorelli (1802) S. 42. 
Cod lal Mon. 3842 b. x ?el XI. bei Steichele, Anh. f. ,i. Bisth. 
Angsb. I. 57. 

o bei Reifferscheid, wiener SB. XI.IX. 21. 
Peyron p. 178 L95. Reifferscheid 1. c IAYU. 602 586. Ebenso 
ein Trierer Schreibt ix. Archiv VIII, ."''.'7. 



Das Schreiben. 233 

Stent in pelago quis positus desideratus est porto, ita et scri- 
ptore novissemus versus. 1 ) 

Nach Ueberwältiguug der merowingischen Barbarei schrieb 
ein Mönch von St. Amancl im neunten Jahrhundert: 2 ) 

Desiderata teneus ut navita littora gaudet, 
Gaudeo sie libri corpus transnasse Maronis. 

Unter Alcuins Gedichten finden sich die Verse: 

Nauta rudis pelagi ut sevis ereptus ab undis, 
In portum veniens pectora leta tenet: 

Sic scriptor fessus calamum sub calce laboris 
Deponens, habeat pectora leta quidem (al. satis). 

llle deo dicat grates pro sospite vita, 
Proque laboris agat iste sui requie. 3 ) 

Ferner das kürzer zusammenfassende Distichon: 4 ) 

Hactenus in sauetum sulcando movimus aequor: 
Littoris ad finem nostra carina venit. 

Walafrid zugeschrieben werden die häufig angewandten Verse: 

Ut gaudere solet fessus iam nauta labore, 

Exoptata diu littora nota videns: 
Haud aliter scriptor optato fine libelli 

Exultat viso, lassus et ipse quidem. 5 ) 



*) Facs. in d. Bibl. de l'ßcole des Chartes VI, 4, 217. 

a ) Mangeart, Catal. de Valenciennes S. 382. 

8 ) Opera ed. Frob. II, 204. Dieselben mit kleinen Abweichungen 
in vielen Handschriften, v. Diac. Eriulf 911 bei Sinner, Catal. Bern. 
(1860) I, 405; in einem Evangeliar s. XI, Bibl. de l'Ecole des Chartes 
V, 1, 403. In einer Würzb. Handschrift, die Erchanbert von Fulda 
s. IX geschrieben, bei Eccard, Comm. de Or. Fr. II, 158 u. Oegg S. 500. 
Im cod. S. Gall. 212 mit dem Schlufs: Gratia magna tibi sit Christe 
8&mper in evo, Qui mihi donasti perßcere istud opus, Scherrers Verz. 

S. 89. 

4 ) Alcuini Opera ed. Frohen. II, 457. 

5 ) Canisius, Lectt. antt. VI, 641. Cod. lat. Monac. 6294 s. X. Colon. 
47. Casin. 598 bei Caravita II, 296. Nach Boet. de consol. in 2 Floren- 
tiner, 1 Breslauer cod. u. von Fromund geschrieben bei Pez, Thes. I» 



234 Di e Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Damit verbunden sind in den Abschriften von Boetius de con& 
philosophiae die Hexameter: 

Ut laetus ponti spumantis navita limphas 
Mimere congaudet snmmi transnasse tonantis, 
Sic sacros calamo scriptor sulcante libellos. 

Der Schreiber Agifred in Ivrea schrieb im zehnten Jahrh. an- 
spruchsvoll mit Goldschrift unter einer Canonensammlung: 

Dulcior ut portus nautis, ut meta quadrigis, 
Ut stabulum fessis, [ut] frigida limpha sitis, 

Sic mihi (fit) similis quem prebet pagina versus, 
Ultima dum extremas pangit arundo notas. 

Qui nescit scribere non putat esse laborein, 
Ideoque obsecro: orate pro scriptoreni. *) 

Ich erwähne noch den Subdiaconus Johannes aus Troja, 
welcher 1011 für den eben erwählten Abt Atenolf von Monte 
Cassino den Ambrosius in Lucam abschrieb, und in seiner 
langen Unterschrift 2 ) den Satz anbrachte: Sicut qui naviejat dr- 
siderat portum, ita scriptor novissimum versum. Als er Priester 
geworden war, schrieb er die Acta apostolorum u. a. mit 
schönen langobardischen Initialen, . und veränderte den Satz 
etwas: Skid nautes desiderat portum viderc, ita scriptor desi- 
derat librum co»/j>/rrr.' 6 ) 

Der Cleriker Reginpold im 11. Jahrh. schrieb mit der be- 
liebten Geheimschrift, wo für die Vocale immer der folgende 
Consonant gesetzl wird: Quam äulcis est navigantibus portus, 
ihi scriptori novissimus versus. Legentes in libro isto con- 
scripto orate i>r<> ipso ut veniam mereatur << Christo, qui pre- 
stai vobis ab ipso, pro indigno clerico Reginpoldo, quia ij>sr 

hi hört tri/ in ipso lihro. ') 



Dias, Isagog, p. WH. Noch 1 Vindobon. vom Virgil u. 1 Rehdiger. n < »i » 
Augustiii werden im Piniol An/. 1. c. p. 370 angeführt. 
') Dttmmler, Geatt Berengarii s. L59, fgl. 8. 76 
) Cararita ii. 63. Eteifferecheid in d. Wiener su. LXXI, r> 
i ararita n. 

') ( '«id. liaiiih A II .")•'! in I n<i;ilen. Kars, in .laeck\ Schrift- 
nniMern II, IQ, 



Das Schreiben. 235 

Gar beweglich klagt über die Mühsal des Schreibens, 
mit dringender Bitte um Schonung des Buches, der Schreiber 
des Westgothischen Rechtsbuches im 8. Jahrhundert: beatis- 
sime Icctor, lava manus tuas et sie librum adprehende, lenitcr 
folia turna, longe a litter a digitos pone. Quia qui nescit 
scribere, putat hoc esse nulluni läborem. quam gravis est 
scriptura: oculos gravat, rencs frangit, simul et omnia membra 
contristat. Tria digita scribunt, totus corpus laborat. Quia 
sicut nauta desiderat venire ad proprium portum, ita et scri- 
ptor ad ultimum versum. Orate pro Martirio indignum sacer- 
dotem vel scriptorem etc. Ganz ähnlich schrieb in Corbie Wa- 
renwert: Ämice qui legis, retro digitis teneas,^) ne subito litter as 
deleas, quia ille homo qui nescit scril^eTe, null um se putat 
habere laborem, quia sicut navigantibus dideis est portus, ita 
scriptori novissimus versus. Calamus tribus digitis continetur, 
tot um corpus laborat. Deo gratias. Ego in dei nomine 
Vuarembertus scripsi. 2 ) Die drei Finger fanden wir schon 
öfter erwähnt; 3 ) neben vielen anderen Dreiheiten hebt sie 838 
Dubthach hervor in einem Priscian von unbekannter Herkunft. 4 ) 
Recht barbarisch schrieb im 7. Jahrh. Valerianus: Quia tribus 
digitis scribitur et totus membrus laborat, labor quidem modi- 
cum, gratia autem magna a creatori etc. 5 ) 

Metrisch correct lauten die gewöhnlich entstellten Verse: 

Scribere qui nescit, nulluni putat esse laborem: 
Tres digiti scribunt totum corpusque laborat. 6 ) 



1 ) Vgl. Archiv d. Ges. f. alt. d. Gesch. VIII, 81. 

2 ) Leop. Delisle, Recherches sur l'ancienne Bibl. de Corbie, Mem. 
de l'Institut XXIV, 292; vgl. Serapeum XXIII, 215. 

3 ) Sie finden sich noch öfter mit dem Bild vom Hafen verbunden. 
Aufscr den besonders angeführten Stellen nenne ich Oegg S. 453, Pez 
Tlies. I, Diss. Isag. p. XLI. Mangeart S. 162. Andres p. 42 = Reiffer- 
srhoid SB. LXVIII, 637. Pertz' Arch. VII, 752. Scherrer Verz. d. S. 
Gall. IISS.S. 285. Steichele, Archiv f. Augsb. I, 57. 

4 ) jetzt in Leiden. Grammatici Latini cd. Keil II p. XIII. 

r ') Cod. lat. Monac. 6224. Vollständig im Halm'schen Catal. (auf den 
immer ausdrücklich hinzuweisen überflüssig ist) I, 3, 74. 

°) Iloff'inann, Altdeutsche Ilandss. S. 151. Wright and Ilalliwcll 
Kell. antt. I, 288. Valentinelli, Bibl. S. Marci IV, 153. Mit corpus 



236 Die Schreibgerätlie und ihre Anwendung 



Der Bruder Leo *) aber, der im Latein sehr schwach war. 
schrieb im 10. Jahrh. in Novara: Tria digita scribunt, totns 
corpus laborat. Dorsum inclinat, costas in mit rem mergit, 
et omne fastidium corporis nutrit. Ideo tu lector leniter folia 
versa, manus lava 3 % ) et sie librum tene, et ei aliquid pro vesti- 
t ii,(i consteme. Kürzer, doch nicht ganz verständlich, fahrt 
der Subd. Johannes nach den oben angeführten Worten fort: 
Qui nescit scribere } putat nullus esset laborem. Sed qui habet 
intentos oculos et inclinata cervice. Tria digita scribunt, sed 
totum corpus laborat. 

Mit der Krankheit, wie oben S. 232, wird das Schreiben 
im cod. S. Gall. 10 verglichen: Sicut aegrotus desiderat sani- 
f'if< in. ita desiderat scriptor /inen/ libri. 3 ) Und mit der Ernte 
vergleicht das Ende des Buches in schlechtem Latein 1270 
ein ital. Abschreiber von Isidor's Origines: 

Ut est labor agricolis proscindere vomere terras, 
Sic mihi arundineus calamus solcare novales. 
Ille etiam tostas congaudet cernere messes, 
Sic et ego finem lector concludere versum. 4 ) 

Bruder V. rühmt sich im 14. Jahrhundert, er habe sein 
Buch geschrieben non sine sudore, earuis macerando vigore: 
er hoff! dafür in Codice vitae eingeschrieben zu werden. 5 ) 



in,,,,,, omne laborat [rmischer 8. 130. Aluisiiis Christophori in l'i>a 
setzt 1171 den fehlerhaften Vers dazu: Scribere qui seit, nullum putat 
maiorem Valentinelli 1\'. . s .">. Ein anderer: magnus est labor, sed 
maior est premia aeterno bei Rockinger s. L87 (II. '21). 

') clericu8, nicht ds d. i. deus, ^ie Eteifferscheid schreibt, SB 
L.W'lli. 686. Richtig bei andres, Lettera all' Abb. Morelli 8 13. 

-) Vgl. oben 8.226.235. um gewaschene Hände bittei auch die oft 
wiederholte Inschrift \"n Greg Moralia, Caravita IL 33. »;»'>. 75: Quis~ 
quü quem tetigerit, sit Uli Iota um uns. 

Berichtigungen 8. 30. 

') Valentinelli, <<><l<l 8. Marci ll. 17. 

< oxe, I atal. Bodl. HI, 867. 



Das Schreiben. 237 

Ein hübsches Epigramm über die Arbeit des Schreibers, 
vielleicht aus dem neunten Jahrhundert, steht in Riese's Aus- 
gabe der lat. Anthologie : x ) 

Ardua scriptorum prae cunctis artibus ars est: 
Difficilis labor est, durus quoque 2 ) flectere colla, 
Et membranas bis ternas sulcare per horas. 
Quare, lectores, praecelsum poscite divum, 
Ut procul expellat quicquid scriptoribus obstat. 

Mit den folgenden Versen beschlofs Otloh seine Lebens- 
beschreibung des h. Bonifaz: 

vos, qui nostis, quid perferat ille laboris, 
Qui se scribendo castigat tempore crebro: 
Assiduis precibus memores sitis precor eius, 
Qui promptus librum conscripsit et edidit istum. 3 ) 
Tu quoque, sancte Dei, memor esto sui, Bonifaci, 
Ob cuius laudem librum conscripsit eundem, 
Ut regno Christi per te valeat sociari. 4 ) 

Schlimm war es, wenn die Hand verletzt oder vom Schrei- 
ben lahm wurde, wie es einem Schreiber im elften Jahrh. ge- 
schehen zu sein scheint, der schrieb: 

Tandem perge liber Godescalci pollice liber, 
Qui bene scripsisset, si prae digito licuisset. 5 ) 

So klagt Ambrogio Traversari: pollex novo semper tremore 
agitatur. { '') Der schlimmste Feind aber war das Alter. Chümo 
kiscreib, filo chümor hipeit, steht in langen zitternden Zügen 



') I, 2 ]>. XXVII e cod. Voss. qu. 33. 

2 ) duriusque IIS\ 

:{ ) so weit, unter einem Mammotrcctus von 1466, Jacobe u. Tlkert, 
Beitr. I, 1. L69. 

4 ) Jaffa, Bibl III, 505. Mit noch 5 weiteren Versen e cod. Zwetl. 
in Pertz' Archiv X, 609. 

ß ) Pert/' Archiv VIII. 605i 

ü ) Epistolae ed. Mehua p. 188. 



238 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

unter einer Sanctgaller Handschrift des neunten Jahrhunderts, *) 
und aus dem zwölften steht in einer Cassineser: Htinc proprio, 
seripsi carum valde libellum iam tremulante manu de vita 
christiana Fastidii episcopi. 2 ) 

Rührend ist der alte Agiloltinger Wicterb, als Abt und 
Bischof von S. Martin zu Tours 756 gestorben, der 754 ein 
geistliches Werk für einen Regenten, wahrscheinlich Tassilo, 
schrieb iam senex, puto nonagenarius auf supra, dolentibus 
membris et ccdighiantibus oculis, und bis an seinen Tod uner- 
müdet weiter schrieb, propria manu scmbens libros. 3 ) 

Stephan Heinzniann, Notar in Rosenaii, schrieb 1388 ein 
Instrument nicht selbst propter trepidacionis manuum dcf<<i um. 4 ) 

Natürlich litten auch die Augen, 5 ) besonders wenn der 
Schreiber auch bei Licht schrieb, wie Marian, und Bruder 
Ludwig in Wessobrunn: 

Sedibus externis hie librum, quem modo cernis, 
Dum scripsit, friguit, et quod cum lumine solis 
Scribere non potuit, perfecit lumine noctis. 6 ) 

Mrolaus, auf den wir noch zurückkommen, schrieb seine 
Vita Magni bei Nacht, und entschuldigt damit die schlechte 
Schrift. 

Auch Bruder Dietrich in dem Coelner Kloster Grofs-Sanct- 
Martin schrieb 1480 bei Licht caliginantibus oculis. 1 ) 



') s. Müllenhoff u. Scherer S. 23 u. 297 (25 u. 315 ed. II). Facs. 
v. Mal'smann im Anz. von 1832 S. 245. I In tt einer. Denkm. I Tafel 2. 

-) Eteifferscheid, SB. der Wiener Akad. LXXI, 109. 

') Ann. I'etav. MG. SS. III, 170. Aventini Ann. Boj. III C. 7 § 4, 

Vgl. Etettberg's Kirchengesch. II, 269 und meine Geschichtsquellen I. lü>. 
l ) Aichiv f. Siebenb. Landeskunde i s 7.">. XII. 372. 
') Bei Valentinelli, Bibl. B. Marc! l\'. '.»<>.• findet uefa folgendes 

llerejit: All i lun/ii nniliiiii cisiiut, Inrn riijniil his /» liihilomiidit rinn 
l/iiiin, in (/im rnili.r iniui nmriiii finril cnrlu: hör rfi.rit snic.r njiii- 

iiiiiniis mintatoff gttt fveral txpertnM. 

'■) B. ivz. Thes. I I>i» [sag. p XIX. Vgl. oben 8. 226. 

7 ) (od Brnzell. 128- 142, Heiligenleben. Mittheilung von \\ . 

A in »1 1 



Das Schreiben. 239 

Der Schwäche der Augen wurde durch Brillen abgeholfen. 
Schon in Alfrics Vocabular (S. 38 bei Wright) finden wir 
specularis purhscyne stan, ja schon in dem Leben Wilfrids 
von York (t 709), das im 10. Jahrh. von Fridegod geschrieben 
ist, heifst es (Mab. Actt. III, 1, 195): 

Protinus admisso micuit syntagma berillo. 

Der Sinn ist nicht recht klar, und so lange man die Ver- 
gröfserung für eine Eigenschaft des Beryll hielt, mufste die 
Anwendung sehr beschränkt bleiben. Die Anwendung beim 
Schreiben kann ich erst im 14. Jahrh. nachweisen. Petrarca 
(ep. ad posteros) besorgte, dafs ad ocularium confugiendum 
esset auxilium. Am Schlufs einer Predigthandschrift von 1387 
steht: daz ich phaff ATbrecht genannt der Kolbe . . . han diz 
buoch geschriben mit großen unstatten und durch ain Spiegel, 
do ich 66 jar alt waz. Dafs dieser Spiegel eine Brille war, 
und so z. B. im Vocab. optimus specular Spiegel zu verstehen 
ist, hat W. Wackernagel nachgewiesen. x ) Johann Butzbach 
nennt sie ocularia seit berilla. 2 ) Für die Nürnberger Raths- 
herren wurden 1482 fünf augenspiegel angeschafft, 3 ) in Diessen 
zahlte man 1499 45 1 / 2 den. pro Specials et fuderal, in Tegern- 
see 1492 14 den. vmb czivay augengleser, 1495 53 den. pro 
octo paribus oculariorum iuvenum; 1500 zahlte der Abt gar 
5 Schill. 8 den. pro speculis oculorum. 4 ) Auf Abbildungen 
sind Schreiber mit Brillen häufig, und es wurde das sogar auf 
die Evangelisten übertragen. 5 ) 



J ) Die deutsche Glasmalerei (.Leipz. 1855) S. 128. 
-) Wanderbüchlein, herausg. v. Becker (Regensb. 1869) S. 122. 
8 ) Anzeiger d. Germ. Mus. XX, 136. 
4 ) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 50. 

ß ) z. B. in der deutschen Bibel in Heidelberg, Cod. pal. Germ. 23 
saec. XV Marcus u. Paulus. 



240 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

lieber die Zeit, welche man zum Schreiben brauchte, 
geben uns einige Unterschriften Kunde, doch war natürlich ein 
grofser Unterschied nach der Geübtheit des Schreibers und 
der Art der Schrift. Der heilige Columba im 6. Jahrh. schrieb 
eine Evangelienhandschrift in 12 Tagen. *) Eine Canonen- 
sammlung in grofs folio aus dem achten oder neunten Jahrb. 
von 130 Blättern, der aber am Anfang 2 Quaternionen fehlen, 
hat die Unterschrift: Expliciunt canones ex tribus libris editae 
quod inchoavi Kl. Apr. et consummavi Id. Sept. id est diebus 
CLXVI ebdomatibus XXIIIL Lege letanter, intellege pru- 
denter, comple efficaciter. Legenti rita, possidenti pax per- 
petua, scriptori praemia aeterno,. 2 ) Hier kommt also auf ein 
Blatt etwas mehr als ein Tag. 

Das entgegengesetzte Extrem von Geschwindigkeit leistete 
793 Wandalgar, indem er die Lex Salica diae Mercoris prox'nuo 
ante hol. Nov. (30 Oct.) zu schreiben anfing, und am Freitag 
1. Nov. schon mit dieser und dem Alamannischen Gesetz dazu 
fertig war. 3 ) 

Auch Agambert brauchte 806 zu Hieronymus' Commentar 
zum Jeremias 4 ) nur einen Monat: Theodericus abhält, fieri or- 
dnidvit. Agambertus fecit deo gratias semper domine ernten. 
Kai. Julii senbere inchoavi, pridie hol. Aug. consummavi a. 
sexta imperii d. Caroli serenissimo atque gloriosissimo impera- 
tore cesare augusto. 

Eine Handschrift mit Heiligenleben entstand 819 auf dem 
Feldzug gegen Liudewit: Hie liber fuit inchoatus in Hunia 
in exercitu <<. <L 819. 4. Non. Jon. vi perfinitus apud 8. 



') The book of Burrow, s. V. Columbae auet. Adamnano cd. Reeves 
(Bannatyne Club L867) 8. 242 n. i, u. S. 327. 

*) Cod. lat. .Mm,. 5508 (Dicff. 8) f. 301 v. Mittheilung von W. 
Arndt. 

8 ) Cod. S. Qall. 731, s. Archiv d. Ges. f. alt. d. Geschichte V. 
213—215. DarauB das Bild eines Mannes' -mit Wachstafel, '»ei Mone, 
An/. L885, Tafel IV zu 8. 491. 

') Valenc. 52 aus st. Amand; 182 Blatt, 32 Zeilen mit der Seite. 
Der Schreiber spielt mit halb griech. hall» goth. Buchstaben u. Geheim- 
Bchrift; der Autname isl ein Monogramm. Facs. bei Mangearl 8. 50 
i oter jedem Buch Btehl emendavi 



Das Schreiben. 241 

Florianum 2. Id. Sept. in ebäomada 15 a . Schon Avontin hat 
sie gekannt und erwähnt; damals war sie in Münchsmünster 
an der Um, jetzt ist sie in Brüssel (8216). x ) Auf die Hand- 
schrift, welche Bischof Baturich 823 in sieben Tagen schreiben 
liefs, kommen wir noch zurück. Notker's Psalmenübersetzung 
war in einem jetzt verlorenen Exemplar in 14 Tagen abge- 
schrieben. 2 ) 

Die Geometrie des Boetius schrieb 1004 Constantius in 
Luxeuil in elf Tagen. 3 ) Eine Abschrift der Martiniana mit 
Fortsetzung liefs W. von Bolanclen, Probst von S. Victor vor 
Mainz, durch seinen Notar Jacob 1316 anfertigen; er begann 
am 26. Sept. und war am 18. Oct. fertig. 4 ) 

Ein prächtiges neues Testament der Wiener Hofbibliothek, 
von 278 Blättern in grofs folio, ist 1333 in 6 Monaten geschrie- 
ben; 5 ) ein illuminiertes Graduale für das Kloster Aldersbach, 
zu welchem 175 Häute gebraucht wurden, in 8 Monaten, vom 
1 Juli 1322 bis 22. Eeb. 1323. Zu den Sermones quadragesi- 
males des Jacobus de Voragine brauchte ein Schreiber 7 Wochen, 
vom 7. Nov. bis 24. Dec. 1375. Das oberbaierische Landrecht 
ist vom 13. März bis 3. April 1'448 hergestellt, ein Schwaben- 
spiegel vom 17. Dec. 1464 bis Ende März 1465. G ) Die dritte 
Decade des Livius auf 80 Blättern schrieb 1389 in Venedig 
Foscarin de Pharizeis aus Parma vom 15. Febr. bis zum 
15. März, also in vier Wochen, wie seine Unterschrift deutlich 
bezeugt, obgleich die Zeit für die Arbeit fast zu kurz erscheint. 7 ) 



') Archiv d. Gesellschaft f. alt. d. Gesch. VIII, Sl. Aventini Ann. 
Boj. IV c. 9 § 28. 

2 ) Scherrer's Verz. d. S. Galler Stiftsbibl. S. 10. 

:; ) Grandidier, Oeuvres bist. II, 236. 

4 ) Public, de Luxembourg etc. XVIII a. 18G2. Cod. Dresd. F. 159. 

ß ) Theol. 17, jetzt 1174, s. Denis I, 1, 19. Vom 3. Juli bis IS. Ja- 
nuar. Czerny, Bibl. v. 8t. Florian S. 19 führt auch an, dafs der Melker 
Mönch Wolfgang von Steier als Prior von St. Peter in Salzburg L43G 
ein Missale in einem halben Jahre geschrieben habe, nach II. Pez, SS. 
Her. Austr. II, 447, allein da stellt nicht, wann es fertig wurde. 

6 ) Die letzten Angaben bei Rockinger S. 188 (II, 22). Sie sind 
alle von professionellen Schreibern. 

"•) Valentinelli, Bibliotheca s. Marci VI, L3. 

W ;i t te n l, ;i c li . Schrift i\ e en. 5. Aufl. 1 1 j 



242 Die Schreibgerathe und ihre Anwendung 

Die Kostbarkeit des Schreibmaterials führte zu dem Ge- 
brauch der Abkürzungen, deren Ueberniafs in vielen Hand- 
schriften das Lesen sehr erschwert. Man nannte es breviare, 
aber auch titulare von titulus, titula oder titella,' dem Abkür- 
zungszeichen, span. tilde. Es bedeutet freilieh titulare auch 
nur einfach schreiben. Wenn auf dem Titelblatt des römischen 
Staatskalenders in Wien steht FILOCALVS TITVLAMT. so 
is1 damit vielleicht die malerische Ausschmückung oder doch 
die schöne kalligraphische Ausfuhrung gemeint; 1 ) das Wort 
wird hier von titulus, der Inschrift, Aufschrift, herzuleiten sein. 
Aber wenn eine Urkunde aus Le Maus beginnt Tituletur in 
pagina, wenn unter einer Urkunde aus Castilien von 957 steht 
Jo. titulavit, so ist doch dadurch wohl nur das Schreiben mit 
einem gewählten Ausdruck bezeichnet. 2 ) Anders dagegen ist 
es zu verstehen, wenn im zehnten Jahrhundert der Cleriker 
Heinrich von Pomposa sagt: quosdam ex fratribus adversos 
habeo, ob nimiam titulationem non valentes legere libros a me 
scriptos. 3 ) Alexander Neckani schreibt: Älium etiam modum 
sortiatur scribendi in signatis (enseus) et in cirographis (ciro- 
grafs) chartis (chartres) et in transactionibus, alt um in textu 
(tist) et alium in glosis (glose). Glosa enim per subbfevitatem 
(brefte) et conpendiosam (sie) per apices (titles) scribi debet. 
Conradus de Mure (1275) giebt in seiner Summa 4 ) Anwei- 
sungen darüber, wo die Etikette es erfordere, Eigennamen 
nicht auszuschreiben sondern nur anzudeuten, und bemerkt 
dabei: Verbi gratia proprium nomen Grillelmus breviatur per Q 
et i et duo I cum titella, que ipsa II ad invicem connected; simi- 
liter TFridcricus per capitales F et I! cum titella, et sie de simi- 
libus. Set non multum expedit in litteris scribendis, ut pro 
unica et sola vel duabus litteris ponatur titula vel titella; verbi 
gracia hec dictio impar poci us totaliter debet scribi per quin- 



') Diesen Filocalua weiBi als Kalligraphen des Pabstea Damasus 
nach !>'• Rossi, La Roms otterranea I. 1-1. 

' > beides bei I >u I ange ed I lenschen V l. 596. 
) Blume, Iter [tal. II, 216. 
■ i Quellen zur Bayer. Geschichte IX. 163. 



Pas Schreiben. 243 

que litter as, quam si titella poneretur super i et altera ad 
federn p, In der von L. Delisle mitgetheilten Anweisung für 
päbstliche Schreiber *) kommt titulus in dieser Bedeutung vor, 
und es wird genau unterschieden, welche Form desselben den 
verschiedenen Ausfertigungen zukommt. 

Merkwürdige Anweisungen für die richtige Art der Ab- 
kürzung enthält eine Handschrift des 15. Jahrhunderts mit 
dem Titel: Incipiunt auedam regule de modo titidandi seit 
apificandi pro novellis scriptoribus eopulate. et iste modus 
tytulandi servari potest in libris preciosis seilicet in bibliis et 
huiusmodi in scriptura rotunda aut fractura et aliis. Nisi 
scriptori autem placiierit seilicet in messalibus sermonibus ome- 
Uariis et' sie in aliis in scriptura communi. 2 ) Im Text braucht 
der Yf. den Ausdruck titellns für das Abkürzungszeichen, und 
redet von sillabe titillabiles. 

Um 1174 versuchte Johann von Tilbury (oben S. 192) eine 
Zeichenschrift zu erfinden, mittelst deren man im Stande sein 
sollte, alle leetiones nachzuschreiben und sich so alle Weisheit 
anzueignen; dafs dieses Ziel so zu erreichen sei, steht ihm 
aufser Frage, gerade wie jenem Schüler, der in seinen Büchern 
sui magistri dogmata fixissime incorporata habuit, und als 
diese ins Wasser fielen, seine ganze Weisheit verloren hatte. 3 ) 
Tilbury brauchte nota für das Hauptzeichen, titula für Hülfs- 
z eichen. Zu Stande scheint er aber trotz aller Ruhmredigkeit 
und der Beihülfe des h. Thomas nicht gekommen zu sein; 
wichtig ist, dafs, wie man aus seinen Worten sieht, vollstän- 
dige Nachschrift damals für unmöglich galt. 

In ganz anderem Sinne bedeutet abbreviare ein breve und 
überhaupt ein Concept verfertigen, ein Ausdruck, der vorzüg- 
lich hei der päbstlichen Curie üblich war; doch nennt sich 
auch Ragewin Otto's von Freising abbreviator et notarius. ') 



1 ) Bibl. de l'Ecole des Chartcs IV, 4, 23. 

2 ) Facsimile-Ausgabe von .lohn Spencer Smith, Cadomi 1840. 

■'■) wie Conrad Säldner erzählt, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. \\Y 17 
') MG. SS. XX. 341. 

16* 



244 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Von der Curie heifst es in dem Carmen apologeticum aus dem 
13. Jahrhundert: *) 

Sunt ibi qui norunt formare negotia quaevis, 
Et sunt qui formas abbreviare sciunt. 

Der genehmigte Entwurf des Abbreviators wurde dann vom 
Scriptor grossiert: 

Istorum labor est Chartas grossare notatas 
Et grossas cameris restituisse suis. 

Ironisch wird, die Schnelligkeit des Geschäftsganges geschildert: 

Prima dies igitur scribit quodcumque petendum, 

Et tua portabit vota secunda patri. 
Tertia grossabit, bullatum quarta Fidebit. 2 ) 

Audi behauptete man: 

Dum scribit grossarius, scripta pulcriora 
Ordinatj si munera mint largiora. s ) 

Die Franzosen haben noch jetzt die Worte minute und 
grosse für die notarielle Urschrift und die grossierte Ausferti- 
gung; 4 ) ml mihi kommt in diesem Sinn bei Burchardüs Argen- 
tincnsis vor: lectae sunt j>/ii)-<s minutae brevium. So schreibt 
auch Ambrogio Travorsari: Mhiuhiiii ifhnii uf roculis Uterarwm 
ml ducem Alberium scribendarum accepi. b ) Die Franzosen 
machten daraus minuer und minuare; so 1 - J r> 7 in einer Rech- 
nung aus Abbeville: clerico />r<> minuando et grossando 17 sol. 
und L395: laquelle relacion .... minua en une feulle de pa- 
pier, et icelli mmuee ledit Sergent emporta. 6 ) Nicht anders 



') Mab. Anall. ed. II. p. 369. Vgl. über <li< i Xrit der Abfassung 
Tiraboschi Tomo IV. lil». III. cap. 1 § L2. 

) Nach Walther Map de nugis cur. II. 7 kostete jede Expedition 
12 den. ad bullatn. 

i Versus de curia Elomana im An/,, d. Germ Mus. XYll isTo 

') englisch rßi/nute and engrossment 

Epistolae ed töehue p 215 
) Die Stellen l»<i Du Cange <<l Henschen s. \. minuta Davon 
nu In Breslau war ein Über ingro88atov\ 



Das Schreiben. 245 

war das Yerhältnifs, wenn das Concept eines Buches ins Reine 
zu schreiben war. r ) Man wählte aber in beiden Fällen ver- 
schiedene Schriftarten, die als Text und Nottel unterschieden 
wurden. Hans Fründ, Landschreiber zu Schwyz, hat um 1450 
eine Richtung mit schrift vernottelt; 2 ) in Schweden aber hiefsen 
die Lettern (litterae stanneae) des Klosters Wadstena 1495 in 
hn vitura et in textura. 3 ) Manche Schreiber verstanden sich 
auf beide, 4 ) aber durchaus nicht alle. Deshalb sagt Conradus 
de Mure: 5 ) Alia manus reqiiiritur in quatemis scribendis et 
alia in epistolis. Flures enim scriptores et Scriptrices qui bonam 
vel conpetentem formant literam in quatemis, nullomodo vel 
vix sciunt habilitare manum ad epistolas scribendas; für Briefe 
verlangt er eine manus bona melior optima, für Citationen und 
andere gewöhnliche Ausschreiben eine gute und leserliche, aber 
für Indulgenzen und Privilegien die beste. Et breviter in 
literis seu epistolis penitus reprobatur litera nimis grossa seu 
psalterialis. 

Das ist die starke und feste Bücherschrift, textus genannt, 
wie Caesarius von Heisterbach Dial. V, 16 sagt: in tantwn 
litt er as did 'icerat, ita ut textum legere sciret. 6 ) Man unterschied 
textus quadratus, rotundas und bastardus, 7 ) nebst vielen Spiel- 



1 ) regrossatus heifst ein Cod. Vinc. Crac. von 1459. Zeifsberg, 
Poln. Geschichtschreibiing S. 69. Vgl. die Unterschrift von 1463 bei 
M. Perlbach in d. Altj^reuss. Monatschrift X, 567: Si que autem fuerint 
in presenti libro incorrecta , non michi sed exemplari, de quo regrossavi, 
id pro vitio legentes ascribere velint. In beiden Fällen ist von Abschrift, 
nicht Reinschrift, die Rede. 

2 ) Mittheilnngen z. vaterl. Gesell. (S. Gallen 1872) XIV, 58. 
8 ) Geijer, Schwed. Geschichte I, '297. 

4 ) Daraus erklärt sich wohl die verschiedene Schrift in der Doppel- 
chronik von Reggio, Dove S. 21 mit Tafel. 

5 ) Quellen zur Bayer. Geschichte IX, 439. 

,j ) Sonst hiefsen namentlich auch die reichverzierten Chorbücher 
textus; so in Roucn sacc. XII: Oclo textus, tres magni de auro et gem- 
mis etc. Dabei ist nicht an Goldschrift zu denken. Bibl. de l'Ecole 
des Chartes III, 1, 216. 

7 ) z. B. in den Rechnungen der burgund. Herzoge: A Yvonnet le 
Jeune, clerc, escripvain, pour avoir conlre escript et grossu en leltres 
bastardes le dil, livre etc. für 1 quayer 16 sol. ib. p. 249. 



24() Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

arten, auf welche wir bei den Schreiblehrern noch zurückkom- 
men. Im Chronicon Windeshemense II, 42 keifst es: Novis 
UbHs conscribendis in bona rotunda textura et fractura, per- 
gameno uel franceno quottidie insudavit. Französisch heifst 
die künstliche Bücherschrift lettre de forme oder de föurme; 
ein Kalligraph in Brügge um 1438 heifst Richard Lefevre, 
escripvain de forme (vgl. oben S. 220). *) Wegen der musi- 
kalischen Noten begnüge ich mich auf einige unten genannte 
Werke zu verweisen. 2 ) 

Die Hauptarten der Urkundenschrift bezeichnet das Chro- 
nicon Windeshemense II c. 62: Cui tunc temporis meliorem in 
fractura ei notatura monastermm nostrum non habuit. Ver- 
schiedene Benennungen giebt das zwischen 1440 und 1444 ge- 
schriebene Register des Nicolaus de Sachow über die Urkun- 
den des Bisthums Lübeck: 3 ) Registrum primum (von 1276 an 
ihrieben) est antiquum et in fracto brevi modo conscriptum, 
coopertum coopertura subrubea. Secundum registrum (vom Ende 
des 14. Jahrh.) est de magno modo conscriptum } coopertum 
asseribüs brunis. Tertium registrum (saec XIV) est de parvo 
vel confracto modo, coopt rtum adhuc sine asseribüs coopertura 
albea. Der Stadtrate zu Aachen bezahlte 1338 fünf Mark de 
statutis civitatis tarn magnis quam parvis in /ihr/im et etiam 
in magna /Ufern scribendis. ' I 



*) A Kirchhoff, Bandschriftenhäadler S. 96. L00— 102. 188. Im 
Inventar der Bibl. des Louvre von L375 und den Nachträgen kommen 
lettre de forme u. de note vor, auch c&want, und S. \~i- lettre de muri 
Nomine. Eine besonders alte Handschrift der Agrimensoren s. 17.") 
ist par diptongues geschrieben, d. h. noch nichl e für ae und oc. In 
den) Inventar des Herz. v. Berrj L416 lettre de föurme. franeoise, runde, 
de court, de somme^ eourant. Nach Laianne, Curiositäs bibliogr. 
s. L03 >ind lettres de forme die eckigeren des Donal etc.; die mehr ge- 
rundeten von Gutenberg u.a. lettre* de somme, engl, block letter, flamisch 
U ttres 8ai ni-Vi' ■■; i - 

i Lambillotte, Antiphonaire de B. Gfägoire, Brux. L851, l Schu- 
biger, Die Sängerschule Sanctgallens, Eins 1858. Ooussemaker, SS. de 
Musica Medii Aevi, Paria L867 mit Facs. von Regino'a Tonariua Expli- 
ion dea neumee par M ['Abbe* Raillard, Paris - i 

i Levcrku l rkundenbuch des Bisthums Lübeck l p. XX 
') Laurent, Aachener Stadtrechnungen 8, 1-7. 



Talimpseste. 247 

Conradus de Mure giebt in der oben S. 155 mitgetheilten 
Stelle für Urkundenschrift die Anweisung: ductu lineali grosse- 
tur, was auf nachträgliches Verdicken der ersten Striche zu 
geben scheint. Dann accentiiehir, punctetur, virguletur. 

Der Freiherr von Biedermann hat nachgewiesen, dafs in 
einem Mefsbuch s. XV die sehr grofsen Buchstaben nicht ge- 
schrieben, sondern mit Stanzen, welche die einzelnen Bestand- 
teile der Buchstaben enthielten, gedruckt sind. 1 ) Herr A. 
Kirchhoff, welcher die Güte hatte mich darauf aufmerksam zn 
machen, th eilte mir zugleich mit, dafs Chorbücher des vorigen 
Jahrh. aus Italien, welche auf dem Titel als impresso, bezeichnet 
sind, augenscheinlich mittelst Schablonen oder Patronen her- 
gestellt wurden. Auch in Berlin ist ein grofses Mefsbuch des 
16. Jahrh. (Z 5), welches in der oben beschriebenen Weise 
hergestellt ist und der Biedermann'schen Beschreibung ent- 
spricht. Freilich ist keine Spur eines Eindrucks wahrzunehmen, 
aber sehr deutlich, dafs z. B. i aus 3 einzeln aufgesetzten Stücken 
besteht, was doch wohl mit Patronen kaum ausführbar ge- 
wesen wäre. 

8. Palimpseste. 

Einer besonderen Erwähnung bedürfen noch schliefslich 
die Palimpseste. Der Umstand, dafs man einmal beschrie- 
benes Material noch einmal zum Schreiben brauchbar gemacht 
und benutzt hat, würde an sich die Einräumung eines beson- 
deren Abschnittes nicht rechtfertigen, wenn nicht die Erhaltung 
der älteren Schrift solcher Codices in einzelnen Fällen von 
grofser Wichtigkeit gewesen wäre, und durch bedeutende Ent- 
deckungen der ganzen Gattung eine vorzügliche Aufmerksamkeit 
zugewandt hätte. 

Ausführlich behandelt ist diese]' Gegenstand im Nouveau 
Traite I, 481 — 484, von F. A. Knittel in seiner Ausgabe der 
Wolfenbütteler Fragmente des Ulfila (1762) S. 202 ff., von 
U. F. Kopp, Bilder und Schriften I, 185—194, F. A. Ebert, 

') Ob Druck, ob Schrift? Monatshefte für Musikgeschichte 1871 
S. 2 — 5, mit Facsimilc. 



2 I 8 ^ lv Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Zur Handschriftenkunde S. 77 — 85, von Fridegar Mone in 
seiner Dissertation de libris palimpsestis tarn latinig quam 
graecifi (Carlsr. 1855). In einem eigenen Aufsätze behandelt 
A. Ruland die Verdienste des Archivdirectors Franz Joseph 
Mone und seines Sohnes um das Palimpsesten- Wesen, im Se- 
rapeum XVII. 1 — 11. 29 — 32. Vorzüglich aber sind auch für 
diesen Gegenstand zu berücksichtigen die Ausgaben des Gaius, 
vgl. Bluhme's Iter Italieum I, 260— 2G5. IV, 188, u. jetzt vor- 
züglich die neue Ausgabe von Studemund; M. Tullii Ciceronis 
Orationum Fragmenta ete. edita a Niebuhrio, Romae 1820 und 
von Am. Peyron, Stuttg. 1824; G. H. Pertz über ein Bruch- 
stück des Livius, in den Abhandlungen der Berliner Akademie, 
1847, F. Ritsch] über den Ambros. Palimpsest des Plautns, 1 ) 
F. J. Mone, lateinische und griechische Messen, Frankf. 1850, 
1. S. 153 ff. und andere Schriften, in welchen Palimpseste be- 
handelt sind; ferner der Aufsatz von dem Jenenser Professor 
A. W. v. Schroeter: Ucbersicht der vorzüglichsten seit dem 
Jahre 1813 besonders durch Codices rescripti ueüentdeckten 
Stücke der griechischen und römischen Litteratur, im Hermes 
L824, IV. 318 ff'. 1825, II, 271 ff., nebst den Verzeichnissen 
v.»n Frid. M«»ne S. 41 ff 59 Ü\ 

Palimpseste waren im Alterthum sehr häutig. Von Pa- 
pyrus wusch man die Schrift wohl einfach ab, aber natürlich 
blieben die Spuren, und man schrieb darauf nichts von blei- 
bendem Weiili. Deshalb sagt Catull XXII. 4: 

Puto esse ego illi millia aut decem aui plura 
Perscripta, ihm- sie u1 lit in palimpsesto 
Relata: chartae regiae, novi libri, 
No\i ninbilici. iora rubra, membrana 
Directa plumbo et pumice omnia aequata. 

Und Cicero Epp. tarn. VII, 18 schreib! an Trebatius: Nam '//im/ 

m palimpsesto, laudo equidem parsimotoiam. sed miror quid m 

illa chartula fuerit quod delen malueris quam haec scribere; 

forti fites formulas. Won enitn puto te nieas i />/*/<>/<'> de- 

| Kl xliriltcii II. 166 L'ol. 



Palimpseste. 249 

Irre, ut reponas tuas. An hoc significas, nihil fieri? frigere 
te? ne chartern qttidem tibi suppeditare? Es wird auch eine 
Stelle des Seneca angeführt, de beneff. VI, 6: Quomodo si quis 
scriptis nostrls alios superne inpri/mat versus, priores litteras 
non tollit, sed abscondit, sie beneficium supervenlens iniuria 
apparere non patitur. Aber hier sind offenbar Wachstafeln 
gemeint, welche auch Ovids Warnung (Ars am. II, 395) trifft: 

Et quoties scribes, totas prius ipse tabellas 
Inspice: plus multae, quam sibi missa, legunt. 

Ungemein treffend ist dagegen die Stelle bei Plutarch ort 
iirMöra xolq rp/tfioöi etc. c. 4 (Opera ed. Hutt. XII, 88), wo 
er erzählt, dafs Plato den Dionys gefunden habe SöJteg ßißklov 
jiakitprjöTov, auf dem sich wegen der haftenden alten Schrift 
eine neue nicht gut schreiben liefs, da die alte Tyrannennatur 
immer wieder zum Vorschein kam. Er fand diese dvösxjclvrog. 
Liegt nun in diesem letzten Ausdruck nur der Begriff des Ab- 
waschens, *) so läfst sich dagegen nicht leugnen, dafs Jialh\))]- 
örog vom Abschaben herkommt; und es ist doch kaum glaub- 
lich, dafs dieser Ausdruck erst mit dem Gebrauch des Perga- 
ments aufgekommen wäre. Ulpian unterscheidet charta deletieia 
und nov a. 2 ) Auch giebt es einen Bericht an Ptolemäus und 
Kleopatra auf abgCAvaschenem Papyrus, und die Ravennater 
Traditionen in München lassen einige wenige Spuren abge- 
wichener älterer Urkundenschrift erkennen. 

Pergament ist wohl zuweilen auch nur abgewaschen; in 
der Regel aber verlangte und erhielt es eine ernstlichere Be- 
handlung. Martial XIV, 7 sagt: 

Fug Mar es membranei. 
Esse puta ceras, licet haec membrana vocetur: 
Delebis quoties scripta novare volcs. 

Darin liegt schon, dafs bei gewöhnlichem Pergament dieses 
nicht möglich war: Martial spricht von einer besonders berei- 
teten Art, welche als Schreibtafel dienen sollte. Doch ist bei 



*) vgl. dazu oben 8. 105 die Stellen über den Sehwamm. 
a ) 1. 4. de bonor. poss. sec. tab. Digg. XXV11, 11, 4. 



25( » Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

recht alten Palimpsesten am wenigsten vom Schaben wahrzu- 
nehmen, was wohl von der Natur der alten Dinte herrührt, 
die leichter zu tilgen war, dennoch aber später wieder zum 
Vorschein kommt, wenn auch die Oberfläche mit Bimst ein ab- 
gerieben ist. Im späteren Mittelalter aber wurde die Schrift 
vielleicht mit Messern abgekratzt und so gründlich getilgt, 
dafs man wohl noch einzelne Spuren bemerkt, aber nicht leicht 
etwas herausbringen kann. Man sieht es den Handschriften 
gleich an; dafs es aber auch als eine besondere Kunstfertig- 
keit geübt und in bedeutendem Umfang getrieben wurde, zeigt 
uns die merkwürdige Erzählung des Fra Salimbene S. 235 
seiner Chronik zum Jahr 1235. Er berichtet da, was ein an- 
derer Mönch ihm von dem frater Ghirardinus de burgo S. 
Donini erzählt habe: de scripturis suis nee una Uttera reman- 
sü hi mundo, quia ego manu mea dbrasi omnes libros mos, 
et dicam vobis qualiter et quare. Es war nämlich in dem 
Kloster der Cistercienser von Fontana viva bei Parma ein Mönch, 
qui optime sciebat rädere Chartas; dieser bat den Abt ihm 
einige Schüler zuzuweisen, qui velint addiseere rädere Chartas, 
quia post mortem meam isti monast&rio ntilcs esse poterunt. 
Es fand sich niemand als Bruder Albert, der eben dieses er- 
zählt und nach dem Tode seines Meisters die abgeschmackten 
Prophezeiungen des Bruder Grhirardin abkratzte, tum ul ha- 
berem materiam super quam rädere addiseere /mssen/. tum 
etiam quia neeasume ülarum propheüarum habueram semdalum 
valde grande. 

(Jeher das Verfahren selbst erfahren wir hieraus leider 
nichts, als was in dem Wort rädere liegt. Dieses Schaben ist 
niclit aöthig bei dem Recept s welches Axetin, Beitr. VII, 286 
und I'iid. Mone s. 38 e cod. lat, Monac. L8628 olim Tegerns, 
,,. L05 Baec. XI, mitgetheill baben: Quieunque in semel scripto 
pergameno necessitate <-<><i<it/e iterato senbere velit, aeeipiat hie 
inponatque pergamenum per unius noctis spacium. Quod post- 
quam inde sustulerit, farre asper sum, ne ubi skeari ineipit, 
in rugas contrahatur, snh pressura castigä </i<e»id exsücetur. 
(hm,/ ubi fecerit, pumict cretaque expolitum />ri<>riin albeämis 
,m, nitoretn reeipiet. 



Palimpseste. 251 

In einem Anhang zum Schwaben Spiegel ist es der buch- 
veller (oben S. 103), der mit seiner Kunst die Schrift abtaut. 1 ) 
Kino schon S. 97 erwähnte englische Anweisung empfiehlt eine 
Mischung von Käse, Milch und ungebranntem Kalk; da soll 
gar kein pomyce nöthig sein. Rockinger theilt aber auch noch 
andere Recepte mit, nach denen das Pergament einer so gründ- 
lichen Behandlung unterworfen wird, dafs an Herstellung der 
Schrift gar nicht zu denken ist. Zu einem derselben findet 
sich eine Randbemerkung desselben Schreibers, in welcher er 
das Geheinmifs zu hüten bittet, damit nicht Unverständige ver- 
tilgen , was die Vorfahren mit grofser Mühe erforscht haben. 2 ) 

Wie häufig eine solche Wiederbenutzung des Pergaments 
bei den Griechen war, zeigt der von Knittel aufgespürte 
Canon 68 der sogenannten Synodus Quinisexta vom J. 691, in 
welchem verboten wird, die heiligen Schriften und Kirchen- 
väter in solcher Weise zu verderben, öuccp&eiQELv rj rMrartft- 
vuv, xal rolg ßcßXtoxajt?]Xocg ?] rolg Xeyofievoiq (ivQtipoig rj 
ixXXcp rtrl jigog dcpavcoiiov Ixöcöovca. Beschädigte Exemplare 
sind jedoch von dem Verbote ausgenommen. Dazu giebt Zo- 
noras die Erklärung: Bißhoxajt/jXovg ov rovg ra ßißXla tcco- 
Xovvrdg q>rjöiv o xavcov, alla rovg ajtaXsUpovrag r) xal aXXcog 
XQcofievovg rolg ßißXloig dg capaviö^ov rcor Iv avrolg yi- 
YQccfifievcov. Vermuthlich benutzten die Bücherkrämer, welche 
von den Buchhändlern unterschieden werden, das abgewaschene 
Pergament der grofsen Kirchenbücher, um modische Tageslit- 
teratur darauf schreiben zu lassen, welche sich besser absetzen 
liefs. Ein Scholion des Balsamon aus dem 12. Jahrb. zeigt, 
dafs dieselben Verhältnisse auch damals fortdauerten; er erklärt 
es auch für unerlaubt, r) Ix rfjg &tlag yoacptjg düiaXiUpuv xai 
QOV iv rolg djtaXuptlOi (iaxayQa(pei,v. 

Das Verbot wird wenig geholfen haben, und die ganze 
übrige Litteratur war natürlich ohne Schranken einem solchen 



x ) Rockinger in d. SB. d. Münch. Akad. 18G7, II, 322. Zum baicr. 
Schriftwesen 8. 20. 

2 ) Zum baier. Schriftwesen 8. 20; S. 21 auch Beispiele von Palim- 
psesten des 15. Jahrhunderts. 



252 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Verfahren ausgesetzt Dazu mufs man in Anschlag bringen, 
wie viele Handschriften bei den Kriegen, Aufständen und 
Feuersbrünsteu geschädigt und deshalb als Maculatur verbraucht 
wurden, während dieselben Unistände auf die Fabrication des 
Pergamentes ungünstig einwirkten. Daher ist es nicht zu ver- 
wundern, und auch gar nicht etwa ein Zeichen besonderer Bar- 
barei, dal's, wie Montmucon angiebt, ein sehr grofser Theil 
der griechischen Pergamenthandschriften rescribiert ist Man 
darf nicht vergessen, dafs wenn für uns auch ein Palimpsest 
die letzten Reste eines verlorenen Schriftstellers birgt, damals 
doch der Yorrath an Büchern noch grofs genug war, um den 
Gedanken, dafs man durch Abwaschung eines schadhaften 
Exemplars einen ganzen Schriftsteller vernichte, gar nicht auf- 
kommen zu lassen. 

Freilich hat auch die wachsende Barbarei ihren Antheil 
an dem Werk der Zerstörung, und von den Mönchen von 
Grottaferrata war es nicht hübsch, dafs sie eine sehr alte und 
werthvolle Bibelhandschrift in Uncialen, etwa des sechsten 
Jahrhunderts, selbst wenn sie beschädigt war, rescribierten. 
Nachdem das einmal geschehen war. ist es nicht zn verwun- 
dern, dal's dieselben Blätter noch einmal nebst anderen Frag- 
menten um 1230 zu ihren Chorbüchern verwendet wurden. 
Fast alle ihre Bandschriften sind Palimpseste. *) Darunter be- 
findet sich auch eine Ilias über Pauli Korintherbriefen, was 
ich anführe, um (\c\- falschen Vorstellung von einer l'Yindselig- 
keit der Mönche gegen profane Litteratur, und überhaupt von 
einer Absieht hei dw Zerstörung von Handschriften entgegen 
zu treten. Ebenso steht in einer Florentiner Handschrift ein 
Sophokles von 1298 nebst vier griechischen Briefen Frie- 
drichs II auf einer Uncialhandschrift der LXX und einem neue- 
ren theologischen Werke.-) Auch Friedrichs I] Gonstitutionea 



') Sacronun Bibliorum vetustissima fragnienta Graeca ei Latina ex 
palimpaestü codieibue Bibliothecae Cryptoferratensis eruta atque edita ;« 
Joaepho Cozza, Romae L867; mil schöner Photographie einer Seite des 
i lii.i. rt. ii i jaias and mehreren Lithographieen. 

\ i, i griechische Briefe Kaiser Friedrichs II. herausgegeben von 
Guetai Wolf, Berlin i~ 



Palimpseste. 253 

Siculae stehen auf rescribiertem Pergament, 1 ) und in Messina 
schrieb 1225 Sophronios ein tyaXmxoi' auf alter Uncialschrift. 2 ) 
Es scheint, clafs besonders viele griechische Palimpseste itali- 
schen Ursprungs sind. Montfaucon p. 231 gedenkt auch einer 
rescribierten Handschrift auf Baumwollenpapier; der ursprüng- 
liche Text ist in Minuskel geschrieben. 

In der Wiener Handschrift 954 stehen Briefe des h. Hie- 
ronymus saec. VIII über Blättern einer lateinischen Ueber- 
setzung der Sprüche Salomonis in Uncialschrift, etwa des 
7. Jahrhunderts, und der griechischen Legende vom h. Georg 
in einer sehr eigentümlichen Uncialschrift, welche Detlefsen 
ins 5. Jahrhundert setzt. 3 ) Der Wolfenbütteler Isidor saec. VII 
vel VIII deckt Fragmente des Ulfila mit lateinischer Ueber- 
setzung, des Galen und griechischer Evangelienhandschriften. 

In einer syrischen Handschrift, welche Cureton ins 
neunte Jahrhundert setzt, ist ein Homer in alter Capitalschrift 
nebst Euklid und Fragmenten des Lucas verwandt. 4 ) Eine 
andere deckt lateinische grammatische Schriften in Cursive, 
und darunter wieder die Uncialschrift des Granius Licinianus. 

Im Abendland ist in den letzten Zeiten des untergehen- 
den Römerreiches und den zunächst folgenden Jahrhunderten 
sehr viel rescribiert worden. Die Zufuhr von Papyrus mag oft 
unterbrochen gewesen sein, auch Pergament war wohl nicht 
immer zu beschaffen. Dagegen hatte man noch in grofser 
Menge die schönen grofsen Quartanten in einer Schriftgattung 
welche schon anfing unbequem zu werden und aufser Gebrauch 
zu kommen; viele davon, wie schon ihre Fehlerhaftigkeit zeigt, 
Schaustücke der Bibliotheken und für wirkliche Benutzung 
weder bestimmt noch geeignet. Gewifs waren sie gröfsentheils 
beschädigt, und Tischendorf hat mit Recht darauf hingewiesen. 
dafs iii;iii noch nie in einem Palimpsest ein vollständiges Werk, 



') Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 320. 

2 ) Cozza 1. 1. p. 314. 

a ) Detlefsen, über einen griechischen Palimpsest der Hofbibliothek, 
Wiener Sitzungsberichte XXV li, 383 ff. 

4 ) Fragments of Homer from a Syriac Palimpsest, cd. Cureton 1851; 
vgl. Tischendorf, Mob Sacra [nedita, Nova Coli. II. 



254 r>ic Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

dagegen häufig Fragmente der verschiedensten Art neben ein- 
nander gefunden hat. x ) So vereinigt in S. Gallen ein Vocabular 
saec. VIII (n. 908) unter sich Fragmente des Alerobaudes, 
alter Liturgie, einer Mulomedicina, Divinatio ex somniis, und 
Paulinischer Briefe. An irgend eine bestimmte Absicht ist 
dabei nicht zu denken; wir rinden z.B. Lucan über Ovid 2 ) 
und andererseits über einer Bibel in Uncialen theologisches in 
merowingischer Schrift. 3 ) Der Neap. Codex Bob. des Charisius 
und der Pabstleben saec. VII steht über Lucan und juristischen 
Fragmenten, und auch in einem Wiener Cod. Bob. grammati- 
sches über Lucan; 4 ) ebenso über gaJlicanischen Mefsbüchern,. 
welche im achten Jahrhundert nach Einführung des gregoria- 
nischen Kitas als überflüssig abgeschabt wurden. 5 ) 

Grammatische Schriften, deren man bei zunehmender Ver- 
derbnifs der Volksprache immer dringender bedurfte, werden 
einer der wenigen damals noch gangbaren Artikel der letzten 
Buchhändler gewesen sein, und auch in den Klöstern wurden 
si<* ohne Zweifel abgeschrieben; sie bilden nicht selten die 
obere Schrift drv Palimpsesten. Weit gefährlicher aber waren 
doch die so sehr umfangreichen Schriften der Kirchenväter, 
ii. Bieronymu8, Ambrosius und Gregors des Grofsen,' dessen 
Moralia den Veroneser Liviua sammt Virgil, Euklid u.a., 6 ) dessen 
Dialoge den Lactanz begraben haben, 7 ) während Hieronymus auf 
den Resten des Graius, 8 ) Augustins Commentar zu den Psalmen 
auf Cicero de Etepublica eine auserlesene Ruhestati gefunden 



auch F. .1. Mone, Messen 8. 154, Fr. Mone s. 35. Viele Bei- 
Bpiele <l«'r Art aus s Gallen in Scherrers Verzeichnifs der Stiftsbibliothek. 
J ) Ebert S 79, der mein- Beispiele anführt. Vgl. auch G. F. Baase, 
de latinorum codicum Bubscriptionibus, Ind. beett. hiem. Vrat. L860 p. I. 
) Kopp, Bilder and Schriften I. L92. 
l ) Pertz im Archii V, 7 1 76 cf. 717. 
i Mone, Messen 8. 1 L6. 
Livii palimpsestus Veron. ed. Th. Mommsen. AWi. d. Berl. Aka- 
demii 

■) in 8 Gallen, Wiener Sitzungsberichte L, 153 

Werke von Hieronymus stehen auch auf dem Berliner Fragment 
\nn Sallusts Historien, auf den von Mone behandelten liturgischen l 
menten, dem Plinius von 8 Paul, beide aus Eleichenau Btammend. 



Palimpseste. 255 

haben. Danken wir es ihnen und ihren geistlichen Schreihern 
gerne, dafs sie diese Schriften dadurch vor gänzlichem Unter- 
gang gerettet haben, wenn auch diese Absicht ihnen natürlich 
ganz fern lag. Dafs aber die Mönche ihre Kirchenväter höher 
achteten als die profane Litteratur, kann man ihnen nicht zum 
Vorwurf machen, und es wird doch damals auch in Italien der 
Vorrath an Handschriften gewifs noch sehr grofs gewesen sein. 
Zahlreiche profane Schriftsteller verwahrte man mit nicht min- 
derer Sorgfalt in der Klosterbibliothek zu Bobio; überhaupt 
sind gerade Virgil, Ovid, Terenz, gegen deren Leetüre gelegent- 
lich geeifert wird, in zahlreichen Abschriften vorhanden und 
selten rescribiert. Die ketzerische Bibelübersetzung der Gothen 
aber zu zerstören, wird man sich freilich in Bobio wohl zu 
besonderem Verdienst angerechnet haben. War doch das 
Kloster eigens zur Bekämpfung der arianischen Ketzerei ge- 
stiftet worden. 

Begreiflich ist, dafs man den umfangreichen Codex Theo- 
dosianus als Palimpsest verwerthete, nachdem er durch den 
Justinianeischen überflüssig gemacht war. Einer solchen Hand- 
schrift verdanken wir auch Fragmente des alten westgothischen, 
durch Chindaswind beseitigten Gesetzbuches. 1 ) 

Eine grofse Gefahr drohte der in Neustrien noch vorhan- 
denen Litteratur, als König Chilperich vier neue Buchstaben 
erfand, und befahl ut sie pueri docerentur ac libri emtiquitus 
scripti planati pumice rescriberentur. 2 ) Doch blieb der Befehl 
wohl unausgeführt; wenigstens haben sich keine Bücher mit 
diesen neuen Buchstaben erhalten. Gregor von Tours aber 
richtet am Ende des zehnten Buches seiner Kirchengeschichte 
der Franken an seine Leser die Bitte, ut numquam libros hos 
abolere faciatis aut rescribi. 

Die meisten und fast allein werthvollen lateinischen Pa- 
limpseste stammen aus diesen Zeiten des siebenten bis neunten 
Jahrhunderts, in welchen man die schönen alten Quartanten 
mit ihrem guten und starken Pergament noch in Fülle hatte, 



') Bluhme, Die Westgothiscoe Antiqua, 1847. 

') Greg. Tur. V, 15, ausführlich erläuterl im Nouveau Traitä tl, 62. 



256 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendimg. 

deren Schrift leicht zu vertilgen war, während Pergament ver- 
muthlich wenig verfertigt wurde. Später hörte das Verfahren 
freilich nicht auf, wie wir schon aus der Chronik des Salimbene 
Bähen; aber man radierte gründlicher, und mit den geringen 
Resten der Schrift ist um so weniger etwas anzufangen, da sie 
nicht mehr aus grofsen Capitalen und Uncialen besteht, son- 
dern aus Minuskel. Wo man noch etwas erkennen kann, pflegt 
sich auch die Wertlosigkeit des zerstörten Textes sogleich 
herauszustellen; zuweilen sind es verfehlte Lagen desselben 
Werkes, 

Man brauchte das immer schadhaft gewordene, oft löche- 
rige Pergament vorzüglich zu Concepten; so am Ende des 
zehnten Jahrhunderts Richer zu seiner Chronik, und ein Jahr- 
hundert später Leo von Ostia. Auch unter der Schrift des 
Wido von Ferrara erkennt man liturgische Reste, Im 12. Jahr- 
hundert fand der Orden der Cistercienser, dafs in seinen Klö- 
stern ungleiche und fehlerhafte Bücher im Gebrauch waren, 
welche deshalb die Reformatoren des Ordens radebant ac </<ini<> 
rescribebamt 1 ) Als 1434 die Statuten von Windesheim neu 
bearbeite! waren, wurde beschlossen» dafs alle libri Matutorum 
papirei et qui convmienter corrigi non possumt, zerstört oder 
verbrannt werden sollten. 2 ) Denn Papier liefs sich nicht gut 
reskribieren. 

Von dem einst Beiner Gelehrsamkeit wegen berühmten 
Kloster Monte Cassino hören wir im 14. Jahrhundert, dafs die 
Mönche radebtmt nimm quaternum et faciebant psalteriolos 
guos vendebani ptteris. 3 ) Auch müssen die Notare geneigt ge- 
wesen sein, rescribiertes Pergament zu Urkunden zu gebrauchen, 
da ihnen in ihrem Amtseid ausdrücklich das Versprechen ab- 
genommen wurde es Ilicht ZU lliun. ') Die IVrnienter hielten 

') liüluzii Mise. IV. 120 ed. I. Doch luv.iclil sich das \ icllcichl 

um- auf die fehlerhaften stellen. Qeber die theilweise abgekratzte und 
umgeschriebene Gurker Vita Heinrici II b. »Forschungen, zur d. Gesch. 
i.v 

Anzeiger des Germ Mus. XIV 1867 Sp. 236. Lehner, Hand- 
schriften zu Sigmaringen 8 22. 

Benevenuti [mol. Commeni ad Dantia Parad Canl XXII. 
') oben 8 L22 !><»<ii bemerkl Peyron, dafs die Bobienser l r- 



Palimpseste. 257 

auch dergleichen teil, 1 ) und die Wo-lfenbütteler Bibliothek ver- 
wahrt als grofse Seltenheit einen Druck auf rescribiertem Per- 
gament. 2 ) 



Aus der hier gegebenen Darstellung ergiebt sich, dafs für 
lohnende Untersuchung sich unter den lateinischen Palimpsesten 
fast ausschliefslich diejenigen eignen, deren obere Schrift Un- 
cialschrift oder vorkarolingische Uebergangschrift ist. Ein vor- 
züglicher Fundort ist das im Anfang des siebenten Jahrhun- 
derts gestiftete Kloster Bobio, dessen einst reiche Bibliothek 
aber leider sehr zerstreut ist; auch sind in späterer Zeit kost- 
bare Codices zum Einbinden verbraucht. Die Handschriften, 
welche oft noch die Bezeichnung Liber S. Columbcmi tragen, 
befinden sich jetzt in Mailand, Kom, Neapel, Turin, Pavia, 
Wien. 3 ) In der Bibliothek des Domcapitels zu Verona ist 
der Gaius und ein Theil des Livius; 4 ) andere weit zerstreute 
sind von unbekannter Herkunft, das Berliner Sallustfragment 
ist in Toledo gefunden. 

Die angenehmsten sind ohne Zweifel diejenigen Palimpseste, 
auf welchen die ältere Schrift nur abgewaschen oder leicht 



künden alle auf reinem Pergament sind. Einige Beispiele aus Baiern 
bei Rockinger S. 18. 

*) Das oben S. 104 erwähnte fliei'sende Pergament der Erfurter 
Händler scheint solcher Art gewesen zu sein. 

2 ) Knittel 1. 1. p. 525. In Modena ist eine Schrift von Petrarca 
saec. XVI, die juristische Palimpsesten enthält, doch, wie es scheint, 
nicht älter als das 12. Jahrh. Bluhme, Iter Ital. II, 16. 

3 ) Eine Geschichte dieser Bibliothek giebt Am. Peyron vor seiner 
Ausgabe der Ciceron. Fragmente, Stuttg. 1824; vgl. Bluhme, Iter Ital. 
I, 64 bis 62. III, (52. IV, 24. Nach Bethmann's Vermuthung stammt von 
dort auch der Cod. Sessorianus 55 aus Nonantula, welcher eine Lage des 
Plinius unter Sermonen des h. Ambrosius in später Uncialschrift enthält. 
Berichte der Berliner Akad. 1853, S. 684 f. 

4 ) Auch Ilomilieen saec. VI unter einer Schrift des Isidor saec. VIII. 
Probe bei Sickel, Mon. Graph. I, 2. Nach Krid. Mone's Vermuthung ist 
der jetzt in S. Paul befindliche Palimpsesl des Plinius von dort nach 
Itcichciiau gekommen 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Aufl. IT 



25s Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 



mit Bimstein abgerieben und durch die Wirkung der Zeit 
wieder zum Vorschein gekommen ist. Solcher Art ist der von 
Cureton gelesene Homer. In den meisten Fallen aber ist ohne 
die Anwendung von Reagentien nichts oder doch nicht genug 
zu erreichen. Diese sind verschiedener Art, und weil die 
Dinte selbst verschieden ist, wirkt nicht in allen Fallen dasselbe 
Mittel, zuweilen gar keins. Auf der glatten Fleischseite ist 
durch solche Mittel viel zu erreichen, weniger auf der lockeren 
und schwammigen Haarseite, von welcher die Reste der Schrift 
«»rundlicher vertilgt sind. 1 ) Es kommt aber auch vor, dafs 
deutlich sichtbare Dintenreste gegen alle unsere Reagentien 
unempfindlich bleiben, und namentlich ist das hei griechischen 
oft der Fall, jedoch nicht immer. Tischendorf hat mit Erfolg 
chemische Mittel angewendet, hat sie aber, so viel ich weifs, 
nicht näher bezeichnet. 

Am frühesten hat man Galläpfeltinctur angewandt, welche 
nur mäfsig wirkt, dem Pergament aber nicht schadet.-) Da- 
gegen hat sie die Eigenschaft, dasselbe braun zu färben, und 
wenn man nachträglich auch noch Versuche mit anderen Tinc- 
turen macht, wird es ganz schwarz. Als Knust den schon von 
den alten Benedictinern behandelten Codex des Hiöronymus 
de viris i 11. und Gennadius, welcher die Fragmente der west- 
gothischen Antiqua enthält, wieder untersuchte, fand er ihn so 
gebräunt, dafs viele Stellen unlesbar waren. 8 ) Den berühmten 
Codex Uexandrinus fand Tischendorf 4 ) durch Anwendung von 
Tinctur, wahrscheinlich durch Junius, an manchen Stellen braun 
und schwer lesbar gemacht. In demselben Zustand befindet 
,ieh (i;,. Letzte Blati des Heidelberger Otfrid; ebenso schon 
aU8 alter Zeil der Codex, in welchem Waitz die Nachrichten 
über Ulfila entdeckte. 6 ) Wie der Veroneser Gäius aussieht, 



V) ,. darüber Bluhme in der unten angef. !!<•<■. *on Ebert'a Bucb 
. mi 95. Audi TUchendorf kommt auf diesen Unterschied zurück. 
I Ein Recepi giebl Chat sanf S. 68 u, a. 
, Die R e tgoth. Antiqua ed. Bluhme 1'. II. 
Vppendii codicum celeberrimoruni etc. L868 
Waitz Leben nnd Lehre des I Ifila (1840) S 



Palimpsestc. 259 

ist leider nur zu bekannt. *) Die von Angelo Mai behandelten 
Codices sind so schwarzbraun, dafs man ihm nachgesagt hat, 
er habe sie absichtlich verdorben, damit man ihm keine Fehler 
nachweisen könne, doch ist dieser Vorwurf wohl unbegründet. 
Thatsächlich aber ist der Ambros. Palimpsest des Plautus nach 
Ritschis Beschreibung gefleckt wie ein Pardel, und um so de- 
solater, weil schon die neuere Dinte durchgefressen hat und 
viele Blätter einem Siebe gleichen. 2 ) Jos. Cozza 3 ) sagt von 
dem Codex der Ilias, unter welcher sich ein byzantinischer 
Historiker und Fragmente der Korintherbriefe befinden, benutzt 
von A. Mai Spicil. Rom. II, Spec. III, dafs er fast alle Hoff- 
nung aufgegeben habe, cum lotio chemica aäeo effwax adhibita 
fuerit, ut Membrana iam corrodi comperiatur. Gegen das 
Licht gehalten, liefs sich jedoch die Schrift noch erkennen. 
Y<m dem Cod. Vat. lat. Pal. 24, welcher unter einer Vulgata 
saec. IX u. a. eine griechische Receptirkunst saec. VII enthält, 
in welcher Niebuhr irrig arabische Ziffern zu seheu glaubte, 
schreibt Herr Prof. Spezi : Le pagine äel codice son molto nere, 
perche certamente il Mai le ha toccate con gli acidi. 4 ) In 
Oxford ist The Chancellor's book theilweise unlesbar; der 
Schaden ist nach des Herausgebers Ansicht in alter Zeit ver- 
ursacht by treating the pages too freely ivith galls, which ren- 
tieret! ihr faded portions legiblc for the Urne, but shortly after 
lefi tlicin almost black.*) Aehnlichc Verwüstungen hat in 
München Docen durch seine übrigens sehr verdienstlichen Un- 
tersuchungen angerichtet, 6 ) ähnliche auch Heimes in S. Gallen. 7 ) 

*) s. darüber Rudorff in den Abhandlungen der Berl. Akad. 1865 
S. 339. Danach scheint dieses schöne Resultat nur durch Galläpfel er- 
reicht zu sein. 

2 ) Vgl. darüber Studemund im Rhein. Mus. N. F. XXI, 574 ff. 
Ein solches Durchfressen der Dinte kommt zu allen Zeiten hin und 
wieder vor. 

3 ) Sacrorum Bibliorum Fragmenta p. :Yo2. 

4 ) bei Cantor, Mathematische Beiträge S. 386. 

5 ) Munimentä Academica ed. Anstey p. XI. 

,; ) s. Keinz, Altdeutsche Denkmäler, in den Sitz.-Ber. d. Münch. 
Akad. 1869. II. 3, 297. 

"') s. Scherrer's Verzeichnis der Stiftsbibliothek S. 238; vgl. auch 
Haupt'a Zeitschrift XV, 120. 



17 



260 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Von den Unterschriften Victors von Capua im Cod. Fukl. sagt 
E. Hanke p. VIII: a stolidis lectoribus infusa gallae tinctura 
ita obscuratae erant, ut aliquibus vocabulis exceptis impene- 
trabil m quandam maculam repraesentarent. Äehnlicher Art 
wird wohl auch das Tannin-Reagens sein, durch welches Dübner 
den Pariser Codex der Epistolographen unlesbar gemacht hat. 1 ) 
Peyron hat in Turin eine Historia Alexandri Magni in alter 
Cursive, welche auf Fragmenten des Codex Theodosianus stand, 
ganz zerstört, Bethmann fand den Palimpsest des Plinius aus 
Nonantula theilweise durch Galläpfeltinctur gebräunt, und wo 
später auch Giohertischc Tinctur angewandt war, unlesbar. 2 ) 

Es ist daher sehr gerechtfertigt, wenn Ehert S. 83 zur 
Vorsicht hei der Anwendung von Reagentien mahnt; er warnt 
dringend vor der Anwendung der Galläpfeltinctur, welche auch 
im Wolfenbütteler Prosper eine fortlaufende braune Fläche 
hervorgebracht hat, Dagegen empfiehlt er Schwefelleber, und 
theilt das Receipt nach Pertz im Archiv V, 51? mit. Fr. Bluhme 
dagegen in (V'v Recension dieser Schrift in der Hall. Allu. 
1,-/. L826. Bd. II, 89—99 verteidigt die Galläpfeltinctur, 
welcher auch A. Mai sich immer bediene, eine Empfehlung 
freilich, die jetzt wenig Gewicht mehr hat, auch wohl der Wirk- 
lichkeit nicht entspricht. Nach einigen beachtenswerthen Be- 
merkungen über seine eigenen Erfahrungen mit Palimpsesten 
und die zweckmäfsigste Art des Verfahrens, wirft endlich 
Bluhme die Frage auf. oh man denn wisse, wie mich längerer 
Zeil die Schwefelleber wirke? Man müfste das jetzt wohl fest- 
Btellen können, und es wäre in der That sehr wünschenswerth, 
eine genaue Statistik über die Wirkung aller dieser Mittel zu 
besitzen. 

Nfiebuhr 8 ) und Mone (Messen S. 165) empfehlen Schwefel- 
kalium. Vorzuziehen isl jedoch Schwefelammonium, weil es 
flüchtiger ist und das Pergamenl weniger angreift Dieses 



') [it. Centralblatl L874 Bp. 874 

Berichte <1<t Berl. AJcad. L858 S.686. Schon früher sagt A. Mai 
im Spicil Rom \. 239: lf<in< partem nescio <i"< s parum peritus <<*<- 
ruleo uiedicamento dum vuU <l<<l<n<n< infuseavit. 

I ' Irerouifi Orationum Fragmenta, Romae 1820, p. II. 



Palimpseste. 261 

mufs reingewaschen sein. 1 ) Einige Secunden nach der Betupfung 

miifs das Blatt mit klarem Wasser sorgfältig abgespült werden, 
sonst bildet sieb darüber eine Kruste. 2 ) 

Ganz besonders wirksam ist Giobertisclie Tinctur (blau- 
saures Eisenkali), oder eine Mischung beider. Recepte und 
Anweisungen finden sieb bei Ebert S. 230 (wo aber S. 231 
Z. 5 statt Stunden zu lesen ist Secunden) nebst Blubme's Be- 
merkungen dazu, und Frid. Mone S. 39. 40. Besonders genau 
beschreibt G. H. Pertz „Ueber ein Bruchstück des Livius" das 
Verfahren, und ich habe das in der That schöne Resultat selbst 
gesehen. Ich habe aber das zwischen Glasplatten verwahrte 
Pergamentblatt auch später gesehen, und siehe! es war dunkel- 
blau geworden. In ähnlichem Zustand befindet sich die von 
Th. Mommsen herausgegebene Ostertafel; sie wurde von ihm 
schon so vorgefunden. Von dem Cod. Ephr. Syri erwähnt 
Tischendorf, 3 ) clafs er durch Giobertische Tinctur verdorben 
sei. So verdorben fand auch Bethmann in Valenciennes ein 
Blatt aus einem liber bonorum des Klosters Elnon, 4 ) und 
Zamboni sagt von der merkwürdigen Urkunde der Cunizza: 
per leggere aleune rigJw fiel mezzo, fu torturata eö > soliti pre- 
parati chimici, ond' e appannata dt macchie cerulee. 5 ) 

Bei der Behandlung des Granius Licinianus wählte Karl 
Pertz Schwefelammonium als das beste Mittel, da es et valde 
efficax sit neque tarnen membranas laedat. Giobertisclie Tinctur 
hatten die Vorsteher des British Museum sich verbeten. Wenig 
Jahre später habe ich die Handschrift gesehen: sie hat sehr 
gelitten. Man kann leider wohl mit Wahrheit sagen, dafs 
durch die gelehrten Experimente der neuesten Zeit in Verhält- 



1 ) Sickel in der bist. Zeitschrift XXVII, 450 empfiehlt die, wenn 
alle Reibung vermieden wird, unschädliche Reinigung mit Kaliseife, auch 
die Blätter in klares Wasser zu legen, was nichts schadet, wenn sie 
vollständig wieder getrocknet werden. 

2 ) Herr (.. \l. Bunsen hat so. in meiner Gegenwart die von mir in 
den Forschungen XV, 213 — 238 herausgegebenen Blätter behandelt, und 
es isl keine Veränderung wahrzunehmen. 

8 ) Prolegg. ed. VII. N. T. p. CLL 

*) Archiv d. Gesellschaft f. alt, d. Gesch. KI, 521. 

r ') Roma e la sehiavitii personale in Italia (1870 1 ) p. 262. 



262 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

nifs zu dem vorhandenen Vorrath mehr kostbare Handschriften 
verdorhen sind als durch die vielgescholtenen alten Mönche. 
Als wirksamstes und zugleich harmloses Mittel wird nun 

in neuester Zeit von Studemund angewandt und empfohlen eine 
Auflösung von 1 Theil Schwefelcyancalium in 15 Theilen 
Brunnenwasser, mit wenigen Tropfen möglichst condensierter 
Salzsäure. Man betupft mit einem gewöhnlichen Pinsel die 
Stellen, und wendet sofort nach dem Gebrauch farbloses Lösch- 
papier zum Auftrocknen an. Doch soll es nur für die glatte 
Seite des Pergaments anwendbar sein. Die Schriftzüge treten 
auf wenige Minuten röthlich hervor, ohne dafs dem Pergament 
Schaden geschieht. x ) Ob nicht doch eine schädliche Nachwir- 
kung eintritt und die Schriftreste völlig vertilgt werden, mufs 
längere Erfahrung lehren. 

Welches isl denn nun die Schlußfolgerung, zu welcher wir 
auf diesen! Wege gelangen? Sollen gar keine chemische Mittel 
angewandt werden? Das verlangt Knittel S. 219, weil dadurch 
die Autorität des Codex leide. Kann man ohne dieselben leid- 
lich auskommen, so ist das gewifs vorzuziehen, und es ist un- 
irantwortlich Reagentien anzuwenden, wo Ausdauer und gute 
Augen genügen; aber in vielen oder vielleicht den meisten 
Fällen würden wir dadurch in die Lage des Tantalus gerathen 
und nichts gewinnen. Glücklicher Weise ist inzwischen die 
Photographie so vervollkommnet , dafs das für einen Momenl 

glücklich erreichte Resultat vollständig festgehalten werden 

kann. Hat lii-ii) fiir dieses Hülfsmittel in zureichender Weise 

dann, aber auch nur dann, mag die Zukunft des Codex 

eopfert werden, wenn ein erheblicher Gewinn in Aussicht 
, |,t. Unter allen Umständen aber ist nach den bisherigen 
Erfahrungen die gröfste Vorsicht nothwendig, und nur zuver- 
lässigen und erprobten Händen darf die Anwendung dieser ge- 
fahrlichen Säfte gestattet werden. 

■) FleckeisenB Jahrb. f. Philol. KCV1I, 546 Ä.nm 



Palimpseste. 263 

Eine eigenthümliche Art von Palimpsesten ist durch be- 
trügerische Manipulationen entstanden. Solcher Art ist ein 
Privileg für das Bisthum Triest von Berengar, früher im Wiener 
Staatsarchiv, jetzt seltsamer Weise nach Venedig ausgeliefert; 1 ) 
sieht man es genauer an, so findet man, dafs unter dem schlecht 
geschriebenen Text ein anderer gestanden hat, der vollständig 
ausgekratzt ist. Das Siegel ist echt, aber der Rand mit der 
Umschrift abgebrochen; das Bild gehört Karl III an. Man hat 
also das nach dem Umschwung der Verhältnisse nicht mehr 
gültige Privileg auf solche Weise den neuen Verhältnissen an- 
zupassen versucht. 

Aehnlicher Art ist eine Urkunde Heinrichs III von 1054 
(Stumpf 2447) in München, wo Eingang nebst Unterschrift 
stehen geblieben sind, der ganze Text aber umgeschrieben ist. 2 ) 
Gleiches vermuthet Grünhagen 3 ) von einer Trebnitzer Urkunde 
von 1243, und der Rath der Stadt Brieg fing 1378 einen Fäl- 
scher, welcher einen Brief der Stadt Oppeln in solcher Weise 
umgeschrieben hatte. 4 ) 

Der Lübecker Domherr Arnold Pape wurde 1368 ver- 
dammt, weil er falsche Siegel hatte machen lassen und eine 
falsche Urkunde gemacht; aufserdem fecit etiam radi quandam 
UUeram sigillo opidi Sundensis sigillatdm, et in eadem carta 
sie rasa subtiliter rescribi. Der Lübecker Rath hatte sich 
täuschen lassen, und die Urkunde transsumiert. 5 ) In dem 
oben S. 251 erwähnten Anhang zum Schwabenspiegel ist dieses 
Verfahren beschrieben, und zugleich ein Gegenmittel angegeben: 
das sol man gen der sannen haben, so mag man es wol er- 
kennen, so sieht man der alten schrift immer etwe vil in dem 
pvrmit m der newen. 

Die Urkunden der Abtei von Vaux-en-Ornois im Tuller 



1 ) erwähnt von Pertz, Archiv IV, 172. Vgl. auch oben S. 105. 

2 ) nach stumpf, Wirzburger Immunitäts-Urkundcn S. 40 Anm. 93, 
auch die Urkunden 1703 und 2657. 

3 ) Cod. Dipl. Silesiae VII. 190. 
x ) Cod. Dipl. Silesiae IX, 58. 

"') Codex dipl. Lubecensis III, 710. 



264 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Sprengel sind ganz abgekrazt und im 17. Jahrhundert neu ge- 
schrieben. *) 

Auch Schriftsteller hat man in dieser Weise neu zu ver- 
fertigen versucht, so die angebliche Ergänzung des fehlenden 
Anfanges und anderer Lücken von Cicero de Fato. 2 ) Ein Ori- 
ginal davon ist. soviel ich weifs, niemals vorgelegt, wohl aber 
von Coustantio Simonides der sehr umfangreiche Paümpsest 
des Uranios, welcher selbst die gelehrten Berliner Akademiker 
an Tangs irre führte; freilich war von der Uncialschrift wenig 
zu sehen. Es fand sich jedoch bei genauerer Prüfung, dafs 
die blasse Dinte der vorgeblich ältesten Schrift die schwarzen 
Züge der jüngeren Minuskel überdeckte, was mit rechten Dingen 
nicht wohl zugehen konnte. Auch sind die eingedrückten 
Linien, wie Pertz hervorhebt, für die jüngere, und nicht für 
die ältere Schrift gezogen. 3 ) Ein vortreffliches Mittel für solche 
Fälle ist Salzsäure, welche neue Dinte sofort vertilgt, während 
ältere widersteht; sie wurde bei der Behandlung der unechten 
Chasles'schen Autographen augewandt. 



IV. 



Weitere Behandlung der Schriftwerke. 



1. Kritische Behandlung. 

Bei gedrackteo Büchern genügt eine Correctur für alle 
Exemplare einer Auflage; bei Abschriften dagegen mufs jedes 
einzeln'' Exemplar verglichen und berichtigt werden. So lange 



') Bibl. de l'ßcole dea Chartas V. 3, 126. 

Ritsch! im Rhein. Museum L854 8. K'>!> 177. 

.1 Berichl von Lepsin* in der Angab. A.llg. Zeil ls."><; Feb, II. 

ml: Report <>t the Council of the Royal Society of Literature 

oh aome of tli«' Mayer Papyri and the Paümpsest MS. ofüranius belong- 

to M Simonides, With Letten from MM. Pertz, Ehrenberg and 

Dindorf. I. I. L8G3 3 28 ein Facsimile; die Schrifl Ist den Voll. 

Qercol. nachgeahmt. 



Kritische Behandlung. 265 

nun bei lebhafter Nachfrage zahlreiche Exemplare eines Werkes 
in der Weise angefertigt wurden, dafs viele Schreiber gleich- 
zeitig einem Dictate folgten, 1 ) ist es begreiflich, dafs diese 
mühsame Arbeit oft unterblieb oder doch nur nachlässig aus- 
geführt wurde. 2 ) Eine grofse und zunehmende Fehlerhaftigkeit 
mufste die Folge davon sein, und schon Cicero klagt ad Quin- 
tin n trat rem ep. II, 5: de latinis vero quo me vertam nescio; 
ita mendose et scribuntur et veneunt. Dieselbe Klage hören 
wir von Strabo (XIII, 1 p. 419) in Bezug auf griechische Hand- 
schriften, da wo er von den Schriften des Aristoteles handelt: 
xal ßißhojtcolai riveg yQaysvöc (pavlotq xQ°H lEVOi xai °^ z 
avnßdXXovrsg , 6juq xal tjtl xeov allwv övfißalvec xmv sig 
jiqcLöiv yctcxpofisvcov ßtßllcov xal sv&aöe xal sv Alci-avdQtia. . . 

Die Richtigkeit dieser Bemerkungen können wir noch jetzt 
bestätigen, da gerade die ältesten Handschriften sehr fehler- 
haft sind, und vorzüglich die kalligraphisch am schönsten aus- 
geführten, z. B. der berühmte Codex Vat. 1209 der Bibel. 
A. Mai bemerkt in der Vorrede seiner Ausgabe des Cic. cle Rep., 
dafs gerade die prächtigsten Capitalhandschriften die fehler- 
haftesten sind. Zum Theil mag hier der Umstand mitwirken 
dafs es eben nur kalligraphische Schaustücke waren. Wie viel, 
Mühe gelehrte Freunde und Kenner der Litteratur sich gaben 
correcte Exemplare zu bekommen, zeigen uns manche Stellen 
in Cicero's Briefen. Man hatte oder besorgte Normal-Exemplare, 
durch deren Benutzung dem Verderben immer wieder Einhalt 
gethan werden konnte. 

Erhalten ist uns die Unterschrift eines Werkes über die 
Osterberechnung vom J. 397, in welcher der Verfasser Q. Julius 
I Marianus ausdrücklich sagt: admonemus eos, qui ante a nobis 
non emendata liaee scripta aeeipere festinaverunt, ut seeundum 
istum ordinem emendatum opus habere conentur, 3 ) und unter 



') Auf die Frage, ob das geschehen sei, kommen wir noch zurück. 

-) In Bezug auf das römische Alt erthum in dieser Hinsicht s. Bccker- 
Marquardt V, 2. lol ff. Es liegt meiner Aufgabe ganz fern, auf diesen 
Gegenstand näher einzugehen. 

:! ) Vollständig bei Eteifferscheid de Latinorum codicum subscriptio- 
nibus (Ind. scholarum Yrat. 1872/3) [>. <i, und in der Ausg. von Pfaff. 



266 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

einem Werke von Cassiodor: codex archebypus, ad cuius exem- 
plaria sunt reliqui corrigendi.*) 

Die sorgfältigste kritische Behandlung alter griechischer 
Schriftsteller war in Alexandria heimisch, und dort erfand 
man. auch die kritischen Zeichen, welche in einigen Hand- 
schriften noch erhalten sind. 2 ) Auch die Interpunctionen, 
Spiritus und Accente stammen von den alexandrinischen Ge- 
lehrten, finden sich aber in den uns erhaltenen ägyptischen 
Handschriften nicht durchgeführt, In dem Bankes'schen Frag- 
ment der Ilias sind sie theilweise von dem Besitzer hinzugefügt. 
Der Gebrauch beschränkte sich augenscheinlich auf die Hand- 
exemplare der Grammatiker, und auch da wandte man die 
Zeichen nur an, wo ein Irrthum, eine falsche Lesung zu be- 
fürchten war. Allgemein ist der Gebrauch derselben erst viel 
später geworden. 

Der Ilias vorzüglich wurde die gröfste Sorgfalt gewidmet ; 
später nahmen die heiligen Schriften der Christen dieselbe 
kritische Kunst in Anspruch. Origenes versah auch diese mit 
kritischen Zeichen, welche sich im Colb. 3084 und änderen 
Fragmenten des Oktateuch finden, s. Montf. p. 188 und Tischen- 
dorf, (oll. Nova III p. XV— XVII. Ein sehr eifriger Verehrer 
<!»■- Origenes, Ambrosius, hielt ihm eine Menge von Schreibern, 
um seine Erklärung der h. Schriften sich zu verschaffen, und 
Origenes war nun durch die Collation der Abschriften so in 
Anspruch genommen, <lafs er weder zur Mahlzeit noch zum 
Spaziergang Zeil behielt: ovre yaQ öeucvrjciat %<$xiv fjfilp avtt- 



') Greg. Tür. de cursu Btellarum cd. Baase i>. 7. 

J ) s. darüber Osann, Anecdotum Romanum de aotia yetermn criticis, 
Gtissae 1851. Dass mit den verwandten bandschriftl. Ueberlieferungen 
bei A. Nauck in d. Appendix dea Lex. Vindob. Petrop. L867 i». 271 
Für die Anwendung in lat. Bas. das auch hier wie bei Osann befind- 
liche Anecd. Paris, p. 278 bs. gefunden von Th. Mommsen, zuerst edierl 
in d. Zeitscbx. f. Alterthumsw. L845 N. LI von Bergk; ror Nauck die 

Stücke auch bei Reifferscheid Suet. rell. Lips. 1860 p. 13*3 
l»;i/n jetzt ein Anecd Monac, bei Kettner, Krit. Bemerkungen zu Varro 
ii lat Glossarien, Progr d. Klosterschule Rofsleben 1868 8 88, und ein 
Anecd. Cavense ed Reifferscheid im Rhein Mus. XXIII, 127 bs. (Freund- 
liche Mittheilung von M Hertz | 



Kritische Behandlung. 267 

ßdXXovöiv ovxt dtutv/jöctöiv üzsQiütaxrjöai xal öcavajtavöat xa 

oo'jiiara, aXXd xcd tr xolg xaiQOtg txelvoig (pcXoöcxpelv xal 
dxQißovv xa, (h'TiyQdCfa dvayxa^ofied-a. 1 ) 

An die kritische Arbeit des Origenes knüpften Pamphilus 
und Eusebius an und stellten Normal -Exemplare her. Nach 
dem von ihnen berichtigten, kritisch bearbeiteten und beglau- 
bigten Exemplar der Propheten war die Abschrift des Abts 
Apollinarius gefertigt, deren Copie uns in dem Codex Claro- 
montanus, jetzt Vat. 2125 erhalten ist, welcher nach dem frü- 
heren Besitzer auch Cod. Marchalianus genannt wird, in Un- 
cialschrift etwa saec. VII. 2 ) Mit dem Exemplar des Pamphi- 
lus in Caesarea ist der Cod. Coislin. der Paulinischen Briefe 
(Cod. H) verglichen. Auch im Sinaiticus ist unter dem Buch 
Esther ein alter Vermerk über eine Collation. 3 ) 

Da diese Bücher zum öffentlichen Vorlesen bestimmt waren 
schrieb man sie häufig nach dem Vorgang des alexandrinischen 
Diaconus Euthalius ötixtjqcoq oder per cola et commata, d. h. 
nach den Satztheilen abgesetzt (vgl. oben S. 131), und versah 
sie auch mit Spiritus, Accenten und Interpunctionen. Ein 
solches Exemplar, welches vom h. Basilius stammte, erwähnt 
Georgius Syncellus S. 203 bei seinen Untersuchungen über die 
Regierungsjahre der jüctnwen Könige: Iv tvl de dvxiyQacpoi 
Xiav rjxQißwftsvcp xaxd xs 6xiyy/r\v xal jcQoörodtav Ix xFjg Iv 
Kaiöagsla xfjg Kajtjiaöoxiag tXdovxi üg efis ßcßXiod^xrjgj Iv 
(o xal Ijityi'ycxiJixo og o (isyag xal &elog BaöiXstoq xa £§ 
(>)r exslvo axeyQaipri, dvxißaXcov diojQ&cociaxo ßißXta . . . . 4 ) 
Ueber grofsen Mangel an Schreibern in Kappadokien klagen 



*) Georg. Cedrenus 1, 444 ed. Bonn. 

2 ) B. Montf. Pal. p. 40. Jos. Cozza, Bibliorum Fragmenta, p. XXXII ff. 
bei A. Mai, Nova Patrum Bibl. IV ad p. 318. Der von Cozza 

herausgegebene Palimpsest ist auch durch sorgsame kritische Behand- 
lung ausgezeichnet, und enthält auf dem Rande eine im 9. oder 10. Jahrh. 
zugeschriebene lat. Uebersetzung, und stellenweise eine zweite mit der 
Bezeichnung G. GR. oder IN GR. d. h. in Gracco. Aber etwa im 
11. Jahrhundert ist alles abgewaschen. 

3 ) Tischendorf, Appendix codd. celobb. Tabula. 

4 ) Dafs man im 4. Jahrh. solche Handschriften hatte, geht mich 
aus Epiphanius nsgl fiirgwv xal oxaQ-^oiv hervor. 



268 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

um 400 sowohl Basilius wie sein Bruder Gregor von Nyssa; 
letzterem gelang es nach vielem Suchen, dafs ihm endlich o re 
ync.yo))' xal o doxiutcZcor tu yr/oaittiin: zu Gebote standen. 1 ) 

Indem ich nun für die genauere Verfolgung dieses Gegen- 
standes auf die Schriften von Hug und Tischendorf verweise, 
gedenke ich nur noch der Ermahnung des Syrers Ephraim 
378) an die Mönche, welche heilige Bücher abschrieben, 
Paraen. 48: -rh)}* an 6idötQ€g>e frsiovq Xoyovq .... oval reo 
jcoiOVVTl Terra' Tifh/Oi ydg Gxdvdahx ivvyotr 6 toiovtoc. 

Voll Besorgnifs vor solcher Entstellung beschlofs Irenaeus 
( t 202) seine Schrift jzsqI oyöodöoq mit folgender Beschwörung: 
Ony.iZo ös tov (i£TcryQcnp6(i£Vöv to ßißXlov tovto xatd ro€ 
xvqLov fjfiwv Inöov XotOTov xal xata tfjq svöogov jcagovciaq 
avrov, r}q loyjTci xQlvat Q&vzaq xal vsxgovq, iva dvtcßdXnq 
o ii'cTiy oe.ij'o) } xal x<iTOQ&c6(j)jg ccvro jtqoc to avxlfQatpov 
tovto. 'öilir usrey^dipw , hjiL(teXmq' xal tov oqxov tovtov 
bfioiax; u€rayQdtf)^jq t xal {hjdsiq tr top dvziyQaqxp. Eusebius 
fand diese Beschwürung so zweckmässig und empfehlenswert!). 
dafs er Bie in seine Kirchengeschichte aufnahm.. 2 ) Auch Rufinus 
beschwört in seiner Uebersetzung von Origenes xegl fXQy&v 
jeden, der das Buch abschreiben oder lesen werde, nt addat 
aliquid scripturae, ne auferat, ne Inserat, ne im/mutet, sed con- 
ferai eum exemplaribus unde scvypserit, et eniendet ad Utteran% 
et distinguat; vi incwoHhtf/nt/ rrl non distinrtttm codicem non 
habeat, nt sensuum dif facultas, si distinetus codex non >■//. 
maiores obscurüates legentibus generet.*) 

Hier werden die Zweifel und Schwierigkeiten berührt, 
welche eine Folge des Mangels an Worttrennung und Inter- 



') BeiZaccagni, Collectanea Mtonn. vett. p. 382: 6 ,m -tayQaq tov or* 
ijv rocavTr t ißv y(pa<p£a>v >, dnoQlct Basilii Opera III. 227 ed. Maur. 

ih A; -\ ; i 1 1 1 ,/,,>■ ßovkofievos avrb uBtayQaxpou xal ui\ ev 

i : i , 'im i' !,■>)■ Kan taSoxwv. 

\. 20, daraus lateinisch bei Sieron, de viris 111. c. 85. Nach- 
iiiint \mii Adamnan, oben 8. 218 

i in dem Heidelb cod. pal. 898 »ec X ine. steht: UwQfrwzcu 
0\ !■ pov, 



Kritische Behandlung. 269 

punction waren und das Lesen erschwerten; darauf scheint 
sich in Betreff lateinischer Handschriften auch Gellius XIII, 30 
zu beziehen. Viele Fehler der Abschriften sind dadurch ver- 
schuldet, andere durch die veränderte Aussprache, und die 
deshalb schon sehr früh vorkommende Verwechselung mancher 
gleichlautender Buchstaben. Ueber die Ursachen und Arten 
der Fehler in griechischen Handschriften haben in neuester 
Zeit sehr eingehend und lehrreich gehandelt: Joh. H. Chr. 
Schubart, Bruchstücke zu einer Methodologie der diplomati- 
schen Kritik, Cassel 1855, mit besonderer Beziehung auf Pau- 
sanias, und J. C. Vollgraff, Stuclia palaeographica , Lugd. 
Bat. 1870. Im allgemeinen sind die griechischen Handschriften 
correcter als die lateinischen, und die Abschreiber waren wohl 
nie so unwissend wie viele abendländische, welche ihren Text 
gar nicht verstanden. 

Wenden wir uns nun wieder den lateinischen Schrei- 
bern zu, so begegnet uns zunächst ein merkwürdiges Zeugnifs 
des h. Hieronymus in einem Briefe an Lucinius: 1 ) Opiiscula 
mea .... ad describendum hominibus tuis dedi, et descripta 
vidi in chartaeeis codieibus, ac frequenter admonui ut confer- 
rent diligentius et emendarent. Ego enim .... relegere non 
potui .... Unde si paragrammata repereris vel minus 2 ) ali- 
qua descripta sunt, quae sensum legentis impediant, non mihi 
debes imputare, sed tuis et imperitiae notariorum librarior/oit- 
que ineuriae, qui scribunt non quod inveniunt, sed quod 
intelligunt, et dum alienos error es emendare nituntur, osten- 
dunt suos. 3 ) 

Mit dem zunehmenden Verfall der Bildung und Sprache 
ihst natürlicher Weise auch die Fehlerhaftigkeit der Hand- 
schriften. Dadurch wurden zahlreiche Schriften von Gramma- 
tiken] de orfhographia veranlafst, welche Cassiodor in seiner 
Schrift über diesen Gegenstand in einen Auszug brachte. Schon 



1 ) ep. 71. Vol. I, 431 ed. Vallars. 

2 ) sie! ob minus rede? 

'■') Ganz ähnlich klagt Leon. Aretinus ep. II, 13 cd. Melius über 
Beine Verrinen: qui enim corrigere voUvit ras plane oorrwpit, und bittet 
den ursprünglichen Text abschreiben zu lassen. 



270 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

die Titel weisen auf die in den Handschriften dieser Zeit häu- 
figsten Verwechselungen, wie Martyrius de B muta et V voeali, 
Eutyehes de aspiratione. x ) Mit dem H konnten namentlich 
Italiener, da sie es nicht aussprachen, schwer in Ordnung 
kommen, und fortwährend findet es sich in ihren Abschriften 
weggelassen, oder gesetzt wo es nicht hingehört. Aus demselben 
Grunde beginnt man michi und nichil zu schreiben, was bald 
allgemein üblich, und noch von Leonardus Aretinus in einem 
eigenen Briefe an den Grammatiker Antonius vertheidigt wurde. 

Vorzügliche Anerkennung verdienen die Bestrebungen 
Cassiodors, welche kürzlich von Ad. Franz in seiner Mono- 
graphie (Bresl. 1872) S. 50 ff. hervorgehoben sind und einen 
Einblick in die Thätigkeit eines Correctors gewähren. In den 
Büchern, mit welchen er seine Stiftung begabte, liefs er durch 
Notare die drei distinetiones anbringen; er machte Abschnitte 
mit Inhaltsangabe, die er als capitiüa, titidi, breves bezeichnete, 
und verglich selbst die Abschriften mit den besten Exem- 
plaren: quos ego eunetos . . . sab collatione priscorum codieum, 
amicis ante me legentibus, sedula leetione transivi. Zu den 
Werken der Väter machte er rothe Marginalien, um die Bücher 
der h. Schrift zu bezeichnen, für welche sich an den betreffenden 
Stellen Erklärungen fänden. Hier sehen wir also. die bekannte 
Unterschrift contidi annotavi distinxi erläutert. Bei Emenda- 
tionen verlangt er, dafs die mamts altera der manus prior 
möglichst ähnlich sein solle. 

Im Gebiete der profanen Litteratur veranlafste der ver- 
wahrloste Zustand der lateinischen Handschriften vom vierten 
bis zum sechsten Jahrhundert eine Anzahl eifriger Freunde der 
alten Schriftsteller, sich der Verbesserung derselben zu unter- 
ziehen. Es sind grofsentheils vornehme Leute, unter welchen 
die Familie der domni SymmacJii besonders hervortritt. Sie 



J ) Viele Verwechselungen von Vocalen und Consonanten sind zusam- 
mengestellt von E. Ranke aus dem von ihm herausgegebenen Cod. Fuld. 
saec. VI. p. XXVII— XXIX. Diesen Codex hatte Victor von Capua 54G 
kritisch behandelt, ohne doch in der Orthographie viel zu berichtigen. 
Die Irländer haben namentlich auch später noch eine sehr fehlerhafte 
Orthographie. 



Kritische Behandlung. 271 

sind Anhänger der alten Philosophie, heftige Gegner des 
Christenthums, und wenn sie auch zuletzt äufserlich demselben 
sich fügen, so bleibt ihr Herz doch bei den alten Heiden. Sie 
sind es, denen wir die dem Mittelalter überlieferten Texte 
grofsentheils verdanken; die Zeugnisse dafür sind zu entnehmen 
aus den Subscriptionen, welche im Original oder mit dem 
Text abgeschrieben uns überliefert sind. Aus ihnen sind diese 
merkwürdigen Ergebnisse mit dem gröfsten Scharfsinn ent- 
wickelt und dargestellt von Otto Jahn in seiner Abhandlung: 
lieber die Subscriptionen in den Handschriften römischer 
ClassiJcer. *) Zuweilen findet sich die ausdrückliche Bemer- 
kung, dafs sie keine correcte Copie als Muster hatten, und bei 
der Emendation sind sie ziemlich willkürlich verfahren. Diese 
ganze Thätigkeit hängt zusammen mit den Schulen der Rhetoren 
oder Grammatiker, welche man auch Philosophen nannte, in 
welchen eine geheime Opposition gegen das Christenthum noch 
lange fortlebte. Daraus entstanden die Fabeln von Virgil als 
Zauberer, und die Anklagen gegen Grammatiker, dafs sie alles 
für wahr hielten, was sie in den heidnischen Schriftstellern 
läsen, und noch an die alten Götter glaubten. 2 ) 

Die Bemühungen jener Männer nun sind nicht ohne Frucht 
geblieben; noch jetzt geniefsen wir die wohlthätigen Folgen 
derselben. Zunächst aber konnten sie der eingerissenen Ent- 
artung um so weniger Einhalt thun, als die Zeiten der ärgsten 
Barbarei noch erst bevorstanden. Ein merkwürdiges Zeugnifs 



*) Berichte über die Verhandlungen der k. sächs. Ges. d. Wiss., 
Philol. hist. Cl. III, 327. 1851. Dazu Fr. Haase im Ind. lectt. Vrat. 
hib. 1860. L. Spengel zur Subscription des Bamberger Cassiodor, im 
Philologus XVII, 555. Bock, Sendschreiben an Weifs S. 9. A. Reiffer- 
scheid de latinorum codicum subscriptionibus, im Ind. lectt. Vrat. hib. 
1872. Th. Mommsen et G. Studemund, Analecta Liviana, 1873. Zu be- 
merken sind die Ausdrücke bei 0. Jahn S. 369: emendabam ex mendo- 
sissimis exemplaribus, ad exemplum Clementiani, contra codicem Renati; 
sine exemplario , antigraplio ; conferente Feiice, contra legente Deuterio, 
cum Eudoxio; solus manu mea, sine magistro. 

2 ) s. darüber W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos pri- 
mis medii aevi saeculis, Berol. 18-15, 4. 



272 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

dafür und ein Zeichen wieder beginnender Kritik linden wir 
in dem 825 geschriebenen Werke des Dicuil de mensura orbis 
terrae (ed. Parthey 1870), wo es im Prologe heifst: . . . et 
quod exemplaria codicum naturalis historiae Plmii Secundi 
quae scrutatus fei. nimis a scriptoribus ultimorum temporum 
dissipata praevidi (pervidi?). Sermones quidem praedidorum 
missorum, quia nimis uitiose scripti sunt, quantwrn potero cor- 
rigere curabo. At ubi in libris Plinii Secundi corruptos abs- 
que dubio numeros fieri cognovero, loca eorum vacua Interim 
fore faeiam, at si non inve'nero certa exemplaria, quicumque 
reppererü emendet. nam all dubitavero utrum certi nee ne sint 
numeri, sicut certos crassabo, ut praedictus quisquis veros ri- 
derit veraciter corrigat. 

Hier begegnet uns schon das kritische Stareben der karo- 
lingischen Zeit; die Thatsache aber der unglaublichen Verwil- 
derung sehr vieler Handschriften des 7. und 8. Jahrhunderts 
ist auch durch die noch jetzt erhaltenen bezeugt. Aus dem 
siebenten Jahrhundert selbst hören wir die Stimme des h. 
Audoenus im Prolog seiner Vita S. Eligii, der seine Leser be- 
schwört: ut si quis bare legens amore captus exemplare völuerit, 
syllabarum detrwienta summopere observet, et dudum cönscriptis 
exemplaribus rursus conferat corrigenda, ut quae rata studio 
et sollicitudine scripta saut, cum cwra et diligentia transcrir 
bantur. Haec ideirco, quia plerumque videmus nonnulla Volu- 
mina, et praeeipue sanetorum gesta, ita scriptorum vitio der 
pravata, ut studiosis quibusque non solum lectitare, verum 
etiam manibus sit contingere fastidium, 1 ) 

Doch erhielt sich äufserlich an manchen Orten noch in 
die karolingische Zeit hinein die alte Einrichtung; in vielen 
Handschriften finden wir noch jene Bemerkungen, wie legi, 
relegi, contuli,*) percontuli, emendabam, recognovi, oft in (iro- 
nischen Noten, wie auch in solchen an den einzelnen stellen 
dem Schreiber aufgetragen wird, welche ALenderungen er vm- 



') Labbe, Nova Bibl. MSS. iL 518. D'Achery, Spicil. II, 77 ed M. 
nach der Quaternionenbezeichnung bei Bickel, Monumcnta Gra- 
phica III. I 



Kritische Behandlung. 273 

zunehmen hat. *) Noch kommen einsichtige Correctoren vor, 
aber auch Aenderungen wie im Cod. Colon. 166 saec. VII, wo 
die unverstandenen griechischen Worte TcoNJJPOGTI geändert 
sind in toni et puncti. 2 ) 

Was half ein Correetor, der selbst schrieb conüdi ut pu- 
tarl (statt potui) 3 ) oder gar unterzeichnete: Ego Alprat och 
libru/m emmdarem! *) 

Ein gediegenes wissenschaftliches Streben war im achten 
Jahrhundert fast nur in England zu finden, wo Beda durch 
seine Gelehrsamkeit glänzte; er schrieb auch wieder, wie Cas- 
siodor, über die Orthographie, so wie nach seinem Vorbild 
Alcuin, der diese Studien ins Frankenreich übertrug. Karl 
der Grofse weckte hier ein ganz neues wissenschaftliches 
Leben, und nahm an der Fehlerhaftigkeit der kirchlichen 
Bücher solchen Anstofs, dafs er durch sein Capitulare von 789 
c. 71 Abhülfe dieses Uebelstandes verordnete: Psalmos, notas 
cantus, compotum, grammaticam per singiäa monasteria vel 
episcopia (discantj et libros catJwlicos bene emendatos (habeant); 
quia saepc dum bene aliqui deum rogare cupiunt, sed per in- 
emendatos libros male rogant. Et pueros vestros non sinite 
cos vel legendo vel scribendo cor rumper e. Et si opus est evan- 
gelium, pscdterium et missale scribere, perfectae aetatis homines 
scribant cum omni diligentia. Wegen dieser Sorgfalt preist 
ihn der Schreiber Winidharius: 5 ) 

Qui sternit per bella truces fortissimus heros, 
Rex Carolus nulli cordis fulgore secundus, 
Non passus sentes mendarum serpere libris, 
Et bene correxit studio sublimis in omni. 

1 ) Eccl. Colon, codd. passim, vorzüglich S. 112. Solche tiron. Noten 
in Würzb. Handschriften nach Oegg, Korogr. S. 307. 340. 347. Bei W. 
Arndt, Tafel 5, ein tiron. legi. 

2 ) Rhetores min. ed. Halm p. 226 1. 42. Doch wohl kaum von dem 
eigentlichen Correetor. 

:: ) Reifferscheid 1. c. p. 4. 

4 ) in der häufigen Geheimschrift, in welcher die Vocalc durch die 
folgenden ( onsonanten vertreten werden: fgp blprbt pch Ikbrxm fmfndbrfm. 
Gregorys Pastorale in einem Cod. aus Weihenstephan saec. VIII. Aretin's 
Beiträge VII, 286. 

B ) im Wiener cod. 743, Denis I, 313 
Yf&tA e ii b a c li . Schrift we en. 2. Ä.ufl. 1 * 



274 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Mit gleicher Hingebung feiert ihn auch der Corrector 
Jacob unter der Züricher Handschrift des Serenus Sammonicus: x ) 

Inclitus invictum Christi virtute troplieum 
Qui regit, haec fieri Karlus rex namque modestus 
Mandat, ut in seclis rutilet sophisma futuris. 
Legit enim famulus stilo animoque Jacobus. 

Die ungefügen Verse sind für die Zeit Karls vor der 
Kaiserkrönung eben so charakteristisch, wie der frische Schwung, 
der sie belebt. Wenn wir auch nicht gerade anzunehmen 
brauchen, dafs Karl selbst die Correctur jenes Buches besorgt 
hat, so betheiligte er sich doch lebhaft bei diesen Arbeiten, 
und Thegan c. 7 versichert, dafs libros corrigere die Arbeit 
seiner letzten Tage war, und dafs er unmittelbar vor seinem 
Tode die Evangelien mit Griechen und Syrern corrigiert 
habe. 2 ) Alcuin selbst war ein sehr schwacher Lateiner; an 
seiner Schrift gegen Felix fand Karl 799 viel zu verbessern, 
und Alcuin entschuldigte sich mit der grofsen Eile: quod in 
litteris vel distinetionibus non tarn seolastice currit, quam ordo 
et regula artis grammaticae postulat. Ueber die Interpunction 
sagl er weiterhin: Functorum vero distinetiones vel subdistin- 
rtionrs licet (imatum faciant pulcherrimum in sententiis, tarnen 
usus illorum prqpter rustioUatem paene recessti a scriptoribus. 
s<<l sicut totius sapientiae decus et salutaris eruditioms orna- 
tus per vestrae nöbiUtatis industriam renovari inoipit, ita et 
ho r um ksii* in manibus scribentium redintegrandus esse optime 
videtur. :i | 

Die tnterpunetion ls1 (leim wirklich nach den alten Mustern 
und Vor8chrifteD hergestellt, und das distinguere wird wieder 
eine wichtige Aufgabe. Die Sorgfalt aber, welche man jetzt 
.int' die Orthographie verwandte, erhellt uns der Unterschrift 
<!<•- Bischofs Baturich von Regensburg anter dem 823 ge- 

'» Orelli, Helperici Kar M. p. :;. 

•I auch <li<- Zusätze /um Chron, Benedictoburarum MG. SS. 
l\ 216 Docb wimmelt die Biblis Radonis von Fehlern, a Sickel SB. 
J.W l\. 546 

i Miiiiui epp, cd Jaffa, Bibl VI, 157, Frob ep. 85 



Kritische Behandlung. 275 

schriebenen Commentar Augustiiis zum Juhannesbrief: *) Librum 
liunc pro remediö ariimae ego in dei nomine Baturicus epi- 
scopus ad Franchonofiirt scribere praecepi. scriptus est autem 
< Url) us Septem et in octavo correctus in loco eodeni anno septimo 
episcopatas mei et octingentesimo XXIII dominieae inearna- 
Uonis. scriptus autem per EUenhardum et Dignum Hildoino 
orihogfafiam praestante. Gute Correctoren waren natürlich 
schwer zu haben, und nur geringe Befähigung verräth die Un- 
terschrift: Contulimus nt potuimus voluntariae. bene si bene 
tenetur si aliter nostri est meritum. Ora pro scriptoris si deum 
abeas adiutorem. 2 ) 

Die Gesetzgebung hatte nur um die Kirchenbücher sich 
zu kümmern, aber in allen Handschriften finden wir zuneh- 
mende Correctheit, und auch die Schriften der Zeit zeigen uns 
Beschäftigung mit kritischen Fragen. Da nun nach der Reform 
der Schrift die alten Manuscripte bald in neuer Gestalt ver- 
vielfältigt wurden, traten an die Schreiber schwierige Aufgaben 
heran, welche in verschiedener Weise gelöst wurden. Es gab 
fortwährend noch Schreiber, welche nur mechanisch nachahmten, 
ohne von der Vorlage etwas zu verstehen. Diese haben sehr 
fehlerhafte Producte geliefert, welche aber häufig von beson- 
derem Werthe sind, weil wir bei ihnen sicher sind, dafs sie 
keine willkürliche Aenderungen vorgenommen haben. Viel 
schlimmer sind die Halbwisser, über welche schon Hieronymus 
in der oben angeführten Stelle klagt. Da die älteren Vorlagen 
gar keine oder doch nur unvollkommen durchgeführte Wort- 
trenn im g ■ darboten, so hatten sie zunächst diese oft schwierige 
Operation vorzunehmen, und haben dabei viele Fehler gemacht.' 1 ) 



1 ) Mafsmann, Abschwörungsformeln S. 51 n. und in Mone's An- 
zeiger r, 31. Correcter bei Dümmler, Gesch. des Ostfränk. Kelches II, 693. 

2 ) Fredegar saec. IX in Metz D 12, nach W. Arndt. 

3 ) Beispielsweise führe ich den Wiener Cod. 107 saec. X des Ju- 
venal an, und aus den von A. Goebel, Sitz. -B er. XXIX, 39 gesammelten 
Stellen: heumis erit rqducimur statt heu miseri traducimur. Mit will- 
kürlicher Aenderung verbunden habetur oorum populo statt ah etru- 
8Corum populo im Paulus D. bei Bethmann im Archiv VII, 2Ö9. I>ie 
noch später bleibende Gewohnheit, kleine Präpositionen u. a. Wörter 

18* 



27G Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Dazu kam die Undeutlichkeit der Uebergangschriften, welche 
den Abschreibern nicht mehr geläufig waren. Hatte der erste 
Schreiber einen häutig unverständlichen Text zu Stande ge- 
bracht, und sich begnügt wirkliche oder scheinbare Wörter 
herzustellen, ohne um den Sinn sich zu bekümmern, so ver- 
besserte später ein anderer die Handschrift, machte Emenda- 
tionen, und eine neue Abschrift lieferte einen lesbaren Text, 
der aber von dem Original sehr verschieden sein kann. Ein 
Beispiel gewährt die am Anfang des 6. Jahrb. geschriebene 
Vita Severini, deren älteste, um Jahrhunderte später entstandene 
Absei) ritten einen so fehlerhaften Text geben, wie wir ihn dem 
Verfasser nicht wohl zutrauen können, Handschriften des 
\'2. Jahrb. bieten dagegen eine recht glatt lesbare Legende, 
deren Ursprünglichkeit in dieser Gestalt aber sehr zweifelhaft 
ist. Lehrreich für diese Vorgänge ist auch, was Bethinann in 
Pertz' Archiv VII. 274 ff. über die Textgeschichte des Paulus 
Diaconus mittheilt. 

Vorzüglich klar liegt das Verhältnifs bei der Vita Thie- 
monis v«>r Augen, welche im Anfang des 12. Jahrh. ziemlich 
kunstlos geschrieben ist. Wir finden den Text im Admunter 
und Heilbrunner Culex, in beiden aber von zweiter Hand sorg- 
fältig verbessert, und von jedem ist nun wieder eine neue Ab- 
schrift dieses überarbeiteten Textes gemacht, der Niederalt- 
aicher und Vorauer Codex, welche schon ziemlich weit aus- 
einander gehen, W'äivn zufällig nur diese beiden erhalten, so 
würde die Kritik sein 1 schwierig sein. In diesem Falle handelt 

;<h freilieb nur um stilistische Aenderungen, wie sie gerade 
hei Legenden häufig vorkommen, weil sie eben zum Vorlesen 

amit waren. In solcher Alt ist auch die I'assio SS. IV. 

Coronatorum überarbeitet. Nicht immer aber war man so ge- 
wissenhaft, wie in St. (lallen, wo man neben i\w modernen Be- 
arbeitung das Leben des Stifters in einer älteren, doch vielleicht 
nicht m (\rv ursprünglichen Form, unverändert aufbewahrte. 



nicht \"ii 'lim folgenden zu trennen, verleitete im cod. Colon. L67 

Ml f. 20v. in der Passlo .\ndiv;ir Btatl WI Adm/u CtvitOS EU 

chreiben machina. worauf dann weiter verbessert winde <irii<tiis. 



Kritische Behandlung. 277 

Schriften aus merowingischer Zeit sind immer überarbeitet, 
weil man die Barbarei jener Zeit später nicht mehr ertrug; 
bei Legenden geht die Umgestaltung, die aber nicht mehr den 
Abschreibern anheim fällt, so weit, dafs dadurch ganz falsche 
Ansichten über die Zeit der Merowinger herrschend geworden 
sind. Nur zufällig erhaltene gleichzeitige Handschriften geben 
die wahre Gestalt damaliger Werke. x ) Bekannt ist, wie Gregor 
von Tours, im Vorgefühl solcher Gefahr, am Schlüsse seiner 
Geschichte dringend bittet sie unverändert zu lassen, wenn sie 
auch grammatischen Anstofs gebe; der Ueberarbeitung ist er 
aber doch nicht entgangen. Diese war in der That unver- 
meidlich, besonders bei den auch noch durch Schreiber ver- 
derbten Handschriften (oben S. 272); ein ausdrückliches Zeugnifs 
giebt uns der Schreiber der Vita S. Magni: Huius gloriosi 
pontifwis vita(m) ego Nicolaus peccator, sicut in exemplaribus 
iitrciii, ita aliquanta emendando, quia non ex toto potui, omnia 
tarnen conscripsi. More enim antiquo dictata erant. Quod vos 
ut sapientes ex toto emendate. Noctibits vero enim vigilando 
descripsi, ideoque non vos o/fendat literarum informitas. 2 ) 

Bei gewichtigeren Texten erlaubte man sich ein solches 
Verfahren nicht; man sah sich auch im Mittelalter nach au- 
thentischen Exemplaren um, und setzte Varianten mit der Be- 
zeichnung dl. an den Rand, oder mit vel über das betreffende 
Wort, machte nicht selten auch ausführlichere Bemerkungen 
darüber. 

Vorzüglich wurde natürlich den heiligen und kirchlichen 
Büchern grofse Sorgfalt zugewandt, später auch den juristischen 
Texten. Denn bei den alten Handschriften der Volksrechte ist 
es auffallend und schwer begreiflich, wie viele grobe Fehler 
darin ohne irgend eine Verbesserung zu finden sind. 

Ein merkwürdiges Beispiel sorgfältiger Kritik gewährt uns 



J ) 8. W. Arndt, Kleine Denkmäler ans der Merowingerzeit, 
Ilann. 1874. 

2 ) Handschrift des ausgehenden zehnten oder des elften Jahrhun- 
derts iüil. Herkunft, aus welcher W Anidi Tafel 19 genommen hat; 
ihm verdanke ich die Sudle. Ks ist nicht der Magnus von Füssen. 



278 Weitere Behandlung der Schriftwerke 

der lniet'. welchen um S2ü Grimald und Tatto an ihren Lehrer 
Reginbert nach Reichenau schickten, mit einer Copie der Regel 
S. Benedicts nach einer Abschrift seines Autograplis. Da heifst 
es: J ) lila ergo verba quae supradictus pater secundum artem, 
sicut nonnulli autumant, in contexbum regulae huius non in- 
seruitj dt aliis regulis a modemis correctis magistris colleximus, 
it in campo 2 ) paginülae e regime aon duobus punctis inserere 
curavimus. AUa etiam quae a Benedicto dictata sunt et in 
neotericis minime inventa, obelo et punctis duobus consignavi- 
mus. Hoc egimus desiderantes utrwnque, et secundum tradi- 
tionem pii patris etiam modernam habere. EUgite coli* quod 
desiderabili placuerit animo. In der Vorrede zum zweiten 
Theil von Gregors Sacramentarium bezeichnet Grimald, was er 
im ersten Theil eingeschoben hat, als vwgulis ante positis iu- 
gulata. 3 ) In Sanctgallen beschäftigten sich, wie Ekkehard er- 
zählt, 4 ) bei Nacht Notker der Stammler, Tutilo und Ratpert 
mit der Collation von Handschriften: permisso quidem prioris, 
in intervallo laudum nocturna convenire in scriptorio, collatio- 
nesque tali horae aptissimas de scripturis facere. In dem 
alten Catalog steht bei mehreren alten Handschriften vetus et 
falsatus. 5 ) Kin geärgerter Corrector schrieb im cod. 6: Dia- 
bolus fecü tarn sanetam epistolam vitio scriptoris depravari,*) 
und «-in sehr fehlerhafter Quintilian saec. IX hat die Unter> 
schrift: 

Tarn male scribenti, tarn denique desipienti, 
A.bsque exemplari frustra cogor medicari. 7 ) 



') B. Pez, Thea VI. l. 73. Obeli finden sich im Berliner Cod. 
Theol. Int. toi. 68. 

i hier, wie ei scheint, der Rand, verschieden von der stelle oben 
B. 15 

Dümmler in den Forschungen z. deutschen Geschichte VI, l-l. 
') Casus s Qalli c. 3, MG, II, 9 

Weidmann, Geschichte der Btiftsbibliothels S. 874 376. 
i INI \. Ai\. Berichtigungen 8. '-'>" 
Quinti] de instil orat, ed. Spalding 1 p XI. vi Die Hand- 
schrift Ist jetal In Zürich 



Kritische Behandlung. 279 

Gyprian, der Gorrector eines Egesipp de belle- Judaico 
sa.ec. X, schrieb folgende, mehr gut gemeinte als metrisch lo- 

benswerthe Verse: 

Ecce, pater dulcis, ut potui tua iussa peregi, 
Plus prompte velle plane quam posse valente, 
Quodque tuis sanctis fidens orationibus actum, 
Quoclcumque fuerit placitum in corde receptum, 
5 Omne hie offensum mihi deprecor esse donandum. 
Denique percurrens sine auetoreque retraetans, 
Correxi ut valui, distinguendoque notavi. 
Ambigua quaeque virgis signata reliqui, 
Monstrandas [et] causas breviter in limine promsi. 
10 Sit rogo iste labor placidus, sit corde reeeptus, 
Sit tuus hie animus gratus, sit semper amoenus, 
Ut fiat ethereo satius et munere plenus, 
Quod promas, Stephane sacer, obtima dindima (sie) letus, 
Quodque tuus famulus Cyprianus gaudeat actus. *) 

Doch passen weder die Sprache, noch auch der Name Cyprian 
und die Anrufung des Stephanus nach St. Gallen, und die 
Verse werden wohl mit abgeschrieben sein. Aehnlich ist in 
einer Heilsbronner Handschrift von Rabanus super Numeri 
saec. XII mit überschrieben: Hüne librum contulerunt ex prae- 
cepto Rabani abbatis Lupus et Gerulfus, et in quantum per- 
misit angustia temporis, pro captu intelUgentiae eorrexerunt. 2 ) 
Zu dem Kreis dieser sorgfältigen Studien gehört auch der 
auf Bischof Salomons Veranlassung 909 geschriebene Psalter 
in drei lat. Versionen neben dem griechischen Text, der eben- 
falls mit lat. Buchstaben geschrieben ist; das Original war nach 
den einleitenden Versen mit obelis et asteriscis versehen, 3 ) und 
ebenso <1<t Psalter der Kaiserin Angilberga: a vivo beatissimo 



x ) Cod. (>26. Scherrers Verz. S. 204. 

2 ) Irmischer, Erlanger Handscliriftencatalog (1852) 30. Dieselbe 
Unterschrift ohne Rabans Namen im Cod. lat. Monac. 6261 s. X aus 
Freising. 

:i ) Dümmler, Gesch. d. Ostfrank. Reichs II, 681. Forschungen 
VI, 125. Eccl. Col. codd. p. '■>. Canticum Moysi ed. Hamann 1874. 



280 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Hieronimo presb, correctum a&que emendabum, distinctum vcr- 
sibus atque sententiis, cum obelis et asteriscis, sevibtumque a 

nöbis sub a. S.^7. 1 ) Seitenstücke dazu sind aus englischen 
Klöstern vorhanden. 2 ) 

Ein Beispiel ähnlicher Sorgfalt für einen profanen Schrift- 
steller gehen die Verse aus einem Cod. saec. IX. von St. Ri- 

quier: 3 ) 

Claudiani librum mihi vestrum mittite quaeso, 
Per quem eorrigere nostrum valeani male falsum. 

Audi der bonus scholasticus Calliopius, welcher den Terenz 
mit seinem recensui versah, gehört nach 0. Jahn's Vermuthung 
(1. e. p. 362) der karolingischen Zeit an. 4 ) Die sorgfältige 
und verständige Kritik des neunten Jahrhunderts am Justin 
wird von Kühl gerühmt. 5 ) Lupus verwandte grofse Sorgfalt 
auf Herstellung correcter Texte von Cicero. Macrobius, Priscian 
durch Vergleichung mit Handschriften, die er sich von seinen 
Freunden erhat. 6 ) Frechulf, wie es scheint, widmete einem 
Prankenkönig de>^ Vegetans Bücher von der Kriegskunst: quos 
eorrigere curavi situ i sa ü&nplq/rio, quoniam unum quod reppere- 
ram tantum, vicio scriptorwm ita erat depravatwn, ut litwatura 
nequaquam manere aut inteUectus inde idüiter eolligi possit. 1 ) 
Aus den zahlreich erhaltenen Briefen des 9. bis 13. Jahr- 
hunderts würden sich noch viele Belege für diese kritischen 
trebungen gewinnen lassen. In einer Handschrift der Werke 



') I Himmler. Gesta Berengarii p. 7:5 Aimr 2. 

-) Unbekannter Herkunft der Cod. (Jus. A 6 saec. IX (?), welcher 
netten dem lat. Texl den griechischen in Uncialschrifl und mit lat. Buch- 
staben enthält. Fr. X. Kraus im Scr;i]i. XXV, 358. 

i Reiffenberg im A.nnuaire de La Bibl. de Bmx. IV, G3. 
l ) i; Simson, Ludw. d. Fr. I. U)5 behandelt das Wort recemere, 
bat aber Dicht diese Bedeutung, welche auch den alteren Subscriptionen 
fremd i 

Verbreitung des Justin im Mittelalter (Diss. Lips- ls ^ 8 U 
i Lupi Ferrar, epp l. 8. 69. M, Hertz, Praef. Prise, p. X Mar- 
cianui Capella a. X mit Varianten u. obelis, Eccl. Colon, codd. p. 81. 
, IV Haase im lud leett Vral biem 1860, wiederholt Veget. ed. 
] i \ \ 1 1 1 



Kritische Behandlung. 281 

des h. Gregor von Nazianz in lateiiiisclier Uebersetzung saec. X 
aus Stavelot steht fol. 26 in rother Capitalschrift: Usque Jmc 
contuli de codice Sande Melanie Borne. *) 

Bischof Erchanbald von Strafsburg (965 — 991) bereicherte 
die Bibliothek seiner Kirche mit Büchern, deren Berichtigung 
er sich angelegen sein liefs; Verse in einem Exemplar der 
Apostelgeschichte und Briefe der Apostel rühmen von ihm: 

Utilis ecclesiae pius Erchanbaldus agiae, 
Inclitus antistes libros perlegerat omnes. 
Inter quos istum parili cum sorte libellum 
Correxit per se studiosi dogmatis arte, 
Falsa catus radens et congrua sensibus addens. 
Hoc Studium factor tenuit virtutis amator. 2 ) 

Auch Erzbischof Willigis von Mainz (975 — 1011) besorgte 
selbst mit seinen Schülern die Verbesserung der Handschriften: 

Hos praesul summus nee honore minore colendus 

Willisus theca conscribi iussit in ista, 

Ipseque cum propriis emendans cautus alumnis, 

Servicio saneti Martini iure perenni 

Tradidit etc. 3 ) 

Von der feinen und vorsichtigen Kritik Ekkeharts IV von 
St. Gallen giebt Dümmler Nachricht; 4 ) die leichtfertige und 
ungeschickte Kritik seiner Vorgänger tadelt Ekkehart, und da 
er für den sehr fehlerhaften Codex von Augustins Briefen kein 
anderes Exemplar hatte, setzte er bei fehlerhaften Stellen, über 
deren Verbesserung er unsicher war, ein r an den Rand. 5 ) 



*) Bibl. de l'ßcole des Chartes II, 3, 4G1. 

2 ) Grandidier, Oeuvres histor. I, 10 nach Boeder, da die Hand- 
schrift schon damals verloren war. 

B ) in einem Aug. de civ. dei, Jacobs u. Ukert, Beiträge II, 82. 

- 1 ) in Haupt's Zeitschrift f. deutsches Alterthum XIV, 21. 

5 ) nicht ein Y, wie 1. c. durch Druckversehen steht; es ist ein r 
oder R mit Abkürzungstrich, und bedeutet require. Es kommt sehr 
häufig, und auch ausgeschrieben vor. Vgl. Goldbacher in d. Wiener SB. 
LXXIV, 276, Scherrers Verz. 8. 62. 



282 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Von dem Abt Wilhelm von Hirscliau erzählt Tritliemius 
z. J. 1070, dafs er zwölf Mönche zum Schreiben bestimmte. 
unter der Aufsicht eines sehr gelehrten Mannes, qui menda ne- 
gligmtius scribentium emendaret. Ist nun diesem Autor auch 
wenig zu trauen, 1 ) so ist doch sicher bezeugt, dafs Wilhelm 
durch Heimo und Dietger die biblischen Handschriften durch- 
sehen, und mit Interpunctionen versehen liefs. 2 ) 

Ganz vorzüglich war Lanfranc bemüht, die h. Schriften, 
die Werke der Kirchenväter und die liturgischen Bücher von 
Fehlern zu säubern, wie Milo in seiner Lebensbeschreibung 
rühmt, und es haben sich Handschriften erhalten, welche er 
corrigiert hat. 3 ) Anselm, der ihm als Lehrer in Bec und 
Bpäter als Erzbischof von Canterbury nachfolgte, setzte auch 
diese Thätigkeit fort, und demselben Beispiele folgte auch Lan- 
franc's Schüler Williram, der Abt von Ebersberg, der selbst in 
seiner Grabschrift von sich aussagt: Correxi libros. Der Cod. 
Germ. Monac. 10 hat die Unterschrift: 

Wilrammo requiem dona deus ahne perennem, 
Errantis dextrae mendacia qui tulit ex me. 4 ) 

Der Abt Stephan von Cisterz besorgte 1109 eine kritische 
Ausgabe der Bibel mit Vergleichung vieler Handschriften und 
Zuziehung gelehrter Juden. 6 ) 

In Cluny schrieb unter Abt Pontius (1109—1125) Bruder 
Albert aus Trier eine grofse Bibel, welche er zur Correctur 
mit dem Bruder Opizo zweimal durchlas und mit Hülfe anderer 
Texte verbesserte. 6 ) 



') Belmsdörfer, Wilh. v. Birschau 8. 17 verwirft die Nachricht. 
ui ml cmtiquüatis reguUan )><t distinctiones, subdistinctiones ac 
pleno* distinctiones emendando perduoerent. Y. Theogeri c. !». M(.J. SS. 
XII. 151. 

:; ) Bist. lit. de la France 711, 117. 
l ) bei Schilter In Praef. ad Willirammi opus, 
[nachritt, Operi 8 Bernardi L719 I p. Ml 
Bibliotheca Ofamiacensia p. L646. üeber die L296 nach \ < »r- 
■ i, i, Iiuiil' mit fielen Exemplaren io Vicogne geschriebene Bibel - Mar- 
lene ei Durand \ oyage Littlraire U. 



Kritische Behandlung. 283 

Die Statuten der verschiedenen Orden trugen Sorge für 
die Correctheit und Gleichförmigkeit ihrer kirchlichen Bücher. 1 ) 
In den Statuten der regulierten Chorherren, welche in St. Flo- 
riitn 1468 eingeführt wurden, ist die Verbesserung fehlerhafter 
Bücher zwei Brüdern aufgetragen, die aber nicht nach eigenem 
Ermessen ändern dürfen, sondern correcte Exemplare ver- 
gleichen sollen. Omnes enim in correctura librorum magis de- 
hent auctoritati quam proprie estimacioni inniti. 2 ) An den 
italienischen Universitäten waren eigene Correctores für die 
Abschriften der recipierten Texte angestellt. Auch der eng- 
lische Bibliomane Richard de Bury nennt c. 16 correctores 
unter den Leuten, welche er beschäftigte. Salimbene erzählt, 
dafs der Bruder Rufinus, minister Bononiae, seinen Genossen 
bei sich zurückhielt, at corrigeret sibi bibliam suam. 3 ) Einen 
kritisch gesäuberten Text der Vulgata herzustellen und zu ver- 
vielfältigen machten sich die Klöster der Windesheimer Regel 
zur besonderen Aufgabe, und überhaupt achteten die Brüder vom 
gemeinen Leben sorgfältig auf die Correctheit ihrer Abschriften. 4 ) 
Li einer Handschrift saec. XIV, welche Symon für St. Florian 
erwarb, steht: et isti tractatus sunt omnes valde correcti per 
eundem Symonem. In Wahrheit aber sollen sie sehr incor- 
rect sein. 5 ) 

In Italien finden sich förmliche notarielle Atteste über die 
Richtigkeit der Abschrift: bonam esse, und die Ausdrücke in- 
contrata cum authentico, incontratus seil, cum aiitographo col- 



») s. Vogel im Serapeum IV (1843) S. 36 n. 

8 ) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 193 (II, 27). Aehnltch 
schon S. 192 die Constitutionen von 1402. Czerny, Bibl. von St. Flo- 
rian S. 14. 

3 ) Chron. p. 160. Was derselbe Salimbene meint, wenn er sagt: 
in multis aliis chronicis, quae a nobis et scriptae (abgeschrieben, deut- 
lich S. 124; et editae et emendatae fuerunt, ist dunkel. A. Dove, 
Doppelchronik von Keggio S. 10. 

4 ) Chron. Windeshem. p. 104—107. Serapeum XXI, 187—189. Ein 
Lectionar ist 1405 durch einen Benedictiner Wernher corrigiert, Mezger, 
Gesch. d. Bibl. in Augsburg S. 65. 

ö ) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 120. 



284 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

latus. 1 ) Das fallt nun schon in das Immanistische Gebiet, auf 
welches einzugehen uns hier viel zu weit fahren würde. Die 
kritischen Bestrebungen der Humanisten sind ja bekannt genug. 
Ich begnüge mich deshalb, nur die Klage des Coluccio Salu- 
tato um 1370 anzuführen über die grofse Fehlerhaftigkeit der 
Handschriften und die unglücklichen Emendationen der Halb- 
wisser. Er wünscht deshalb, dafs öffentliche Bibliotheken er- 
richtet und gelehrte Bibliothekare angestellt werden, mit aus- 
drücklicher Berufung auf die alten Subscriptionen. Ebenso 
erinnert es an diese, wenn unter der Uebersetzung einer Schrift 
von Lucian durch Guarinus steht: ExplicU Calumnia die 
17. Apr. 1424 Patavii per me Antoniwm Gurce&nsem civem 
Brixiensem. Emendata deinde Montorii andiente Guarino die 
X. hol. Mai. 1427. 2 ) So kam denn auch Laurentius Valla 
auf die alte Sitte zurück, ein Normal -Exemplar einer öffent- 
lichen Bibliothek zu übergeben; er gab der prachtvollen Ab- 
schrift seiner Uebersetzung des Thucydides, welche Jo. Lani- 
perti de Rodenberg 1452 in Rom für Nicolaus V verfertigt 
hatte, die selbstbewufste Unterschrift: Hunc Thucydidis codicem, 
qualis nüllus ut opinor unquam apud ipsos Grecos vel sr>7- 
ptus vel ornaius est magnificentius, idem ego Laurent ins iussu 
sanetissimi domini nostri domini Nicolai divina Providentia 
pupi Quinti, recognovi cum ipso Joanne, qui cum tarn egregie 
scripsü. Tdeoque hec meo chirographo subscripsi, uf esset hie 
code > mee translationis archetypus, unde cetera possent exem- 
plaria emendari. 3 ) 

Mit grofser Entrüstung hat der Leser eines nachlassig 
abgeschriebenen Reisebaches aach dem heiligen Lande, da wo 
• •ine /eile ausgelassen ist. an den Rand geschrieben: Confun- 
datur scriptor exemplaris!*) Gegen solche Vorwürfe sind 
Correctoren und Schreiber eifrig bemüht sich zu schützen, und 



') Vnlcntiiiclli. Bibl. S. M;iiri IV. 7:) u. soiisi. \. 310. 

I Zanetti, Latina l> Marc! Bibl. ]». 202. 

khlen, Lenrentii Vallae opuscula tria, ]>. <n 
') w .\ Neumann, Drei alte Pilgerschriften II. IT. Air der 
Vierteijahresschrifl i leath. Theol. VII B. Hefl L86* 



Kritische Behandlung. 285 

schon Asterius, der gegen das Jahr 500 den Virgil legit et 
emendans distincxit, sehreibt: 

Quisque legis, relegas felix, parcasque benigne, 
Si qua minus vacuus praeteriit animus. *) 

Im neunten Jahrh. schreibt der Priester Immo: Fratres 
vos qui legitis in istis voluminibus , et invenietis ubi opus est 
ad emendandum: non nie maledicatis, sed cum omni diligentia 
emendetis, et pro me indigno peccatore orare dignemini. 2 ) 
Aehnlich mit schwachem Anlauf zu Versen im cod. S. Galli 28: 
Prudens quisquis lector volumen cum legeris istud, Scriptori 
imperito veniam concede deposco, Et er ädere quod super est, et 
non pigriteris aptare quae desunt. In dem schön, aber in- 
correct geschriebenen cod. 143 sind dieselben Worte mit ge- 
ringer Veränderung. 3 ) Im 15. Jahrh. ist ein Vers verbreitet: 

Qui leget emendat, scriptorem non reprehendat. 

Den grammatischen Fehler darf man des "Reimes wegen nicht 
verbessern. 4 ) Nicht besser ist der Vers in einer Leipziger 
Handschrift: 5 ) 

Si erravit scriptor, debes corrigere, lector. 

Sind nun hiermit wohl nur Schreibfehler gemeint, so be- 
gegnen uns bei den Humanisten wieder Klagen über ihre 
mangelhaften Vorlagen; so bei Chalcidii expositio in Timaeum: 
Excusetur scriptor, si in locis quamplurimis Über iste corruptus 
invenietur. Sumsit enim ab exemplari, cuius summa emendatio 
erat esse corruptissimum (Zanetti 185). Aehnlich entschuldigt 
sich der Abschreiber des Anon. Magliab. in Königsberg mit 
den Fehlern seines Exemplares: ipsum siquidem mendosissiunun 
et omni ba/rbarie referdum, vulgarique ac vemacido stilo con- 



J ) 0. Jahn, Subscriptionen S. 349. Riese, Anthol. Lat. I, 11. 

2 ) Pez Thes. I. Diss. p. XXXIX. 

3 ) Scherrers Verzeichnifs 8. 15 u. 54. 

l ) C. V. Hermann, Catal. codd. Marburg. II, 38. Scherrers Verz. 
s. 354. 

'■) Naumann, Catal. hihi. Lips. p. 34. 



280 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

sttiict um existit. Hippolytus celer, veritatis alumnus promissi- 
qtu exequentissimus dbservcUor, tranquille exseripsit. 1 ) Bessarion 

gab 1445 einigen Schriften des Aristoteles selbt diese Ent- 
schuldigung mit: 'Iotco 6 avayivmöxeav to ütaQOV ßißXLov ye- 
yot''(ffh:i itir djto .tqcototvjtov £<><paX[jt£VOV, xävTevfrev JtXfJQsg 
äfnxgriSv eivai. Efie pivroi, ov avaXmfian yiyqaüiTai, dtpoöga 
IxiftvuovvT avto xt/jO( itnh'.t, '/ali tu) aXXwq övvafievoi 1 , Ih'ofrai 
fiäXXov avzo oxmöovv oyur, xat fisrä toöovtcov öyithiuTcov, 
/] fifjöoXcag vov jrofrovfttrov TvytJv. 2 ) 

Handschriften mit . Varianten aus anderen Exemplaren 
kommen hin und wieder vor. In einem Priscian saec. IX wird 
ein Über vetustus oder alter angeführt. 3 ) In Erlangen ist ein 
Isidorus Etymoll. saec. XII mit der Bemerkung: Que minio 
scripta sunt, in emendatiori exemplo non inven/imus.*) Ein 
Inventar der Olmützer Domkirche von 1435 verzeichnet ein 
(lifjrstitw vetus cum diversa scriptura. r> ) Im 15. Jahrhundert 
werden durch die humanistischen Studien solche Fälle schon 
häufiger. 6 ) 

Hand- und Interlinearglossen zur Erklärung erwähnt 
schon Tcrtullian. 7 ) Inhaltsangaben am Rande Hieronymus ep. 



J ) Altpreufsische Monatschrift VIII . 666. Ueber die fehlerhaften 
Allegata in seiner Vorlage klagt 1441 der Schreiber des Sachs. Lehn- 
rechts bei Homeyer n. G4G. 

2 ) Graeca I). Marci liibl. p. 110. 

8 ) Cod. Paris. 7946, b die Angaben in Prise, cd. M. Hertz I )». X 
ii. 12 Dazu Doch die Angabe de- gleichzeitigen Emendator r in aliis 
deprecatnri, in der v. 1. zum 16. Buch s L13 mit dem bemerkenswerthen 
Plural. 

') A. I'. Pfeiffer, Beitrage S. :>:\. 

ffotizenblatl der Wiener Akad. 1852 s. 170. 
Eigenthümlich i-t die Unterschrift des Cod Erford. qu. 61 >:!<•<■. 
\Y der Debersetzung von Piatons Menon: ßnit Mennon inemendatus. 
\:,l Rose im Hermes 1866 B. 386. 

m|\. \ r alentinianos <■. <',. wo er von des fremdartigen Namen 
derselben sagt, er werde sie Griechisch setzen: significantiae per pagi- 
nniKin limites aderunt, nee L<iimi.< quidew deerunt Graeca, sed in 
lineü desuper notabuntur. Heide Stellen führl !■'. .1 Mone, Lal Me 
8 L62 an 



Kritische Behandlung. 287 

LYII, 2 (Opp. I, 306): Feci quod voluit, accitoque notario ra- 
ptim celerite-rque dictavi; ex Jatere in pagina breviter adnotans, 
quem intrinsecus sensiim singula capita continerent. In der 
oben S. 267 erwähnten Subscription des Cod. Marcbalianus ist 
die Unterschrift des Cod. Apollinarii abbatis angeführt: Mtrs- 
lt)(fihl ajto t<~)v xaxa rag sxdoösig t^ajtXcöv xal öioQ&cofr?] 
ajro tcov iQQiyevovg avrov rtTQajzlcöv, driva xal avrov x 8i Q l 
öioq&coto xcCi tGxofooyQa(p?/TO' o&ev Evösßiog lyco ra öyolia 
jiaot&rfxa. IlaiKj ilog xal Evötßwg dioQfratöavTO. Von Cas- 
siodor's Thätigkeit in dieser Richtung ist schon S. 270 die 
Rede gewesen; er erwähnt Instit. c. 3 p. 511 die annotationes 
des Hieronymus aus den Propheten, welche er in annotat o co- 
dice seinen Mönchen übergeben hat. In quo botryonum for- 
mulae ex ipsis annotationibus competenter appositae sunt, qua- 
tenus vinea domini coelesti ubertate eompleta suavissimos fructus 
intulisse videatur. So mufste hier also auch die Form der 
Randglossen, wie .man sie wohl von verschiedenfarbigen Linien 
umzogen in alten Handschriften sieht, symbolischer Ausdeutung 
dienen. An Karl den Kahlen schrieb Anastasius über die 
Werke des Dionysius Ariopagita, dafs er über den Sinn vieler 
Stellen zweifelhaft gewesen sei, bis er in Constantinopel para- 
tJieses sive scholia in eum gefunden habe, die er nun übersetzt 
auch dem lateinischen Texte respondentibus signis beifügt und 
nach ihren Urhebern unterscheidet. *) 

Von dem Prior Albert von Oberaltaich, nach 1250, wird 
gerühmt, dafs er von irdischen Dingen nichts besafs nisi pennas 
et inehaustum propter correctionem librorum et glossationem, 
in quibus subtilissimus erat. 2 ) Viele Handschriften der Stifts- 
bibliothek zeugten davon. 

Schon einige der ältesten Handschriften, welche wir be- 
sitzen, sind mit Scholien am Rande versehen, und aus dorn 
Mittelalter sind dergleichen in grofser Zahl vorhanden; oft 
umgeben umfangreiche Commentare den Text. Ueber die da- 
bei angewandte rothe Farbe s. oben S. 205; im cod. Colon. 



') Usserii epistolarum Hibernicarum syllogo p. 63 od. a. 1696. 
2 ) Vita bei B. Pez, Thes. I, 3, 542. 



288 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1G0 s. VII sind die Textworte in Capitalschrift, was der Schrei- 
ber aber bald müde wurde. *) 

2. Malerei. 

Von der Anwendung der rothen Farbe zur Bezeichnung 
der Rubriken, welche davon ihren Namen haben, war schön 
vorher S. 203 ff. die Rede. Da die Schreiber auf alten Abbil- 
dungen oft zwei Dintenhörner oder Näpfe vor sich halten. 
scheinen sie die Titelzeilen, ersten Zeilen der Bücher und 
Unterschriften gleich selbst roth geschrieben zu haben. Offen- 
bar war es eine Anweisung für den Schreiber rothe Farbe zu 
nehmen, wenn in dem sehr alten Codex des Sedulius in Turin 
zweimal vor Ueberschriften das Wort ROBEO steht. 2 ) Aehn- 
iich steht in einer jüngeren Abschrift des Vegez in Monte 
Cassino die bekannte, nur am Schlufs entstellte Unterschrift: 
Fla vi >us ]\i(trophis emendavi sine exemplario Constantinopolim. 
Consulatu Valentiniani. Secandi. Ilubrica.*) Noch Alexander 
Neckam verordnet dem Schreiber: Hdbeai etiam minium (ver- 
millium) ad formandas litteras ruhen* (ruges) vel puniceas 
(idem) sive capitales (capitaus), Ilabeat et fuscum (nigrum) 
pulverem, vel azuram (azure) a Salamone repertam.*) Dem 
entsprechend hat auch frater Mathyas minor dictus Ständer, 
der sich in der ersten Initiale eines schönen Missale saec. XIV 
abgebildet hat, zugleich geschrieben und genialt, denn bald 
deckt die Schrift die Farbe, und bald ist es umgekehrt, 6 ) und 



') EccL Colon, codd. p. 67. Sehnlich in W. Arndt'a Schrifttafeln 
'1'. '>. Merkwürdig i>t die Zumuthung, welche Guibert von Tournai in 
Beiner für Ludwig IX L259 geschriebenen Eruditio regum et prineipum 
(Ion Leser macht, Belbsi die Inhaltsangaben zu schreiben: "/ super- 
lineares titulos in prineipio Ubri apponant, ni ea <i>i< continentur in "> 
ei in %equentibus scribuntur <<t)>ih<lts, evidenems videant <i agnoscant 
Paul Meyer, Documenta manuscrita de L'ancienne Litte'rature de la France 
Paria L871 aus den ArchWea dea Missions l. L04. 
) Am. Peyron <!<■ bibl. Bob p. 215 
i < aravita II. 290; vgl. <>. Jahn l. c. i>. .">l I. 
') Wright, Vocabulariei s. i it. 

\ . Eye im An/, d. Odrm. Mus. XIII L866 L82 mit Abbildung 



Malerei. 289 

ähnliche Kunstfertigkeit wird auch von anderen Schreibern ge- 
rühmt, aber die Regel war es nicht. 

Bei den Lateinern, wo die Anwendung der rothen Farbe 
weit ausgedehnter war als bei den Griechen, und sehr ge- 
wöhnlich jeder Anfangsbuchstabe eines Abschnitts und viele 
andere dazu durch rothe Striche aasgezeichnet wurden, fiel 
diese Aufgabe gewöhnlich nicht dem Schreiber zu, und ist sehr 
häufig gar nicht zur Ausführung gekommen. Oft fehlen des- 
halb die Initialen und Ueberschriften ganz, nicht selten aber 
sind sie auch ganz klein vorgezeichnet; bei den Ueberschriften 
war das wohl immer der Fall, aber oft am äufsersten Rande, 
wo sie beim Einband abgeschnitten sind. Sonst können sie, 
auch wo die Rubricierung erfolgt ist, zur Berichtigung der 
vielen Fehler des Rubricator dienen. *) Wie viel später zu- 
weilen die Rubricierung erfolgte, zeigt ein Lorscher Codex 
saec. X von Gregor's Moralia in Job mit der Unterschrift: Qui 
non est diligens et studiosus lector, in isto libro nichil proficit. 
a. (I. 1396 rubricatus est textus Job. 2 ) 

Vom zehnten Jahrhundert an wird das Roth viel lebhafter, 
und ist in der Regel von grofser Schönheit. Nach einem Re- 
cept vom Ende des Mittelalters ad riibricam soll Zinnober mit 
Wasser gerieben, und mit Eiweifs und etwas Gelb vom Ei an- 
gemacht werden. Etwas verschieden ist die Rubrica ad florisan- 
dum: Wihhi machen ain Ruhrick dy Main aus der federn 
get zu floriren, so reib den czinober auf ainem st ain etc. 3 ) 
Von den Assisen von Jerusalem sagt Jean d'Ibelin: 4 ) les queles 
assises, usayes et costumes estoient escrites, chascune par soi, 
de grant letres tornces, et la premiere letre dou comencewci/t 
estoit enluminee d'or f et totes les rubriehes estoient escrites 
chascune par soi, vcrmeilles. Eine genaue Unterscheidung 



*) z. B. in dem Heidelb. Cod. Sal. IX, 29 in dem Bericht über 
das Heilige Land. 

2 ) Reifferscheid in den Sitz -Her. d. Wiener Ak. LVI, 519. 

B ) Ans dem Über illaniinistaruni, Cod. germ. Mon. 821 fol. 25 v., 
mit 'jetheilt von meinem verst. Freund V. E. Rocfsler. Jetzt vollständig 
bei Rockinger S :>7. 

l ) Les Assises de Jerusalem, par Je Comte Beugnol (1841 I, 20. 

Wattenbach, Schriftweaen. -. Aufl. L9 



290 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

dieser und anderer Ausdrücke ist wohl in den Receptbüchern, 
aber nicht im gewöhnlichen Gebrauch gemacht (vgl. oben 
S. 207); in griechischen Handschriften läfst sich eine nicht so 
dick aufgetragene, mehr kirschrothe Farbe in den Verzierungen 
am Eingang der Bücher unterscheiden. 1 ) 

Der allgemeine Ausdruck ist mimwm i wie schon die oben 
angeführte Stelle aus AI. Neckam mit der Glosse vermilliun 
zeigt. 2 ) Aus den rothen oder durch rothe Striche ausgezeich- 
neten Buchstaben hat sich ein ganzer reicher Kunstzweig ent- 
wickelt, den man deshalb n/ in iure nannte. So sagt Salimbene 
ad a. 1247 p. 64 von Bruder Heinrich dem Pisaner: sciebat 
scribcrc, miniare, quod aliqui üluminare dicurd, pro eo qnod 
ex minio Über illuminatur, notare, cantus pulcherrimos ei de- 
lectabiles invenire, tarn modulatos, id est fraetos, quam firmos. 
In dem oft erwähnten Inventar der Bobienser Bibliothek von 
1461 wird häufig mini um für verzierte Initialen gebraucht; so 
bei einem Psalter S. 60: }>r'nu<> minio psalmi cuiuslibet nocturni 
miniato ad pennellum deaurato. An die rothe Farbe ist da- 
bei nicht mehr gedacht, und in dem Formular der päbstlichen 
Kanzlei, welches Leoj). Delisle mitgetheilt hat,*) heifsen Uttere 
miniate die verzierten Buchstaben der päbstlichen Privilegien, 
bei welchen gerade weder Roth noch sonst eine Farbe ange- 
wandt werden durfte. 

In den Cölner Schreinhiiehern findet sich 1267 eine Tula 
vidua rubeatrix, dann mehrere rodere, was die Uebersetzung 
von rubeator ist. i;>74 Gerhardus der Roydmeilre. 4 ) Danehen 
L301 und L332 üktmwnatores, was vielleicht doch noch unter- 
schieden wurde. In Bamburg erscheinl um 1260 ein mmiator 



') Die schönen alten griechischen Minuskelhandschriften der Hei- 
delberger Bibliothek Bind van/ ohne l!<>th. 

) eigentlich uermicuhM oder vermiculum von der Kermeseiche, 
wovon Lieferungen im Polypticum Etemigiabum vorkommen, *li<' aber 
wühl hauptsächlich zum Färben bestimmt waren. Varin, Axchives ad- 
ministratives '!<■ la ville il<- Reims I. 335. Vgl. Du Cange a \ 
i i'.ii.i de l'äcole des Chartes l särie IV, 
üerlo, die Meister <I<t altköln. Malerschule L8Ö2) 8. L86— 190, 



Malerei. 291 

als bürgerliches Gewerbe. *) Bei den Brüdern vom gemeinen 
Leben wurde kein Unterschied gemacht, denn in ihrer Regel 
heifst es c. 13 de Bubricatore: Deputetur unus frater pro Ru- 
bricatura et Flor (dura, qui habeat lazurium et alios colores 
pro suo officio necessarios: aureas tarnen litter as absque special 7 
licentia non faciat. Scripturarii directionibus in illuminandis 
libris sibi per eum traditis obtemperabit. Es gab aber auch 
bei ihnen keine eigentliche Miniaturmalerei, welche sich doch 
im Laufe .der Zeit von der, wenn auch noch so kunstreichen 
Verzierung der rothen und blauen Initialen gesondert hat. 

Die Ausstattung der Bücher mit wirklichen Gemälden, und 
die Geschichte der darin bewiesenen Kunst gehört weniger zu 
unserer Aufgabe, als in die Kunstgeschichte; ich mufs mich da 
begnügen, für eine eingehende Behandlung des Gegenstandes 
zu verweisen auf Seroux d'Agincourt, Histoire de VArt par 
les Monumens, Vol. V, die PaUographie 'universelle von Sil- 
vestre, Ferd. Denis, Hist. de Vornamentation des Manuscrits 
(Paris 1858, 8), Les Manuscrits ä miniatures de la Bibliotheque 
de Laon, par M. l'abbe Corblet (1864, 8), Jules Labarte, 
Histoire des Arts industriels au Moyen Age, Tome 3 e (Paris 
1865), Illuniinated Ornaments selected from Manuskripts and 
rar/// printed books, from the 6 th to the 17 th centurics, drawn 
and engraved by Henry Shaw, with clescriptions by Fred. 
Madden (Lond. 1833, 4), Noel Humphreys, The illuniinated 
books of the Middle Ages (Lond. 1849 f.), West wo od, Palaco- 
graphia Sacra Pictoria (Lond. 1843), auf die Werke von G. 
F. Waagen, welcher zuerst eingehend und umfassend, abier 
ohne Abbildungen, diesen Gegenstand behandelt hat, und zahl- 
reiche Monographieen und gelegentliche Mittheilungen. Vor- 
züglich für die Geschichte der Initialen und der Ornamentik in 
lateinischen Handschriften lehrreich ist das schön ausgestattete 



! ) Lappenberg in der Zeitschrift des Vereins f. Hamb. Gesch. (1864) 
X. F. 11,275. Nach Libri in Beinem Auctionskatalog (1850) S. 100 sieht 
unter einem ital. Cod. s. XIV: Orate pro scriptore, und da/u gesetzt: 
et pro Aminiatorc, wofür es nahe liegt zu lesen pro A. miniatore. Slull 
miniator steht minius in einen Briefe <\i'* Leonardo Dati (Epp. Flor. 
171:1 p. II von 1 1 Li. angeführt von Eber! S. 113. 

19* 



2 ( J_ ; Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Werk: Tlte Art of IUuminating as pradised m Europe from 
the earliest Hmes. Illustrated by Borders, Initial letters and 
Alphabets, selected and chromolithographed bei W. R. Tymms, 
with au Essay and Instructions by Digby Wyatt, Architect, 
London 1800, 4. Im gröfsten Maisstab angelegt ist das Pracht- 
werk des Grafen Bastard: Peiwtures et Ornemens des Mcmu- 
scrits, classes dans tm ordre chronologique pour servvr ä Vhistoire 
des arte du dessin depuis Je 4' siedle jusqu'ä la /in du 16 9 . 
Leider aber ist dieses im gröfsten Format erschienene Werk un- 
vollendet geblieben; 20 Lieferungen zu 8 Tafeln, jede 1800 Fcs. 
kostend, sind ausgegeben, ohne Text und ohne irgend ein 
System. Von der Pracht und Mannigfaltigkeit karolingischer 
Kalligraphie giebt nur dieses Werk eine genügende Vorstellung; 
die späteren Lieferungen enthalten merkwürdige Proben aus 
merowingischen, westgothischen, lombardischen, südfranzösischen 
Manuscripten. 

Das älteste bekannte griechische Werk mit Illustrationen 
ist die oben S. 130 erwähnte Evöogov rr/rn mit astronomi- 
schen Zeichnungen, welche jedoch nur zur Erläuterung des 
Textes, nicht zur Zierde dienen. Griechische Schulbücher mit 
erläuternden Abladungen hat O. Jahn nachgewiesen, 1 ) erhalten 
alicr haben sich keine. Die ältesten wirkliehen Gemälde ent- 
halten die Amhrosianischen Fragmente der Ilias, 58 Bilder 
mit den auf der Rückseite stehenden Versen in schönster Un- 
cialschrift; es sind die Reste eines Quartbandes, aus welchem 
die Bilder ausgeschnitten sind. I)i<^ enthalten figurenreiche 

Compositionen, und stehen Wohl von allen erhaltenen der guten 

antiken Kunst am nächsten; eine möglichst getreue Publication 
in Farben wäre gewüs von diesem kostbaren Denkmal dos 
Alterthume ganz besonders erwünscht und angemessen. Wäh- 
rend jeder alte Topf abgemalt wird, sind diese so merkwürdi- 
gen Reste alter Malerei ganz vernachlässigt. Einstweilen hat 
A. Mai -hIi ein grofses Verdienst erwopben durch das Kupfer- 
werk: Tliadis fragrnenta antiquissima cum picturis, Modiolani 



') I eber griechische Bilderchroniken B. '.'I ff. 



Malerei. 293 

1819 in folio. Einige photographische Nachbildungen verdanken 
wir jetzt der Palaeographical Society. 

Etwa dem fünften Jahrhundert gehört die Genesis Cotto- 
niana an, leider durch Feuer beschädigt und ganz zusammen- 
geschrumpft, Der Charakter der Kunst ist noch ganz antik; 
Heiligenscheine und Goldlichter zeigen die ersten Anfänge 
byzantinischer Manier. 1 ) Etwas jünger ist die mit Gold und 
Silber auf Purpur geschriebene Wiener Genesis, von welcher 
24 ausgeschnittene Blätter mit 48 Bildern, von geringerem 
Kunstwerth sich erhalten haben. 2 ) Minder kostbar ausgestattet, 
aber vielleicht von noch höherem Alter und Kunstwerth, sind 
die kürzlich entdeckten Fragmente der Itala, über welche eine 
ausführliche Mittheilung von Dr. Schum zu erwarten ist. 3 ) 
Als überaus werthvoll werden die ganz in antiker Weise ge- 
malten Bilder der Fragmente des Pentateuches gerühmt, welche 
aus St. Gatien-de-Tours stammen, und von Libri gestohlen, an 
Lord Ashburnham gekommen sind. 4 ) 

Unter den verschiedenen Handschriften des Dioscorides 
mit Abbildungen der Pflanzen zeichnet sich vorzüglich das 
Wiener Exemplar aus, welches am Anfang des 6. Jahrhunderts 
für die Anicia Juliana geschrieben und prächtig ausgestattet 



*) Proben bei Westwood, Early Greek Manuscripts. Aeltere mangel- 
hafte Abbildungen in der Collatio Codicis Cott. facta a Jo. Ern. Grabe, 
edita a Henr. Owen, Lond. 1778. Vgl. Waagen, Treasures of Art in 
Great Britain I, 97. 

2 ) Ein Bild in Farben bei Labarte, Album II, 77. Einige Nachbil- 
dungen bei Dibdin, A bibliographical tour III, 457 ff., mangelhaft bei 
Seroux d'Agincourt. Beschreibung bei Waagen, Kunstdenkmäler in 
Wien II, 5—8. 

3 ) Ausgabe von G. A. v. Mülverstedt in der Zeitschrift des Harz- 
vereins IV (1874) 251 — 263. Sehr bemerkenswerth sind die Anweisungen 
für den Maler in ältester Cursive. 

• 4 ) Bibl. de l'Ecole des Chartes, 6. serie, IV, 610. Facs. des Textes 
Nouveau Traite III, 40 pl. XXXIV. Verschieden davon sind die ebenfalls 
sehr allen Fragmente, welche mit Facs. gedr. sind u. d. Titel: Librorum 
Levitici et Numerorum versio antiqua Itala e codice perantiquo in bibl. 
Ashburnhamiensi consorvato nunc primum typis edita, Lond. 18G8 (nicht 
im Buchhandel). lieber die Bilder scheint noch nichts veröffentlicht 
zu sein. 



294 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

ist. 1 ) Von vorzüglicher Schönheit, und wohl das älteste Bei- 
spiel einer reich ornamentierten Handschrift, sind die beiden 
Blatter mit den Canones des Eusebius auf Goldgrund im Brit. 
Museum. 2 ) 

Unter Justinian tritt nach Waagen eine Aenderung ein: 
die Figuren werden zu lang und mager, die Gewandung ärm- 
lich, mit langen parallelen Falten oder überladen mit Schmuck 
und Juwelen. Die Farben werden hart und schwer, Gold sehr 
viel zu Hülfe genommen, und die Naturwahrheit vernachlässigt, 
Orientalischer Einfhifs beginnt sehr fühlbar zu werden; ohne 
Zweifel halten im achten Jahrhundert die durch die bilderstür- 
menden Kaiser veranlafsten Kämpfe einen tief eingreifenden 
schädlichen Einflufs auf die Kunstthätigkeit gehabt. Die oben 
S. 135 erwähnte Rolle mit den Kriegen des Josua zeigt sehr 
gute Compositionen nach überlieferten Vorbildern bei mangel- 
hafter Ausführung. Doch giebt es noch manche jüngere Hand- 
schrift, welche prachtvoll und in der eigenthümlich byzan- 
tinischen Technik nicht ohne Geschick ausgestattet ist, wie der 
für den Kaiser Basilius (867 — 886) noch in Capitalschrift ge- 
schriebene und mit Bildern reich- geschmückte Gregor von Xa- 
zianz, 8 ) und das für Basilius II 4 ) in Gold geschriebene Meno- 
Logium mit 430 Bildern auf Goldgrund. 5 ) Allein diese Minia- 
turen liegen unserer Aufgabe fern; bei Montfaucon, Westwood. 
Labarte ist darüber mehr zu finden. Am Anfang pflegen grie- 
chische Manuscripte mit einem quer über die Seite gehenden 
Ornament verziert zu sein. Initialen sind seit dem achten 
Jahrhundert ans verschiedenen Figuren sinnreich zusammen- 



') Beschreibung von Choulant in Naumann u. Weigere Archiv f. 
il. zeichnenden Kniete I. 56. Waagen 1. <■. II. 8—10. Aufser den Ab- 
bildungen bei Lambeciua II und Seroiu d'Ag. die Juliana in Farben bei 
Labarte II. 78; die Aerzte in: Lea arta Bomptuaires, Paria, 1857, T. I. 
Vgl. auch B. stark. Nach den griech. Orienl (1874) S. 11. 

i . \.lil. 5111, abgebildet l>«'i Shaw, Illnni. Orn. pl. l — 1: theilweise 
bei Tynrma and Wyatl pl. 2, cf. pag. 1". Waagen setzt sie ins nennte, 
Sir Fred. Madden ina Bechate Jahrhundert. 

I Cod. Reg. 1809, jetal ."»l<>. b. Waagen, Kun8twerke in Paria 8. 202. 
') fast un/weiielliai't Baailius II. !»7<;— 10 

l od. \ ,'t L613, ed.Urbini 1 7 j 7 in :; Folianten; vg] Labarte 111,59-62. 



Malerei. 295 

gesetzt und fein ausgeführt, 1 ) aber eine solche Ausdehnung, 
wie bei den Lateinern, hat diese Sitte bei den Griechen nie 
gewonnen. Hier sei nur noch der Kostenberechnung über ein 
Evangeliar gedacht, welche Tischendorf Anecdd. p. 65 und 
Tab. II, XII D mittheilt: // de xaraßX^elöa sgodog slq ro 
toiovtov aytöv Tetoasvdyyelov tyja ovrcog' eiq yaQxia vjz£q- 
jrtQtc öexargla' dg yocnpiftov uitojctoa dzxaoxror dg xecpa- 
Xalcofia x(ä dia XatpvQiov avoiyfia xmv i^oDfuzMcov vjitQjitQa 
m elq iqvöcqh<x rmv xeg)a?Micov xal toJv ijiiyqaqxxtv rov 
ciQXoreXLov , (plcoQta (florenos) dzxasjircc lötcovra t^dyca (sex- 
tulas) (hzuTtööaQa, xoxxia (siliquas) £§• i)toi vjitQJttoa tqici- 
KOVtareööaQa' dg fdö&coficc rov %Qvöoyod<pov vjikQjztoa oxtoj. 
eig özdxcofta (Einband) vjitQjztoa . An zwei Stellen fehlt 

die Zahl. Die Abkürzung für die häutig vorkommende grie- 
chische Münze vjztQjtEQa hat Tischendorf nicht zu entziffern 
vermocht, aber glücklicher Weise ein Facsimile gegeben; den 
Anfang bildet die regelmäfsige Abkürzung für die Präposition 
vJttQ. Der Werth ergiebt sich aus der vorstehenden Berech- 
nung als ein halber Floren. Wegen dieser Münzwerthe aber 
mufs die ganze Angabe wohl eher dem 14. als, wie Tischen- 
dorf meint, dem 12. Jahrhundert angehören. 

Bei den Römern waren Werke mit Bildern häufig. Varro's 
Imagines sind bekannt. 2 ) Kräuterbücher mit Abbildungen er- 
wähnt Plinius XXV, 2, ohne sie zu loben, weil die Copisten 
sie zu sehr entstellten. Doch haben sie sich lange traditionell 
fortgepflanzt. 3 ) 



*) Eine Zusammenstellung bei Montf. S. 255, im Nouveau Traite 
II zu S. 118. 

2 ) 8. Marquardt II, 403. 

3 ) s. oben p. 293. Aus Dioscorides geschöpft ist der sog. Appuleius, 
von dem alte Handschriften mit Pflanzenbildern existiren, s. Parabilium 
Mcdicamentorum Scriptores ed. Ackermann (1788) p. 30. Fragmente 
der Art in üncialsclirift in Berlin, Lat. fol. 381. Cod. Vat. 44713 s. XIII, 
Pertz' Archiv XII, 243. Ueber das Kräuterbuch des Venetianers Bene- 
dictuß Binius von 1415 auf der Marcusbibl. s. Notizenblatt der Wiener 
Ak. 1853 S. 23, Valentinelli V, Gl— 67; die Abbildungen sind nach der 
Natur gemacht. Ein ital. Hcrbario con figure saec. XV in Libri's 
Auctionscatalog S. 103 Q. 182. 



296 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Martini XIV, 186 sagt: 

Quam brevis mmiensum cepit membrana Maronem! 
Ipsius viiltus prima tabella gerit. 

Solche Titelbilder waren nicht ungewöhnlich. 1 ) Ein Portrait 
Virgil's giebt A. Mai, Virgilii Interpretes veteres p. XLIY ex 
cod. Ambros. saec. XII, welches gewifs auf alter Ueberlieferung 
beruht; er hat eine phrygische Mutze, und ist, wenn die Ab- 
bildung zuverlässig ist, gewifs nicht damals neu gezeichnet. 
Ebenda ist auch das Titelblatt zu dem vielleicht von Petrarca 
geschriebenen Virgil, welches von Simon- Memmius aus Siena 
gemalt ist. Aber auch mit anderen Bildern wurde Virgil ge- 
schmückt; der Cod. Vat. 3225 enthält 50, wovon 5 verlöscht 
sind; sie sind ganz antik in der Technik, fast ohne Umrifs, 
und deshalb sehr schwer nachzubilden. Die Stiche von Pietro 
Santo Bartoli 2 ) geben eine ganz falsche Vorstellung, und auch 
Seroux d'Agincourt 3 ) ist ungenügend. In der Composition und 
Zeichnung erinnern die Bilder an die Ambrosianische Ilias; 
Digbv Wyatt möchte sie schon dem dritten Jahrhundert zu- 
schreiben. Diesem vermuthlich nachgeahmt, aber mit sehr 
rohen Bildern, barbarisch und leblos, ist Vat. 3867, früher in 
St. Denis. Auch die Schrift ist geziert, mit starkem Unter- 
schied der dicken und dünnen Striche, und gehört vielleicht 
dem fünften Jahrhundert an. 4 ) 

Nachbildungen antiker Bilder finden sich ferner in dem 
Wiener Kalender, 6 ) einer Copic des leider verlorenen alten 
Cod. Spiivusjs. und in der ebenfalls nur in neuer Copie vor- 



') ygl, Seneca de tranquill, an. c. *'. Geraud p. L37. Arevalo, l-i- 
dori Opp. II. 105- l"7. hat darüber allerlei zusammengestellt, doch ohne 
Sonderung der Zeiten. 

-) Antiquissimi Virgiliani codicis Fragments ei Picturae ex bibl. 

Roma« 1711 I. 
) p] 20 alle '1") klein, dann 1.1 jrrofs; auf pl. <;."» I8l «in Stich nach 
Santo Bartoli zur Vergleichung neben einer Nachbildung de» Originals 

l ) Proben bei Beroui d'Agincourt, pl. 64, •;.">. der ihn sogar ins 
iL' oder LS Jahrfa Betet, Die Punkte zwischen den Worten sind nach 
Ribbeck von neuer Hand, 

i ocheo hei Lambeciu«, und Kollar, Analectt. Vol I. 



Malerei. 297 

handenen Notitia dignitatum utriusque imperii, diese freilich 
ohne Anspruch auf Kunstwerth. 

Psalter und Evangelien prächtigster Ausstattung brachte 
S. Augustin 597 mit nach Canterbury, wovon vielleicht noch 
zwei Bilder einer Evangelienhandschrift erhalten sind, *) andere 
aber in Schrift und Bild so genau nachgeahmt, dafs auch 
Kenner über den Ursprung derselben zweifelhaft sind. Wäh- 
rend nun hier doch schon bald die römischen Vorbilder eigen- 
thümlich umgestaltet wurden, lebte an Karls des Grofsen Hofe 
die antike Kunst noch einmal in neuem Glänze auf. Die Kal- 
ligraphie feierte die herrlichsten Triumphe: man schrieb in 
Gold auf Purpur, kehrte zur Capitalschrift zurück, und die 
prachtvolle Ausschmückung der Handschriften ist theils direct 
antiken Vorbildern entnommen, theils von antiken Motiven 
durchdrungen. Von besonderer Schönheit sind auch die reichen 
Randverzierungen, welche an die Prachthandschrift des Dios- 
corides und die Canones des Eusebius erinnern, und wofür sich 
damals wohl noch zahlreiche Muster fanden. Später ver- 
schwinden sie wieder, 2 ) um nach Jahrhunderten in ganz ver- 
änderter Gestalt wieder zu erscheinen. 

In dieser Zeit hat man nun auch profane Autoren mit 
der gröfsten Genauigkeit von alten Vorbildern abgeschrieben. 
Zu diesen gehören die Handschriften des Terenz, welche dem 
zehnten Jahrhundert zugeschrieben werden, mit dem von zwei 
Schauspielern emporgehaltenen Brustbild des Dichters und 
Figuren, welche ganz genau die alte Bühne darstellen; der von 
Hrodgarius geschriebene Cod. Vat. 3868 3 ) und daraus abge- 
schrieben der Basilicanus im Archiv des Vat, Capitels, in wel- 
chem nur die beiden ersten Bilder ausgeführt sind; 4 ) der 
Pariser 7859, dessen Bilder, nur in Federzeichnung ausgeführt, 

x ) im Corpus Christi College, Cambridge, nach Digby Wyatt p. 18. 

2 ) Geschmackvolle Randleisten aus dem 12. Jahrh. bei Tymms and 
Wyatt pl. 31. 

3 ) Alte Ausgaben Urbini 1736, Romac 17G7, geben keinen richtigen 
Begriff von den Bildern. Eine Seite mit bunten Figuren bei Silvestre. 
Seroux d'Agincourt pl. 35. 36 und danach Ottley PI. VI n. 5, u. "Wieseler, 
Theatergebäude u. Denkmäler (Gott, 1851) Taf. X n. 2—8. 

') s. die Vorrede von [Jmpfenbacn zu seiner Ausg. des Terenz 



298 Weitere Behandlang der Schriftwerke. 

schon ins barbarische verfallen; 1 ) auch der Ambrosianus 2 ) und 
ein Cod. in England gehen auf dieselbe Quelle zurück. 

Lehrreich für die Phasen der Kunst sind die Handschriften 
der vielgelesenen Aratea, welche ohne die Sternbilder nicht 
brauchbar waren. Im Cod. Harl. 647 sind diese mit solcher 
Genauigkeit, auch in der Technik, nachgeahmt, dafs Ottley 
durchaus nicht glauben wollte, sie seien nicht wirklich antik, 
und deshalb den vergeblichen Versuch machte zu beweisen. 
dafe man schon in der römischen Kaiserzeit eine Minuskelschrift 
gehabt habe. 3 ) Allein hier ist der Text in völlig ausgebildeter 
karolingischer Minuskel, und sogar rescribiert auf Minuskel ge- 
schrieben; die Bilder dagegen allerdings ganz in antiker Weise, 
die Köpfe und einige andere Theile in Farben ausgeführt, die 
übrigen Formen kunstreich ausgefüllt mit der Beschreibung von 
Hygin in kleiner leichter Capitalschrift, welche sich in der 
Form der Zeilen der Zeichnung anschliefst, auch in rother 
Farbe und verschiedenfarbiger Dinte die Theile derselben unter- 
scheidet. Eine dazu gehörige, vielleicht aber etwas jüngere 
Bimmelstafel hat in Capitalschrift die Inschrift: Tsta proprio 
sudore nomina unoquoque propria ego indignus sacerdos <l 
monaclms nomine GEEVVIGUS r&pperi, ac scripsi ■[• po# le- 
gentibus [• Ganz ähnlicher Art ist der Leidener Cod. Voss. 79, 
nach Bethmann aus dem 11. Jahrhundert, welchen Gruter hat 
stechen lassen, der Cod. Voss. Lat. 15 aus Limoges. der ('od. 81 
in Boulogne. 4 ) In London aber ist Cotton. Tib. B 5 eine Co- 
llie, in welcher die Beschreibungen einlach in karolingischer 
Minuskel um die Bilder geschrieben sind, diese selbst aber 



') Schlechte Probe bei Champollion-Figeac, Paläogr. des Class, 
Rom. pl. 9 mit [-Strichen, die später zugesetzt Bind. Besser bei SilVestre 
II. I.M 

A M;ii. Plauti Fragments inedita. [tem ad P. Terentium 
commentationes et plcturae ineditae. Mediol. L815. Probe bei Wieseler n. 9. 
die Abhandlung in: Archaeologia ,Vol. 26, mit vielen Abbil- 
dungen ans den 8 Handschriften des Bril Museums, und Schriftproben 
zur Vergleichung. Wie Reifferscheid in den Annali dell' [nstituto L865 
j). 108 bemerkt, srwahnl schon Cyriacus Anconitanua ein«' solche Hand- 
Bchrift in Vercelli. 

l ) Bi thmann in Pertz'a Archiv \ 'in. 104 ■ 576 



Malerei. 21)9 

schon etwas verändert in angelsächsischem Charakter, während 
wir endlich im Harl. 2506 die völlig umgewandelten angel- 
sächsischen Umrifszeichnungen rinden. In Monte Cassino ist 
Cod. 3 im J. 812 geschrieben; die Bilder nach der Ansicht 
von Caravita (I, 30) so ausgezeichnet, dafs man sie der Zeit 
nicht zutrauen würde, aber in Umrifszeichnung mit der Feder. 
Aehnliche Handschriften aus dem neunten Jahrhundert sind in 
St. Gallen. 1 ) 

Hierher gehören auch die Bilder in einer Handschrift der 
Agrimensores, die nach Bethmanns Ansicht 2 ) im Anfang des 
zehnten Jahrhunderts in Fulda geschrieben ist, „mit Bildern 
in Deckfarben, ganz nach antiken Mustern, so dafs die Hand- 
schrift als ein getreues Abbild einer antiken gelten kann, bis 
auf die schöne karolingische Minuskel." 

In dieser Verbindung wird nun auch der oben S. 132 er- 
wähnte Utrechter Psalter erklärlich, welcher, um den rich- 
tigen Raum für die Bilder zu erhalten, genau nach der Vorlage 
in drei Columnen mit Uncialschrift geschrieben ist und in den 
Bildern antike Motive zeigt, aber doch auch die deutlichen 
Kennzeichen angelsächsischer Kunstübung, wie sie denn auch 
nur Umrifszeichnungen sind. 3 ) 

Frühzeitig mit Bildern versehen waren auch die Werke 
des Prudentius, namentlich die Psychomachia, deren Bilder 
nachzuahmen oft versucht wurde, aber nicht immer gelang. 4 ) 

Bis auf Karl den Grofsen hatte sich ohne Zweifel noch 
eine directe Ueberlieferung antiker Technik erhalten, welche 
durch ihn neu belebt wurde. Diese Renaissance erhält sich 
Ins ins zehnte Jahrhundert; dann aber wird die unmittelbare 



') Codd. 250 u. 902 nach Scherrer's Verzeichnifs S. 93 u. 317. 
•-) Pertz's Archiv XII, 355. Cod. Pal. 1564. 

3 ) Arntz, Beknopt historisch overzigt van den Twist over den oor- 
sprong van het Quicunque (Utr. 1874 f.) giebt ein schön in Gold und blau 
ausgeführtes Facs. des B vom Bcatus, das Bild des Nicaenischen Concils, 
u. Facs. des Credo. Aufser der photogr. vollst. Ausg. (1873) sind Blätter 
in dem oben angef. Report Und in den Heften der Palaeogr. Society. 

4 ) lieber den Sanctgaller cod. 135 s. R. Rahn, Gesch. d. bildenden 
Künste in d. Schweiz (1873) S. 297. Im cod. Colon. 81 s. XI sind nur 
schwache Anfänge zur Ausfüllung der Bilderräume, Catal. p. 28. 



300 Weitere Behandlang der Schriftwerke. 

und genaue Nachahmung der Antike immer seltener, bis im 
elften Jahrb. ihre Spuren sieb verlieren. Eine neue Restau- 
ration versuchten die Humanisten, ohne jedoch echte Vorbilder 
zu haben. Leonardus Aretinus schrieb an Niccolo Niccoli, dafs 
ein Gönner von ihm einen herrlich geschriebenen Codex der 
Reden des Cicero habe und Avünsche, itt singulorum capita 
librorum splendore litte rar um illuminentur. Er bittet also das 
zu besorgen, aber so, id non auro nee muriee, sed vetusto more 
hae litterae fund. Nam i na arare vel hie potuisset, si huiusce 
rei cupiditas ipswn habere!; verum haec spernü et antiquitati 
deditus est. J ) 

Es giebt sehr schön verzierte Handschriften im Stil der 
Renaissance, aber wenn auch die Ornamente antiken Vorbildern 
entnommen sind, so weifs ich doch kein Beispiel, dafs, wie in 
der karolingischen Zeit, directe Nachahmung alter Handschriften 
wahrzunehmen wäre. 

In den ältesten Handschriften sind gar keine Initialen 
ausgezeichnet; etwas später werden Anfangsbuchstaben ausge- 
rückt, bald auch vergröfsert, zuweilen der erste Buchstabe jeder 
Seite, wie im Wiener Livius. Im Vat. 3256, Fragmenten desVirgil 
in Capitalschrift, zu welchen kürzlich neue Blätter für die Ber- 
liner Bibliothek erworben wurden, ist der erste Buchstabe jeder 
Seite grofs in Farben ausgeführt. 2 ) Auch der Münchener Cod. 
Theodos. (Cimel. II 4 A) hat bunte Initialen. Von da an hat 
diese Sitte sich immer weiter entwickelt, und in den folgenden 
Jahrhunderten, wo eigentliche Bilder wohl selten noch vor- 
kam«']) und immer roher wurden, liebte man es sehr, die Ini- 
tialen mit bunten Farben zu schmücken und vorzüglich aus 
Fischen und Vögeln phantastisch zusammenzusetzen. 9 ) 



') Epp. II, lo ed. Melius. Sehr genaue Anweisung für die Ein- 
richtung einer Abschrift Beiner Briefe in Bezug auf Initialen u. (Teber- 
Bchriften giebt Ambros. Camald epp. p. 622.« 

die photolith Nachbildung bei der Abhandlung von Pertz, 
Alih. d. Berl Ak. L863. 1 >i<> ältesten Initialen Bind mosaikartig aus ver- 
schiedenfarbigen mathematischen Figuren zusammengesetzt. 

/ B Hon Genn. Legg. ivtai». i. N.Traitc [1,88; irestgothisch 
bei Tymma n. Wyatt pl. * nach Bastard. 



Malerei. 301 

Man nannte diese Buchstaben capitales, J ) auch capitidares. 
Der Anonymus Bernensis 2 ) schreibt: Cum membranae vermicu- 
lum vel minium imposueris ad formandum capitales litteras, 
liabeto pennam benefissam, non solum autem ad istum colorem, 
verum etiam ad azorium. Ad viridem vero colorem minus sit 
ftssa, eo quod tenuiter imponitur . . . Cum igitur formas lit- 
te ram, prius penna torta ea (totaliter?) apta summitates illius 
per girwm, ne corrosa videatur. hoc vero peracto aptabis et 
ordinabis aeaiialitcr colorem per totam litter am, ne sit in uno 
loco parum et in alio nimis de colore etc. 

Balderich von Bourgueil schreibt über die Ausstattung 
seines Buches, für welche er einen Künstler, Gerhard von Tours, 
gewonnen hat: 

Praecepi fieri capitales aere figuras, 

Ut quod non sensus, res tribuat precium. 
Ad nos miserunt Arabes huc forsitan aurum, 

Materiarum quo signa priora micant. 
Introitus alios minio viridique colore, 

Ut mirabilius omne nitescat opus; 
Ut quos allicere seutentia plena nequibit, 

Hos saltem species codicis alliciat. 
Haec igitur lucet, haec vero littera ridet, 

Sed non arrident dieta decora tibi. 

Und in einem anderen Gedicht an seinen Schreiber Hugo: 

Altera de minio capitalis littera fiat, 
Altera de viridi glaueove nigrove colore/ 
Ut versus semper varietur origo decenter. 3 ) 

1 ) Vgl. die Einsiedler Glossen (Germania XVIII, 47): inscriptio 
capitan. scribendi capitalunga. titulus capitailan. inscribuntur eapitailan. 

2 ) S. 391 des Theophilus ed. Ilg Vol. I. 

8 ) Note sur les poesies de Baudri, abbe de Bourgueil, von L. De- 
lisle, in der Zeitschrift Romania (Paris 1872) I, 27 u. 35. Daselbst ist 
S. 30 das oben S. G2 angeführte hübsche Gedicht vollständig abgedruckt. 
Zu bemerken wäre etwa noch S. 47 der Ausdruck corrigiae für die 
Riemen, welche die Tafeln zusammenhielten, und die Bezeichnung des 
alten Wachses als petiearv/m fusca favilla, entsprechend dem Recepl bei 
Etockingei S. 54 für schwarzes Wachs. 



302 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Li einem Recept bei Rockinger S. 38 stellt: Wüdu pläbe 
tmcken machen #e eorperiren, und nach ausführlicher Anwei- 
sung zur Behandlung der plab lasur, am Schlufs: vnd sehreib 
damit, so wirt $y entleich gut gecorperirt. 

Scheint nun hier das Wort Deckfarbe im Gegensatz der 
l nirifszeielmung zu bedeuten, 1 ) so ist es doch auch in anderem 
Sinne gebraucht. Bischof Heinrich von Bamberg (1487 — 1501) 
gab einen Fürdemufsbrief für Wolfgang Leo zu Bamberg, 
meister m </<>■ hunst und hüntirung, <■<>)•})<>>■<(. grofse Buchstaben 
und versal zu zierhed der bächer zu machen. 2 ) Versalen ist 
ein noch jetzt gebräuchlicher Ausdruck, 3 ) die corpora aber 
sind hier doch auch wohl besonders reich verzierte Initialen. 
Davon stammt corporare } welches von Uluminare unterschieden 
wird, und mehrmals in Wilhelm Wittwers Catalogus abbatum 
SS. Udalrici et Afrae vorkommt. So heilst es vom Abt Hein- 
rich Fryefs (1474 — 1482), dafs er mit eigener Hand viele 
Bücher geschrieben habe, auch kaufte er viele, et Uluminare 
ac eorporare fecit. 4 ) Ein Missale, welches Leonhard Wagner 
L480 geschrieben hatte. Muminavit et oorporavit preciose frater 
Cönradus Wagner; auch andere Bücher desgleichen: fuit enim 
in iüa arte preciosus ac peritus. Zwei Psalter cerporavü 
frater Cönradus Wagner de Ellingcn, eonreutualis et bonus 
iUuminista. Et idem fr. Cönradus decoravit et illuminavit ac 
corporavü mültos libros .... Sed Uluminatura psalteriorum 
facta est in civitate per quendam layeum seil. Jeorium "Beck 
et filium eius, ambo Uluministe. 5 ) 

Unterschieden werden in Rechnungen von den litterae 



') so Rühl im Rhein. Mus. f. Philol. XXVII 1872) 171 
■) Cod. l;it. M<»u. Tos?. Catal. Mtonac. I. :;. 11"). 
i I'. Bernardio von Ingolstadt, L466 vicarius provincialis der <>i>- 
Hiicii in Polen, visitans delere /<ni<i><ii versalia deaurata vel curiosa 
,n libris eciam coralibue. Johannis de Kofäorovo traetatus, im Archh 
(1 Wiener AJtad. XIJX. 360. <>l> wohl der Name von den Anfang - 
buchstaben der Verse komml ? 

') Bteichele, Archii f d. <■<• ch <l I ; i ^i l ■ Augsburg III. 281. 
I b a <> - 302 ii 8 



Malerei. 303 

capitales die paragraphi, paraffi, pcwaphes, ') die einfachere 
Bezeichnung der kleineren Abschnitte, die jedoch in den kost- 
baren Gebetbüchern auch reich und zierlich geschmückt er- 
scheinen. 

Die ganze Ausschmückung der Handschriften wird mit 
lineare bezeichnet, was schon bei Appuleius malen bedeutet. 
So finden wir es in der St. Galler Chronik von Ekkehard, der 
da (MG. II, 92) von dem Bischof Salomon von Constanz sagt: 
Lineandi et eapitulares Utteras rite creandi prae omnibus 
gnarus, ut in apicibus L et C longi evangelii primis videre 
est, quas episcopus, ut ahmt, probans quid in talibus adliuc 
posset, lineans aurificabat. Jenes C in dem von Sintram ge- 
schriebenen Evangelium longum ist in der That ein bewun- 
derungswürdiges Kunstwerk. 2 ) Von Ekkehard palatinus aber, 
der am Ende des zehnten Jahrhunderts dort thätig war, heifst 
es S. 122: Quos ad litter arum studia tardiores vidisset, ad 
scribendum occupaverat et lineandum. quorum amborum ipse 
erat poteyitissimiis, maxime in capitidaribus litteris et auro. 
So sagt auch Richard de Bury c. 17: venabitur paginarn 
Uneatam. 

Auch titidare scheint diese Bedeutung gehabt zu haben, 
später aber für abkürzen gebraucht zu sein, s. oben S. 242. 
Natürlich kann man auch die allgemeinen Ausdrücke anwenden, 
libris depingendis dienen die von Ebert S. 39 nach einem 
Cod. saec. XII genannten Farben. Barbarisch heifst es in ei- 
nem Cod. saec. XV: Hans Grunawer pictoravit. v> ) Von Wol- 
stan, der 1062 Bischof von Worcester wurde, erzählt Wilhelm 
von Malmesbury, dafs er einen Lehrer hatte Namens Erven, 



*) A. Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 11. Logiquc, couvert de 
vert, saus alz, hisloriee et paragraff'ee ä or, escript en lettre coiirant, en 
latin, im Inventar des Herzogs Carl v Orleans v. 1427, Bibl. de l'ßcole 
V, 78. 

2 ) Mon. Germ. II Tab. 5, weit schöner aber in: Das Kloster St. Gallen, 
herausgegeben vom Ilist. Verein in St. Gallen, ■£. Heft 1864. 

:: ) Wilken, Gesch. der Efeidelb. Büchersammlungen S. 307. Bei 
Vogel im Serap. IV, ^<s aus einem englischen Werke: vn capitalibus 
liiteris appmgendis bonus artifex. 



304 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

in scribendo et quidlibet colortbus effingendo peritwm. Is libros 
Script os, sacra/mentarium et psaMerium, quorwn prinzipales 
litteras auro efftgiaverat, puero Wolstano delegandos curavit. 

Dadurch erweckte er in Wolstan auch Liebe zu dem Inhalt 
der Bücher; später aber schenkte er um weltlichen Gewinnes 
wegen die Bücher an den König Knut und die Königin Emma. 
Sie müssen also unversehrt geblieben sein, und Wolstan war 
auch schon ein verständiger Knabe, nicht einer von denen, 
deren Finger Richard de Bury fürchtete: Vuerulus autem lacrv- 
mosus capüaliwm liUerarum non admiretur imagines, nee manu 
fluida polluat pergamenwm. Tangit enim illico quiequid Met, 1 ) 
Die Ausdrücke mmium, miniare, rubricare wurden schon 
vorher S. 290 besprochen; vom 11. Jahrhundert an wird aufser- 
lialb Italiens das Wort illuminare vorzugsweise für den Schmuck 
der Bücher gebraucht. So heifst es von der Staveloter Bibel, 
welche die Mönche Goderannus und Kniest 10D7 in zwei Bän- 
den geschrieben hatten, Henrico IUI imperante, Christianorum 
exercitu super paganos violenter agente, Obberto Leodiensi 
praesule, Uodulfo Stabulensi dbbate, dafe sie nach vierjähriger 
Arbeit in omni sua procuratione, hoc est scriptura, illuminatione, 
ligatura vollendet sei. 2 ) Abt Dietrich von St. Hubert (105;") 
bis los7) erzog (üslebert in scribendis et renovandis libris 
studiosum, und Falco in illuminationibus capitalium liUerarum 
et meisionibus Ugnorum et lapidwm perituni.*) Die Nonne 
Gutta in Seh warzen thann schrieb ein Werk, welches von dem 
Marbacher Canonicum Sintram miniatum seu illuminMwm und 

L154 vollendet wurde. 1 ) Eine ähnliche Stelle aus S.ilinibene 



') Vgl. die [nschrifl eines ital. Cod. saoe. XV in Libri'a Auctions- 
Catalog 8 10: 

O tu che COl mio liltn» ti traMulli : 

Rendimel presto e goardal da' fanciulli. 

Wenn nun -jc-ciicu hat, wie Belbat moderne Uililiot hekare mit dein Finger 

über kostbare Miniaturen fahren, bo kann mati < 1 i « * Besorgnifa der alten 
Bflcherfreunde um bo lebhafter mitfühlen. 

Jahrbücher dea Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland 

\l.\ I. I 19. 

I muH M ii l mi i i. Mou. Germ. ss. VIII, 578 
') Wnrdtwein, Nova Bubsidia dipl. VII, 176. M<' BS XX, LOG n. 80. 



Malerei. 305 

wurde oben S. 290 angeführt. Dante sagt im Purgatorio, 
Canto 11: 

Non se' tu Oderisi, 
L'onor d'Agubbio e l'onor di quell' arte, 
Ch' alluminar e chiamata in Parisi? 

Zu dieser Stelle bemerkt Benvenuto von Imola in seinem Com- 
mentar (Murat. Antt. ed. Aret. III, 584): Parisius enim dicitur 
illuminiare (sie) uhi in Itcdia dieunt miniare. Et hie nota 
quod miniare est magis proprium. Sic enim dicitur a colore 
minio, qui olim fuit aliquando in maximo pretio. Und wei- 
terhin: che pennelleggia, id est miniat cum pennicillo .... 
Franco Bolognese, hie fuit alius miniator de Bononia excel- 
lentior eo, conciirrens secum, sicut apparet in quibusdam libris 
miniatis per cum. 

Die Pariser Steuerrolle von 1292 nennt S. 506 13 steuer- 
pflichtige enlumineeurs. Johannes illuminator et Hilla uxor 
eius erscheinen 1301 in den Cölner Schreinbüchern (s. oben 
S. 290), und Richard de Bury hatte eine ganze Anzahl in 
seinem Dienst. In Paris hatten sie, wie alle zum Bücherweseu 
gehörigen Gewerbe, Theil an den Privilegien der Universität, 
was 1386 auch auf Heidelberg übertragen wurde; 1 ) ebenso an 
den italienischen Universitäten die miniatores. In einem vene- 
tianischen Nonnenkloster finden wir 1402 eine miniatrix. 2 ) 
Bruder Joh. Franck in St. Ulrich und Afra (f 1472) wird ge- 
priesen als optinius illuminista qui suis manibus illuminavit 
libros chori, 3 ) und bei den Observanten in Lowycz war um 
1500 ein Bruder Joh. Zmolka, von dem gesagt wird: pingebat 
et libros illuminabat, neminem lacdens. 4 -) 

Französisch hiefsen sie enlumineurs , wie z. B. in der Un- 
terschrift eines Legendenbuches von 1285: 



') Wilken, Gesch. <1. Heid. liüchersammlungcn S. G. 
2 ) Valentinelli, Bibl. 8. Marci J, 238. 
') Steichele, Archiv f. Gesch. d. Bisth. Augsburg II, 7!). 
4 ) Archiv der Wiener Akademie KLIX, :><;7. 
Wattenbach, Schriftwesen. 2, Auii. 20 



30G Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Icist livres icy finist, 
Bone aventure ait qui lescrit. 
Henris ot non lenlumineur, 
Dex le gardie de deslioimeur. *) 

In England ist Iwminart gebräuchlich (oben S. 211); 
luminabit psalmos heilst es in dem Vertrag, welcher mit dem 
Schreiber Robert Brekeling abgeschlossen wurde, sehr merk- 
würdig durch die genauen Bestimmungen, welche er enthält.-) 
In späteren Contracten kommt eluminacio vor, aluwpnacio und 
cdumpnyng. 

Eigentliche Bilder hiefsen histoires. Philipp der Kühne 
kaufte 1398 für 600 Goldgulden eine bible francoyse (res Men 
ystoriee, armoriee de ses armes, garnie de gros fermeaus dar- 
gant dores. s ) Der Herzog von Berry besafs tres grandes, tres 
In Urs et riches heures, (res notablement enluminees et liistoriees 
de grandes histoires de la main de Jaquevrart, de Hodin et 
atrires ouvriers de Monseigneur. 4 ) Jehan Poyct, enlumineur 
et historiew in Tours, ist der Meister des Gebetbuches der 
Königin Anna von der Bretagne. 5 ) Auch lettres ymaginees 
kommen vor, ,; ) die nur verzierten ohne Bilder aber hiefsen 
tornees oder tournees. 7 ) 

Die fabriciens von Saint-Martin-de-Vitre in der Bretagne 
schlössen 1420 einen Vertrag mit einem Priester, ihnen für die 
Kirchenfabrik ein Missale und einen Psalter zu schreiben, en 

Im i/ frlin et de hon eoliinic. lonriu: d'ft.inr et de rmitei/l '<>!/ , 



') Annuaire de- Antiquaires de France L853 S. L70. 

Fabric-rolla of York M in^ici-, edited by James Raine for the 
Surtees Society, Durham 1859, angef. \<>n Digbj Wvatt s. ;;7. 

i Waagen, Kunstwerke und Künstler in England u. Paris III, 343. 
') ii.. ],. 338. Dagegen war L373 im Louvre die älteste Ueber- 
i't/iui'j de- Lovina n. •')•"> eseript de mauvaise lettre, nml enhimira ei 
poini ystorii , 

I Leon <\<- Laborde, Sur 1<'- lettres, les arts e1 l'industrie pendanl 
le !•"). i > « l *•. [ntrod. p. \.\iv. 

Kirchhoff, Handschriftenh&ndler 8. 12. 
oben s. 223 ii. 289. Bernhard \<»n Clairvaui ep L35, 

cd. a. L690): Laudatur de bona hi> r<i tornatura manus, »"h calamus. 



Malerei. 307 

sans flourir, sauf unc douziesme des gratis lettres. *) Der 
Erfurter Schreiblehrer Brun von Würzburg erbot sich auch 
zum Unterricht in floritura et üluminatura. 2 ) Im Pester Mu- 
seum ist ein ungeheures Missale, welches eine Nonne in Schil- 
lingscapellen geschrieben hat. Omnis pictara ac florakira istius 
libri depicta ac fiorata est per Margaretam, Scheiffarts de 
Meirroede cjuondam fdia in Borrihem, regularissa in Schillinx 
capellen. Orate pro ea. 3 ) Der Abt von Westminster empfiehlt 
1489 einen seiner Conventualen als a faire writter, a florisher 
and maker of capital letters. 4 ) 

Das Wort paginator führt Du Cange aus dem Chron. 
Wincleshem. II, 43 an, und erklärt es auch von dem Aus- 
schmücken der Seiten. 

Alte Anleitungen zum Malen und zur Bereitung der Far- 
ben finden sich in dem schon S. 197 erwähnten Werke des 
Theophilus, und in der Mittheilung aus einer Handschrift des 
12. Jahrhunderts von St. Peter in Salzburg. 5 ) In dem Codex 
des Johann Le Begue in Paris von 1431 befindet sich ein 
Werk des xircherius von 1398, und darauf folgend Capitida 

*) in 17a Jahren, für 80 livres und 30 soulz, nach heutigem Geld- 
werth berechnet auf 3260 francs. Bibl. de l'Ecole des Chartes V, 3, 46. 

2 ) florisare hatten wir oben S. 298. Mag. Eberhard, Kirchherr in 
Zug u. Weggis, verrechnet um 1480 2 Ib. einen Brief mit den Namen 
der Heiligen ze schriben vnd ze florieren. 

3 ) Archiv d. Wiener Akad. XLII, 513. Joh. Butzbuch feiert um 
1500 als kunstreiche Verzierer von Mefsbüchern zwei Laacher Brüder 
und die Nonne Gertrud von Büchel in Rolandswerth. Wanderbüchlein 
S. 205 u. 271. 

4 ) Yogel im Scrapeum IV, 38. 

5 ) Westenrieder, Beiträge zur vaterl. Historie VI, 204 u. daraus 
Ebert S. 38. Günthner, Gesch. d. lit. Anstalten in Baiern I, 398. Beth- 
mann in Pertz' Archiv VIII, 436 führt aus einer Hs. s. XII in Valen- 
ciennes Verse an, anf. Flores in varios. Sie sind abgedruckt im Catal. 
gcncral des Bibl. publ. des Departements I (1849) p. 765, und betreffen 
nur Farbenbereitung. Das dort S. 739—811 abgedr. Werk, Über cliver- 
sarum arcium, aus der Hs. 277 der Iilcole de Medecine in Montpellier 
ist aus Theophilus u. a. zusammengesetzt, u. für Kunstgeschichte merk- 
würdig. Das Werk von Le Begue ist gedr. in d. Original Treatises von 
Mi-. Merrifield, Lond. L849, der darin enthaltene sog. Ileraclius auch 
von Ilg, Quellen zur Kunstgesch. IV, 1873. 

20* 



308 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

de coloribus ad iUwninandos libros ab eodem Archerio sive 
Alcheriüy ut accepit ab Antonio de Compendio illuminatore 
Ubrorum in Parisiis, et a mag ist ro Alberto de Pozotto, per- 
fectissimo in omnibus mortis scribendi Mediolani scholas te- 
nenie.*) Aus dem liber üluministaruin , der um 1500 in 
Tegernsee gesammelt wurde, jetzt in der Miinchener Bibliothek 
Cod. germ. 821, hat Rockinger reiche Auszüge über die Berei- 
tung und Au wcuduug vieler Farben, so wie des Goldes und 
Silbers mitgetheilt. Der Cod. Iconogr. 420 in München ist ein 
Musterbuch für Initialen, Schriften und Randverzierungen, fast 
ganz ohne Text und nicht besonders schön. Später einge- 
schrieben ist die Adresse des Grafen von Wirttemberg, der 
L495 Herzog wurde, und fol. 4v. an. JJnsern lieben getriwen 
Stephan Sehr/her. in unser Stadt Urach, von dem die Hand- 
schrift wohl herrühren mag. Ein schönes Musterbuch aus dem 
Anfang des 13; Jahrb. ist in Wien 665 (Arch. X, 475). 

Schon bei dem Anon. Bern, und bei Alexander Neckam 
fanden wir Azur genannt; in der oben angeführten Aufzeicli- 
nung aus Salzburg heifst es lazur gracc/nii, 2 ) die schöne blaue 
Farbe, welche im 13. Jahrhundert immer beliebter und häu- 
figer wird, und endlich in der Mehrzahl der Handschriften des 
14. Jahrb.. mit Roth verbunden allein zur Verzierung dient. 
Schon Konrad von Scheiern im Anfang des 13. Jahrb. schmückt 
ein Mefsbuch picturis et lazuri<>.' A ) Bei der bekannten Hand- 
Bchrift des Bohic in Amimis kosteten 5 magne littere aiiree de 
prineipiis sex Ubrorum (sie) cum prima liHera tabule :ia s<>l. 
und totalis illuminatio </<■ <\di\n> et rubeo 3 fr. 2 sol. l ) Das 
Wort, arabischen Ursprungs, welches durch Verlust des 1 zu 
'/:/>/ geworden ist, kommt in allerlei Formen vor. Im 15. Jahr- 

') Theophilus cd. Bendrie ]>. XIV n. 

i Schon imi L000 wurde es in Petershausen zur Wandmalerei 
braucht; der Bischof von Venedig modium plewum tibi <!>• Gfraico colore, 
'"/ lazur, gratis pro caritate dederat. Casus mon. Petrishus. 
MG. 88 XX, 6 

Hon Germ. 88. XVII, 624; rgl. Rockinger 8. L97 II, 81). Die 
Bilder des Ood lat. Mon. 17401 beschreibt F. Kugler, Kleine Schriften 

I. M -, 

') Delisle, Mem <!<• ['Institut XXIV, 806. 



Malerei. 300 

hundert schrieb Ambrogio Traversari aus Florenz aii Lionardo 

Bruni: Cupio doceri abs te, an sit penes vos eiusee coloris qui 
azurrum vulgo dicitur, trcmsmarini scilicet illius optimi, copia, 

et quo item veneat et quo sit electissimum pretio; qui da in 
enim ex nostris adolescentibus pro monasterii consuetudine et 
ornandis voluminibus eleganter eo uti didicerunt. Und weiter- 
hin: Fuere semper in nostro monasterio (nee modo quidem 
desunt) qui illo ornandis voluminibus scitissime et venustissime 
utantur. Est quippe id ministerium otio religioso non in- 
dignum. 1 ) 

lieber die Persönlickheit der Maler sind allerlei Nach- 
richten erhalten; in Italien mag es dergleichen von Profession 
immer gegeben haben, und in "Frankreich fand schon im 
11. Jahrh. Balderich einen Künstler, der um Lohn für ihn ar- 
beitete (oben S. 301). Aber auch in den Klöstern blühte 
diese Kunst, und in Deutschland war sie natürlich Jahrhun- 
derte lang nur im Besitz der Geistlichkeit; manchmal sind die 
Schreiber auch zugleich die Maler. Ein Mönch Udalpert von 
Tegernsee schmückte im 10. Jahrh. einen Psalter für eine 
Dame, den er selbst geschrieben, nach diesen Versen: 

Hunc ego psalmorum studui conscriberc librum 
Udalpertus, ut hie pascas animam quoque, Heilwih. 
Ornavi ut potui; deeuit sie nobilitati 
Psalterii: dominam colui simul et generosam. 2 ) 

In Valenciennes ist eine Bibel aus dem 12. Jahrh. (n. 1) 
in 5 Bänden; vor jedem Band eine Miniatur, die ein ganzes 
Blatt einnimmt, und darauf in rother Capitalschrift : Saivalo 
monäcJms saneti Amandi me fecit. Derselbe Sawalo hat im 
cod. 178 das erste Buch der Sentenzen des Petrus Lombardns 
geschrieben. 

Als ein hervorragendes Kunstwerk, merkwürdig durch sehr 
phantastische Ausschmückung der Initialen, wird der cod. Prag, 
der Mater verborum geschildert; da kniecn vor der Mutter 



J ) Epp. cd. Melius p. 317. 318 mit reuiat et quod. 
2 ) Eockingcr S. L96 IT, 30) e cod. lat. Monac. 19412. Üeber die 
Miniaturen in Klöstern vgl. C/orny, Bibl. v. Si Florian S. 29 36. 



310 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Gottes zwei Mönche mit eleu Ueberschriften : ora pro scriptore 
Vacerado und ora pro Uluminatore Mirosiao a. MCII. Die 
letzten beiden Zeichen sind in dem Facs. anders gestaltet, und 
könnten wohl eine andere Zakl enthalten, lieber der ganzen 
Jahrszahl steht, wie sehr häufig, ein Querstrick, der unmöglich 
eine Verdoppelung des C bedeuten kann, wie der Herausgeber 
E. Wocel meint, nack dessen Ansicht die Handschrift dem be- 
ginnenden 13. Jahrb. angehört. *) 

Erheblich jünger, aus dem 13. oder 14. Jahrb., ist die mit 
Bildern zur Bibel und zur Wenzellegende reich ausgestattete 
Handschrift, in welcher wir den Künstler, wenn er es ist, der 
aber hier als jugendlicher Laie erscheint, anbetend vor der h. 
Catharina finden mit dem Spruchband: Sancta Katerina <>- 
audire famulum tuum Vellislaum. 2 ) 

Conrad von Scheiern, welcher zugleich schrieb und malte, 
ist schon oben erwähnt; ebenso der Minorit Matthias Stander 
S. 288. In Prüfling war um 1384 Albert Ellendorfer als 
Schreiber und Maler ausgezeichnet; 3 ) ebenso Leonhard Wagner 
in St. Ulrich und Afra, wo wir aber auch bürgerliche Künstler 
thätig sahen. Kunstfertig war in Brieg der Dccan des Hed- 
wigstiftes nach der Aufzeichnung im Manuale des Stifts von 
14. Oct, 1448: De consensu omni um dominorum datits est 
viaticus magnus cwm albo corco, gm est pro maiori parte ca- 
dueus, Johanni Strelvn decano ad ipsius tempora rite, et ipse 
debet eundem illuminare, quod prom/isU. 4 *) Von dem Carthäuser 
Dionysins. der 1471 als Prior in linremund gestorben ist, heilst 



') Mittheilungen der Centralcommission V (1860) S. 99. Die vielsei- 
tige Thätigkeit, welche den Matthaeus von Paris auch als Kalligraph und 
Miilei- zugeschrieben wurde. ist mit gewichtigen Gründen bekämpft von 
Sir Thomas Duffiis Hardy in der Vorrede zum Descriptive Catalogue III. 
mit vielen schönen Schriftproben. 

-) Welislawa Bilderbibel aus dem 18. Jahrh. in der Bibl. des 
Fürsten G Lobkowic in Prag, von l>r. Joh. Erasmus Wocel. Mit 30 
Bildertafeln, Prag 1871, I Abhandlungen der k. böhm. Ges. d. \\ . \ i. l 
Die Schrift Bcheinl eher Ins 1 1 Jahrh. zu gehören. 
> aoekinger 8 L98 M. 82 

l ) Zeil i lniii des Verein* f. Schli Ge eh. X, L89. 



Malerei. 311 

es: Suos ipse conseripsit libros, relegit, correxit ruhricaque il- 
luminavit. x ) 

Bemerkens werth ist in dem Ausgabebuch des Abtes Nar- 
ciss von Benedictbeuern der Eintrag, dafs er 1501 dem Pre- 
digerbruder Magnus von Augsburg etwas über 5 Gulden gezahlt 
hat pro laboribus, das er tätlich puechstaben hat gewacht, und 
fratrem Leonardum suppriorem informiert hat ze floriem und 
illuminiern. 2 ) 

Zuweilen hat auch ein alter Buchmaler sein eigenes Bild- 
nifs angebracht; so der Bruder Rufillus in einem grofsen Le- 
gendarium aus dem Kloster Weifsenau, welches um 1200 ge- 
schrieben und sehr geschmackvoll ausgemalt ist; fol. 245 sitzt 
er in einem grofsen R bei seiner Arbeit. Die Farben befinden 
sich in vier durch das Tischchen gesteckten Hörnern und zwei 
Näpfen. 3 ) 

Da die Ausmalung der Handschriften in der Regel erst 
nach der Vollendung der Schrift geschah, so kann natürlich 
der Fall vorkommen, dafs die Bilder bedeutend jünger als der 
Text sind, oder dafs sie von verschiedenen Händen herrühren. 
Gröfsere Miniaturen wurden von vorzüglichen Künstlern gemalt, 
und zuweilen eingeklebt. 4 ) Oft aber sind auch die Handschriften 
unvollendet, einige Bilder nur eben begonnen, für andere nur 
leerer Raum gelassen. Das ist z. B. häufig in den jüngeren, 
fabrikmäfeig gefertigten deutschen Handschriften der Heidel- 
berger Bibliothek. Als vom 14. Jahrh. an vornehme Herren 
Handschriften zu sammeln begannen, blieb, wo für den Ver- 
kauf geschrieben wurde, ein Raum für das Wappen ausgespart, 
den man oft nachträglich auszufüllen unterliefe. 



*) Acta SS. Martii II, 248. 
a ) Rockinger S. 198 (II, 32). 

3 ) jetzt in der fürstl. Ilohenzoll. Bibl. in Sigmaringen, s. oben 
S. 230. Anz. dos Germ. Mus. 18G7 S. 235. Lehner, Verz. d. Hand- 
schriften in Sigm. 1872) S. IG. Eine Abbildung in Umrissen in dem 
Progr. v. Hafsler, f'ollatio codicis Vcrgil. Minoraug. cum imagine pictoris 
Sueviae antiquissimi, Ulmae 1855, vgl. Haenel in d. Berichten der k. 
Sachs. Ges. 1865 S. 1. 

4 ) Ueber nachträgliches Kinklcbcn der Bilder s. A. Kirchhoft', 
Weitere Beiträge S. 28. 



312 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Häufig ist gewifs nacli bestimmten Vorlagen gearbeitet, 
und auch kleine humoristische Scenen wiederholen sich mit 
merkwürdiger Uebereinstimmung in ganz entlegenen Hand- 
schriften. 1 ) Doch weit häutiger scheinen die Künstler des 
Mittelalters ganz frei gearbeitet zu haben, und ihre Phantasie 
war ausserordentlich fruchtbar. Man findet hin und wieder 
Vorschriften wie Qm se faezano duc homini die giostreuo. 2 ) 
Recht ausführliche Beschreibungen des darzustellenden Gegen- 
standes sind dem Maler der so überaus merkwürdigen Wenzel- 
bibel in der Wiener Bibliothek gegeben, welche nachträglich 
ausgekratzt, in dem unvollendeten Theile aber stehen geblieben 
sind. 3 ) Umgekehrt scheinen die reichgeschmückten Blätter der 
niederländischen Gebetbücher mit ihren glänzenden Randver- 
zierungen auf mattem Goldgrund im Vorrath gearbeitet zu sein, 
da in dem prächtigen Exemplar des Bruckenthalischen Museums 
in Hermannstadt die letzten Blätter unbeschrieben sind, weil 
der Text fertig war. Die Randverzierung ist fertig, die Ini- 
tialen aber fehlen, und wurden also erst nachträglich hinzu- 
gefügt. 4 ) Bei der Gleichförmigkeit des Inhalts hätte man es 
auch allenfalls anders machen können, aber es hätte doch 
wohl den Schreiber zu sehr beengt. 

Wir haben uns bis jetzt mit den Aeufserlichkeiten dieses 
Kunstzweiges beschäftigt und die vorkommenden technischen 
Ausdrücke aufgesucht; es bleibt noch übrig, den Gang der 



') s. meine Bemerkungen zu einigen östr. Geschichtsqucllen im 
Archiv d. Wiener Akad. XLII, 501. Die beliebte Darstcllunu- von dein 
Jäger, welchen die Basen braten, findet sich auch auf einer alten Spiel- 
karte, im Livre d'or des Metiers. Mist, de L'Imprimerie p. 56. Auf- 
gehängt wird er auf einer Spielkarte des Genn. Museums, Samminngen 
Tafel VI, An/. IV (1857 217. 

-) Kirchhoff, Handschriftenhändler s. 12 aus Denis I, 25. 

- den ii. 1 angef. Aufsatz s. 504. Kin anderes Beispiel in den 
Beitragen zn den roman. Literaturen von K. Bartsch, Jahrb. f. roman. 
ii engl. Lit. XI. 20. 

') Archh d Wiener Akademie XLII, 512. Im .1 L499 wurden für 

Benedictbeuern IT mesevng U hunm ier mödl für 1<> den. gekauft, Hock. 

S. 208 rU, 42). 



Malerei. 313 

Eiitwickelung, die verschiedenen Phasen der Kunst in kurzem 
Umrifs zu betrachten. 

Während im Bereich des zerfallenden Römerreiches alle 
Kunstübung unterzugehen drohte, entfaltete sich aufserhalb 
seiner Grenzen in Irland ein höchst merkwürdiges Kunstleben; 
in enger Verbindung mit Musik und Sculptur, vorzüglich künst- 
licher Arbeit in Gold und Erz, erblühte in den irischen Klö- 
stern die Kalligraphie, und die wunderbar schönen Handschriften 
wurden mit reichstem Schmuck der Ornamentik versehen. Von 
Dagaeus, der 586 gestorben sein soll, heifst es im Kalender 
von Cashel: Hie Dagaeus fiiit faber tarn in ferro quam in 
aere, et scriba insignis. Fabricavit enim trecentas eampanas, 
treeenta peda pastoralia, et scripsit trecentos libros evangelio- 
rum; fuitque primarius S. Kierani faber. 1 ) Die Ornamente 
bestehen theils in sehr phantastischen Initialen, mindestens der 
Einfassung der Capitalen mit rothen Punkten, theils in den 
künstlichsten VersGhlingungen schmaler Streifen von verschie- 
denen lebhaften gut zusammengestellten Farben; Spiralen treten 
als besonders charakteristisch hervor. Dazwischen erscheinen 
ganz willkürlich und wie Arabesken behandelte Thiergestalten, 
vorzüglich Köpfe von Schlangen und Vögeln, aber auch abge- 
sonderte Bilder der Evangelisten, der Kreuzigung, in welchen 
die menschliche Gestalt nicht minder willkürlich und arabesken- 
haft behandelt ist, so dafs die häfslichen Mifsgestalten einen 
auffallenden Gegensatz bilden zu den eigenthümlichen aber ge- 
schmackvollen Ornamenten. 2 ) 



*) Acta. SS. Aug. III, 656. Die Vita enthält mehr darüber. 

2 ) s. Schnaase, Geschichte der bildenden Künste IV, 2, 456 f. 
Astle, On the Origin and Progress of Writing, aus welchem nach West- 
wood Silvestre seine Blätter genommen, die Dinte aber verkehrter Weise 
blafs gemacht hat. Die schönsten altern Abbildungen in Westwood's 
Pal. sacra, vgl. dessen Aufsatz über Keltische Ornamente bei Owen 
Jones, Grammatik der Ornamente (1856) S. 92— 9!) mit einigen Proben, 
Digby Wyatt S.- 13 ff. Vorzüglich instruetiv, auch mit schönen Ab- 
bildungen F. Keller, in den Mittheilungon des Züricher antiquar. Ver- 
eins, Band VII, 1850. Das vorzüglichste Piachtwcrk ist jetzt: Westwood's 
Miuiatures and Ornaments of Anglo-Saxon and Irish Manuscripts, Oxford 



314 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Die reichsten Verzierungen und etwas weniger entartete 
Gestalten bietet das Book of Keils, welches von S. Columbkill 
herrühren soll und dem 6. Jahrh. zugeschrieben wird. *) Da 
nun unzweifelhaft Gallier und andere Angehörige des römischen 
Reiches Lehrmeister der Iren gewesen sind, so scheint es, dafs 
wir eine kräftige, durch einheimische Geschmacksrichtung be- 
dingte Ent wickelung der Kunst und langsame, bei den mensch- 
lichen Figuren raschere Entartung anzunehmen haben. 2 ) 

Die Anwendung des Goldes fehlt der echten irischen Kal- 
ligraphie, und pafst auch nicht dazu. 3 ) Erhalten hat sich 
diese eigentümliche Kunstübung bis zum zwölften Jahrhundert, 
wohl nicht ganz unberührt durch fremde Einwirkung, aber 
ohne eigene Fortbildung. Die wandernden Schottenmönche 
brachten Handschriften dieser Art in fremde Lander und 
schrieben dort; 4 ) auf die morowingische Kalligraphie haben sie 



Pol. Ferner: The Lindisfarne and Rushworth Gospels, Publications 
of the Surteea Society, Vol. XLY1II, 1865. The Cromlech on Howth, 
a poem by Sam. Ferguson, with illuminations from the books of Keils 
and of Durrow, and drawings from nature, by M(argarct). S(tokes). 
With notes on Celtic ornamental art, revised by George Petrie^ Lond. 
Day and Son. — frescriptive remarks on illuminations in certain ancienl 
[rish manuscripts, by the Rev. J. II. Todd, Lond. L869. Ans dem 
\ I Band der Vetußta Monumenta der Society of Antiquarians. Mil 
1 chromolithogr. Tafeln von Marg. Stokes. Reiche Proben ohne Farben 
bringt die Palaeogr. Society. 

') im Trinity College, Dublin. Doch wird die Berkunfl bezweifelt. 

-) (eher die Herkunft, ob ägyptisch, alteuropaisch, keltisch, ger- 
manisch, aind die Meinungen Behr getheilt. Vgl. aoeh F. W. Unger, La 
Miiiiiitnre [rlandaise, Revue Celtique I. 9 26, Conze, SB. d. Wiener 
Ak;.d. LXXIII, 230. Hofmann, SB. d. Munchener Akad. L871, S. 675, 

da Knotenornament, wie er es nennt, ab von den aus Bchmalen 
Lederstreifen geflochtenen Reliquientaschen, mit Bezug auf Axchaeologia 
XLlll. i.;i L50. 

i.in Beispiel späterer Zuthaf im An/., des Germ. bins. M'l 
(1869), 289 293, wiederholt Revue Celtique I. 27 31. 

') Die von dem Schottenmönch Marian In Regensburg geschriebenen 
Handschriften lind jedoch In schönster fränkischer Minuskel ohne Iri- 
chen Charakti rieben. 



Malerei. 315 

starken Einfliifs ausgeübt, und auch in lombardischen Hand- 
schriften ist ihre Einwirkung wahrzunehmen. 1 ) 

In England stifteten Iren 634 das Bisthum Lindisfarne 
mit einer Schreibschule, aus welcher auch unter angelsächsi- 
schen Bischöfen Werke irischer Kunst hervorgingen, wie uns 
das Durham Book beweist, auch S. CutliberVs Gospels genannt, 
weil Bischof Eadfrith (698 — 721) es zum Andenken seines 
Vorgängers Cuthbert schreiben liefs und, wie Unger nachweist, 
auch illuminieren. 2 ) Hier ist etwas Gold angewandt, übrigens 
die Kunst und Technik noch rein irisch. Bald aber berühren 
sich die beiden Schreibschulen; Handschriften, welche mit Ca- 
pitalschrift in Gold auf Purpur reich verziert sind und Gemälde 
in antikem Stil zeigen, würde man für römisch halten, wenn 
nicht Ornamente und Initialen irisch wären. 3 ) Sehr bald aber 
nehmen auch diese irischen Erbstücke einen veränderten Cha- 
rakter an, so wie andererseits die Nachahmung antiker Vor- 
bilder weniger treu ausfällt. Als ein vorzüglich merkwürdiges 
Manuscript bezeichnet Digby Wyatt den Psalter in Utrecht 
(oben S. 299), welches nach seiner Ansicht in der Schreib- 
schule zu Canterbury nach römischem Vorbild ausgeführt ist. 
Zu jedem Psalm gehört eine Umrifszeichnung, augenscheinlich 
nach antiken Vorbildern, aber schon erkennt man darin den 
Uebergang zu den eigenthümlich flatternden Gewändern und 
den überlangen Proportionen der angelsächsischen Zeichner. 4 ) 
Diese immer schärfer ausgeprägte, oft ganz fratzenhafte Manier 



x ) Sie zeigt sich noch in den prächtigen Handschriften, welche 
Bischof Warmund von Ivrea um 1000 schreiben Hess, s. Dümmler, An- 
selm der Peripatetiker S. 84 ff. 

2 ) Cotton. Nero D 4. Merryweather p. 63. Waagen I, 134. Digby 
Wyatt p. IG. Astle pl. 14. Westwood, Anglo-Saxon Gospels 1. 2. und 
in den Miniatures and Ornaments 1868. Aldred fügte 950 eine Inter- 
linearversion hinzu. 

8 ) Brit. Mus. Royal I E 6, Westwood, Purple Latin Gospels of the 
Anglo-Saxon School. — Cotton. Vesp. A 1, Westw. The Psalter of S. Au- 
gustine. Astle pl. 9, 2. — Vgl. Digby Wyatt p. 11) ff. 

i ) 1. c. p. 11) — 21. Genaue Uebereinstimmung zeigt der unvollendete 
Cod. Harl. 603 saec. X, wo viele Bilder thcils leicht vorgezeichnet, thcils 
noch ganz leer gelassen sind, und ein Cod. saec. XII in Cambridge. 



316 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

gewinnt die Oberhand bis ins 12. Jahrhundert; an die Stolle 
der peinlichen musivischen Arbeit der Irlander und der fleifsi- 
gen Nachahmung fremder Vorlagen ist ein oft rohes Gekritzel' 
immer aber leichte kecke Umrifszeichnung getreten, welche in 
so fern einen Fortschritt bezeugt, als selbständige Naturbeo- 
bachtung darin sich zeigt; so in dem prachtvoll geschriebenen 
Psalter mit angelsächsischer Glosse von 1099, *) und selbst in 
dem sonst sehr rohen Pseudo-Caedmon. 2 ) 

Sehr natürlich ist es, dafs auch die karolingische Kunst 
auf England einwirkte, da ja normannische Geistliche und 
Mönche schon vor der Eroberung dort den gröfsten Einflufs 
gewannen. Die merkwürdigste Erscheinung ist die Schule von 
Hyde Abbey oder New Minster bei Winchester, aus welcher 
um 980 das schöne Bencdictionale des Bischofs Ethelwold 
(963 — 984), jetzt im Besitz des Herzogs von Devonshire, her- 
vorging. Hier sind die Guaschfarben mit Gold ausgeführt, die 
Gestalten wohl mangelhaft, aber ohne eine Spur irischer Ein- 
wirkung. Die Schrift ist karolingisch, die Seiten eingefafst 
mit Goldleisten, welche von höchst geschmackvollem und eigen- 
tümlichem Blattwerk in Deckfarben umrankt sind. Es lälst 
sich eine ganze Gruppe von Handschriften nachweisen, welche 
aus derselben Quelle stammt und gleiche Eigentümlichkeiten 
zeigt. :5 ) 

Es würde uns nun viel zu weit führen, wenn wir auf die 
reiche Entfaltung karolingisch er Kunst hier eingehen woll- 
ten. Unter Karl selbst überwiegt durchaus die Nachahmung 
antiker Vorbilder, deren schon oben gedacht wurde. Komische 
Künstler werden wohl an seinem Hofe gewesen sein, doch 
waren die Pranken Behr gelehrige Schüler. Byzantinische Ein- 
wirkung mochte auch nicht fehlen: sie hat sich zu verschie- 
denen Zeiten und auf verschiedenen Wegen immer wieder gel^ 



Ood. Arundel 60. Catalogue (1834) pl. I. Vgl. auch Cotton. 
Tib. 1 6 bei Westwood, Anglo-Saxon Psalters N 2. 
. Bodl. Junins 1 1. Axchaeologia XXIV, 829 ff. 

die Ausgabe ron John Gage, Archaeologia Vol. 24. Ans den 
auch dahin gehörigen Gospele ol King Canute geben Tymms and Wyatl 
pl. 23 Proben. Auch Arundel 156, Catal. pl. ■"> brf ähnlich« 



Malerei. 317 

tend gemacht, aber die Ornamentik, mit der wir es hier vor- 
züglich nur zu thun haben, ist davon in der späteren Zeit 
wenig berührt. Dagegen ist es überaus merkwürdig und an- 
ziehend zu beobachten, wie die irische Ornamentik, nachdem 
sie eine Zeit lang zurückgedrängt war, wieder Boden gewinnt, 
zugleich aber durch den feineren Geschmack verändert wird. 
Die Schlangenwindungen, die Köpfe von Hunden und Vögeln 
begegnen uns in den Handschriften aus Karls des Grofsen 
früherer Zeit, und dann wieder unter Ludwig dem Frommen 
an reich verzierten Initialen, und unter Karl dem Kahlen treten 
sie stark hervor. x ) In St. Gallen malten irische Mönche in 
ihrer ursprünglichen Weise fort, ihre alemannischen Collegen 
aber schufen mit Benutzung dieser Motive eine ganz neue Art 
geschmackvoller Initialen, aus künstlich verschlungenen Linien 
und Blattwerk, sogenanntem Mafswerk, auch mit phantastischen 
Thiergestalten und menschlichen Figuren verziert. 2 ) Diese Art 
der Verzierung, welche vorzugsweise, wenn auch nicht allein, 
in St. Gallen ihren Ursprung zu haben scheint, zu höchster 
Mannigfaltigkeit entwickelt, mit einfach rothen Grundstrichen, 
oft aber auch mit reichem Farbenschmuck ausgestattet, erhält 
sich Jahrhunderte lang und verbreitet sich weithin, während 
die höhere Kunst mit raschem Verfall sich bald auf unge- 
schickte Umrifszeichnungen beschränkt, oder rohe Nachahmungen 
byzantinischer Arbeit liefert. Dieses Gegensatzes müssen wir 
uns bewufst bleiben, um scheinbar widersprechende Aeufse- 
rungen richtig zu würdigen. So wird z. B. mit Recht die kal- 
ligraphische Pracht der Handschriften gepriesen, welche Hein- 
rich II für sein Bisthum Bamberg anfertigen liefs, aber die 



*) Vgl. namentlich Jorand, Grammatographie du 9o siecle, Paris 
18:37. Initialen irischer Art auch im cod. 23 der Trierer Stadtbibl. mit 
den Versen Alcuins an Karl, Pertz' Archiv VIII, 189, und in dem Sacra- 
mentar von *:}(; in Petersburg, Anz. d. Germ. Mus. XXII, 72; in d. Libcr 
Sacramentorum von 855 in Stockholm, ib. 38. 

2 ) Kin schönes Beispiel, aufser dem oben S. :)()3 erwähnten C, bei 
Schubiger, Sanctgallens Sängerschule (Eins. 1858), Tab. VI. Ucber diese 
ganze Entwicklung u. die Sanctgallcr Schrcibschule s. R. Halm. Gesch. 
d. bildenden Künste in der Schweiz (Zürich 1873) I, 119— IUI. 29 1 311. 



318 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

eigentlichen Bilder zeigen einen sehr tiefen Stand der Kunst. 1 ) 
Einen Fortschritt zeigt wohl der von Heinrich III an Speier 
geschenkte Codex aureus, 2 ) und der Farbenschmuck von Do- 
nizo's Vita Mathildas. 3 ) Doch ist noch immer der künstlerische 
Standpunkt ein sehr niedriger, während dagegen die gleichzei- 
tige Schreibschule in Monte Cassino sich durch schönste Schrift 
und ungemein reiche und geschmackvolle Initialen auszeichnet. 4 ) 
Nach einer Bemerkung von Waagen 5 ) hört im elften Jahrh. 
die Nachwirkung antiker Kunstweise auf, es tritt der tiefste 
Verfall ein, in diesem aber zeigen sich die ersten rohen Keime 
eigentümlicher Kunstübung. Als bedeutsam für die Entwicke- 
lung der Malerei hebt E. aus'm Werth die grofse, mit Minia- 
turen in Deckfarben reich ausgestattete Staveloter Bibel von 
1097 hervor (oben S. 304). Um die Mitte des 12. Jahrhun- 
derts tritt überall ein grofser Aufschwung der Kunst ein; 
reiche Initialen sind vorzüglich beliebt, aber auch die Zeich- 
nung der Figuren wird besser, in den Gesichtern erscheinen 
Spuren von Ausdruck. In Italien ist unter starker byzantini- 
scher Einwirkung der Aufschwung besonders lebhaft; in Eng- 
land wird unter der Herrschaft des Hauses Plantagenet die 
Einwirkung französischer Kunstübung übermächtig, und der 
angelsächsische Stil verschwindet. Das bis dahin noch tradi- 
tionell festgehaltene antike Costum wird jetzt verlassen . und 
die Trachten der Gegenwart werden auch für Darstellungen 
aus dorn Altcrthum angewandt. Das reichlich gebrauchte Gold 
i-t schön \wu\ glänzend; man beginnt Blattgold auf einer Unter- 
lage aufzutragen, und verwendet es bald mit Vorliebe als llin- 



') a. das rohe Bild und die schöne goldene Capitalschrifl auf Azur 
bei Jaeck, SeA L, and das Umrifsbild vor Giesebrechts Gesch. d. Kaiser- 
zeit, 2. Band, mit den Bemerkungen S. 601 ( I. Ausg.). Doch Isl ein 
ähnliches Bild der vier Nationen in Bamberg minder roh, und auch «las 
Münchener Original besser als die Copie. 

-) jetzt im Escorial, \. Giesebr. l. c. s. 661. 
) iii.") noch oichl ganz vollendet Nachbildungen bei «Im- Aus- 
gabe, Mon. Germ. 88. XII. 848 W)9. Heber die tiefe Stute dieser Kunsl 
Rumohr, Ita) Forsch. I. 2 ' 

die Proben bei Westwood, Lombardic BAanuscripts, und Silvestre, 
i , Li' und Künstler 111, 268 ff 



Malerei. 319 

tergrund für die Bildchen, deren Farben dadurch gehoben 
werden. Die Initialen nehmen oft ganze Bilder in sich auf. 
Es ist die Zeit, in welcher die Cistercienser gegen den Luxus, 
welchen in dieser Beziehung die Cluniacenser trieben, Oppo- 
sition machten (oben S. 212). Die Dominicaner bildeten sich 
eine eigene Technik ohne Farben aus (ib. Anm. 5); von dem 
Rigorismus der Observanten wurde S. 302 ein Beispiel angeführt. 

Auch das schöne und lebhafte Azurblau kam im 13. Jahrh. 
zu immer häufigerer Verwendung; es wurde Mode, in den 
Ueberschriften die Buchstaben oder Zeilen abwechselnd roth 
und blau zu schreiben, und ebenso die Initialen. Bei diesen 
fügte man dann den blauen rothe, den rothen blaue Linien in 
zierlichster Yerschlingung bei, verband auch beide Farben, und 
entfaltete darin eine überaus fruchtbare Phantasie. Die Buch- 
staben selbst haben nur mäfsige Gröfse, aber die daran haf- 
tenden Zierrathen erfüllen sehr gewöhnlich den ganzen Band 
der Seite. Im 14. Jahrh. ist diese Art der Verzierung durch- 
aus herrschend, ohne jedoch gleichzeitige Verwendung auch 
anderer Schmuckformen auszuschliefsen. 

Nach dem Sturz der Staufer gewinnt Frankreich ein un- 
widerstehliches Ueberge wicht; französische Sprache und Sitte 
herrschen in England und Neapel, und erstrecken sich nach 
Böhmen und Ungarn. Paris wird nun auch der Hauptort der 
Miniaturmalerei und als solcher von Dante (oben S, 305) er- 
wähnt. Bald lassen sich verschiedene Malerschulen unterschei- 
den, deren Betrachtung wir der Kunstgeschichte überlassen. 
Schon gewinnen die ausgeführten Gemälde gröfsere Bedeutung, 
und die reizendsten kleinen Miniaturen füllen die grofsen Räume 
der Initialen, welche auch neben der blaurothen Filigranarbeit 
noch immer vorkommen. Ebenso erfüllen auch breite Blatt- 
verzierungen mit wunderlichen Phantasie! »In inen die breiten 
Ränder greiser Chorbücher. *) Reichste künstlerische Ausstat- 
tung zeigen das I'assional der Aebiissin Kunigunde (1312), als 



') Charakteristisch sind die Hlumcn mit grofsen hohen Fruchtknoten 
in Form gewundener Kegel Einige bezeichnen, glaube ich, diese Gat- 
tung als Acanthus-Ornament. 



320 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Höhepunkt der böhmischen Kunstschule bezeichnet, *■) das Bre- 
vier des Erzbischofs Balduin von Trier, 2 ) die von unerschöpf- 
lichem Humor erfüllte Wenzelbibel in Wien, 3 ) die Statuten 
des Ordens vom H. Geist in Paris. 4 ) Vorzüglich in Frankreich 
entsteht eine Fülle der schönsten Handschriften, und vielleicht 
den höchsten Gipfel reicher und geschmackvoller Ausstattung 
erreicht die Kalligraphie unter dem kunstliebenden Geschlecht 
der Yalois. Als leidenschaftliche Kunstfreunde, welche unglaub- 
liche Summen zur Befriedigung dieser Liebhaberei verwenden. 
erscheinen König Johann (1350 — 1364) und seine Söhne 
Karl V (1304 — 1380), Ludwig von Anjou, Titularkönig von 
Neapel (f 1384), Vater Ludwigs II (f 1417) und Grofsvater 
des Künstlerkönigs Rene (f 1480), Jean de Berry (f 1416) und 
Philipp der Kühne von Bnrgund (t 1404), Vater Johanns des 
Unerschrockenen (f 1419) und Grofsvater Philipps des Guten 
(t 1467). Sie verdienen alle genannt zu werden, weil eine 
grofse Zahl der schönsten Handschriften, welche es überhaupt 
giebt, in ihrem Besitz gewesen, in ihrem Auftrag verfertigt 
Die englisch-französischen Kriege haben wohl vorzüglich 

J ) s. Waagen im Kunstblatt 1850, YVoccl im Notizenblatt der Wiener 
Ak L852 S 165, u. in d. Mittheil. d. Centralcommission V (im(.)) 70. 

a ) auf der Gymnasialbibl. in Coblenz, s. E. Dronke, Beitr. zur 
Bibliographie (1837) S. 94 ff. Dominicus, Baldewin v. Lützolburu S. 602. 

8 ) s. oben s 312. 

') Statut- de POrdre du Saint-Esprit au droit desir ou du noeud, 
Institue* ä Naples en 1352 par Louis d'Anjou, par lc Comte Horace de 
Viel-Castel, Paris L853. Ganz facsiinilirt. s. auch: Jean, Sire de Jbin- 
villc. Hißtoire de Sainl Louis. Texte original du 11. liecle, accompagne* 
d'iine traductioD en Francaifl moderne, par M. Natalia de Wailly. 2. ed. 
mit Facs., .Miiiiattirni etc. Paria l s 7 1. 

Waagen III. 325 ff. u. unten den Abschnitt von den Biblio- 
theken. Wohl nur sihestre giebl eine Vorstellung von dieser Pracht, 

abgesehen von dein unvollendeten Werk des Grafen Bastard. Doch sind 

auch Westwood und Humphreye zu erwähnen. Aus ^\rv Sammlung des 
trdfi Anton ?on Burgund, Grafen de La Boche en Ardennes, nattirl. 

Sohne- Philip].- des Guten, stammt die Ureslauer Handschrift des Frois- 

lart, L468 u L469 hergestellt unter der Leitung David Huberts, welcher 

eine grofse Werkstatt hatte; i die Beschreibung von Alwin Schultz, 

.in L869. i i henk fttr den Verein der bildenden Künste, In 
Comm. bei Jo Mai & Co.) 



Malerei. 321 

nur die Folge gehabt, dafs die Kunst sich immer mehr nach 
den Niederlanden zog, wo sie am burgundischen Hofe lebhafte 
Pflege fand. Von dort stammen vorzugsweise die kostbaren 
Gebetbücher der vornehmen Welt, welche jetzt die Sammlungen 
zieren. Ihre Werke waren auch in fernen Ländern gesucht. 

Besonders beliebt war bei diesen Künstlern das Dornblatt- 
muster, engl, hnj-paüern, welches die Ränder mit kleinen ge- 
zackten spitzigen Blättern von glänzendem Gold in schwarzem 
Umrifs bedeckt, in ziemlich weitem Abstand von eckigen 
Zweigen getragen, auf welchen allerlei Vögel und andere Thiere 
erscheinen, dazwischen auch Blumen und Früchte. *) Eine an- 
dere französische Mode dieser Zeit besteht in dem feinen ge- 
schachten Grund von Gold und Farben, von welchem die 
Miniaturen sich abheben. 

Die Dornblattverzierung schliefst sich noch an die Ini- 
tialen an; nach der Mitte des 15. Jahrhunderts aber wird eine 
ganz selbständige Ausschmückung der Ränder Mode, welche 
man nun auch im Vorrath verfertigen kann (oben S. 312), 
während die Initialen von kleinerem Umfang mit Blattgold 
und Deckfarben geziert werden, die gröfseren am Anfang der 
Abschnitte saubere Bildchen in sich tragen. Auf den Rändern 
aber finden wir nun lose hingelegte Zweige und Blumen, Erd- 
beeren, dazwischen Vögel und Schmetterlinge, Käfer und 
Raupen, ganz getreu der Natur nachgeahmt, auch einzelne 
humoristische und phantastische Gruppen und Gestalten. Als 
Unterlage dafür gebraucht man am liebsten das jetzt aufkom- 
mende matte Gold. 2 ) Daneben macht sich vorzüglich in Italien 



*) s. z. B. Tymms and Wyatt pl. 80. Westwood hat schöne Proben. 
Bei Labarte, Album II pl. 93 ein Blatt des Missale von Poitiers, im Be- 
sitz der Stadt Paris, gemacht für Jacques Juvenal des Ursins als Ad- 
ministrator 1449 — 1457. 

2 ) Ein Hauptwerk dieser Gattung ist Le Livre dlieures de la Beine 
Anne de Bretcifjne (Gemahlin Karls VIII u. Ludwigs XII), traduit du 
Latin et aecompagne de Notices inedites par M. l'Abbe Delaunay, Paris 
1861, mit Facs. der ganzen Handschrift. Jehan Poyet hatte am Bande 
die Pflanzen aus ihrem Garten zu Blois naturgetreu abgebildet, mit bei- 
gefügten Namen. Vgl. Bibl. de lVßcole des Charles :>. Särie 1, 157 über 
die Preise, nach L£oe de Laborde, Sur les lettres, les arts ei L'industrie 

Wattenbach, Schriftwesen. !, Lufl. 2] 



322 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

der erneute Einflufs antiker Vorbilder, die beginnende Re- 
naissance stark bemerklich. 

So verbreitet und herrschend war in dieser Zeit die Freude 
an bildlicher Ausschmückung, dafs wir sie vom 14. Jahrb. an 
auch in Urkunden finden. In päbstlichen Bullen sind nicht 
selten die Initialen der ersten Zeile in Sepia reich und ge- 
schmackvoll verziert. Schöne Proben davon aus den Pariser 
Archiven gieht das Musee des Archives. Auf Ludwigs des 
Baiern Belehnungs - Urkunde für die Herzoge von Pommern 
1338 ist eben diese Belelinung abgebildet. *) Rudolf IV von 
Oesterreich liefs seine Prachtliebe auch in dieser Richtung 
walten. 2 ) Die Urkunde Eugens IV von 1439 über die Verei- 
nigung der griechischen und römischen Kirche auf der Pariser 
Bibliothek (Silvestre Vol. III) hat roichen Farbenschmuck. Der 
Stiftungsbrief der Universität Ingolstadt von 1472 im National- 
DOLUseum zeigt die Madonna zwischen Herzog Ludwig dem 
Reichen und dem ersten Rector. Die Schenkung des Mailänder 
Herzogs Ludovico il Moro an seine Gemahlin vom 28. Jan. 
1494 zeigt die Porträts beider Gatten von schönen Arabesken 
umgeben. 8 ) Sogar ein Rathsprotokollbuch von Kämpen, Über 
pictus, ist mit Bilderschmuok versehen. 1 ) Abiaisbriefe liebte 
man reich auszustatten, in groüser Bücherschrift mit bunt aus- 
gemalter Initiale. 5 ) Wappenbriefe enthielten das buntgemalte 
Wappen. Zuweilen kam es auch bei Urkunden vor. dafs die 
[nitialen nicht ausgeführl wurden« 6 ) 

pendanl le L5 1 siecle, [ntrod p. X X I \ . Noch reicher ist das Gebetbuch 
Heinrichs VII von England im Brit. Museum; eine Seite bei Noel Hum- 
phreys. Als ein bedeutender [lluminist, z. n. einer Bibel im Kloster 
Ingen, «rird Berthold Furtmayr in Regensburg (147.0 L502) genannt, 
im Catalog des ME&nch. Nat. -Museums. 

') Dr v. Bftlov, Paläographisches ans dem k. Staats-Archive zu 
ttin, in .1. Bali Studien Bd. XXV. (1875) lieft 2. s. L61— 178 
i \nlii\ der Wiener Akademie XI.I.X. 8. 

im Urit. Mii-euui. B. Digb] \\ ' \ ; 1 1 1 ,p. 1 I. 

Hansische Geschichtsblätter i s 7l 8. XL \ Hl. Vgl. auch oben - 
3o für die Leprosen bei Hagenau, L345, aui der Heidelberger 

Bibliothek, Einen andern von L496 beschreibl Rockinger S. 203 (11,37); 
Grünhagen in d. Zeitschr. f. Schl< i von <\<'r Lehne- 

aufi an König Johann L3 



/ 



Maleroi. 323 

In Frankreich waren auch Liebesbriefe, Saluts cVamour, 
mit symbolischem Bilderschmuck üblich. A ) 

Ohne nun auf die zahlreichen Varietäten der Kunstübung 
einzugehen, auf die Prachtwerke, welche Italien und Deutsch- 
land hervorbrachten, will ich nur noch bemerken, dafs vom 
14. Jahrhundert an die Kunst sich auch immer mehr popula- 
risiert. Der Sachsenspiegel wird mit symbolischen Bildern aus- 
gestattet, welche das Yerständnifs erleichtern, kaum zum 
Schmuck dienen sollen, und deren Typen in die Entstehungs- 
zeit des Rechtsbuches hinaufzureichen scheinen. 2 ) Deutsche 
Gedichte werden fabrikmäfsig abgeschrieben und mit sehr rohen 
handwerksmäfsigen Bildern versehen. 3 ) Bilder aus der bibli- 
schen Geschichte zur Erbauung und moralischen Anleitung wer- 
den frühzeitig durch Holzschnitt vervielfältigt und grob ange- 
malt. Dergleichen Schmuck ist noch in den alten Drucken 
sehr häufig; die feinere Kunst aber trennt sich vom Gewerbe, 
und was auch nach den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhun- 
derts noch mit Aufwand verfertigt wird, hat nur selten den 
hohen Kunstwerth, niemals den ganz eigentümlichen an- 
muthigen Reiz der mittelalterlichen Kunst. 



3 ) Le Roman de Flamenca, publ. par Paul Meyer (Paris 18G5) 
Z. 7096 ff. Vgl. die Uebers. u. Anm. des Herausgebers S. 385, u. dess. 
Schrift Le Salut d'amour (Paris 1867) S. 13: Forme exterieure des saluts. 
Mitth. von A. Tobler. 

2 ) s. 0. Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen I, 387. 
Von höherem Kunstwerth sind die Miniaturen zum Hamb. Stadtrecht 
von 1497, erl. von Lappenberg, Hamb. 1845, 4; die Bilderhandschrift des 
Brünner Schöppenbuches, s. E. F. Roefsler, Deutsche Rechtsdenkmäler 
aus Böhmen und Mähren II, 1852; das Krakauer Stadtbuch von 1505, 
B. Zeifsberg, Die poln. Geschichtschreibung S. 417. 

3 ) Daran ist die Heidelberger Bibliothek sehr reich. Derselben 
Gattung, wenn auch ein wenig höher stehend, und durch die dargestellten 
Gegenstände höchst interessant, gehört Ulrich von Reichenthal's Buch 
vom Costnitzer Concil an, welches jetzt bei A. Bielefeld in .Carlsruhe in 
farbiger photographischer Nachbildung erschienen ist. 



21* 



y,-J4 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

3. Einband. 

Die alten Kalligraphen schrieben nicht nur für Bücher auf 
losen Lagen, sondern auch für Rollen auf einzelnen Blättern. 
die erst nach der Vollendung von den glutinatores an einander 
geleimt, oder, wenn es Pergament war, zusammengenäht wur- 
den. 1 ) Von der öup&SQa, welche den Rollen als Einband diente, 
ist schon oben S. 129 die Rede gewesen. Hesychius hat unter 
7;/./.o_.\ Kork, auch die Bedeutung tojv ßißXlcov e§w&ev axt- 
jiaöfia. Eigenthümliche Einbände mit überschlagenden Zipfeln 
zum Verschliel'sen, besonders wohl für amtliche und Rechnungs- 
bücher, sieht man in der Notitia Dignitatum z. B. I, 48. 4 ( .>. 
115. 116. II, 59. 60; dieses letzte Blatt gröfser und farbig in 
Libri's Mon. Inedits pl. 54. Man erkennt sie wieder in dem 
codex ansatus eines Römischen Beamten in einer sardinischen 
Inschrift, der urkundliche Geltung hatte. 2 ) Auch Purpurstoffe 
wurden zum Einband verwandt: xqL<x vvjtixa ocofiicTwa äjco 
ßXarrUmf evösdvfieva. 3 ) Von einer Fälschung des Photius heilst 
es in den Acten des Concil. Const. IV. a. 869: a[i<pdvvv6i 
<Sl xca jTTvyjü^ rr<'./j'.n>T<'{Tcug tx jraXaiordrov ßißXlov i«/c.(- 
oovy.svoq. 4 ') 

In späterem Griechisch hiefsen die Buchbinder draxoraöeq, 
der Einband orryo^ia, einbinden örayoji^iv. b ) 

Cassiodor übergab dem von ihm gestifteten Kloster auch 
Buchbinder, und zugleich gezeichnete Einbände zur Auswahl, 
ein merkwürdiges Zeugnifs fiir die li<>li<' Ausbildung auch dieses 
Gewerbes in römischer Zeit: His etia/m addidimus in t<><li<il>ns 
cooperiendis doctos artifices .... Quibus multiplices species 



') vgl. oben 8. 111. Gf&aud ]>. s<">. Lucian Alex c. 21 erwähnt 

die /,',//(' i t xoXXäiai li' ßtßXla. In einer Ilemilnn. Kollo XoXXyfJKXTCl 

oeXlöatv. Nach Ritsch! u Mommeen im Hermes u. ii<; entsprechen die 
/ . oder paginae den ein/einen Papyrusblättern. 
i Th GAommsen im Hermes II. L16 5 122. 
Montfaucon, Palaeographia Graeca p. 18. 
Kansi, Coli. Ooncil. Wl. 284 
r ') ölten s. 295. l>n Cange - v. Montf. p. 10 evataxo>asv für coro- 
pegit vom .1 i 106. 



Einband. 325 

facturarum in uno cortice depictas ni fallor clecenter expressl- 
mus, ut qualem maluerit Studiosus tegumenti formam ipse sibi 
possit eligere. In den folgenden Jahrhunderten werden Buch- 
binder wohl kaum genügende Beschäftigung gefunden haben, 
da die Geistlichkeit auch diese Kunst selbst besorgte, wenn 
auch nicht immer eigenhändig. Das Kloster St. Riquier hatte 
im neunten Jahrhundert seine eigenen Lederer dazu in der 
Villa S. Richarii: Vicus scutariorum omnia voluminwm indu- 
menta tribuit, conficit, consuit. valet 30 solidos. *) In einem 
Cod. saec. VII der alten Cölner Bibliothek findet sich der 
eigenthümliche Ausdruck Sigebertus bindit libellum. 2 ) 

Alcuin schrieb 800 an die Bischöfe, welche nach Spanien 
gingen, als er ihnen seine Schrift gegen Elipant schickte: 
Illud qiioqiie vobis honerosum non videatur, ut iubeatis ligare 
et involvere et in modum unius corporis componere as' 3 ) qua- 
temiones, ne forte sparsi(m) rapte dispergantur per manus 
legentium.^) In einer Cassineser Handschrift saec. XI steht: 
Ego frater Galterias relegavi istum librum. Bogo ut omnes 
qui legitis orate pro me. 5 ) In einer Zwetler von 1321: 

Ulricus scripsit, Hermannus (me) quoque pinxit, 
Griffo coniunxit, libris aliis sociavit. 6 ) 

Von anderen Ausdrücken, deren verschiedene uns noch 
begegnen werden, führe ich nur noch an allig are mit der Va- 
riante allegare für anbinden; Martin von Troppau braucht es, 
wo er für die gedrängte Kürze seiner Chronik den Grund an- 
giebt, dafs die Theologen sie der Historia scholastica, die Ca- 
nonisten den Decretalen könnten anbinden lassen. 7 ) In den 



J ) Mabillon Actt. IV, 1 p. 100 ed. Yen. 

2 ) Pertz' Archiv VIII, 111. Eccl. Colon, codd. p. 93. 

3 ) d. i. hau statt hos. So steht es in der einzigen Handschrift. 

4 ) Jaffe, Bibl. VI, 543. Frob. I, 8G2. 

5 ) Caravita II, 69. 

c ) Czerny, Bibl. von St. Florian S. 32. 
7 ) Monumenta Germaniae SS. XXII, 397. 



526 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

von Rockinger gesammelten Stellen ist üligare der gewöhnliche 
Ausdruck, einmal S. 206 incorperiren (a. 1499). *) 

Frühzeitig schon kommen eigene Stiftungen für die Ein- 
bände der Bücher vor. Karl der Grofse schenkte im Dec. 774 
an St. Denis einen Wald mit der Jagd auf Hirsche und Rehe. 
i .i quorum coriis libros ipsius sacri loci cooperimdos ordina- 
rinms, 2 ) und gestattete im März 8G0 dem Kloster St. Bertin 
die Jagd tarn ad Volumina librorum tegenda quam ad manicias 
et zonas faciendas.*) 

Den Karthäusern schickte der Graf Wilhelm von Xcvers 
aus Bewunderung ihrer strengen Zucht Gold und Silber zum 
Geschenk; da sie aber das zurückwiesen, boiun tergora et per- 
gamena plurwfia retransmisit, quae paene inevitaMliter ipsis 
necessaria esse pognovit. 4 ') Hoel Graf von Cörnoüaüle (t 1084) 
sali einst in der Kathedrale von Quimper auf dem Altare ein 
Buch ohne Einband, dessen Blätter sich ablösten; da schenkte 
er zum Einband der Bücher die Felle der auf seinem Gut 
Quiberon getödteten Hirsche. 5 ) 

Oft besorgten die Geistlichen den Einband selbst. In dem 
schön geschriebenen Sanctgaller cod. 260 aus dem nennten 
Jahrhundert steht: Monachi UUichrammi monitis Hartpertus 
ecce diaconus ornavit thecam hone. 



Te precor, o lector, cum sumpseris ipse libellum hunc, 
Tunc tu Ins ambobus die miserere deus. 6 ) 



') Audi L502 6 den. /'"/• awi pldb^ "kauft Monaci, <<<! incorpe- 
randum, wird wohl auf den Ankauf von blaugefärbtem Pergamenl /um 
Einband zu beziehen Bein. Rock, s v j<>7 (II. 11). 

i Bickel K. 33, oichl ganz unverdächtig. 
I k hü Dai Jahr Ist zweifelhaft. . 
') Guibertus Novig. de trita sua I. 11. Opera p. 168. 

Bibl. de l*l£cole des Charte 5 Se*rie in. l<> aus Dom Morice, 
Preuvei de l'hlatoire de Bretagne i. 378 
\ erz. der Stiftsbibl. - 



Einband. 327 

Im zwölften Jahrhundert wurden an den Mönch Ludwig 
in Haurnont die Verse gerichtet: 

Est a te scriptus hie codex atque ligatus, 

Unde tuis aliis scriptis sit annumeratus, 

Nee figas metas, tua scribere dum valet aetas. *■) 

Ein Buch aus Neuwerk bei Halle sagt: Ora pro anima 
Michaelis, qui me contexuit a. d. 1363. 2 ) In einer deutschen 
Sammlung von Heiligenleben von 1460 steht: Schryber und 
binde r dis bucJies C anrät Sauer, der denn freilich schwerlich 
ein Mönch war. 3 ) 

Der Bischof Otto von Bamberg verstand sich selbst auf 
diese Kunst; als Hofkaplan bei Heinrich IV bemerkte er,* dafs 
dessen Gebetbuch manuali frequentia rugosus et admodum ob- 
fuscatas erat. Quod pius Otto cernens, absente Imperator e, 
vetusto codicem invohicro despoliavit, et novam mercatus pellem 
eumque decenter cooperiens, loco suo reposmt.*) 

Merkwürdig ist die Verfügung, welche 1156 der Abt Robert 
von Ven dorne traf. Es bestand nämlich die Gewohnheit, dafs 
quando aUquem librorum ligari oportebat, der P. Kellermeister 
und der Kämmerer die Ausgaben trugen. Da sie sich aber 
über ihren Antheil zu streiten pflegten, librorum ordo neglige- 
batur, nee novi flebant, nee ut decebat veteres eorrigebantur. 5 ) 
Deshalb verordnet nun der Abt, dafs alle Zellen des Klosters 
einen genau bestimmten Zins für das armarium bezahlen sollen. 
Die Insassen der reicheren Klöster gaben sich damals mit sol- 
chen Arbeiten nicht mehr ab, doch mag es immer noch häufig 
genug vorgekommen sein; auch hatte man für Handarbeiten 
Laienbrüder, wie denn in Kremsmünster noch im vorigen Jahr- 
hundert ein Laienbruder die Bücher gar säuberlich und gleich- 
niäfsig in weifses Leder gebunden hat. 



} ) Der Schlufe eine hübschen Gedichts in Pcrtz' Archiv XI, 2. 
2 ) Naumann, Catal. bibl. Sen. Lips. p. 45 mit Ha .statt anima, was 
mir durch F. Zarncke freundlichst berichtigt ist. 
:; ) Cod. s. ßalli 602 in Scherrers Verz. S. 103. 
4 ) Ebonis Vita Ott. Bab. I, 6. Jaflfe, Bibl. V, 594. 
'•) Martene, Thes. 1. 1 15. 



328 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Förmlich gewerbsmässig betrieben die Brüder vom gemeinen 
Leben, wie alles was zur Erzeugung von Büchern gehört, so 
auch die Buchbinderei. Ihre Regel *) verordnet c. 14 de liga- 
tore: C ottig andis libris deputdbitur unus a rcetore, sub cuius 
respectu erunt omnia instrumenta ad ligaturam requisita. Hie 
erü cum procurabore solicitus pro asseribus, corio et orichalco, 
et ceteris ad officium necessariis, ut sediert debito tempore 
emantur et disponantur, Libros Ugandas a scHpturario reeipiet. 
ligatosque eidem restituet, qui pretium laboris pro eisdem rece- 
ptum procuratori repraesentabit. Bruder Godfrid, der von 
Hervord kommend in Hildesheim 1444 das Haus auf dem 
Maria Leuchtenhofe gründete, beschäftigte sich inzwischen mit 
Buclrbinden; die neue Congregation hatte bald wegen des 
grofsen Bedarfs an Büchern, welchen die in den sächsischen 
Klöstern eingeführte Reformation hervorrief, viel zu thun, und 
verdiente mit Schreiben und Einbinden über tausend Gulden. 2 ) 

In Folge dieser Reform erwachte in vielen Klöstern neue 
litterarische Thätigkeit, so in St. Peter in Erfurt, wo Nicolaus 
von Siegen 1495 einen der Mönche als ligaior Ubrorum be- 
zeichnet. 8 ) Vorzüglich zeichnete sich auch das Stift St. Ulrich 
und Afra in Augsburg aus, wo der Abt Melchior von Stamheim 
1472 eine Druckerei begründete, um die Brüder zu beschäftigen, 
ne essent ociosi, seil, comparando tedes libros, similiter c<>rri- 
gendo, rubricando, illigando ete. A ) Von 1490 bis 1494 win- 
den 63 rheinische Gulden ausgegeben pro ligandis libris neenon 
dausuris et aliis necessa/riis od <<>sdcm Ubros. Der Buchbinder 
aber war Nicolaus, ein A.ugsburger Bürger. 5 ) 

Natürlicher Weise kam mit dem Bürgerstand auch die 
Buchbinderei als bürgerliches Gewerbe empor. An den Uni- 
versitäten hatten sie an den Privilegien A.ntheü, und zu den 



') Serapeum II. L86 aus Miraeus. Vgl. auch Moll, Kerkgeschied. 
II. 2, 322. 

J ) .in. Basel] de reformat monast. ap. I'.eiimit. II. 855. 

Thur. Geschichtsquellefl II, 601. 
') w . Wittwer, Catal. abb. BS. üdalrici et Afrae, in Bteichele'a 
archii i G( ü a. d Bisth. angab, in. 265. 
i Ib. p. 369, 



Einband. 329 

17 lieeurs de 1 irres, welche in der Pariser Steuerrolle von 1292 
genannt werden, *) sind wohl noch andere mit clericaler Immu- 
nität versehene zu zählen. In Cöln sind sie um 1300 nachzu- 
weisen, in den Prager Stadtbüchern werden sie häufig genannt, 2 ) 
und so erscheinen sie nach und nach überall. Richard de Bury 
hatte immer eine Anzahl colligatores in seinem Dienst. 

Manche davon mögen Schüler gewesen sein, die nicht ge- 
nug gelernt hatten, da ein Anflug von Bildung doch auch dem 
Buchbinder wohl ansteht; angerathen wird dieser Beruf in 
einem alten Gedicht: 3 ) 

Adhuc sunt officia fructuosa satis, 
Que bene conveniunt parum litteratis: 
Ligare psalteria, quocl non fiet gratis. 
Hoc opus exterminat onus paupertatis. 
Littera parva satis dat victum officiatis. 

In den fahrte rolls der Domkirche zu York ist 1395 ein- 
getragen: Roberto bukebinder pro ligatura unius magni gradu- 
alis pro clioro ex convencione facta decem solidos. Eidem pro 
quatuor pellibus pergameni pro eodem custodiendo viginti de- 
narios. Eidem pro una pelle cervi pro coopertura dicti libri 
tres sol. duos denarios. 4 ) 

Jacob von Koenigshofen zahlte 1397 für Rechnung des 
Capitels von St. Thomas in Strafsburg 2 livres 14 sols pro 
bappiro ad libros instrumentorum et pro pergameno, unde zuo 
bestallende unde zuo bindende, 5 ) Ein Rechtsbuch der Heidel- 
berger Bibliothek hat die Unterschrift: scriptum a. 1465 per 
me Albertum Schivab. Similiter et inligatum. 6 ) Ein gewisser 
Hans Dirmsteyn, von dem ebenfalls nur der Name bekannt ist, 



*) H. Geraud, Paris sous Philippe-le-Bel (1837) p. 519. 

2 ) Palacky, Böhm. Gesch. III, 1, 188. 

3 ) Pciper in d. Zeitschrift f. deutsche Philol. V, 183. 

4 ) D. Wyatt p. 37 aus der Ausg. von James Raine, Durham 1859. 
B ) Charles Schmidt, Ilistoire du Chapitre de Saint-Thomas p. 112, 
8 ) Wilken S. o75. llomeycr n. 319. 



ooi i Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

besorgte 1471 ein Buch von den sieben weisen Meistern ganz 

allein : 

Der hait es geschreben vnd gemacht, 
Gemalt, gebunden vnd ganz follenbracht. *) 

In dem Registrum episcopi Vritslai ineeptum a. 1368 in 
Breslau ist eingeschrieben introligatum 1475. Ein Jahrhundert 
lang hatte es sich ohne Einband behelfen müssen. 2 ) Das kam 

sehr hantig vor, und man erkennt die Spuren davon an den 
abgeriebenen Aufsenseiten , 3 ) auch wohl an fehlenden Lagen, 
wie in der Benedictbeuerer Abschrift saec. XII der Chronik 
des Leo von Ostia, wo sie im 15. Jahrhundert ergänzt sind. 
In einem Inventar des 13. Jahrhunderts aber steht: XVI 
coternuli de Monte Cassino.*) Nach alter Weise, die im nennten 
Jahrhundert noch die Regel bildet und bis ins zwölfte vor- 
kommt, liefs man deshalb, und überhaupt zu besserer Schonung, 
die erste Seite frei, und begann auf der Rückseite des ersten 
Blattes. 6 ) 

In einer Decretensammlung des 12. Jahrb. ans Weingarten 
Steht: A. d. 133^ ligatus est iste lilxr. quem fecit ligari do- 
mmus Johannes de Merspurg 0. S. B. in Wingarte. In Folge 
dieses langen Zwischenraumes sind mehrere Blätter verloren, 
;mdere verbunden, "i 

Die alten Verzeichnisse erwähnen sehr häufig ungebundene 
Bücher, die noch in quaternionibus, 1 ) in quaternis, sextemis 8 ) 



') Kirchhoff, Handschriftenhändler S. L18 aus v. d. Hagen u. Büsching, 
Literar. Grundriß 8. 307. 

») ( od. dipl Bilesiae IV. l l 

■> in der DoppelchronLk ?on Eteggio, Dove S. la: zwischen den Le- 
genden, Dramen u, Gesten <I<t Hrotsuit, Koepke, « > 1 1 . Studien II. 239. 
■ *) Mnn. Germ, SS. 711, 

-., der Cod Theodosianus, Oegg, Korogr \. Würzb. S. 301, und 
dir alten < lölner ( Sodit i 

ächulte In den SB. d. Wiener Aka'd L\V. 601, 624 
7 ) häufig in dem alten Sanctgaller < atal. b. IX in Weidmanna 
i .. ich. d Bibliothek 

) in d<r Heidelberger Bibliothek 1438 Simones facti in concilio 
tternis nondum ligaüs. Erwähn! bei Wilken S. LOS, 



Einband. 331 

sind, viex caier sans ais, 1 ) und dergleichen. Die zuletzt be- 
zeichneten können immerhin geheftet gewesen sein, nur noch 
sine asseribus, aber durch ein Pergamentblatt geschützt. Diese 
einfachste Art des Einbandes, in welcher viele Bücher, vorzüglich 
urkundlichen Inhalts, sich bis auf unsere Zeit recht gut erhal- 
ten haben, 2 ) bezeichnet eine englische Berechnung saec. XIII: 
ad ponendwn in corrigiis unum denarium, in percameno obo- 
J/oii. 3 ) Angelus Politianus geht auf die antike Ausdrucksweise 
zurück, indem er in seinem Theokrit bemerkt: 4 ) JEmi solutum 
Üb. 0. lora vero, imibilici, tabellae, corium, bibliopola constiterunt 
Üb. 2 sol. 6. Hier scheint der Buchhändler zugleich Buch- 
binder gewesen zu sein, was nicht selten vorkommt. Die Pla- 
centiner Chronik kostete 1295 inter cartas et scriptiiram et 
ad ponendum in asseribus libras quatuor et sol. sex tremissem/ ) 
Um die verschiedenen Theile eines Werkes oder die in 
einem Bande vereinigten Schriften leichter auffinden zu können, 
pflegte man am Anfang derselben Pergamentstreifen zu be- 
festigen, welche aus dem Schnitt hervorragen. Auch hatte 
man Schnüre oder Bänder, wie noch jetzt, um eine Stelle wie- 
derfinden zu können; diese hiefsen Register. Sie finden sich 
z. B. im cod. Colon. 127 (Catal. p. 53). Alexander Neckam 
sagt S. 116: habeat etiam registrum, mit der Glosse cordula 
lihri. und Ebrard von Bethune im Graecismus: 

Esse librum librique ducem die esse registrum. 

Dazu führt Du Cange die Glosse an: Registrum, cor da in libro 
ad inveniendum lectionem. Ebenso heifst es in dem oft er- 



*) Dieser and ähnliche Ausdrücke oft in dem Verz. der Bibl. im 
Louvre von Gilles Mallet 1373. Vgl. oben S. 303. 

2 J So die alehymistische Handschrift Germ. 597 saec. XV in Heidel- 
berg, gleichzeitig in ein verworfenes Urkundenconcept gebunden, welches 
am Rücken durch einen breiten Lederstreifen verstärkt ist. Fäden, an 
der einen überschlagenden Decke angebracht, lassen sich an Kiföpfen 
bef estigen. 

3 ) Kirchhoff, Ilandschriftcnhändlcr 8. 11 aus Coxe, Catal. codd. 
Oxon. 1J, 35. 

4 ) ib. p. 31 aus Bandini, Codd. graeci IT, 205. 

'') Mon. Germ. SS. XVIII, 105. Pertz liest fälschlich m assibus. 



332 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

wähnten alten Wörterbuch: 1 ) Begistrwm, reg Ister tri buch 
schnür, in proposito est Bona vel multitudo Bonorum interpo- 
sUa foliis quaternorum ut scriptum quae quaerUwr citius in- 
ueniatur et facilms inveniri possü. Dann folgt die Beschrei- 
bung eines Registers in der gewöhnlichen Bedeutung. Sehr 
treffend ist der Ausdruck im Vocabularius optiinus: reist rutii 
hersnuor. Meister Eberhard in Zug gab 1485 22 Schilling 
für sidin bendel, die ich in die drü grofsen büecher gclcit han 
und 4 s. ze machlon knöpfen. 2 ) 

In französischen Verzeichnissen, wie in dem von 1373 über 
die k. Bibliothek im Louvre, spielt eine grofse Rolle die pippe 
oder pipe von Gold und edelen Steinen, welche zu den An- 
dachtsbüchern der vornehmen Welt gehört; vermittelst der 
daran befestigten Lesezeichen dient sie zu demselben Zweck, 
wie jene einfacheren Schnüre. Im Inventar des Herzogs von 
Berry von 1416 erscheint öfter die pippe garnie de seignaulx, 
scigneaux de plusieurs soyes. 

Bekannt sind die starken alten Einbände von festem Holz, 
ganz (»dir theilsweise mit Leder, 3 ) zuweilen auch mit Seide 
und Sammet überzogen, und mit metallenen Beschlagen und 
Schliefson versehen. Letztere heifsen fibidae, fermoers, fer- 
mouyers, fermeaux. Wenn nun in einem Heidelberger Yer- 
zeichnifs von 1438 davon clausurae unterschieden werden, ein 
Buch deren vier hat, 4 ) so müssen wir darunter, abweichend 

*) Serapenm XXIII, 279. 

*) Gcschichtsfrennd der 5 Orte II, <)G. 

) Anweisungen zum Färben von Leder u. Perg. zu diesem Zweck 
bei Rockinger S. 205 (II, 39). Diese Uebnn.Lr erhielt sieh bis ins vorige 
Jahrhundert. 

4 ) Wilken, Gesch. der Heidelb. Büchersammlungen 8. 98 fuhrt nach 
Kicmer. BÜSt. et Commentatt. Soc. Palat. I, 40b' ff. aus einem 7er- 
zeichnifs ron 1488 ein Werk von Nicolaus de Lyra an: m asseribus cum 

, viridis <<>lnri< superduetis cltmsurisgue </ fibutts argenteis et de* 
auratis Ein anderes Work von Lyra ist in t pergcmeno ei asseribus cum 
coopertorio viridis coloris ei clausuris simpUcibus sine fibuMs. Solche 
stellen Bind darin häufig. Auch hei Rockinger B. 907 II. 11 1491 pro 
fibulis ei clausuris Ubrorum 3 s, 8 d. Daselbst tat aus Rechnungen viel 
zusammengestellt; häufig ist gesmeyd, gesmaydepangen, einmal s. 208 
pückel. Auffallend Ist B. 206 der Eintrag ron <• L320 pro tenacuUs et 



Einband. 333 

von dem später gewöhnlichen Gebrauch, die Beschläge an den 
Ecken verstehen. Kostbar genug waren diese Einbände; Meister 
Eberhard in Zug hatte 1480 zu verzeichnen: H. Hans min 
helfer heb mir koaft zuo Zürich beschlecht uf büocher um 
1 gülden. Ferner an denselben 1 duggaten, da er zuo Zürich 
houfle clausuren und läder, die gesang büecher in ze binden. 1 ) 

Das Kloster Fulda erhielt im 12. Jahrb. ein Bücherge- 
schenk von dem Kellner Tuto, darunter einen Collectarius cum 
coopertorio piscino. 2 ) Bei Valentinelli im Catalog .der Marcus- 
bibliothek IV, 31 ist ein Bücherverzeichnifs aus dem 15. Jahr- 
hundert, in dem wiederholt die Ausdrücke vorkommen ligatum 
cum fundello rubro, albo, sine fundello conscripto. 

Zuweilen kommen alte Einbände vor, bei denen die Leder- 
decke überhangende Zipfel hat, um das Buch vor Staub und 
Schmuz zu schirmen. 3 ) Vielleicht erklärt sich dadurch, was 
in dem Inventar von Gilles Mallet häufig vorkommt: couverte 
de soie a queue, de cuir a queue. Oft greift der obere Deckel 
nach Art einer Brieftasche über, und läfst sich mittelst eines 
Knopfes befestigen, oder er ist auch mit einem Schlöfschen 
versehen, wie wir gleich sehen werden. 

Auch die äufseren Deckel wurden zuweilen mit Bildern 
geschmückt, und sehr gewöhnlich war es, einen Zettel mit In- 
haltsangabc darauf anzubringen, der mit durchsichtigem Hörn 
bedeckt war. In der Bibliothek im Louvre wird n. 36 be- 
schrieben: Garin de Monglaue, ryme, escript en ij coulombez, 
et sont les aiz ystoricz par dehors, et couvert de corne, de 
quoy on fait les lantcmes. 

Eine Handschrift, welche Fehmgerichtsachen enthält, trägt 
auf beiden äufseren Seiten der Pergamentdecke die Aufschrift: 

clavibus zu einem grofsen Graduale 3 Schilling. Ueber tenacidum s. 
oben S. 228. Nach freundlicher Mittheilung des Herrn A. Kirchhoff ist 
jetzt bei den Buchdruckern der Tenakel ein mit einer Stahlspitze (zum 
Einstechen in den Setzkasten) versehenes Instrument, in welchem das 
abzusetzende Manuscript eingeklemmt wird. Das palst aber weder hier 
noch dort. 

*) Geschichtsfreund der 5 Orte II, 100. 

2 ) Dronke, Cod. Traditionum Fuld. n. 72 p. 150. 

») Eccl. Colon, codd. p. 53. 55. 



334 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

IJ'n inne säl niemandes lesen dann eyn Frye Scheffcn. 1 ) Auch 
auf einem alchimistischen Bucli (cod. lat. Monac. 405 stellt: 
ist vorbothen lesen. Aber man wufste sich auch besser zu 
schützen durch verschliefsbare Einbände. So war der Songe 
du Verger, auf K. Karls V Veranlassung gegen die weltliche 
Gewalt des Pabstes in Frankreich geschrieben, in der Bibl. des 
Louvre n. 204 wn livre fermant a clef } eouveri de mir ver- 
meü. Dagegen war dasselbe Buch n. 245 u. 246 offen, eouveri 
de soie (i queue. Aber 4.^4 war un pappier fermant <i rief. 
eouveri <1< eerf blanc, au sont eseript aueunes ehoses seerettes, 
und 485 ebenso. 2 ) 

Audi der Schwabenspiegel der Eltviller Schöffen war ver- 
schliefsbar, ') und ebenso ein Reditslmdi der b. Fehme von 
L482 in Xürdlingen. 4 ) 

Oft genug sind im Mittelalter Lagen und Blätter verbun- 
den, und die Bänder so beschnitten, dafs viel verloren ging: 
deshalb verordneten die Statuten der Reg. Chorherren im 
1."). Jahrhundert, dafs in jedem Convent ein Bruder sein solle, 
der Bücher einzubinden und bei Zeiten auszubessern verstehe. 
Ei' solle mehr auf den Nutzen sehen, als ad subtiUtatem vel 
curiositaiem, preeipue in sextemis imponendis et prescindendis ; 
im, ii in l/ijs facilUer magna dam/na contvngere possunt. 5 ) 

Bilder und kostbare Initialen wurden durch eingeklebte 
oder eingenähte Stücke von Nesselt ach sorgsam geschützt. 

I)i<' Einbände wurden auch kiinsi leriscli. und zwar oft 

überaus reich verziert. Viele Prachtstücke <\rv Art aus dem 
Mittelalter, mehr jedoch aus späterer Zeit, zeigen in glänzender 
Nachbildung «Ii«- Monuments inSdUs ou peu connus, faisani 
partie du Cabinet de Guillaume Libri, et qui se rapporteni ä 



') Hi. Dieffenbach, Geschichte der Stadl u. Burg Friedberg L857)S.7. 
im [nrentaire *on L878, par Gilles de Wallet, Paris L8S6. Der 
Bachbinder der Chambre des comptes in Parta mufste Bchwören, dafs er 
nicht lesen and schreiben könne, nach Lalanne, Curiositäs biblio 
phiqnes B. 291. 

Elockinger In d. Zeitachr. i. Gescfa d, Oberrheins XXIV, 224. 
l ) Homeyer 512, beschrieben in Beyschlags Beiträgen IV. II. 
►8 ( M. 



Einband. 335 

11/ i st o Ire des Arts du Dessin, consideres dans leur Application 
ä VOmement des Livres, 2. ed. augmentee, 65 planches superbe- 
rnent illuminees en or et en couleurs, avec un texte Anglais 
et Frangais, Londres 1864 gr. folio. Die erste Ausgabe mit 
60 Tafeln erschien 1862. Auch die Bilderhefte zur Geschichte 
des Bücherhandels und der mit demselben verwandten Künste 
und Gewerbe, herausgegeben von H. Lempertz, 1865 fol. ent- 
halten Abbildungen von Prachtbänden. 

Ledereinbände aus dem 15. Jahrhundert mit in Leder ein- 
geritzten Figuren sind abgebildet und beschrieben im Anzeiger 
des Germ. Museums XVII (1870) Sp. 121 u. 311. Daselbst 
ist IX (1862) Sp. 324 der merkwürdige Einband eines Breviers 
beschrieben und abgebildet, dessen überschlagendes Leder unten 
einen halb offenen Beutel bildet, der in einen Knopf von far- 
bigen Lederriemen aasläuft. Beispiele aus Gemälden zeigen, 
dafs man solche Bücher am Gürtel trug, und auf einer Dar- 
stellung der Kreuzigung in Bronce von c. 1500 in Hamburg 
hält Johannes einen solchen BooJcsbüdel. *) Das Wort bezeich- 
nete später das übertriebene Festhalten an alter Sitte, und 
wurde, als man' es nicht mehr verstand, in Bocksbeutel ver- 
wandelt. Im Britischen Museum ist ein Gebetbuch in duodez 
von 1485 aus Deutschland ausgelegt, das mit einem Riemen 
versehen ist, um es an den Gürtel zu hängen. Mehrmals wird 
het boekenkorfje, boeJcenmh erwähnt in den Levensbeschrijvin- 
gen der zusters van Meester-Geertshuis " te Deventer. 2 ) 

Zum Einband kirchlicher Bücher verwandte man gern, 
wie schon oben 8. 53 erwähnt wurde, die alten Diptychen von 
Elfenbein, und schnitt auch neue Platten mit Darstellungen 
heiliger Gegenstände. 3 ) Zwei Bamberger Handschriften sind 
in Diptychen eingebunden, und das Pergament ist nach der 



') Von den Arbeiten der Kunstgewerke des Mittelalters zu Ham- 
burg (1865 Tafel XI. Auf dem Bilde sieht es freilich mehr wie eine 
Fidel aus. Von anderen Buchbeuteln s. unten. 

2 ) Manuscript, angeführt bei Moll, Boekcrij van S. Barbara S. 228. 

•) Die Richtigkeit von Ekkehards Erzählung bezweifelt R. Bahn, 
Gesch. (1. bildenden Künste in d. Schweiz I, 111 wegen der auf beiden 
Tafeln gleichen Technik. 



336 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

schmalen, oben abgerundeten Form zugeschnitten; für die Vita 

Liudgeri dagegen, welche in der Berliner Bibliothek ausgelegt 
ist, wurde die Rundung durch eine Einfassung viereckig ge- 
macht. Häufig aber nahm man auch Platten von Gold und 
Silber, welche sehr kunstreich verziert und mit Email, Perlen 
und Edelsteinen geschmückt wurden. *) Schöne Proben davon 
geben Libri, und Jules Labarte, Histoire des Arts Indu- 
strieis au Moyen Age (1864), Album Vol. I, und II, 101 — 103 
auch von den weniger bekannten emaillierten griechischen Ein- 
bänden. 2 ) Schon Agnellus von Ravenna erwähnt alapas evan- 
geliorwm aureus, ein Ausdruck, der, da er zweimal vorkommt, 
wohl nicht verändert werden darf. 3 ) 

Zuweilen findet man im Einband auch eine Hölung, welche 
zur Aufnahme von Reliquien bestimmt war; 4 ) auf dem alten 
Evangeliar in Prag, welches in Karls IV Zeit einen neuen 
Prachtband erhielt, sind Reliquien mit Beischrift unter Berg- 
krystalL 6 ) 

Merkwürdig sind die symbolischen Einbände für die einzel- 
nen Theile des Corpus Juris, welche Seb. Brandt als herkömm- 
lich beschreibt. 6 ) Gerichtsbücher pflegten roth eingebunden zu 
werden, und deshalb auch Rothe Bücher zu heifsen. 7 ) Ueber- 
haupt benannte man gern die Bücher nach ihren Einbänden, 
vorzüglich Archivstücke, für welche es keinen Autornamen gab. 



*) vgl. bei Leibn. SS. II, 169 in Lerbecke's Chron. Mind. die Be- 
schreibung der Prachtbände, in welche Bischof Sigeberl die überaus 
schönen Bandschriften binden lici's, und aber die noch in Berlin vorhan- 
denen Pertz' Archiv VW, 836. C. Sanftl, Diss. in aureum ac pervetustum 
SS. Evangg. cod. ms. Monasterii S. Emmerammi, Ratisbonae 1786, 4. 
Rockinger s. 209 II. 13). 

-) Der Email-Einband des cod. s. dalli n. 216 beschrieben \. Halm. 
i \\. (1. bild. Künste in d. Schweiz I. 281 . 
:i ) Schwan de ornamentis libr. p. l»i»; will verbessern alas. Allein 
das ist eben bo wenig <in bekannter Ausdruck. 

') a. l II.') in Metten, • B. Pez,Thes.l Diss. p.XLIX. 7gl.Czerny,S.81. 
I Mitth. d. < entralcommissioD Wl. L00. 
Expositio omnium titulonun iuris. Lugd. L638, *. Fol. t. abge- 
druckl im Serapeum L867 s 240. 

i i Boehmen Leben und Briefe von J. Janssen IN. 136. 



Einband. 337 

Sehr häufig sind die Jibri awei, nach dem kostbaren Einband 
oder dem inneren Werth genannt. Bekannt ist der Über blancus 
des venetianischen Archivs, liher viridis aus Asti, in Bologna 
die Gemma preciosa, il l'ibro delle tre eroci, Über avium. y ) 
Der Breslauer Dom hat seinen Über niger, das Martinskloster 
zu Tours seine pancharte noire. In Irland giebt es ein gelbes 
Buch, Leabliar buidhe, ein schwarzes, dubh, ein rothes, riiadli, 
ein geflecktes, breac. 2 ) Beromünster hat einen Über erinitus, 
Zwettel eine Bärenhaut, ein riesiges Copialbuch, dessen Decke 
aber nicht von einem Bär, sondern von einem Eber stammen 
soll. Oft sind die Namen schwer zu erklären und von zufäl- 
ligen Umständen hergenommen; die alten Breslauer Rathsbücher 
hiefsen hirsuta hüla, bucidatas, pauper Henrichs, nudus Lau- 
rent ins. Die beiden letzten sind wohl nach den Schreibern 
benannt, welche sie führten, das letzte blieb vermuthlich lange 
ungebunden. In der Magdeburger Schöppenstube gab es ein 
Buch, welches Mopses hiefs, nach dem Anfangswort des bekannten 
Prologes zur Lex Baiuwariorum. 3 ) Bolkenhain hat sein eisernes 
Buch, welches, vermuthlich im 16. Jahrb., in Holzdeckel mit 
Eisenbeschlägen und Kette gebunden ist. 4 ) So hat auch Dublin 
sein Chainbook, das Register des Erzbisthums aber heifst 
Crede mihi. 5 ) Das Chartular von Saint-Pere-cle-Chartres heifst 
Aganon. 

Kostbare und schön eingebundene Bücher hatten noch ein 
besonderes Kleid zum Schutz, ein Hemd, camisia. Du Cange 
führt das Wort schon aus einem Testament von 915 an; bei 
den Karthäusern hatte der Sacrista librorum camisias zu 
waschen. In der Lebensbeschreibung des Fructuosus ep. Bra- 
carensis, der um 670 gestorben, dessen Biograph aber viel 
jünger ist, wird erzählt, dafs bei dem Uebergang über einen 



] ) Blume, Iter Ital. II, 135. 142. Die Namen der Register des 
Maggior Consiglio in Venedig s. in Pertz' Archiv XII, 630. 

*) Th. Moore, Ilist. of Ireland II, 57 n., ü'Curry's Lecturcs S. 20. 
21. mit noch vielen anderen Namen. 

3 ) Hans Trutz im Archiv f. Sachs. Gesch. II, 293. 

4 ) Zeitschr. d. Vereins f. Schles. Gesch. XI, 348. 358. 

5 ) R. Pauli in Sybel's Ilist. Zeitschr. XXIX, 200. 
Wattenbach, Bohriffcweeen. i. Aufl. 22 



338 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Flufs seine Bücher ins Wasser fielen, worauf er Codices .... 
cici de marsupiis et sibi praesentari praecepit. *) Paulus Dia- 
conus schrieb an Karl den Grofsen über die Gewohnheiten von 
Monte Cassino: Conccssum est etiam fratribus nostris habere 
manutergia, sive ad tonsurae obsequium, sive ad Codices, quos 
ad legendum suscipiunt, involvendos. 2 ) Später trieb man auch 
mit diesen Beuteln grofsen Luxus. Die Heures de S. Louis in 
Paris haben noch ihr ursprüngliches Hemd von rothem Zindel. 3 ) 
Bei den Bücherfreunden des 14. Jahrhunderts findet sich in 
den Inventaren angegeben estui de drap cVor, chemise de drap 
semcc de marguerites, couvertures en drap de seitin, en veliujan, 
en ifan/as, estriguier de semence de perles, 4 ) doch auch einfach 
a chemise de tolle etc. Der Tristan im Louvre war en an 
estuy de cuir blanc, ein sehr kostbar gebundenes Gebetbuch 
en ung estuy de cuir ferre. 5 ) Die Rechnung der Sainte Cha- 
pelle von 1298 enthält einen Posten von 22 sous pro uno rc- 
servatorio de corio für das Brevier des Königs. 6 ) 

B. Dudik beschreibt 7 ) den Originalcodex des Processus 
canonisationis b. Katerine Yastenensis vom J. 1477. Alle 
Blätter haben 4 Lücher, durch welche die Siegelschnüre ge- 
zogen waren. Der Codex ist nicht gebunden, sondern ruht in 
einer goldgestickten Damasthülle, die mit grüner Seide ge- 
füttert ist. 

Zu erwähnen sind noch die kostbaren Behälter der Evan- 
gelien von Gold und Silber, welche vorzüglich in Irland ge- 
bräuchlich waren, wo sie CUmhdach hiefsen. 8 ) Man findet sie 



') Mal». Actt. II, 561 ed. Ven. 

-) Caravita I, 338 aus cod. :;:>;;. Vgl. oben S. 236. 

n ) Geraud i>. 144. 

•') nach Barrois und Gilles Mallet. 

rt ) Inventar ?on Gilles Mallet s. 9. 206. 
Bibl. de rficole des Ch. 4. Serie 11, 162. 

"•) Archiv d. Wiener Ak. XXXIX, .Vi. , Vera des Archivs der Dnini- 
oicaner in Krakau. 

Vgl. den Aufsatz von Miss Stokes: On two works <>i' ancient 
[rish art, known aa the Breac Moedog and the Soiscel Molaise, Archaeo- 
logia XI. lll. i:;i i.">m. \.~ ind Kasten von Bronxeplatten mit charak- 
teristisch Krl. Ornamentation; - Revue Celtique [, 276. 



Einband. 339 

auch in England und Frankreich unter dem Namen capsa, 
hibliotheca, coopertorium. x ) Als Wilfrid von York die Evan- 
gelien in Gold hatte schreiben lassen, sorgte er auch für einen 
würdigen Behälter: thecam erutilo Jus condignam eondidit anro. 2 ) 

Dahin gehört auch die von Ekkehard in den Casus S. Galli 
(MG. II, 82) erwähnte cavea evangelii von Gold. 

Im Münchener Nationalmuseum ist ein altes Behältnifs zur 
Aufbewahrung einer Urkunde mit ihrem Siegel, von Holz und 
mit Leder überzogen. 



Es ist immer eine grofse Barbarei, wenn man, wie das 
besonders in früherer Zeit häufig geschehen ist, ohne Noth die 
ursprünglichen Einbände zerstört. Nicht selten sind sie von 
Wichtigkeit, um die Herkunft einer Handschrift zu erkennen; 
besonders nach dem Aufkommen der Wappen pflegen sie damit 
versehen zu sein. ' So tragen die Handschriften von Saint- 
Hubert den Hirsch, die Budenses den Raben des Mathias Cor- 
vinus. Vorzüglich aber enthalten die Deckblätter oft wichtige 
Notizen, oder sie sind gar Reste älterer werth voller Hand- 
schriften. 3 ) Der Abt Macarius vom Berge Athos verwandte 
1218 die kostbare Uncialhandschrift der paulinischen Briefe 
zu Einbänden, und in Bobio sind ebenfalls die werthvollsten 
Handschriften so mifsbraucht worden. Nach St. Gallen kamen 
um 1461 Hersfelder Visitatoren, die Manuscripte wurden ver- 
zeichnet und theil weise neu gebunden, wozu der Edictus Rothari 
und der älteste Virgil verbraucht wurden; zur Vergeltung ist 
der Catalog von 1461 später ebenso angewandt. 4 ) Sigismund 
Gossembrot klagt um dieselbe Zeit über die Mifsachtung der 
einst hochgehaltenen Poeten: ut meliores vix inter poetas me- 
rerentür fieri coopertoria, et ut ad prestolas scinderentur alio- 



*) Du Gange s. v. Capsa. 

2 ) Epitaphium bei Beda, Hist. eccl. V, 19; vgl. oben S. 111. 
8 ) Rockinger 8. 208 (II, 42). Beispiele sind überaus zahlreich 
vorhanden. 

*) Scherrers Verz. S. 238. 456. Weidmann S. 52. 401. 

22* 



340 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

rum ctiam vüiortm librorum. *) Die Professen von S. Matthias 

in Trier gaben ihrem Buchbinder Handschriften als Zahlung. 2 ) 
Auch Urkunden sind oft zum Einbinden benutzt. 3 ) Hatte nun 
der Buchbinder einmal solches Material unter Händen, so nahm 
er davon auch die Falze zwischen den Lagen, und man hat 
daher auch diese sorgfältig zu beachten. Zuweilen fügen sich 
die schmalen Streifen in überraschender Weise zusammen und 
geben werthvolle Resultate; Docen hat auf solche Weise in der 
Münchener Bibliothek schöne Entdeckungen gemacht, Endlicher 
in Wien die Fragmente des ülpian und Plinius in dem Codex 
des Hilarius gefunden, Pertz Fragmente der ältesten bekannten 
11 andsehrift des Schwabenspiegels aus einer Incunabel erlöst. 1 ) 
Gerade Incunabeln sind für diesen Zweck zu beachten; doch 
sind auch hier die werthvollen Funde selten, und man braucht 
nicht eben jedes beschriebene Pergamcntblatt abzureifsen. 

Man benutzte ferner alte Handschriften auch zu den Or- 
geln. In einem fränkischen Nonnenkloster gaben 1024 die 
Nonnen dem Organisten Keller eine Pergamenthandschrift, um 
damit die Blasebälge der Orgel auszukleben; er aber entschlofs 
sich aus Ehrfurcht vor dem Alterthum der Schrift, dieselbe 
aufzubewahren. Es ist ein 1383 geschriebenes deutsches Ge- 
dicht, die Ilimmelstral'se, jetzt in der Petersburger Bibliothek."') 

In einem alten Catalog der S. Catharinenbibliothek in 
Hamburg von 1678 heilst es von n. 509: „Ein grofs Perga- 
mentbuch, gewogen 24 //., zu der Orgel verbraucht bei den 
Zeiten Zacharias Soecklandt", u. q. 510: „ein dito ebenmäfsig", 



') Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheina XXV, 59. 
Marx, Geschichte des Erzstifts Trier II. 2, 557. 

D 7" rto rin in Judaicum) welches Wilken s. 98 :m> «1 < i m 

Verzeichnifa von 1438 anführt, wird auch wohl Pergament mit hebr. 
Schritt gewesen Bein, was Dicht Belten als Einband vorkommt. 

') Archiv x. 117 mit Facsimile. Das versteht wohl Gossembrol 
unter prestola; sonst Lst pressula der gewöhnliche Ausdruck für die Per- 

'reiten. ;in denen die Siegel hingen. 

> ] • < • 1 1 1 1 1 XXI, 23. Man verklebt, glaube Ich, auch die hölzernen 
Pfeifen mit \'< rgament. 



Fälschungen. 341 

511 „ebenmäfsig verbraucht." Nach den Ueberbleibseln des 
einen zu schliefsen, waren es Missalien. *) 

Auch die Schwertfeger brauchten Pergament zu Scheiden. 
Nie. Ellenbog jammert 1539 über einen Pfarrer zu Memmingen, 
der Bibliotheken aufkauft und sie für 5 Gulden den Centner 
nach Nürnberg verkauft. Sunt gradualia, multum quidem pon- 
derantia; läborem vero et manum scriptoris si ponderes, pilo 
distrahantur, ut vaginis prestent subdueturam. 2 ) 

Aus einer Schwertscheide kann also möglicher Weise ein 
Autor herauskommen, aber alles ist verloren, wenn das Perga- 
ment in die Hände der Goldschläger und der Leimsieder ge- 
langt ist. Deshalb sagt B. Pez (Thes. I Diss. p. LIV): „Ideone 
duntaxat a priscis Coenobitis tot et tanta volumina exarata sunt, 
ut vel bibliopegis involucra librorum, vel musicariis f olles et 
gluten, vel bracteatoribus mensulas (hi enim truculentissimi bi- 
bliothecarum Pelopidae sunt) pararent?" 

4. Fälschungen. 

Eine Abhandlung über Fälschungen alter und neuer Zeit 
würde einen eigenen Abschnitt in Anspruch nehmen und nicht 
hierher gehören. Ich werde mich aber hier auf einige Aeufser- 
lichkeiten beschränken. Ueber Fälschungen von Urkunden 
handelt sehr ausführlich, mit Anführung vieler merkwürdiger 
Thatsachen, der siebente Theil des Nouveau Traite (VI, 110 
bis 281), wogegen aber Th. Sickel (Urkk. der Karolinger I, 
21 — 26) mit Recht bemerkt hat, dafs die Verfasser in ihrem 
Eifer, die Mönche und ihre Urkunden zu vertheidigen, zu weit 
gegangen sind. Unsere Archive sind voll von falschen Urkun- 
den, von welchen viele lange Zeit für echt gegolten und auch 
rechtliche Wirkung gehabt haben. 3 ) Vorzüglich merkwürdig 



*) Chr. Petersen, Gesch. d. Hamb. Stadtbihl. (1838) S. 6. 

2 ) Geiger, Nie. Ellenbog S. 114 (Wien 1870 aus d. Oesterr. Viertel- 
jahrsschrift f. kath. Theol.). Der Abdruck mufs durch Conjecturen les- 
bar gemacht werden. 

3 ) Vgl. oben S. 5 11'. In vielen Fällen hat ohne Zweifel Bestechung 
mitgewirkt, um unechten Urkunden Anerkennung zu verschaffen. 



342 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

ist iin sclilesisclien Staats-Archiv zu Breslau der Fall, clafs der 
echte Stiftungsbrief des Klosters Leuhus von 1175 nehen drei 
gefälschten Exemplaren aus dem 13. und 14. Jahrhundert un- 
versehrt erhalten ist. 1 ) Wenn, wie hier, einfach die Schrift 
der späteren Zeit in Anwendung gebracht ist, so ist die paläo- 
graphische Kritik leicht und einfach. Auch die Nachahmung 
einer viel älteren Schrift ist gewöhnlich so schlecht gelungen, 
dafs der Betrug sich gleich verräth. Wo aber die Fälschung 
dem Datum der Urkunde nicht so fern steht, wird die Aufgabe 
oft schwierig und ist zuweilen gar nicht mit Sicherheit zu lösen. 
Ein lehrreiches Capitel über Fälschung von Handfesten 
enthält der Anhang zum Schwabenspiegel, welcher sich in 
einigen Handschriften findet. 2 ) Ebenda werden auch die ver- 
schiedenen Methoden der Siegelfälschung beschrieben, worüber 
auch im Nouveau Traite viel zu finden ist, 3 ) und über welche 
schon in alter Zeit Lucian sehr genau berichtet hat, in seiner 
Schrift über den Gaukler Alexander c. 19 ff. Dieser liefs sich 
nämlich Fragen in versiegelten Briefen geben (eg ßißklov ty- 
YQcnpavra xazaQQcctycu re xal xaTicOf/u/'/yaö&cu xtiqcq), löste 
auf verschiedene Weise das Wachs, top ts xaxm vjio reo ttvcp 
xal xbv avrijv xrp> 6<pQ<xylda r/ovra, und versiegelte die Briefe 
wieder. Nachdem er sie dann öffentlich erbrochen, gelesen 



*) C. Grünhagen, Regesten zur Schles. Geschichte, Cod. Dipl. Sil. 
VII, 36, vgl. Zeitschr. V, 193 ff. Abt Günther, der Beichtvater der h. 
Hedwig, scheint ein Hauptfälscher gewesen zu sein. 

2 ) Zuletzt abgedruckt von Rockinger in den Sitzungsberichten der 
Münchener Akademie L867, II. 2, 821—324.' 

3 ) Ueber die Fälschung päbstlicher Bleibullen in der Zeit'Inno- 
ccii/ III ist zu vergleichen L. Delisle in der Bibl. de l'ßcolc des Chartea 
1. Serie IV, 47. Ein interessanter Prozefa gegen einen Siegclfälscher 
vom J. 1364 findet sich in Klose's Gesch. von Breslau II, 222—236; vgl. 
auch Zeitschr. f. Schles. Gesch. XI, 171—187. XII, 231, u. ausführlich 
II (.intet,. ,iil aber Sphragistü (1875) S. 32—54. Zeitschr. f. Lüb. Gesch. 
III. 366. 367. Vgl. auch das Bekenntnifa einer Nonne im Kloster Remse 
bei Waidenburg von L512, die einen Brief mit dem Schönburgischen 

el halte hergeben müssen, am damit einen anderen ZU falschen. 
Archiv f. Bachs. Gesch. III. 214 ff. Die Franciscaner zu Seuaelitz in 
Thüringen mifsbrauchten 1288 das ihnen anvertraute Siegel Heinrichs 
des Erlauchten zu einer Fälschung, Winter. Cisterz. II. L28. 



Fälschungen. 343 

und beantwortet hatte, versclilofs er die Rollen wieder: eha 
xc(T£th]6aq avfriq xcd öiftiTjväfisvog djtsdiöov. Von einem in 
diesen Künsten vorzüglich geübten und geschickten Abte erzählt 
Boncompagnus. *) Derselbe beschwert sich auch bitterlich 
über Betrüger, welche von seinen Schriften den Namen ab- 
kratzten und sie in den Rauch hingen, um ihnen den Schein 
des Alters zu geben: Bogo illos ad quorum manus hie Über 
pervenerit , quatenus ipsum dare non velint meis aemuMs, qui 
raso titido me quinque salutationum tabulas non composuisse 
dieebant, et qui mea consueverunt fumigare dietamina, ut per 
fumi obtenebrationem a midtis retro temporibus composita vide- 
rentur, et sie miclii sub quodam sceleris genere meam gloriam 
auferrent. 2 ) 

Der Dominicaner Giovanni Nanni, bekannter als Annius 
von Viterbo, soll, wie in neuester Zeit Constantin Simonides, 
seine Fälschungen vergraben, und später bei gelegener Zeit 
entdeckt und aufgegraben haben. 3 ) So waren schon in alter 
Zeit die angeblichen Bücher des Numa vergraben worden. 4 ) 

Allgemeine Regeln für die Kritik von Fälschungen aufzu- 
stellen, hat wenig Werth; es müssen eben alle Umstände der 
schärfsten Prüfung unterworfen werden, und wo kein Original 
vorliegt, ist paläographische Kritik nur selten noch anzuwenden. 
Zwei Umstände aber mochte ich hervorheben, welche bei vielen 
Fälschungen zutreffen. Die Verfertiger derselben waren nämlich 
oft mit den Gebräuchen der fernen Vorzeit, in welche sie ihre 
Producte verlegen wollten, ganz unbekannt, und verfielen des- 
halb auf beliebige ungewöhnliche und auffallende Umstände, 
welche den Schein des hohen Alters geben sollten, aber nur 



2 ) Quellen zur Bayer. Gesch. IX, 144. 

2 ) Bei Rockinger in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie 
1861, 1, 145, mit noch einer ganz ähnlichen längeren Stelle, worin er u. a. 
sagt: Coniuro per omnipotentem furtivos depilatores, ne abrasis titulos 
ipsos exeorient, sicut quidam meos alios libros turpiter exeoriarunt. 

8 ) Mabillon, Iter Ital. p. 156. Ueber Simonides s. oben S. 264 und 
F. Ritschi, Aeschylus' Perser in Aegypten, ein neues Simonideum, Berichte 
der k. Sachs. Ges. d. W. 1871 S. 114—126. 

4 ) Liv. XL, 29. Vgl. auch oben S. 43. 



/ 



344 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

die .Unwissenheit des Fälschers verratlien. Ferner ist sehr 
häufig, weil man eine legitime Herkunft nicht angehen konnte, 
die Auffindung mit fabelhaften und unwahrscheinlichen Uni- 
ständen verknüpft, welche allein schon geeignet sind Verdacht 
zu erregen. Einige Beispiele mögen das erläutern. 

Von dem schon in alter Zeit gefälschten Dictys Creten- 
sis wird in dem Prolog behauptet: de toto hoc hello sex Vo- 
lumina in tilias digessit phoenieeis litteris. Diese iäfst er dann 
mit sich begraben, wo sie verborgen bleiben, bis sie zur Zeit 
des Kaisers Nero entdeckt werden. 

Das angebliche Original einer Urkunde Otto's I von 964 
(Stumpf 343) im Wiener Staatsarchiv ist mit rother Dinte ge- 
sehrieben. Einen so groben Fehler wufste Herzog Rudolf IV 
von Oest erreich zu vermeiden, als er sich um 1359 seine 
Freiheitsbriefe verfertigen liefs, deren äufsere Erscheinung selbst 
Kenner getäuscht hat; aber in der Urkunde von Heinrich IV 
(Stumpf 2563), durch welche die schönen Privilegien Cäsar's 
und Nero's bestätigt werden, ist es ihm doch begegnet zu 
sagen, dafs diese ex lingua paganorum in die lateinische 
Sprache übersetzt seien. Diese Monstra gaben bekanntlieh 
Petrarca zu der ersten Leistung sorgsamer Urkundenkritik im 
Mittelalter Anlafs. x ) 

Der ehrgeizige Erzbischof Ilinkmar von Reims, von 
dem es nicht zu bezweifeln ist. dafs er für seine Bestrebungen 
auch Fälschungen nicht verschmäht hat. verfal'ste eine Vita S. 
Remigii und eine Vita 1). Sanctini, welche unglaubliche und 
älteren Quellen unbekannte Dinge enthalten. Uni nun diese 
wahrscheinlich erscheinen zu lassen, behauptet er. in seiner 
Jugend \"ii Grei8en gehört ZU haben, dafs sie noch einen 
librum maximae guantitatis, nimm <ii//i(//i<ir/<t scriptum, über 
das Leben des heil. Remigius gekannt hätten, der vernachlässigt 
wind«', weil man zum kirchlichen Gebrauch das kürzere Leben 
von Fortunal hatte. Inzwischen wurden durch die Bedrückung 
anter Karl Martel die Cleriker gezwungen sich Geld zu 7er- 



') Jos Berchtold) Die Landeshoheit Oesterreichs L862 8 32 führt 
noch einige Fälle staatsrechtlicher Fälschungen ;>n. 



Fälschungen. 345 

dienen, welches sie in cartis et librorum foliis iuterdum liga- 
bant. So kam es, dafs der grofe Codex partim stülicidio putre- 
factits, partim a soricibus corrosus, partim foliorum abscisione 
dirisus, in tantimi deperiit, ut pauca et dispersa inde folia 
vix reperta fuerint. Hinkmar will nun in diversis pitaciolis, 
in antiquis scedidis, allerlei noch gefunden haben, was er mit 
der mündlichen Ueberlieferung verbindet. 1 ) Ganz ähnlich be- 
ruft er sich in der Vita Sanctini darauf, dafs ihm in seiner 
Jugend ein längst verstorbener Abt des Klosters des h. Sanctinus 
zu Meaux quaterniunculos valde contritos, et quae in eis scripta 
faerant paene deleta, die er aufgefunden, übergeben habe, um 
sie zu entziffern und in növa pergamena umzuschreiben. Da 
inzwischen das Kloster von den Normannen verwüstet sei, so 
bezweifle er, dafs jene Abschrift noch vorhanden sei; er habe 
aber eine zweite für sich genommen. 2 ) Diese Geschichten sind 
an sich nicht unmöglich, aber der Inhalt der Schriftstücke 
läfst keinen Zweifel daran übrig, dafs wir es 'hier mit einem 
Kunstgriff zu thun haben, der sich häufig wiederholt und dessen 
Vorkommen schon allein hinreicht Verdacht zu erregen. Wir 
finden denselben in der Vorrede des Abtes Odo von Glan- 
feuil zu der übel berüchtigten Vita S. Mauri, angeblich von 
dessen Schüler Faustus. Odo will nämlich im Jahr 863 auf 
der Flucht vor den Normannen mit Pilgern zusammengetroffen 
sein, deren einer in seiner sportula die Handschrift aus Mont- 
Saint-Michel mitgebracht hatte: quaterniunculos nimis paene 
vetustate consumptos, antiquaria et obtunsa olim conscriptos 
manu. Odo findet darin das Leben des h. Benedict und seiner 
fünf Schüler Honorat, Simplicius, Theodor, Valentinian und 
Maurus; er kauft ihm die Blätter ab, und quia tarn inculto 
sermone quam vitio scriptorum depravati viclebantur, schreibt 
er das Leben des h. Maurus ab, indem er es zugleich über- 
arbeitet. Von dem übrigen Inhalt der Handschrift hat nie 
etwas verlautet. Den Verdacht, welchen diese ganze Geschichte 



J ) Acta SS. Oct. I, 151. Uebrigens verweise ich auf die in meinen 
„Deutschlands Greschichtsquellen" angeführten Stellen. 
2 ) Acta SS. Oct. V, 587. 



346 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

hervorruft, bestätigt der Inhalt, und man sollte deshalb die 
schon von Papebroch aufgegebene Legende billig nicht mehr 
benutzen. * 

Nicht besser steht es mit der Vita S. Fridolini. Balther, 
Mönch in Säckingen, will das schmerzlich vcrmifste Leben des 
Stifters in einem andern auch von Fridolin gestifteten Kloster 
gefunden haben. Es mitzunehmen wurde ihm nicht erlaubt, 
et incaustum scu membrana not/ a fruit! Da bleibt ihm denn 
nichts anderes übrig, als es, so gilt es geht, dem Gedächtnifs 
einzuprägen und zu Hause aufzuschreiben. Niemals aber ist 
von der angeblichen Urschrift etwas an den Tag gekommen, 
deren Existenz daher Stalin mit Recht bezweifelt, während 
Mone keinen Grund dazu finden konnte. 

Ebenso wird es sich mit den Nachrichten verhalten, welche 
der Verfasser der Vita SS. Eucharii, Valerii et Materni 
in der Asche der verbrannten Stadt Trier gefunden haben will: 
Haec de gestis sanetorum patrum j>ost exeld'ium Trevericae vrr- 
bis reliquias cineris diligentius perscrutantes sparsis in cartulis 
scripta invenimus. 1 ) Besonders ergötzlich aber ist, was man 
in St. Alban's von der Auffindung der Passio S. Albani er- 
zählte. Abt Eadmer, so berichtet Äfatthaeus von Paris, machte 
Nachgrabungen in den Ruinen der alten Römerstadt Verulam, 
und da fand man in cuiusdam muri coneavo <!</><>*ito, quasi at- 
mariolo, cum quibusdam minoribus libris et rotulis cuiusdam 
codicis ignotum vdlumen, quod parum fuit ex tarn longaeva 
mora demolitum. Cuius nee litera nee idioma alicui tunc in- 
vento cognitum prae antiquitate fuerat; venustae tarnen formde 
et manifestae literae fuerat (sie). Quarum epigrammata et ti- 
tüli aureis literis fulserunt redimiti. Ässeres querni, ligamirta 
?( ,-ini pristinam m magna parte fortitudvnem et decorem reti- 
nuerunt.*) Es gelingi endlich einen malten Priester aufzu- 
treiben, der darin die Schrift und Sprache der alten Britten 
erkennt; der Al»t läfsl die Schrifl übersetzen, and nachdem 
das geschehen ist, /erfüllt die Handschrift in Staub: exemplar 

') Friedrich, Kirchengeschichte Deutschlands i. 98 

i vn;w 8 Miuni abb. i». ti ed. Ws 



Fälschungen. 347 

primitivum ac originale,, quocl mirum est dictu, irrestaiirabiliter 
in pülverem subito redactum, ceciclit anmdlatum. G. Henschen 1 ) 
hatte seine Zweifel bei dieser Erzählung; Merryweather aber 
schreibt sie ganz gläubig nach. 2 ) 

Der Legende des h. Valentin und anderer angeblich 
in Gräbern gefundener Bleitafeln wurde schon oben S. 44 ge- 
dacht. Einer anderen Erfindung bediente sich 1494 Joh. Birk, 
Rector der Stiftschule zu Kempten, für seine fabelhafte Grün- 
dungsgeschichte des Klosters, welche er einem angeblichen 
Kanzler Kaiser Ludwigs, Gotfridus de civitate Marsilia, unter- 
schob. Beliebter scripta, heifst es da, sub Castro Hylemont in 
Ludovici Pii imperatoris Cancellaria a. d. 832. Exemplar fuit 
scriptum Campidonae pro liberaria super cortice vilmio cadueo 
in midtis passibus vetustate prae nimia. 8 ) Was für eine Rinde 
sich der Fälscher unter diesem Ausdruck vorgestellt habe, ist 
unklar und gleichgültig; es mag aber bei diesem Anlafs be- 
merkt werden, dafs manchmal in älteren Beschreibungen von 
cortex und charta corticea die Rede ist. Der Nouveau Traite 
enthält eine sehr ausführliche Untersuchung darüber. In der 
Regel wird bei solchen Ausdrücken an Papyrus zu denken 
sein, aber auch die bekannten Wachstafeln in Pistoja mit 
den Rechnungen König Philipps IV von Frankreich wurden 
nach Mabillon's Angabe von dem Besitzer für Baumrinde ge- 
halten. 4 ) 

Bei Rüxner, dem Verfasser des berüchtigten Turnier- 
buches, finden wir wieder die 1 charakteristische Angabe, dafs er 
ein Original aus der sächsischen Sprache ins Hochdeutsche 
übersetzt, der Besitzer es aber dann auf seinen Wunsch ins 
Feuer geworfen habe. 5 ) Ein Italiener Alfons Cocarelli 
legte sich zur Zeit Pius V ein Magazin erdichteter Urkunden 



*) Acta SS. Jun. IV, 146. 

2 ) Bibliomania p. 170. 

8 ) B. Pez, Thes. I. p. XIII; vgl. Büdinger: Von den Anfängen des 
Schujzwanges (Zürich 1865) p. 33, wozu nur zu bemerken ist, dafs der 

Vf. der Geschichte von Kempten Haggenmüller heifst. 

4 ) Iter Ital. p. 192. Vgl. oben S. 89. 

ß ) Waitz, König Heinrich I, S. 253. 



348 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

und Chroniken an, welche sich durch gezierte und scheinbar 
alte Schrift verrathen. 1 ) Die rothen Buchstahen als vermeint- 
liches Zeichen des Alterthums linden wir wieder in dem Chron. 
Maceriense, welches 1708 zur Verherrlichung der Herren 
von Poulli verfertigt wurde, angeblich Collationne et trouve 
conforme de mot ä untre sur V "original Manuscrit en velin eerit 
en lettres rouges, 2 ) Unglaubliche Geschichten, um das Ver- 
schwinden der Originale und die Rettung von Abschriften zu 
erklären, niuthet uns Pratillo zu glauben zu 3 ), und in ganz 
ähnlicher Weise Hanthaler, der Erfinder des Ortilo und des 
Pernold. 

Dergleichen Wahrnehmungen müssen natürlich auch in 
analogen Fallen Verdacht erregen. Es ist z. B. sahr auffallend, 
wenn, nachdem die alten serbischen Lieder bekannt gewerden 
sind, die nun auftauchenden alt böhmischen Denkmäler 
theils anonym mit der Post ankommen, theils unter alten 
Pfeilspitzen in einem Thurmgewölbe, allein von Hanka, g efun- 
den werden, wenn die Dinte bald gelb bald grün ist, die Schrift 
so seltsam, dafs man sich durch die Erfindung einer eigener] 
böhmischen Schreibschule, ausschliefslich für diese Producte, 
helfen mul's. Und diese Umstände w T iegen um so schwerer, da 
notorische Fälschungen in genauestem Zusammenhange mit 
jenen angeblichen Entdeckungen stehen. Die Königinhofer 
Handschrift theilt mit Libuscha's Gericht die Eigentümlich- 
keit, dafs «las unten durchstrichene j> gegen den constanten 
Gebranch des Büttelalters nicht nur per, sondern auch pre und 
pri bedeutet. 4 ) Dasselbe Kennzeichen eines unwissenden Fäl- 
schers, nur in Doch n i < *1 grösserer Ausdehnung, bieten uns auch 



') ..II est äcril d'une encre pale, ei dont les lettrea ä demi- 
£fac£ea, montrenl an faiu air d'antiquite\ Toul le reste <-st dana le 
niriiic gout, pages d6chir6e8, margee ua^ea, braita forcea, caracterea irre'- 
guliera, lettres diveraemenl figuräea, Lignes courbäea eo <!<•* Bens difä- 
rens, la oature par-toul sacrifiöeä une afeeta/fion gui sc fcrahit," Nouveau 
Träte vi. 301. 

i Ar. hi\ i alt. (I. Geachichtakunde XI, 21 L. 

[fa l\. 7 9 
') Julius l <i t :■ i : ' CTeber dieKöniglnh fer Handachrift (1860) S. 108. 



Fälschungen. 349 

die Pergamone cV Arborea, deren Zurückweisung durch die 
Commission der Berliner Akademie 1 ) für die gelehrte Welt nun 
wohl endgültig sein wird. Wir finden bei diesen auch den 
auffallenden Umstand, dafs der Name des Signor Pillito, von 
"welchem die Pergamente herrühren und der die ungewöhn- 
lichen Abkürzungen so treffend zu enträthseln versteht, sich 
schon in den ältesten Documenten findet. Jaffe, von dem die 
paläographische Kritik herrührt, hebt auch hervor, in wie 
augenfällig künstlicher W T eise das schmutzige Ansehen erzeugt 
ist, welches neben den erborgten Schriftzügen die Bestimmung 
hat, die jungen Werke alt erscheinen zu lassen; wie die Blät- 
ter ganz oder nur ihre Ränder in mannigfache Flüssigkeiten 
eingetaucht, wie über gröfsere und kleinere Abschnitte fliefsen- 
der oder zäher Schmutz, sei's ergossen, sei's ausgespritzt, sei's 
auf- und niedergestrichen worden ist. Durchweg ist diese 
mustergültige Kritik ein ebenbürtiges Seitenstück zu der frü- 
heren über das Schlummerlied. 2 ) Zu dieser habe ich nur 
noch hinzuzufügen, dafs der Pergamentstreifen nie zu einer 
Bücherhandschrift gehört hat, sondern von einer italienischen, 
vielleicht päbstlichen Urkunde herrührt, wie die braunrothe 
gestrichelte Färbung der Rückseite zeigt. Die geglättete weifse 
Vorderseite ist verwaschen, die Dinte deshalb ausgelaufen. 



J ) Monatsbericht vom Januar 1870 S. 64—104. Auf eine Entgeg- 
nung von F. Carta und E. Mulas im Propugnatore von 1872, S. 77 — 103, 
antwortete Gaston Paris in der Zeitschr. Romania 1872 S. 264. Nach- 
richten über andere Handschriften de fabrication Sarde in Siena und 
Florenz finden sich in: Delle carte di Arborea e delle poesie volgari in 
esse contenute, esame critico di Girolamo Vitelli, preceduto da una let- 
tera di Alessandro d'Ancona a Paul Meyer, Bologna 1870 (aus dem Pro- 
pugnatore). 

2 ) Haupt's Zeitschrift f. deutsches Alt. XIII, 496—501. 

\ 



350 l^ e Schreiber. 

V. 
Die Schreiber. 

1. Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 

Bei den Griechen war ygaftfiarsvq die Bezeichnung eines 
Staatsamtes. Früh schon bildeten sich die Stenographen aus, 
6§uyQdg>oi, c>/ J uu<r/Qü(poi, rayv/Qiafot, auch mit lateinischem 
Namen vot&qioi genannt. Diese schrieben auch die Urkunden; 
für Bücher aber gab es eigene ßißXioyQwpoi oder xaUr/Qagtoi. 
Der Kaiser Theodosius II (f 450) wird von späteren Chroni- 
sten mit dem Beinamen xaXXiyQcupoq bezeichnet. 1 ) Eine eigene 
Abtheilung bildeten die xQvöoyQayoi. 

Das Verhältnifs der Tachygraphen und Kalligraphen zu 
einander zeigt uns recht deutlich die schon oben S. 2Q6 er- 
wähnte Geschichte des Origenes. Eusebius (Hist. «ccl. VI, 23) 
schreibt: Ta%vyQa<poi yaq axrtm xXtiovq ?) ejera tbv aQid-pbv 
natfffiav vjcayoQevovTi, %govoiq TETcqpivouz äXXrjXovq äpelßov- 
Teg,+ßißXiOYQdq)Oi ts ov% rjxrovq a\m xal xagaiq Im to xaXXi- 
YQayetv rjöXTjpivaiq. Photins (€üd. \£tt p. H32) sagt irrtnüm- 
lidi von Hippolytos statt von Ambrosios, dafs er ihn veran- 
laß habe die h. Schrift zu commenticren, k^xaraöt^aq ainp 
xal vxoyQayiaq ijcra ra%vyQa<povq xal hinor^ toöovrovq yga- 
tpovraq eiq xaXXoq. Georgius Cedrenus schliefst dieselbe Er- 
zählung mit den Wollen: 6 61 hxl c>yo)S^ yevopevoq vxrjyo- 
qsvöi toTq tayyygcLtpoiq, xal oi ßißXioyQapot övv yvvaiglv 
;';n<'.(f<>r xaXXiyQayelv l§rjöxfj(idvot (1. kgrjöXTjiiivaiq). 

Eusebius (V. Constantini LV, 36) berichtet von dem ihm 
gewordenen Auftrag, für die in Constantinopel neu erbauten 
Kirchen Bücher anfertigen zu lassen vjco xz%vvzüv xaXXiyQa- 
tpcov xal äxQißcoq rrjv xiyyip kxiörafiivcov. 

Später aber verwischl sich der Unterschied, \\\u\ auch No- 
tare sclnvil.cn Bücher. Die Geistlichen, und vorzüglich die 



i) Joe] p. 170. ölycaa p 860. Fgl () J*hn, Bubscriptionen S. 842, 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 351 

Mönche, haben auch im Orient sich sehr viel mit Bücher- 
schreiben beschäftigt, aber doch nie so ausschliefslich wie im 
Abendland, und bei der gröfseren Verbreitung herkömmlicher 
Schulbildung erreichte dort auch die Unwissenheit der Schrei- 
ber niemals einen so hohen Grad. 

E]jhraim der Syrer (f 378) freilich scheint die Kalli- 
graphie zu den ausschliefslich mönchischen Beschäftigungen zu 
rechnen; denn während er sonst in der 48. Paraenesis die 
Laien, welche dieselbe Kunst trieben, ihnen gegenüberstellt, 
sagt er hier: xalhygäcpog tQyafy]; avaloytöac rovg xlslötag 
xcd ItjirovQyovg. Doch erhielt sich der Stand der Kalligraphen 
unter den Laien; die Wissenschaften gewannen unter den Ma- 
cedoniern und unter den Komnenen neues Leben, und classische 
Autoren wurden in musterhafter Weise abgeschrieben. 1 ) 

Athenaeus p. 673 E spricht von einem övyyga^^a, ojt£Q 
vvv Iv zij 'Pcofnj tvQOfitv jiaQa reo ävTixorTVQa A?] i U7]TQicp. 
Dieser sonst nicht vorkommende Ausdruck ist, wie Schweig- 
häuser vermuthet, vielleicht eine Entstellung des lat. Wortes 
antiquarius. 

Montfaucon S. 39 ff. giebt ein Verzeichnifs der ihm be- 
kannt gewordenen Namen griechischer Abschreiber. Der älteste 
(zweifelhafte s. S. 6ß) ist von 759, der nächste von 890. Der 
Oxforder Plato wurde 896 für den Diaconus Arethas von Patras, 
später Erzbischof von Caesarea in Cappadocien, abgeschrieben, 
welcher sich auch 889 den Euclid, 914 theologische Werke ab- 
schreiben liefs, durch den Kalligraphen Johannes, den Cleriker 
Stephan und einen Notar. 2 ) Im 15. Jahrh. kann man in diesen 
Unterschriften deutlich verfolgen, wie zuerst Kreta noch eine 
Zuflucht darbietet, dann in Italien griechische Abschreiber sich 
niederlassen. 8 ) Rührend lautet die Unterschrift: Miy^aiilog 



') s. <;. liernhardy, Grundrifs cl. Griech. Litt. § 88—90. 

2 ) Schanz, Novae Commentationes Platonicae p. 105 ss. Facs. bei 
d. Ausg. des Euthydemus. Der Kalligraph erhielt Y,\ Byzantier. 

8 ) Ein Verzeichnifs Int. Kalligraphen und Miniatoren von Vogel im 
11. und 1^. Band des Serapeum kann wohl als wcrthlos bezeichnet wer- 
den. Die Münchener Handschriftencataloge enthalten Register der 
Schreibernamen. 



352 T) ie Schreiber. 

ijzoöTofafö Bv^dvrioq fisra r^r t/jj: havtov rtatgldog alcoöiv 
jtEvla öv£<5v xal roöt to ßißXlov lv Kqtjxi^ fiera jzo)jm aXXa 

Lateinisch unterschied man in gleicher Weise den scriba 
vom librarms, scriptor oder antiquarms, und vom notarius 
oder tabellio. In Diocletians Edict de pretiis rerum fenalium 
vom J. 301 linden wir die Bestimmungen: 2 ) 

seriptori in scriptura optima versus numero G. den. XX T. 

sequentis scripturae versuum numero G. den. XX. 

tabellioni 3 ) in scriptura libelli vel tabulärum in versibus nu- 
mero G. den. X. 
Und für den Unterricht: 

notario i/n singulls pu&ris menstruos den. LXXV. 

librario sive antiquario in singulis discipulis menstruos den. L. 
Aber auch hier schrieben Notare Bücher, wie sieh aus 
dem oben S. 269 angeführten Briefe des Hieronymus an Lu- 
cinius ergiebt. ■ Auch an dessen Wittwe schreibt er 4 ), dafs Lu- 
cinius missis sex notariis (quia in hoc prövincia latini sermo- 
nis scriptorum penuria est) describi sibi fecit quaeeunque ab ado- 
lescentia usque m praesens tempus dietavimus. Derselbe schreibt 
an Angustin: 6 ) Grandem latini sermonis in i*1<> proqincia no- 
tariorum patimur penuriam, et icci/rco praeeeptis tuis parere 
mm posswmus, maxime in eMtione LXX, qiiae asteriscis veru- 
busque distineta est. Hier scheint doch kaum eine spatere 
Umschreibung durch Kalligraphen noch beabsichtigt zu sein: 
wohl aber bei der Uebersetzung der Chronik des Eusebius, für 



1 Zanetti, ßraeca Divi Marci Bibl. p. L32 cf. -Jon. Miller. Catal. 
des Manuscrits Grecs de l'Escurial L848 S. (!!». Daselbsl ähnliche aus 
späterer Zeit. Vgl. auch Marfyalov A. IlaQavlxa axeölaofia neQi xr$ 

; i IW^EXhjVlXW :"!h:i 9CCCTa<JTa<fe<0Q V&V yo((t<il/U ar dnb aX(OG 6 (OQ K(OV* 

atavztvovnoXewg ii: '/'j< "'"' oiqx&v rrjg ivsctcioijg kxtttovraeTijQtSog, 
Sonst. L867. Dario S. r.'.~> ff. eine Znsammenstellung der im Ausland 
bäftigteo Schreiber, doch fast nur aus Miller's eben angeführ- 
tem Buch. 

Nach dem Text von Th. Mommsen Im Corpus tnss. lll. 2, 831, 
) fehlerhaft geschriebeii tabeUanioni. 
') ep 7.".. l Opera ed Vall. i. 151. 
ep l.'.i Opp. I. L067. 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 353 

deren Mangel Hieronymus um Entschuldigung bittet, cum et 
notario ut sdtis velocissime dictaverim. 

Merkwürdig ist, wie Johann von Tilbury dem Hieronymus 
nachrechnet , dafs er die Uebersetzung des Buches Judith in 
einer lucubratiuncula, wie er selbst sagt, vollendete und dic- 
tierte; er setzt dafür 6 Stunden an, in welchen also seine No- 
tare schrieben, was auf 8 foliis magnae capacitatis, ut pote 
Mstorialibus, stand. Diesen Ausdruck hat er auch schon vor- 
her gebraucht. 1 ) 

Nachschreibende Notare finden wir auch noch später. In 
der Vita Prisciani bei H. Hagen, Anecdd. Helvett. p. clxix 
steht: Non a Prisciano scriptum, sed dictatum, quoniam eo 
dictante Flavius Theodorus eius discipulus, bonus scliolasticus 
et notarius, scripsit. Richtig scheint das freilich nicht zu sein, 
da nach den Subscriptionen Theodor, wenn er auch Kanzlei- 
beamter war, doch vorher antiquarius genannt wird und kalli- 
graphische Abschriften herstellte. Freilich wird er den Nota- 
ren gleich zu achten sein, welche Cassiodor 2 ) von den gewöhn- 
lichen Abschr eibern unterscheidet; Hieronymus hatte, wie er 
berichtet, für die slmplices, welche die clistinctiones nicht ken- 
nen, seine Uebersetzung per cola et commata schreiben lassen: 
das behält er bei, läfst aber die anderen Bücher durch Notare 
genau durchsehen und verbessern (oben S. 270). Von diesen 
sagt er: Qui etsi non potuerint in totum orthographiae minu- 
tias custodire, emendationcm tarnen codicum antiquoram, ut 
ojnnor, adhnplere modis omnibus festinabunt. Habent enim seien- 
tiam notarum suarum, quae ex maxima parte lianc peritiam 
tangere atque admonere noseuntur. 

Dafs diese Kenntnifs und Uebung sich bei ihnen lange er- 
hielt, haben wir schon gesehen, und die für Hildebald von Cöln 
geschriebenen Handschriften zeigen es sehr anschaulich. Auch 
Alcuin hatte dergleichen Notare zur Verfügung, denn er er- 
zählt in der Vorrede zur Vita Eicharii, dafs er vocato notario 
die alte Biographie überarbeitet habe: dietatu admodttm com- 



1 ) Val. Hose im Hermes VIII, 320. 

2 ) Pracfatio instit. div. litt. II, 538 ed. Garet. 
Wattenbach, Sehriftwe en. -'. Aufl. 2.') 



354 Die Schreiber. 

pendioso titulo vitac Bicharii aptavimus. 1 ) An diese Worte 
klingt die Inschrift einer Engelberger Handschrift des 12. Jahr- 
hunderts an: 

Hie Augustini über est (siniul) atque Frowini: 
Alter dietavit, alter scribendo notavit. 2 ) 

Allein hier ist der h. Augustiu als Verfasser gemeint, 
Frowin nur der Abschreiber. Dagegen soll in der grofsen 
Bilderbibel wirklich Abt Frowin dargestellt sein, wie er dem 
Schreiber Puchene dictiert. 3 ) Otto von Freising sagt von sei- 
nem Notar Ragewin: qui haue historiam ex ore nostro sitb- 
notauit, und Günther 1212 klagt über den Kopfschmerz, der 
ihn peinigt, nt verba inventa notario vix possim expritiicre.*) 

Die Notare erhielten sich in Italien als Stand, und haben 
sich von da aus auch nach anderen Ländern verbreitet. Manche 
Rechtshandschriften, welche sich vom achten bis zehnten Jahr- 
hundert auffallend von der feineren Bücherschrift unterscheiden, 
mögen von ihnen herrühren, so wie auch die Urkundenschrift 
bis in Ludwigs des Frommen Zeit, in Italien weit langer, von 
der karolingischen Reform unberührt blieb. Wir haben oben 
S. 90 gesehen, wie der Pabst 972 seinen Notar rief, um eine 
Bulle zu schreiben. 5 ) Die Notare waren es eben, von welchen 
die so lange festgehaltene Schrift der pabstlichen Ballen her- 
rührte, die man deshalb scripta notaria nannte. Nachdem man 
davon abgegangen und auch Papyrus nicht mehr zu haben 



') Gedr. u. a. bei Jair«'. Bibl. Vi. 7f><;. 

' 2 ) Halm. Gesch. (1. bildenden Künste in der Schweiz I, 307 aus 
v. Liebenau, Versuch einer urkundl. Darstellung von Engelberg (1846) 
Seite ;;j. 

> Etahn a. a. ()., wo auch ein schreibender Evangelist abgebildet 

it. wie gewöhnlich da- Buch mit dem abgerundeten Messer haltend 

oben 8. 280 , 

') de orat. XII. 1. Forschungen XIU. 285. 

r ') ich trage i"'i dieser Gelegenheil eine Stelle der Petershauser 
Chronik I c. 27 MG. 88 XX, 638 nach, aufweiche Herr Dr. W.Arndt 
mich aufmerksam macht: Privilegium monasterii in biblis primitus 
si fijiiKin . quod ei hactemu est in monasterio conservatum, Es ist eine 
Bulle von 9 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 355 



war, entstanden die zahlreichen Fälschungen, welche nament- 
lich Innocenz III so eifrig verfolgte. 

In späterer Zeit finden sich Notare, vorzüglich in Florenz, 
sehr häufig als Buchschreiber; einer entschuldigt sich 1323, 
Et si puleras lieberas non feci, sattem ad intellectum quam 
melius potui seripsi (Bandini I, 651). 

Auch die chartularii waren Kanzleibeamte, kommen aber 
zuweilen als Buchschreiber vor. In der Lebensbeschreibung 
Arnest's, des ersten Erzbischofs von Prag, heifst es, dafs er 
immer zwei bis drei cartularii mit Abschreiben von Büchern 
beschäftigte. 

Den Ausdruck antiquariiis sahen wir schon in Diocletians 
Edict gleichgesetzt mit Ubrarius. Hieronymus sagt ep. 5: 
haheo alitmnos qui antiquariae arti serviant. Ein Glossar 
erklärt: antiquariiis aQycnojQacpoq, xalliyQatyoc,, antiquare 
xaZZiyQafprjöai. Isidor Origg. VI, 14 sagt: Librarii Odern qui 
et antiquarii vocantur , sed librarii sunt qui nova et veter a 
seribunt, antiquarii qui tantummodo veter a, unde et nomen 
sumpserunt. Eine ganz absurde Erklärung, die nur, wie so 
viele andere, von oberflächlicher Etymologie hergenommen ist. 
Allerdings werden die Antiquarien ihren Namen daher haben, 
dafs sie sich auf ältere Schriften verstanden und diese ab- 
schrieben, allenfalls auch in ähnlicher Weise ergänzen konnten, 
und zuweilen findet sich auch in der Anwendung des Wortes 
eine Beziehung darauf; so im Cod. Theodos. 1. XIV tit. IX c. 2 
de studiis liberalibus urbis Romae, einem Gesetz der Kaiser 
Valentinian, Valens und Gratian von 372: Antiquarios ad bi- 
bliothecae Codices componendos vel pro vetustatc reparandos 
quattuor graecos et tres latinos scribendi peritos legi iubemus. 
Auch die vier antiquarii, welche nach Cod. Justin. 1. XII 
tit. 19 1. 10 in scrinio memoriae habentur, werden wohl mit 
alter Schrift vertraut gewesen sein. Gewöhnlich aber bedeutet 
antiquarius einfach einen Bücherschreiber, und ist gleichbedeu- 
tend mit Ubrarius. 

So sagt Augustin, Sermo 44: qui videt litter as in codice 
optime Script o, laudat quidem antiquarii manum, admirans 
apicum puleritudinem .... Ausonius entschuldigt sich ep. IG 

23* 



356 l'' 1 ' Schreiber. 

ad Probum, dafs er die Bücher jetzt erst schicke, oblata per 
antiquarios mora. Sidonius Apollinaris aber scheint sein eigener 
Schreiber gewesen zu sein, indem er ep. IX, 16 schreibt: Festi- 
nus exscripsi, tempore hiberno nil retardatus quin actutum iussa 
complerem, licet antiquarium morarebwr insiccäbüis gelu pagina 
if calamo durior gutta. Cassiodor de institutione divinarum 
littcrarum handelt c. 30 de antiquariis,*) deren Beschäftigung, 
wenn sie heilige Schriften correct abschreiben, er sehr preist: 
toi vulnera, sagt er, Satanas aeeipit, quot antiquarius Domini 
verba describit; er braucht das Wort ganz gleichbedeutend mit 
librarii. Wir gedachten schon jenes Theodorus antiquarius in 
Constantinopel, welcher 527 memorialis sacri scrinii epistola- 
rum geworden war. 2 ) Im J. 551 tadelte Pabst Vigilius den 
Bischof Theodor von Mopsuestia: qui dornt tuae sedens anti- 
quarios pretio caro conducens ca . . . . conscripsisti.*) Gregor I 
erwähnt Di all. I, 4, dafs jemand, der einen Abt in seinem 
Kloster suchte, antiquarios scribentes reperitj was in der grie- 
chischen Uebersetzung des Pabstes Zacharias sehr frei wieder- 
eben ist: tovq T(~>r äöeXgtcov jtQOvxovraq Iv tFj fiovfi %ak- 
liy()a<povvTaq freaeduevog. Ein antiquarius Eutalius findet 
sich unter einer Handschrift der Capitularbibliothek in Verona, 
welche ins 6. Jahrhundert gesetzt wird. 1 ) Eine Handschrift 
des OrosiuSj welche dem 7. Jahrhundert zugeschrieben wird, 
hat die Unterschrift: confectus codex in statione Vüiaric <nt/i- 
quarii. 6 ) Er war ohne Zweifel ein Gothe, da sieli unter Arn 

Unterschriften einer Ravennater Urkunde von c 551 ein Vil- 
jarip bokareis unter dem Clerus der Gothenkirche befindet. 6 ) 



J ) Es ist besonders abgedruckt bei H. Hagen, Anecdd. Helvett. 
]). ( XI. I Grammatici Latt. cd. Keil. Suppl. L870). 

-) o. Jahn tlber die Subscriptionen s. ;;;>;>. .Mit ihm ist der Kaiser 
Theodosius II rerwechsell bei Aldhelm A. Mai, Anett, class. V. 598 - 
0. Jahn 8. 342 and M Hertz, Praef. ad Priscianum. 
) Jaffa, Reg. Pontiff d. 609. 

') Sitzungsberichte d. Wiener Akad. XIX, 94. 
Mab. Dipl. p. 864. 

°) Mafemann, hie Goth. Urkunden von Neapel und Arezzo, Wien 

t Dei Name auch in einer burgund. Grab chrift, 9. Binding, Burg, 
romanisches Königreich 8. 402 



Benennungen im Altertimm und Mittelalter. 357 



53 



Im Mittelalter kommt der Ausdruck nicht gerade häufig 
aher doch immer hin und wieder vor. 1 ) Im Chron. Novali- 
ciense heifst es III, 20 von einem geschickten Schreiber: ubi- 
eunque sua manu antiquaria libros a se conscriptos inter alios 
invenimus, extimplo recognoseimus. In demselben Jahrhundert 
schreibt Petrus Damiani an Alexander II: licet ego dietare forte 
quid valeam, deest ahtiquarius qui transcribat. 2 ) Im zwölften 
bezeichnet Ordericus Vitalis III, 3 die Mönche, welche Bücher 
schreiben, als antiquarii und librarii, und erzählt weiterhin 
von dem Abt Osbern von S. Evroul: Witmundo sapienti mo- 
nacho siipplices iussit litter as dietare, et Bernardo iaveni eo- 
gnomento Matheo, nobili antiquario, diligenter scriptitare. 3 ) Ist 
hier der antiquarius augenscheinlich nur ein geschickter Schrei- 
ber, so finden wir ihn dagegen als Schriftgelehrten in jener 
merkwürdigen Trierer Stilübung, dem Schreiben Kaiser Frie- 
drichs I an Hillin: Reeolite librarios et pereunetamini antiqua- 
rios vestros, et videte si auditum sit huhtscemodi verbum in 
diebus eorum et in diebus antiquis. Du Cange führt aus den 
Vitis abbatum S. Albani p. 41 die Stelle an: Hie primitus 
antiquariorum domum abbatis sui iussione rexit, librorumque 
copiam knie eeclesiae contulit. Allein in dem bekannten Werke 
des Matheus Paris, ist die Stelle nicht zu finden. Auch Richard 
von Bury braucht das Wort c. 16, wo er vom Erneuen alter 
Handschriften spricht, und setzt mit Berufung auf Cassiodor 
hinzu: Sane hiiiusmodi scriptores antlquarii nominantur. Er 
scheint das Wort aus gelehrtem Studium, nicht mehr aus leben- 
digem Gebrauch zu kennen; und nicht anders erscheint es bei 
Petrarca, wo er über die Sorglosigkeit der Obrigkeiten klagt, 
welche sich um die Brauchbarkeit und die Kenntnisse der 
Schreiber nicht kümmern: quibus nulla unquam rei Julius cura 
fuit, oblil is quid Eusebio Palest inae Constantinus inhmxerit, 
ut libri seilieet non nisi ab artifieibus iisque antiquariis et per- 



J ) In den oben S. 345 angeführten Worten des Odo von Glanfeuil 
scheint der Begriff des Alterthümlichcn darin zu liegen. 
2 ) Operum Vol. I p. 12. 
:; ) Opera ed. Le Prevost, Vol. II p. 18. 96. 



358 Die Schreiber. 

fecte artem scientibus seriberentur. 1 ) Er scheint den Ausdruck 
in seiner Uebersetzung gefunden und nicht recht verstanden zu 
haben. 2 ) 

Am häufigsten begegnen uns in den verschiedenen Sprachen 
Ausdrücke, welche von scribere abgeleitet sind, und analog engl. 
writer, böhm. pisarz. Gothisch ist dökareis von nicht ganz 
festgestellter Bedeutung, althochdeutsch puochäri der Schreiber, 
was sich nur in dem Namen Bücher erhalten hat. Weil aber 
lange Zeit fast nur Geistliche schrieben und eine gewisse Ge- 
lehrsamkeit damit verbanden, so finden wir clcricus, clere, cterh\ 
gleichbedeutend mit Schreiber; deutsch auch wohl pape, pfaff. 
Von Friedrich II sagt die Magdeburger Schöppenchroitik: he 
tr<is ein gud 2 )a l )e gelerei. Doch ist dieser Sprachgebrauch 
nicht recht durchgedrungen, und es überwiegt immer der Be- 
triff der Gelehrsamkeit, was bei clcricus in Frankreich und 
England weniger der Fall ist. 3 ) Zu Dante's Worten: che tutti 
für cherci c Uterati grandi bemerkt Benvenuto von Imola: Nee 
dicas quod debeat exponi Clerici id est Literat i more Gallico, 
sicut quidam exponunt, et dieunt quod omnis Literatus est 
dericus. 4 ) 

Diesen Sprachgebrauch, nach welchem also der geistliche 

^Charakter des Clericus ganz vergessen ist, finden wir doch auch 

in Ltalien, wenn es in einer Stelle saec. XV heifst: molto soffi- 

ciente <-h<ric<> in diverse scienzie. Der Bologneser Poet Johan- 

Q68 tadelte Dante wegen des Gebrauches der Volksprache: 



') De remediis utriusque fortunac lib. I dial, 13; vgl. oben S. .">.">»>. 
) Der L480 in Mailand als Käufer einer Handschrift genannte 
Jacdbus antiquarius isl der L512 verstorbene Staatssecretär, der Name 
Familienname, b. Tiraboschi Tomo VI libro I c. 7. Zweifelhaft ist der 
Federicus veteranus aus [Jrbino, welcher L460 die Keime Petrarca's und 
L480 Laur. Valla'a Debers. der Uias abschrieb; Vahlen, Laur. Vallae 
Opuscula tria p. 89. Catal. des töanuscrits des Departements l (1849) 
360. Ea w ird aber ein Eigenname sein. 

\inii spanisch schreibl i\n Inlaut Don Sancho L279 au den 
König \"u England: maestre Juffre, notario del Hey mt<> padre et niio 
clerigo. Berichte d. Berl. Akad L854 8 631 

') Murat. Autt UmI. III. :;i«i ed. Ai-ei. 



Mönclie als Schreiber. 359 

Garmine, sed laico; clerus vidgaria temnit, und eine Glosse zu 
clerus erläutert: id est littcrati. 1 ) 

Aber in Frankreich hiefsen nicht nur alle Studenten und 
Gelehrten derlei, sondern auch alle, welche irgend mit dem 
Schreiberwesen zu thun und deshalb Theil an »den Privilegien 
des Clerus hatten. So handelt ein Statut von Bayeux c. a. 
1250 von clericis conhigatis, welche pergamenum, libros vel 
huiusmoäi ministeria ad ecclesiam pertinentia vencliderint ; diese 
sollen steuerfrei sein. 2 ) Die Bezeichnung als clericus coniuga- 
tus kommt häufig vor, wohl zur Unterscheidung von geweihten 
Geistlichen. In der Pariser Steuerrolle von 1292 kommen 53 
clers und 1 clergesse vor, unterschieden von den escrivains; sie 
sind, wie der Herausgeber, H. Geraud, nachweist, schon da- 
mals, wie noch heute, die Gehülfen, Commis, in verschiedenen 
Geschäften. 

In Deutschland ist umgekehrt der Schreiber jeder littera- 
risch gebildete, wie er in Gedichten so oft dem Ritter ent- 
gegengesetzt wird, oder auch der Schüler, scholaris, schuller, 
ung. dealc, wie noch in England scholar der Gelehrte ist. Der 
Herzog von Schlesien bezeichnet 1255 seinen Hofnotar, einen 
Domherrn, als Scolaris noster. 3 ) 



2. Mönche als Schreiber. 

Die christliche Kirche bedurfte von ihren ersten Anfängen 
her geschriebener Bücher, und wenn man sich auch dazu 
häufig professioneller Kalligraphen bedienen konnte, so lag 
doch augenscheinlich ein grofser Vortheil darin, wenn die 
Geistlichkeit sich selbst auf diese Kunst verlegte. Die vorher 
angeführten Stellen zeigen freilich, dafs in den ersten Jahr- 
hunderten davon noch kaum die Rede gewesen ist, weil die 



J ) Laur. Melius, Vita Ambr. Traversarn p. 294—297. 320. 

2 ) Kirchhof!", llandschriftcnhändler S. 76 aus den Mem. des Anti- 
q nahes de Normandie II, 6, 32G. 

'•'') Stcnzel, Gründungsbüch von Heinrichau S. 37; S. 30: primo Sco- 
lari nostro, magistro Walthero. 



360 Die Schreiber. 

bestehende Sitte ganz eingewurzelt war, und die Kalligraphie, 
wie jedes Handwerk, als Lebensaufgabe besonderer Personen 
betrachtet wurde. Das früheste mir bekannte Beispiel eines 
Weltgeistlichen als Büchersehreibers ist erst von 517, nämlich 
die Handschrift des Sulpicius Scverus von 517 in der Capitular- 
bibliothek zu Verona, scr. per me Ursicinufn lectorem ecelesiae 
Veronensis Agapüo considc. 1 ) Die Schrift ist schon halbuncial, 
und von der kalligraphischen auch jener Zeit bedeutend ver- 
schieden. Spater finden wir wohl Weltgeistliche viel in Kanz- 
leien beschäftigt; auch haben sie oft als Lbhnschreiber ihren 
Unterhalt gesucht. Die eigentlichen Bücherschreiber aber wa- 
ren die Mönche, welche mehr und mehr darin einen sehr 
wesentlichen Theil ihres Berufes fanden. 

Hieron)unus cp. 125 ad Rusticum monachum (Opp. I, 934) 
empfiehlt diesem verschiedene Beschäftigungen, darunter auch, 
jedoch keineswegs vorzugsweise: scribantur libri* Stärker tritt 
diese Richtung hervor in dem Kloster, welches S. Martin bei 
Tours anlegte; nach der Vita Martini von Sulpicius Severus 
c. 7 schrieben da die jüngeren Mönche, mit Ausschluls anderer 
Handarbeit, wie sie sonst in Klöstern üblich war: ars il>i ex- 
<■</>/;> scriptoribus nulla habebatur,*) cui tarnen operi minor 
aetas deputabatur, maiores orationi vacabant. Cässiodor ist 
derjenige, welcher zuerst in die Klöster die, ihnen bis dahin 
fremden, gelehrten Studien grundsätzlich einführte, wie Ad. 
Franz richtig hervorgehoben hat. 3 ) Die Mönche des von ihm 
gestiftetes Monasterium Vivariense bei Squillace ermahnte er 
ganz vorzüglich zum abschreiben geistlicher Werke: Ego tarnen 
fateor votum meum, quod intet vos quaeewnque ]»>sx/titf c<>rj><>- 
reo labore compleri } antiquariorum mihi studia-j si tarnen vera- 



') Facs. bei Ottley, Archaeologia Vbl.26, Tab. VI. n. 1«» aus Nouy. 
Traite* III pl. 16. Reifferscheid, si;. xi.i.x. L10 and UM. 350 hält die 
Handschrift für jünger, die Bubscription für mit abgeschrieben, wäh- 
rend Sickel Dach wiederholter Einsicht der' Bandschrift die [Jrsprttng- 
lichkeit der CFnterschrift für höchst wahrscheinlich, die Entstehung im 
<;. Jahrh. für Bicher erklärt. 

poetisch umschrieben in d Y. Martini v. Paulinus IYtrocor. II. 1 1 r>. 
) l i oator Breslau L872 B. • ;."> ff. 



Mönche als Schreiber. 361 

citer scribant, non mmerito forsitan plus placere, quoä et meu- 
tern suam relegendo scripturas divinas sälubriter histruant, et 
domint praeeepta scribendo longe lateqite disseminent. 1 ) Hierin 
sind die maafsgebenden Gesichtspunkte ausgesprochen; noch 
Ludwig IX liefs lieber Bücher abschreiben, als dafs er sie 
kaufte, damit ihre Zahl gemehrt würde. Profane Litteratur ist 
ursprünglich naturgemäfs ausgeschlossen; diesseit der Alpen 
aber wurde, weil man sie einfach als nothwendiges Rüstzeug 
der gelehrten Studien betrachtete, kaum ein Unterschied ge- 
macht. Cassiodor gab seinen Mönchen, damit sie correct schrei- 
ben könnten, eine Sammlung von Schriften über Orthographie, 
die er 9 3j ährig zu ihrem Gebrauch excerpierte. Zugleich gab er 
ihnen, wie schon oben erwähnt, Buchbinder und Musterbände. 
St. Benedicts Regel setzt die Existenz einer Bibliothek im 
Kloster voraus, aus welcher jeder Mönch Bücher zum Studium 
erhält. Ganz ferne lag ihm der Gedanke, aus den Mönchen 
einen Gelehrtenstand zu machen; sie sollen, indem sie aus der 
Welt sich zurückziehen, ihre Seele retten, Handarbeit treiben, 
und zu ihrer Erbauung fromme Bücher lesen. Höchstens konnte 
ein gewisser Grad kirchlicher Gelehrsamkeit erwünscht erschei- 
nen. In neubekehrten Ländern aber, unter einer bildungslosen 
Bevölkerung, änderte sich der Standpunkt ganz von selbst. 
Wo es keine Schulen giebt, mufs die Geistlichkeit für den 
Unterricht ihres Nachwuchses, das Kloster auch dafür sorgen, 
dafs seine Mönche lesen, schreiben, lateinisch lernen. Es giebt 
keine Grammatiker, denen man die Beschäftigung mit der un- 
entbehrlichen profanen Litteratur überlassen kann. Die Welt- 
geistlichkeit aber ist mit so vielfacher Thätigkeit belastet, dafs 
gerade den Klöstern vorzugsweise die gelehrte Beschäftigung 
anheim fällt. In Irland und England entwickelt sich zunächst 
diese Neugestaltung des Mönchslebens; dort wird massenhaft 
und sehr schön geschrieben, und Irländer, Schottenmönche, 
sind es, welche diese Richtung auch auf den Continent ver- 
pflanzen. Luxeuil und seine Filialen Corbie und Bobio zeich- 



*) De institutione divinarum litterarum c. 30. Es scheint im An- 
fang des Satzes ein Fehler zu sein; doch lautet er ebenso bei Hagen. 



362 Die Schreiber. 

neu sich in gleicher Weise aus, und auch in St. Gallon be- 
ginnt frühzeitig gelehrte Thätigkeit. 

Bei aller Gelehrsamkeit hahen es jedoch die Schott enmönche 
nur selten zu orthographischer Correctheit gebracht, und viele 
ihrer Erzeugnisse theilen die barbarische Verwilderung der 
Zeit. Die Roheit der Unterschrift einer Bobienser Handschrift 
um 750 1 ) wird aber weit überboten durch die erschreckliche 
Barbarei des Schlufswortes, welches der Mönch Gundohin unter 
Pippins Herrschaft iioseuo (man weifs nicht, wo das ist) im 
Juli 754 seinem recht schön geschriebenen Evangeliar hinzu- 
fügte. 2 ) Diese arge Unwissenheit zu bekämpfen machte Karl 
der Grofse sich zur Aufgabe, und von Alcuins Schule in Tours 
gingen nach allen Seiten die Lehrer aus, welche eine neue 
wissenschaftliche Thätigkeit ins Leben riefen. Seitdem fehlte 
in keinem gut eingerichteten Kloster die Schreibstube, scripto- 
fittm, und es galt bald der Spruch: claustrum sine armaHo 
est quasi castrum sine armamentario , welcher sich zuerst mit 
ausführlicher Begründung in einem Briefe des Canonicus Got- 
fried von Sainte-Barbe-en-Auge um 1170 findet, 3 ) 

Als im 17. Jahrb. durch die Mauriner die gelehrte Thä- 
tigkeit der Bcnedictiner einen neuen Aufschwung nahm, fehlte 
es nicht an Gegnern, welche daran Anstofs nahmen und be- 
haupteten, dafs durch diese Richtung der Orden sich von seiner 
eigentlichen Bestimmung entferne. Auf solche Angriffe ant- 
wortete 1691 Mabillon nach seiner Weise mit einem gedie- 
genen historischen Werke, dem Traite des Etudes monastiques; 
\-l. Chavin de Malan, Ilistoire de Dom Mabillon, S. 78 11. Zu 
berücksichtigen i^t ferner <\n- Aufsatz von E, G. Vogel: Amt 



') Peyron, De bibl. Bob p. L78. 

J ) l>;i^ Evangeliar von Antun. Bibl. <!<• l'ficole des Chartes, VI, 
1. 217. 

••') Mari Thes. I, 511. In cod. Lat. Monac. 17142 Baec. XII f. 92 \. 

Bteht: ...\nti<|iii locum \m-aliant annaniini , • ulu arme rcponcliantiir. ita 

et qo8 illiini Locum Bolemua vocare armarium, ubi reponuntur libri. 
• 1 1 1 i ;i -irut secolarefl armia pugnanl contra hostes, ita Bancta ecclesia 
pugnal contra infidelea Bententiia patrum, que sunt descripte in libris." 
SB. der Mttnch. Ak L873 8. 711. 



Mönche als Schreiber. 363 

und Stellung des Armarms in den abendländischen Klöstern, 
in Naumann's Serapeum (1843) IV, 17 ff. Das schon erwähnte 
Buch von Merryweather, Bibliomania in tlie Middle Ages, 
London 1849, ist wegen der Benutzung englischer Special- 
geschichten nicht unwichtig, aber die Vermischung verschiede- 
ner Zeiten und die grenzenlose Fehlerhaftigkeit der lateinischen 
Stellen machen grofse Vorsicht beim Gebrauche nöthig. Eine 
Zusammenstellung mit besonderer Beziehung auf St. Alban's 
hat Sir Thomas Duffus Hardy gegeben. 1 ) 

Karls des Grofsen Capitular von 789 ist schon oben S. 273 
mitgetheilt. Der Vorschrift, dafs heilige Schriften nur reiferen 
Schreibern anvertraut werden sollen, entsprechen auch die Verse 
unter einer Abschrift der Bibel aus dem 14. Jahrhundert: 2 ) 

scriptor, librum cum scripseris argue clemum: 
Non concedatur labor hie si non habeatur 
Attentus scriptor, expertus denique lector 
Sacre scripture, cui sit bene scribere eure. 

Alcuin sorgte dafür, dafs Karls Vorschriften auch wirk- 
lich ihren Zweck erreichten. 3 ) Unter seinen Gedichten 4 ) ist fol- 
gende Inschrift: 

Ad Masaeum libros scribentium. 

Hie sedeant sacrae scribentes famina legis, 

Nee non sanetorum dieta sacrata patrum. 
His interserere caveant sua frivola verbis, 

Frivola ne propter erret et ipsa manus, 
5 Correctosque sibi quaerant studiose libellos, 

Tramitc quo recto penna volantis eat. 
Per cola distinguant proprios et commata -sensus. 

Et punetos ponant ordine quosque suo, 



') Descriptive Cataloguc of Materials relating to the history of 
Great Britain, Preface of Vol. III. 1871. 
2 ) Cod. Cas. 35 bei Caravita II, 280. 
8 ) vgl. Sickel, die Urkunden der Karolinger I, LÖß. 
4 ) Opera, cd. Frohen. II, 211. vgl. Schannat, II ist. Fuld. p. 65. 



36-4 Die Schreiber. 

Ne vel falsa legat taceat vel forte repente 
10 Ante pios fratres lector in eeclesia. 

Est opus egregium sacros iam scribere libros, 

Nee mercede sua scriptor et ipse caret. 
Fodere quam vites melius est scribere libros, 
Ille suo ventri serviet, iste animae: 
15 Vel nova vel vetera poterit proferre magister 
Plurima, quisque legit clieta sacrata patrum. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dafs diese Distichen über 
dem Scriptorium des Martinsklosters standen, von wo sie sich 
natürlich weiter verbreiteten, wie wir v. 1 — 6. 11. 12 in Fulda 
als Inschrift des dortigen Scriptorium wiederfinden. 

Auch eine Oratio in scriptorio ist uns überliefert: Bene- 
dicere digneris } domine, hoc scriptorium famulorwn tuorum et 
omnes habitanies in eo, ut quidquid hie divinarum scriptura- 
rum ab eis lectum vel Script am fucrit, sensu capiant, opere per- 
ficiant. 1 ) 

Wie sehr diese Arbeit unmittelbar als verdienstlich be- 
trachtet wurde, zeigen die Verse, welche sich in der Biblia 
Vallicelliana finden: 

Codicis illius quot sunt in corpore saneto 

Depictae formis litterulae variis, 
Mercedes habeat Christo donante per aevum 

Tot Carolus rex, qui scribere iussit eum. 

Bestimmter jedoch ist es ausgesprochen in den Versen 
des Mönches Radulf von St. Vaast, der sich selber vorn ab- 
malte, und st. Vedast, wie er vom Himmel her ihn wohlgefällig 
schreiben Bieht: 

Cum librum scribo, Vedastus ab aethere summo 
I J' ^j)i<it e caelis, aotat et quot grammata nostris 
Depingam calamis, quot aretur pagina sulcis, 
Quot foliuiii punetifl liine hinc Laceretur acutis. 
Tuncque üavens operi aostro nostroque labori: 



1 Sacramentarti Greg, liber ll auetore Grimaldo, p. k>9 ed. 
Pamelii. 



Mönche als Schreiber. ' 365 

Grammata quot, sulci quot sunt, quot denique puncti, 
Inquit, in hoc libro, tot crirnina iam tibi clono. 1 ) 

Einfacli spricht sich das Gefühl von der Verdienstlichkeit 
der Arbeit aus in dem Vers: 2 ) 

Merces scriptoris sit virtus ipsa laboris. 

Oder etwas weiter ausgeführt: 3 ) 

Scribere si noris, vitae solator haberis. 
Scribere qui tendit, vitae sibi gaudia quaerit. 
Laus est scriptori, metra si conservat honori. 

Für die Ausführung der schönen Abschrift von Walah- 
frids Vita S. Galli mit goldgeschmückten Initialen erwartet der 
Schreiber den Dank des Heiligen: 4 ) 

.Servum, Galle, tuum libri decus hoc Herimannum 
Divite cum voto tibi perfecisse memento. 

Die Echternacher Bibel sollte sowohl ihrem Urheber, d. h. 
dem Abt Reginbert, Thiofrids Vorgänger, der die Kosten ge- 
tragen hatte, als auch dem Schreiber die Einzeichnung in's 
Buch des Lebens eintragen: Domnus abbas Reginbertus auctor 
libri huius. et frater Ruotpertus Script or. in libro vitae scri- 
bantur. et in memoria eterna Jiabeantur. Si quis hunc librum 
sancto Willibrordo illique servientibits abstiderit, tradatur dia- 
bolo et omnibtis infernaUbits penis et sit anathema. fiat. fiat. 
amen, amen. 5 ) 

Doch auch für eine Abschrift des Horaz wurde auf ähn- 
liche Belohnung gehofft, nach diesen Versen an den heil. 
Stephan: 6 ) 



') Du Cange s. v. punctarc; cf. Bethmann in Pcrtz' Archiv VIII, 89. 
Iiadulf scheint im elften Jahrh. gelebt zu haben. 

2 ) Jacobs und Ukert, Beiträge II, 53. 

:; ) Weidmann, Gesch. d. 8t. Gall. Bibl. S. 26 c cod. 2G4 saec. X. 

4 ) Cod. 560 saec. XI ex. nach Scherrers Verz. S. 177. 

ß ) Inschrift in Capitalen, Jacobs und Ukert, Bcitr. II, 12. 

c ) Cod. lat. Monac. 21563 (Weihensteph. 03) saec. XII in Kirchncri 
Novae Quaestt. Ilorat. (Naumb. 1847) S. 51. 



366 Die Schreiber. 

Servus, Sancte, tuus hunc librum do tibi alumnus, 
Pro quo mercedem caelis mihi redde pereimem. 

Auch der schon S. 238 erwähnte tieifsige Schreiber Lud- 
wig in Wessobrunn spricht die Hoffnung aus: 

Librum Judaici belli manibus Lodewici 
Scriptum, sancte Petre, summo tuearis ab aethre, 
Hie labor et sit ei spes perpetuae requiei. 

Recht hübsch heifst es in einer Handschrift, die aus dem 
Lütticher Jacobsklostcr zu stammen scheint: 1 ) 

Jacob Rebeccae dilexit simplicitatem, 

Altus mons Jacobi scribendi sedulitatem. 

Ille pecus pascens se divitiis cumulavit, 

Iste libros scribens meritum sibi multiplieavit. 

Ille Rachel typicam prae eunetis duxit amatam, 

Ilic habcat vitam iustis super astra paratam. 

In dem Codex eines Marienklosters, aus welchem v. d. Hagen 
Wilrams Paraphrase des Hohen Liedes herausgegeben hat, stehen 
folgende Verse: 2 ) 

Merces scriptoris sit lux vit'ac melioris, 

Pro re terrena mercetur gaudia plena: 

In requiem labor inque diem mens caeca recurrat. 

In libro vitac deus hunc dantem tibi scribe 

Librum terrenum, da nozae linquere coenum. 

Meute minus tuta deus offero bina miimt :». 

Suscipe placatus, es qui viduae miseratus. 
Ein Chorherr in Klosterneuburg schrieb sogar einen Codex 
in remedvum animarum fratrum, praedecessorum, successorum, 
fluni*, r/m/ praesentitvm et benefactorum suorwm* 3 ) 

Audi die Legende verherrlichte das Verdienst der Schrei- 



') Cod. Berol. lat. fol. 858 saec. XIII (Gesta Francorum und 
Liudprand , MÜttheilung von W. Arndt. 

Germania V. 182. in dieser Handschrift ist auch ein Verzeich- 
dei Klosterbibliothel mit Btarker Bedräuung der Diebe. 
••) Czerny, Bibl. von st. Florian 8 13. Vgl Jo. Gers. opp. II. 697. 
Moll, Kerkgeach. II. 2, 820. 



Mönche als Schreiber. 367 

ber. Dem Scliottenmöncli Marian in Regensburg, dessen wunder- 
volle Schrift allerdings jedes Lohnes würdig ist, leuchteten an- 
statt der vergessenen Lichter drei Finger der linken Hand 
gleich Lampen. Dietrich der erste Abt von St. Evroul (1050 
bis 1057), der selbst ein trefflicher Schreiber war und seine 
Mönche auf alle Weise zu gleicher Thätigkeit heranzuziehen 
suchte 1 ), pflegte ihnen die Geschichte eines sehr leichtsinnigen 
und sündhaften Klosterbruders zu erzählen, der aber ein eifri- 
ger Schreiber war und einmal aus freien Stücken einen enor- 
men Folianten geistlichen Inhalts geschrieben hatte. Als er 
starb, verklagten ihn die Teufel, die Engel aber brachten das 
grofse Buch vor, von dem nun jeder Buchstabe eine Sünde 
aufwog, und siehe! es war ein Buchstabe übrig. Da wurde 
seiner Seele verstattet zum Körper heimzukehren, damit er 
noch auf Erden Bufse thun könne. 

Ein ausgezeichneter und sehr fleifsiger Schreiber war der 
Engländer Richard, ein Prämonstratenser in Wedinghausen bei 
Arnsberg in Westfalen. Zwanzig Jahre nach seinem Tode fand 
man seine rechte Hand noch wohl erhalten, die nun verwahrt 
und als Reliquie verehrt ward, auch jetzt noch den Altar 
ziert. 2 ) Den Nutzen und die Verdienstlichkeit des Schreibens 
hebt sehr gut der Abt Peter von Cluny hervor, in dem vor- 
trefflichen Briefe an Gislebert über die Gefahren des Ein- 
siedlerlebens. 3 ) In dem Cistercienserkloster Heilsbronn, wo 
flcifsig für die Bibliothek geschrieben wurde, erhielten die 
Schreiber gleichsam eine Anweisung auf das Himmelreich 4 ), und 



1 ) Praefatus itaque pater per supradictos (mit ihm von Jumieges 
•rekommene Mönche) et per alios, quos ad hoc opus flectere poterat, anti- 
quarios, octo annis quibus Uticensibus praefuit, omnes libros Veteris et 
Novi Testamenti etc. bibliothecae procuravit. Ex eius etiam schola ex- 
cellenlcs librarii . . . bibliothecam repleverunt. Ordcricns Vit. ed. Le Pre- 
vost II, 48. 

2 ) Caesar. Heistcrb. XII, 47. W. Schmidt im Anz. des Germ. Mus. 
IX (1862) S. 328. 366. 

3 ) pro aratro convertalnr manus ad pennam, pro exarandis agris 
(lirinis Utteris paginae exarentur , seralur in cartula verbi dei semina- 
rium. Bibl. Cluniac p. ('AI. 

*) Im Jim sc Jmius librt sunt trcs libre hallensium. Scriptoribus 



36g Die Schreiber. 

dasselbe wünschen sieh als Lohn die Schreiber in dem häufig 
vorkommenden Sehluisvers ■ 

Dentur scriptori pro penna eaelica regna. 1 ) 

Man hat wohl behauptet, dafs in den Scriptorien mehreren 
Schreibern zu gleicher Zeit dictiert worden sei. 2 ) Dagegen macht 
Knittel 3 ) mit Recht geltend, dafs die Kalligraphen nur sehr 
langsam arbeiten konnten, und dafs man deshalb ihnen so 
wenig wie Kupferstechern dictieren konnte. Ihm stimmt Ebert 4 ) 
bei, der auch hervorhebt, dafs für die Herstellung vieler Exem- 
plare desselben Werkes kaum ein Grund vorlag. Um eine Ab- 
schrift rasch fertig zu bringen und viele Schreiber zu gleicher 
Zeit beschäftigen zu können, half man sich in anderer Weise, 
indem man nämlich die Lagen unter ihnen vertheilte. So liefs 
Heinrich Loeder, Prior in Windesheim, eine gegen seinen Orden 
gerichtete Schrift in einer Nacht abschreiben: librum per folia 
statu» dissolneris, ut <<hl<'ii/ nocte per fratres suos divisis inter 
sc foliis c.'scribcrcfttr, <l/sJ><>s/lit.• , ) Und zu beschleunigter Her- 
stellung vieler Exemplare wurden die Ilansarecesse in Doppel- 
blättern an Schreiber vertheilt. 6 ) 

Dasselbe geschah auch häufig in älterer Zeit, um die 
Abschrift eines Buches zu beschleunigen. Deshalb sind oft 
die verschiedenen Lagen nicht allein von verschiedenen Hun- 
den geschrieben, sondern man findet auch, dafs am Ende 
derselben die Schrift bald eng zusammengedrängt, bald aus 



autem debetur merces <i<r><<i Amin. Iste liber constai ij libras minus .1 
Imii. 8cribentibu8 <l<l> etur regnum celorum Amin. Unter Al>t Heinrich 
1290 geschrieben. Erlanger Handschriftenkatalog von trmischer S. 41: 
I-ii Über consHtit in i><r : i<im<n<> ins Ubras haU. <i xxx haU, Pro scrip- 
tum r, m ihiutnr Bcript&ri regnum celorum. Vom J. 1289, il>. p. !'•'}. 
1 1 8. unten bei den Schreiberversen. 

ü Merryweather, Bibliom. p. 2<>, nach Stevenson's Suppl. t<> 
Bentham'fl Church of Ely, Notes \> 64, wo e_ben diese Behauptung steht. 
und als I ital dazu „Munimenta antiqua." 
Dlphilae Fragm. p. 880. 
') Zur Handschriftenkunde 8. 188 l \0, 
) Jo Busch, Chron. Windesh. 11. 68 p. -»IT. 
hl htsbl. II s wm! ?gL s. xl. 



Mönche als Schreiber. 369 

einander gezogen oder ein freier Raum übrig geblieben ist, der 
später zu anderen Eintragungen benutzt werden konnte, wie 
in einer Heiligenkreuzer Handschrift. *) Eine Sammlung Al- 
cuiniscber Briefe wurde in solcher Weise mehreren Schreibern 
übergeben; jeder begann seine Lage mit einem neuen Briefe, 
und wo nun am Ende der Lagen noch Blätter freiblieben, sind 
nachträglich andere Briefe eingetragen. 2 ) 

Manchmal sind die Schreiber genannt, wie die neun 
Nonnen, welche für Hildebald von Cöln schrieben, 3 ) und drei 
Mönche in Marchiennes, welche etwa um 1100 Gregors Moralia 
abschrieben: 

Nos monachi tres hunc librum descripsimus lob: 
Primum Theobaldus, medius Fulbertus, Amandus. 
Poscimus inde dei iugiter sentire iuvamen 
Auxilio Petri Pauli precibusque beati. 4 ) 

Im späteren Mittelalter aber wurde sehr viel und rasch 
geschrieben, und dafs man sich da auch des Dictierens zur 
Vervielfältigung bediente, beweist die Vita Milieu in Balbins 
Miscell. Dec. I, 1. IV p. 54: coepit super evangelia, de tempore 
et de sanetis dieta sanetorum doctorum colligere, et sie coepit 
ea studentibus ad ingrossandum et aliis scribentibus pronuneci- 
are. Mathias von Janow aber drückt sich hierüber so aus: 5 ) 
continue magnos libros comportabat et propria manu conscribe- 
bat, eosdem midtitudini clericorum, vel ducentis vel trecentis 
cottidie exportans ad scribendum, et hoc sie: quod liodie con- 
scribebat, hoc mox in crastino totum scriptores copiabant, et 



1 ) Pcrtz' Archiv X, 598. Ein gricch. Beispiel bei Ebcrt S. 141. 

') Th. Sickel, Alcuinstudien I, 30 (Wiener SB. LXXIX, 488). Es 
konnten hierdurch auch Fehler entstehen, s. Wiener SB. LXXVI, 52. 

8 ) Eccl. Colon, co-dd. p. 21. 22; p. 42 vier Schreiber. Ilandschr. 
aus St. Vaast mit den Namen am Anfang u. Ende der Quaternionen, 
Anh. VIII, 89. Compilatio Vedastina von Anf. XI in Douai, 8 versch. 
Hände mit den Lagen wechselnd, nach W. Arndt. 

') Cod. :;;;.") in Douai, Vol. II nach YY. Arndt, 

"') Hoefler, Geschichtsquellen der Nu [tischen Bewegung II, 44. 

Wattenbach, Schriftweseii ! \ui'l. 24 



370 Die Schreiber. 

ita omni die, puta pro omni die erostino, colligere scribendum 
bis (l. his) duceniis clericis qportebat. Das läfst sich doch 
auch nur in der Weise denken, dafs ihnen gleichzeitig vorge- 
sprochen wurde, und in den Vortragen auf den Universitäten 
geschah es ohne Zweifel, wie wir später sehen werden. Aber 
auf die Scriptorien der Klöster findet es keine Anwendung, 
und da war auch zu so gesteigerter und beschleunigter Thätig- 
keit kaum eine Veranlassung. 

Wir wollen nun nicht den Spuren und Denkmalen dieser 
Arbeit in den einzelnen Klöstern nachgehen, wo sie in der 
Blüthezeit derselben vom 9. bis 13. Jahrhundert überall in 
reichster Fidle nachweisbar sind; es würde viel zu weit 
führen, auch nur die hervorragenden Leistungen zu erwähnen. 
Nur einige charakteristische Thatsachen mögen angeführt werden. 

Vax den Klöstern, welche zu Karls Zeit einen mächtigen 
Aufschwung nahmen, gehört St. Wandrille. Hier fand der Abt 
Gerwold (787 — 806) omnes paene ignaros Uterarum, und er- 
richtete deshalb eine Schule. Ein Priester llarduin plurimos 
arühmeticae artis diseiplina alumnos imbuit o<- arte scriptoria 
erudivit; erat mim in hoc arte non medioöriter doct l us. Unde 
plurima ecclesiae nostrae proprio sudore conscripta reliquit Vo- 
lumina, id est volumen quatuor evangeliorum Homo im Utero 
scriptum etc. J ) Dieser Ausdruck tifrro Momana kömmt in 
der Klosterchronik öfter vor, und scheint Uncialschrift zu be- 
deuten. 2 ) 

Das scriptorium von St. Gallen wird in der Chronik er- 
wähnt, und auf dem alten Grundrifs dos Klosters ist es neben 
der Kirche anter <\r\- Bibliothek verzeichnet. 8 ) In einer lland- 



') Gesta abb. Fontanell. <•. L6. B£on. Germ. II, 292. 
-) Anden dagegen in der Erzählung bei Mab. Dipl. ed. II p. 639. 
Erzb. I!;nlnlt' \(in Tours fand L075 eine päbstliche Bulle, die niemand 
lesen konnte, und Bchickte sie dem Abi Bartholomeus ?on Marmoutiers, 
sie enthielt die Bestätigung des Vorrechts der Canoniker \<>n 8t. Martin, 
einen eigenen Bischof haben zu dürfen, und wea \»>n Gregor V vom 
lept. 996. Sed quia erat Rotnana littera scriptum, nun poterat legi. 
I Ist also lii<T die alte päbstliche Schrift 

) liou Germ. II. 95; rgl I Keller- Facs. des Grundrisses, und 



Mönche als Schreiber. 371 

schrift aus St. Riquier ist eine Inschrift in domo scriptorum 
erhalten. 1 ) Wir gedachten schon oben S. 226 der Schreib- 
stube zu Tournai, welche unter Abt Odo solchen Ruhm er- 
langte, dafs man ihre Abschriften der Kirchenväter weithin zur 
Vergleich img verlangte. 

Nicht immer war das Schreiben eine freiwillige Arbeit, 
in einem Lorscher Codex saec. IX ist zu den Worten Jacob 
scripsit von anderer Hand zugesetzt: quandam partem liuitts 
libri non spontänea volimtate, scd coactus, compedibus con- 
ti ricttis sicut oportet vagum atque fugitivum vincire. 2 ) 

Auch schon die Hülfe der Schüler wurde hierzu in An- 
spruch genommen; so lesen wir in einem St. Galler Codex: 3 ) 

Hoc opus exiguum puerili pollice scriptum, 

Sit, Ruohtperte, tibi magnum, promtissime doctor. 

Largo lacte tuo potatus, pane cibatus, 

Ipse precor vigeas, valeas, venereris, ameris: 

Hoc Optant mecum pueri iuvenesque senesque. 

Fromund von Tegernsee schrieb unter einen Codex: Coepi 
hunc Mbellum, scd pueri nostri quos docui, mco iuvamine per- 
seripseruni. 4 ) 

Vorzüglich mag die Hülfe der Schüler in Bisthümern be- 
nutzt worden sein, wo man keine Mönche zur Verfügung hatte. 
In Mainz emendicrte Willigis selbst die von ihm besorgte Ab- 
schrift des Augustinus de civ. dei mit seinen alumnis; 5 ) vor- 
züglich aber haben sich aus Freising drei Inschriften des 
Schulmeisters Antrieb erhalten, welche bezeugen, dafs dieses 
Buch auf Befehl des Bischofs Gotschalk (994 — 1006) geschrie- 
ben ist Anfrico fideli eins clerico magistro scolac cum, äiseipu- 



Weidmanns Gesch. d. Bibl. von St. Gallen, 1841. Angels. Glosse &cri- 
ptoriüm pislefer-hus bei Wright, Vocabularies S. 58. 

1 ) Archiv VIII, 534. 

2 ) Reifferscheid in den Sit/. Ber. d. Wiener Akad. LV1, 451. 
•■) 152 bei Weidmann S. 14. 

4 ) angef. v. Rockinger, Zum baier. Schriftwesen II, 4, wo viel 
zusammengestellt ist, namentlich auch über den fleifsigen Schreiber 
Otloh, dessen Berichte über seine Thätigkeil dorl abgedruckt sind. 

"•) Jacobs u. Dkert, Beitr. II, 82. 

24 ■ 



372 Die Schreiber. 

lis suis impetrante, welches letzte Wort mir in dieser Verbin- 
dung unverständlich ist. Ich fürchte, dafs der' Schulmeister 
gemeint hat patrante. x ) Den Gehrauch dieses Wortes werden 
wir bald kennen lernen. 

Jeder neue Aufschwung klösterlicher Zucht war von neuem 
Eifer im Schreiben begleitet, sowohl in den einzelnen Klöstern, 
welche durch tüchtige Aebte reformiert wurden, wie auch in 
den neu aufkommenden Orden. In Cluny hatte der armarius 
für alle Bedürfnisse der Schreiber zu sorgen, 2 ) und diese waren 
sogar vom Chor befreit. 3 ) Das und die übergrofsc Prachtliebe 
erregten den Widerspruch der Cistercienser, aber auch diese 
brachten bald schön verzierte Handschriften in Fülle hervor. 
Ihre Schreiber brauchten nur zur Zeit der Ernte ins Feld zu 
gehen, und durften die Küche besuchen, um ihre Schreibtafeln 
zu glätten, Wachs zu schmelzen und das Pergament zu trocknen. 4 ) 

In England erlag freilich bei der Eroberung die eigen- 
tümliche Kunstübung der Angelsachsen, aber die Normannen 
waren nicht minder eifrige Beförderer der Gelehrsamkeit. In 
St. Alban's richtete der Abt Paulus sogleich ein Scriptorium mit 
bestimmten Einkünften ein, und auf seinen Wunsch bestimmte 
ein Edelmann Zehnten, die er schenkte, ad Volumina ecclesiae 
necessaria scrihenda. Für die Schreiber, welche er von weil 
her aufsuchte, bestimmte Paulus feste Tagegelder, damit sie 
ungestört arbeiten konnten. Contmuo in ipso quod construxü 
soHptorio libros praeelectos scribi fecit, Lanfranco exemplaria 
ministrante. Gegen das Ende des 12. Jahrb. war die Schrei- 
berei schon wieder verfallen, aber Abt Simon stellte sie her, 



») Codd. lat. Mon. 6256. 6372. 6403; Tabb.1,3,80. 100. 105. 
> In der oben S. 282 erwähnten Unterschrift einer in Cluny anter 
Pontius geschriebenen Bibel heifsl es: Petro tunc temporis armario ne~ 
• ecundum officium suum cum gaudio studiogtie subministrante. 
Vgl auch All. Helmsdörfer, Willi. \. Birschau s. 80—82 mit Beziehung 
auf Willi. Constitutt. II. 26 bei Berrgotl 8, 510. Der Cod. Eberhardi 
in Fulda wurde unter Alu .M;i rUw ;u d geschrieben Dutone cellerario 
metribranam subministrante. Vol. N l ."> uach W. Arndt 
•'') Mart. Ti.es. v. L629. 7gl. oben 8. 212. 
') Winter, die Cisterc. ll. L45, nach dem Usus, gedr. im Noma- 
ed Julianus Pari Paris l<!7o. 



Mönche als Schreiber. 373 

und hatte immer zwei oder drei auserwählte Schreiber in seiner 
eigenen Kammer. Scriptorium quoque tum temporis fere clissi- 
patum et contemptum reparavit, et quasäam laudabiles consue- 
tudines in ipso innovavit et ipsum ampliavit reäditibus, ita ut 
omnibus tempbribus debeat abbas qui pro tempore fuerit, unum 
habere scriptorem specialem. 

Hier ist von dem Schreiben der Mönche selbst schon nicht 
mehr die Rede. x ) In Corbie dagegen schrieb um diese Zeit 
Bruder Nevelo noch sehr fleifsig; ihn drückte eine verborgene 
Schuld, und dringend erbittet er am Schlüsse jeder Hand- 
schrift die Fürbitten der Leser: Ego frater Neuelo huius saneti 
eenobil Corbelensis alumnus in saneto liabitu constitutus, sed 
conscientiae sarcina utcumque pregrauatus , hunc libellum pro- 
priis sumptibus elaboratum et propria manu prout potui de- 
scriptum obtidi domino et patrono nostro beatissimo Petro 
apostolo. 2 ) Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts aber schrie- 
ben auch in Corbie die Mönche nicht mehr selbst, sondern 
kauften Bücher oder liefsen Schreiber für sich arbeiten. Bei- 
des finden wir erwähnt in den alten Statuten der Canoniker 
von S. Victor in Paris, wo c. 21 die Obliegenheiten des arma- 
rius ausführlich angegeben werden. Da heifst es: Omnes seri- 
pturae quae in ecelesia sive intus sive foris sunt, ad eius 
officium pertinent, ut ipse scriptoribus pergamena et cetera, 
quae ad scribendum necessaria sunt, provideat, et cos qui pro 
pretio scribunt, ipse conducat. 3 ) 

Fleifsig schrieben in ihren Zellen die Karthäuser. Hoc 
siquidem speciale esse debet opus Carthusiensium inclusorum, 
sagt der Prior Guigo (f 1137) de quadripartito exercitio cellae 
c. 36. In den 1259 gesammelten alten Statuten heifst es II, 
16, 8: (Juod sl frater alterius artis fuerit, quod apud nos 



x ) Doch hat auch im 13. Jahrh. Matthaeus Paris, selbst geschrie- 
ben, aber gegen die Ausdehnung der ihm beigelegten Thätigkcit hat 
Duffus Hardy in der Einleitung zu Vol. III des Dcscriptive Catalogue 
triftige Gründe geltend gemacht. 

2 ) Leop. Delisle, Recherches sur l'ancicnnc Bibliothequc de Corbie, 
Mnii. de rinstitut. XXIV, L 2S». 

:; ) Martcnc de antiquis eccl. ritibus III, 733. 



374 Die Schreiber. 

raro valde contingit — omnes enim jpene quos suseipimus, si 
fieri potest, scribere docemus. Und IL 23, 5: Qui scribere seit 
et potest et noluerit 3 a vino abstineat arbitrio prioris. Johannes 
Gcrson schrieb 1423 eine Abhandlung de laude scriptorum, 
worin er den Coelestinern und Karthäusern auf ihre Anfrage 
bestätigte und nachwies, dafs sie auch an Festtagen ohne Sünde 
erbauliche Werke abschreiben könnten. J ) 

Die Karthäuser werden sich wohl ganz auf kirchliche 
Schriften beschränkt haben. Weiter reichte der Gesichtskreis 
des Friesen Emo, welcher schon auf der Schule, wenn seine 
Genossen spielten, schrieb oder illuminierte. Später besuchte 
er mit seinem Bruder Addo die hohen Schulen in Paris, Orleans 
und Oxford, und hier schrieben sie, indem sie immer abwech- 
selnd die halbe Nacht durchwachten, die ganze ihnen zugäng- 
liche, auch heidnische Litteratur zusammen, nebst den Glossen 
ihrer Lehrer. Als erster Abt des Prämonstratenserklosters 
Wittewierum (1204 — 1237) setzte Emo seine frühere Gewohn- 
heit fort, und verfertigte selbst nach der Mette wachend, wäh- 
rend die Brüder schliefen, alle Chorbücher: scripsit, notavit 
et illuminavit. Dann sorgte er für die Ausstattung des arrna- 
rium librorum in capitulo mit geistlichen Schriften, und leitete 
dazu die Brüder und Schwestern an: non solam in clericis, 
<jiK,s ad scribenäum fervide incitabat et per se ipsum instruebat, 
Vi rum etiam sedulitatem in femineo sexu considerans , sororcs 
ad hoc habiles sollicite in scribendo informabat. 2 ) 

Dais auch Nennen diese Kunst übten, kommt schon früh 
vor. Cäsarius von Arles (| 542) verordnete, dafs in dem von 



') Opp. II. 694 IV. Darin Considerat. !>. p. 700 die merkwürdige 
stelle: 8ed negue qui&piam excusaverit suam in scribendo segnitiem, si 
/ lilteras artificiose muH um /'<>rui<trr: litter a sit legibilis, sit 
punetuata, pur g ata . qualis est Lombardorum. Das Ist wohl dieselbe, 
welche Bonsl Bononiensis heilst, die Schrill der zahlreichen Rechtshand- 
Bchrifteo auf Bologna; denn an die lombardischen Banquiers darf man 
liier chwerlich denken, so bekannl Bie auch in Paris waren, weil von 
Bücherschrift, und nicht von Currentschrifl die Rede ist 

) Kronijken ran Emo en Monko Utr. 1866) j>. 150. 1<»7. .let/t 
auch MG BS Will. 



Mönche als Schreiber. 375 

ihm gestifteten Nonnenkloster, welchem seine Schwester vor- 
stand, inter psälmos aique ieiunia, vigilias quoque et lectiones, 
libros divinos pidelirc scriptitent virgines Christi, ipsam (Caesa- 
riam) magistram habentes. 1 ) Später galt das Schreiben für 
mühsamer, und es erregte grofsc Bewunderung, dafs im achten 
Jahrhundert die Nonnen von Maseyk sich damit beschäftigten: 
necnon quod nostris temporibm vcdde mirum est, etiam scri- 
bcndo atque pingendo, quod huius aevi robustissimis viris oppido 
anerosum vldetur. 2 ) Später wird es ohne Zweifel häufig vor- 
gekommen sein, 3 ) ohne dafs wir gerade Nachricht darüber 
hätten, wie wir ja überhaupt von Nonnenklöstern nur wenig 
erfahren. Im Anfang des 12. Jahrhunderts schrieb in Wesso- 
brunn die Klausnerin Dimudis eine grofse Reihe kirchlicher 
Werke für den Gottesdienst und die Bibliothek, und eine eigene 
Stiftung verewigte ihr Andenken. 4 ) Die Nonne Guta in 
Schwarzenthaim wurde schon oben S. 304 erwähnt, Herrad von 
Landberg S. 65, -und S. 177 auch der Admunter Nonnen ge- 
dacht, welche die Werke ihres Abtes Irimbert (1172 — 1176) 
gar säuberlich abschrieben. 5 ) In Mallerstorf war um dieselbe 
Zeit Leukardis thätig, welche schottischer Abkunft gewesen sein 
soll, schottisch (d. h. irisch), griechisch, lateinisch und deutsch 
verstand, und so fleifsig schrieb, dafs der nicht minder neifsig 
schreibende Mönch Laiupold zu ihrem Andenken ein Anniver- 
sarium stiftete. 6 ) Bruder Idung schickte seinen Dialog über 
die Cluniacenser und Cistercienser an die Nonnen von Nieder- 
münster bei Regensburg, ut legünliter scribcdur et diligenter 
emendeiur ab aliquibus sororibus. 7 ) In demselben 12. Jahrh. 



*) Vita Caesarii, gleichzeitig, I, 33. Mab. Acta SS. I, 646 ed. Ven. 

2 ) Vita Ilarlindis et Reinilae, geschrieben zwischen 850 n. 880, § 5. 

8 ) vgl. oben S. 369. Im Cod. Kcinhardsbr. ed. Hoefler p. "2,") wird 
Nonnen eine Abschrift aufgetragen, nie pergamenum Inline nie. 

4 ) Leutner, Ilist. Wessofont. I, 166 ff. 254. Ilcfner im Oberbair. 
Archiv I, 361. 

•) Mon. Germ. SS. XI, 48. Archiv X, 633. 

,; ) Mon Boic. XV, 269. Verse unter einer von ihr geschriebenen 
Handschrift ib. j>. 249. 

7 ) Kockinger II, 7 Dach IVx Thcs. VI, 2, 57. 



376 Die Schreiber. 

schrieben Gertrud, Sibilia u. a. einen Codex für die domini 
MonasterienseSj von welchen er durch Austausch gegen Gregors 
Pastorale nach Arnstein kam. *) 

Spater kommen nur noch vereinzelte Beispiele vor; so im 
Heidelberger Cod. Salem. IX, 66: Istum Ubrum procuravü 
frater Jacobus de Lindaudia ad honorem S. Marie virginis 
et eins filio et ordinauit eundem in chorum prioris. gui secus 
fecerit anathema coreon summo deo sit. et scriptus est a vene- 
rabili sorore Katherina de JBrugg momali in rubeo monasterio 
sab a. d. 1366. Quicunque cemtat uel legal in eo habeat 
nostri memoriam aput deum. Es ist ein Antiphonar, wo am 
Schlufs die Inschrift mit abwechselnd rothen und schwarzen 
Zeilen steht. Auf der ersten Seite aber ist in einer grofsen 
Initiale die Nonne zu sehen, auf deren Spruchband steht Ego 
lcaihe. dieta zebrugg. in nd>eo monasterio, nämlich im Cister- 
cienserkloster Rothenmünster im Constanzer Sprengel. 

Anibrogio Traversari schreibt (epp. p. 634): JPsalterium 
quod non miseris, imputamus infirmitati sanetimonialium 
Mar um; er bittet, den Psalter anderswo vollenden zn lassen. 
Job. Gorson aber sagt 1428 mit Beziehung auf die weiblichen 
Schreiber dos Origenes: Fuerint an adhuc sint n< *<■;<> sanetir 
moniales in hoc opus <1<<Hc<<I<i<\ sicut <>Hm Origeni etc.?) Es 
gab deren allerdings noch, wenigstens in Deutschland, und 
namentlich mit Malerei geschmückte Chorbücher scheinen sie 
viel verfertigt zn haben 5 so Anna Zineris, Priorin von All- 
münster 1478, 8 ) und die oben S. 307 erwähnte Margareta von 
Merode in Schillingscapellon, und noch 1507 eine bescheidene 
Ungenannte: DU 1><><I; is geendiget vp sante Jurigens auent A. 
h. Mdvij . Biddct god for de schriuerschen myt enen Aue 
Maria. Dyt bock hört dem <<>nit<iil<' tom lyliendale.*) 

Bei der grofsen durch Joh. Busch betriebenen Klöster- 
reform isl vom Schreiben d^v Nonnen nur in dem 1 |.)1 refor- 



') jetzt in London Harl. 8099, 3; a f-Y. Zarncke, C 1. «I«' epi- 

stola presb Joh L874 - 5 

1 !><■ laude Bcriptorum, Opp. II. <*>'.>< cd. 1706. 
n ) Codd lal Monac 2931 29 
l i Hoffmann, Ali.l. Handschriften B. 266. 



Mönche als Schreiber. 377 

mi erten Kloster Heiningen die Rede. x ) In St. Gallen schrieben 
die Nonnen bei St. Catharina. 2 ) 

In den Mönchsklöstern erhielten sich im 13. Jahrhundert 
wohl noch hie_ und da die früheren Studien, wie z. B. der 
Bruder Konrad von Scheiern als Muster eines librarius von 
1205 — 1241 wirkte, 3 ) und in Heilsbronn die Bibliothek immer 
sorgsam gepflegt wurde. Auch Corbie zeichnet sich in dieser 
Hinsicht aus, Salem, 4 ) und noch manches andere Kloster. Aber 
in dem altberühmten Murbach konnten 1291 die Mönche. nicht 
schreiben, und ebenso 1297 mehrere St. Galler, unter ihnen 
der Probst. 5 ) Dagegen waren die neu gegründeten Bettelorden 
auch auf diesem Gebiete sehr thätig, nur verlegten sie sich 
mehr auf Abschriften ihrer eigenen Compilationen und schola- 
stischen Schriften, als auf kalligraphische Vervielfältigung älterer 
Werke. Richard de Bury macht in seinem Philobiblion c. 5 
u. 6 die bitterste Schilderung von der allgemeinen Feindschaft 
der Geistlichkeit gegen alle Bücher: Calicibiis epotandls, non 
codieibus emendandis indulgent hodie. Auch die Bettelmönche 
schont er da nicht, doch spricht er später wieder günstiger 
von ihnen. Ueber die Minoriten haben wir schon gelegentlich 
einige Stellen von Salimbene angeführt; ihre Regel und Lebens- 
art erforderte grofse Sparsamkeit, und eng gedrängte Schrift 
mit vielen Abkürzungen ist bei ihnen vorzüglich zu Hause. 
Roger Bacon kam deshalb in Verlegenheit, als er sein Werk 
dem Pabst Clemens IV zu übersenden wünschte, weil seine 
Ordensbrüder nicht kalligraphisch zu schreiben verstanden, an- 
dere Schreiber aber den Inhalt betrügerisch verwerthen würden, 
wie das ihre Gewohnheit sei: ' Sed scribi non posset litter a bona 
nisi per scriptores alienos a statu nostro, et Uli tunc transcri- 



1 ) Leibn. SS. Rer. Brunsvic. II, 882. 

2 ) Weidmann, Gesch. d. Bibl. S. 29. 

:; ) Mon. Germ. SS. XVJI, 624; vgl. F. Kugler, Kleine Schriften 
I, si -87. 

*) Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXIV, 250 die unter Abt Ulrich II 
1287— 1.'502 geschriebenen Bücher. 

r> ) Neugart, Cod. dipl. Alem. II, 334. 338. 



378 Die Schreiber. 

berent pro se vel aliis vellem nollem, sicut sepissime scripta 
per fremdes scriptorum Tarisius divulgantur. x ) 

Sehr fleifsig wurde noch im 14. Jahrhundert in Scheftlarn 
geschrieben, 2 ) und überhaupt in den süddeutschen Klöstern bis 
ans Ende des Mittelalters; manche Abschriften brachten die 
Mönche von den Universitäten mit nach Haus. Aus Salem be- 
wahrt die Heidelberger Bibliothek viele und zum Theil recht 
schöne Handschriften. Ein vorzüglich schönes Brevier hat 1493 
und 14 ( J4 der Cistercienser Amandus geschrieben, welcher 
nach Zerstörung seines Klosters in der Vorstadt von Strafsburg 
in Salem Aufnahme gefunden hatte, und 1529 Abt geworden 
ist; die Illuministen aber waren bezahlte Künstler. 3 ) 

Es ist die noch zu wonig beachtete Reform, welche mit 
den. Bestrebungen des Baseler Concils in Verbindung stand. 
und um die Mitte des 15. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung 
vieler Kloster zur Folge hatte. 4 ) Lebhaft tritt er uns in 
der Chronik des Klosters Camp entgegen; hier wird um 1440 
die Bibliothek im Umgang erneuert und gewölbt. Der Con- 
verse Wilhelm de Reno, scriptor egregius } nulli ill<> tempore 
hi arte sua seeundus, schreibt das Catholicon, Mefsbücher u. a. 
und lehrt auch andere schreiben; er stirbt 1487. Bruder 
Heinrich von Altkirchen (f 1503) schrieb 5 Mefsbücher. Im 
Jahr L463 verbrennen aliqui libri cum multo pergameno novo 
ad valorem CXX flor. renensium. 1482 werden die Urkunden 
und Register geordnet, notariell abgeschrieben und iuxta d<>r- 
müorium in camera testudinaria mit eisernen Thüren ver- 
wahrt, ht novis capsulis (lisliiiclc h><-<t/a. Abt Heinrich von 
Calcar sorgte hierfür schon als Prior und Supprior, und für 
den Schreiber Wilhelm schaffte er L8 Jahre lang jährlich fiir 



') Opera inedita eil. Brewer p. 13. öeber die Schreibari der 
Minoriten ?gl. El Pauli in dem Tüb. Progr. von 1864 über Bischof 
Grosseteste 8. 18. 

) Mom. Germ. S& WH. 849. 

An/, des Germ. Museums XIV (1867) S. HU -166. 
•) i iL'.; spricht Job. Gereon von <l<-n icriptoribua in religione de- 
gentibus, quorum ad presena \i\ ullum Bupereal vestigium, Opp. il- 694 
ed L706. 



Mönche als Schreiber. 379 

IG bis 17 fl. Pergament und andere Requisiten an. Als er 
1499 seine Würde niederlegte, schenkte er dem Kloster seine 
Büclier. x ) 

In Michelsberg nahmen Abt Ulrich III (1475—1483) und 
sein Nachfolger Andreas sich der verwahrlosten Bibliothek an, 
und retteten auch das merkwürdige Verzeichnis der unter den 
ersten Aebten Wolfram und Hermann erworbenen, und von 
den einzeln genannten Brüdern geschriebenen Büclier. 2 ) In 
Kloster Bergen bei Magdeburg erneute 1492 Abt Andreas das 
Scriptorium, 3 ) und bei den Prämonstratensern von Scheda in 
Westfalen war der Prior Adolf von Hoeck (f 1516) nicht nur 
ein eifriger Reformator, sondern auch ein trefflicher Schreiber. 4 ) 

In Monsee, wo einst Liutold so neifsig geschrieben hatte, 
soll Bruder Jacob von Breslau (f 1480) so viele Bände ge- 
schrieben haben, quot sex equi eledi vix sufficerent trahere. 5 ) 

Fleifsig wurde auch in Tegernsee nach der Reform ge- 
schrieben unter Konracl V (1461— 1492); 6 ) in Blaubeuern, wo 
1475 eine Druckerei eingerichtet war, schrieb 1477 Andreas 
Ysingrin die Chronik von Monte Cassino ab, 1492 Bruder Sil- 
vester das Leben des seligen Wilhelms von Hirschau. 7 ) 

In Belgien wirkte um die Mitte des 15. Jahrhunderts 
Bruder Johann von Stavelot 34 Jahre lang im Lütticher Lau- 
rent] nskloster als fleifsiger Schreiber, 8 ) und so lassen sich 
gewifs noch manche Klöster nachweisen, in denen der alte 
Benedictinerrleifs nicht verschwunden oder wieder aufgelebt 
war; viel mehrere aber waren in Ueppigkeit und Faulheit ver- 
sunken. 



*) Eckertz, Fontes rerum Rhen. II, 303. 394. 432. 

2 ) Ex msto Andreae abbatis, leider aber nicht im Original, bei 
Jaeck u. Heller, Ueitr. zur Lit. Gesch. Barab. 1825 S. XIX— LH. Un- 
vollst. bei Schannat, Vind. lit. I, 51. 

3 ) Gesta abl). Bergi p. 33. 

') Seibertz, Quellen d. Westf. Gesch. III, 470. 

5 ) B. Pez Thes. I. Diss. p. IV. 

6 ) Pez Thes. in, 3, 547. 

7 ) Mon. Genn. SS. VII, 567. XII, 211. 

H ) Reiffenberg, Annuaire de la liibl. de Brux. I, XLIX — LVI, 



380 Di e Schreiber. 

Audi im Erfurter Peterskloster wurde noch am Ende des 
15. Jahrhunderts sehr fieifsig geschrieben; 1 ) ganz besondere 
Erwähnung aber verdient das Kloster St. Ulrich und AiVa in 
Augsburg, nicht allein wegen des bewunderungswürdigen 
Fleifses der Mönche und ihrer Geschicklichkeit im Sehreiben, 
sondern auch weil wir hier durch den schon oft benutzten 
Catalogus abbatum von Wilhelm Wittwer so genaue und aus- 
führliche Nachrichten darüber besitzen. Der Abt Melchior 
legte 1472 die Druckerei an, um die Mönche zu beschäftigen 
und durch Austausch die Bibliothek zu vermehren.") Doch 
hörte man doshalb nicht auf zu schreiben und schreiben zu 
lassen; manches gedruckte Buch, wie die Werke der Roswitha.-' 1 ) 
das Chronicon Urspergense, 4 ) sind noch wieder abgeschrieben 
worden. Vorzüglich aber waren es die grofsen Chorbücher, 
welche noch lange Zeit mit der Hand geschrieben wurden. So 
wünschte auch in St. Ulrich und Afra L489 der Prior ein 
Gradale pro choro, der Abt willigte ein und beschaffte das 
Pergament; da meldete sich freiwillig der Bruder Leonhardus 
Wagner alias Würstlin natus de Schwabmenchigen, und über- 
nahm die Arbeit. Deinde ineepit, scripsü ac notavit illud 
gradäle omni diligentia <jn<t potuit in pretiosa litera vi n<>l<t. 
Im folgenden Jahr wurde er fertig, und Bruder Cnnrad Wag- 
ner von Ellingen illuminierte es. 5 ) L494 wurden Loonhard 
Wagner und Bein Schuld- Balthasar Kramer vom Chorgesang 
befreit, um zwei Psalter für den Chor zu schreiben. 6 ) Loon- 
hard widmete L507 K. Maximilian ein merkwürdiges Werk, 
welches jetzt leider verloren zu Bein scheint, anter dem Titel: 
Proba C seripturarum diversarwn mann exaratarum, Facsi- 



') Nicolaue de Syghen p. 601 503. 

oben s. 328, u. Winter. Die Cisterc. III. 84 über <lic Drucke- 
reien in BaumgarteE bei Strafsburg und in Zinna. 
i Bethmann in Pertz' Archu IX. 534, 

') 1171 \<>n Hartmans Schedel, und aoeh 2 andere Abschriften, 
Arriii\ XI, 

) Bteichele'a An-hiv III. 858, fgl. auch s. 308 348. 872. 
PI Braun, Notitia de codieibue mss in bibl. mon. ad ss [Jdal. 

.1 Atr;nii III. 101 



Mönche als Schreiber. 381 

miles verschiedener Schriften vom 11. Jahrhundert an, jede 
Schriftart mit ihrem Namen, zum Theil von höchst seltsamer 
Erfindung. 1 ) Er starb 1522 am ersten Januar, und im Schotten- 
kloster zu Wien ist sein Gcdächtnifs verzeichnet mit der Be- 
merkung: qui seivit LXX scripturas formare et plures. 

Ein grofses Graduale von prächtiger Ausstattung in zwei 
Bänden in der Ambrasser Sammlung ist 1499 und 1500 ge- 
schrieben und ausgemalt von Jacob von Olmüz für Laslaw 
von Sternberg in castro Bechinensi. Besonders merkwürdig ist 
dabei auf der ersten Seite des ersten Bandes eine Unterweisung 
für die Ordensbrüder, wie sie beim Schreiben der Gradualia, 
Missalia etc. Noten, Linien und Buchstaben zu machen haben; 
sie sollen die Pausen genau beachten, nichts weglassen und 
nichts dazu setzen, auch dergleichen Werke nicht von Welt- 
lichen schreiben lassen, qtda seeulares scriptores omnia fere 
quae serilunt vel notant corrumpunt. Deshalb sollen die Oberen 
die Ordensbrüder .selbst zum Schreiben anhalten, oder wenn 
diese es nicht können, Sorge tragen, clafs fähige es lernen. 2 ) 

Noch Johann von Trittenheim, Abt von Sponheim, schrieb 
1492 an den Abt Gerlach von Deutz einen Tractat de laude 
scriptorum, in welchem er die Schreiber dringend ermahnt, 
sich nicht durch die Buchdruckerei abschrecken zu lassen. 
Scriptwa enim si membranis imponitur, ad mille annos poterit 
perdurare: impressura autem cum res papirea sit, quamdiu 
subsistet? Si in volumine papireo ad ducentos annos perdu- 
rare potuerit, magnum est. quamquam multi sint qui proprio, 
matcria impressuram arbitrentiir consumendam. 3 ) Er empfiehlt 



] ) PI. Braun 1. 1. VI, 45. B. Pez, Thes. I. Diss. p. XXXIV, wo 

die Namfn gegeben sind. In der Münchener Bibliothek ist die Iland- 
Bchrifl nicht. 

' 2 ) v. Sinken, die Ambr. Sammlung II, 199. 

8 ) Auch Gerson hielt wenig vom Papier (Opp. II, 700): Sit scri- 
ptura laudabilis />r<> thesa/wro, <in<ilis non est in p<ipyris illico exeuntibus, 
ubi dicil H r si null labor recte papyreus deperirc cum u\>er<t cl expensa. 
Pergamentum durabilius est, que conditio caritatem eins super papyrwm 

coiiipeiisdl (thiiiiriauter. Der Rath ZU Lübeck ersuchte den von l!r\;il. 



382 Die Schreiber. 

deshalb auch gedruckte Bücher abzuschreiben, hat aber freilich 
zu dem Fleifee der Mönche seiner Zeit nur wenig Vertrauen. 
fra&res mei, si sciretis huius utilüatem operis, non essetis 
tarn prigri et tardi ad officium scriptoris! Wir wollen diese 
Trägheit nicht in Schutz nehmen, aber die Schreibkunst in 
ihrer alten Bedeutung war durch die Buchdruckerei unrettbar 
zu Grunde gerichtet. 

Eine ganz eigentümliche Stellung nehmen die Brüder 
vom gemeinen Leben ein, clerici de rl(a communi. Man 
kann sie nicht den klösterlichen Schreibern beizählen, weil sie 
aus dem Abschreiben ein Gewerbe machten, was bei jenen doch 
nur einzeln und nirgends in solcher Ausdehnung vorkam. 
Wieder aber unterscheiden sie sich von den Lohnschreibein 
theils durch ihre genossenschaftliche Organisation, theils da- 
durch, dafs sie zugleich eigene Gelehrsamkeit und Unterricht 
erstrebten, theils durch ihre erbauliche Tendenz. Auskunft 
über sie giebt das Werk von Delprat 1 ) nebst den darin be- 
nutzten Originalquellen. 

Gerhard Groote stiftete 1383 das Haus zu Deventer, wo 
von Anläng an für Geld geschrieben wurde. Igitur ars scri- 
bendi libros quae clericis melius convenit et quietius <\r<r<<ri 



in Zukunft bescholteiie Urtheile, die nach Lübeck geben, auf Pergament 
/u schreiben, wante dal pappir vergenglick is. Hans. Gesch. Bl. 1 S7 1 
s L68. Lüb. Ürkundenb. V, 1 N. 4. 

') Verhandeling over de Broederschep van <;. Groote en over den 
invloed der fraterhuizen op den ttetenschappelijken en godsdienstigen 
toestand, voornamelijk \;m de Nederlanden na de veertiende eeuw. 
2 Drnk, L856. Vgl. Ruland, Die Vorschriften der Regular-Cleriker über 
das Anfertigen und Abschreiben der Handschriften, im Serapeum XXI. 
183 L92, nach Delprat, der bei Miraeue gedruckten Regel, und dem 
schon «dien \i<d benutzten, 1494 gedruckten Reformatorium. Ferner W. 
Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland vöör de hervorming, im 2. Stück 
2 Theils, L867 Noch nicht gesehen habe ich: J. C. van Slee, De 
•Kloostervereeniging van Windesheim, Leiden 1874. Vgl. auch: Nolte, 
7 iiii.iii gegebene Briefe von Gerh. Groote, in der Theol. Quartalschrift 
(Tui». 1870) I.ll. 280 905. s. -j!U schreibt G. nach Amsterdam: Ro^o 
ni miiinii michi i>r<> lind <inii<iit<> vel dimidio francenum de vestro fran- 
< < no Ouderaans, Bijdrage toi een Middel-en Oudnederlandsch Woordcn- 
boek Arnli |s7i ^ 325 erklärt franeijn. Fransch perkamcnl 



Mönche als Schreiber. 383 

potest, a fratribus domus eius est mattirias arrepta et pro com- 
muni bono servando usitatius introducta. 1 ) Man fand darin 
zugleich das beste Mittel, zunächst die zu eigenem Gebrauch 
nöthigen Bücher sich zu verschaffen, und dann die für die 
Erhaltung der Stiftungen erforderlichen Mittel zu erwerben. 
Erhielt doch z. B. Bruder Jan von Enkhuizen aus Zwoll für 
eine Abschrift der Bibel 500 Goldgulden. 2 ) In Lüttich hiefsen 
die Fraterherren, wie man sie nannte, auch JBroeders van de 
penne, weil sie auf ihrem Hut oder ihrer Mütze eine Schreib- 
feder trugen. 3 ) 

Gerhard Groote gab ihnen Bücher zum Abschreiben, prüfte 
die Abschriften, und verkaufte die gut befundenen; Florentius 
Radewijns sah die Handschriften nach, bereitete das Pergament 
und verfafste eigene Aufsätze. Später bei wachsender Aus- 
dehnung der Brüderschaft hatte jedes Fraterhaus seinen libra- 
rius, nebst den wechselnden Aemtern des rubricator, ligator etc. 

Vorzüglich schrieben und verbreiteten sie fromme Schriften 
in der Landessprache, was nicht ohne Anfechtung blieb; 1397 
und 1398 holten sie ausführliche Gutachten darüber ein, ob 
es erlaubt sei niederdeutsche Bücher zu besitzen und zu lesen, 
und endlich gelang es ihnen das Feld zu behaupten. 4 ) Auf 
Deutlichkeit und Genauigkeit der Abschriften hielten sie strenge; 
dagegen wurden neue zierliche Schreibweisen und Prachtbände 
zu Deventer nicht gebilligt. 5 ) 

Von Gerhard Groote ging auch die Stiftung des Klosters 
Regulierter Chorherren zu Windesheim aus, dessen Regel sich 



*) Thomae de Campis Vita Florentii c. 14. 

2 ) Delprat S. 324. Natürlich mit Einrechnung der Kosten. 

») Delprat S. 172. 

4 ) Delprat S. 51. Vgl. damit die merkwürdige Stelle Conrads de 
Mure über die Zurückweisung von Urkunden in deutscher Sprache, 
Quellen /,. Bayer. Gesch. IX, 47:;. 

B ) Delprat S. 252. In der Vita domini Joh. Hatten bei Dumbar, 
Analectt. I, 190 helfet es, nachdem von dem einfachen modus scribendi 
die Heile gewesen ist: Nam mventores novorum modorum et curiosita- 
tum in ligando aut illuminando , a foria venientes et fratres docere vo- 
lentes, wimquam admisit; voluit cnim opera paranda fideKter et fortiter, 
höh cur tose /xirari. 



384 Die Schreiber. 

weithin verbreitete; in diesen Klöstern wurde von Mönchen 
und Nonnen nicht minder eifrig geschrieben, doch nur aus- 
nahmsweise zum Verkauf. 1 ) Die eingehendsten Nachrichten 
über diese Klöster giebt uns Job. Busch in seiner Chronik, 2 ) 
derselbe, welcher die Reform auch um 1450 in Niedersachsen 
durchgeführt und in seinem so ungemein anziehenden und 
lehrreichen, lebensvollen und farbenreichen Buche geschildert 
hat s ) Die Brüder vom gemeinsamen Leben auf dem Maria 
Leuchtenhofe zu Hildesheim hatten wegen dieser Reform so 
viele Meisbücher u. a, zu schreiben, dafs sie für Abschriften 
und Einbände über tausend Gulden verdienten. 4 ) 

Da auch ihnen die Druckerei eine schädliche Concurrenz 
bereitete, so ist es sehr wahrscheinlich, dafs sie sich frühzeitig 
der neuen mechanischen Mittel bedienten. Nach der Yer- 



*) Joh. Busch, Chron. Wind. II, 35 p. 409, sagt von Joh. de Kempis, 
dem Bruder des berühmteren Thomas, dafs er als Prior des Agneten- 
bergea bei Zwoll u. a. noris libris scribendis, üluminandis et emendandis 
operam ditigentem impendit. VA quia pauperes tunc eromt, fratribus 
suis pro pretio scribere concessit. Thomas sagt im Chron. M. S. Agii. 
c. 8 p. 28 von demselben: Flures lübros pro choro et pro armuria scribi 
fecit; et nihilominKs quia pauperes adhuc erant, aliquos fratres pro 
pretio scribere ordinavit, sicut ab antiquis temporibus eonsuetum erat. 
Vom Br. Egbert f 1427) ib. c. 21 p. 56: Ipse mutlos Ubros cantuales in 
choro pulchre ittwminavit, nee non varios Codices pro armatura nostra 
ei quandoque pro pretio scriptos illuminavit. In dem 1408 gestifteten 
Nonnenkloster Diepenveen schrieben nach Moll II. 2, tili die Nonnen 
Bücher zum Verkauf, andere illuminierten und banden sie. 

2 ) Chronicon Canonicorum Regularium Ord. S. Aug. Capituli Win- 
desemensis auet. Jo. Busch. Accedit Chron. Montis s. Agnetis auet. 
Thoma a Kempis. Cura Heribert! Rosweydij Antw. L621. Ein Behr 
seltenes Buch, welches mir erat jetzt in München zugänglich geworden 

h h verbessere daraus oben S. 65, wo statt Joh. Busch, Joh. Scutken 
zu nennen war. Die Chronik ist 11<>I rollendet. 

i De reformatione monasteriorum, bei Leibn. SS. II, 176 ff. 806 ff. 
Die Schrifl bedarf dringend einer neuen Ausgabe. Busch Bchrieb sie im 
hohen Alter: er starb achzigjährig L479 in Sulta bei Hildesheim. 

') Leibn. SS. Brunsvic. II, 855. Die Wittenburger sandten muh 
dem neu reformierten Kloster zur Sülte librös more ordinis nostri notatos 
1 1 irirgulatoi ib p. I'.» I. 811. 



Die Kanzleibeamten. 385 

mutliung von Harzen 1 ) rühren die frühesten Ausgaben des 
Heilspiegels um 1460 bis 1470 von den Brüdern des gemeinen 
Lebens her; Armenbibel, Hohelied und Heilspiegel sind ohne 
Druckort, vermuthlich aus Fraterhäusern. Etwas später geben 
sie die Anonymität auf, und es lassen sich Druckereien in ihren 
Häusern zu Deventer, Zwoll, Gouda, Herzogenbusch, Brüssel, 
Löwen, Marienthal, Rostock 2 ) nachweisen. Wahrscheinlich hat 
es deren noch mehr gegeben. 

3. Die Kanzleibeamten. 

Während in den Klöstern Bücher geschrieben wurden, 
waren die Weltgeistlichen sehr in Anspruch genommen durch 
geschäftliche Schreiberei. In Italien erhielt sich der Stand 
der Notare, und verbreitete sich von da aus nach dem 13. Jahr- 
hundert auch in andere Länder. Die Merowinger hatten noch 
weltliche Kanzleibeamte, unter den Karolingern aber fielen bald 
Kapelle und Kanzlei zusammen, und viele Jahrhunderte hin- 
durch wurden aufserhalb Italiens alle Urkunden von Geist- 
lichen geschrieben. Noch allgemeiner, denn hier fiel auch die 
Concurrenz weltlicher Notare weg, war alle Correspondenz in 
geistlichen Händen. Jeder Mann von einiger Bedeutung mufsto 
seinen clericus, clerc, clerk, Pf äff, 3 ) haben, der seine Briefe las 
und schrieb. 4 ) Es war der sicherste Weg, sich seinen Lebens- 
unterhalt, dann auch Reich thum und Ehre zu erwerben. Ein 



J ) Ueber Alter und Ursprung der frühesten Ausgaben des Ileil- 
spiegels, in Naumanns u. Weigels Archiv für die zeichnenden Künste. 

1, 3—15. II, 1—12. J. P. A. Madden, in den Lettres d'un Bibliographe, 

2. Serie, Paris bei Trofs 1873, sucht zu erweisen, dafs in Coeln das erste 
und bedeutendste Buchdruckergeschäft von den Brüdern des G. L. zu 
Weidenbach geführt wurde. Auch Caxton soll sich dort gebildet haben. 

2 ) s. Lisch in den Meckl. Jahrbb. IV, 1—34 über das Rostocker 
Fraterhaus und seine Druckerei. 

8 ) a. 1401 in Mainz: Konrad Humery, der Stadt Pfaffe und Juriste, 
später der Stadt CanceUer genannt. Sotzmann in Raumers bist. Taschonb. 
1841 S. 020. 

4 ) Ille vil woratas siffillam frcffit, clcricum suum, qmd Mar Utterae 
vellent, exponere sibi praecepit. Bruno de bello Sax. c. L3. 

Wattenbach, Schriftwesen. 2. Auil. 25 



386 Die Schreiber. 

Bisthum belohnte fast regelmäfsig die Verdienste des könig- 
lichen Kanzlers; geringere Pfründen fielen den übrigen zu. So 
bat König Wenzel, der Luxemburger, den Pabst um Pfründen 
für seine honordb'ües protonotarii. registratores atque scriptores 
litterarum nostrarwm regalium. Er klagt: dorsa eorum in 
apostolicis ciirvantur agendis, nee dignatnr benignus pater Ulo- 
rum curvaturam erigere, quos novit pondas diei et aestus con- 
tinuo siibportarc. 1 ) Die Gefahr, welche in diesem Verhältnisse 
liegt, ist in dem Distichon ausgesprochen: 

Scripturae ignarus prineeps qui sustinet esse, 
Cogitur archanum prodere saepe suum. 2 ) 

Die Anleitung zum Briefschreiben bildete deshalb seit 
alter Zeit einen sehr wichtigen Theil des Unterrichts; man 
nannte das dietare. 3 ) Dieses Wort bedeutet ursprünglich die- 
tieren; da aber bei den alten Schriftstellern diese Art der 
Composition die gewöhnliche und fast allein übliche war, so ge- 
brauchte man das Wort schon früh für das Abfassen von Schrift- 
werken und dachte gar nicht mehr an die eigentliche Bedeu- 
tung. 4 ) Wenn Hieronymus ep. 75, 4 sagt: describi sibi fecit 
quaeeunqm dietavimus, und Cassiodor in der Vorrede der 
Variae: quod a nie dietatum in diversis publicis actibiis potui 
rt jH-rire, so wird es hier schon in solcher Weise zu fassen sein, 
und schon Sidonius Apollmaris (1. IX ep. 14) nennt Livius 
einen dietator invictus, wie Gregor. Turon. de Gloria Oonfesso- 
rum, Praef. von der nobiUum diciatorum auetoritas spricht, 
Audi im Prolog der Lex Salica heifst es: Gens Francorum 



') Palacky, Formelbücher II, 54. Vielleicht nur eine Stilübung. 

*) Sprachgedicht: Doctrina magütri Petiri Äbaekvrcti, bei Wright 
:iml IhilliwHI. ndl. antt. I, IG. 

'■) Vgl. meine Abhandlung über Briefsteller des Mittelalters, Archiv 
t öst, G-eschichtsquellen XIV. 29 ff. und die verschiedenen Abhandlungen 
von Rockinger, vorzüglich die Bchon oft benutzten Briefsteller und For- 
melbücher des 11. bis 14. Jahrhunderts im l\. Band der Quellen rar 
bayer. n. deutschen Geschichte, München ist;:;. 

') Sp&trömische Beispiele .'ms dem juristischen Sprachgehrauch lud 
Kopp, Palaeogr. cri1 I. 128. Boecking, Notitia Dign, II. 325 Vgl. 
Bickel, Urkunden <I< r Karolinger I. lü<;. 



Die Kanzleibeamten. 387 

dictavit per proceres suos. Den jungen Winfrid rühmt Willi- 
bald (V. Bonif. c. 2), dafs er dictandi peritia laudabüiter 
fulsit. Von den armen Knaben in der Hofschule nahm Karl 
der Grofse nach der bekannten Erzählung des Mönchs von 
St. Gallen I, 3 einen optimus dictator et scriptor in seine Ka- 
pelle auf, und verlieh ihm später ein Bisthum. Roswitha, die 
Nonne von Gandersheim, braucht häufig dictare für schrift- 
stellerische Thätigkeit. *) 

Fromund von Tegernsee sammelte im Anfang des elften 
Jahrhunderts die von ihm verfafsten Verse und Briefe unter 
der Aufschrift Über dictaminum, und bezeichnete den Inhalt 
mit den Worten: 

Quae mihi dictanti concessit gratia Christi 
Versibus aut chartis in corpus vertere scriptum. 2 ) 

Ebenso bezeichnet Otloh von St. Emmeram seine Werke in 
Prosa und Versen wiederholt mit dictare und dictamen. Auch 
der Anon. Haserensis braucht dictare in dieser Weise. 3 ) Bruno 
(de hello Saxon. c. 103) sagt von einer erdichteten mündlichen 
Botschaft, sie sei gesprochen verbis sicut- ipse callidus dictaverat. 
Ekkehard IV von St. Gallen bezeichnet seine Stilübungen aus 
der Schule als dictamina magistri diei debita.^) Der Biograph 
des h. Udalrich von Cluny sagt c. 3 von dem Knaben: solus 
in conclavi sedebat et arte dictandi ingenium suum exercebat. 
In der Paderborner Schule ludus fait omnibus insudare versi- 
bus et dictaniinibus iocundisque cantibus. b ) Bischof Gerhard 
von Csanad dictabat libros quos propria manu scribebat, ,; ) und 
so heifst es auch in der Legenda aurea von S. Ambrosius: 7 ) 



J ) R. Koepke, Otton. Studien II, 42. 
2 ) B. Pez, Thcs. VI, 1, 81. 
8 ) c. 2. 27. Mon. Germ. SS. VII, 254. 261. 

4 ) bei F. Keller in den Mittheil, der Antiq. Ges. in Zürich III, 99. 
Vgl. MG. II, 101 mit der Anmerkung von Ild. v. Arx. 
ß ) Vita Meinworci c. 160. 

6 ) Endlicher, Monn. Arpad. p. 214. 

7 ) In der gleichzeitigen Biographie von Paulinns heifst es: nee 
operani declinubdl scribendi proprio manu l/bros. 

25* 



388 D* e Schreiber. 

Ubros quo* dictabat , propria manu scribebat. Caesarius von 
Heisterbach Dial. XII, 94 erzählt von einer Nonne, die eigen- 
händig an einen Mönch schrieb, um ihn zur Rückkehr zu be- 
wegen: litteras ipsa dictavit et scripsit. 

Es ist nutzlos, noch mehr Beispiele zu häufen, nur will 
ich aus dem 15. Jahrhundert noch die Worte des Thomas a 
Campis in der Vita Gerh. Groot. c. 3 anführen: En hec est 
copia et series litterarum mearum quas manu mea dictarl. In 
der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts beginnen auch schon 
mit Alberich von Monte Cassino die zahllosen Artcs und 
Summae dictaminis. Thomas von Capua unterscheidet dre 
Arten: prosaiemn ut Cassiodori, metricum ut Virgilii, rithmi- 
cum ut primatis. x ) Sehr häufig ist dictamen ein Gedicht nach 
heutigem Sprachgebrauch, wie denn auch roman. dictar, ditar, 
und unser (Hellten dasselbe Wort ist. In Lambrechts Alexan- 
der heifst es: 

er dihte selbe einen brief: 

mit siner haut er in screib. 

Zu den zahlreichen Stellen, welche hierfür im Grimmschen 
Wörterbuch angeführt sind, füge ich noch einige hinzu. In 
dem Zeitbuch des Eike von Repgow ed. Malsmann p. 84 heifst 
es von der römischen Dictatur: de Int dietatura: so we se 
hadde, de dicktede dat reckt. Im Prolog zur Glosse des sachs. 
Landreehts a\. llomeyer p. 47 werden die Worte Pro dietantis 
nomine noli mterrogare übersetzt durch: Du scalt lan de wage 
din, we si der glossen dichter. Bei Königshofen heilst es zum 
Jahr L322: do wart der stette buch gedichtet und gemäht, do 
der stette recht und gesetzede nun' stont zu Strosburg.*) Pro- 
sator wird in dem Vocaiftularius optimus saec. \IY (ed. \Y. 
Wackernagel, Basel 1*47) S. 37 erklärt durch ein brief idchter 
nl<l ein buochtichter, prosa durch ein längs gedickte, metrificator 
durch ein verstichter. In den Geschichtsquellen des Erzstifts 
Bremen ed. Lappenberg S, 55 heilst • es: so hebbe wy riebet 



') Hahn, Coli. Mona. I. 280. 
• Städtechronikeir, Strafsburg II. 743 



Die Kanzleibeamten. 389 

boeck gJiedichtet, ghescreven inide to gader toghen. Wenn dalier 
Johannes Rothe ed. Liliencron p. 56 von Augustus sagt: vier 
briffe von vierley materien die dichte her miteinander, das vier 
schreibe)' geschrcben, so ist auch hier wohl der Sache, aher 
nicht den Worten nach an dictieren zu denken. Eschenloer 
giebt I, 3 poetiea licentia wieder durch fabulas oder getickte, 
und bezeichnet I, 316 ein Sendschreiben Girsiks als getickbeb 
durch Meister Heimburg in Latein sehr schöne. Noch in der 
Ziinberischen Chronik III, 175 heifst Georg Rixner der Dichter 
des Turnierbuches. 

Für metrische Poesie wird dictare selten gebraucht, r ) häu- 
figer für rhythmische. Unter einem Rithmas de Joseph patri- 
archa saec. XII steht Segardus hoc dictamen fecit, 2 ) und Lu- 
polds von Bebenburg Klagelied von 1341 wird bezeichnet als 
ritmaticum querulosiim et lamentosiim dictamen. 3 ) Doch sagt 
schon der Archipoeta: 

In scribendis litteris certus sum valere, 
Et si forsan accidat opus imminere, 
Vices in dictamine potero supplere. 

Er unterscheidet also die Thätigkeit der Kanzlei von seiner 
Dichtkunst, und im Graccismus des Eberhard von Bethuno 
vom J. 1212 heifst es geradezu: Dictamen prosa est, a metri 
lege solutum, was freilich rhythmische Poesie nach damaligem 
Sprachgebrauch nicht ausschliefst. Vorzüglich aber verstand 
man doch darunter Staatsschriften, diplomatische Actenstücke, 
Manifeste und Briefe, wie sie, seitdem der Streit zwischen 
Pabst und Kaiser entbrannt war, immer gröfsere Bedeutung' 
und Ausbildung erhielten. Dahin gehurt schon Gregors VII 
Victatus papae von 1075, franz. dictie, dietye. Die Meister 
dieser Kunst hiefsen dietatorcs; so bewirbt sich in dein poeti- 
schen Briefsteller des Matthaeus von Vcndömc ein Scholar um 



*) Bei einem Bilde des Horaz saec. XII stellt u.a.: Sit tibi doctrina 
bene dietandi poetria. S. die oben S. :>();") angeführt«' Schritt von Kirchner. 
2 ) Ozanam, Documenta inodits p. 47. 
■"•) Boehmer's Fontes I. 17!». 



391 1 Die Schreiber. 

die Stelle des verstorbenen dictator eines Bischofs, *) und Sa- 
limbene bezeichnet S. 21 Gerard, den Verfasser eines Über de 
dictamine, als magnus dictator nobilioris stili, S. 66 den Car- 
dinal Thomas von Capua als mdior dictator de curla. 2 ) Ben- 
venuto von Imola nennt Petrus de Vineis magnus dictator still 
rmssoriij eursiri. curiatis. 8 ) Ein Erfurter Student im 15. Jahrh. 
bezeichnet die verschiedenen niedrigeren Sphären; indem er 
berichtet, dafs er durch die Unterweisung seiner Lehrer eru- 
dicione reihoricalis facundie ausgerüstet sei, auch formas dictandi 
von ihnen erlangt habe, bittet er um Empfehlung, nam curia 
militari sufficicnter spero mc preessc. Nam stilo civitatis spe- 
rarem me preessc. Nam curie episcopali sperarem mc preesse.*) 
Wir durften es nicht unterlassen, diesen Sprachgebrauch 
zu erläutern, obgleich die Dictatoren als Autoren eigentlich 
nicht in den Rahmen unserer Aufgabe fallen. Auch von der 
Einrichtung der Kanzleien gehören hierher nur die äufseren 
Formen. Die wichtigste und merkwürdigste von allen ist die 
päbstliche, in ununterbrochener Tradition der Römerzeit sich 
aiiM-hliefscnd. ß ) Abgesehen von den in Bullen und sonst ge- 
nannten Beamten erfahren wir jedoch wenig Einzelheiten bis 
auf das schon oben S. 244 benutzte Pasquill, welches dem 
13. Ja luli nndert angehören mag. Ueber die Kanzleigebräuche 
unter Innoccnz III hat Leopold Delisle eine sehr gründliche 
Untersuchung veröffentlicht. ,; ) Die verschiedenen Anleitungen 
/um Briefstil pflegen sich wohl auch mit den Formalitäten der 
Taillen zu beschäftigen, allein diese Angaben sind sehr ungenü- 
gend und oft geradezu irreleitend. Conradus de Mure (1275) 



') Sitzungsber. d. Münch. Akad. L872 B. 681. 

J > \<r\. ib. i>. 192. Er schrieb für (ircgor IX an Friedrich II den 
\',\u t Miranda tiuis Bensibus. 

M.n.iiuri. Ante in, :\\\) ed. Axet. 

') Formel der Epistöle GhrurUngera im. cod. Lubec. L62 f. <;<> v. hie 
letzten Sätze Bind zur Auswahl. 

\) Vgl, Nouveaü Train'-. Tonic V . Marino Marini. Diploniatica Pon- 

tificia, Roma 1841. I 

Bibliotheque del'£cole des ('hartes IV, 4. Vgl. auch F. Etocquain 
im Journal des SavanU L878 8. WO 161. 618 628. 



Die Kanzleibeamteii. 391 

sagt: Privileg lis papalibus sübscribere debent cardinales. set 
privilegiis imperialibus sübscribere debent principes et magnates 
gm tum imperiali curie presentes fiterint. J ) Nun ist es eine 
bekannte Thatsache, clafs Unterschriften der Zeugen in kaiser- 
lichen Privilegien nicht vorkommen; wie verhält es sich denn 
mit den päbstlichen? Delisle (S. 35) behauptet die Richtigkeit 
jener Thatsache für die Zeit Innocenz III, und ein Blick auf 
die Unterschriften der in feierlicher Form ausgefertigten päbst- 
lichen Privilegien scheint seine Behauptung zu rechtfertigen, 
denn alle Unterschriften sind von verschiedenen Händen. Sie 
sind es nur zu sehr, denn auch der Name desselben Cardinais 
erscheint in ganz verschiedener Schrift; davon habe ich mich 
gerade für die Zeit Innocenz III vollständig überzeugt, indem 
ich die Unterschrift des Erzbischofs Konrad von Mainz und 
Salzburg, Cardinalbischofs der Sabina, durch eine lange Reihe 
von Bullen verfolgte. Die Erklärung dafür giebt das von De- 
lisle mitgetheilte merkwürdige Formelbuch des 14. Jahrhunderts 
S. 73: In rota nichil scribatur quousque sit factum Privilegium 
et signatum per papam signo crucis. Erst nachdem das fertig 
geschriebene Privileg vor dem Pabste verlesen ist, zeichnet 
dieser in der rota, dem Doppelkreis, welcher seit Leo IX dem 
päbstlichen Namen vorangeht, das Kreuz; dann wird der bei 
jedem Pabste wechselnde Wahlspruch zwischen den beiden 
Kreisen der Peripherie eingetragen, und die scheinbar autographe 
Formel der Unterschrift hinzugefügt. Weiterhin heifst es: 
Quilibet cardinalis debet se sübscribere manu propria cum signo 
crucis depicto vel alio signo, si alio signo est usus. Diese 
Worte haben irregeführt; das cum bedeutet nicht, dafs zu der 
Unterschrift das Kreuz hinzugefügt werden soll, sondern nur 
mit dem Kreuz, d. h. vermittelst desselben, unterzeichnet über- 
haupt der Cardinal. Dieses auf verschiedene Art verzierte 
Kreuz bleibt daher immer ganz dasselbe; den Vermerk über 
die geschehene Unterschrift aber fügte, trotz des Ego, nur der 
Privat schreib er hinzu, der Cardinal war dazu viel zu vornehm. 



x ) Quellen yaw bayer. Gesch. IX, 456. 



392 Die Schreiber. 

Yermutlilicli circulierte das vom Pabst unterfertigte Privileg 
bei den einzelnen Cardinälen. 

Vom 13. Jahrhundert an wuchs der Geschäftskreis der 
Curie immer mehr, und zugleich gewann das Formenwesen 
festere Gestalt, wurde das Personal immer zahlreicher, welches 
den Pabst auf allen Reisen zu begleiten hatte. Ueber die 
Schreiber der päbstlichen Regesten im 13. Jahrhundert und 
ihre Bezahlung giebt Pertz einige Nachrichten, im Archiv V, 347. 
Die Obliegenheiten und Rechte des Kanzleipersonals behandeln 
einige von Job. Merkel mitgetheilte Actenstücke. x ) An der 
Spitze steht der Viceeancellarius, unter ihm (5 oder 7 notarii, 
mit welchen er unter Zuziehung der abreviatores verdächtige 
Schriftstücke prüft. Zu ihnen gehören noch der auditor contra- 
dietarum und der corrector UMerarum apostolicarum. Die 
Nutare haben die Anstellung der Abreviatoren; sie unterzeichnen 
die notas et grossas, d. h. die Concepte, welche als grosscuid« 
der Kanzlei zugehen, und die Reinschrift, welche zuletzt den 
bullatores zugestellt wird. Eine Constitution Nicolaus III von 
1278 regelt genau, welche Bullen, wie z. B. gewöhnliche Ea 
quae de bonis, einfach ausgefertigt werden, danin r, welche vor- 
her vor dem Pabste gelesen werden müssen, leguntwr. Der 
Vicekanzler verwahrt bei sich das regest nun, er prüft die 
SCriptores, welche nach ihrer Anstellung zu den familiäres 
papae gehören. Abwechselnd ist einer von ihnen distrihutor 
notarum grossandarutn , und hat den Preis zu bestimmen, 
taxare grossatas. Es scheint nach einer Verordnung von 
Bonif, IX. dafs die Scriptoren heirathen durften, dann aber 
ihre Stelle verloren. Abreviatoren waren 12 de parco maiori, 
welche höher standen als ihre Colleges de /><(/■<■<> minori.*) 
In einem Briefe von J. Spiegel 1521 heifsl es von dieser Ge- 
sellschaft: Curiae officiales, minutarii, abbreviatores, scriptores, 



') Documenta aliquot quae ad Romani Pontificia notarios et curialea 
pertinent. Appendice dell' Axchivio Btorico [tal, N. L8. 1847. 

Nouveau ' I ' i ; i i i « - v. :;;;;;. Vgl, ÄJchh X. 544, u Vahlen, Laur 
\ all, ic ( Ipu8( ula p. l L5. 



Die Kanzleibeamten. 



393 



revisores regestoruni, plumbarii et sexcenti alii, harpiae et totius 
cltristiani orbis, nedum germanica auri urnae. 1 ) 

. Conradus de Mure bemerkt, dafs zu seiner Zeit die Form 
der Privilegien sich verändert habe, ohne darüber weiter Aus- 
kunft zu geben, und fährt dann fort: Vidi enim in curia pape 
nee non imperatoris, tibi notariis et curie rectoribus famularis 
eram satis et famüiaris, quod diversis regnis, regionibus, terris, 
provineiis, notarii secundiim exigentiam consuetudinis terrarum 
litter as et privilegia formare solebant, immo curia imperatoris 
singiäis regionibus seit provineiis notarios preposuit speciales. 2 ) 
Ueber die kaiserliche Kanzlei hat für den wichtigen 
Wendepunkt unter Karl dem Grofsen und seinem Sohne Lud- 
wig Th. Sickel die genauesten Untersuchungen angestellt. 
Kanzlei und Kapelle fielen nach und nach ganz zusammen, 
und wurden namentlich seit Otto I die Pflanzschule der Bischöfe 
und Staatsmänner. Von den eigentlichen Schreibern hören 
wir nichts, es werden aber wohl die jungen Kapläne damit 
ihren Dienst begonnen haben. Einen Cleriker Namens Guncl- 
pert ertauschte Ludwig der Deutsche von der Regensburger 
Kirche, und gab etwas zu, qnia utilior et maioris ingenii fuit 
scribendi neenon et legendi. 3 ) Die Kanzlei verstand sich, we- 
nigstens in späterer Zeit, sehr gut aufs Sportulieren, und der 
Stadt Aachen kamen 1349 ihre Privilegien recht theuer zu 
stehen. 4 ) Die Goldene Bulle brachte dafür feste Bestimmungen 
und verordnete: 



Dabit Cancellario Imperialis 
sive Regalis Curie decom mar- 
cas. Magistris Notariis dieta- 
toribue tres marcas Et Sigil- 
latori pro cera et pergameno 
unum fertonem. 



Er gibt dem Cantzeler dez 
kayserlichen oder kuniglichen 
hofs zehn marck Den maistern 
Notarien vncl brieue dichtem 
dry marck Dem Sigillierer vmb 
wachs vncl vmb perment ainen 
vierding. 



') Ilorawitz, Bibl. d. Beatus Khcnanus, Wiener SB. LXXVIII, 333. 

2 ) Quellen zur bayer. (iesch. IX, 456. 

8 ) B. Pez, Thes. T, 3. L99. 

4 ) Laurent, Stadtrechnungen S. 43. 206. 248. Die Kosten der 



394 Die Schreiber. 

Herzog Ludwig von Brieg dotierte 1372 die Seliule des 
Hedwigstifts mit 4 Mark super sigillo seu sigillis ei stilo ac 
n ott iri<t provincialium iudiciorum nostrorum, oder wie es in der 
Aufschrift kurz heifst, super stilo Olavicnsi. *) Es sind die Er- 
trägnisse von der Ausfertigung gerichtlicher Schriftstücke ge- 
meint, welche also zu den Einkünften des Landesherrn gehörten. 

In Nördlingen hatte man einen ausgeschnittenen Zettel, 
welcher die Rechte und Pflichten des städtischen stilus enthielt; 
das Gegenstück dazu erhielt der Stadtschreiber, so 1482 Ul- 
rich Tengler. 2 ) 

Die Kanzler und Schreiber muteten sich natürlich auf alte 
Schriften verstehen; in einer Prager Handschrift steht bei 
einigen Versen prophetischen Inhalts: Ista metra sunt rescripta 
ex antiquo exemplari per dominum Pesshonem Regestratorem 
quondam Gancellarie Regis, de quo se vix ipse expedire po- 
fuit, a. d. 1394.*) 

Ueber die Einrichtungen in England, den scriptor thesau- 
rariae und cancellariae, ist in dem Dialogus de scaceario aus 
der Zeit Heinrichs II Auskunft gegeben. Ueber die verschie- 
dene Lage der königlichen Schreiber findet sich eine Andeu- 
tung in folgenden erstaunlich schlechten Versen: 

Walterus Mapa Hamelino clerico regis: 
(iaudeo quod sanus es incolumisque degis. 

Tu curiam sequeris et regia brevia scribis, 
Totus in argento, si volueris, ibis. 

Nos miseri clerici, qui in Anglica terra manemus, 
Nos nun habemus capere quidve demus. ') 



Nürnberger 1433 im An/, d. Germ. Mus. XX. 18, u. von L438 8. 103. 
Geber Fälschungen in <1<t k. Kanzlei eine merkwürdige Mittheilung bei 
Rieger in den Wiener BB lxxyi. 198. 

') Cod. Dipl. silo. ix. 262. Einige Angaben über Kanzleitaxen 
bei Etockinger, Zum baier Schriftwesen ll, II. Mone, Zeitschr. f. Gescfa 
d. Oberrh. XII. 186. 

-) J! Stintzing, Populäre Litteratur des röm. kauon. Rechts B. 118. 
\.ri,i\ ,i Gei x. i-i 

') Paul Meyer, Documenta manuscrita I isTi s. 180 



Lohnschreiber. 395 

Einige merkwürdige Bestimmungen finden sich in den 
Statuten des Chorherrenstifts Ardagger von 1356. Das Siegel 
des Capitels soll im sacrarüim mit drei Schlüsseln verwahrt 
werden, von denen einen der Probst, zwei die Chorherren haben. 
In demselben scrinium und unter gleichem Verschlufs sollen 
auch die Privilegien verwahrt werden. Alle litteras missiles 
mpitulo necessarias soll der Scholasticus per se vel per alium 
expedire. *) Aehnlich werden auch in anderen Stiftern die 
Einrichtungen gewesen sein. 

Nicht selten sah man sich in den Kanzleien auch veran- 
lafst, neben den angestellten Beamten bei besonderen Gelegen- 
heiten Schreiber für einzelne Dienstleistungen anzunehmen. 

In Hamburg lagen an der Schreiberbrücke die Schreiber- 
buden, und darunter die boda angularis dominoram consulum, 
wo bis 1518 die Schreiberei oder Kanzlei war. In den Rech- 
nungen aber finden wir häufig Ausgaben pro eopiis scribendis 
an verschiedene Schreiber und an die scholares der Stadt- 
schreiber. 2 ) Ebenso in den Aachener Rechnungen S. 229 für den 
Sühnbrief mit Johann von Falkenstein 1353: seriptori scribenti 
litteras easdem duos aureos florenos, und 1376 (S. 259): Lait- 
rencio seriptori de exseribendo privilegia nostra decem marcas. 

An den grofscn Höfen bediente man sich für die massen- 
haften Mandate bald auch der Druckerei; K. Max lief's seine 
Ausschreiben in Augsburg drucken. 3 ) 

4. Lohnschreiber. 

So lange das römische Reich noch bestand und die alte 
Cultur in ihrem Verfall doch die alten Formen bewahrte, fand 
eine zahlreiche Menschenklasse ihren Unterhalt durch die Kunst 
des Schreibens; wir haben ihrer schon früher gedacht. In 
Italien hat dieser Zustand wohl niemals aufgehört; auch die 
Laien fuhren hier fort, die alten Schriftsteller zu lesen, und in 
Geschäften wurde aus alter Gewohnheit weit mehr geschrieben 



*) Arcli. f. österr. Gesch. XI /VI, 50G. 

*) Koppmann, Kämmercirechnungcn I, LXXIX. 31 etc. S. 87 a. 
1363: 10 sol. pro copia liiere des lantvredes. 
3 ) Hcrbergcr, Konrad Peutinger 8. 26. 



396 * D ie Schreiber. 

als in anderen Ländern. Der Geistlichkeit blieb hier der Ge- 
danke fremd, sich als einzigen Trager litterarischer Bildung 
zu betrachten; sie stand vielmehr den Grammatikern, welche 
noch einer geheimen Vorliebe für das Heidenthum verdächtig 
waren, feindlich gegenüber und blieb zeitweise in gelehrter 
Bildung weit zurück. Dagegen war ein Bedürfnifs nach Schrei- 
bern immer vorhanden, und gewerbmiifsige Schreiber aus dem 
Laienstande wird es immer gegeben haben. Schon oben S. 210 
wurden Liudprands Verse angeführt, welche die Römer ange- 
legentlich mit Goldschrift beschäftigt zeigen; da es sich hier 
um die Verteidigung der Stadt handelt, kommen die Beschäf- 
tigungen der Geistlichkeit dabei nicht in Betracht. Ganz all- 
gemein lauten die Worte Gerberts ep. 130: Nosti quot scri- 
ptorcs in urbibus out in agris Italiac pa$sim habeemtur. Dafs 
wir von ihnen sonst nichts hören, ist leicht zu erklären; nur 
«'in zufälliger Umstand konnte zu einer Erwähnung führen. Das 
geschah, als die Schulen der Lombarden einen immer glänzen- 
deren Aufselnvung nahmen, und hier natürlich auch die Nach- 
frage nach Abschreibern wuchs. Die Universitäten nahmen sie 
als Zugehörige unter ihre Jurisdiction und den Schutz ihrer 
ausgedehnten Privilegien. Da waren nun verschiedene Verhält- 
nisse zu regeln, und die Statuten geben darüber Auskunft. 
Ilici- genügt es. auf das 25. Capitel von SavignyV Geschichte 
des röm. Rechts im Mittelalter zu verweisen; ich erwähne nur. 
da In Bologna lange Zeit im Vordergründe steht, und dafs da 
unter den Schreibern auch Weiber und Nonnen zahlreich er- 
scheinen. 1 ) In der Blüthezeit der Universitäten war das Schreib- 
gewerbe eines <\r\- Lohnendsten, 

Im Frankenreiche gingen in den wirren Zeiten des Kampfes 
lim das labe der versinkenden Merowinger die letzten Reste 
römischer Cultur und Einrichtungen last völlig zu Grunde. 
Karl der Grrolse Buchte zwar die Laienbildung herzustellen, 

aber in dem erneuten Kampf s<'in Erbe schüttelten die Laien 

diese unbequeme Zumuthung wieder ab, und bald galt es bei 
ihnen für unanständig, etwas zu Lernen, während der Clerus 

') Beispiele i"i Sarti I. l 



Lohnschreiber. 397 

seinerseits es nicht minder unpassend und unerlaubt fand, wenn 
der Laie sich seine Künste aneignen wollte. Da nun also jeder, 
welcher zu litterarischer Beschäftigung Neigung hatte, Geist- 
licher werden niufste, so gab es bald viel mehr Geistliche als 
Pfründen, und sehr viele von ihnen suchten und fanden als 
Beamte aller Art, auch als Schreiber, ihren Unterhalt. In St. 
Gallen erzählte man sich, clafs 784 der Abt Walclo, gedrängt 
dem Bischof von Constanz sich zu unterwerfen, dem König 
Karl geantwortet habe: nequaqaam post haec, dum horum trium 
digitorum vigorem integrum teneo (nam scriptor erat eximim) 
vilioris personae manibus nie subdere decrevi. 1 ) 

Er rechnete also darauf, als Schreiber seinen Unterhalt 
zu finden, und ohne Zweifel werden auch die Schreiber, von 
welchen die herrlichen Prachtwerke jener Zeit herrühren, guten 
Lohn dafür erhalten haben. Ihre Namen sind theilweise be- 
kannt, aber weiter wissen wir nichts von ihnen, und aus dem 
nächstfolgenden Jahrhundert weifs ich als eigentlichen Lohn- 
schreiber nur den Werinzo in Freising nachzuweisen. 2 ) Ohne 
Zweifel aber gab es viele dergleichen, und im elften Jahr- 
hundert werden sie an verschiedenen Orten erwähnt. Zu Rot- 
land, einem lombardischen Cleriker um 1050, der sich rühmte 
viele Bücher geschrieben zu haben, sagte Anselm: wmltos opor- 
tet libros scribercs, ut inde precium sumeres, quo a titis leno- 
nibus te redimeres. 3 ) Notker schrieb um 1020 an den Bischof 
von Sitten, der Bücher wünschte: si valtis ea, sumptibus eniin 
indigent, mittite plures pergamenas et scribentibus praemia, et 
suscipktis eorum exempla.*) Guibert von Nogent erzählt: 5 ) 



') Ratpcrti Casus S. Gall. c. 4. 

2 ) Abrali ti iiio episcopo i!).")7 — 994) praecijnente michi capcUano ipsius 
Goteseälcho obeunte, Megirihdlmo et Willihalmo Frisingensis loci prae- 
bendariis et Werinzone conducto scribentibus egregium opus huius volumi- 
nis Meftis comparatum est servicio S. Mariae sanctique Corbmiani i>cr- 
j>rii„i „nntsnrum. (Jod. lat. Mon. 6266. Die Thätigkeit Gotescalchs 
wird 6285 mit mserm/re } 6313 mit efftcerc bezeichnet. 

a ) Dümmler, Anselm der Peripatetiker S. 32. 

4 ) J. Grimm, Kleine Schriften V. L90. 

ß ) Monod. I, 24. Opp. p. 487. 



398 Die Schreiber. 

Quidam clcricus in BeJuacensi pago scriptandi arte vivebat, 
quem et ego noveram, nam Flaviaci in hoc ipso opere conäu- 
ctus laboraverat. Um dieselbe Zeit liefs der Abt von St. Al- 
ban's, wie schon oben S. 372 erwähnt wurde, neben seinen 
eigenen Mönchen auch geniiethete Abschreiber für die Biblio- 
thek arbeiten, die er von weit her holte. In England werden 
sie von da an häufig erwähnt. 

Auch in den alten Statuten der Canoniker von St. Victor 
in Paris wird dem armarius aufgegeben: eos qui pro pretio 
scribunt ipse conducat. 1 ) 

In Böhmen fand 1097 der neue Abt Diethard das Kloster 
Sazawa ohne lateinische Bücher, und sorgte sofort angelegent- 
lichst dafür, sie zu beschaffen: ipsemet nocte et die immenso 
Labore conseripsit, quosdam emit, quosdam scriptores scribere 
conduxit. 2 ) Unter Abt Rupert von Tegernsee arbeiteten im 
12. Jahrhundert die Mönche auch für eine vornehme Dame, 
vermuthlich gegen Bezahlung. 3 ) Die Gräfin von Sulzbach hatte 
ihm ein Plenarium übersandt, um es vollenden zu lassen; wäre 
es noch nicht fertig, möge er sich deshalb keine Sorge machen, 
quo niam bonum artificcm Icri pretio conduxknus, et id ipsum 
praestolatur opus perfeeturus.*) Der oben S. 375 erwähnte 
Bruder Laiupold in Mallerstorf verdiente sich mit Schreiben 
viel Geld: multum scripta faborans in annis iuvenilibus, de 
pretio laboris sui nee drum nee proximum defraudare voluit, 
confratrum suorum necessitati fideliter öfterem quicqiiid habere 
potuü ex honestae artis exercitio. Für die eigene Bibliothek 
Bchrieben die Mönche umsonst, wie sie ja ursprünglich eigenen 
Besitz gar nicht haben durften, und wohl erst später wurde 
auch diese Arbeit bezahlt So berichtet W. Wittwer (S. 184) 
\uii Johann von Vischach, welcher L355 Abt von St. Ulrich 
und Afia wurde, dal's er ein vort reiflicher Schreiber und Musi- 
ker gewesen sei, und vor seiner Erhebung viele Chorbücher 



') Mnitcne de ontiquis eccl. ritibua III. ■ 

') töon, Germ. ^ IV L54, 

i i: Pez, Thes. VI. 2, 11. d. 24 

»1 Ib, p. 16. ii ll. 



Lohnschreiber. 399 

geschrieben habe, attamen illo attento, qnod appreciata fuerunt 
sibi illa que confecit mercede condigna, prout tunc moris fuit. 
Aber die vielen Kirchen, welche doch alle Bücher brauchten, 
mufsten in der Regel diese Arbeit bezahlen, auch wenn Mönche 
sie ausführten. Als das Kloster Saar in Mahren gestiftet wurde, 
um 1260, liefs die Stifterin auch eine Bibel schreiben: 

eciam fit byblia scripta, 
Quam monachus quidam Rudgerus scripsit ab Ozzec, 
Quam felix doniina precio conscribere fecit 
De proprio prima fundatrix dicta Sibilla. 1 ) 

Diese Besorgung eines Buches, wie sie hier von der Stifterin 
ausging, wird sonst auch durch comparare bezeichnet; so wur- 
den 1306 dem Thomaskloster zu Leipzig drei Mark Silbers ge- 
schenkt, um missalem novum quem d. Heynrims de Wisenvelz 
conparaverat , der Allerheiligencapelle unveräufserlich zuzu- 
wenden. 2 ) In einer 1368 geschriebenen Glosse zum sächsischen 
Landrecht wird erwähnt Über quem comparavit Amoldus de 
Noringen armiger. 3 ) 

In Salzburg beschaffte (comparavit) der Pfarrer und Kammer- 
meister Peter Grillinger eine grofse schönverzierte Bibel für 
300 Gulden, und schenkte sie 1435 dem Domcapitel, das sie 
intra cancellum liberarie sue verwahrte. 4 ) Ebenso heifst es 
1476 von Bischof Georg von Passau: comparavit hunc presen- 
tem missalem librum in remedium et salutem anime sue. 5 ) In 
St. Gallen war der Ausdruck patrare üblich, wie Ekkehard 
vom Bischof Salomon sagt: patravit quoque multa, libros etc. 6 ) 
So heifst es auch in dem ältesten Catalog: 7 ) Hos libros pa- 
travit Grimoldus, und in einem Sacramentar saec. X: 



') Chronica domus Sarensis ed. R. Roepell p. 40. 

2 ) Cod. dipl. Sax. Reg. II, 9, 54. 

B ) Cod. Pal. Germ. 165. Wilken S. 371. Homeyer n. 313. 

4 ) K. Bartsch im Anz. d. Germ. Mus. V (1858) 293 aus dem alten 
Catalog. 

ß ) Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 43. Vgl. auch vorher S. 376. 

,; ) Casus S. Galli, MG. II, 89. 

7 ) Scherrers Verzeichnife S. 100. Vgl. Casus c. 10: Gozbertus libro- 
rum cojriam patravit, u. Weidmanns Gesch. d. Bibl. S. 15 u. 309. 



400 Die Schreiber. 

Sancte pater Galle, Cotescalco praemia redde, 
Huius opus libri tibi qui patravit honori. 1 ) 

Diese Verse finden wir auch in den Sequenzen von 1507 
mit der Aenderung fratri Viniütz, und da ist denn allerdings 
Joachim Unnütz selbst der Schreiber gewesen. 2 ) Und ebenso 
schon in alter Zeit; 

Hunc praeceptoris Hartmoti iussa secutus 
Folchardus studuit rite patrare libellum. 3 ) 

In ähnlicher Bedeutung kommt im neunten Jahrh. parare 

vor in den Versen: 

Accipe nunc demum scripturam, care magister, 
Ex alio ceptam, sed de me forte paratam. 
Accipe litterulas deformi scemate faetas, 
Sitque labor gratus, quem fert devota voluntas. 4 ) 

Hier steht es wohl für rollenden. Dunkel ist die Inschrift 
der Ilsenburger I>il >el aus dem zwölfton Jahrhundert: Äbbas 
Martinus me fieri iussit, Wulfera/mmus me scripsit } et Heri- 
mannus me fecit. 5 ) 

Kino Abschrift von dem Commentar des Florus zu deu 
Paulinischen Briefen aus Corbie hat die Inschrift: Compositus 
est liber iste a Uichero subpriore et Johanne suo scriptore et 
monoculo (monaeho?) anno quo restituta est ecclesia S. Johan- 
nis Corbeiae, et Turonis est seeunda sedes Ttomanae wrbis, a. 
1164 Ludovico rege Francorum, Theodorico episcopo Airibiq- 
nense, Johanne abbate Corbeiense. 6 ) Es war das Jahr der 
Sy le zu Tour-, wo Alexander III anerkannt wurde. 

Aber es Btehl auch ganz einfach scriptus per venerabilem 
Chunradum unter einer Bibel, welche im L3. Jahrh. der Vo- 



•) jeherren Verz. S. L18, cod. 338. 
) Ebenda 8 163, cod. 646. 

:; ) Ebenda s. 18, cod, 

') Ebenda s. 107, cod. 

i Ed. Jacobs, Scbriftthum in Wernigerode S. 7, 
i i upi i errar. epp. ed. Baluz. p. U)6. 



Lohnschreiber. 401 

rauer Chorherr Conrad durch einen Studenten schreiben liefs, 1 ) 
und ebenso scrlptus per dominum (Matern in einer Hand- 
schrift, welche der Abt des Wiener Schottenstifts 1314 hatte 
anfertigen lassen. 2 ) 

Den deutschen Ausdruck für die Besorgung einer Hand- 
schrift finden wir in einer Sammlung von Bruder Bertholds 
Predigten von 1370: Die edele frauwe Elizabeth von Namen 
pfalntzgrevinne bij Fun vnd hertzoginne in Beigem hat gezuo- 
get diz buoch. Daz do vollenbraht wart etc. 3 ) So ist es auch 
zu verstehen, wenn es von einer 1380 vollendeten Abschrift 
der Hedwigslegende heifst, sie sei geczewgit durch Herzog Ru- 
precht von Liegnitz, und von einer späteren: Dezis Buchis 
Schreibimg ende ist gescheen vnd des mehe gnanten Erbern An- 
tlionien Homigis czewgiing . . . 1451 A) Noch im 17. Jahrh. 
wird von der Landgräfin Sophie Eleonore von Hessen gesagt, 
dafs sie eine Bibliothek gezeugt und hinterlassen habe. 5 ) 

In den Klöstern, vorzüglich in den alten und reichen 
Stiftungen, wurde es vom 13. Jahrhundert an eine Ausnahme, 
wenn noch die Mönche selbst schrieben, wie schon oben S. 373 
von Corbie bemerkt wurde. In Vorau liefs schon Probst Bern- 
hard im zwölften Jahrh. für Geld schreiben: dato preeio seribi 
fecit. 6 ) Probst Conrad (t 1300) machte sich um die Biblio- 
thek verdient, schrieb auch selbst Bücher ab, andere preeio 
conseribi fecit. 1 ) Aus den Rechnungen des Klosters Aldersbach 



1 ) Czerny, JJibl. von St. Florian, S. 48 aus Caesar's Ann. Styr. 
II, 862. 

2 ) Quellen und Forschungen S. 165. 

8 ) Cod. Pal. Germ. 24. Wilken S. 319. Vgl. dazu J. Grimm, Kl. 
Schriften IV, 353, der auch Wilken S. 348 anzieht: Hcrman von Fril- 
scJiehir (Irr hat i: gezuget. 

4 ) H. Luchs, Ueber die Bilder der Hedwigslegende. Festschrift der 
Breslauer Töchterschule zum Jubiläum der Universität (1861) S. L3u, 15. 

ß ) Walther, Beiträge zur Kenntnifs der Bibl. in Darmstadt, I, 3. 
Im Anz. d. Gern). Mus. XVIII > 1 s 7 1 S L3 sind ähnliche Beispiele 
von L383. 

ü ) Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 50. 

7 ) Beiträge zur Kunde Steiermark Geschichtsquellen, 1. Jahrg 
(1867) S. 86. 89. 1)2. 

Wat1 e ii bacl , 8chriftwe len. '. Lufl 26 



402 Die Schreiber. 

hat Rockinger vom J. 1304 an Ausgaben für scriptores libro- 
rnm zusammengestellt. 1 ) Die Aebtissin von Frauenthal liefs 
1342 ein Buch für Geld durch innen scriptor schreiben. 2 ) Joh. 
de Ungaria schrieb 1348 in Aspach ein Buch, ab abbate 11- 
rico appretiatus.*) Der buechschreiber Asprian Jeronimus stellte 
1400 dem Abi zu Ror eine Quittung aus. 4 ) Der Abt Kaspar 
von Tegernsee (1426 — 14(31) liefs, durch scriptores conducti 
Bücher schreiben. 5 ) Der Markgraf von Baden freite 147H Paul 
Conradi den Buchschreiber, weil er für das Stift zu Baden 
schreiben sollte. 6 ) 

Dagegen verdienten Geistliche aller Art sich Geld mit 
Buchschreiben. In Monte Cassino ist ein Band Predigten in 
sehr kleiner Schrift mit der Unterschrift: A. d. 1326 de mense 
Aprilis in pauds diebus in magna festinantia per dompnum 
Ambrosium de CasteUo, archipresbiterum Scapulorum, subtili 
litera scriptus fuit. 1 ) Er kann ihn freilich zu eigenem Ge- 
brauch abgeschrieben haben. Aber für Geld schrieb 1374 ein 
Pfarrer für einen Mönch zu Corbie die bekannte Handschrift 
des Henr. Bohic (oben S. 106). Ein Schwabenspiegel von 1429 
ist von dem Minoriten Thomas von Lyphaim geschrieben. 8 ) 
Willi. Wittwer liefs sieb für Geld ein Meisbuch schreiben per 
quendam sacerdotem secularem nom ine Jeorius Zickel, 9 ) Für 
das Stift St. Gallen hat Mathias Bürer von Lindau, der an 
vielen Orten, zuletzt in Moniniingen. Caplan gewesen ist. und 



') /iiiii baier. Schriftwesen s. 178 dl. 12 . 

') ConstÜÜ (n/hui in i><rti<niirii<> iij I. et i so/. hau. J'rrliion Vi TO 

eriptoris iij i. ei xxvi\j hall. Summa totius vü i. ei xiv den. Sed pro 
iUuminatura ix 8ol. brevmm. Tnsuper Ugatura cum clausuris x s<>l. br. 
hmischer 8. L06. 

t Cod. tat. fiffon. B204, Catal II. 67. 
Mon. Boic. II. 59, berichtigt von Rockinger I. c. Ausgaben aus 
Baumburg und Scheiern aus d. 16. Jahrh. [\> p. la. 
) B. Pest, Thes. III. 8, 541 
Mone, Zeitschrift I. 811. 
) ( aravita II. 264, cod 167 

I od Pal Genn l l.v Wilken 8 360 
a Steichele's Archh MI, 34 l 



Lohnschreiber. 403 

1485 starb j 24 Bände geschrieben; 1470 vermachte er dem 
Stift gegen eine Pfründe seine eigene Bibliothek. 1 ) 

Von den Brüdern des gemeinen Lebens u. a. ist schon 
oben S. 382 die Rede gewesen; 1350 wurde in Erfurt ein 
peckardus Constantin als Ketzer ergriffen, den man gerne ret- 
ten wollte, qaia bonus scriptor erat librorum textualium.-) 
Sehr viel schrieben, um ihren Unterhalt sich zu verdienen, 
Schüler und Studenten. Gerhard Groote liefs in Deventer die 
Schriften der Väter durch die besten Schreiber unter den zahl- 
reichen Schülern sälvo pretio condigno exscribi et excopiariJ) 
Eine Menge von Beispielen aus Oesterreich hat Czerny zu- 
sammengebracht. 4 ) Auch die Schulmeister schrieben, oft wohl 
mit Hülfe ihrer Schüler; so 1356 Thomas von Nikolsburg eru- 
ditor parvulorum in Ernstbrunn. 5 ) Kaiser Ludwigs Landrecht 
schrieb 1416 Rabensteiner ab, dum scolas in Neiucnstat rexit. 6 ) 
Heinrich Haibgewachsen aus Regensburg, Rector der Schule in 
Grofs-Schenk in Siebenbürgen, schrieb und malte 1430 ein 
prächtiges Mefsbuch mit reichvergoldeten Initialen. 7 ) In Sege- 
berg in Holstein schrieb 1444 der Schulmeister ein Buch ab. 8 ) 
Ein Terenz in Wolfenbüttel (cod. Aug. 80) ist 1480 per 
M. Orafftonem de Udenheym,' rector em scolarum opidi Scletz- 
stadt, geschrieben, und um dieselbe Zeit schrieben der alte und 
der neue Schulmeister die Gesangbücher für St. Oswald in Zug 
darunter ein sequencionarium von xij quaternen, jede zu schrei- 
ben und zu benoten xvj Schilling. 9 ) Bei den Anfängen des 
Buchhandels werden wir den Schulmeistern wieder begegnen. 



5 ) Weidmann. S. 54. Scherrers Verz. S. 375. 

2 ) Chron. Sampctr. cd. Stübel p. 181. 

8 ) Chron. Windesh. I, 2 p. 5; vgl. IT, 10 p. 294. 

*) Bibliothek von St. Florian 8. 48. 

') Czerny a. a. 0. s. 74, vgl. S. 48. 

,; ) Rockinger S. 182 (II, 16); S. 18 ein Deutschenschulmeister. 

"') Tonisch, Gesch. d. Siebenb. Sachsen I, 246. 

B ) me regente ibidem puerulos, Ratjen, Zur Gesch. d. Kieler Univ. 
Bibl. S. 67. 

; ') Geschichtsfreund II, L01. Auch Abschriften von Urkunden be- 
sorgte 1488 ein S< hulmeister, Geroldseckische Rechnung bei Mono, 
Zeitschr. f. Gesch. <l. Oberrh. XII, [36. 

26* 



404 ^i° Schreiber. 

Aus ihnen gingen manchmal die Stadtschreiber hervor, wie 
Peter Eschenloer in Görlitz Lehrer gewesen war. 1 ) Sie haben 
oft Bücher geschrieben, Chroniken. Rechtsbiicher zu eigenem 
und der Stadt Gebrauch, 2 ) gelegentlieh aber auch aus dem 
Abschreiben ein Gewerbe gemacht, wie Beyschlag von Conrad 
Hörn, 1415 bis 1435 Stadtschreiber zu NördJingen, nach- 
gewiesen hat. 3 ) 

Viele der schon in alter Zeit nicht näher bezeichneten 
Schreiber waren ohne Zweifel Laien. Eine lex Adamannorum 
saec. X schrieb Auttram/nus indignus advocatus laius.*) Aber 
auf Rechtshaudschriften wird sich das in jener Zeit beschränkt 
haben, und vom 10. bis 12. Jahrh. mögen aufserhalb Italiens 
wenig Laien geschrieben haben. Vom 13. Jahrh. an aber wer- 
den eigentliche gewerbsmäßige Schreiber aus dem Laienstande 
häufig, und übertreffen an Zahl die geistlichen. Ein Priester« 
Bohn hat 1294 einen schönen Codex für Monte Cassino ge- 
schrieben: 

Sub Celestino quinto pergente Casino, 
Tunc opus hoc fiiii perduxit Petrus Atini. 
Nostra voeo pia benedic queso virgo Maria. 
Maximus bunc genuit' presbiter atque fuit. 6 ) 

In den Cölner Schreinbüchern kommt nach Merlo 6 ) um 
117") ein scriptor vor. 12G0 ein verheiratheter, und von da an 
sind sie hantig. Conradus de Mure (oben S. 245) erwähnt 
scriptores ei scriptrices. 7 ) Von Erfurt sagt Nicolaus von Bibera 
um L280: 



') Eschenl. Bist. Wrat. ed. Markgraf p. VII, tfo noch mein- Bei- 
spiele Bind. 

■ ■_•! Rockinger II. 16 über die von Gerichtschreiben] und Nota- 
ren geschriebener Rechtsbücher. In Italien haben Notare viel gewerba- 
abgeschrieben, /. B. Joh, de Nuxigia in Mailand L331 den Gotfr. 
von \ iterbo, MG. SS. X.MI. 19 

i Beyträge zur Kunstgeschichte von (Jördlingen Hl (1799 li 
') Anhiv (l Ges \ li. 752 
, ( aravita n. 268 

i Die Heister der altköln Malerschule 1862 S i v '> 
') Eine schreibende Schriftstellerin abgebildet Histofre de rimpri- 
tnerie Pari 1852 9 -I 



Lohnschreiber. 405 

Sunt ibi scriptores quibus attribuuntur honores. 

Freilich widmet er ihnen nur diesen einen Vers. 1 ) In der 
Pariser Steuerrolle von 1292 finden sich 24 escrivains; wahr- 
scheinlich ist eine gröfsere Anzahl wegen geistlicher Immunität 
hier nicht genannt. 2 ) Ueber das ganze zur Universität ge- 
hörige und unter ihrer Aufsicht stehende Schreiber wesen, in 
Paris sowohl wie in andern Ländern, begnüge ich mich auf das 
Werk von Savigny zu verweisen. Eine zahlreiche und bunt- 
gemischte Gesellschaft fand sich vorzüglich in Bologna zusam- 
men, darunter auch ein humoristischer und verliebter Schwede. 3 ) 
Kunst schreib er, escripvains de forme, werden in Frank- 
reich und Niederland nicht selten erwähnt. Sie waren nach 
manchen Spuren nicht gerade immer die zuverlässigsten Leute, 
und ein uns erhaltener Contract aus dem 13. Jahrh. ist zu 
charakteristisch, als dafs wir ihn hier übergehen könnten. Er 
lautet: 4 ) Universis prcesentes litter as inspecturis officium Aure- 
lianense salutem in Domino. Noveritis quod in nostra prae- 
scntia constitutus R. de Normannia scriptor promisit per fidem 
suam, se scripturum, perfecturum et contimiatiirum pro posse 
suo magistro W. Leonis clerico apparatum Innocentii super 
Decrctalibus , pr.out incepit, pro quatuor libris Parisiensibus 
solvendis a (Udo magistro dicto Roberto, prout per pecias lucra- 
bitur in scribendo. Promisit idem scriptor per fidem suam, 
quod aliud opus non accipiet, quousque dictum opus fuerit 
integraliter consummatum. Promisit idem R. per fidem suam, 
({imd si desisteret in scribendo, perficiendo et continuando dic- 
tum opus, quod ipse prisionem in domo dicti magistri in riu- 
cidis ferreis tenebit, inde nullalenus exiturus, quousque die! /im 
opus fuerit mtegraliter perfectum, et si in hoc defecerit, quod 
praepositus uostcr vel seruiens ubieunque cum capiat et ad do- 



*) Carmen oeculti auctoris, Wiener SB. XXXVII, 241; cd. Tli. 
Fischer S. !>7. 

*) II. Geraud, Paris sous Philippe-le-Bel (1837) S. 506. 

3 ) Ecclesiae ('»•Ion. codd i>. 54. 

*) A.nnalea de la Soci^te* d'e*mulation <l<' la Flandrc, 2. Serie VIII 
(Bruces L850 p. 159, nach freundlicher Mittheilung von \Y. Koppmann. 



4i "') Die Schreiber. 

mum dicti magistri adducat pro prisione tenenda. Öbligamt 
[dem B. per fidem suam se et heredes suos et omnia bona sua 
mobilia et immobiUa, praesentia et futura, renuncians per 
fidem suam in hoc facto omni juris auxilio etc. 

Droin Ducret, clcrc ä Dijon, erhielt 1460 vom Herzog für 
ss Blatt einen Groschen, was als prix aecoustume bezeichnet 
wird. 1 ) Die eigentlichen Kunstschreiber werden es wohl ohne 
Zweifel gewesen sein, welche man im südlichen und östlichen 
Deutschland eathedrales oder Stuhlschreiber nannte (vgl. oben 
S. 227). Prepara cum vemisio, ut cathetralium moris est, 
heilst es in einem Recept bei Rockinger. 2 ) In einer Chronik 
des Cistercienserklosters Kaisersheim wird z. J. 1313 berichtet; 
Zu diser Zeit was prior zu Kaisheim bruder Uu#ger, und was 
ain guter stulschreiber da, Rudolph Veirabend von Augsburg, 
der schrib vil bucher. item in disen jar was ain unter stul- 
schreiber zu Kaisheim, Wernher von Eichstett, der schrieb auch 
vü bücher. und Teter von Ulm der illummierets, bruder Hain- 
rich apotecker band sy uin. :) ) In Heilsbronn liefs 1405 Abt 
Bertbold eine glossierte Regel Sam-t Benedicts abschreiben; 
der Schreiber nennt sich Heinricus hathedralis de Juvavia.*) 
Unter einem Rechtsbuch illom. 405) steht: A. 1421 Qomplevü 
Nicolaus Brems hathedralis Cra(coviensis) librum iuris in 
Lubschice. Probst Kaspar von Baumburg gab 144:2 einem 
Icaihedral ''inen Zehrpfennig, und in Oberaltaich wurden II 19 
einem Schreiber kathedräl von einem grofsen Quatem des 
Mettenbuches vier Groschen gegeben. 5 ) Der Kathedräl Ulrich 
Schilling von Kaufbeuern schrieb 1448 «'in Buch, 6 ) und Georg 



') Laianne, Curiositäs bibl. p.318 aus dem [nventaire de la biblio- 
theque des ducs de Bourgogne, wo viel der Ari zu linden ist, 
I Zum baier. Schriftwesen S. 20. 

) Elockinger in d Quellen zur baier. Geschichte IX. s ll aua 
\ . | i hronik von IT*'. I. 

') Brianger Flandschriftenkatalog von (rmischer S. 1 1 l_* : vgl s 126, 
r einfach // de Juvavia heifst. I>;i-<dl>>i der hübsche Schreiber- 
uame To) anm a u r< a penna, 

I Rockinger, Zum baier Schriftwesen 8. 188 II, 17). 
1 od tat. Mos 1726 aul Bi uedictbeuern. < atal li. 197. 



Lohnschreiber. I(»7 

Perger von München zwischen 1461 und 1466 mehrere an- 
sehnliche Werke. 1 ) Albert Hösch zu München nennt sich 1455 
kathedralis et modista. In Augsburg finden wir 1460 den 
Kathedral Johann Layder, 2 ) und in Wilhelm Wittwers Cata- 
logus abbatum SS. Udalrici et Afrae heifst es, 3 ) dafs von 1487 
Ins 1494 plura breriaria diu media pro diversis fratribus offi- 
malilms ex licencia abbatis scripta sunt per scriptores seit 
ratliedrales, que omnia solvit et pergamenum ad illa volimtarie 
dedit. Auch Sigismund Gossembrot schreibt aus Augsburg: 
Scriptores kathedrales et sanctimoniales congrae et piächre in 
scribendo tractibus atramenta effigiant, omnino tarnen in gram- 
matica ignari totalitcr.^) Rockinger erwähnt noch den Stuhl- 
schreiber Wurm zu Straubing 1502 und 1529 Johann Trinckhl, 
Bürger und Stuhlschreiber zu Aichach. Der Name erhielt sich 
noch lange, und bezeichnete öffentliche Schreiber, die für Illit- 
teraten Briefe und andere Schriftstücke verfertigten. 5 ) 

Haintz Sentlinger von München, der 1394 und 1399 für 
die Vintler abschrieb, wird auch ein bürgerlicher Schreiber ge- 
wesen sein, wie es deren auf den Edelhöfen viele gab. (; ) Peter 
von Bacharach, Mainzer Bürger, schrieb 1401 den Schwaben- 
spiegel für das Gericht zu Eltvill ab. 7 ) Gar hübsch erzählt 
Burkard Zink, wie er in Augsburg 1420 ein Weib nahm, und 
weil sie beide nichts hatten , sie mit Spinnen Geld verdiente 
und er mit Schreiben. In der ersten Woche schrieb er vier 
sextern des grofsen papirs Jcarta regal, und weil dem geist- 
lichen Herrn, w eich er ihm den Auftrag gegeben hatte, die 



*) Catal. II, 172. Rockinger 1. c. S. 184 (II, 18), wo sich auch 
einige der folgenden Notizen finden. 

2 ) Mezger, Gesch. d. k. Kreis- und Städtbibl; in Augsburg S. 70. 73. 

8 ) Steichele's Aren. f. d. Gesch. d. Bisth. Ausgb. III, 312. 

') Zeil sehr. f. Gesell, d. Oberrheins XXV, 4G. Auch in Elbing 
werden scoherwer erwähnt, s. Bans. Gcschichtsbl. 1873 S. 221. 

5 ) vgl. Schmellers baier. Wörterbuch III. 633. 

•J Knittel, ülph. Fragm. p. IT."». Zingerle in d. Wiener SB. L, 372, 
Czerny, Bibl. von St. Florian S. 58, dessen ganzer Abschnitt „Die 
Schreiber auf den Edelhöfen" S. bi 59 zu vergleichen ist. 

7 ) Zeitschr. f. d. Gesch «I Oberrheins XXIV, 241. 



408 1)ie Schreiber. 

Schrift gefiel, erhielt er für Jen Sextern 4 Groschen, 1 ) In 
Augsburg ist sehr viel gesehrieben worden, und es war eben 
falls kein Gelehrter, der zu einer Copie des Augsburger Stadt- 
rechts schrieb: Quis hoc scribebat, Vlrious leyber antiqus nor- 
men habebtxb.%) Auch die bekannte Clara Hätzlerin ist von 
1452 bis 1476 als Augsburger Bürgerin nachweisbar, und 
scheint für Geld abgeschrieben zu haben. 3 ) Leonhart Schiel, 
Bürger daselbst, schrieb 1498 ein deutsches Gebetbuch mit 
sehr schönen Miniaturen. 4 ) In Hagenau schrieb der Schullehrer 
Diepold Lauber, auf den wir noch wegen seines Buchhandels 
zurückkommen werden, in Breslau 1451 ein Vierdungschreiher 
(Finanzbeamter) die Hcdwigslegende, in Klosterneuburg 1457 
Wenczlah Radpekch, Bürger daselbst, 5 ) Diese Laien schrieben 
meistens deutsche Bücher; es gab aber auch studierte Leute, 
deren Gelehrsamkeit nicht weit reichte, wie die Unterschrift 
einer Bilderhandschrift mit den Kämpfen Dietrichs von Bern 
zeigt: Hoc lib&rus sekripsit Johannes port, unus schriptor et 
magistcr in ardibus de argerdyna Amen. 6 ) Etwas mehr Latein 
verstand hoffentlich der Abschreiber eines Donat von 1473, 
('',iir<i(hfs bucMin von heyserlichem gewalt ein offer notarius. 1 ) 
Graf Hugo von Montfort (t 1423) liefs seine Minnelieder 
u. a. durch seinen zu Bregenz gesessenen Knappen Burkhard 
Mangold niederschreiben und mit Weisen versehen, 8 ) Oswald 
von Wolkenstein aber um 1432 schrieb seine Gedichte seihst. ; * ) 



') Die Chroniken der deutschen Städte V, L29. 
-) Cod, Pal. Genn. 17:>. Wüken S. 381. Die Schablone is1 sehr 
öhnlich, /.. I>. Qu4 />/'■ scribebat, Heinricus nometi habebat, Ermischer 
8 ltie. [Jeber der [nschrifl des Schreibers stein auf der Inneren Seite 
des CFmschlags !•'). was man nicht mit Wilken als 111:5 ergänzen darf 

i Barack, Bandschriften zu Donaueschingen S. 564. Ein Schwaben- 
jpiegel von ihr in Lambach, Etockinger in d. Wiener si>. LXXIV, 387. 
') jetzt in 8igmaringen n. 52. An/, d. Germ. Mus. Xi\' (1867 s.u\. 
Verzeichnifa von Lehner S. 36. 

Hoflfmann, Altdeutsche Handschriften' 6. •"> l 1 
i od Pal Germ 324 Wilken S 109. 
i od Pal. Germ 187. Wilken S. 189. 
i Staelin, Wirtemb Geschichte IM. 758. 

: in den \\ imer SB. LXIV, 623 



Lobnschreiber. 409 

Johann Werner, Freiherr zu Zimbern, beschäftigte Gabriel 
Lindenast, Bürger zu Pfullendorf. 1 ) 

Mit besonderer Vorsicht wurde ein geheimes Loosbuch 
abgeschrieben: 1492 hob ich Heinrich Meise von wurtzpurgk 
dits buch m Grunfsfelt In des Wolgebornen herrn. herren As- 
musen. Grauen zw Wertheims vnd Irin seiner Gnaden Gant- 
zellei vollenndt vnd geschriben. In beywesen seiner gnaden 
Secrctari Gonradi Kappeis. 2 ) 

Schon aus diesen Beispielen, welche ich genommen habe, 
wie sie gerade der Zufall mir gebracht hat, ergiebt sich, dafs 
die bürgerlichen Schreiber vorzüglich mit Büchern in den Volks- 
sprachen sich beschäftigten, kirchliche und gelehrte dagegen 
noch immer vorzugsweise der Geistlichkeit und dem entstehen- 
den Gelehrtenstand zufielen. Die Schreiber an den Universi- 
täten waren auf einen ganz engen Kreis approbierter Schriften 
beschränkt. Es ist daher leicht begreiflich, dafs die Huma- 
nisten für ihre Zwecke nicht leicht Copisten fanden; mifsfiel 
ihnen doch auch die Schrift der Zeit mit sammt den Minia- 
turen und Goldschmuck (oben S. 300). Eine neue Renaissance- 
schrift bildet sich aus, und lebhaft tritt uns der Conflict vor 
Augen, wenn wir in der Chronik von Melk nach der Reform 
von 1418 durch Mönche von Subbiaco sofort auch die neuen 
italienischen Schriftzüge finden. 3 ) Wie in alten Zeiten Hiero- 
nymus, so klagen jetzt die neumodischen Gelehrten über Mangel 
an Schreibern, und über die Unzuverlässigkcit derselben. So 
schreibt Petrareha: 4 ) Ut ad plentim auetorum constet integritas, 
quis seriptorum inscitiae inertiaeque medebitur, corrumpenti 
oiiuiifi, uiiscentique? euius metu multa iam, ut auguror, a 
magnis operibus clara ingeriia reflexerunt, meritoque id patitur 
ignavissima aetas hure, culinae sollicita, literarum negligens, 



*) Barack, Die Handschriften der fürstl. Fürstenbcrgischen Biblio- 
thek zu Donaueschingen S. 75. 

*) Cod. Tal. Germ. 552. Wilken 8. 506. Serapcum XII, 312. 

') Men. Germ. SS. IX. 481. 

l ) De remediis utriusque fortunae üb. I. Dial. 4:}. Ihm wird auch 
in Handschriften Cod. lat. M<»n. 3586 u. a.t eine a/rs punetuandi zu- 
geschrieben. 



-1 1 ( ) Die Schreiber. 

et cocos examinans, non scriptores. Quisquis ifaque pingere 
aliquid in membranis manuque calamum versare didicerit, 
scriptor habebitur, dortrinae omnis ignarus, expers ingenii, 
artis egens. Er beklagt, clafs die Werke der Schriftsteller von 
den Schreibern so arg entstellt würden, dafs ihre eigenen Ur- 
heber sie nicht zu erkennen vermöchten. Auch sei das gar 
nicht zu verwundern, da allein bei dieser Kunst gar keine 
Schranke und Aufsicht sei: sine delectu ad scribendum ruunt 
omnes, et euneta vastantibus certa sunt pretia. 1 ) An Boccaccio 
schreibt er sogar, 2 ) dafs er sein Werk de vita solitaria in 
vielen Jahren wegen der Unwissenheit und Trägheit der Copisten 
nicht habe abschreiben lassen können, obgleich er es mehr als 
zehnmal versucht habe. Auch Leonardus Aretinus schreibt 
aus Florenz an den Erzbischof von Genua: 3 ) Quod autem de 
libris scribundis rogas, non deerit tibi diligentia mea. Vertun 
admwabilis _ est apud nos eins rei penuria. Nam et studiosi 
permulti sunt, et gm merceole scribant admodum pauci. Ego 
tarnen quo tibi morem geram serutatus omnia, cum tandem 
nichil reperirem, exoravi quendam ex familiaribus iuris, ni 
libros quosdam, sui ipsius gratia quos ille scripserai, venum- 
dar et. 

Voll von Nachrichten über diese Zustände ist die Brief- 
sammlung des Camaldulensers Ambrogio Traversari. In Flo- 
renz besorgt er Abschriften; er trägt auch selbst in den Ab- 
schriften Beiner Freunde die griechischen Stellen nach, In 
seinem Kloster in Florenz erziehl er Knaben zu dieser Kunst, 
aber bis diese es gelernl haben, mufs er selbsi schreiben; er 
klagtj daie ihm die Hand zittere, pollex novo semper tremore 



') Audi Joh. Gerson de laude scriptorum, Opp. (1706 II. 698 klagt 
aber die Fehlerhaftigkeit der Abschriften, welche den Universitäten 
schade, dum guüibei admittebatur ad scribendum, "">/ probatvs, non 
cognitu 1 3 1 1 m plaria quoque dabantur incorreeta. Ex behauptet, i 
früher andern gewesen: oKm apud sanetos ttatres habebatur electio super 
criptorib m admittebatur mdoctus ui doctus, sed usque ad 

ctorum formationem, <ini lucem dant magnam legentibus, examen 
habebatur. Vgl auch oben 8 284. 
i Epp enil lib V ep 1 
. \ . L9 ed Mehu Vgl. auch oben 8. 269 



Lohnschreiber. 411 

agitatur. l ) Wenn er die Homilieen des Johannes Chrysostomus 
übersetzte, so konnte wohl Niccolo Niccoli, der iscriveva dl 
lettera corsiva, ch' era velocissimo scrittore, wenn er gerade 
bei ihm war, seinem Dictat folgen, 2 ) aber nicht die Knaben: 
lente nimis liactenüs scribunt neque adhiic sufficerent dietata 
excipere. 3 ) Er wünscht deshalb zwei oder drei librarii, um, 
wie Pabst Eugen IV verlangt, mehr übersetzen zu können. 
Das erhaltene Geld reicht nicht aus, quia et lectos emere in 
usum scriptorum et reparare domum convenit, membranasque 
emere et salaria tribnere. 4 ) Aus Bologna schrieb ihm Franc. 
Philelphus, clafs er ihm seine Uebersetzung des Dion schicke, 
a rudi quo dam librario schlecht geschrieben. Commodiores 
autem hie librarii, praeter barbaros quosdam, nulli sunt. 6 ) 

Die Gelehrten halfen sich unter diesen Umständen häufig, 
indem sie selbst die Abschriften besorgten, was um so rath- 
samer war, da die Lohnschreiber sehr unzuverlässig waren 
und oft Stellen ausliefsen. Ihre Zahl wuchs im Laufe des 
15. Jahrh. freilich aufseror deutlich; Angelus Politianus erwähnt 
miniatores et Script or es infinit os, et moniales ipsas, quae quidem 
diver sa volamina pontifieibus et regibus scripsere ac picturis et 
(in ro exornarunt. Vespasiano besorgte ganze Bibliotheken, und 
liefs z. B. für Gosimo de' Medici durch 45 Schreiber in 22 
Monaten 200 Bände schreiben. 6 ) In den Unterschriften bei 
Bandini und Zanetti finden wir sehr viele Notare genannt; 
eigenthümlich aber sind Unterschriften wie diese: Senis in 
scholis Magistri Nofri. Sanctes scripsit. 1 ) Barptolemeus Jo- 
hannis schrieb 1403 den Claudian de raptu Proserpinae m 



*) Epistolae ed. Melius p. 188. 
a ) Praefatio Laur. Mehus p. XXXII. 
:i ) Epistolae p. 2o2. 

l ) ib. ]). 82. In den Briefen und in der Einleitung und Vita Ani- 
brosii von Laur. Mehus ist noch viel der Art zu finden. 

5 ) ib. p. 1010. Vgl. oben S. 405. Auffallend viele Deutsche schrie- 
ben /. B. für Bessarion nach den Unterschriften bei Zanetti. 

6 ) A. Kirchhoff S. 36. Weitere Beiträge S. 6 -8. L. Melius. Vita 
Ambrosii Camald. p. KCIV— C. 

"') unter der Achilleis des Statius 1415. Bandini II, 261. 



412 Die Schreiber. 

scholis magistri MaMhiae de S. GeminianOj electi ad legendum 
grammaticam Prati 1 ) In diesen Schulen ist wahrscheinlich 

auch für den Verkauf und auf Bestellung geschlichen worden. 

In Florenz unterhielt Mathias Corvinus fortwahrend vier 
Schreiher, um griechische und römische Autoren abzuschreiben. 
Aber gerade diese Codices Budenses sind zwar äufserHch sehr 
schön, jedoch durchaus nicht correct. Mit der sorgsamen Ar- 
beit der alten Mönche halten alle diese Abschriften so wenig, 
wie die an den italienischen Universitäten gefertigten Codices, 
einen Vergleich aus. 2 ) 

Da nun aufserdem die Gelehrten nicht gerade reiche Leute, 
die Abschriften aber theuer waren, so haben sie sich ihre 
Bibliotheken grofscntheils selbst geschrieben, wie das nament- 
lich von Boccaccio berichtet wird. Auch vornehme Männer 
liefsen sich diese Mühe nicht verdriefsen; so ist eine Virgil- 
handschrift 1458 geschrieben ma/nu Leonardi Sanuti pro in- 
clito Venetorürn dominio tunc Ferrarie vicedomini. 3 ) Vorzüglich 
sind es die Studenten, welche wie früher und auch jetzt noch 
die scholastische Weisheit, so jetzt die Schriften der Humanisten 
und alte Auteren massenhaft zu eigenem Gebrauche abschrei- 
ben, keiner vielleicht mit mehr Fleifs und Ausdauer als Hart- 
mann Schedel, von seiner ersten Leipziger Studentenzeit bis 
zum höchsten Alter als Physicus der Stadt Nürnberg. 4 ) 

Von vielen Subscriptionen, aus welchen wir sie kennen 
lernen, will ich hier nur eine anfuhren: Correctus es/ Über iste 
usque ad frnern n prineipio a magist ro Andrea \Y<dl de Balts- 
haim a. d. Ji~>i cooperante Hainrico Nithart de ( Ima in 
studio r<ii>i<n<;. in tj,<<> tunc floruU Almanorum nacio } nam 

marchiones de Niderbaden in < modern studio tunc studuerunt } 
Johannes, Georius et Marcus fratres, et quidam Bavarie Jo- 
hannes fttius .... et dominus Orflich de Brandts dominus 



') Bandini II. 94. 

i oft sind sie auch aus Drucken abgeschrieben, s. \\ Peiper im 
Philol. An/ ll 1870 815. 

i Le Virgile du President Petau, 7989 A. Facs. bei Silvestre Ml. 
') - meine Abhandlung ttber Ihn in <l. Forschungeu /. deutschen 
chichte Band XI 



Schreiblehrer. 



413 



mens, Otto dapifferi filius domini Eberhardi , dominus Altar- 
bertus de Ibis, quidani nobilis Gotzfeld Georius Hasl de Her- 
bipöli tunc iuristarum rector, et frater suus Johannes et alii 
multi, qui tunc omnes operam legum atque canonum studio 
impendebant 1 ) 

5. Schreiblehrer. 

Römische Schreiblehrer kommen in Diocletians Edict de 
pretiis rerum venalium vor (oben S. 352), und ein doctor 
librarius de sacra via in der Inschrift Orelli 4211. Die Er- 
wähnung des Mag. Albert de Pozzotto (S. 308), welcher in 
Mailand Schule hielt, des Meister Bonaventura von Verona 
(s. unten), gestatten wohl die Vermuthung, clafs in Italien die 
Tradition dieses Unterrichts niemals ganz ausgestorben ist. 
Aus Deutschland sind mir aus dem 15. Jahrhundert zwei An- 
kündigungsblätter von Schreiblehrern bekannt; das eine dient 
dem Autograph von Peter Eschenloers Chronik auf der Bres- 
lauer Universitätsbibliothek als Deckblatt, und ist an der Seite 
etwas abgeschnitten. Der deutsche Text folgt auf den latei- 
nischen: ich stelle aber hier lieber beide neben einander: 



Tnformari Volentes Modis in 
diversis Scribendi Artificialiter 
Magistraliter forma- 
liter Specialiter Notulam Cu- 
riensem pro ut communiter scri- 

bitur in Curiis m mino- 

rwm Principum Ducum Comi- 
l um BaronumMilitumetc. Insu- 
per Texturn .... Iiotundum 
Abscisum etc. Pariter eciam 
in flöritura et Illuminatura ve- 

niant <<<! m Brun de 

Wirezpwg trahentem moram in 



Wer yemandes der noch rechter 
auszgemeszener leunst und art 

lernen ivolde geleichen 

nach den rechten regulen der 
Orthographien Text adderNottel 

von subtil Cancelleysch 

ader suszt von mancherlei nam- 
hafftigen N ottein Igliche mit irer 

undi allerlei/ Ercze 

aus?: der federn schreiben linde 
uffgutte suhl de art Illuminiren 

iimle me zu Johanni 

Brune wonhafftig Zcu dein 



') Handschrift <I<t Ethetorica ad Herenniura nns Wiblingen, l»*'i 
Czerny, die Handschriften von si Florian S. !'.)•"). 



414 



Die Schreiber, 



bunten h/trat bey saute Maria 

Magd eyn iglicher 

guilich undirweyseih. 



domo sita circa sanctumPaulum 

que sign nunccupatur 

Zu dem bunten lawen Et mfor- 
mabuntur summa cum diligentia 

s< tun dam informan- 

dorum precio pro competenti. 

Man erfahrt aus dieser Ankündigung nicht, wo Johann 
Brune sich befand. Durch eine freundliche Mittheilung des 
Herrn Eisenbahndirectors Karl Heermanu weifs ich aber jetzt, 
dafs er in Erfurt lebte, und in dem Verzeichnifs der geseboj's- 
pflichtigen Bürger von 1493 als Bürger in der Pauligemeinde, 
in der Conventgasse wohnhaft, aufgeführt wird. Und in dem 
Verzeichnisse von 1510 steht: Johann Brune, lad ein haus 
;j/di/ bauten lauwen, zinfst etc. hat eine büchse a. einen Ind. 
nämlich zur Bewaffnung. Vorzüglich merkwürdig aber ist, dafs 
in diesem Hause von 150J ah eine Buchdruckerei in lebhafter 
Thätigkeit sich nachweisen läfet, und wenn uns dabei auch 
kein Brune als Drucker begegnet, so wird doch ein Zusammen- 
hang mit seiner Kunstübung sicher anzunehmen sein. 

Wichtiger ist die Ankündigung Johanns vamme Haghen 
in der Berliner Bibliothek, Cod. Lat; fol. 384, weil sie Schrift- 
muster enthält. Man sieht daraus, wie die Schriftarten will- 
kürlich vervielfältigt wurden; es wäre sehr zu wünsch« n. dafs 
eine Ausgabe veranstaltet würde, am einen festen Anhalt für 
die Benennung der gewöhnlichsten Gattungen zu haben, 1 ) Die 
in den Proben enthaltenen Urkundenfragmente sind nieder- 
deutsch, eines vom Magistrat von Bodenwerder. Die Namen 
der Schriftproben sind: Textus quadratus, Textus prescisus vel 
sim j><</d)/ts. eine häfsliche Spielerei, Nottula simplex, Ur- 
kundenschrift, Nottula acuta, Semiquadratus, Textus rotundus, 
Nottula fracturarum, Fracturschrift, Argentum, wo aber nur 



im Nouveau Trait^ n. 83 sind allerlei Namen gegeben, aber 
ohne Abbildung oder rerstandliche Erklärung. Nach dem Catalogue de« 
MSS d< Departement! I. 171 enthält n. 512 der ßcole <l<' Mödecine in 
Montpellier „Modelea d'dcritare Gothiqne, l> Biecle Mannscrit fori 

liicn <• \i-ru 1 1- ci • r. . urieu 



Schrciblelircr. 415 

die Ueberschrift silbern ist, Bastaräus, die gewöhnliche Bücher- 
schrift der Zeit, Nottula conclavata, Separahis, Argentimi extra 
pennam. Die letzte Probe enthält zugleich die Ankündigung 
des Kalligraphen: Volentes informari in diversis modis scri- 
bendi magistraliter et artificialitcr , prout nunc scribihir in curiis 
dominum in , scilicet in diversis textibus et nottulis necnon cum 
auro et argento, similiter cum metallo extra pennam, venient 
ad me Johannem vamvne Haghen, et inform abuntur in brevi 
temporis spacio secundum diligenciam discipidorum pro precio 
competenti. 

Die lettre bastarde kommt auch in den alten französischen 
Inventaren vor, und ist oben S. 246 nachzutragen, ferner lettre 
Boalenoisc, de forme boulenoise, boiäonnoise, wohl aus Bologna, 
Lombarde und de Gascogne. Auch der Windesheimer gedachten 
wir dort, und ich füge noch eine Stelle bei (I c. 26 p. 105), 
wo von ihren kritischen Bemühungen berichtet wird, und es 
dann heilst, dafs sie diese Bücher in fractura vel rotunda seu 
etiam breviatura conscribere, piinctuare, orthographialiter accen- 
tuare, et libros cliorales in quadris aut oblongis notis solplii- 
00 vre, in singulis pausis hixta vocum et notarum congruentiam 
distincte virgulare, modisque melioribus formaliter componere 
ac ligare curaverunt. 

Der Schreiblehrer hatte also vielerlei zu lehren, und keine 
leichte Aufgabe. Von der Anleitung, in notula simplex zu 
schreiben, ist schon oben S. 225 die Rede gewesen, so wie 
überhaupt vom Unterricht. 

In zierlichen deutschen Schriften, besonders Fracturschrift, 
zeichnete Nürnberg sich vorzüglich aus, wo berühmte Schrei- 
ber waren, deren Schüler in viele fürstliche Kanzleien kamen; 
liier verfafete auch Anton Neudörffer die erste gedruckte 
Schreibekwist. Hans Neudörffer schrieb für Hieronymus Rösch 
die Fract Urschriften, welche dieser in Holz und hernach in 
stählerne Punzen schnitt; Nürnberg versorgte damit bald ;ille 
Druckereien. J ) 

') s. Jon. Neudörffer, Nachrichten von den vornehmsten Künstlern 
und Werkleuten, m» innerhalb L00 Jahre in Nürnberg gelebt haben, 
L546, nebst der Fortsetzung von Andreas Gulden L660. Nürnb. 1828. 



41 1) Die Schreiber. 

Einfacher war natürlich der Unterricht, welchen umher- 
ziehende Schreiber ertheilten. Probst Kaspar von Baumburg 
verzeichnete am Montag und Dienstag nach Estomihi 1446 für 
den Schreiber Kölenpeck: dedi sibi von der schüU wegen de 
angaria adventus domini preterita Ix den. und Ix den. von 
schreiberlons wegen. In Aldersbach wurde 1500 angeschrieben: 
Johanni Haeckel de 4 septimanis, quibus instituit aliquos de 
fratribus nostris in scriptum manuali 4 //. rhen. 1 ) 

In Ueberlingen wurde 1456 ein lateinischer Schulmeister 
angestellt; der Rath aber behielt sich vor, ob sich ain tütscher 
schriber in ir statt ziehen wölt mit dein sitz, Ltirt,: oder lang 
:ijt. das der wol tütsch schriben vnd lesen leren sol vnd mag, 
wie dann ain raut mit im überkompt. 2 ) 

Nicht übergehen dürfen wir endlich die Abbildung einer 
Schreibschulej 1516 von Holbein als Aushängeschild gemalt, 
im Museum zu Basel. 



(5. Unterschriften der Schreiber. 

Sehr häufig haben die Schreiber nach Vollendung ihrer 
mühsamen Arbeit einige Worte hinzugefügt; sie haben ihren 
Namen, die Zeit der Abschrift, den Veranlasser derselben an- 

■Immi. und uns dadurch manche wcrthvolle Nachricht zu- 
kommen lassen, oft erbitten sie ein Gebet des Lesers, oder 
sprechen sonst einen frommen Wunsch aus; nicht selten aber, 

vorzüglich in späterer Zeit, erlauben sie sieh auch zur Erholung 
einen muthwilligon Scherz. Im Verlauf dieses Buches ist schon 
häufig von diesen Unterschriften Gebrauch gemacht; 1 ') sehr zu 
loben Ls1 die gute alte Sitte, in gedruckten Handschriftenver- 
zeichnissen dergleichen Kleinigkeiten mitzutheilen, weil sie sieh 
sonsl gar zu sehr der Benutzung entziehen. Euer wollen wir 
eine Auswahl zum Schlufs des Abschnittes darbieten. Es Ls1 
dabei zu bemerken, dafs gewisse Vecse sieh durch viele Jahr- 



') Rockinger, Zum baier. Schriftwesen 8. 185 m. 19 
i Hone, Zeil ehr. t ßeach. d. Oberrh. II. 154; vgl ober 8 ''i 

li< h - 231 ii n :' 



Unterschriften der Schreiber. 4l7 

hunderte wiederholen, sehr häufig aber von den Schreibern 
theils entstellt, theils sinnlos zusammehgehäuft sind. Auch 
wurden die anfangs durchgängig frommen Sprüche später mit 
Vorliehe parodiert. 

Schon am Eingang steht häufig ein Gebet, wie Kvqlz 
7//öor XqiötI o ftzog llir\6ov rjfiäq d^v vor Reuchlins Codex 
der Apokalypse, oder das aus der Beischrift XQ/jöifiov ent- 
standene Chrismon, dessen Benennung man beibehielt, die 
Buchstaben Xq aber auf Christus deutete. *) Später ist sehr 
gewöhnlich die Anrufung: Assit principio sancta Maria meo. 
Griechische Sprüche sind oben S. 231 mitgetheilt; sehr 
schätzenswerthe thatsächliche Daten finden sich in Unterschriften 
griechischer Handschriften häufig, aufserdem aber nur selten 
etwas. &80V ro öcoqoj' xal rov raö^mv jtovog steht unter 
einem Appian von 1441. 2 ) 

Schon dem Alterthum gehört das Utere fclix. Lege in 
Christo. Lege feliciter. was z. B. im Orosius Med. unter den 
einzelnen Büchern steht; nach dem fünften Buche aber: Legenti 
vita, scribtori gratia. 3 ) 

Eine Handschrift von Beda's Auslegung der Sprüche Salo- 
monis aus Saint-Amand 4 ) enthält die schönen Verse: 

Beda dei famulus, nostri didascalus acvi, 
Falce pia sophiae veterum sata lata peragrans, 
Aequoreis rutilum ut compleret floribus orbem, 
Hunc raptum magni Salomonis ab ore libellum, 
Mistica morigero retinentem enigmata sensu, 
Composuit patres proprio sermone secutus. 



1 ) Eccl. Colon, codd. p. 94. Bei Urkunden wurde es Regel, aber 
gewöhnlich in der Gestalt eines C. 

2 ) Graeca Divi Marci Bibl. p. 185. 

:: ) Bandini Tl. 727; vgl. feliciter utere, legenti vita, felix legas, 
legenti salus ecribenti pax bei Reifferscheid , Wiener SB. LXVII, 505. 
LXVIII, 52G. 527. 609. Sint bona scribenti, sit vita salusque Icgail/. 
(Jod. lat Mon. 384. In Klosterneuburg saec. XIII: Vitam scribentis 
benedic deus u\<\n<> legentis. Serap. X. 269. 

4 ) jetzt in Valenciennes, saec IX. Mangeart 8. 10. 

rVattenb ach, Schrift wegen. 2. Aufl. 27 



41 8 Di? Schreibor. 

Quem tibi direxi magno pietatis amore, 
Muneris officio mundi clarissime rector. 
Vive deo felix, feliciter et lege semper. *) 

Aus dem achten Jalirli. haben wir lange und barbarische 
Unterschriften , die schon oben S. 232 berücksichtigt wurden. 
Der Bobienser Abschreiber von Gregors Dialogen sagt u. a. 
legi ntibus api Hat dt us sensum. scriptori tribuat indulgentiam. 
rogo nt qui legerü non im- estimet adolatorem. sed oret pro me 
peceatore.*) Gundohin, der 754 auf den Wunsch der Fausta 
das Evangeliar von Antun schrieb, sagt bescheiden: et si non 
nt debui psaltim ut valui a capite usqUe ad sui consummaci- 
onis finem perficere cum summo curavi amore. magis volui 
meam detegire inprudentia quam suis renuere peticionibus per 
inoboedienciam: 3 ) Eine oft, und auch bei Gundohin, vorkom- 
mende Bitte finden wir in dem Bob. Palimpsest des Ulfila mit 
Reimen: Ora pro scripture. si Christo habeas adiuture. scripsi 
nl potui. non sicut volui.*) Der Cassineser Mönch Johannes 
von Troja schrieb 1011 u. a. Rogo cos omnes qui Mc mellifluos 
flores carpitis, cum hie aliquid minus inveneritis, non mdledicta 
ingeratis, sed wt veniam tribuatis. 6 ) Legentis vitam. Scri- 
ptori veniam. Possidentis Salutem. 6 ) 

Besser, wenn auch noch incorrect, lauten schon im nennten 
Jahrh. die Verse aus St. Gallen: 



] ) vgl. aus Paris. Reg. 4404, MG. Lcgg. I tab. I: Ttos lege tu felix 
feliciter omnes, et tu qui legis, peregrini mei in bonis memento, düectis- 
%im< frater. 

') Wicu.r SB. IAYI1. 503; ähnlich 535. 

:: ) b. oben s. 232. Er braucht patrare für Beine Arbeit. 

') Reifferacheid, Wiener SB. I.XV1I. 504 

Neu- ]>r. Meyer tlieilt mir aus Clm. L4542 »len derberen Spruch 
mit: Testiculis careat <ini scriptori maledicat. 

■) Caravita n, 63. Wiener sii. L.wi. i;.. mit langer Widmung 
an S Benedict; vgl. oben S. 284 In seiner anderen I uterschrifl 

9itH /Jus inveneritis, r<>ti<> vos omnes emendate illum. In 
einer Sammlung ?on [nachritten aus Tarragona \«»n Augustinus steht, wie 
I. üübner mir mittheilt, am Etande eine Zusammenstellung bekannter 
Bchreiberverse, guletzl aber diese: si quid deliquä Petrus aui s, ribenda 
reliquit. Vorrigi delictum lector wpplequi relictum. 



Unterschriften der Schreiber. 419 

Psalterium hoc domino seniper sancire curavi 
Wolfcoz, sie supplex nomine qui vocitor. 

Obtestor modo praesentes onmesque futuros, 

Hoc minime hinc tollant, sed stabile hie maneat. 

Pro nie funde preces, lector, deposce tonantem. 
Ut mihi det vitam, sie tibi perpetuam. *) 

Fast fehlerlos aber sind die Verse: 

Suscipe completi laucles, o Christe, laboris, 
Quas cordis leti vox subdita reddit amoris. 
Sit merces operis oratio sacra legentis, 
Que iungat siiperis nos toto robore mentis. 2 ) 

Conrad von Scheiern schreibt: 

Qui librum scripsit, multum suclavit et alsit: 
Propitietur ei deus et pia virgo Maria. 3 ) 

Franciscus de.Scurellis setzte 1396 unter einen Lucan: 

Finis adest operis, mercedem posco laboris. 
Pro mercecle precor michi sit tua gratia donum, 
Gabriel, atque peto Francisci pignora grata. 4 ) 
Von diesen Versen kommt der erste bei den Lohnschreibern 
sehr häufig vor, und ist hier unpassend mit dem folgenden 
Gebet verbunden. 

Zu den gewöhnlichsten Versen gehört: 
Finito libro sit laus et gloria Christo. 5 ) 



*) Sanctg. Stiftsbibl. 20. Scherrers Verz. S. 8. Viele Anrufungen 
am Rande des Priscian saec. IX von dem irischen Schreiber bei F. Keller, 
Mitth. d. Antiq. Ges. VII, 82. 

2 ) Cod. Cas. 7 saec. XIV. Caravita II, 281. 

3 ) B. Pez, Thes. I. Diss. p. XXIX. 

4 ) Mezger, Gesch. d. Bibl. in Augsburg S. 84. In Laon saec. XII: 
Scriptori merces contingat gloria perpes. Catal. des Dep. I, 118. 

5 ) Bandini II, 205. 250. OSO. 692. Serap. X, 26G. 270. Naumann, 
Catal. Lips. p. 38. 64. Catal. Arundel. p. 64. Seiverts Nachr. v. Siebenb. 
Gelehrten (Prefsb. 1785) S. 13. Caravita II, 274. Czcrny, HSS. von 
St. Florian S. 210. Jacobs u. Ukert, Beitr. I, 250. Lucanus Cracov. 524 
nach W. Arndt. Gewöhnlich mit anderen Sprüchen verbunden. Bei 

27* 



4:?0 Dio Schreiber. 

Magister Guido de Corelia 1308 setzt hinzu: 

Gaudia scriptori, finem ponendo labori. 

Derselbe schreibt im Juni 1307, tempore quo exereitus erat 
Aretii vel in eins terrüorio: 

Finito libro reddatur gratia Christo. x ) 

Wir finden auch: 

Finito libro referatur gratia Christo. 2 ) 
und: Laus tibi sit Christe, finitur enim liber iste. 3 ) 

Diese Beispiele werden kaum über das 13. Jahrb. hinauf- 
gehen, aber schon früher finden sich Parodieen. So angeblich 

schon aus dem zehnten Jahrhundert: 

Explicit almitonans in Christo dignus Arator: 

Finito libro reddatur cena magistro. 4 ) 

Finit Arator in hoc, consurgit denique pastus. 5 ) 

In einer Heiligenkreuzer Handschrift: 

Finito libro pinguis detur auca magistro. 

In einer St. Florianer saec. XV: 

Finito libro dentur sua iura Hermannp. 6 ) 

AIht schon im 12. Jahrh. kommt der sinnlose Scherz vor: 
Finito libro iVangantur crura magistri. 7 ) 



Palacky; Formelbücher I, 253 folgt a. 1869: Non deportäbis, nisi mihi 
1 grossos (hihis. im Cod. Arundel. 436, 111.") in Padua geschrieben: 
Operi eonsummato wt etc. Ora basta sin eontento. 

') Caravita II, 2<;<>. Bandini II. 246. Mit gloria Czerüy S. 247. 
Bandini II. 263. 

Burney Catal. i>. 59; incorrecl i>. <;<». c<><]. Im. Honac. 6201. 
Zanetti, Divi Marci Codd. Int. p. 86. Bandini [1,232. Naumann, Catal. 
Lips. p. 16. 

i Hagen, Anecdd. Helv. p. CLXXXiy. Serap. X. 269: Chrwhia 
laudetur <i"m libri fvnis habetur, mit dem vorigen verbunden; 
') auch bei Jacooi u. Dkert, Beitr. l. 278. [1,64. 
I Reiffewcheid, Wiener SB. LIX, 62. 
i /.mV. R88 \..i, si Florian B B 
'•) Libri'fi Auctionscal 8. I4ft d. • '.»'..">. Czerny s. 196. 



Unterschriften der Schreiber. 421 

Anklingend ist auch: 

Libro conipleto saltat scriptor pede leto. *) 

oder auch: 

Libro perfecto ludum pro munere posco. 
Libro finito lector gaudenter abito. 

Olricus minor scripsit hunc librum. 2 ) 

Verwandter Art ist der Vers: 

Laus tibi sit Christe, quoniam liber explicit iste. 3 ) 
Ein Schreiber saec. XV schrieb: 

Explicit hie codex, laucletur omnipotens rex. 4 ) 

Auch Maria wurde nicht vergessen: 

Hoc opus expletur, deitati gratia detur, 
Et niatri domini, quae nostro sit pia fini. 5 ) 

oder: mater casta, nobis seniper firmiter asta, 

Hostem devasta, ne nos sua vulneret hasta. H ) 

Ein anderer schrieb: 

florens rosa, mater domini speciosa, 
virgo mitis, o feeundissima vitis, 
Clarior aurora, pro nobis omnibus ora, 
Ut simus digni postrema luce beari. 7 ) 



1 ) TM. v. Arx, Berichtigungen S. 30. Cod. 1019. Mit Opere c. 
Adrian, Catal. Giss. p. 244. 

2 ) Naumann, Catal. bibl. Sen. Lips. p. 12. 

3 ) saec. XIII ex. Naumann, Catal. Lips. p. 16. 31. Cato ed. Hau- 
thal p. XIII. Caravita II, 281. Eccl. Colon, codd. p. 55. Merzdorf, 
Bibliothekar. I'nterhaltungen, N. S. (1850) S. 28. Czerny S. 205. Homeyer, 
Die deutschen Rechtsbücher n. 180. Valentinelli I, 215. V, 89. Jacobs 
u. Ukert, Bcitr. II, 17. Achnlich Serap. X, 268. 

4 ) Cod. Vindob. 2692* Arch. X, 47;3; vgl. Naumann, Catal. Lips. p. 44. 

5 ) am Schlüsse von Benoit's rioman de Troie, Ad. Keller, Rom- 
vart 8. 96. 

'') saec XrV unter dem Münchener Cod. Bened. 12-1. 
7 ) Cod S. Galli 581 saec XIV. Vcrz. S. L88 



422 Die Schreiber. 

Ganz kurz aber metrisch falsch: 

ü Maria poli, scriptorem relinquerc noli. *) 

oder: Facto fine pia laudetur virgo Maria. 2 ) 

Unter einer Sammlung italienischer Legenden steht: 

Frater Antonius scripsit corde bono, 
Iungat eum dominus electorum choro. 3 ) 

Der Schreiber Wernher fafst sich kürzer: 

Scriptoris, Christe, Wernheri tu miserere. 4 ) 

Ein Ulrich bittet am Schlufs der Passio S. Katherinae: 

Hunc tibi, regina, librum scripsi, Katerina: 
Nominor Ulricus, fac Christi sim quod amicus. 5 ) 

Ernsthaft gemeint ist der Spruch: Amen, solamen sit 
sanctus Spiritus, amen. 6 ) Aber unverständlich ist: Amen so- 
1 ii im ii dicat amicus tuus,' 1 ) und deutliche Parodie: Amen sola- 
men. Si deficit fenwn, aeeipe strömen. 6 ) 

Mit mangelhaftem Reim heifst es: 

Et sie est finis, laudetur deus in hymnis. 9 ) 

Ein frommer Wunsch ist: Dendir pro penna scriptori 



') Cod S. GWli sii von 1462. Verz. S. 285. 

Burney Catal. p. 60 unter Ovids Metamorphosen, oben s. L33 
Aimi. 3 ial zu lesen: q. 222 u. -2'2:\. Bandini II. 78. 169; p. L52 mit: 
Qui me 8crip8%8ti f fias ovis in grege Christi. 

) Zanetti, Divi Marci codd, Lat. et [tal. p. 224. 
') Ar.ni.h-] Cat. p. 2. 

Naumann, Catal. Lips. i>. 62. 
Jacobe a Ukert, Beitr. [II, 61. 
7 ) Schulte. Die kanonisl H88. der Prager Bibl. 8. 33 
s ) Rockinger, Schriftweser. & L90 II. 24 , 

Valentinen! V, 96. Bei Czernj 8. 200 mit dem Zusatz: Qui me 
bebat f Jacobua wall nomet\ habebat, a, <l. r> 



Unterschriften der Schreiber. 4-3 

caelica regna. 1 ) Allein viel häufiger finden wir ihn umge- 
wandelt in: Detur pro penna scriptori pulchra paella. 2 ) 

Sehr beliebt war, vorzüglich in Italien, der Spruch: Qui 
scripsit scribat, semper cum domino vivat. Zuerst finde ich 
ihn 1235 bei dem Mönch JBonannus pusinus, der seine eigenen 
Predigten abgeschrieben hatte. 3 ) Auch: Scriptor qui scripsit, 
cum Christo vivere possit, 4 ) oder: Qui scripsit, scribat, clivino 
mutiere vivat; 5 ) auch et longo tempore vivat. 6 ) Einmal aber 
auch: et bona vina bibat. 1 ) 

Ein Magister Guido de Corelia, der sein Buch von 1288 
bis 1308 mit einer Fülle von Sprüchen versah, schreibt: Vivat 
in cclis Guidellus nomine felix, eine Art den eigenen Namen 
anzubringen, die zu häufig ist, um mehr Beispiele anzuführen. 8 ) 



*) Beitr. zur Kunde steierm. Geschichtsqu. 1867 S. 133 von 1349. 
Serap. X, 268 von 1374. Cod. S. Galli 782 von 1379. Adm. Cod. des 
Marienleben von 135i, dessen Schreiber alle Sprüche angebracht zu 
haben scheint, die er wufste, und neben diesen auch die Parodie. Jos. 
Haupt in d. Wiener SB. LXVIII, 187. Hermanstädter Missale von 1430 
(nicht 1330), s. Seiverts Nachr. v. Siebenb. Gel. S. 13. Siebenb. Arch. 
N. F. X, 417. 

2 ) Lucan saec. XIII Cracov. 524 nach W. Arndt. Jacobs u. Ukert, 
Beitr. III, 64. Bartsch, Denkmäler d. provenz. Litt. (1856) S. 305, von 
1374, mit pena, d. h. für die Mühe, frz. peine, wie häufig. Valentinelli 
V, 96. Schulte 1. c. p. 33. Cod. S. Galli 745 nur mit. pulchrum, Verz. 
S. 245. Serap. X, 268 auch mit der Variante mcretrix magna. Delisle, 
Mem. de l'Institut XXIV, 310 aus Corbie. Endlicher, Catal. Vindob. 
p. 89. Schoenemann, 2. u. 3. Hundert der Wolfenb. Bibl. S. 19 „mit 
versetzten Buchstaben". 

') Caravita II, 213, auch 250. 260. 270. Naumann, Catal. Lips. 
p. 30, Priscian mit dem Zusatz: constitit ei 15 solidos et 6 denarios. ib. 
p. 38. 91. Cod. lat. Mon. 6201. Czerny S. 210. Cod. Arundel. 367. 
Iiandini II, 152 u. sehr häufig. 

4 ) Mangeart, Catal. de Valenc. p. 77. Cod. S. Galli 941, Verz. 
S. 354. Catal. des Dep. I, 146. 

5 ) Valentinelli I, 215. 

,; ) Jacobs u. Ukert, Beitr. II, 17. Heiträge zur Kunde steierm. 
Geschichtsqu. IV (1867) 99 mit vivat per secuta centum. 

7 ) ib. p. 51. 

H ) Ich erwähne nur: Vioai in celis Bonlnartmus nomine felix. Cod. 
lat. Mon. 6201. Vgl. auch Bandini 1.71s. [1,697.. 



424 D ie Schreiber. 

Er bittet auch: Qui scripsit lutnc librimi, eollocetur in para- 
disum, was ebenfalls öfter vorkommt. 1 ) Auch: Nomen scriptoris 
sähet deus Omnibus Iwris. 2 ) 

Ferner: Hie liber est scriptus, qiii scripsit sit benedi- 
ctus. 3 ) Ein Schreiber, dessen Eigenname dies war, macht daraus: 
Iste über est scriptus. qui scripsit, dicitnr Benedictus.*) Aus- 
führlicher schreibt ein anderer: 

Qui scripsit librum, cum Christo sit benedictus 
A eunetis iustis simul et sua cum genitrice. 
Vita sed eterna sibi cum iustis tribuatur, 
Estque benedictum quorum per secula nonien. 5 ) 

In etwas leidlicheren Versen schreibt ein anderer: 

Per quem sum scriptus, est Gallus nomine dictus; 
Numquam devictus, sed semper sit benedictus. 6 ) 

, In Pentametern dieser: 

Qui scripsit Carmen, sit benedictus amen. 
Sit scripta sanus et benedieta manus. 7 ) 

Sehr häufig ist: Qui scripsit scripta, manus eius sit bene- 
dieta. 8 ) Oder auch: Dextera scriptoris benedieta sit omnibus 



1 ) Caravita IL 260. Burney 250, Catal. p. 65. Valcntinelli 111,24. 
Eigenthümlich : II<(l>iict hie cehtm scriptor^ ceu Delia Delum. Valent. Y, 88. 

2 ) C. F. Hermann, Catal. Marl). (1838) I, 17. Czerny S. 210 corrupt. 
Bandini 11, 232 von 1403: Mcmus Zenonis salvetur ommbua horis. Tres 
cUgiti scribunt, cetera membra languent. 

Naumann i». 12. Cod. lat. Mon. 14557 saec. XIII aus st. Em- 
meram. Mangearl 8. 80. 1'. Meyer. Documenta manuscrits I, 61 mit 
qui cri.iit. Jacoba u. Ukert, Beitr. I, 250. Etwas anders BandinJ 
II. 692: Frater Jordanü scripsit, quem deus üle benedixit. 
') Caravita II. -'74. 

Arumlel Catal. ]>. »1">. 

) Mangeart, Catal. <!»• Valenc. p. 169. 

, Duffufi Hardy, Descriptive Catal. III. .'i.'J. Der erste Vers, auch 
bei HuiUard-Brlholles, \ r ie ei Corr. de Pierre de La Vigne p. 269. Wrighl 
and Halliwell, Rell mihi II. 67. 

, Cod lal Mon. Bened. 128 saec. XII. Naumanu i>. :;•';. Arundel 
< ;,i.,i. p 7i Cod 8. <-;<ili 782, Vera 1 . 8. 260 etc. Bodemann, Bandes. 
in I lau Do > er >. •») 7 mit sii/i <i< ctera 



Unterschriften der Schreiber. 425 

horis. 1 ) Sehr begreiflich und billig ist der Wunsch: Dextera 
scriptoris careat gravitate doloris. 2 ) Ein Schreiber Namens 
Victor machte daraus: 

Dextera Victoris careat gravitate doloris, 
In Redemptoris sit situs ille choris. 3 ) 

Oft wird die Müdigkeit der Hand hervorgehoben: penna 
cessa, quoniam manus est michi fessa.^) Oder auch: scriptor 
ccssa, quoniam manus est tibi fessa. 5 ) Oft ist dieser Spruch, 
wie andere auch, von den unwissenden Schreibern entstellt. 
Der Minorit Johann Middelburch, welcher 1470 als Student in 
Cöln abschrieb, setzte zu dem Spruch Penna precor cessa etc. 
hinzu: Pro tali precio nunquam plus scribere volo. 6 ) Petrus 
de Prato aber, der 1429 in Burguncl ein Compendium des 
canonischen Rechts abgeschrieben hatte: Portato precio pro 
certo nulluni repertprium plus scribere volo.' 1 ) 

Einmal fand ich: Scriptor opus sciste (d. i. siste), tenuit 
labor iste nimis te. 8 ) Ein anderer schrieb: Hoc opus exegi, 
pennas sepissime fregi. d ) Recht hübsch unter einem Livius: 
Pennula scriptoris requiescat plena laboris. 10 ) 

Mit wohlberechtigtem Selbstgefühl schrieb im 12. Jahrh. 
Eadwine von Canterbury nach Beendigung seines schönen 
Psalters: 



*) Czerny S. 199. Schlechte Verse mit Manus Burney Catal. p. 65. 
Caravita IL 281. Bandini II, 239. 

* 2 ) Cod. lat. Mon. 14557 saec. XIII ans St. Emmeram. Naumann 
p. 30. Cod. Upsal. von 1489 Andres, Lettera al abb. Morelli p. 29 mit 
Manus. Endlicher, Catal. codd. Vindob. 89. 

3 ) Cod. Laudun. 164, Catal. des Departements I (1849) p. 122. 

4 ) Moll, Kerkgeschiedenis II, 2, 321. 

') Czerny S. 222 entstellt. Cod. S. Galli 841, Verz. S. 285. Scrap. 
X, 2(57. Iloffmann, Altd. Ilandss. S. 121. 
'') C. F. Hermann, Catal. Marb. II, 38. 

7 ) Arundel Catal. n. 445. 

8 ) Cod. Laudun. saec. XIII. Catal. des Dop. I, 197. Aehnlich: 
Pen/na gradum siste, quoniam über e.vjtlicit iste. Juli. Scoti Opera ed. 
Floss p. 1191. 

°) Zeibig im Serapeum X. 266. 
'") Bandini II. 092. 



42<) Die Schreiber. 

Scriptorum princeps ego 3 nee obitora deineeps 

Laus niea. nee fama: qui sim. mea littera clama. 1 ) 

Mehr humoristisch ein anderer: 

Pre reliquis gratum Laudavit s} r inea natum: 
Semper scripturam sie ego laude- meam. 2 ) 

Dagegen heifst es mit dem Scheine der Bescheidenheit: 
Meum nomen non pono, quin me laudare nolo.' 6 ) Zu dem- 
selben Spruch, halb mit griechischen Buchstaben geschrieben, 
setzt ein Abschreiber der Metamorphosen doch noch: Si vuUis 
scirc, Korc.no CagZe fuit ille.*) Johann Pcchswent von Tro- 
feya, Mönch zu Neuberg in Steiermark, sagt aber: 

Explicit hie totum. 
Infunde, da mihi potum! 
Et si melius scripsissem, 
Nonn'ii meum non apposuissem. 
Et sie est finis per totum. 
Deo gracias. 5 ) 

Deutsch und derb Nagt ein Schreiber: 

Werne dusse scrift nicht behage, 
Dij müsse eynen knochin genagin.' 1 ) 

Sehr häufig ist der neutrale Spruch: Sum scriptor talis, 
monstrai mea littera qualis, 1 ) oder Scriptor su/m talis, <(<-»i<>i/- 
strat littera q>i<<!is.*) Ein nicht übler Schreiber des L3. Jahr- 
hunderts setzl hinzu: Et vocor absque malis Radulphus nomine 
Salis. 9 ) 



') Beschreibung u. Facs. in Westwood'a Palaeographia Bacra. 
-) Huillard-Bröholles, Pierre de U Vigne p. .'!7<i. 
8 ) Cod. Guldonis .1<- Corelia, Caravita II. 260. 
') Libri*s Auctionscatalog s. Lij7. 

) Beitrage eur Kunde iteierm, Geschichtsq, l\ i s '*>7 L29. 
■•) Wilken, ll.-i.lcl!). Büchers. S 849. 

Chron. Menc MG — Will. 162. Naumann, Catal. Lips. p. 81. 
Bandini II. •_'<>.">. Bi Galler Verz. B. L80 mit <i<in<nisif<t( Über qualfo, 
Federprobe aec XII. 

I Caravita II. 260. Burne) Catal. a. 217 i» 59. 
) Huillard-Bröholles, Pierre de i;i Vigne i». 272. 



Unterschriften der Schreiber. 427 

In einer sehr fein und zierlich geschriebenen Bibel saec. XIV 
steht: Si male quid feci, veniam peto; si bene, grates. 1 ) Wie- 
derholt findet sich: Hie pennam fixi: penitet me, si male 
seripsi. 2 ) 

In St. Gallen schrieb 1379 Job. Gaernler: Ideo male 
fuüvi, quia non bene scribere seivi. 3 ) Aehnlich ist: Heu male 
timui, quia non bene scribere seivi.*) 

Nicht unbillig sagt der Abschreiber eines Ovid saec. XIII: 

Nomen scriptoris Girardus cultor amoris. 
Ultra posse nieum non me vis ulla coegit: 
Non reor esse reum, qui totum posse peregit. 5 ) 

Zu den einzeiligen Sprüchen, welche gewöhnlich mit an- 
deren verbunden vorkommen und nicht individuell sind, gehört: 
Seriptor scripsisset melius si potuisset. 6 ) Seltsam lautet die 
Unterschrift von 1405: 

Non ego sum scriptor turpi faedatus honore. 
Si bene non seripsi, sed stilus magno furore 
Frequenter duetus debet stupere rubore. 7 ) 

Bescheiden, und mit einem zu Herzen gehenden Nachwort, 
schriel) Johannes Schedel 1457 unter einem Passional im Cod. 
Germ. Mon. 409: 

Si non schribo bene, 

Sed melius discere volo. 



Czerny, Bibl. von St. Florian S. 247. 

2 ) Wright and Ilalliwell, Hell. antt. II, 67. 70. Coxe, Catal. 
Bodl. III, 370. 

3 ) Scherrers Verz. S. 2G0. Mit Hec m. Serap. X, 270. Mit Heu 
•loh. Scoti Opera ed. Floss p. 1194 

4 ) Arundel Catal. 79 n. 265. 

5 ) Kelle, Die class. Hss. in Prager Bibliotheken, Abhh. d. böhm. 
G. d. W. VI, 5 S. 19. 

,; ) Serap. X, 267. Valentinelli V, 96 mit dem Nachsatz: Expl. hoc 
opus per iikiii ii. s et non per pedes cumsdam not// nomine Johannes de 
Prusia de quadam civitate quae vocatur Conicae suo a. <J. 1449 die '.). 
m. Au(juaü. Jn Libri's Catalog S. 166 mit voluüset. Valent. IV, 36: 
Scr. Her. bene ciciu*, si voluisset. 

7 ) Valentinelli IV, 165. 



428 Die Schreiber. 

Ach ich armer gesell! 

Der Ion ist aller verton: 

Umb wein ist er gegeben, 

Der tet mir sanfft auf meiner leber. 

Maria. 

Jhesus Maria hilff. 

Mehr auf Correctheit als Schönheit der Schrift geht die 

Unterschrift unter dem Werk des Cristoforus Bondelmonti de 

insulis von 1400: Iste bonus auctor in multis male di.rit, libra- 

Hus vero corruptissime. ego neutrum sequutus per quam corni- 

ptissime scripsi. l ) 

Sehr beliebt waren einige Wortspiele, wie Explicit iste 
über, scrjptor sie crimine Über. 2 ) Am Schlüsse eines Buches 
mit dem Titel Actor et reus sagt aber der Schreiber: Letus 
sit scriptor, et Über crimine raptor.' d ) Schon im elften Jahrh. 
finden wir unter einem Verz. der Bischöfe von Novara: Airal- 
das sublevitä indignus domm praeeepto Arnaldi sine manibus 
fecit oc opus. 4 ") Sehr häufig metrisch: Finivi librwm totum 
sine mambus istwn, 6 ) oder Finwi librum } scripsi sine manibus 
ipswn. 6 ) Das kann wohl nur ein frostiges Spiel mit der ver- 
schiedenen Quantität in manus und manes sein. Ein anderes 
Spiel ist: Nävi non navi, sed aquam manibus peragravi, 1 ) 
oder: Finis adest vere, sie cum penna scio nere. 8 ) 

Sehr häufig ist der einfache Ausdruck der Freude über 
das vollendete Werk: Ach ach! ich was fro, do ich schreip 



') Yalrntimdli VI. 301. 

2 ) Bandini II, 164. Jacobe u. I Kerl 1. 250. Czerny EL 1!»:». Cod. 
S Galli 782, Verz. s. 260 etc. Zeitechr, f. schlcs. Gesch. XI, 212 von 
L462 mit dem Zusatz: Per nu Georgium NoMStokdt cognomine dictum 
I h Dresden opido ei loeo eatis ameno. Er hiell das für Verse, und hat 
aueb «Ich ersten verdorben. EUn Schreiber Gregor erzähll uns, er sei 
in GonutoiU natu*, ülic quoque et parentatus, Adrian. Qatal ßiss. p. 30. 
. Naumann, Catal. i>ii>l. Ben. Ups. p. BJ. 
') Andres, Letters al abb, tforelli i>.' '.». 
I od - Galli 687, Verz. S. 225. 
Valenciennes 91. Ar.h. \. 591 etc. 

rny, EJandss. von 81 Florian s. 5, S. Gregorü Moralia saec. XU 
I Naumann, Catal. Ben. Ups. p. 131. 



Unterschriften der Schreiber. 429 

finito libro, 1 ) oder Ach got wie fro ich was, clo dis buches ein 
ende ivas, 2 ) oder Maria tuol fro ich ivas, da ich schraib 
deo gratias. 3 ) Dis het ein end, Des frowt sich Jiercz und hend. 4 ) 
Einmal: Explicit expliceat, psallere scriptor eat, h ) häufiger 
mit ludere, 6 ) auch metrisch falsch mit bibere. 7 ) Einer schreibt 
auch : Explicit expliciat, qui plus vidt seribere, scribat. 8 ) Aus- 
führlich ergeht sich der Schreiber eines Infortiatum saec. XIII: 

Est sepultus qui ineepit, 
Semper vivat qui perfecit! 
Mors legalis recte fecit, 
Quod explentem non reeepit. 
Ergo grates deo damus, 
Uli librum referamus, 
. Cum legatur gaudeamus, 
Sic in fine dimittamus. 
Explicit expliceat, ludere scriptor eat. 9 ) 

Fanden wir bei den geistlichen Schreibern der früheren 
Zeiten die Hoffnung auf himmlischen Lohn ausgesprochen, so 
tritt dagegen bei den Lohnschreibern der späteren Zeit die 
Bezahlung in den Vordergrund. Scriba fui Thomae, conduxit 
enim pretio me, sagt ein Italiener schon im zwölften Jahr- 
hundert.- 10 ) Es ging ihnen oft schlecht genug, besonders den 



J ) Hoffmann v. Fall. In dulei Jubilo S. 20. 

2 ) Homeyer, Deutsche Rechtsbücher n. 48 von 1444. Ganz einfach 
n. 66: Amen Alleluia. Peter man Cudrifin. 

8 ) Cod. lat. Monac. 5607. 

4 ) Cod. lat. Monac. 10929 f. 97. 

r ') Joh. Scoti Opera ed. Floss p. 1194 e cod. lat. Mon. G909. - 

°) Valenc. 185 saec. XIII, Mangeart p. 172. Bandini II, 152. Hagen, 
Anecdota IIclv. p. CLXXXIV. Czerny S. 106. Cod. S. Galli 745, Verz. 
S. 245. De Wailly, pl. IX etc. Archiv f. Oestr. Gesch. XXVII, 239 
mit dem Zusatz: Ez chaevt et in fine vade merdatwm. 

7 ) Catal. des bibl. des Dop. I, 197 aus Laou. 

") Mangeart, Catal. de Valenc. p. 101. 

ö ) Naumann, Catal. Lips. p. 91. Im Heidelb. cod. Sal. X, 10 
saec. XIII: Scripßit Adelbertus inen m od a mulia rcpniux. Hoc n/ms in 
Salem, eia canamus amen. 

"') A. Mai, Class. Auctt. VIII p. VII. 



430 Dlo Schreiber. 

verlumpten Scholaren, die so schlecht schrieben, wie der, welcher 
1426 eine Expositio missae abschrieb und darunter setzte: 

Qui te finivit, fuerat scholaris egenus, 

Qui raro scivit, quando fuerat dape plenus. 1 ) 

Unter einer Summa rudium in Bamberg (Q III 24) steht: 

Datum in domo, übt nulla copia, sed summa inopia, 1433. 

Echt klösterlich lautet es noch im zwölften Jahrhundert: 

Summe deus, grandem bene scis pensare laborem: 
Clemens defer opein, capitis depelle laborem. 
Nomine pro Christi lecturis haec ego scripsi, 
NOn pro praesenti, sed pro mercede perenni. 2 ) 

Aber schon ist von irdischem Lohn die Rede in dem Spruch: 
Premia scriptori dentur, gratesque priori. 9 ) Bescheiden schreibt 
einer: Munera reddantur scriptoH si mcreanttir^) Aber nicht 
immer war der Lohn verdient; einmal schrieb der Rubricator: 

Isti scriptori volo succedat quasi stulto, 

Non bene qui librum scripsit pro munere multo. 5 ) 

Unter einem Gommentar zum Lucan, Virgil und Statins saec. XII 
aus Xanten, der, wie diese Bücher meistens, sehr klein und 
eng geschrieben ist, steht: 

Glose scribuntur, scriptori premia. dentur. 
Premia si dederis, meliores inde sequentur. 6 ) 

Sehr häutig ist: Finis adest operis, mercedem posco laboris. 1 ) 
Dazu fügt 1410 ein Schreiber: Finis letificat, ineepeio sepe mo- 
lestat.*) Nicht minder häufig ist: Fmis adest vere, precium 



') Cod. Aug. 12 in Wolfenbütte] Face. \. W. Muli' 
J ) Cod. lat. Baon. 17112 f. L33 nach freundlicher Mittheilung von 
W. Meyer. 

PrUcian b MM In Bern, Sagen anecdd. p. OLXXXIT. 
•> ealentinelli II. Llö. 

< d. lat. Monac. 23604 9. XIII f. 42 von \Y. Meyer 
l od Berol. La1 fol. 84. f. HB i&no. 
i < /ci-iiN s 222. Beitr. / Kunde Bteierm. Geschichtsq. IV (1867) 
B L26 aiu Vonn \ 1863. Soffmann, Alt.l. Handss s. 121. Serap \. 
mit finah - 
) I zernj . i [andss \ 81 Florian B. 71. 



Unterschriften der Schreiber. 431 

vuU scriptor Jiabere. 1 ) Auch: Scriptori munus äetur bos aut 
equus unus, 2 ) oder: Scriptoris munus sit bos bonus auf equus 
unus. s ) 

Unzufrieden sagt ein Schreiber: 

Pro tali pretio nunquam plus .scribere posco, 
Attamen a domino mercedem tollere spero. 4 ) 

Ein Schreiber des 13. Jahrh. fügt eine ausführliche Bitte um 
Mildthätigkeit in Prosa zu den Versen: 

Desine scribere, vis bene vivere corpore sanus. 
Non contracta, sed ut det sit apta nianus. 5 ) 

Eberhard Schulteti de Möchingen schreibt 1405: 

Est michi precium kranck, 

Quia nichil datur michi nisi habdanck. 6 ) 

Ein anderer 1472: 

Finis adest operis, mercedem posco laboris. 
Est michi precium kräng, ubi nichil sequitur 
nisi habedang. 7 ) 

Aehnlich in Mone's Anzeiger II, 191: 

Hospes illum amat, qui vil trinkt und modice clamat. 
Est merces ibi krank, ubi datur nil nisi hab dank. 

Ungemein gut zufrieden mit seinem Lohn war dagegen 
der Abschreiber des Livius in französischer Uebersetzung für 



Iloffmann S. 121. 232 etc. Der Schreiber der Miracula S. Mariac 
in St. Gallen v. 1395, IG S. qu. schreibt: scriptor vult unum solidum 
Gallensem pro pretio habere. Scherrers Verz. S. 190. Mit potum Jacobs 
.i. I'kert IT, 54. 

2 ) Seran. X, 2(50. 

B ) Fr. Kritzius de codd. bibl. Amplon. potioribns, Erf. 1850, qn. 
p. 25. Arundel Catal p. 1. Ditmar im Adm unter ('od. von Br. Philipps 
Marienleben L351, mit vielen anderen Versen, Wiener SB. LXV11I, 1H7. 

4 ) Merzdorf', Bibliothekar. Unterhaltungen. N. S. (1850) S. 29. 
Vgl. oben S. 425. 

'•) Serapeum X, 269, 

,; ) Hoffmann, Altd. Bandes. 8. 151. 

7 ) ib. S. 181. 



432 Bio Schreiber. 

einen französischen hohen Herrn, nach Fanlin Paris' Vermuthung 
Johann den Guten von Burgund. Raoul Taingui, 

Qui n'est paa forment amaigri 
A Champlot oü il a este, 
Et a Paris tont cest este 
Anx despens de Monseigneur. 

Dankbar schliefst er: 

Si prie Dieu, le roy Jhesns, 

Qui a fait Thetis et Bacchus, 

Et qui est creator omni um rerum. 

Qu'il doint ä Monseigneur regnum celorum. 1 ) 

Ausführlich entwickelt ein Schreiher des Schwabenspiegels 
Beine Wünsche: 

Der Schreiber ist mvede. vnd drat 

geschrihen. man sol im scheuchen das brat. 

vnd darzu gueten wein. 

daz sein äugen haben hechten sehein. 

vnd phenning darnach. 

sein haut ist gewesen gacli. 

Nu sulle wier im ein ende geben. 

got gebe uns ein selieh leben. 

.in leihe vnde an seil. 

des sol Maria hincz ieren son sein hol. 

daz er vna helle auz aller vnser not.-) 

Ein anderer Schreiber hal nach Vollendung eines Bandes 
der Bibel 8 ) den sehr weltlichen Wunsch: 

( ) gol durch dine gute 
Beschere uns kugeln und hüte, 
Menteln und rocke, 

<i<is/c und bocke, 



') P. Paris, Lea Mannscrita Francaia * 1 « - In Bibliotheque «In R.01, 
ll. 288, 

i Perte' archh VI. 159. 

i Cod. Pal. Germ. 19 23 au Ende des 2 Bandes. Der l Band 

rhrieben ?on propßt Cuonrot r<>n Nierenberg. WilkenS. ÜH 318. 



Unterschriften der Schreiber. 433 

Schöffe und rinder, 

Vil frowen und wenig kinder. 
Expl. durch den bangk 
Smale dienst machent eime das Jor langk. 

Sehr begreiflich ist, dafs der fertige Schreiber nach einem 
guten Trunk Verlangen trug: Post scriptum librum scriptor 
pulcre bibe vinum. 1 ) Oder: Explicit hoc totum, pro Christo 
da mihi potum. 2 ) Auch: Hoc scripsi totum, pro pena da mihi 
potum. 3 ) 

Mathias Zwetermeer schrieb 1413 in Pesaro: 

Explicit hie totum, de vino da mihi potum. 
Et sie est finis, laudetur trinus et unus. 4 ) 

Unter einer Abschrift deutscher Predigten von 1421 steht: 

Explicit hoc totum: 

infunde et da mihi potum. 
Quis me non laudat, 

dyabolus oculus sibi claudat. 5 ) 

Die beiden ersten Zeilen kommen häufig allein mit allerlei 
Varianten vor; 6 ) im Münchener cod. lat. 251 hat eine fromme 
Hand verändert: Expl. hoc opus in nomine domini Jesu Christi. 
Etwas begehrlicher sagt einer: Vinum scriptori debetur de 
meliori. 1 ) Peter Reyman aus Hirschberg schrieb 1476: Eamus 
Jubelwicz et reeipiamus denarios deservitos in Slawp et perbi- 
bamus eos in hreezem quo veniemus etc. 8 ) Ein anderer Schle- 
sicr, Nicolaus von Neifse, vertraut 1407 einem Chorbuch von 



J ) Ott. Fris. cod. Zwetl. saec. XIII. MG. SS. XX, 104. 

2 ) Catal. des Dep. I, 241. 

3 ) Valentinelli IV. 3(3. Mit propina Ilcinzel e cod. Gotw. B. 25, 
Zeitschr. f. D. Alterthum XVII, 1. 

4 ) Valentinelli II, 263. 

5 ) sie! Anh. f. östr. Gesch. XXXIX, 500 ans Nikolsburg. 

6 ) Czerny S. 28. 222. Adrian, Catal. Giss. p. 11. Beitr. z. Kunde 
steienn. Gesehichtsq. IV 1867) 8. 96. 

7 ) Valentinelli IV, 71; <rgl. Catal. des Dep. I. 120; Schulte, Kano- 
nist. Ilandss. Abh. d. böhm. C. d. W. L868, VI, 2, 62. 63. 

H ) Anz. (1. Genn. Museums XIX (1872 LI. 

Wattenbach, Schrift wegen. 1 \ni"l 2-S 



4;]4 Die Schreiber. 

St. Vincenz das Geständnifs an: qni 1 (beider bonam cerevisiam 
bibib, malam autem moitus potavüJ-) 

Sehr beliebt war eine Versteckung des Namens durch 
griechische Buchstaben, 2 ) durch Yertansclmng der Yocale mit 
den nächsten Consonanten, durch Umkehrung, oder auf andere 
Weise, z. B.: 

Xes hau Jo verte, Script orem nostis aperte, 
Cognomine Bertram, iam factus in den lenden lam. 
Residens in arce Nuemborg cum uxore sua Walporg. 
Habet filium Mertin, der trinket liber milch denn wyn. 3 ) 

Im Sachsenspiegel des Schweidnitzer Rathhauses steht: 

Nomen scriptoris si tu cognoscere queris: 
Jo. Hen. tibi sit primum, medium ning, 
us fit in ymum. 
Hy hat das buch ovo ende, 
Got muz den schriber senden 
Vz disem elelende in daz ewige rieb 
Czu den iunevrowen suberlich. 
Nu hat daz buch eyn ende, 
Got muz unz all unse ungemacb swende. 4 ) 

Borchard von Hoya schrieb 1399 in Rom: 

Nomen scriptoris si tu cognoscere velis, 

Bor statuas primo, medio char, das sit in ymo. 

Qui scripta vitiat, scriptorum sufflal in ersgat. 6 ) 

Seinen Kamen umkehrend, schrieb ein Cristoffer in die Korn- 
rechnung der Schweidnitzer Pfarre: Ego sum, qui sau/: noch 



') Alwin Schult/. Schlesiens Knnstleben (1872, 4) s. 11. 
-) Erchamberl \ Fulda b. IX. Oegg, Korogr. \ Würzb. I. 500. 
Herulf a. '.Ml. Sinner, Catal. I5<th. L860 l. U)6. lü>(. litt, de le France 
XXII, 95. 

i An/. (1 Germ. lins. x\l L874 Tis ,- cod. Dresdenai. Vgl. Cod. 
s. Galli 941, Vera. 8. 864. T. 0, Weigel, Catal. einer ausgew. Samm- 
lung S x x 

') Rubeaahl 1874 9. 87. 
Eccl. Colon, codd p T<> 



Unterschriften der Schreiber. 435 

weist du nicht, wer ich ben. Suroffotsirc ist der name meyn. 
rot den hal obiral. 1427. ^ 

Auch mit der Jahreszahl wurden solche Scherze gemacht, 
so in einem Sachsenspiegel: 

In nece baptiste libellus hie explicit iste: 
Post Cristi natus milicuxciic est numeratus. 
Qui scripsit librum, deus hunc det crimine librum. 
Hie Nicolaus omen varium paciens sibi nomen, 
Auceps et natus de Britzen sepe vagatus 
Propter lucra sitimque famem frigus tulit olim. 

Die Zahlzeichen ergeben zusammengezählt 1369. 2 ) Der Schrei- 
ber scheint bei seinem wechselvollen Leben es im Latein nicht 
weit gebracht zu haben. 

In Reval steht unter einer Abschrift des Recesses von 
Dorpat 1392: vixciculuxcum. in isto verbo habetur datum istius. s ) 
In anderer Weise hat Jeronimus Müller: zu Augsburg ist er 
iv ol erkant, und vil ander vere frömde land, die Jahreszahl 
1457 umschrieben:' do man zalt ain ringle mit wem (sie) thorn, 
und vier rofseissen aufserchoren, und ain l an der zal, und 
siben venden (venlen?) auch mit der weil.*) Schwer zu deuten 
ist in einem Glossar der Wiener Bibliothek saec. XIV die 
8i herzhafte Unterschrift: Expl. Lucianus per Laurencium scrip- 
torem Wienne scriptus. Anno a translacione Neithardi in eccl. 
S. Stephani Wienne primo. b ) 

Noch auffallender aber ist, dafs in einer sehr ernsthaften 
Handschrift des neunten Jahrhunderts die Uebcrschriften der 
einzelnen Werke aus den ganz willkürlich verstellten Uncial- 
buchstaben der Titel bestehen. 6 ) 



*) Rübezahl 1874 S. 87. Auch von Felix Hemmerlin giebt es der- 
gleichen Unterschriften, s. Mangeart, Catal. de Valencicnnes p. 285. 

2 ) Walken, Gesch. d. Berliner Bibl. S. 229. Hom. n. 24. Das letzte 
c der Jahreszahl ist betrügerisch in t verwandelt, welches aber schon 
deshalb, weil es Kein Zahlzeichen ist, unzulässig ist. 

n ) Mittheilung von Dr. Koppmann. 

4 ) Merzdorf, Historienbibeln S. 51 e cod. gerin. Mon. 206. 

5 ) Tabulae codd. Vindob. I, 22. 

,; ) Cod. lat. Monac. 14G14 f. 31 u. 7«. Mitth. von W. Meyer. 

28* 



430 Die Schreiber. 

Zu den harmlosen Scherzen gehört noch: 

Ille qui scripsit, numquam vinum bipsit, sed bibit. 
Explicit expliciunt, sicut nobis rustici dicunt. 
() bone Christe, quid portat rusticus iste? etc. 1 ) 

Diese letzte Zeile, der Anfang eines scherzhaften Gedichtes. 
hat nichts mehr damit zu thun, aber der Reim auf expliciunt 
brachte auch den Hund in diese Unterschriften. So schrieb 
Johannes dir czeyt Kirchner czu Weyssdstovff gebcsen, 1444 
am Schlufs des Lehenrechts: 

Hie hat clicz puch ein ent, 

Got uns seinen gotlichen segen senk 

Explicit expliciunt. 

Sprach dy kacz czu dem hunt: 

Dy fladen sein dir ungesunt. 2 ) 

In etwas anderer Fassung: 

Explicit expliciunt. 

Sprach dy kacze wedir den hunt': 

Worste dy sint ungesunt 
Et wundir. 8 ) 
Oder auch so: 

Explicit expliciunt, 

Sprach die katz zu dem hund: 

Bifzt du mich, 

Su kratz ich dich. 4 ) 
Eine Predigtsammlung soll 1380 geschrieben sein per 
manus dei inferni dicti PUdonis et Amacontii; b ) ein Schreiber 
nennl sich Sydho nequam sertbtor optitnus; 9 ) «'in anderer sagt: 
Nomen Script oris Guilhermus amator amoris. 7 ) 



') Cod. lat. Mmi. 15613 a. 1 U\>. Am. d. Germ. Mub. XXI (1874) 148. 
-) ( od germ. Mon. 3697. Rockinger, Zum baier. Sohriftw. S. L90 
II. 24). 

i ib. e cod. lat Monac 5680. 

Göttingen MS. jurid. 214 f 28v. Mitih. \. Rockinger 
) < od. lat. Monac B861 
i Palacky, Formelbücher I. 
■ i ( od lat. Monac. 6360 



Unterschriften der Schreiber. 437 

Von englischen Unterschriften kenne ich nur eine: 

Thomas Beech is my name, 

And with my pen I write the same; 

Yf my pen hacl been better, 

I woiücl have mended it everey lettere. 1 ) 

Von französischen wurden schon einige angeführt; sie 
sind nicht selten, während italienische mir nicht vorgekommen 
sind, und auch in den lateinischen Unterschriften italienischer 
Schreiber jener lustige Humor fehlt, der uns oft so unerwartet 
überrascht. Am einfachsten ist: Aqaest libri es fenist. Nostre 
senher en sia grazitz. Amen. 2 ) Die oben berührten Wünsche 
finden wir auch hier: 

Senes l'escript, scriptor nomes, 
Cui Diex cloint vie e saintes, 
E plante de monoie, 
E d'amor complie joie. 3 ) 

Am Schlüsse von Benoit's Roman de Troie steht: 

Da Portuiel Gruiaume sui, 
Buen servir est gardier a cui. 
Des cauges noires grand merci, 
De ce che ay escrit, bien sui rneri. 4 ) 

Unter dem Fergus von Guillaume le Clerc: 5 ) 

Chi define li romans des aventures Fregus. 
Et a celui qui Fa escrit, 
Car au faire .s'entente mist, 
Colins li fruitiers a a non, 
Jesus li face vrai pardon 
De ses pecies; mesticrs li est, 
Car certes moult pechieres est. 



') Wright and Halliwell, Hell. ant. IT, 1G4 aus Karl. 3118, Hein- 
richs VIII Zeit. 

2 ) Bibl. nat. fonds i'nun;. 1745 f. 105; s. Hist litt. XIX, 401. 

8 ) P. Meyer, Documents manuscrits I, 246. 

4 ) Adalb. Keller, Romvart S. 96. 

•"') herausg. von Martin, Halle 1872. Varianten S. 235. 



438 Die Schreiber. 

Unter einem sehr schön geschriebenen Cistercienser Brevier in 
Heidelberg (Sal. 9 LI) steht in grofsen rothen Buchstaben 
Expl. iste Über, scriptof sit crirnine Über; dazwischen aber mit 
kleiner schwarzer Schrift die Uebersetzung: 

bien doit estre de blasme qnites. 
cilqui ces letres a escrites. 

Dann folgt noch: 

Je pri a dieu que li persone. 
por cni iai aiue la poine. 
de cest livre escrire. ainsi soit. 
que nostres sires li otroit. 
bonne vie. et tels biens faire, 
quelle puisse avoir. senz contraiiv. 
paredis. et ce li otroit. 
Cil qui tout puet et tout voit. 
Amen. 

An lau de grace quant li milliaires corroit 
par mil .cc. et quatre vinz. et .viij. anz. fuit 
i'aiz cest livres et conplis. ou mois de mars. 

Eine noch längere Unterschrift verdanke ich meinem 
Freunde A. Tobler; sie stellt in- einer Pergamenthandschrift, 
welche lateinische Heiligenleben enthält, und 1870 der Berliner 
Bibliothek zu Kauf angeboten wurde. Zuerst steht die lat. 
Clausel: Anno domini mülesimo äucentesimo sexagesimo ik>>i<> 
fuit //her iste scriptum Johannes de Salesburi scripsü. Dann 
folirt französisch: 



■,-e 



Vos, clerc et lai et autre gent, 

Ki Vei'es clicst luel liviv gent, 

S;ieiii.'^ de \<>ir (|u*il tu esorifl 
I)'iin hon ovriör, qui Jhesucris 



Unterschriften der Schreiber. 431) 

5 Gart de mal et de tous ahans. 

II a a non maistres Jehans, 

Se fu nez droit en Engleterre. 

Ä Mons en Haimiau ceste terre 

Chest livre ci, qui tel fin a, 
10 II l'escri(s)t et le defina 

Humlement par devotion 

(En Fan de Fincarnation) *) 

Mil deus cens ans soissante et nuef 

Fina li clers ehest livre nuef. 
15 Et fu parescrit en septembre, 

Ki aclies est devant octembre. 

En celui mois par un lundi 

Fina ce livre, je vos di. 

Jou Jehans, d'Engleterre nez, 
20 D'escrire bien me suis penes, 

Et plus v[e]rai ke je peu, cest livre, 

Delquel bien et biel me delivre 

Par enviers la doiene Hermine, 

Ki bien m'a fait tout le termine 
25 Ke j'encommenchai a ouvrer. 

Ke paradis puist recouvrer; 

Kar de li me lou durement. 

Ausi fas jou segurement 

De la courtoise Sapiense, 
30 Ki son euer a piain de sciense, 

De bonte et de bon afaire. 

Ke Dieus li doinst adies bien faire 

En tele maniere ke Farne 

Soit devant Dieu et Nostre Dame. 
35 D'icele apres de Waslengien 2 ) 

Par foi je m'en relouve bien; 

Kar visitet m'a molt souvent. 



x ) Diese Zeile fehlt, aber der Reim verlangt sie. 
a ) Es Bcheinl das Kloster der Benedictinerinnen zu öuillenghien 
zwischen Ath und Enghiem gemeinl zu sein. 



440 Die Schreiber. 

Tout sens prometre et sens couvent, 

Deniers et tous biens m'a dounet 
40 Et largement abandounet. 

Del sien ai beü tant de vin, 

Ke cbanter rti'a fait et devin. 

Ne sai pucele ne bourjoise 

Ki uiikes me fust plus courtoise. 
45 Ne puet faillir ke il ne gece 

En son cors (tres)toute largece, 

Toute cortoisie et valours. 

Je deprie Dieu sens falours, 

Ke grans biens et hoimour li dougno 
50 Et s'ait de li si grande sogne, 

Et sa douche mere toudis, 

Ke s'anie mete en paradis 

Et de chaiens tout le chapitle. 

Pri Dieu ke il chascunc entitle 
55 Et escrise si en son euer, 

Ke ja nes oublit a nul fuer 

Au grant jour, quant tout prendra fin; 

Ains aient paradis sens fin; 

Kar d'eles toutes molt me lowe. 
60 Bien le weil ke cliascune l'owe. 

Taut rn'ont fait, ke leur clers remain 

Por eles servir [et] soir et main. 

Von deutschen Sprüchen ist die grofste Auswahl; aufser 

den vielen, welche schon angeführt sind, theile ich hier noch 
eine Anzahl mit: 

Ilie hat daz buch ein ende 

Des framven sich nivn heiide. 1 ) 



Deo gracias lauff drot, 
si \ La comedere hausprot.*) 



') Gothaer Freidank, Jacobs u, Ukert II. 326, 
i < od, lat Mob L1442 f. 291. Mitth roo W. Meyer 



Unterschriften der Schreiber. 441 

Der mich geschribcn hat, 

Der muzze leben an schände not, 

Des bitte ich Got 

Durch sinen tot. 1 ) 



Hie hat clis puch ain ende, 
Got uns allen Immer wende. 2 ) 



Hie hat die bibel ain end, 
Got uns gnad send. Amen. 3 ) 



Das buch hat ein ende, 

Gott uns sinen heiligen geist sende. 4 ) 



Hie nyinet das lantrehtbuch ein ende, 
Got behucle uns ane missewende. 5 ) 



Hie hat das puech ein endt, 
Got uns allen chumer wendt, 
Und wel uns darczue gebenn 
Nach dem eilen dt das ewig lebenn. 6 ) 



Hie hat das lantrecht buch ein ende, 
Gott alle falsche richter sehende. 7 ) 



*) Albertus Vihberge de Nurenberg, cod. Arundel. 240. Arch. 
VIII, 757. 

-) Cod. germ. Mon. 520 v. 14G5. Merzdorf, Historicnbibeln S. 38. 
Vgl. Jacobs u. Ukcrt, Beitr. I, 1, 79, und die S. 435 Anm. 4 angef. 
Unterschrift von Jeron. Müller. 

■'') Cod. germ. Mon. 521 v. 1457, ib. S. 39. 

4 ) Ilom. 180. Jacobs u. ükert II, 111. Aehnliche Ilom. 384. 
385. 387. 

B ) Stuttg. Schwabenspiegel, Münch. SB. 1874, I, 447. 

°) Klosterneub. 362 vod HCl. Zeibig im Serap. X, 2(17. 

7 ) Ilom. 184, vgl. 375. 



442 Die Schreiber. 

Daz buech hat ein ende, 

Daz got all vaig sehende. 

Und geh uns sein gnad 

Und hincz saniztag ein guet bad. 1 ) 



Hie hat diss buch ein ende, 

Got alle falschen herzen sehende. 2 ) 



Das puech hat ain end, 

Got alle peschorne weib sehend. 3 ) 



Das büehlein hat gesehribn mit sein band 

Görg Mulich ist er genannt, 

Und hat er nit gut gesehribn, 

So hat er doch sein weill vertribn. 4 ) 



Mich hat gesehriben eynes meysters haut, 

Otte von Egre ist her genant, 

In Beyerlant sind im schone vrowen bekant. 5 ) 



Nach gueten werchen gezem daz wol, 

Daz man dem schriber seholt loencn wol.") 

Zeu lone sullet ir mich nuwe cleidin 

Das uch got behüte for allim leide. 
Anno d. 1357° quod hat sine dubio. 7 ) 



') Weichbildrecht, Adrian. CataL Gise. p. 288. 

-) Predigten Baec. XV, il>. p. 261. 

i Bchwabensp. in Linz ron l L20, mit Langerei Unterschrift u. darin 
Consonanten statt der Vocale: diese Worte roth. Rockingei in d. töünch, 
SB. L871 B. 168. Im Cod. germ. Mon. 379 f. L62v. Etcetora i»nul- 
echuoch <>n>r weib *>h<i Bunsi genuog. Vorher fol. 27 eine sein- iinan- 
it&hdige I aterschrift. 

1 ) A.Ug8b. I 160, Adrian. ( atal Gi88. p. 2 16. 

I Bomeyer d. 2 I 

ml An-I.h \. 629. 
•) i .,,, Dresd. fol, .1 .">•; aus dem Kl. Oschatz. Bfitth. \. L. Weiland. 



Unterschriften tler Schreiber. 443 

Sehr häutig finden sich auch Sprüche, welche gegen Diebe 
gerichtet sind, in Prosa, wie in einem langobardisch geschrie- 
benen Terenz saec. XII: Si quis abstiäerit vel curtaverit folium, 
anathema sit. Bicberti cura. 1 ) Oft aber auch Verse, von denen 
ich eine Auswahl hier zusammenstelle: 

Sor supern scrip ^ii^i -^potL l t\ 

™ >te<C , >>orum<< >tor<<. 1 .>>bri<C .>>atur. 2 ) 

Mor süperb ^ rap h mon 

Qui te furetur, cum Juda dampnificetur. 3 ) 

Qui te furetur, tribus lignis associetur. 4 ) 

Qui me furatur, in tribus tignis suspenclatur. 5 ) 

Qui librum istum furatur, a domino maledicatur. 6 ) 

Si quis furetur, anathematis ense necetur. 7 ) 

Qui me furatur, vel reddat vel suspenclatur. 8 ) 

Qui te furetur, in culum percutietur. 9 ) 

Qui me furetur, nunquam requies sibi detur. 10 ) 

Non videat Christum, qui librum subtrahit istum. 11 ) 

Offendit Christum, qui librum subtrahit istum. 12 ) 



2 ) Jacobs u. Ukert, Beitr. I, 266. 

a ) Hoffmann, Altd. Handss. S. 12. Jacobs u. Ukert II, 50. Cod. 
lat. Mon. 14258. Denis II, 1, 899. Czerny S. 67 etc. mit kleinen 
Variationen. 

:; ) Hoffmann S. 232. 

4 ) Czerny S. 214, vgl. 26. 

r> ) Burney n. 17'-), Catal. p. 54, L461 in Italien geschrieben. 

• J ) Lucan s. XIII in Krakan i v W. Arndt). 

"') Jacobs u. Ukert, Beitr. II, 19. 

H ) Caravita II, 260. 

9 ) Cod. lat. Monac. 9682 saec. XIII. 

10 ) Valentinelli IV, 138. 

») Cod. lat. Monac. 4683. Merzdorf, Bibliothek. Untern. N. S. 
(1850 S. 4. 

'-; Serap. X, 269 aus Klosterneuburg. 



44-4 Die Schreiber. 

Wer das puech stel, 

desselben elicl 

lnuzze sich ertoben 

hoeh an ciui galgen oben. 1 ) 

Aehnlich auch griechisch saec. XV in der fehlerhaften Sprache 
und Orthographie der Zeit: Ehig ro ?)oTSQtiöc ra eivcu ätpo- 
Qiöfievoq jrc.Qt: tfjq tr/iaq XQiaöoQ xal ro alcavim (h'i'Jh'ttuTi. 2 ) 
Äufser diesen allgemein gehaltenen Verwünschungen finden 
sich aber auch Eintragungen, welche den Eigenthümer nennen. 
Die alten Statuten von St. Victor verordnen: Disfricte prae- 
dpUur omnibus, ut in Ubris (ju<>* scribi faciunt ex quo vene- 
runt ad conversionem } titulurn communem apponanthunc scilicet: 
Iste liber est S. Victoris etc. 3 ) Thatsächlich findet sich diese 
Inschrift z. B. in einer Handschrift des Petrus de Vinea, mit 
dem Zusatz: Quicunque cum furatus fuerit vel cdavcrlt aut 
tijuliiiii istum deleverit, anathema sit. Diese Handschrift war 
übrigens gekauft und enthält auch die urkundliche Grarantie dos 
Pariser Buchhändlers Petrus de Verona vom 3. Aug. 1422. 4 ) 
Aehnliche Inschriften, welche den Eigenthümer namhaft machen, 
finden sich in alten Handschriften sehr häufig, zuweilen auf 
jeder Seite; nicht selten sind sie jedoch von uiirechtmäisigen 
Besitzern ausgekratzt. Die Bobienser Handschriften sind be- 
zeichnet als Eigenthum des h. Columban, die Lorschcr gehören 
dem h. Nazarius. In diesen stellt: 

Reddere Nazario nie lector karc memento, 
Alterius domini ius <|iii;i QX)lo pati. 

In einer Bandschrift, <li<' wohl aach Prünl ausgeliehen war, ist 
noch dazu geschrieben: 

Eleddunl ecoe boni tue Salvatorie alumni, 
llinc illis grates Nazarius referes. 



') IlMtiiiiaiin. Alt.l. Bandes. B. 318. 

-) Cod. gr. Monac. 644 bei Fr. Delitzsch, Bandschriftl. Funde II, 31. 
Martene <!<• ant. eccl. ritt [11,819.* Diese [nschrifl ist aus \<m- 
Bchiedenen Zeiten facsimilierl l><i A Franklin, Les anciennes biblio- 
thequei de Paris p 1 l". i 17. L70. 

') Buillard-Bräholles, Vie ei Com pondance de Pierre <l< i la Vigne, 
p. 251; vgl A. Kirchhoff B. :»7. 



Unterschriften der Schreiber. 445 

Im roheren 14. Jahrhundert findet sich die Inschrift: 

Qui te furetur hie demonis ense secetnr. 
Iste sit in banno qui te furetur in anno. 
Codex S. Nazarii qui vocatur Laurissa. 

Und noch später: Iste Über pertinet ad S. Nazariam in Lati- 
rissa. monasterium premonstratensis ordinis. redde sibi. 1 ) 

In einem Commentar des Remigius zu den Paulinischen 
Briefen, der 1067 so geschrieben ist, dafs den rothen Text der 
schwarze Commentar umgiebt, steht: Qtiicumqae istum libnmi 
rapuerit aut furaverit vel aliquo malo ingenio abstulerit ab 
aecclesia S. Caecüiae sit perpetua damnatione damnatus et male- 
dictus nisi reddiderit vel emendaverit. FIAT FIAT AMEN 
AMEN. Vielleicht ist die Cäcilienkirche in Coeln gemeint. 2 ) 

Aus Monte Cassino haben wir eine lange Verfluchung aus 
alter Zeit, 3 ) und ähnlich aus dem elften Jahrhundert in Betreff 
der Bücher, welche Abt Theobald (1022—1035) hatte schrei- 
ben lassen. 4 ) 

In St. Gallen ist ein Psalter in Goldschrift, eines von den 
in der Klosterchronik erwähnten Büchern, welche der Abt 
Hartmut um 880 schreiben liefs, mit der Inschrift: 

Nemo me credat omnino furatum, 
Sed feliciter hactenus fuisse reservatum. 
Non dubitet autem iram dei periculosius ineurrere, 
Si quis me praesumat a saneti Galli finibus spoliando auferre. 5 ) 

Mit hübscher Abwechselung wünscht der Abt dem Diebe 
bald Schläge, bald die Pest, Aussatz und einen Buckel. 6 ) 



r ) Reifferscheid in d. Sitz. Ber. d. Wiener Akad. LVI, 517. 520. 
521. 52(5. 

2 ) Libri's Catalog 8. 250. 

3 ) llist. tripartita s. VIII ex. nach Caravita II, IG, saec. TX vel X 
nach Reifferscheid, Wiener SB. LXXI, 88. 

4 ) Reifferscheid, Wiener SB. LXXI, 53. 70. Fast unverständlich 
ein Anal heni von Lmtms prior et SaviniM scriplor, Caravita II. 7 1 
Ebenda ein anderen ans einem Michaelskloster. 

5 ) Cod. 22 Scherrera Verz. s. 11. 

■•) Verz. s. :;. 7. 20; vgl auch Rat'perti Casus s. Galli ed. Meyer 
v. Knonau ]>. 51 



446 Die Schreiber. 

Eine ausführliche Verfluchung rindet sich in einer Evan- 
gelienhandschrift aus Ranshofen von 1178 mit goldener caela- 
tura des Einbandes. 1 ) Aus Paderborn ist die Inschrift: Liher 
S. Marie sanctique Liborii m Fathcrljurnen. tollenü maledidio 
servanti benedictio. Si quis dbstulerit vel curtaverit folium 
anathema sit.-) Aus Marchiennes metrisch: 

Sancte Rictrudis est über Marcliianensis. 

Per quem servatus fuerit. maneat benedictus. 

At per quem raptus, anathema sit et maledictus. 3 ) 

Im Pfarrhof zu Hermannstadt ist ein Mefsbuch, welches 
Herr Michael, Pfarrer zu Klein Scheuern, 1394 zusammenge- 
tragen und durch den Schreiber Theoderich hat schreiben lassen; 
darin steht: Qui nituniur cum auferre de fratcrnüate, desvai- 
dant in infemum viventes cum Dathan et Abyron. 

In späterer Zeit finden sich auch immer häutiger die Na- 
men einzelner Personen als Eigenthümer. bei Humanisten oft 
mit dem Zusatz et amicorum. Die Gräfin von Worcesier schrieb 
um L440 ein Buch, und darin diese Verse: 

And I yt los, and yow yt fynd, 
I pray yow liartely to be so kynd, 
Thal yow wel take a letel payne, 
To 8e my boke brothe home agayne. 

Thys boke is ohe 

and Grod'a korse ys anoder; 

They tbat take tone 
God gefe them toder. 1 ) 



Lrch. f. iilt. D. Gesch. VII, 994. Daselbst die Inschrift: Liber 
Bavon Gandensis ecelesiae, Servanti benedictio, tollenti maledictio. 
I'nt fnit. Amen Vgl. auch oben S. •">«'•">. 

Naumann, Catal. 8en. Lips. p. •'i , . ) : vgl, oben 8. 143, 
) viel! anaihemati sit m. Mangeart 8. 170. 
Wii.jht and Halliwell, Rell antt. M. L63 aus Harl. l-r»l. mit 
einer anderen hübschen Inschrift ;m> Reff. 18A XVII. 



Unterschriften der Schreiber. 447 

In einem Andaclitsbuch saec. XV steht: Si qtiis invenerü, 
Alberten Herzogen reädere (lebet. 1 ) Derber ist das ausgedrückt: 

Dyt bock hört Metken vam holte. 
De dat vint de do dat wedder, 
Edder de dnvel vorbrent em dat ledder. 
hoet dy. 2 ) 

In einem Sachsenspiegel steht: A. d. im 1514 jar vff sun- 
abent noch conzepzionifs habe Ich werten Ky ff eller difs buch 
Johanne fs SencJceller ap gehäuft vor 2 fl. vnd ist bezalt. 

Dafs buch ist mir lip, 

wer mirfs sthilt, der ist ein dip: 

efs sey ryter oder kneclit, 

so ist her an den galgen gerecht. 3 ) 



Schliefslich möge es noch gestattet sein, hier einige Verse 
nachzutragen, welche ich eben von E. Dümmler erhalte, der 
sie aus einer Züricher Handschrift saec. XIII abgeschrieben hat: 

f. 7. Vilior est humana caro quam pellis ovina. 

Si moriatur homo, moritur caro, pellis et ossa; 
Si moriatur ovis, nimium valet ipsa ruina: 
Extrahitur pellis, et scribitur intus et extra. 

f. 10. In tabuiis scribens a dextris lumen habeto, 
Membranae a leva lumen habere volunt. 

f. 370. Haurit aquam cribro, quieunque studet sine libro. 4 ) 



J ) Bodemann, Die Handschriften zu Hannover S. 14. 
») Hoffmann, Altd. Handss. S. 319. 

r! ) Naumann Catal. Sen. Lips. p. 94. Ilom. n. 382, 
4 ) Cod. Turic. C 7H (WasserkirclxM 



448 Buchhandel. 

VI. 
Buchhandel. 

1. Die Griechen und Römer. 

Ueber den Buchhandel bei d